Overtüre
Eine Schulklasse besucht den Tempel, den ehemaligen Amtssitz der Tiger, die über Jahrhunderte hinweg den Dschungel mit eiserner Pranke geführt haben.
Sie sollen die Geschichte ihrer Ahnen lernen, sollen erfahren wie ihre Gesellschaft entstanden ist und warum es wichtig ist, dass man manchmal der geringere Übel wählen muss, damit das höhere Wohl eine Chance hat sich zu entfalten.
Die Overtüre bildet den Auftakt für die Geschichte um das Gesetz des Dschungels.
Dieses komplette Rework einer meiner älteren Geschichten, wir über die nächsten Monate auf dieser Plattform Einzug halten. Den Start machen die Overtüre und das Rework zu Das geringere Übel.
Es war einmal eine Zeit, in der die Stille des Dschungels das Einzige war, was man in diesen Teilen der Welt hören konnte. Das Zwitschern der Vögel, das Rascheln der Blätter und gelegentlich die Geräusche der Tiere, die durch diesen endlosen grünen Ozean streiften, der Dschungel genannt wurde. Es war ein undurchdringliches Dickicht gewesen, so dicht, dass man sein Verderben erst sehen konnte, wenn es bereits über einem stand.
Doch heute war der Dschungel stark ausgedünnt, zurückgeschnitten, um Platz für die Städte zu schaffen, in denen die Tiere ein angenehmes Leben führten, ohne ständig Angst haben zu müssen, von unsichtbaren Raubtieren gejagt zu werden.
Das Tal unterhalb des großen pyramidenförmigen Tempels, wo sich einst alle zwei Wochen die Beute versammelt hatte, um von den Herrschern dieses Dschungels in ihr Verderben geführt zu werden, war fast vollständig gerodet worden, um Platz für einen großen Parkplatz zu schaffen, auf dem die Busse parken konnten, die eine neue Art von Beute zum Tempel brachten. Und der ehemalige Trampelpfad, schmal und kaum breit genug, um die größeren Beutetiere den Hügel hinauf zu treiben, war verbreitert, gepflastert und nun mit einem schönen Geländer versehen worden, an dem sich die Besucher festhalten konnten, während sie zum alten Tempel hinaufstiegen, dem ehemaligen Regierungssitz der Herrscher des Dschungels. Die furchtbare Angst, den Pfad hinauf getrieben zu werden, um dort den sicheren Tod zu finden, war verschwunden und durch Bänke und ordentlich angelegte Blumenbeete ersetzt worden. Der Tempel selbst, ein monumentales, uraltes Bauwerk, war von der ihn umgebenden Dschungelvegetation, die ihn einst umschlossen hatte, vollständig befreit worden und teilweise mit Gerüsten und Planen bedeckt, während die umfangreichen Restaurierungsarbeiten noch andauerten. Die jahrtausendelange Erosion hatte dem pyramidenförmigen Gebäudekomplex zugesetzt. Saurer Regen, Smog, Ruß und Feinstaub hatten sogar im Granit, aus dem er gebaut worden war, ihre Spuren hinterlassen und einige der feineren Details und Verzierungen waren bereits vollständig verloren gegangen. Weil er aber ein so wichtiger, wenn auch umstrittener, Teil ihrer Geschichte war, hatten die Tiere des Dschungels beschlossen, ihn zu erhalten.
Um die immensen Kosten für die Restaurierung und den Wiederaufbau des Tempels zu finanzieren, hatte die Regierung zugestimmt, Führungen anzubieten.
Eine dieser Gruppen war gerade auf dem Weg den Hügel hinauf.
Eine ganze Schar Kinder und ein paar Erwachsene, die die Kleinen den Weg hinauf zum Haupteingang des Tempels trieben. Eindeutig eine Schulklasse, deren lautes Gelächter und Geschrei schon von weitem zu hören war, übertönte die Geräusche der Bauarbeiten am Tempel. Vom Haupttor aus waren sie noch nicht zu sehen, aber ihr Herannahen war trotzdem schon bemerkt worden.
Die Wachen, die am Eingang standen, legten angewidert ihre Ohren an, als sie den infernalischen Lärm vernahmen, der sich ihnen vom Fußweg her näherte. Der Fußweg, der einmal Teil eines der wichtigsten Rituale gewesen war, das den Frieden zwischen den Fleisch- und den Pflanzenfressern über so viele Jahrhunderte gewahrt hatte, und das nun wortwörtlich mit Füßen getreten wurde.
Sie waren große und massige Tiger, deren orangefarbenes Fell in der Sonne zu leuchten schien und die typischen, tiefschwarzen Streifen glänzten im Licht, als hätte man sie eingeölt. Sie waren in zeremonielle Rüstungen gekleidet, die den alten, antiken Rüstungen nachempfunden waren, die auf dem Gelände gefunden worden waren. Sie trugen Speere und Keulen, wie es ihre Vorfahren getan hatten, und sie waren nicht erfreut darüber, dass ihr Heiligtum von einer Armee lauter, unerzogener und launischer Kinder gestürmt werden würde.
Für die Tiger war dieser Ort etwas Heiliges, seit Jahrtausenden ihr Sitz der Macht, der Tempel, der ihnen hinterlassen worden war und in dem sie schon so lange sie sich zurückerinnern konnten, gelebt hatten. Ein Ort der Verehrung und Opferung, in dem Geschichte geschrieben worden war und der nun zu einer Touristenattraktion degradiert worden war. Eine Schande, ja, aber eine notwendige, um ihn in seiner Gesamtheit zu erhalten.
Als die Gruppe sich schließlich näherte, standen die beiden Tempelwachen stramm und kreuzten ihre Speere. Während sich ihre Augen verengten, begann der größere der beiden zu knurren.
„Betreten verboten!“
blaffte der andere Tiger in Richtung der Gruppe, und obwohl es nur ein leises Knurren war, war es zusammen mit dem Ausruf des zweiten Tigers einschüchternd genug, um die lärmende Kinderschar wie angewurzelt innehalten zu lassen. Nun, nicht alle Kinder, den einer der jungen Wasserbüffel versuchte, sich vorbeizuschleichen, wurde aber leicht vom ersten Tiger geschnappt, der ihn im Nu mit seinen Krallen am Nacken packte und ihm dann unverhohlen ins Gesicht brüllte, sodass der Junge augenblicklich blass wurde.
„Er sagte: Betreten verboten!“
Das Brüllen war markerschütternd, und der Junge presste seine Hände auf die Ohren, bevor er zurück zu seinen Freunden gestoßen wurde.
„Du weißt ja, was man sagt: Es geht immer einer verloren, wenn Pflanzenfresser durch den Dschungel stolpern ...“
ergänzte die Wache und beugte sich zu dem kleinen Büffel hinunter.
„... und ich hätte wirklich Lust auf echtes Büffelfleisch, statt dieses künstlich gezüchteten Zeugs ...“
Sein Ton war eindringlich und auch wenn er jetzt sehr leise sprach, lief es den Anwesenden eiskalt den Rücken hinunter. Er akzentuierte seine Aussage, indem er seine Kiefer vor dem Gesicht des Jungen zuschnappen ließ und sah mit einem räuberischen Grinsen zu, wie der Junge immer kleiner wurde. Die andere Wache stimmte zu.
„Niemand wird diesen kleinen Pummel vermissen ...“
Nun zeigte das junge Beutetier auf die Wachen und rief.
„Das dürft Ihr nicht, Fleischfresser dürfen uns nicht anfassen...“
schrie er fast, voller Überzeugung in seine Aussage, während der erste Tiger nach seiner Keule griff.
„Oh, Du bist im Dschungel, Baby. Du wirst sterben ...“
knurrte er und zog die Waffe aus seinem Gürtel.
Nun stolperte der Junge weiter zwischen seinen Altersgenossen zurück und versuchte, zu seinem Lehrer zu gelangen, einem älteren Okapi, der etwas verzweifelt, aber nicht panisch wirkte. In diesem Moment mischte sich eine neue Stimme in den Streit ein und durchdrang den Lärm wie ein heißes Messer. Es war eine junge, weibliche Stimme, aber eine, die an den Wachen an Stärke und Festigkeit ebenbürtig zu sein schien.
„Kinder, Kinder ... beruhigt euch jetzt, leider wird es heute keine Opferungen geben ... ihr wisst ja, wie es läuft ...“
Die Stimme war noch nicht ganz verklungen, da wichen die Wachen wieder auf ihre Posten zurück und richteten sich zu ihrer vollen, imposanten Größe auf. Ihre statuesken Körper zeigten ihren Stolz, während sie langsam ihre Speere wieder öffnete, um der Priesterin, die hinter ihnen im Eingang des Tempels stand, den Weg frei zu machen. Als sie zwischen ihnen hindurch schritt, nickte den beiden Tigern weise zu, bevor sie sich den Kindern vor dem Tempel widmete. Sie war deutlich zierlicher gebaut als die muskulösen Wachen, die hinter ihr standen, aber ihre Haltung verströmte eine Aura der Macht, die nicht von körperlichen Attributen herrührte. Ihr Fell war makellos, glatt gekämmt und leuchtete im hellen Sonnenschein. Ihre grün-gelben Augen funkelten wie Edelsteine und es hatte den Anschein, sie könne damit direkt in die Seele ihres Gegenübers sehen. Sie trug eine einfache Robe, deren Farbe zwischen weiß und etwas anderem changierte, aber es ließ sich nicht ganz genau sagen, welche Farbe es war.
Mit einem dünnen Lächeln nahm sie die Zusammensetzung der heutigen Führung in Augenschein. Sie war nicht sonderlich überzeugt, aber es lag nicht in ihrer Hand, wem sie durch ihren Tempel führte und ihre Geschichte darlegte. Heute war es eine Mittelschulklasse, vielleicht sogar zwei. Gemischte Rassen, was einst undenkbar gewesen war, war heute die Norm. Was es aber nicht unbedingt einfacher machte.
Seit es der Industrie gelungen war, die Produktion von synthetischem Fleisch zu perfektionieren, war das Mor... Opfern von Pflanzenfressern, um ihren Hunger zu stillen, zwar überflüssig geworden, der Rassismus und die Vorurteile waren jedoch weitgehend geblieben.
Die Politiker beider Seiten wurden allerdings nicht müde, das Ganze als “den größten Schritt hin zu einem echten Zusammenleben seit dem historischen Deal zwischen den Tigern und den Pflanzenfressern” zu propagieren. Und in der Tat, hatte es den beiden Gegensätzen der Nahrungskette ermöglicht, in einer bisher unvorstellbaren Symbiose zusammenzuleben und zu arbeiten.
Sicherlich gab es noch einige der alten Gewohnheiten und Feindseligkeiten, die seit unzähligen Äonen tief verwurzelt waren, aber mit jeder neuen Generation lernten die Fleischfresser mehr, die Pflanzenfresser als Gleichberechtigte zu akzeptieren.
Der Tempel war seit gut fünfhundert Jahren nicht mehr Sitz der Regierung, genug Zeit, um ihn von einem Ort der Verehrung und des Todes zu einer Gedenkstätte zu machen, zumindest war dies der Ansatz der Regierung, auch wenn er noch bei weitem nicht von allen Fleischfressern geteilt wurde. Und heute würde eine weitere Führung einer Gruppe von Kindern zeigen, wie die Vorfahren ihrer Altersgenossen ihre Vorfahren zum Tempel getrieben und dort getötet hatten, um sich zu ernähren, und das alles im Namen des höheren Wohls.
Die Priesterin, die nun vor den Kindern stand und sie mit einem abschätzigen Blick bedachte, war die heutige Führerin, sie trat vor und breitete ihre Arme in einer gut einstudierten, einladenden Geste aus.
„Bitte entschuldigt die Unhöflichkeit der Wachen, aber der Tempel ist, obwohl er nicht mehr seiner ursprünglichen Funktion dient, aufgrund der derzeitigen Bauarbeiten immer noch ein gefährlicher Ort.“
begann sie in einem äußerst freundlichen Ton.
„Bitte, lasst mich mich vorstellen. Mein Name ist Patita Graciosa, aber ihr könnt mich Patty nennen, das ist vorerst einfacher. Ich bin eine der Priesterinnen dieses Tempels. Ich werde heute eure Führerin sein und euch in eine Zeit entführen, in der der Dschungel ein viel gewalttätigerer und gefährlicherer Ort war. Ein falscher Schritt und ihr wärt wirklich auf dem Spieß gelandet ... einfach so.“
Die völlige Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der sie dies sagte, ließ die beiden Wachen hinter der Priesterin düster grinsen und nicken, während die meisten Kinder schockiert, aber aufmerksam zuhörten. Die Lehrer, die diese Predigt wahrscheinlich schon zigmal gehört hatten, nickten nur und behielten ihre Schützlinge im Auge. Als sie sich sicher war, dass ihre Ansage bei allen angekommen war, nickte die Priesterin gemächlich mit geschlossenen Augen, bevor sie sich langsam wieder zur Tür umdrehte.
„Gut, dann folgt mir und geht nicht verloren. Es gibt überall gefährliche Tiger hier.“
Der Sarkasmus in ihrer Stimme entging den Erwachsenen nicht, aber die Kinder wirkten ein wenig eingeschüchtert. Mit diesen Worten begab sich die Priesterin langsam zurück zum Eingang des Tempels, vorbei an den beiden Tigern, die sich vor ihr respektvoll verneigten. Als sie in den Schatten des Tempels trat, sah ihre Robe, die im hellen Sonnenlicht fast weiß gewirkt hatte, plötzlich fast rot aus, und die silbernen Fäden, mit denen sie zusammengenäht war, bildeten kunstvolle Muster, die immer noch das Licht reflektierten.
Die Klasse wurde von den sie begleitenden Lehrern durch die schmale Lücke getrieben, die die Wachen ihnen ließen, während diese jedes einzelne Kind, das den Tempel betrat, streng musterten. Es dauerte eine kleine Weile, bis alle Kinder, die verzweifelt versuchten, möglichst weit von den Wachen weg zu bleiben, den Tempel betreten hatten, und als die letzte Lehrerin schließlich mit dem letzten Kind, das sie vor sich her schob, das Spalier durchschritt, lächelte sie eine der Wachen an und machte die universelle Geste „Ruf mich an“.
Das darauf folgende Knurren des Tigers ließ das Kind fast über die Schwelle und in den Tempel springen und sowohl die Lehrerin als auch der Wachmann lächelten, während sie an ihm vorbei den Kindern folgte. Nun, da niemand mehr vor dem Tempel verweilte, kreuzten die Wächter ihre Speere wieder.
Nach einem kurzen Moment der Stille, als die Gruppe nicht mehr in Hörweite war, sah der erste Tiger den anderen an.
„Willst du es wirklich wieder mit ihr machen?“
fragte er und es klang ehrlich neugierig, aber der Angesprochene grinste nur.
„Hast du schon mal diese kleineren Pflanzenfresser probiert? Mann, die sind eng, sag ich dir.“
Daraufhin kicherten beide und der erste schüttelte den Kopf.
“Das mag sein, aber es ist und bleibt Beute.”
“Natürlich bleibt es Beute, das ist ja der Trick bei der Sache. Wenn du mit einer von denen zusammen bist, weckt das ganz andere Instinkte in dir. Dein Jagdtrieb erwacht und das Adrenalin pumpt durch deine Adern … und lass mich nicht damit anfangen, was es mit dem Beutetier macht.”
Die skeptische Wache zog die Augenbrauen hoch.
“Hast du keine Angst, dass du sie im Eifer des Gefechts beißen könntest?”
fragte er unsicher und sein Gegenüber nickte eifrig.
“Oh, glaub mir, wenn du sie scheren würdest, würdest du meine Bissmarken überall auf ihrem Körper finden. Sie steht da drauf. Aber, ich muss mich zurückhalten, damit ich nicht zu fest zubeiße.”
erklärte er mit erhobenem Finger, während sein Kumpane nur den Kopf schüttelte.
“Das wäre mir zu heikel.”
“Du hast es nur noch nie probiert. Soll ich dir ihre Nummer geben?”
…
Im Inneren des Tempels war das Licht viel gedämpfter und die Luft kühl. Das wenige Tageslicht fiel durch kleine Lichtschächte hoch oben in den dicken Steinmauern. Der Staub der Bauarbeiten tanzte träge in den goldenen Lichtstrahlen, die den Raum diffus erhellten. Die Luft war im Vergleich zur heißen und feuchten Dschungelluft draußen kühl und war erfüllt vom typischen Geruch des Altertums. Die Gruppe wurde von der Priesterin durch die große Eingangshalle geführt, wo sie sich vor einem großen Wandgemälde platzierte, das den größten Teil der hinteren Wand bedeckte. Es zeigte eine künstlerische Interpretation davon, wie der Dschungel früher ausgesehen hatte, als Pflanzenfresser und Fleischfresser sich noch gegenseitig getötet hatten, um zu überleben.
„Kommt näher, ich zeige euch, wie unsere Vorfahren die Welt sahen und wie sie lebten.“
eröffnete die Führerin in einem ruhigen, aber dennoch feierlichen Ton und winkte die Gruppe näher an das große Wandgemälde heran. Langsam trieben die Lehrer die Kinder nach vorne und ermahnten sie, endlich ihre Handys wegzustecken und die Kopfhörer abzunehmen. Ihre Hände, mittlerweile in einer typischen Gelehrten-Pose, vor ihrem Körper zusammengeführt, wartete die Priesterin, bis die Truppe sich bei ihr versammelt hatte und nickte dann anerkennend.
„Kann mir jemand die Bedeutung des Ausdrucks “das Gesetz des Dschungels” erklären? Irgendjemand?“
fragte sie die Kinder, und viele Pfoten wurden erhoben. Mit einem Lächeln wählte sie ein junges Tapir-Mädchen aus und ließ es die Bedeutung erklären, wie sie sie verstanden hatte.
„Es bedeutet, dass die Starken über die Schwachen herrschen und nur die Stärksten überleben.“
erklärte das junge Mädchen mit Überzeugung, und die Führerin nickte langsam, während sie diese Aussage bei den Kindern einsinken ließ.
„In der Tat, ganz richtig. Die Starken herrschten über die Schwachen, und nur die Stärksten überlebten in dieser grausamen Welt. Das bedeutete, dass in jenen schrecklichen Zeiten, als unsere Vorfahren noch nicht in relativer Harmonie zusammenlebten, als wir Fleischfresser noch durch den Dschungel streiften und andere Arten jagten, die kleineren, schwächeren Arten in ständiger Angst lebten. Nicht nur vor den Fleischfressern, die ihnen einfach so das Leben nehmen konnten, sondern auch vor den anderen, größeren Pflanzenfressern, die sich die besten Gebiete zum Grasen und die Aufzucht ihrer Jungen sicherten. Einen Wasserbüffel kümmerte es nicht sonderlich, wenn er einen der kleineren Pflanzenfresser niedertrampelte, um sich einen der besten Futterplätze zu sichern. Ebenso fürchteten wir Fleischfresser um unsere eigene Sicherheit und unser Leben, denn wenn ein Tiger hungrig war und ein Jaguar oder ein Wolf unvorsichtig war, oder eine gute Beute abgegeben hätte, hätte er die Gelegenheit, seinen Magen zu füllen und gleichzeitig einen Konkurrenten um die verfügbare Nahrung auszuschalten, nicht abgelehnt, und umgekehrt.”
Ihre Stimme war erstaunlich laut, dafür dass sie so ruhig sprach, während sie das Leben in einem wilden, ungezähmten Dschungel beschrieb und auf das Kunstwerk an der Wand zeigte, auf der die Jäger und die Beute in einem ständigen Kampf dargestellt waren.
„Seit Jahrtausenden war diese einfache Regel, dieses einzige Gesetz des Dschungels, für alle und jeden, der in diesen Ländern lebten, unmissverständlich; aber irgendwann wurde dieses Gleichgewicht zwischen den Jägern und der Beute, das von Mutter Natur so fein ausbalanciert war, gestört.“
Die Priesterin senkte ihre Stimme und sprach in einem verschwörerischen Ton, sodass die Kinder näher rückten, um sie besser hören zu können.
„Als die Pflanzenfresser schließlich erkannten, dass ihre zahlenmäßige Überlegenheit ihnen einen Vorteil im Kampf verschaffen würde, beschlossen sie, ihre Differenzen und Streitigkeiten beizulegen und sich zusammenzuschließen, um alle Fleischfresser ein- und für alle Mal aus dem Dschungel zu vertreiben. Und so kippten sie die Waage zu ihren Gunsten aus dem Gleichgewicht.“
Während sie dies erklärte, hielt sie ihre Hände, die beide Seiten der Waage symbolisierten, vor ihrem Körper und veränderte sie entsprechend in ihrer Höhe. Die Pflanzenfresser-Kinder waren begeistert, da es so aussah, als stünden ihre Vorfahren kurz vor dem Sieg, aber die Tigerin bewegte die nun höhere Hand, die die Fleischfresser symbolisierte.
„Diese Entwicklung beunruhigte die Fleischfresser zutiefst, und so schlossen auch sie ein Bündnis, um ihre Kräfte zu bündeln und den gemeinsamen Feind aufzuhalten, der sie auszulöschen drohte.“
Nun balancierte sie erneut ihre Hände, um das Gleichgewicht zwischen den beiden Fraktionen wiederherzustellen, und brachte damit die fleischfressenden Kinder zum Jubeln.
„Trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit und eines gemeinsamen Feindes waren die Pflanzenfresser im Geiste gespalten, nicht so geeint, wie sie gedacht hatten, und mussten sich daher nach anfänglichen Siegen vor den Fleischfressern zurückziehen, die zwar zahlenmäßig unterlegen waren, aber in ihrem Streben nach dem endgültigen Sieg geeint waren ...“
Mit diesen Worten führte die Priesterin die Gruppe durch einen Korridor in einen anderen Raum, der von einem großen Steinthron dominiert wurde, auf dem eine Wachsfigur saß, die einen massigen Tigerkrieger darstellte, geschmückt mit vielen Narben und gekleidet in ein reich verziertes zeremonielles Gewand.
„Der Konflikt zwischen den Pflanzenfressern und den Fleischfressern entwickelte sich schnell zu einem totalen Krieg, der von beiden Seiten mit äußerster Brutalität geführt wurde. Sowohl die Jäger als auch die Beute kämpften dabei um die vollständige Auslöschung der jeweils anderen Seite. Und als der Krieg Jahre und Jahre andauerte, waren weite Teile dieses Dschungels verwüstet worden und viele Rassen hatten katastrophale Verluste erlitten, von denen sich manche nie wieder ganz erholten und schließlich auch verschwanden. Dies alles hatte schlussendlich zur Folge, dass das Gleichgewicht zwischen den beiden Lagern zugunsten der Fleischfresser kippte.“
Ihre Worte hallten von den hohen Mauern des Raumes zurück, während die Tigerin sich dem Thron näherte und sich rechts davon aufstellte. Sie legte eine Krallenbewehrte Pfote auf die hohe Rückenlehne des verzierten Möbelstücks und sah die Kinder an, die sich vor ihr versammelt hatten. Für einen Moment regte sich in ihr das Verlangen, ihnen zu befehlen niederzuknien, aber sie verdrängte es schnell wieder und richtete ihr Wort erneut an die Gruppe.
„Zu diesem Zeitpunkt war der Ausgang des Krieges für alle klar vorhersehbar. Die Fleischfresser würden den Krieg gewinnen, daran bestand keinerlei Zweifel mehr, nicht einmal bei den mächtigsten Pflanzenfressern.“
Sie sagte dies mit nicht wenig Selbstgefälligkeit in der Stimme, bevor sie den Kopf senkte.
„Aber zu welchem Preis ...“
fügte sie leise hinzu und ließ ihren Blick über die Kinderschar schweifen, von denen ein großer Teil entsetzt zu sein schien.
„Aber lasst uns zunächst einmal lernen, wie eine Entscheidung, die aus Verzweiflung und Notwendigkeit getroffen wurde, eine Gesellschaft geschaffen hat, die das Leben aller Tiere im Dschungel von da an bis in unsere Zeit verändert hat.“