AUFKLAERER (2) - Ger

Story by Kranich im Exil on SoFurry

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TAGE IM JUNI

Aufklärer

- 2 -

JANNIK ABERG

Während sich beide auf den Weg zum Speisesaal machten, kam es Jannik so vor, als hätte das Durcheinander auf dem Schulgelände einen neuen Level erreicht. Überall drängten sich mit bunten Aufklebern und Fähnchen bewaffnete Schüler. Auf dem Schulhof hatte sich eine große Traube diverser Spezies gebildet und alle schrien wild durcheinander. Was da so von verschiedenen Seiten gebrüllt wurde, konnte er leider nicht verstehen.

Der Luchs und der Waschbär versuchten einen Blick auf das zu erhaschen, was sich im Zentrum der Traube abspielte. Währendessen zwängten sich ein Reh und ein Büffel durch die Reihen, beide mit je einer Kiste unter den Arm geklemmt.

»Da sind noch zwei!«, rief das Reh und deutete in eine Richtung.

»Und da fünf!«, antwortete der Büffel und zeigte in die andere.

Dann setzten sie sich wieder in Bewegung, kramten irgendetwas aus den Kisten hervor und klebten es den Gaffern auf die Brust. Der Büffel lief die Reihe entlang und hatte binnen fünf Sekunden alle Anwesenden mit bunten Aufklebern tapeziert. Sechs Sekunden später wurden auch Janniks Brust und die von Niklas damit geschmückt.

»Vielen Dank«, murmelte der Büffel beim Vorübergehen.

»Wofür?«, fragte Jannik und beäugte argwöhnisch den Aufkleber, der irgendein durchgestrichenes Insekt mit rotem Kreis rundum zu zeigen schien.

»Dafür, dass ihr weder Geweih noch Gehörn tragt«, kam die Antwort.

Dann war es also kein Insekt sondern ein schlecht gezeichnetes Geweih.

Jannik glotzte den Büffel an. Erst jetzt bemerkte er, dass dieser keine Hörner hatte, was irgendwie seltsam war. »Okay. Gern geschehen. Glaub ich.«

Dann fuhr das hornlose Rindvieh fort, weitere Schüler zu bekleben, die sich heute dafür entschieden hatten, ihre Geweihe oder Hörner zuhause im Schrank zu lassen. Etwa Otter oder Zebras.

Ein lautes elektronisches Pfeifen verkündete, dass jemand nicht mit dem Audioequipment umgehen konnte und dass gleich eine Ansage mit Lärmfaktor folgen würde.

»Zu lange schon wurden unsere geweihundodergehörntragenden Kameraden verfolgt, missbraucht und gedemütigt«, hieß es. »Das Geweihundodergehörn stellt ein kulturelles Unterdrückungssymbol dar, mit dem die Eliten ihre metaphorisch-phallische Macht demonstrieren, um ein Klima der Vergrämung, Angst und Dominanz zu erzeugen! Als Symbol für die Jagd und den Jäger stellt das Geweihundodergehörn ein Mittel der Oppression, Gewalt und Ausnutzung dar, nicht nur derer, die selbst Geweihundodergehörntragende sind, sondern auch derer, die es nicht sind!«

Der Schreihals am Mikrophon entpuppte sich als eine Kuh, die ebenso ein markant fehlendes Gehörn aufwies.

Sie kletterte auf einen Tisch und riss die Hufe in die Höhe. »Darum müssen wir fordern, dass das Geweihundodergehörn seinem Machtpotenzial beraubt wird, damit Geweihundodergehörntragende nicht länger unter der symbolischen, elitären Unterdrückung stehen, die sie zur Konformität, Teilhabe und damit zur Mitschuld zwingt! Und auch alle Nicht-Geweihundodergehörntragenden dürfen nicht länger von stereotypen Geweihundodergehörndarstellungen eingeschüchtert und verstört werden!«

Hinter dem Tisch waren einige weitere Schüler in Stellung gegangen — Hirsche, Antilopen, Stiere, Widder — alle ebenfalls ohne Kopfschmuck. Dafür trugen sie aber rosa Shirts, blaue Shorts und gelbe Armbänder.

»Also fordern wir jeden Einzelnen von euch auf, ›Nein‹ zum Geweihundodergehörn zu sagen und in einem Akt der Befreiung eure Geweiheundodergehörne abzulegen, um der Unterdrückung die blanke Stirn zu bieten! Des Weiteren fordern wir, dass das Geweih der Statue am Schultor entfernt wird, damit diese fetischistische Ikone der Oppression nicht länger unsere Kameraden ängstigen kann!«

Neben Jannik stand Herr Bluhm, das Faultier, der sich leise schmunzelnd seine Brille zurechtrückte und seelenruhig an seinem längst kalten Kaffee nippte. Auf seiner Brust und seinem Rücken klebten diverse Abzeichen. Anscheinend war er nicht schnell genug gewesen, um sich gegen das Tapezieren wehren zu können.

»Wer ist der Schreihals?«, fragte der Luchs den Lehrer. »Geht sie hier zur Schule?«

»Ging«, antwortete Herr Bluhm nach einem kurzen Moment des Schweigens und nahm noch einen Schluck Kaffee. »Sie hat vor fünf Jahren ihren Abschluss gemacht, kommt aber immer mal wieder vorbei, um für irgendwas zu protestieren. Oder gegen irgendwas. Ich glaub, sie ist arbeitslos.«

»Zeit, sich gegen die Unterdrückung auszusprechen!«, rief die Kuh, sprang vom Tisch und drückte wahllos Schülern das Mikrophon ins Gesicht, denen sie dann unter inbrünstigem Starren irgendwelche Phrasen aus den Rippen leierte.

Sie presste Keyon das Mikrophon an die Backe, als erwartete sie, dass er es fraß. »Und?! Wie sind Geweihundodergehörne?!«, verlangte sie zu wissen.

Keyon starrte sie an. »Äh, Hörner sind — groß?«

Sie drehte sich zur Menge. »Genau! Geweihundodergehörne sind groß und symbolisieren die phallische Macht der Eliten, welche sie sich unrechtmäßig aneignen, um die Schwachenundodernichtgeweihundodergehörntragenden zu unterdrücken!«

Das Ganze ging eine Weile so weiter. Janniks Magen meldete lautstark, dass er immer noch hungrig war.

Der kleine Luchs befürchtete, dass die Kuh das gehört hatte, denn plötzlich klebte auch ihm das Mikrophon im Gesicht. Er glotzte das bunte Rindvieh an, das erwartungsvoll zurückglotzte.

»Darf ich fragen — «, meldete er sich kleinlaut und zupfte an seinem Shirt. Er interpretierte das hypnotische Starren als Ja. »Darf ich fragen, [i]wie[/i] Geweihe andere Leute unterdrücken?«

Das Starren wurde intensiver. Er hatte keine Ahnung, ob seine Frage gut oder schlecht gewesen war.

»Das Geweihundodergehörn unterdrückt uns alle auf subtile und symbolische Weise!«

»Aber wenn es eine symbolische Unterdrückung ist, dann ist es doch keine echte Unterdrückung.«

Falsche Antwort. »Du bist ein Agent der Unterdrücker!«, rief sie in die Menge und zeigte auf den kleinen Luchs.

Er protestierte: »Aber ich habe nicht mal ein Geweih!«

»Du hast ein mentales Geweihundodergehörn, mit welchem du uns alle unterdrückst!«

Jannik beschlich der leise Verdacht, dass sie eventuell etwas durchgeknallt sein könnte. Aber er wollte nicht schon wieder vorschnell urteilen.

Sie ließ das Mikrophon zu Niklas wandern, dessen Augen sich weiteten und der sich nervös in der Menge umsah.

Die Kuh räusperte sich, als seine Antwort auf sich warten ließ und die anderen Geweihundodergehörnlosen verschränkten erwartungsvoll ihre Arme.

»Ich finde«, sprach Niklas zögerlich, »dass ein Hirsch ohne Geweih irgendwie ziemlich dämlich aussieht.«

Dass das keine gute Antwort war, konnte man am schwarzen Rauch erkennen, der hinter der Kuh aufstieg, während sich unter ihr die Pforte zur Hölle öffnete, die rosa-blaue Flammen spie.

Jannik und Niklas zogen aus Furcht ihre Köpfe ein, denn die Kuh könnte auf die Idee kommen, dem Grünzeugkonsum abtrünnig zu werden und ihnen die Kehle durchzubeißen.

Dabei wurde sie jedoch vom Getöse eines Nebelhorns unterbrochen.

»Geweihe stehen für Freiheit und das Recht auf Selbstbestimmung!«, brüllte ein Hirsch, während ihn seine Anhänger anfeuerten.

Grimmig wandte sich die Kuh ihnen zu und man konnte fast glauben, sie versuchte die neu eingetroffenen Rivalen mit ihrem Feuerblick in Flammen aufgehen zu lassen.

»Tragt euren Kopfschmuck mit Stolz, denn nur so könnt ihr den Unterdrückern und Verfolgern Einhalt gebieten!«, rief der Hirsch und warf seine Hufe in die Höhe. »Jene, die das Abwerfen unserer Geweihe fordern, sind die wirklichen Unterdrücker!«

Statt kunterbunter Tracht trug seine Fraktion eine Kluft aus waldgrünen Shirts, Cargoshorts und Pilotenbrillen. Das schlimmste für die Kuh war aber sicher das breitbeinige Zurschaustellen ihrer unverkennbar vorhandenen Geweihe.

Die Kuh kletterte wieder auf ihren Tisch. »So sehen sie aus, die Agenten der Oppression! Die morallosen Missetäter, deren einziges Ziel es ist, durch das Zurschaustellen phalloanaloger Machtsymbole Angst zu verbreiten!«

Der Hirsch kletterte auf einen zweiten Tisch. »Ein Körperteil ist kein Symbol, sondern Teil eines jeden Individuums! Lasst euch nicht eure Freiheit nehmen und tragt euer Geweih wie eine Krone, von Mutter Natur verliehen! Ihr Glanz wird die Unterdrücker blenden! Ich poliere mein Geweih drei Mal am Tag!«

Wahrlich, dieser Glanz. Er musste der Kuh in den Augen brennen.

»Jedes Wort aus dem Mund eines militanten Geweihundodergehörntragenden schürt Angst und Hass!«, kreischte sie. »Jene Angst und jener Hass, die Schwacheundodernichtgeweihundodergehörntragende im Symbol des Geweihundodergehörns spüren können!«

»Die Antigeweihfaschisten wollen uns bloß dominieren, weil ihr eigener Kopfschmuck mickrig ist und nicht senkrecht steht!«, konterte der Hirsch.

Und irgendwann ging der Schulhof in Flammen auf.

Jannik kratzte sich am Kinn. Niklas am Ohr.

»Ich habe Hunger«, meinte der Waschbär. Der Luchs stimmte mit knurrendem Magen zu und beide suchten den Weg in die Kantine.

Aus dieser kam ihnen Kai entgegen, der sich scheinbar auch am Gegenprotest beteiligte und sein Geweih nicht abgesetzt hatte. Auf seiner Brust prangte ein Aufkleber mit glitzerndem Geweih, auf seiner Stirn einer mit durchgestrichenem. Der Stirnaufkleber schien ihm aber mit etwas mehr Nachdruck verliehen worden zu sein, denn er besaß die Form eines Knäuels.

Kai wandte sich den beiden beim Vorbeigehen zu und deutete auf den Speisesaal. »Da würde ich jetzt nicht reingehen.«

Jannik und Niklas wechselten verwunderte Blicke. Jannik prüfte den Onlinestundenplan. Dort tauchte in mehreren Kommentaren das Wort »Tod« unter der Mittagspause auf. Aus dem Speisesaal konnte man dumpf rhythmische Trommelschläge hören und dazu passend manischen Sprechgesang. »Tod. Tod. Tod. Tod. Tod.«

Vielleicht handelte es sich um eine illustre Probe des Theaterclubs. Wer konnte schon sagen, was sich der Club-Präsident, Kater Noah, wieder tolles hatte einfallen lassen.

Die Stimmung im Saal konnte man durchaus als theatralisch bezeichnen und ganz hinten, direkt vor der Essensausgabe, befand sich auch besagter Kater. Mit dicken Seilen an eine Säule gefesselt, ein Poster mit der Aufschrift »Mörder« auf der Brust und zu beiden Seiten zwei Wildschweine in roten Hoodies, bewaffnet mit Maschinengewehren.

Davor sprang ein drittes Schwein umher und stimmte die Gruppe zur kollektiven Gesangsprobe ein. »Tod. Tod. Tod. Tod. Tod.«

»Die Kantine serviert Tod!«, rief das Oberschwein und deutete auf Kantinendame Hubert, die nervös an ihrer Schürze zupfte und hinter einer Salatplatte in Deckung ging.

Oh je, dachte Jannik. Es war das Schwein, das vorhin sein Kondom abbekommen hatte.

»Unschuldige Tiere werden ermordet, zu kleinen Portionen zerhackt und dann auf Teller geworfen, damit sie hier gefressen werden!«, grunzte es wütend. »Ihr seid selbst Tiere! Wie könnt ihr teilhaben an einem solch perfiden, kannibalistischen Gemetzel?!«

Janniks Bauch knurrte grantig. Er wollte doch einfach nur was essen.

Noah wurde ein Waffenlauf gegen den Kopf gedrückt. »Was hast du dazu zu sagen, Schlächter?«

Der Kater räusperte sich. »Also ich würd mal sagen, die Beleuchtung hier ist suboptimal. Da hättet ihr die Oberlichter etwas mehr öffnen sollen. Und was soll das überhaupt für 'ne Farbkombi eurer Klamotten sein? Rot und Braun? Was soll denn damit ausgesagt —«

Er konnte nicht aussprechen, denn da wurde der Abzug betätigt. Statt eines lauten Knalls erklang aber bloß ein schmieriges Flutschgeräusch und Noahs Gesicht wurde mit dunkelbraunem Schleim bedeckt.

Sieh an, die hatten Wasserpistolen zweckentfremdet. Nur Wasser war keins drin.

»Bratensoße!«, brüllte das Schwein. »Sie ist das Zeichen des modernen Kannibalismus! Des Vetternmordes! Sie wird an allen von euch haften! Und den Gestank werdet ihr nie wieder aus dem Fell bekommen! Jetzt legt eure mörderischen Sitten ab oder lebt mit den Konsequenzen! Dem Gestank, mein ich!«

»Aber ich bin Fleischesser!«, rief ein Marder.

»Bekenner!«, zischte das Schwein. »Nur weil die Natur dich zum Verzehr von Fleisch getrieben hat, heißt das nicht, dass du es auch tun musst! Wenn es nach der Natur ginge, würdest du nackt rumlaufen und ins Wohnzimmer kacken!«

»Und was sollen wir deiner Meinung nach machen? Verhungern?«, verlangte ein Panther zu wissen.

»Das oder ihr lernt, euch wie moderne Fellträger zu ernähren. Von fleischloser Kost. Von synthetischem Algenschinken, Analogsalami auf Kunstharzbasis oder Cabanossi aus Jutefaser!«

»Ich bin allergisch gegen Kunstharz und Jute!«, protestierte ein Wolf.

Prompt hatte er statt eines Arguments Bratensoße im Gesicht.

Das Schwein hatte Recht. Sie stank ziemlich übel.

»Wer von euch weigert sich noch, der Beihilfe zum Mord zu entsagen?«

Die Wildschweine luden nach und bewegten sich auf die Schülergruppe zu. Die Mündungen ihrer Soßengewehre wanderten über einige Fleischesser, die nervös ihre Köpfe einzogen.

Wieder meldete sich Janniks Magen zu Wort. Umgehend zeigten die Gewehrmündungen auf ihn. Verräter.

Nun schien das Schwein ihn auch wiedererkannt zu haben und auf dessen Gesicht breitete sich ein rachsüchtiges Grinsen aus.

»Hast du etwa Hunger?«, fragte es mit schiefem Lächeln und trat näher.

Jannik nickte zögerlich und schluckte.

»Und was wirst du essen?« Es riss erwartungsvoll die Augen auf. Seine Stoßzähne funkelten im suboptimalen Licht.

»Ähm —« Janniks Blick sprang hektisch umher.

Eines der Wildschweine legte einen Finger an den Hals und fuhr ihn drohend entlang. Ein Strich aus Bratensoße blieb zurück.

Jannik wich aus und starrte flehend die Kantinendame an. Diese hob vorsichtig die Pfote. »Wir haben noch leckeren Coco-Crunch-Kuchen.«

Ein Kantinenozelot meldete sich: »Kuchen ist aus.«

»Oh«, entgegnete sie. »Wir haben noch leckeren Rosenkohl und Spinat auf Algenbasis.«

»Dem fehlt aber Salz. Das ist auch aus.«

Alles war aus.

Die Tür des Speisesaals flog krachend auf. Jannik dankte den Göttern für seine Rettung. Nur mussten es Rachegötter gewesen sein, denn die bunte Schreikuh und Gefolge kamen hereinmarschiert.

Sie blieb inmitten des Saals stehen, erblickte Jannik, zeigte auf ihn, setzte das Megaphon an und schrie: »Agent der Unterdrückung! Ich weiß jetzt alles! Und jeder wird es erfahren!«

Gut zu wissen, dass sie immer noch gut drauf war und so durchgeknallt wie zuvor.

»Stopp!«, sprach das Oberschwein und sprang auf. »Er gehört mir!«

»Was wirfst du ihm vor?«, fragte die Kuh.

»Fleisch fressen!«

Die Kuh hob die Augenbrauen. Das schien ihr eine Spur zu beknackt zu sein.

Sie wandte sich wieder dem Luchs zu und trug stattdessen ihre Anklage vor.

»Dieser Luchs ist ein Gehilfe beim Verbreiten von Unterdrückung! Seine Mutter ist eine entartete Künstlerin, die Skulpturen aus Geweihen anfertigt! Eine dreiste Glorifizierung des phallozentrischen Machtfetischismus!«

Das Schwein legte die Stirn in Falten und es schien, als versuchte es zu enträtseln, von welchem Krankheitserreger die Kuh gerade faselte.

»Baden wir ihn in Bratensoße?«, fragte es kurzerhand.

»Ich hatte vor, ihm Sticker ins Gesicht zu kleben, aber Bratensoße klingt viel besser!«

Nach dieser Übereinkunft hoben beide ihre Köpfe und starrten grinsend auf den kleinen Luchs. Mit großen Schritten und den Soßengewehren im Anschlag kamen sie auf ihn zu.

Jannik wurde immer kleiner.

Niklas hob die Hand und deutete auf das Schwein. Über die Geste verwundert hielt es inne, als hätte der Waschbär gerade ein Kraftfeld errichtet. Er brummelte nachdenklich und zeigte auf das Schweinsgesicht.

»Sind Stoßzähne nicht auch irgendwie Machtsymbole?«, überlegte er.

Die Augen der Kuh weiteten sich und ihre Lippen bewegten sich nachdenklich nach oben, während sie die Hauer des Schweins inspizierte. Man konnte förmlich hören, wie der Gedanke hinter ihrer Stirn arbeitete.

»Recht hat der Nicht-Geweihundodergehörnträger!«, verkündete sie pathetisch und ließ ihren Huf in die Luft wandern. »Wir müssen uns für alle Unterdrückten einsetzen, die von Geweihundodergehörnsowiehauerundoderreißzahntragenden dominiert und eingeschüchtert werden!«

Sie hatte damit wohl irgendeinen Zauber ausgesprochen, denn umgehend erschien ihr geweihundgehörnloses Gefolge, um den Schweinen beim Ablegen ihrer Hauer behilflich zu sein. Nur wussten diese die Hilfe scheinbar nicht zu schätzen und ein gewaltsames Hufgemenge folgte, bei dem in kürzester Zeit Teller, Stühle, Bratensoße und Kondome durch den Saal flogen.

Die ganze Kantine verwandelte sich in ein tosendes Durcheinander.

Jannik und Niklas nutzten die Unruhe, um sich zu verziehen. Jedoch verlor der Luchs den Waschbären irgendwo im Gedränge aus den Augen.

Jannik schaffte es geradeso den Ausgang zu erreichen und nicht von einem taumelnden Panda zerquetscht zu werden. Er blickte auf das Getöse im Speisesaal und zog sich grimmig am Wangenfell. Jedes Wildtiergehege war zivilisierter als diese blöde Schule.

Die Kantine hatte sich in einen Hexenkessel verwandelt. Er hoffte, Niklas hatte sich in Sicherheit bringen können. Aber so wie er den Waschbären kannte, hatte der sich sicher einfach durch die Reihen geschlängelt und saß bereits an irgendeinem Tisch in der Ecke und aß ein Stück Hackbraten, das er in seinem Rucksack versteckt gehalten hatte.

Janniks Magen meldete sich. Und die Pause neigte sich rasch dem Ende entgegen. Wo sollte er jetzt etwas Essbares auftreiben?

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Update 2020-04-10