Kapitel 35
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Kapitel 35
Abschied
Es war bereits 8.45 Uhr als endlich alle erwacht waren und sich so nach und nach bewusst wurden, was letzte Nacht alles geschehen war.
Besonders Tristan und Syrgon sahen sich betroffen an und mussten ihre Gedanken und Gefühle sortieren.
„Das war ein sehr ungestümes und vor allem wildes Erlebnis letzte Nacht“, sagte der Greif und küsste Syrgon sanft auf die Nase.
Der Rüde kratzte sich am Kopf und überlegte. „Das stimmt. Ich hatte bisher noch nie ein so intensives Erlebnis wie mit dir. Wobei, wenn ich ehrlich sein soll, dann muss ich gestehen, dass ich noch nie ein sexuelles Erlebnis hatte. Du warst mein erster Partner.“
Der Greif schaute den Wolf betroffen an. „Das hättest du mir eher sagen sollen. Dann wäre ich bestimmt sanfter gewesen.“
„Ach was. Es war schön, so wie es war.“ Syrgon lächelte Tristan zärtlich an und küsste ihn auf die Stirn.
„Ich hoffe nur, dass ich zurückkehren werde und du dann noch da bist, damit wir das Ganze wiederholen können.“ Syrgon wurde melancholisch und zog den Greif in seinen Bann.
Der nickte zustimmend und freute sich sichtlich.
Sie verließen Tristans Haus und trafen auf die anderen Chafren ihrer ehemali-gen Truppe. Einige grüßten im Vorbeigehen, manche blieben stehen, schauten schräg, überlegten kurz und wünschten nach einigem Zögern einen guten Morgen. Die beiden waren als Pärchen ertappt und viele die Syrgon kannten, waren mehr als nur erstaunt über diese Wendung.
Sie nahmen sich bei der Hand und gingen zum Dorfplatz. Alle sollten sehen, dass sie zusammengehören wollten und alle sollten sehen, dass sie sich gefunden hatten und dass sie glücklich dabei waren.
„Sieh an, sieh an“, sagte Wotan leise zu Sirius, „Wenn das nicht unser frischgebackenes Liebespaar ist.“
Sirius hörte auf, seine Sachen zu sortieren und schaute in die Richtung, in die auch Wotan sah. „Tja, da hat Andrew wohl einen Volltreffer gelandet mit seiner Vermutung. Wobei man bei ihm wohl kaum von Vermutungen sprechen kann. Der Kerl hat bei so was scheinbar den siebten Sinn.“
Sirius wühlte wieder in seinen Klamotten und überprüfte ob er alles bei hatte. Immerhin war es ein Abschied für lange Zeit, für sehr lange Zeit, wenn nicht sogar für immer.
„Weißt du was aber schmerzlich ist?“, fragte Sirius plötzlich.
Wotan schüttelte den Kopf.
„Syrgon kommt mit uns, aber Tristan bleibt zurück. Die beiden müssen sich jetzt trennen.“
Wotan stand da, als hätte ihn der Blitz getroffen und er musste daran denken, wie er sich fühlen würde, wenn er sich von seinem Partner trennen müsste. Der seelische Schmerz musste den armen Syrgon fast zerreißen.
Aber was machte der?
Er gab sich ganz seinen neuen Gefühlen hin und tat so als würde er eine kur-ze Runde um die Häuser drehen. Er zeigte keinerlei Anzeichen der bevorstehenden Trennung.
Es wurde Zeit.
Die letzten Vorbereitungen waren getroffen und alle hatten ihre persönlichen Sachen dabei.
„Okay Leute. Wir müssen jetzt los und zurück zur Station“, rief Cyron laut über den Platz.
Es entbrannte eine wahre Abschiedszeremonie. Die Chafren überhäuften sich mit Küssen, Streicheleinheiten und guten Wünschen. Keiner wollte den anderen so recht gehen lassen, aber alle wussten, dass es keinen Aufschub gab.
Syrgon umarmte Tristan nochmals sehr heiß und innig, stieg dann in den Mech und schaltete die Hauptenergieversorgung ein. Der Computer gab alle Systeme als betriebsbereit und im Normbereich an. Er schloss die Kanzel und ergriff den Joystick. Widerwillig wie sein Bediener setzte er sich in Bewegung, stampfte aus dem Dorf und erreichte nach kürzester Zeit seine Höchstgeschwindigkeit. Syrgon schaltete die Maschine auf Autopilot und ließ sie ihrem Ziel entgegen rennen. Er selbst hing seinen Gedanken hinterher und ließ seinen Tränen freien Lauf.
Die Übrigen hatten ihre Gleiter besetzt und waren ebenfalls schon auf dem Weg zur Station.
„Fein. Wenn wir angekommen sind, machen wir alles dicht in der Station, schauen nochmal nach verwertbaren Sachen und fliegen gleich weiter zur Raumbasis, wenn man die so nennen will“, erklärte Cyron.
Alle nickten, waren aber trotzdem nicht sonderlich begeistert. Sie alle hatten Freunde und Bekannte zurückgelassen und drohten in der Unendlichkeit zu verschwinden.
Dreißig Minuten später war es soweit und sie verließen auf dem Vorplatz der Station die Gleiter. Wenige Minuten später traf auch Syrgon ein, den sie unterwegs überholt hatten.
„Wie geht’s dir?“, fragte Sirius besorgt.
Der Wolf schaute seinen Artgenossen aus verquollenen Augen an und brauchte nichts zu sagen, sein Blick und die Tränenränder unter den Augen verrieten ihn.
„Kopf hoch, großer Krieger“, sagte Sirius aufmunternd, „Wir verschwinden nicht für ewig und kehren bestimmt bald zurück. Abgesehen davon wissen wir überhaupt noch nicht, ob wir den Planeten verlassen können.“
Syrgon nickte und sein Blick wurde etwas heller.
Die beiden betraten als letzte die Station, die für Monate ihr Quartier geworden war und in der sie sich mittlerweile sehr gut auskannten. Es herrschte rege Betriebsamkeit und ein jeder versuchte sich einzureden, dass er was vergessen hat, letztendlich nur, weil er sich scheute den entscheidenden Schritt zu gehen und sein bekanntes Leben hinter sich zu lassen.
„So, Schluss jetzt“, wetterte Torus, „Ich denke mal, dass wir alle unsere Sachen beisammen haben und alles andere ne sinnlose Verzögerungstaktik ist. Also, los jetzt.“
Die Anderen fixierten ihn mit ihren Blicken.
Der Augenblick war gekommen.
Sie verließen ein letztes Mal die Station, bestiegen die Gleiter und gaben die Daten der auf der Rückseite gelegenen Station ein. Es dauerte einige Zeit bis die Navigationscomputer der Maschinen das neue Ziel erkannten und auch akzeptierten. Aber es klappte. Sie programmierten einen direkten Kurs ein und reduzierten die Höchstgeschwindigkeit auf ein erträgliches Minimum. Zwei der Gleiter waren nur mit einem Piloten besetzt und flogen gekoppelt, als eine Einheit. Sie mussten so nebeneinander fliegen, dass sie sich seitlich berührten und in jedem der Gleiter stand mit einem Bein der Mech. Eine der Flugmaschinen war nicht kräftig genug die hundert Tonnen Maschine zu transportieren.
Die Gleiterrechner protestierten anfangs, aber spuckten wenigstens den Wert für die Höchstlast aus, die auf 50,7 Tonnen begrenzt war. Nach einigem Grübeln und vielem Hin und Her, hatten sie den Entschluss gefasst, dass es das Beste wäre, zwei Gleiter miteinander zu verbinden und damit das zu tragende Gewicht zu halbieren.
Kira hatte wie immer ganze Arbeit geleistet. Sie hatte den Steuerungscomputern glaubhaft vermitteln können, dass es rechtens ist, was sie vor hatten und dass keinerlei Gefahr für das Fluggerät bestand, wenn beide Gleiter sich während des Fluges berührten. Abstriche musste sie jedoch bei der Geschwindigkeit machen. Die automatische Schließfunktion der Kanzel musste deaktiviert werden und somit auch die Geschwindigkeit herabgesetzt. Am Ende hatten die Gleiter und Kira sich auf 60 km/h geeinigt und schienen damit glücklich zu sein.
„Mehr kann ich beim besten Willen nicht tun“, hatte sie gesagt und die Arme in die Luft gehoben.
Die übrigen Gleiter wurden, wie schon erwähnt auf eben diese Geschwindigkeit programmiert und errechneten die Flugdauer.
Kira trommelte seitdem ungeduldig auf die Konsole. „Mann, das dauert“, herrschte sie in die Runde.
„Bleib doch ruhig. Du scheinst es ja auf einmal mächtig eilig zu haben“, merkte Pedro an.
Sie drehte sich zu ihrem Bruder um. „Ist doch wahr. Es kann doch nicht so schwer sein, ein paar lumpige Daten zu korrelieren.“
Pedro blickte auf die Anzeige und machte große Augen. „Ach du Schande. Schwesterlein, das wird dir jetzt nicht gefallen.“
Kira drehte sich abrupt zur Anzeige und erstarrte. „WAS? Acht Stunden Flugzeit?“
„Die Höchstgeschwindigkeit kann bei den momentanen Witterungsverhältnissen auf der Planetenrückseite nicht bis zum Schluss konstant gehalten werden. Wir fliegen am Ende nur noch mit 20 km/h“, erklärte Pedro an Stella und Cyron gewandt.
„Also ne Blumenpflücktour ohne Blumen“, sagte der Tigerkater entgeistert. Er schaute auf die Borduhr: „Wir haben es jetzt 11.10 Uhr, wenn ich die Reisezeit dazu rechne, komme ich am Ende auf 19.10 Uhr. Na ja, hätte schlimmer kommen können.“
Kira schaute aus der Kanzel und orientierte sich zu den Anderen. Sie hob den Daumen nach oben und die anderen Piloten bestätigten ihre Geste.
„Wamanos“, sagte sie und aktivierte die automatische Steuerung.
Der Gleiter erhob sich und folgte einer Schneise durch den Wald, die anderen Fluggeräte folgten ihr.
„Vielleicht hätten wir den Roboter hier lassen sollen“, sagte Kira plötzlich.
„Lieber nicht oder weißt du ob wir den eventuell nicht doch noch brauchen?“, entgegnete Stella.
Kira schüttelte mit dem Kopf.
„Wir haben alles maximal ausgenutzt. Zwei Gleiter mit je einem Piloten, einem Passagier und dem Mech und einen Gleiter mit den restlichen sieben Chafren. Wir haben zwei Gleiter bei Felgan stehen gelassen, zwei weitere stehen noch in der Basis und dazu gibt es auch die vier eingewiesenen Piloten. Damit ist die Versorgung aller gewährleistet“, gab Finlay zu bedenken.
Sitara nickte und schmiegte sich an seine Schulter.
Syrgon und Torus flogen die anderen Gleiter und es klappte alles hervorragend. Nach anderthalb Stunden hatten sie die Grenze des Waldes erreicht und vor ihnen lag die Weite des genroischen Ozeans.
„Der Anblick ist überwältigend“, flüsterte Tarja, „Ich glaube, dass hier noch niemand vor uns war.“
In der Luft flogen unzählige Vogelarten und hin und wieder sah man im Wasser große Fische auftauchen und wieder verschwinden.
„Tja, meine Lieben. Der Anblick wird uns für immer in Erinnerung bleiben. Genießen wir also für die nächsten guten vier Stunden den Anblick von Wasser“, intonierte Diana.
Nach zwei Stunden Flugzeit hatten dann aber alle genug von dieser Ansicht und wollten endlich wieder festen Boden unter die Füße bekommen.
„Mann, ist das langweilig“, grollte Syrgon über Funk.
„Halte durch, wir haben es bald geschafft“, beruhigte ihn Torus.
Ihre Flugkünste waren perfekt und der Mech stand felsenfest auf den beiden Gleitern. Nach einer weiteren Stunde trübte sich der Himmel ein und es begann zu regnen.
„Leute, wir kriegen früher oder später ein ernstes Problem“, sagte Torus plötzlich.
„Was ist los? Wieso das?“, fragte Diana.
Die Antwort kam sofort von Kira: „Die Kanzeln der Gleiter sind offen und der Regen lässt die Sitzräume volllaufen.“
Diana schlug sich vor die Stirn: „Au verdammt. Da hätte ich auch selbst drauf kommen können. Er hat recht, dass wird sehr schnell ein Problem werden.“
„Ja, vor allem, wenn man bedenkt, dass sich das Gewicht der Gleiter nicht nur erhöht, sondern ab einer gewissen Überladung, diese dann die Grätsche machen.“
Sie warfen sich sorgenvolle Blicke zu.
„Syrgon, schau mal nach was auf dem Display bei dir steht. Wie hoch ist die momentane Zuladung?“, fragte Kira den Wolf.
„Liegt jetzt noch fünfhundert Kilogramm unter der Maximalgrenze.“
Kira schaute auf die Entfernungsanzeige, die Flugdauer und die momentane Geschwindigkeit. Sie verglich die Daten und tippte alles in ihren Laptop ein. „Wir müssen auf Risiko gehen und die Geschwindigkeit um 20 km/h erhöhen. Ich habe ausgerechnet, um wie viel sich die Zuladung pro Minute erhöht und das ins Verhältnis gesetzt zur momentanen Geschwindigkeit. Wenn wir verhindern wollen, dass wir Torus und Syrgon verlieren, dann müssen wir schneller werden.“
Cyron nickte. „Okay, sieh zu, dass du den Rechner überreden kannst auf 40 km/h zu gehen, selbst wenn wir den Mech verlieren.“
Die Luchsin verband ihren Laptop mit der Konsole und fing an, die Tastatur zu quälen. Nur fünf Minuten später spürte man deutlich, dass sie schneller wurden.
„Ausgezeichnet“, lobte der Tiger, „Jetzt müssten wir es schaffen. Wir haben jetzt noch eine Stunde Flugzeit vor uns, wenn ich die Geschwindigkeitserhöhung mit einrechne.“
„Mehr können wir nicht tun. Also hoffen wir, dass es klappt.“
Der Mech stand nicht mehr so stabil wie vorher und die beiden Gleiter ließen sich nur sehr schwer beherrschen. Syrgon und Torus gaben alles und schonten ihre Kräfte nicht. Der Wind peitschte in ihre Gesichter, nahm ihnen zwischenzeitlich die Sicht und riss an den Gleitern. Aber sie schafften es.
Nach vierzig Minuten erkannte man in der diesigen Luft die Umrisse der Stationsplattform, hoch in der Luft. Nach weiteren zehn Minuten erkannte man die komplette Station und die Landmasse auf der sie stand. Nach weiteren fünf Minuten, versagte die Steuerung von Syrgons Gleiter. Er begann zu schwanken. Die Zuladung hatte die kritische Grenze erreicht. Torus merkte es, steuerte gegen und hielt den Kontakt zum Gleiter des Wolfs.