Zuhause

Story by elpoyodiabolo on SoFurry

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Im 41. Jahrtausend gibt es nur Krieg, aber jeder Kampf ist einmal zu Ende und dann schlappen sich die Überlebenden zurück in ihre Baracken und bereiten sich auf den nächsten Tag vor.


Diese Geschichte ist rein fiktiv und steht in keiner Weise mit Games Workshop in Verbindung oder wird von Games Workshop befürwortet.

Die erwähnten Fraktionen, die Schauplätze und einige der Charaktere unterliegen dem Copyright von Games Workshop und werden ohne Erlaubnis verwendet.

Als FanFiction fällt diese Geschichte unter den Begriff Fair Use.

Wir schreiben das 41. Jahrtausend. Seit mehr als einhundert Jahrhunderten sitzt der Imperator regungslos auf dem goldenen Thron zu Terra. Nach dem Willen der Götter ist er der Gebieter der Menschheit und durch die Macht seiner unerschöpflichen Armeen der Herrscher über Millionen von Welten. Er ist ein verwesender Leichnam, durchdrungen von unverstandenen Kräften aus dem dunklen Zeitalter der Technologie. Er ist zugleich der immerwährende Herrscher des Imperiums, für den täglich tausend Seelen geopfert werden, damit er nie wirklich stirbt.

Doch selbst in seinem unsterblichen Schlaf wacht der Imperator ewig weiter. Mächtige Kriegsflotten durchqueren das von Dämonen heimgesuchte Miasma des Warp, die einzige Verbindung zwischen den fernen Sternen, erleuchtet vom Astronomican, der psionischen Manifestation des Willens des Imperators. Riesige Armeen ziehen in seinem Namen auf zahllosen Welten in die Schlacht und die mächtigsten unter ihnen sind die Adeptus Astartes, die Space Marines – biotechnisch gezüchtete Superkrieger. Ihnen zur Seite stehen tausende und abertausende von Soldaten der Imperialen Armee, zahllose planetare Verteidigungsstreitkräfte, die stets wachsame Inquisition und die Tech-Priester des Adeptus Mechanicus. Doch ihre Taten reichen kaum aus, um die allgegenwärtige Bedrohung durch Xenos, Ketzer, Mutanten und Schlimmeres in Schach zu halten.

In dieser Zeit zu leben bedeutet, einer unter vielen Milliarden zu sein. Es bedeutet, unter einem unvorstellbar grausamen und blutigen Regime zu leben. Dies ist die Geschichte dieser Zeit. Vergessen Sie die Macht der Technologie und der Wissenschaft, denn vieles ist vergessen und wird nie wieder gelernt werden. Vergessen Sie das Versprechen von Fortschritt und Aufklärung, denn in der dunklen Zukunft gibt es nur noch Krieg. Frieden ist undenkbar zwischen den Sternen, nur ewiger Kampf und das Lachen blutrünstiger Götter.

Im luftleeren Raum zwischen den Welten glitt die Deliverer of the Emperor's Will lautlos dahin. Behäbig wie ein gerade aus dem Winterschlaf erwachter Bär schob sich der Truppentransporter zusammen mit seiner Eskorte von einem Krisenherd zum nächsten. Der Sektor, dem sie und ihre Eskorte zugeteilt worden waren, war zu klein und unwichtig, um eine feste, größere Präsenz der Imperialen Armee und ihrer Flotte zu rechtfertigen, weswegen man sich für die Variante einer mobilen Eingreiftruppe entschieden hatte.

Die Deliverer war kein elegantes, kein schnittiges oder gar gefährliches Schiff. Der fast zwanzig Kilometer lange Frachter glich eher einem gigantischen Sarg als den fliegenden Kathetralen von Kriegsschiffe, die die Imperiale Marine einsetzte. Ihr gedrungener Rumpf, mehrere dutzend Meter dick, war vernarbt und gezeichnet von den vielen Jahrhunderten des Dienstes, in denen sie ihre Ladung aus Truppen, Fahrzeugen und Munition mit der Eleganz eines Walrosses durch den Äther transportierte.

Für die Regimenter der 100. bis 111. Generika, wie die Truppen dieses Kontingents benannt worden waren, war sie Rekrutierungsbüro, Trainings- und Ausbildungsstätte, Kaserne, Manufactorum und Transport für eine ganze Armee in einem, praktisch eine Stadt im Kriegszustand, die die Truppen immer genau dorthin brachte, wo die planetaren Verteidigungskräfte ihres Sektors sich einem übermächtigen Feind gegenüber sahen.

Und gebraucht wurde sie immer, weswegen die Deliverer seit ihrem Stapellauf praktisch ununterbrochen unterwegs gewesen war – um den Frieden des Imperators auf seine Welten zu bringen.

Ihr ständiger Hunger nach neuen Rekruten wurde dabei von jeder Welt, die sie besuchte, aufs Neue gestillt, nur um beim nächsten Konflikt erneut zu entbrennen, wenn die frischen Soldaten wieder direkt dem Fleischwolf des Krieges verfüttert worden waren.

Ein ständiger Kreislauf, in dem ein einzelnes Leben nur gerade so viel wert war, wie es den Gegner kostete, es auszulöschen, und man bereits zum alten Eisen gehörte, wenn man die erste Woche im Schützengraben überlebte.

Die Truppen der 106. Generika hatten gerade einen Aufstand auf einer der sektoralen Agri-Welten niedergeschlagen und nun sammelten sie die übrigen Soldaten wieder ein, bevor sie sich auf den Weg zur nächsten Krise machten.

So hing das riesige Schiff noch immer träge im Orbit, während die kleineren Landungsschiffe, Bienen gleich, um es schwirrten und auf die Landefreigabe in einem der riesigen Hangars warteten. Es war ein Schauspiel, das - ob der Vielzahl der Fahrzeuge und dem wundersamen Ausbleiben von Kollisionen - erstaunlich an ein organisiertes Chaos erinnerte und einen unbeteiligten Zuschauer mit Ehrfurcht erfüllte.

Diejenigen jedoch, die an diesem Ballett im Vakuum beteiligt waren, hatten keine Augen für die bizarre Schönheit dessen, was sie dort veranstalteten, denn sie alle waren diesen Anblick nicht nur gewohnt, sie waren ihn leid.

Alle, die einmal Teil dieser Wirklichkeit geworden waren und sich auf einem dieser Kreuzer eingerichtet hatten, waren chronisch müde und angespannt, denn sie wussten, dass selbst wenn diese Operation vorbei war, sie nur wenig Zeit zum Verschnaufen haben würden.

Die Feinde des Imperiums schliefen nie, und das Imperium hatte viele Feinde, gerade hier in den Grenzgebieten waren sie zahlreicher als irgendwo sonst.

Jeder Rekrut, jeder Soldat und jeder Pilot, der seinen Einsatz beendet hatte, strebte so schnell es möglich war zu seiner Unterkunft, um die Zeit zu nutzen, die ihnen blieb, bevor das Unvermeidbare wieder bevorstand.

Das Quartier, wie sie Zellen nannten, die ihnen von der Marine zur Verfügung gestellt wurden, war kalt, karg, dunkel und keine fünf Quadratmeter groß. Das einzige Licht, das den kleinen Raum erhellte, war ein kleiner, beleuchteter Chronograph, der langsam, aber unaufhaltsam die Sekunden bis zum nächsten Appell herunter zählte und dessen blass-grünes Leuchten von den kahlen, aus Plaststahl und Kunststoff bestehenden Wänden reflektiert wurde. Dieses fahle Licht ermöglichte den Blick auf die Einrichtung, wenn man sie großzügig so nennen wollte, sie so zu nennen. Sie umfasste eine schmale Koje, die an der Wand hochgeklappt werden konnte, wenn man ein wenig mehr Platz benötigte und in der Ecke neben dem Eingang befand sich eine mit einer Klappwand abgetrennte Nasszelle mit Dusche und WC, die diesen Namen eigentlich nicht verdiente. Vor der Koje war ein kleiner, aber erstaunlich stabiler Klapptisch an der Wand befestigt und dahinter gab es ein rudimentäres Küchenmodul, in dem eine Art Kühlschrank und ein Ofenmodul verbaut waren, letzteres fungierte zugleich als spärliche Heizung. In die Wänden waren zudem großzügigerweise noch einige Staufächer eingelassen, in denen man seine Habseligkeiten, sofern man welche besaß, unterbringen konnte.

Spartanisch, selbst unter den besten Umständen, aber es war bereits eine der besseren Zellen, denn sie lag nicht direkt an der Außenhaut des gigantischen Truppentransporters, wo die Temperaturen gerne mal unter den Gefrierpunkt sanken oder wo es bei Hüllenbrüchen keinerlei Überlebenschance gab. Hier im Inneren des Schiffs waren die Temperaturen zumindest beständiger und es lagen jede Menge Schotten zwischen der Hülle und den Korridoren, an dem sich diese Zelle befand. Man konnte merken, dass diese Bereiche des Schiffs deutlich belebter waren, als die äußeren und somit der Geräuschpegel doch deutlich höher war, was jedoch durch den Mangel an schnarchenden Kameraden in den benachbarten Kojen eines Mannschaftsquartiers mehr als wettgemacht wurde. Zu allem Überfluss war es eine Einzelzelle, keins der Massenquartiere, in denen sie die Frischlinge unterbrachten. Immerhin waren diese wahren Luxuskabinen für die Veteranen, die Sergeanten und Offiziere vorgesehen; die, die die ersten Tage der Kampagne überlebt hatten und die Ränge bereits hochgeklettert waren. Es war ein zweifelhaftes Privileg, das meist nicht lange bestand, denn auch selbige Infanteristen überlebten nur selten die ersten Wochen einer Kampagne.

Eine trügerische Stille lag über dem kleinen Raum und die recycelte Luft hing schwer und mit Staub beladen in der Zelle. Die kleinen Partikel tanzten im schwachen Luftzug der Belüftungsanlage und wann immer einer durch den Schein der Zeitanzeige schwebte, schien er kurz grün aufzuleuchten, bevor er sich wieder in die Schatten zurückzog.

Die Stille wurde jedoch jäh unterbrochen, als das Keypad neben der Tür zum Leben erwachte und teilnahmslos verkündete, dass von außen der Öffnungsmechanismus betätigt wurde. Für einen Moment passierte nichts, dann piepste es und mit dem Zischen entweichender Druckluft nahmen die Pneumatikzylinder der Tür ihren Dienst auf. Knirschend schoben sie das schwere Stahlschott auf seinen Schienen zur Seite und gaben den Blick auf den dürftig beleuchteten Korridor vor der Zelle frei. Der vage humanoid aussehende Schatten im Lichte des Korridors wankte leicht und wartete noch einen Moment länger, bevor er sich durch die schmale Tür in den Raum drückte und den Faden kalten Scheins des Lumenstreifens abschnitt.

Die Dunkelheit in der Zelle umschloss den Schatten und für einen Augenblick wirkte es so, als würde er sich entspannen, bevor sich die Tür mit demselben Zischen wieder schloss und die Welt, mit all ihrem Lärm, ihrem Licht und ihrer Hektik wieder aus- und ihn in der Düsternis der Zelle einsperrte. In der Stille übertönte das leise, regelmäßige Atmen des Schatten und das leise Rascheln der Uniform, als er langsam die Hand hob und den Schalter für das Licht suchte, alle anderen Geräusche. Nach einem Moment blinden Tastens ertönte schließlich das altbekannte Klicken des robusten Schalters, der schon mehr Hände gespürt hatte, als es Menschen auf diesem Schiff gab.

Es blieb dunkel.

“Poukram!”

fluchte der Schatten müde und betätigte den Schalter erneut. Nichts. Es folgte das typisch hohle Geräusch, wenn Metall auf Metall traf, bevor der Schatten den Schalter ein weiteres Mal betätigte. Der Lumenstreifen an der Decke des kleinen Raums erwachte zum Leben und flutete ihn mit seinem schmutzigen, gelblichen Schein und vertrieb gerade so die Schatten, nur um neue, tiefere Abgründe unter dem Mobiliar zu schaffen.

Der Umriss wiederum verwandelte sich in eine Gardistin der Imperialen Armee, deren olivgrüne Uniform abgenutzt und dreckig an ihr hing. Sie presste ihre Augen zu und stöhnte ob der plötzlichen Helligkeit, wandte ihren Kopf ab, als es zu stechen begann.

“Wann werde ich das endlich lernen …?”

raunte sie frustriert und fingerte an dem Schalter herum, um das Licht herunter zu dimmen. Erst als es sich zu einem trüben Halbdunkel verringerte und das Stechen verklungen war, öffnete sie ihre Augen wieder. Es dauerte trotzdem noch einen Moment, sich an das Licht zu gewöhnen und die Anstrengung stand ihr in ihr noch junges Gesicht geschrieben. Müde sah sie sich in ihrem kleinen Quartier um, bevor sie ihr Lasgun von der Schulter nahm und in eine dafür gedachte Halterung nahe der Tür einklinkte.

Sie lehnte sich gegen die kahle Wand, als ob sie Halt suchte und atmete tief durch.

“Ein weiterer Tag …”

Es war eine Feststellung, der keinerlei Freude, sondern nur die Gewissheit innewohnte, dass mit jedem verstrichenen Tag der letzte um weitere vierundzwanzig Stunden näher gekommen war.

Langsam hob sie ihre Hände und öffnete den Kinnriemen ihres Helms. Sobald der Druck des kleinen Polsters unter ihrem Kiefer nachließ, bewegte sie ihn vorsichtig durch und nahm die hochfeste Schale aus Verbundfasern ab.

Er war Teil der Standardausrüstung für jeden Gardisten der Imperialen Armee und hatte sich über die Jahrhunderte immer wieder geändert, um optimalen, oder besser gesagt: optimierten, Schutz für Soldaten zu gewährleisten. Gerade genug, um jene Treffer abzuhalten, die ohne Helm tödlich waren, aber nicht genug, um die abzuwehren, die bei einem Treffer den Soldaten wahrscheinlich trotzdem töten würden.

“Bloß kein Material verschwenden …”

Wiederholte sie das Mantra, das die Techpriester ihr immer wieder vorbeteten, wenn sie um mehr Ausrüstung bat. Ein Soldat wurde mit genau dem ausgestattet, von dem man wusste, dass er lange genug überlebte, um es dem Feind entgegen zu werfen. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

Sie betrachtete ihren Helm, dessen zerkratzte Oberseite bei den Kämpfen am heutigen Tag einige neue Blessuren hinzubekommen hatte. Wie durch ein Wunder hatte aber wieder keines der Projektile die harte Schale durchschlagen.

“Glück … gehabt …?”

Die Frage war berechtigt, denn die meisten Gardisten überlebten die ersten Tage der Gefechte nicht, und die, die überlebten, fanden sich in der Regel nur schlimmeren Feinden gegenüber. Ein schneller Tod konnte von daher ebenso viel Gnade sein, wie ein langes Leben eine Strafe.

Gedankenverloren fuhr ihr Finger fast liebevoll durch eine tiefe, glatte Furche, die ein Lasgun des Feindes in ihrem Helm hinterlassen hatte und dessen schlechter Schütze der Grund für ihr Überleben war. Während ihr Finger noch immer in dieser Ritze hin und her glitt, verloren sich ihre Gedanken in Erinnerungen an einige ihrer Kumpanen, die weniger Glück gehabt hatten als sie.

Erst als ihre Finger einen scharfen Grat am Ende der Furche ertasteten und er fast durch ihren Handschuh schnitt, konnte sie sich wieder aus ihren Gedanken reißen. Sie sah noch einmal auf den Helm, drehte und wendete ihn in ihren Händen und beschloss dann, ihn bei nächster Gelegenheit gegen einen unbeschädigten auszutauschen. Fürs erste legte sie ihn aber auf ein Regalbrett zurück und begann, die einzelnen Verschlüsse ihres Bandoliers zu öffnen, das die Brustplatte und die Schulterpanzer ihrer Rüstung an ihrem Körper hielt.

“Oh … ich wusste, ich habe einen Einschlag registriert.”

murmelte sie Soldatin fast gleichgültig, als ihre Finger über einen zerschmolzenen Verschluss fuhren, der sich nicht mehr öffnen ließ. Ihre Lippen verzogen sich zu einem schrägen Lächeln.

“Das Powerpack muss schon leer gewesen sein …”

stellte sie mit der müden Überzeugung eines Profis fest, der ähnliche Treffer schon dutzende Male gesehen hatte. Während sie so an sich herunter sah, begutachtete sie die vielen kleinen Metallperlen auf ihrer Kleidung, die so typisch für solche Treffer waren. Bei manchen Kameraden fanden sie sich auch im Gesicht und den Händen, aber das war ihr scheinbar erspart geblieben. Die unglaubliche Hitze des Lichtblitzes verdampfte das Metall und auch jegliches andere Material regelrecht. Wenn das Powerpack der Waffe jedoch schon fast vollständig entleert war, dann reichte es eben nur noch für einen zerschmolzenen Verschluss.

Sie machte sich nichts vor: wenn sie direkt und nicht ihre Rüstung den Treffer abbekommen hätte, wäre es trotzdem eine ziemlich fiese Wunde geworden.

“Aber heute nicht … Heute nicht …”

flüsterte sie und öffnete langsam die restlichen Verschlüsse. Man konnte das Teil trotzdem ablegen, es war nur ein wenig komplizierter und würde einen Tick mehr Gelenkigkeit fordern; etwas, was ihr Körper momentan vehement ablehnte. Sie überlegte einen Moment lang, ob es den Ärger wert war, den Gurt einfach durchzuschneiden und beim Quartiermeister um Ersatz zu betteln, entschied sich schlussendlich aber dagegen.

Es war eine kleine Zirkusnummer, die die Soldatin ablieferte, als sie sich wie ein Entfesselungskünstler rückwärts aus dem Bandolier schälte, sehr zum Missfallen ihres müden und verkrampften Rückens. Nachdem auch dieses Gefecht jedoch gewonnen war, nahm sie das Geschirr und hänge es mitsamt den Panzerplatten an einen Garderobenhaken, der neben der Eingangstür in die Wand eingelassen war. Die Platten, aus demselben Material wie ihr Helm gefertigt, wogen nicht besonders viel, aber nun, da sie sie abgelegt hatte, fühlte sie sich trotzdem um einiges leichter. Wieder sah sie an sich herunter und betrachtete ihre Uniform. Wenn sie es nicht besser wüsste, hätte sie schwören können, dass sie bereits seit vielen Jahren eine und dieselbe trug. Der schwere Kunstfaser-Stoff, aus dem die Kleidung gewebt war, galt eigentlich als unverwüstlich und unter normalen Gebrauchsbedingungen war er das wahrscheinlich auch. Während der Grabenkämpfe, in die sie in den letzten Wochen verwickelt gewesen war, war die Uniform jedoch Belastungen ausgesetzt gewesen, die weit jenseits dessen lagen, was das Munitorum für notwendig gehalten hatte.

Ähnlich wie beim Helm war man bei der Entwicklung der Uniform davon ausgegangen, dass der Soldat höhere Belastungen sowieso nicht überleben würde, und deswegen war es nicht für nötig empfunden worden, die Verschleißresistenz des Stoffes höher anzusetzen.

An ihren Knien gab es neue Löcher, wo die gepanzerten Knieschoner den Stoff durchgerieben hatten, und dort, wo der Verschluss ihres Bandoliers getroffen worden war, gab es einige kleine Brandlöcher. Mit einem Seufzen fuhr sie über die neuen Löcher und beschloss, sie später notdürftig zu reparieren. Ein paar mehr Flicken würden auch nicht mehr auffallen. Wahrscheinlich würden sie sogar noch zu ihrer Tarnung beitragen.

Nachdem sie die oberflächliche Analyse ihrer Uniform abgeschlossen hatte, öffnete sie die Druckknöpfe an ihren Handschuhen und zog sie aus. Diese ausnahmsweise sogar aus synthetischem Leder hergestellten Schutzhandschuhe waren zwar dünn, aber über die letzten Wochen zu so etwas wie einer zweiten Haut für sie geworden. Es fühlte sich fast schon falsch an, sie nicht zu tragen, denn ohne die zähe Schutzschicht waren ihre Hände verletzlich und viel zu weich für den harten Alltag in der Imperialen Armee. Sie zupfte an den einzelnen Fingern ihres linken Handschuhs, um ihn von ihren eigenen zu lösen, bis er schließlich ganz herunter rutschte und ihre zarte Hand zum Vorschein kam. Sie rieb ihre Finger kurz aneinander und ballte ihre Faust ein paar Mal, bevor sie die Prozedur an ihrer rechten Hand wiederholte. Als der Handschuh aber endlich den Blick auf ihre zweite Hand freigab, war dort nur eine schwarze aus Plastik und Stahl gefertigte, krude Prothese, deren Nutzen zwar unbestreitbar, deren optisches Appeal jedoch zu wünschen übrig ließ.

"Appeal ... pah ..."

stieß sie missmutig aus. Appeal war das letzte über dass sie sich wirklich Sorgen machte, während sie begann, den Reißverschluß ihrer Uniformjacke zu öffnen. Das wohlbekannte Geräusch, dass sie anhörte als würde man einen Plastiklöffel über die raue Oberfläche des Gewehrschaftes ziehen, füllte den Raum kurzzeitig, bevor sie die Jacke schließlich ein wenig umständlich auszog und über den Tisch legte.

Wieder fiel ihr Blick auf ihren Arm. Dieses kleine Wunder der Technik. Normalerweise würden die Schwestern Hospitaler und die Techpriester keine von den wirklich guten, neuen Bioniken für jemanden wie sie verwenden, die waren für die Generäle und die Kommissare reserviert.

Für Frontschweine wie sie gab es die Restekiste, Prothesen und Boiniken, die vorher schon zig anderen Soldaten angepasst worden waren.

Umso mehr wunderte es sie, dass ihre Armprothese fast schon ein kleines Kunstwerk war, auch wenn es noch immer nicht dem Stand der Technik entsprach.

Natürlich war sie nicht die erste, die diese Ersatzgliedmaße trug und erneut fragte sie sich, wie viele andere Soldaten dieses Teil hier sie bereits benutzt hatten. Die Kampfspuren am Chassis, die unzähligen kleinen Kratzer, die abgeblätterte Farbe und die rund geschliffenen Kanten erzählten von vielen Kämpfen, aber zu ihrem Pech gab es auf der ganzen Prothese keinen Fertigungsstempel oder eine Modellnummer oder irgendetwas anderes, woran man ein Alter hätte festmachen können. Irgendeiner der Techpriester hatte sie irgendwann einmal angefertigt, wahrscheinlich aus übrig gebliebenen Teilen, oder als eine Art Prototyp für eine Prothese, die später für einen ranghöheren Offizier genutzt wurde. Das würde zumindest die Qualität erklären.

Der Anblick der Prothese schockte sie mittlerweile auch nicht mehr, aber die Erinnerung daran, wie ihr ihr eigener Arm abhandengekommen war, schlich sich ungebeten immer dann zurück in ihr Bewusstsein, wenn sie die Bionik sah.

Im Nachhinein betrachtet war es ein ganz normaler Tag im Leben eines Gardisten gewesen. Sie waren auf Artreiius III gelandet, nachdem die planetaren Verteidigungstruppen verzweifelt um Hilfe gerufen hatten. Orks hatten schon vor Generationen auf dem Planeten Fuß gefasst und befanden sich nun in einem nie enden wollenden Krieg gegen die lokalen Milizen.

Die ursprüngliche Invasion der Grünhäute war erfolgreich zurückgeworfen worden, aber mit diesen muskelbepackten Aliens war es wie Kakerlaken: man konnte sie nie wirklich ausrotten. Man konnte maximal ihre Population in Schach halten, indem man regelmäßige, systematische Strafexpeditionen in die verseuchten Gebiete unternahm, die vorhandenen Orks abschlachtete und ihre Kadaver mit Promethium verbrannte. Im Endeffekt würden sie aber dennoch immer wieder zurückkommen und immer wieder für Probleme sorgen.

Anscheinend hatte die aktuelle Administration die Bedrohung nicht ernst genug genommen und die Strafexpeditionen waren über einen längeren Zeitraum ausgeblieben. Dies hatte wohl den Grünhäuten erlaubt, ihre Truppenstärke signifikant zu erhöhen und mit der Anzahl waren auch die Überfälle auf benachbarte Gebiete gestiegen. Als die Planetare Führung die Sache endlich ernst genug genommen hatte, war es bereits zu spät gewesen und die ortsansässigen Truppen mit ihren inadäquat ausgestatteten Soldaten waren den Orks nicht mehr Herr geworden.

Zu dem Zeitpunkt, an dem endlich die Verstärkung durch die mobilen Einsatztruppen ankam, standen die Milizen bereits mit dem Rücken an der Wand und sahen sich einem Feind gegenüber, dessen Zahl in die Millionen ging und der vor nichts halt machte.

In einem wochenlangen Gefecht hatten die Regimenter der 102. und 103. Generika die Grünhäute wieder in ihre ursprünglichen Gebiete zurückgedrängt. Die Moral, trotz hoher Verluste, war gut und man war siegessicher.

Es geschah am Nachmittag des zwölften Tages, als ein letzter, verzweifelter Ausbruchsversuch der Grünhäute gegen ihre Stellungen brandete. Angeführt von einem Mob aus gigantischen Orks, traf die Streitmacht gegen gut vorbereitete Verteidigungsanlagen.

Was zuerst wie ein einfacher Sieg ausgesehen hatte, entpuppte sich im Laufe des Nachmittags jedoch als ein gnadenloses Gemetzel, als eine Welle nach der anderen niedergemacht wurde, nur um von mehr Orks ersetzt zu werden. Während sich die Grünhäute weiterhin unverholen und ohne Unterlass, mit Gebrüll und mit kruden Nahkampfwaffen ausgestattet, in die Schlacht warfen, ging ihr bereits nach nicht allzu langer Zeit die Munition aus. Als Teil der Verteidigungstruppen waren ihr vier Powerpacks zugeteilt worden, und auch wenn jede dieser Batterien genug Kapazität hatte, um ihr Las-Gewehr für etwa 80 Schuss mit Energie zu versorgen, so hatte sie beängstigend schnell die ersten drei dieser Energiezellen verbraucht.

Das leere Magazin fiel klappernd zu Boden, während die Soldatin sich erneut vor Augen hielt, dass die 320 Schuss unter normalen Befechtsbedingungen, in denen sich ein Feind durch die Demonstation überlegener Feuerkraft niederhalten ließ, vielleicht ausgereicht hätten. Im Angesicht eines Feindes jedoch, dessen Moral sich nicht brechen ließ, sondern im Gegenteil, noch dadurch befeuert wurde, war eine solch klamme Reserve nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Sie war gerade dabei, ihr letztes Powerpack in ihre Waffe zu rammen, als sie den riesigen Schatten über die Absperrung springen sah.

Es passierte alles so schnell und die Wucht des Aufpralls riss sie von den Füßen. Der Nob, der, allen Verletzungen zum Trotz, die kurze Feuerpause ausgenutzt hatte und über das Niemandsland gesprintet war, kam mit dem seiner Spezies eigenen Kriegsschrei über die letzte Barriere gehechtet und direkt in sie hinein.Noch heute hörte sie sein: “WAAAAAAAAARGH!” als wäre es erst gestern gewesen.

Er hatte sie zu Boden gerissen und regelrecht unter sich begraben. Kaum dass er wieder auf den Beinen gewesen war, hatte sie verzweifelt versucht, ihr viel zu langes Gewehr auf ihn zu richten. Zu langsam, denn er hatte schon sein Hackebeil gehoben und ihr seine Wildheit ins Gesicht geschrien, bevor er die grobschlächtige Klinge hatte auf sie niedergehen lassen und ihr den linken Arm knapp unter der Schulter abgetrennt.

Dieser Moment war unauslöschbar in ihre Erinnerung gebrannt. Dabei war es weniger der Schmerz, der sie nicht mehr losließ, nein, es war so ziemlich alles andere.

So schnell der Angriff an sich auch abgelaufen war, das, was danach geschehen war, hatte sich angefühlt, als würde alles in Zeitlupe ablaufen. Die wilden, gelben Augen der Grünhaut, die keinen Zorn, bloß vor Aufregung und Spaß sprühten, das ungezähmte, raue Lachen, das er von sich gab, während der schwere, muskelbepackte Arm hernieder sauste und dann dieses Gefühl.

Es war schwer zu beschreiben. Es begann mit einem Druck, einem unglaublichen Druck, als dieses stumpfe Beil in seiner Pranke auf ihren Arm traf. Der Stoff der Uniform, durchaus schnitt- und reißfest unter normalen Belastungen, brachte alles an Widerstand auf, zu dem er fähig war, während unter ihm der Oberarm bereits regelrecht zerquetscht wurde.

Dann kam der Moment, in dem der Stoff endlich nachgab und die Klinge auf ihre Haut traf, ein Gewebe, das zwar deutlich elastischer, aber wesentlich weniger reißfest als ihre Uniform war. Die Kälte des Stahls, der sich innerhalb eines Sekundenbruchteils durch ihre Haut drückte, war ihr ebenso im Gedächtnis geblieben, wie die Wärme ihres Blutes, das augenblicklich aus der aufklaffenden Wunde spritzte.

Ihre Muskeln, kampferprobt und unaufhörlich trainiert seit frühester Kindheit, stellten ebensowenig ein Hindernis für die brutale Kraft des Orks dar, wie es ihre Haut getan hatte. Eine nach der anderen rissen sie unter dem unaufhaltsamen Schwung seiner Waffe und die vom Adrenalin und Stress angespannten Muskeln schnalzten zurück wie Gummibänder, gaben den Weg zu ihrem Oberarmknochen frei.

Nie würde sie dieses Gefühl vergessen, als die schartige Schneide des Hackebeils auf ihren Knochen traf. Dieser unbändige Druck und das Kratzen, als sie für einen Augenblick über die Oberfläche ihres Humerus rutschte. Schließlich griff die Klinge und setzte ihren Weg durch ihren Arm nahezu ungebremst fort, zerschmetterte ihren Knochen und zerfetzte danach den Rest ihres Arms.

Was ihr wie eine Ewigkeit vorkam, hatte in der Realität – vom Aufprall der Axt auf ihrem Arm bis zum Einschlag in einem der Stützbalken hinter ihr – nicht einmal einen Wimpernschlag gedauert. Die Wucht des Schlages hatte die Klinge dabei tief in die Wand getrieben und einzig zu ihrem Glück schien sich die Klingt dabei im Holz verkantet zu haben, als der Ork, noch immer lachend am Handgriff zog.

Während ihr Widersacher seinen Fuß gegen die Wand stemmte und seine zweite Pranke an den Schaft seines Hackebeils legte, hievte sie endlich ihr Las-Gewehr hoch und drückte ab.

Die Explosion, die auf die Entladung ihres Powerpacks in den Kopf des Orks folgte, war wie eine Katharsis für sie.

“Nur im Tod endet die Pflicht.”

hatte sie damals gemurmelt, kurz bevor sie das Bewusstsein verloren hatte, in der vollen Überzeugung, dass sie die Verletzung nicht überleben würde. Als sie wenig später das Bewusstsein im Lazarett wiedererlangt hatte, hatte sie sich gefühlt, als hätte eine Herde Grox' sie niedergetrampelt.


Sie saß mittlerweile auf der Koje, dieser kaum gepolsterten Karikatur eines Bettes, das selbst gegenüber dem Nest unbequem war, welches sie als Kind in der Unterstadt ihrer alten Heimat bewohnt hatte. Nichtsdestoweniger war es besser, als auf dem harten, kalten Boden zu schlafen und allemal besser, als in einem der Mannschaftsquartiere untergebracht zu sein.

Geistesabwesend fuhr sie mit dem Finger ihrer verbliebenen Hand über die Narben, wo die Schwestern des Ordo Hospitalis ihr die Bionik mit ihrem Fleisch verschmolzen hatten. Es war seltsam; sie fühlte den Schmerz, diesen typisch brennend, stechenden Schmerz, wenn eine Wunde noch nicht ganz verheilt war und die Entzündung noch immer in der Narbe verweilte, aber ihr Hirn schien noch nicht so überzeugt davon und klang eher so, als wäre dort alles in Ordnung.

“Es fühlt sich falsch an …”

flüsterte sie und schloss ihre Faust ein paar Mal langsam. Die Bewegungen wirkten irgendwie künstlich. Es fehlte ihnen an Geschmeidigkeit, Raffinesse, sie waren steif, anorganisch … gefühllos. Gefühllos war nicht das richtige Wort, denn die künstlichen Nerven erzeugten schon Reize, registrierten ihre Bewegungen und meldeten diese und die damit einhergehenden Sinneseindrücke ihrem Hirn, aber sie waren nicht richtig. Sie fühlten sich an, als wären es nicht ihre eigenen.

Eine der Schwestern hatte ihr erklärt, dass, da sie nie den Schmerz empfunden hatte, ihren Arm zu verlieren, sie diese neuen Impulse nie wirklich annehmen würde können. Ihr Körper erachtete diese Prothese schlicht als zusätzliche Extremität, nicht als Ersatz.

Das alles war ihr zu hoch gewesen, sie war eine einfache Soldatin, keine Spezialistin für biomechanische Integration. Mit zusammengepressten Lippen sah sie ihrem Arm zu, wie er sich mit dem fast unhörbaren Surren der Aktuatoren und Servos bewegte. Manchmal kam es ihr so vor, als hätte er ein Eigenleben, wenn er diese kleinen, unbewusten Bewegungen machte. Ein leichtes Zucken hier, eine kleine Anspannung da. Es war ihr so erklärt worden, dass der Machinengeist ihrer Prothese erst lernen musste die Signale ihrer Nerven zu interpretieren, diese unterschwelligen, ungewünschten Signale herauszufiltern und so würde es noch einige Zeit brauchen, bis das alles reibungslos funktioniere. Solange würde es sie einfach gruseln.

Das Seufzen, das die Soldatin ausstieß klang erschöpft und verbraucht. Es war müßig, zu viel darüber nachzudenken. Sie beugte sich zu ihren Stiefeln herunter und zog einen nach dem anderen die Schnürsenkel auf und wunderte sich, warum das Munitorum nicht irgendwann einmal eine bessere, schnellere Methode entwickelt hatte, diese Stiefel zu binden. Der Gedanke wurde allerdings genauso schnell wieder verworfen, wie er aufgekommen war, denn es war nicht an ihr, sich über diese Dinge Gedanken zu machen; dafür gab es Tech-Priester und das Munitorum.

Sie weitete den ersten Stiefel und zog ihren Fuß heraus. Es war ein gutes Gefühl, ihre Zehen wieder frei bewegen zu können. Auch wenn die Gardistin zugeben musste, dass diese Kampfstiefel, wenn sie einmal eingetragen waren, durchaus erstaunlich bequem waren. Nach drei vollen Tagen war man meist dennoch froh, sie ausziehen zu dürfen.

Vorsichtig massierte sie ihren geschundenen Fuß ein wenig bevor sie ihn neben ihrem Schuhwerk auf den blanken Boden ihrer Zelle absetzte. Letzterer, gefertigt aus Plaststahl und überzogen mit einer dünnen Schicht linoleumähnlichen Kunststoffs, war kalt und hart, besonders im vergleich zu der schwülen Wärme, die in ihrem Stiefel geherrscht hatte. Es störte die junge Soldatin jedoch nicht weiter, sie war ganz Anderes gewohnt.

Jetzt wo ihr erster Fuß aus seinem Gefängnis befreit war, wandte sie sich dem zweiten zu. Wieder weitete sie den Schaft und hob ihren Fuß an. Es wirkte jedoch weniger elegant und sie musste den Stiefel mit beiden Händen festhalten, während ein schwarzer, wenig artikulierter Fuß zum Vorschein kam.

Eine weitere Prothese, einfacher, kruder, als die Armprothese, aber deutlich robuster und zuverlässiger. Mit einem leisen Klacken setzte sie den künstlichen Fuß neben den anderen und betrachtete beide im Vergleich. Die Prothese war rein mechanisch, beinhaltete nur wenige Gelenke, funktionierte dafür allerdings tadellos, im Gegensatz zu ihrem Arm.

Noch während sie ihre Hand über den Kunststoff der Prothese strich, war es ihr, als hörte sie das Pfeifen der Artilleriegranaten, die über ihren Kopf hinweg flogen und als sie aufsah, fand sie sich tatsächlich auf dem Schlachtfeld auf Antrakes II wieder. Zurück in den Schützengräben, zurück im Dreck, zurück in der Hölle.

Sie spürte das vertraute Gewicht ihres Gewehrs in ihren Händen und sie spürte ihren rechten Fuß. Die Hitze der antrakesischen Sonne brannte ihr auf den Nacken und in ihren Stiefeln stand der Schweiß, der nirgendwo sonst hin konnte.

Dann kamen die ersten Explosionen, Schockwellen und feiner Staub, die über ihren Graben spülten. Die Earthshaker-Granaten machten ihrem Namen alle Ehre, während sie die Stellungen des Feindes auf der anderen Seite des Niemandslands vernichteten, kurz bevor sich die nächste Salve auf ihren langen Weg von ihren eigenen Artilleriestellungen, zweiunddreißig Kilometer hinter der Front, hinüber zu den Gräben ihrer Gegner machte.

In solchen Momenten, kurz bevor die maximale Reichweite der Geschütze vollständig ausgenutzt war, konnte man die Geschosse am Himmel fliegen sehen, wie sie langsam, aber sicher wieder zu Boden trudelten.

Für die Gardisten am Boden war jede einzelne Salve, die über das Firmament segelte, ein Segen, der Tod und Vernichtung für ihre Feinde bedeutete, insbesondere da sie diese nicht mehr würden bringen müssen. Eine Versicherung, dass das Kommando ihnen den Rücken stärkte.

Die gegnerische Flugabwehr, bisher eher damit beschäftigt, den Luftraum zu überwachen, begann auf die Artilleriegranaten zu schießen. Ein hoffnungsloses Unterfangen, ein Zeichen für die Verzweiflung, die in den Reihen des Feindes herrschen musste. Die ganze Grabensektion jubelte, als eine weitere Salve ungehinderte einschlug.

Doch dann passierte das Undenkbare.

Dieses Mal wurde eine der Granaten getroffen und explodierte über ihren eigenen Stellungen. Die Schrapnelle, die nun glühend heiß vom Himmel regneten, waren mindestens genauso tödlich wie die Schüsse des Feindes.

Noch während ihre Kumpanen und sie selbst in Deckung gingen, schlugen die ersten um sie herum ein.

Als ihr Unterschenkel getroffen wurde, tat es für einen Sekundenbruchteil noch nicht einmal weh. Der Schock und das Adrenalin waren so stark, dass sie es erst bemerkte, als sie im vollen Sprint stolperte. Sie schlug auf dem matschigen Boden des Schützengrabens auf und rutschte noch einen Meter weiter, bevor sie liegen blieb; dann erst traf sie der Schmerz wie ein Blitzschlag, der von ihrem Fuß ausgehend durch ihren ganzen Körper schoss.

Die brennend heiße Pein nahm ihr fast die Sinne, während ihr Körper um Atem rang. Unfähig weiter zu kriechen oder auch nur zu schreien, lag sie bäuchlings im Graben.

Zeit ist eine launische Geliebte: Wenn etwas schön ist, oder spaßig, entflieht sie einem und man kann sie nicht halten, aber wenn es die Hölle auf Erden ist, oder auch nur todlangweilig, dann klebt sie an einem wie ein liebestolles Grox.

Sie wusste nicht, wie lange sie im knöcheltiefen Morast lag, ohne dass einer ihrer Kumpane nach ihr sah, aber irgendwann schaffte sie, sich trotz der Schmerzen und des starken Blutverlustes an die Wand des Grabens zu ziehen. Sie nutzte ihre Koppel, um ihr Bein abzubinden, war sich aber nicht sicher ob dies reichen würde.

Von den anderen Soldaten war immer noch niemand zu sehen, wahrscheinlich war die Position aufgegeben worden und niemand würde nach ihr suchen, geschweige denn sie rechtzeitig finden. Als einfache Gardistin trug sie auch keinen Voxcaster und war somit nicht in der Lage, um Hilfe zu rufen.

“Und selbst wenn, niemand würde mir glauben. Es wäre ein zu offensichtlicher Hinterhalt des Feindes.”

gestand sie sich mit zusammengekniffenen Augen ein, der Sarkasmus bitter auf ihrer Zunge. Sie würde hier sterben, dessen war sie sich sicher. Allein.

Der Schmerz ließ langsam nach und wich einem dumpfen Pochen, das wiederum ganz langsam in eine Taubheit entglitt. Es war ein untrübliches Zeichen dafür, dass es bald zu Ende sein würde. Mit dieser grimmigen Gewissheit tastete sie nach ihrer Seitenwaffe.

Sie war eine der Glücklichen gewesen, die neben ihrem Las-Gewehr eine Las-Pistole ausgehändigt bekommen hatte. Nicht wirklich nützlich in diesem Kriegsszenario, in dem es im Grunde genommen ein Zeichen dafür war, dass die Schlacht verloren war, wenn der Feind bereits nah genug gekommen war, um diese Waffe sinnvoll einzusetzen.

Für einen Kopfschuss aus nächster Nähe jedoch war sie mehr als geeignet.

Mit zitternden Händen hob sie die schlanke Waffe und überprüfte die Powerzelle, die wie ein Magazin im Griffstück der Waffe steckte. Sie war geladen.

“Wunderbar …”

murmelte sie leise und hob die Waffe. Sie schloss die Augen und biss die Zähne zusammen, während sie ihren Zeigefinger langsam um den Abzug spannte.

“Rekrutin, der Imperator verbietet es selbst dem einfachen Soldaten, sein Leben eigenhändig zu beenden.”

Seine Stimme war hart wie Stahl und doch wohnte in ihr ein Verständnis, das sie bis dato nur selten in den Reihen der Garde gehört hatte. Sie öffnete die Augen und blickte auf, nahm die Pistole jedoch noch nicht von ihrer Schläfe.

Auf dem oberen Rand des Schützengrabens stand einer der Kommissare, die ihrer Truppe zugeteilt worden waren. Sein weiter, roter Mantel flatterte leicht im Wind, während er den Horizont nach den Bewegungen des Feindes absuchte, bevor sein Blick sich wieder auf sie konzentrierte.

“Nehmen Sie die Waffe runter, Rekrutin. Munition, die nicht auf den Feind abgefeuert wird, ist vergeudete Munition. Wenn Sie nicht in der Lage sind, den Kampf fortzusetzen, begeben Sie sich ins Lazarett, aber schwächen Sie nicht die Moral der Truppe, indem Sie sich ihrer Pflicht entziehen!”

Der Befehl war eindeutig und sein Ton ließ keinerlei Widerspruch zu, aber während sie die Waffe langsam senkte und versuchte eine passende Antwort zu formulieren, kam ihr ein Offizier zu Hilfe.

“Herr Kommissar, erlauben Sie mir, die Rekrutin ins Lazarett zu bringen. Sie ist die einzige Überlebende dieses Abschnitts und ganz eindeutig nicht in der Lage, das Lazarett aus eigener Kraft zu erreichen.”

Sie sah ihn nicht direkt, da er auf der anderen Seite des Grabens stand, aber seine Stimme war engelsgleich, warm und fürsorglich. Als er dann zu ihr in den Schacht sprang, verdunkelte sein Schatten ihre Sicht und alles, was sie für den Moment sah, war ein dunkler Umriss, dessen breite Schultern und starke Arme sich ohne zu zögern zu ihr herabbeugte.

“Gut, bringen Sie die Rekrutin ins Lazarett, aber beeilen Sie sich, wir haben einen Krieg zu führen. Marsch, marsch!”

orderte der Kommissar, während der Soldat sie vom Boden hochhob, gegen seine Brust drückte und sofort mit ihr in Richtung Lazarett davonstapfte.

Sie erinnerte sich noch genau daran, dass er nach Schweiß, Rauch und Blut roch, aber auch nach etwas anderem, dass sie nicht ganz zuordnen konnte, was ihr aber Sicherheit vermittelte. Generell hatte sie sich, wenn sie sich an die Zeit in der Truppe zurück erinnerte, noch nie so sicher gefühlt, wie in diesem viel zu kurzen Moment, während dessen der Offizier – sie wusste noch nicht einmal seinen Namen – sie ins Feldlazarett trug.

Sie wusste noch, wie sie verzweifelt versucht hatte ihre Dankbarkeit auszudrücken, wie sie sich an seinen breiten Schultern festgeklammert hatte und nicht hatte loslassen wollen, aus Angst, sie würden einen Servitor aus ihr machen, weil sie nicht mehr kämpfen konnte. Er hatte die ganze Zeit beruhigend auf sie eingeredet, hatte ihr Mut zugesprochen und ihr versichert, dass die Schwestern der heiligen Flamme sie wieder zusammenflicken würden.

Sie sah auf ihren künstlichen Fuß und seufzte. Ja, sie hatten sie wieder zusammen geflickt, mit einem Ersatzteil, das bereits wer weiß, wie vielen anderen Soldaten als Prothese gedient hatte.

Sie hatte mittlerweile ihre Uniformhose ausgezogen und über den kleinen Tisch gelegt, der als Ess-, Arbeits- und Ablageplatz diente, da es sonst nur wenig Stauraum in der spartanischen Zelle gab. Während sie sich langsam aufrichtete, wanderten ihre Augen allmählich ihren Körper hinauf und betrachteten die Spuren, die ein Leben ewigen Konflikts hinterlassen hatten.

Narben, Hämatome, Kratzer, Beulen und kleine, noch nicht verheilte Wunden übersäten ihren schlanken, aber muskulösen Körper. Den dumpfe Schmerz, der jede ihrer Bewegungen begleitete, nahm sie schon gar nicht mehr bewusst wahr, er war so normal für sie geworden, dass sie seine Abwesenheit wahrscheinlich noch eher bemerken würde. Sie schielte auf eines der kleinen Regale, die in die Wand eingelassen waren, und die Pillendosen, die dort standen: Kampfdrogen, Aufputschmittel, deren Einnahme zwar nicht verpflichtend war, doch aber von den Offizieren und Kommissaren empfohlen wurden.

“Gegen die Angst und für mehr Leistungsfähigkeit …”

erinnerte sie sich selbst und dachte an die Strafbataillone, die immer an vorderster Front kämpften und denen diese Drogen zwangsverabreicht wurden.

Das Leben in der Garde war kein Zuckerschlecken, ganz und gar nicht.

Ihr Blick fiel zurück auf ihren Körper, zurück zu ihren Narben. Wo die Bionik mit ihrem Fleisch verschmolzen worden war, rötete sich die Haut, war geschwollen und entzündet. Wieder fuhr sie mit einem Finger an der wunden Linie entlang und irgendwie genoss sie den stechenden Schmerz, während sie darüber nachdachte, wie viel Glück sie bisher gehabt hatte.

Sie war eine einfache Soldatin, eine Sergeantin, eine Veteranin in der Garde, aber immer noch “nur” eine einfach Soldatin. Sie konnte in der Tat froh sein, dass man sie nicht schon beim ersten Mal lobotomisiert und einen verdammten Türöffner aus ihr gemacht hatte. Anscheinend hatte der Gott-Imperator es gut mit ihr gemeint und man hatte es für eine bessere Nutzung der Ressourcen gehalten, ihr nicht nur eine, sondern gleich zwei Prothesen zu spendieren.

Ihre Beinprothese war recht einfach, im Grunde genommen ein besseres Holzbein. Gut genug für den Dienst, aber nichts besonderes.

“Schon zwei Wochen …”

murmelte sie und ballte ihre künstliche Hand mehrmals. Wahrscheinlich hatte sie zu diesem Zeitpunkt schon länger überlebt als irgendeiner der anderen, die mit ihr zusammen rekrutiert wurden.

Mit einem tiefen Seufzer lehnte sie sich zurück und genoss für den Moment die Kälte der Wand an ihrem Rücken, bevor ihr Blick auf die Uhr fiel. Sie sollte die Zeit nutzen, die ihr blieb.

Sie fühlte sich schmutzig. Nein, schmutzig war nicht das richtige Wort für den Zustand, in dem sie sich befand. Sie war dreckig. Ja, dreckig traf es eher. Die Kämpfe waren kurz gewesen, aber intensiv, und sie hatte noch nicht die Möglichkeit gehabt, sich zu säubern. Überhaupt war Hygiene etwas, das im Feld fast immer zu kurz kam, allerdings nicht, weil sie es nicht besser wussten. Alle Soldaten, alle Offiziere und sogar die Kommissare waren sich durchaus im Klaren, dass eine grundlegende Hygiene nicht nur aus gesundheitlicher, sondern auch aus moralischer Sicht wichtig war. Es war einfach nur so, dass die durchschnittliche Lebenserwartung eines Rekruten zu kurz war, als dass die mangelnde Hygiene zu einem Problem wurde.

Dies war erst der Fall, wenn – wider Erwarten – die Soldaten länger überlebten, als die Administration es erwartet hatte und selbst dann wurde das Problem meist damit behoben, dass selbige Truppen nach hinten rotiert wurden, um sie durch frische Rekruten zu ersetzen. Das geschah in der Regel alle drei bis vier Tage, aber dieses Mal hatten die Kämpfe nicht lange genug angehalten und nach den ersten drei Tagen war abzusehen gewesen, dass der Gegner in den nächsten Tagen besiegt sein würde. Also hatte man die Truppen an der Front gelassen, hatte Durchhalteparolen über die Lautsprecher gespielt und die frischen Truppen für einen anderen Kampf aufgespart.

Kurzum: Es war Zeit für eine Dusche. Das erste bisschen Normalität, seit sie den Planeten betreten hatte.

Und so richtete die Soldatin sich wieder auf und sah hinüber zu der kleinen Nasszelle, die praktischerweise Teil ihres kleinen Quartiers war. Man konnte sie schwerlich als Bad bezeichnen, vielmehr war es eine in den Boden eingelassene Duschtasse, die mittels einer Klappwand vom Rest der Zelle abgetrennt werden konnte, man sollte schließlich nicht alles unter Wasser setzen.

Es war nicht viel, wirklich nicht, aber deutlich mehr, als ihr im Feld zur Verfügung stand oder in den Mannschaftsquartieren auf der anderen Seite des Schiffs, und so wurde es zum seltenen Luxus. Der Gedanke an eine heiße Dusche weckte längst verloren geglaubte Lebensgeister in ihr und sie erhob sich schließlich ächzend und mühsam von der Koje. Langsam schwankend kam sie zum Stehen und zerrte sich auch noch das dünne, fleckige Unterhemd und die Shorts vom Leib, nur um festzustellen, dass diese sich mittlerweile schon fast wie eine zweite Haut anfühlten. Obwohl sie allein war und sie sich absolut sicher sein konnte, dass niemand sie beobachtete, fühlte sie sich ohne den dünnen Stoff, der ihre blasse Haut bedeckte, seltsam nackt. Sie wusste nicht genau warum. Es war nicht so, dass ihre Kumpanen sie nicht schon unzählige Male in den Gemeinschaftsduschen gesehen hatten, aber dieses Mal fühlte es sich anders an.

Es half nichts, sie würde das Gefühl einfach ignorieren. Kopfschüttelnd sah sie auf die Handvoll Synthetikgewebe in ihren Händen und verzog angewidert das Gesicht, bevor die Sergeantin die beiden ehemals weißen Kleidungsstücke in eine Ecke warf.

Die kühle, recycelte Luft in der Zelle strich über ihre nackte, verschwitzte Haut, ließ sie frösteln und trieb sie gleichzeitig an, die zwei Schritte in ihr Bad zu machen. Auf dem Weg dorthin kam sie an dem kleinen Spiegel vorbei, der in die Klappwand eingefügt war und warf einen Blick auf die Reflektion, die sie aus dem Spiegel heraus ansah.

Die Ausbilder und die Indoktrination hatten gute Arbeit geleistet, denn sie sah im ersten Moment nicht die Frau im Spiegel, sondern die Soldatin, deren Körper in der kurzen Zeit, die sie Mitglied der Imperialen Armee war, mehr Konflikte gesehen hatte, als es für einen Menschen gut war. Sie sah die Narben, jede einzelne eine Medaille, ein Beweis für einen überlebten Kampf. Sie sah die Muskeln, auftrainiert und gestählt im Feuer eines Krieges, den sie nie gewinnen konnten, nur überleben. Sie sah die Ersatzteile, die Prothesen, Beweise dafür, dass sie für das Munitorum als Soldatin noch wertvoller war als als Servitor.

Erst danach sah sie die Frau, deren schlanker, drahtiger Körper inzwischen nicht mehr viel Weiblichkeit besaß. Deren Körper, der, ständig an der Grenze zur Unterernährung, fast alle Fettreserven aufgebraucht hatte und ihr damit die wenigen Kurven geraubt hatte, die sie vorher besessen hatte. Deren ehemals lockigen, schulterlangen Haare, die aus hygienischen und taktischen Gründen bis auf wenige Millimeter abrasiert worden waren; und deren Geist, der hinter den Gitterstäben der Indoktrination nicht nach Kampf und Tod, sondern nach Zärtlichkeit und Liebe schrie. Diese Frau war ihr fremd geworden, so begriff sie.

Sie schlang zitternd ihre schlanken Arme um ihren Oberkörper, presste ihre kleinen Brüste zusammen und seufzte tief, während sie sich daran zu erinnern versuchte, wann sie das letzte Mal mit irgendwem intim gewesen war.

“Es ist lange her … zu lange.”

war ihre niederschmetternde Erkenntnis, die sie fast tonlos in die Stille ihrer Zelle flüsterte. Nicht, dass es in irgendeiner Weise geholfen hätte, aber es musste einmal gesagt sein.

Sie ließ ihre Arme nach unten fallen und stieg in die Dusche, vielleicht auch, um nicht mehr dem Vorwurf ihres Gegenübers ausgeliefert zu sein. Als sie dann unter dem fest montierten Duschkopf stand, drehte die Soldatin ohne zu zögern das Wasser auf, und der erste Schwall, der aus der Leitung kam, war eiskalt. Sie zuckte nicht einmal, war es gewohnt, kalt zu duschen, da es in den Manschaftsquartieren in aller Regel gar kein warmes Wasser gab und im Feld konnte man froh sein, wenn man einen Eimer und einen Lappen für eine notdürftige Katzenwäsche bekam.

Sie stand regungslos unter dem kaskadierenden Wasser, das langsam wärmer wurde, bis es eine Temperatur erreichte, die ihre Haut erröten ließ. Der brennende Schmerz, der die beißende Kälte ablöste, war dabei sogar mehr als willkommen. Sie wartete solange, bis sie es nicht mehr aushalten konnte, bevor sie die Temperatur langsam auf ein Niveau herunterregelte, das sie als angenehm erachtete.

Innerlich musste sie dabei jedoch dem Drang widerstehen, den Kopf zu heben und ihren Mund zu öffnen, wie sie es auf ihrer Heimatwelt immer bei Regen getan hatte, denn das Wasser war – rein technisch gesehen – sauber, aber es war alles andere als frisch. Die Plörre, die hier aus der Leitung kam, war so oft durch die Filter gelaufen, war so oft chemisch und mechanisch geklärt worden, dass der Imperator allein wusste, was sie schon alles auf dem Weg erlebt hatte.

Die Marine, immerhin die Herren über dieses Schiff, riet selbst offen davon ab, dieses Wasser zu trinken oder auch nur fürs Zähneputzen zu verwenden.

Und trotzdem fühlte es sich so unglaublich gut an, zu spüren, wie das heiße Nass über ihren entblößten, geschundenen Körper rann und ganz langsam zuerst den Schweiß und den Schmutz abwusch, und danach allmählich begann, die Anspannung aus ihren Muskeln zu spülen.

Während der künstliche Regen ihren Körper wärmte, atmete sie tief durch und schloss die Augen. Sie träumte sich an einen besseren Ort, weg von all dem Kampf, dem Tod und dem Leid, von dem sie ständig umgeben war. In ihren Gedanken reiste sie an einen warmen, hellen, freundlichen Ort, an dem das Wasser, das auf ihr Haupt prasselte, sauber und frisch war. An dem die Luft tatsächlich frisch war und nicht nach Desinfektionsmitteln und Ozon roch.

Ein Ort, wo vielleicht dieser nette Offizier hinter ihr stand und ihr mit seiner dunklen, warmen Stimme anbot, ihr den Rücken zu waschen.

Ohne auch nur einen Moment zu zögern, nahm sie das Angebot an und wartete fast sehnsüchtig darauf, dass seine großen, starken Hände sie berührten. Sie hörte, wie er seine Handflächen aneinander rieb und der Duft der Seife stieg ihr in die Nase. Sie roch nach frischen Blumen, echten Blumen, nicht diese chemische Pampe, die mehr mit Verdünnung gemein hatte und nicht sauber machte. Nein, dies war richtige Seife, die der Offizier auf seinen Händen verteilte.

Es war ein karthagisches Erlebnis, als er seine Hände schließlich auf ihren Rücken legte und damit begann, den seidig weichen Schaum zu verteilen. Er ließ sich Zeit, rieb sanft die Seife in ihre Haut und schuf so eine eine schützende Seifenblase, die sie gegen die Außenwelt abschottete. Die Hände wanderten weiter über ihren Rücken, massierten verspannte Muskeln, lösten Krämpfe und streichelten Schmerzen weg, die sich schon viel zu lange dort manifestiert hatten.

Die Soldatin summte ihre Zustimmung und schlang ihre Arme eng um sich, während der Offizier langsam an sie herantrat und sich schließlich ganz dicht hinter sie stellte. Sein heißer Atem streichelte ihren Nacken und sein starker, warmer Körper gab ihrem Rücken halt, während zärtliche Hände ganz langsam ihren Weg über ihre Flanken zu ihrem flachen Bauch fanden. Sie genoss die Berührung sichtlich und keuchte leise, als seine kräftigen Finger über ihre Narben strichen und vorsichtig das Areal erkundeten. Es fühlte sich wunderbar an, auch wenn sie sich wünschte, dass er ein wenig mutiger war, als sich nur auf ihren Bauch zu beschränken. Sie hatten leider nicht viel Zeit und dieses knapp bemessene Kontingent wollte wohlweislich genutzt sein.

Also war sie es, die seine Hände nahm und sie langsam, ganz langsam nach oben führte. Er leistete keinen Widerstand, sondern ließ sich bereitwillig von ihr zu ihren niedlichen Brüsten führen. Sanft, fast zögerlich legte sie seine Pranken auf ihre kleinen, weichen Hügelchen und wartete.

Lange musste sie es nicht, als der Offizier fast augenblicklich damit begann, ihren Busen zu streicheln, sanft zu kneten und vergaß auch nicht, ihre kleinen, empfindlichen Nippel in die Liebkosung einzubinden. Die Soldatin erschauderte und drückte ihren Rücken durch, während sie ein leises Stöhnen zwischen ihren Zähnen herauspresste. Je mehr er sich auf ihre Brustwarzen konzentrierte und diese kleinen Knöpfe zwischen seine Fingern rollte und kniff, desto härter biss sie sich auf ihre Lippe. Der exquisite Schmerz, der durch ihre Brüste und ihr Rückgrat hinauf in ihr Hirn fuhr, vermischte sich mit dem Schmerz ihrer Lippe und befeuerte ihre Begierde zusätzlich.

Nur für einen kleinen Moment wurde sie aus ihrer Fantasie gerissen, als ihre Prothese, deren Feinmotorik noch immer nicht ganz dem entsprach, was sie sich vorstellte, ihr hart in den rechten Nippel zwickte.

“Aack …”

Sie unterdrückte den Aufschrei und kniff die Augen fest zusammen. Ihr Atem ging in zitternden, schweren Zügen, während sie versuchte, ihren Weg zurück zu ihrem Liebhaber zu finden, der auf sie wartete, sie wollte.

Sie leckte sich über ihre Lippen, schmeckte ihr eigenes Blut und keuchte abermals.

“Tiefer …”

verlangte sie heiser flüsternd und der Offizier hinter ihr gehorchte, wenn auch zögerlich. Seine Hände ließen ab von ihren Äpfelchen und glitten langsam abwärts über ihre nasse, heiße Haut, folgten ihren Narben, Souvenirs aus früheren Kämpfen, hinab über ihren Bauch … Doch dann zögerten sie, gerieten ins Stocken und blieben schließlich knapp unterhalb ihres Bauches stehen.

Ihre Muskeln zitterten unter seinen starken Fingern und sie musste sich zusammenreißen, ihn nicht laut aufzufordern, seine Reise fortzusetzen. Getrieben von Ungeduld, Lust und Angst, wollte sie nicht länger warten. Was, wenn jemand sie nun störte? Also legte sie ihre Hände wieder auf die seinen und führte sie sachte weiter gen Süden, hin zu ihrem geheimen Tal.

Als seine Finger schließlich in das Tal hinabstiegen, jenes verbotene Land, dessen Dschungel so undurchdringlich war, dass es schon viel zu lange kein Abenteurer mehr gewagt hatte, sich dort hinein zu begeben, stockte ihr Atem. Ihr Körper bäumte sich in der Erwartung dieser mutigen Expedition auf und ihre Muskulatur spannte sich an.

Eine viel zu lang vermisste Hitze stieg in ihr auf und ließ sie erschaudern. Ihr Haut kribbelte, als würde sie unter Strom stehen und sie hatte Gänsehaut am ganzen Körper.

Während ihr Geist sich an das Bild klammerte, dass sie sich in ihrem Kopf ausmalte, bemerkte ihr Verstand trocken, dass das einzig Gute an der fehlenden Sensibilität ihrer Bionik war, dass sie sich wirklich einreden konnte, dass es nicht ihre Finger waren, die sie dort unter der Dusche unsittlich berührten, sondern wirklich die des Offiziers, aber sie brachte die Stimme sofort zum Schweigen. Nicht jetzt.

Ihr Gehirn schrie nach Sauerstoff, aber die Soldatin hielt weiterhin die Luft an, weigerte sich zu atmen und ihrem Körper das benötigte Lebenselexier zur Verfügung zu stellen.

“Noch nicht. Nur noch ein kleines bisschen.”

dachte sie und genoss den eiskalten Schauer, der ihre Wirbelsäule empor stieg, als der erste Finger sein Ziel erreichte und ganz zart über diesen kleinen Nervenknoten strich.

Es war wie Strom, der brennend heiß und schneidend kalt zugleich durch ihren Körper fuhr und sie zum Atmen zwang, als die Lust sich ein Ventil suchte.

“Hnnnnngh …”

Wieder biss sie sich auf ihre Lippe, in einem Versuch, nicht zu laut zu sein, während ihre … seine zweite Hand sich wieder auf ihre rechte Brust legte und beherzt zupackte. Sie quetschte, kniff, zog an dem zarten Gewebe und fügte diesen Schmerz der Sensation hinzu.

Nun konnte sie ihre Lust nicht mehr zurückhalten und ihr Keuchen brach aus den kreischenden Lungen hervor und hallte von den kahlen, kalten Wänden ihrer Zelle wieder, an denen sich bereits das Kondenswasser sammelte. Ihre Knie zitterten und ihr Rücken krümmte sich, während die Soldatin verzweifelt an dem Bild des Offiziers festhielt, das sich vor ihrem inneren Augen abbildete.

Ein weiterer Finger fand sein Ziel und zwischen ihnen rollten und rieben sie den kleinen Knopf, der so sensibel war, dass sie es am liebsten in den Äther hinausschreien wollte; aber sie hielt sich zurück, musste es, begnügte sich stattdessen mit einem gepressten Stöhnen, das heiser ihren Mund verließ.

Sie lehnte ihren Kopf gegen die Wand der Nasszelle in der Hoffnung auf mehr Stabilität, während ihre Hände schneller und intensiver arbeiteten. Ihr Atem beschleunigte sich und jeder gekeuchte Atemzug wurde nun von einem feuchten, lustvollen Laut begleitet.

Sie wollte sich dem hier hingeben, voll und ganz, aber etwas nagte an ihrem Unterbewusstsein. Es war, als würde ihr Gewissen sie daran erinnern wollen, dass die Führung dieses Verhalten, diese unsittlichen Tätigkeit nicht gerne sah.

“Es lenkt ab … und ein abgelenkter Geist ist wie eine Festung mit offenen Toren!”

Sie fluchte laut.

“Poukram!”

Ihre Stimme zitterte, als sie den uralten Fluch aussprach und ihre Augen aufriss. Was machte der verfluchte Kaplan in ihrem Kopf?

“Hnnnnnrrr …”

knurrte sie. Sie war kurz davor, ihre Beine zitterten unter der Anspannung und ihre Hand verkrampfte sich um ihre Brust.

“... nur … nur noch ein bisschen …“

wimmerte die Soldatin, während sie versuchte ihre Fantasiekonstrukt aufrecht zu erhalten, aber das Bild des fetten Predigers, wie er von Weihrauch-Dampf umwabert auf seiner Kanzel stand und über die Kraft des Glaubens an den Gott-Imperator philosophierte, ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.

“Poukram! Poukram noch mal!”

fluchte sie mit bebender Stimme. Es war vorbei. Der Moment war verflogen, nur da, als sie ihre bionische Hand vor ihre Augen hob, war es für einen flüchtigen Moment noch einmal so, als sähe sie die Hand des Offiziers vor sich.

Zum ersten Mal schön, dachte sie. Die Illusion währte nur für einen Wimpernschlag, dann war sie weg, und mit ihr die Lust und das Verlangen.

Sie stand noch immer in der Dusche und das Wasser plätscherte weiterhin über ihren Körper, aber anstatt sie zu wärmen und ihr Wohlbefinden zu verbessern, ging es ihr auf einmal nur noch auf die Nerven. Die Lust und das Verlangen, die noch Momente zuvor ihren Kreislauf in Wallung gebracht hatten, waren einer kalten Wut gewichen, die nun nach ihrem Herzen griff.

Mit geballten Fäusten richtete sie sich langsam auf und starrte gegen die dunkelgraue Wand aus Plaststahl, auf die Wassertropfen, die an ihr abperlten und herunterrannen. Ein neues Verlangen erfüllte sie, das Verlangen, ihre künstliche Hand mit all der ihr zur Verfügung stehenden Kraft gegen die Wand zu schlagen. All ihre Wut über das System, ihren Frust, ihre Einsamkeit, ihre Scham, sich dieser Fantasie hingegeben zu haben und ihre Pein in diese Trennwand zu prügeln, aber sie tat es nicht. Es würde auch nichts ändern, außer dass sie entweder die Trennwand oder – was wahrscheinlicher war – ihre Prothese beschädigte und diesen Ärger wollte sie sich sparen.

Mit einem Seufzen, das ihrer Enttäuschung und Niederlage Ausdruck verlieh, griff sie nach dem Wasserhahn und stellte die Dusche ab. Es dauerte noch einen Moment, bevor der Schwall abebbte und das restliche Wasser von ihrem Körper zu tropfen begann. Schließlich schlang sie ihre Arme um ihren Körper und drehte sich langsam zum Rest ihres kleinen Quartiers, , dessen Volumen nach dieser schon fast frevelhaften Verschwendung heißen Wassers – so zumindest würden es ihre Vorgesetzten nennen – fast vollständig mit Dampf gefüllt war. Ihr Blick streifte die Uhr, deren blassgrüne Ziffern unaufhörlich die Zeit bis zum nächsten Appell herunterzählten.

Die Lippen zusammengepresst, ließ sie den Kopf wieder sinken. Der nächste Appell war bereits in fünf Stunden, was hieß: Kaum genug Zeit, um auch nur das Nötigste an Schlaf zu bekommen.

Mürrisch trat die Soldatin aus der Dusche, schleppte sich die wenigen Schritte hinüber zur Koje und ließ sich, nass wie sie war, auf die schmale, harte Matratze fallen. Sie hielt sich nicht mehr mit abtrocknen oder anziehen auf, noch nicht einmal unter die dünne Decke kroch sie; der Schlaf war jetzt wichtiger.

Und so schloss sie ihre Augen und verabschiedete sich in die Welt der Träume. Denn wenn eine Gardistin der Imperialen Armee eins konnte, dann war es, immer und überall zu schlafen.

Ende

Konzept und Idee von

El Poyo Diabolo

Geschrieben von

El Poyo Diabolo

Charaktere von

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Editiert von

Bordox

&

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Veröffentlicht von

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