Nachspiel
Dieses Nachspiel bildet den Abschluss zu Das Gesetz des Dschungels
Die Priesterin beendet den Ausflug mit den Schülern und bringt die lieben Kleinen wieder zurück an die Sonne und sichert sich dabei noch einen kleinen Snack für Zwischendurch ...
Die Priesterin stand neben der Wachsfigur eines großen, kräftigen Jaguars, der in eine blau gefärbte Robe gehüllt war und mit einem strengen Blick über die versammelten Kinder hinweg sah.
„Garra Ligera, der König der Klingen, wurde später als Reformator angesehen, der zusammen mit Emily die Grundsteine für unsere Gesellschaft, wie wir sie heute kennen, gelegt hat. Allerdings sollten er und Emily die positiven Auswirkungen der meisten Reformen und Projekte, die sie angestoßen hatten, nicht mehr miterleben.“
erklärte die Priesterin und deutete auf eine Reihe von Schaukästen, in denen verschiedene, antike Pergament ausgestellt waren, neben denen eine Übersetzung des Textes abgedruckt worden war. Die meisten Kinder machten sich jedoch nicht die Mühe, den Dokumenten auch nur einen Augenblick ihrer Aufmerksamkeit zu widmen. Ihre Führerin rollte kurz mit den Augen, bevor sie fortfuhr.
„Bereits kurz nach ihrem Amtsantritt haben beide den Verhandlungen der damals östlichen Territorien beigewohnt, wo die dort ansässigen Pflanzenfresser mit den Jaguaren einen Pakt vereinbarten, nach dem Beispiel der Tiger.“
Wieder deutete sie auf ein Dokument, das unzählige Unterschriften trug, bevor sie fortfuhr.
„Dies war der Anfang einer Beispiellose Serie, in der nach und nach die restlichen Gebiete auf diesem Kontinent, unser System adaptierten und innerhalb weniger Jahre schoss der Wohlstand unter den Bewohnern des Dschungels und der benachbarten Biome in bis dato ungeahnte Höhen. Zwar dauerte es noch über ein halbes Jahrhundert, bis auch wirklich alle Territorien sich dieser Lebensweise angeschlossen hatten, und so manch harter Kampf musste noch geschlagen werden, aber das Fundament für unsere Gesellschaft war gelegt.“
erklärte die Priesterin ruhig und sachlich, bevor sie die Klasse zu einer großen Reliefkarte des Kontinents führte, auf der die einzelnen Gebiete, in die ihr Land einst aufgeteilt gewesen war, hervorgehoben waren. Als die Kinder sich langsam zu ihr und um die Karte gesellten, fing sie an, auf bestimmte Bereiche und stilisierte Modelle auf der Karte zu deuten.
„Hier könnt ihr sehen, wie klein das ursprüngliche Gebiet einmal war, das wir Tiger unser eigen nannten, und wie groß das Gebiet unserer Allianz heute ist. Dies alles ist nur möglich gewesen, weil wir alle es geschafft haben, über unseren Schatten zu springen und einem friedlichen Miteinander eine Chance zu geben.“
erklärte sie und zeigte auf die breite, rote Linie, die das Territorium der Tiger umschloss, danach zeigte sie auf die vereinfachte Darstellung des Tempels.
„Ihr erkennt wahrscheinlich bereits diesen Tempel und seht, dass es auf dieser Karte noch einige weitere von ihnen gibt. Wie ich bereits erwähnte, haben die Nea-Phi-Lim mehrere dieser Tempel gebaut, dieser hier ist jedoch der mit weitem Abstand besterhaltene von ihnen.“
fuhr sie fort und deutete auf die, teils als Ruinen dargestellten, anderen Tempel. Sie war gerade dabei, ein weiteres auf der Karte dargestelltes Bauwerk zu zeigen, als sie eines der Kinder meldete. Das Lächeln der Priesterin wurde breiter und milder, bevor sie sich an das Mädchen wandte.
„Was möchtest du wissen?“
fragte sie gut gelaunt und die Schülerin sah sich kurz, unsicher um, bevor sie ihre Frage formulierte:
„Siend diese Nea-Phi-Lim jemals zurückgekommen?“
fragte das junge Okapi kleinlaut, aber neugierig und die Priesterin sah sie für einen Moment lang ruhig an, bevor sie langsam nickte.
„In der Tat haben unsere Vorfahren noch zweimal Kontakt mit diesen Kreaturen gehabt. Das erste Mal wäre fast unser aller Untergang gewesen, wenn wir es nicht geschafft hätten, die Höhle, aus der sie damals gekrochen kamen zu verschließen. Das zweite Mal war deutlich später zu einer Zeit, wo wir bereits den größten Teil des Kontinents unter einem Banner vereint hatten. Dieses Mal haben unsere Ahnen sie sicher vernichtet, aber das ist eine Geschichte, in der die Pflanzenfresser eine deutlich größere Rolle gespielt haben und ich denke, dass ich ihr nicht gerecht werden kann. Diese Geschichte darf euch eure Lehrerin einmal erzählen.“
erläuterte die Tigerin mit einem kleinen Zwinkern in Richtung der Lehrerinnen, die lächelnd nickte, der dritte Krieg gegen Nea-Phi-Lim war Teil des Geschichtsunterrichts und wurde im Detail durchgenommen. Dieselbe Lehrerin deutete allerdings auch auf ihre Uhr, was wiederum die Priesterin dazu veranlasste, zu nicken.
„Also gut ihr lieben Kinderchen, es ist genug der drögen Geschichte für heute, lasst mich euch nach draußen begleiten, damit die Wachen nicht vielleicht doch noch auf dumme Gedanken kommen.“
scherzte sie und leckte sich über die Lippen. Einige der Kinder kicherten, ein ganz bestimmter Wasserbüffel duckte sich jedoch hinter eine der Lehrerinnen.
Lächelnd führte sie die Kinder durch die Gänge des Tempels wieder zum Eingang, vorbei an einer Reihe von Mannequins, die mit Rüstungen und Waffen aus den verschiedenen Epochen ausgestattet waren. Von den eher primitiven Hieb- und Stichwaffen, gepaart mit Rüstungen aus Holz und Leder, über die ersten Waffen und Rüstungen aus Bronze deren polierte Oberflächen im Licht gülden glänzten, zu den Plattenrüstungen und Waffen die aus gefaltetem Stahl hergestellt waren.
Ganz am Ende der Reihe schließlich stand ein in moderne Komposit-Panzerung gekleideter Soldat, der Schwert und Speer gegen ein Sturmgewehr eingetauscht hatte, dass er lässig an einem Gurt vor der Brust trug. Die Priesterin grinste bereits, während sie die Klasse weiter den Gang hinunter führte. Die Kinder tuschelten gelangweilt miteinander und Lehrerinnen unterhielten sich darüber, was sie noch unternehmen würden, sobald sie die Kinder wieder an der Schule abgesetzt hatten.
Sie passierten die Reihe ohne die Mannequins zu sehr zu beachten, bis zu dem Moment, als der Soldat aus der Reihe trat und einige der Kinder erschreckte. Während die Kinder quietschten und zurücksprangen, lachten die Lehrerinnen nervös und die Priesterin drehte sich langsam zu dem Soldaten um, dessen Gesicht hinter einer Maske verborgen blieb und der einen jungen Capybara anstarrte und leise knurrte.
„Hrrrmm … Frühstück …“
Schnurrte er, aber noch bevor er nach dem Jungen greifen konnte, schritt die Tigerin hinter ihm ein.
„Ist es nicht schon ein bisschen spät für ein Frühstück, Garra?“
fragte sie, nicht ohne ein gewisses Amüsement. Der Soldat hielt kurz inne, während seine Ohren sich leicht drehten und sein Schwanz hin und her zuckte, aber dann konzentrierte er sich wieder auf den kleinen Jungen.
„Hrrmmm … ein kleiner Snack für zwischendurch dann … ?“
fragte er, wobei man das Grinsen in seiner Stimme hören konnte. Der Capybara wich ein wenig zurück, stieß dann aber mit einem Mitschüler zusammen. Bevor mehr passieren konnte, packte die Priesterin den Soldaten am Schwanz und zog ihn zurück.
„Nein, du wirst ihn nicht fressen … sieh zu, dass du deinen Hintern in meine Gemächer bewegst, ich gebe dir was anderes zum Naschen, sobald ich die Klasse verabschiedet habe.“
belehrte sie den Krieger, der langsam seine Hände sinken ließ und sich wieder aufrichtete, bevor er sich aufrichtete und zu ihr umdrehte. Währenddessen lief eine der Lehrerinnen rot an und einige der Schüler verzogen angewidert ihr Gesicht. Ein breites, vielsagendes Grinsen machte sich auf den Lippen der Tigerin breit, während der Soldat langsam nickte.
„Lass mich nicht zu lange warten …“
erwiderte er, bevor er sich erstaunlich lautlos zurückzog und die Schulklasse mit ihr allein ließ.
Der Rest des Weges verlief ereignislos und die Priesterin entließ die Kinder und ihre Lehrer wieder in die Welt. Sie blieb noch einen Moment länger im Eingang stehen, bis alle Kinder ein Stück weit weg waren, bevor sich ihr Lächeln langsam verlor.
Sie atmete tief durch und seufzte. War sie auch so ignorant gewesen, als sie noch jung gewesen war? Wahrscheinlich schon, aber sie wollte sich einreden, dass sie aufmerksamer gewesen war, sich mehr für ihre Geschichte interessiert hatte. Sie wollte sich gerade umgehen, als eine der beiden Wachen sich an sie wandte:
„Garra ist vorhin vorbeigekommen, er wollte dich sehen …“
Die Aussage war mit genügend offensichtlichem Neid erfüllt, dass sie nur Grinsen konnte.
„Ja, ich weiß, er hat mich schon gefunden, aber danke dir für die Rückmeldung.“
erwiderte sie und klopfte ihm gutmütig auf die Schulter.
„ Alles, für das Höhere Wohl …“
Ende