Alte Fehden, neue Kriege -Revisited-

Story by elpoyodiabolo on SoFurry

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Einige Jahre sind vergangen und der Große Khan blickt auf seine Herrschaft zurück und auf die Zukunft seines Clans in Form seiner Töchter Amelia und Emily. Die Zeit ist schnell vergangen und bald werden die beiden sich ihre Partner suchen, wovon einer irgendwann der nächste Große Khan werden wird. Aber seine Sinnen wird jäh unterbrochen, als seine Grenzwachen einen gefangen Jaguar in den Thronsaal schleifen und vor seinen Füßen zu Boden werfen. Was der Fleckenträer zu berichten hat, wird die Grundfesten ihrer Gemeinschaft erschüttern. Ist der Große Khan in der Lage auch dieses Mal seine Gesellschaft zusammen zu halten, oder wird der seit über 200 Jahren bestehende Frieden zwischen den Tigern und den Pflanzenfressern entgültig zerrüttet.

Alte Fehden, neue Kriege ist sowohl der Titel des zweiten Buches, als auch der Titel der ersten Kurzgeschichte in diesem Buch und bildet den Auftakt zu einem kurzen aber sehr spannungsgeladenen Bogen, in dem die Tiger alles geben müssen um nicht am Ende alles zu verlieren.

Die komplete Überarbeitung dieses Buches wird in den nächsten Monaten auf dieser Plattform erscheinen.

Das Original kann hier nachgelesen werden: https://sofurry.com/s/eNb5kVMe


Es war Tradition bei den Tigern, dass der Große Khan sich jeden Tag einige Stunden Zeit nahm für die Anfragen und Belange seines Volkes. Nicht nur seines Clans, sondern auch die des Dschungels insgesamt. Auch wenn sich nie ein Pflanzenfresser freiwillig dem Tempel näherte, so gab es doch Möglichkeiten für die anderen Bewohner des Dschungels, ihre Sorgen an die Tiger weiterzugeben. Seine Krieger hielten Wache an den Grenzen ihres Reiches und wann immer Händler vorbeikamen, konnte sie mit ihnen sprechen, auch die Patrouillen, die den Dschungel auf den üblichen Pfaden durchstreiften, konnten jederzeit angesprochen werden. Diese Probleme, Ängste und Nöte wurden dann dem Großen Khan vorgetragen.

Es lag dann im Ermessen des Großen Khans, ob, und wenn ja, was er dagegen zu tun gedachte. Die meisten dieser Audienzen verliefen ruhig und gelassen, denn, sehr zu seiner Zufriedenheit, waren die meisten seiner Tiger ziemlich glücklich mit ihrem Los und auch die meisten Dschungelbewohner konnten sich nicht über ihr Leben unter den Tigern beschweren. Natürlich gab es gelegentlich kleinere Querelen und Streitigkeiten, die es zu schlichten galt, aber das Gros der Probleme löste sich in der Regel von selbst und ohne das Zutun des Anführers der Tiger.

Auch am heutigen Tag war es in der großen Halle, die der Große Khan als seinen Thronsaal nutzte, still geblieben, und so nutzte er die Zeit der Ruhe, um sein Leben Revue passieren zu lassen und über seine Entscheidungen nachzudenken. Tatsächlich hatte er dies in der letzten Zeit häufiger getan, denn er begann die ersten Anzeichen des Alters zu spüren, wie sie sich ganz langsam und heimlich in seinen Körper schlichen. Er war keineswegs alt oder gar gebrechlich, ganz im Gegenteil, er war nach wie vor ein hervorragender Kämpfer und ein starker, fähiger Herrscher, aber seine besten Jahre lagen nun hinter ihm.

Er musste Lächeln, er hörte sich schon an wie sein Vater, der immer in der Vergangenheit geschwelgt hatte. Dann erinnerte er sich, dass sein alter Herr gar nicht so viel älter gewesen war, als er friedlich entschlafen war. Auch wenn sie nun schon seit mehr als 200 Jahren in Frieden lebten, wurden die meisten Tiger nicht wesentlich älter. Es schien fast so, als wollte die Natur nicht, dass Raubtiere alt und grau wurden.

Eine Schande, wirklich, er wollte gerne noch eine Menge Zeit mit seinen Mädchen und seinen Frauen verbringen.

Seine Mädchen, genau. Die Jahre waren so schnell vergangen und seine Töchter waren vor seinen Augen in Windeseile aufgewachsen. Es kam ihm vor, als wäre es gerade erst gestern gewesen, dass sie als kleine Welpen im Arm ihrer Mutter gelegen hatten, und nun waren sie schon zu solch hübschen jungen Frauen herangewachsen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge dachte er an die Zukunft, wenn sie sich einen seiner Krieger zum Partner nehmen würden. Zum einen beneidete er die beiden Krieger, die die Ehre haben würden, denn sie würden wunderschöne, starke und willensstarke junge Tigerinnen zur Frau bekommen, gleichzeitig hatte er aber auch Mitleid mit ihnen, denn es wäre einfacher einen Sack voll Flöhe zu hüten, als diese beiden Wildfänge in Schach zu halten.

Während sie noch klein gewesen waren, hatten sie jedem unentwegt Streiche gespielt und im ganzen Tempel ihr Unwesen getrieben. Ständig hatten sie nur Unsinn im Kopf und waren praktisch immer auf der Flucht vor den Priesterinnen, ihrer Mutter und manchmal sogar vor ihm, was jedoch verständlich war, wenn man bedachte, dass sie den beiden Mädchen solch langweilige Dinge wie Manieren, Etikette und Geschichte beibringen wollten. Damals hatten sie sich immer beschwert, dass sie keine Prinzessinnen sein wollten, sie wollten Abenteuer erleben, Schlachten schlagen und nicht immer den ganzen Tag lernen. Es war ihnen damals egal gewesen, dass das Schicksal ihres Reiches irgendwann auf ihren Schultern ruhen würde, das war alles noch so weit weg und außerdem, ihr Vater war der Große Khan, warum sollten sie sich also darum kümmern, er würde schließlich immer da sein.

Da war es wieder, er würde eben nicht immer da sein…

Andererseits, wenn er ehrlich war, hatte er das damals auch geglaubt, überhaupt erkannte er so viel von sich selbst in ihnen. Lächelnd erinnerte er sich daran, wie er als kleiner Junge vor der Hohepriesterin weggelaufen war, weil er lieber das Jagen und Kämpfen lernen wollte, nicht wie man langweilige Politik machte und alte Riten durchführte. Auch wollte als kleiner Welpe nichts von der Verantwortung als Großer Khan wissen, dafür war sein Vater da, und er würde immer da sein… und dann war er nicht mehr da.

Er hatte den Thron Recht früh bestiegen, als sein Vater Recht unvorhergesehen an einem Fieber gestorben war. Er hoffte, dass ihm noch etwas länger blieb, um mit seinen Lieben zu verweilen.

Er lenkte seine Gedanken wieder auf seine beiden lieblichen Töchter. Schlussendlich hatten sie es, allen Widrigkeiten zum Trotz geschafft, sie zu zwei prächtigen jungen Frauen herangewachsen. Doch so anmutig und schön sie in ihrer Funktion als Thronfolgerinnen waren, so tödlich elegant waren sie als Kriegerinnen und so umsichtig und gewandt sie als Politikerinnen agieren, so ruchlos und effizient konnten sie als Anführerinnen ihrer Armeen sein.

Sein Blick wanderte zu seiner Rechten, wo Amelie, seine ältere Tochter und erste in der Thronfolge saß. Sie war nur wenige Minuten älter als ihre Schwester, aber es könnten auch Jahre sein, so sehr unterschied sie sich von Emily. Amelia war die ruhigere, methodischere der beiden. Sie kannte sich gut mit Politik, Diplomatie, Etikette und allem aus, was bei Hofe als notwendig erachtet wurde. Sie war zurückhaltender und vorsichtiger als ihre Schwester, hatte aber einen starken Willen und würde dereinst eine gute Herrscherin abgeben, dessen war sich der Große Khan sicher. In ihr sah er all das, was ihre Mutter zu einem so guten Gegenpart zu ihm gemacht hatte.

Dann ließ er seinen Blick zu seiner Linken schweifen, wo Emily saß, sein jüngerer Spross. Sie war das krasse Gegenteil ihrer Schwester. Sie war wild, ungestüm und energisch in allem, was sie tat. Sie zeichnete sich vor allem anderen im Kämpfen und Duellieren aus, niemand, selbst die körperlich überlegenen Tiger, konnten ihr im Sparring das Wasser reichen, aber sie war eine hoffnungslose Träumerin, die sich ständig nach Romantik und Abenteuer sehnte. Eines Tages würde sie einem seiner Krieger so dermaßen den Kopf verdrehen, dass dieser wahrscheinlich nie wieder geradeaus sehen würde. In ihr erkannte der Große Khan viele seiner eigenen Charaktereigenschaften.

Hinter Emily stand Pecada Dulce, die Mutter seiner Töchter, deren Hand auf der rechten Schulter der jungen Tigerin ruhte. Sie sah so stolz und stark aus, wie sie es immer gewesen war. Er liebte sie alle aus tiefstem Herzen und er würde ohne jedes Zögern alles aufgeben, wenn er dadurch sicherstellen könnte, dass ihnen kein Leid widerfahren würde. Er wollte sie für immer beschützen und behüten, aber ihm war bewusst, dass er sie bald würde loslassen müssen. Der Tag, an dem er sie nicht mehr zurückhalten konnte, rückte unaufhaltsam näher und wie jeder Vater fürchtete er sich davor.

Sowohl Amelia als auch Emily waren mittlerweile im fortpflanzungsfähigen Alter und bald würden sie sich einen Partner aus den Reihen seiner Krieger suchen.

Einen Partner, der im Falle seiner älteren Tochter der nächste Große Khan werden würde, wenn er schließlich vom Thron abdanken würde, denn den Traditionen sahen vor, dass nur ein männlicher Tiger den Titel des Großen Khans tragen durfte. Allerdings würde dieser Tiger nur dem Namen nach Khan sein, da seine Tochter, genauer gesagt Amelia, das eigentliche Oberhaupt des Stammes werden würde. Er hoffte, dass Amelia einen Partner finden würde, der in der Lage sein würde, diesen Spagat zwischen Schein und Sein zu schaffen und trotzdem noch immer für sie da war.

Er war unendlich stolz auf seine Töchter. Sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel, es gab keinen Streit zwischen ihnen und die enge Verbindung, die sie seit ihrer Geburt als Zwillingsschwestern hatten, verhinderte, dass sie jemals aufeinander neidisch waren; was jedoch nicht bedeutete, dass sie nicht in allem, was sie taten, in erbitterter Rivalität miteinander standen. Sie übertrafen sich gegenseitig und stachelten sich so zu immer größeren Leistungen an.

Sie waren so gegensätzlich und doch ergänzten sie sich perfekt. Der Große Khan hegte die leise Hoffnung, dass, wenn Amelia schließlich den Thron bestieg, Emily als ihre engste und treuste Beraterin immer an ihrer Seite stehen würde und sie aufeinander hören würden, wenn es darum ging, ihr Herrschaftsgebiet zu regieren.

Bis es soweit war, würde er der Große Khan bleiben, und er würde sein Volk und die Bewohner des Dschungels nach bestem Wissen und Gewissen führen.

Während der Große Khan noch seinen Gedanken nachhing, wurden am anderen Ende der Halle die großen Portaltüren aufgestoßen und er wurde recht unsanft aus seinen Grübeleien gerissen. Alle vier richteten ihre Aufmerksamkeit auf den Eingang der Halle und sahen, wie die Wachen ein zerschundenes und zerfleddertes Individuum in den Thronsaal schleppten. Es war eindeutig ein Jaguar, der da zwischen den beiden massigen Tigern hing und kaum mit ihnen Schritt halten konnte. Seine Neugier geweckt, richtete sich der Anführer der Tiger auf seinem Thron auf und hörte, wie seine Töchter neben ihm es ihm gleich taten.

Es war nicht unbedingt üblich, dass die Grenzpatrouille Gefangene machte, wenn einer der anderen Fleischfresser in ihr Gebiet eindrang, es war klar geregelt, dass solche Individuen an Ort und Stelle getötet wurden und ihr Kadaver in aller Regel zur Abschreckung an den Grenzen zur Schau gestellt. Deswegen war es doch eher selten, dass sie einen lebend fingen und in den Tempel schleiften.

Die Wachen zerrten den Gefangenen durch die Halle auf den Großen Khan zu und warfen ihn vor dem Thron auf den Boden, wo er vorerst schwer atmend liegen blieb. Zwei der Wachen richteten ihre Speere auf ihn, während die dritte vortrat und sein Knie vor dem Großen Khan und seinen Töchtern beugte, um ihm den gebührenden Respekt zu zollen.

„Großer Khan, Anführer, wir haben diesen Eindringling an der östlichen Grenze unseres Territoriums zusammen mit zwei anderen seiner Art aufgegriffen. Seine Begleiter haben uns sofort angegriffen und mussten getötet werden, dieser Jaguar war jedoch bereits schwer verletzt, bevor wir sie angetroffen haben und hat sich sofort kampflos ergeben. Da er sich nicht wehrte, haben wir beschlossen, ihn zum Verhör in den Tempel zu bringen.“

berichtete der Tiger mit fester an Autorität gewohnter Stimme und wartete auf die Reaktion seines Oberhauptes. Dieser nickte schließlich und bedeutete seinem Untergebenen, sich zu erheben.

„Habt Dank für euren Einsatz, wir werden uns anhören, was der Eindringling zu seiner Verteidigung vorzubringen vermag, bevor wir unser Urteil fällen. Ihr könnt wegtreten, kehrt zu eurem Trupp zurück.“

erwiderte der Große Khan, wobei sie eine gewisse Anspannung in ihm breit machte. Der Grenzer erhob sich derweil, nur um sich direkt darauf noch einmal zu verbeugen, bevor er auf dem Absatz kehrt machte und die Halle verließ. Den Jaguar beließ er in den fähigen Händen der Tempelwachen, unter den wachsamen Augen seines Anführers und dessen Töchter. Als er schließlich das große Portal am anderen Ende der Halle durchschritt, wurden die Doppeltüren hinter ihm geschlossen, und für einen kurzen Moment herrschte eine bedrückende Stille im Thronsaal. Einzige der rasselnde Atem des niedergeschlagenen Jaguars vermochte die das Schweigen zu durchdringen, während der Geruch von Blut und Schweiß die Luft schwängerte.

Der Große Khan beugte sich auf seinem Thron nach vorne und stützte sich auf seine Ellbogen, während er seine ganze Aufmerksamkeit auf den Gefangenen konzentrierte. Er beobachtete den einst mächtigen Krieger, dessen geschundener Körper schwer gegen die Multitude an Verletzungen zu kämpfen hatte.

„Erhebe dich, Klinge.“

befahl er schließlich und beobachtete genau, was der Jaguar tat. Dieser regte sich zwar, war aber nicht in der Lage, dem Befehl des Khans selbständig Folge zu leisten. Der Anführer der Tiger wartete einen Moment länger, bevor er seinen Befehl wiederholte.

„Steh auf, Klinge, wie der stolze Krieger, der du bist. Zeig meinen Töchtern, warum dein Stamm einst wie kein anderer für seine Fähigkeiten gefürchtet war.“

verlangte der Khan und der angeschlagene Krieger versuchte erneut, sich zu erheben. Erst nach einigem Straucheln gelang es ihm schließlich, zitternd vom Boden aufzustehen, aber konnte sich kaum aufrecht halten. Er schwankte stark von einer Seite zur anderen und drohte, wieder in sich zusammenzusacken, woraufhin der Khan den Wachen ein Zeichen gab und diese den Jaguar zwischen sich nahmen und aufrecht hielten. Trotz der Stabilisation durch die Wachen, wirkte er immer noch unstet auf den Beinen.

Als er dies sah schüttelte der Große Khan langsam und ungläubig den Kopf, aber noch bevor er etwas sagen konnte, platzte es aus seiner jüngeren Tochter heraus:

„Reiß dich gefälligst zusammen, Klinge, du stehst vor dem Großen Khan, dem Anführer der Tiger, dem unbestrittenen Herrscher des Dschungels, deinem Richter, Geschworenem und Henker, also zeig gefälligst etwas mehr Respekt …“

Weiter kam sie jedoch nicht, bevor ihr Vater ihr das Wort abschnitt und die Krallen ihrer Mutter sich in ihre Schulter bohrten. Emily knirschte daraufhin hörbar mit den Zähnen und legte ihre Ohren an, schluckte aber schließlich ihre Wut hinunter, bevor sie auch nur einen weiteren Kommentar abgeben konnte. Sie wusste, dass sie zu weit gegangen war, aber ihre Wut über den mangelnden Respekt, den der Jaguar an den Tag gelegt hatte, hatte sie übermannt noch bevor sie sich hatte zurückhalten können. Sie wusste, sie würde sich später eine Standpauke von ihrer Mutter anhören dürfen, darüber, dass eine junge Frau, selbst wenn sie die Prinzessin war und auch wenn sie recht hatte, sich manchmal besser ein wenig mehr im Griff haben sollte. Es war nicht die erste Standpauke dieser Art und es würde wahrscheinlich auch nicht die letzte sein.

Auf der anderen Seite des Throns saß Amelia und beobachtete den Gefangenen ruhig. Sie studierte den einst gefürchteten Feind, prägte sich seine Merkmale ein und wartete auf die Reaktion ihres Vaters. Dieser beugte sich auf seinem Thron weiter nach vorne und begutachtete die Wunden, die dem Jaguar zugefügt worden waren. Keine von ihnen war direkt tödlich oder wirklich schwer, aber es war eine große Anzahl und einige von ihnen waren entzündet. Die meisten dieser Wunden waren jedoch deutlich zu alt, um ihm von seinen Männern zugefügt worden zu sein. Schließlich richtete er sich wieder auf und sah in die Augen des Jaguars.

„Sag mir, Klinge, warum bist du so zugerichtet? Was hat dazu geführt, dass ein mächtiger Krieger wie du auf diese Weise niedergeschlagen wurde? Und was hat dich und deine Begleiter wider besseren Wissens dazu getrieben, gerade in unser Gebiet einzudringen?“

fragte der Anführer der Tiger und es war echte Neugier, die in seiner Stimme mitschwang. Er war bereit, Geduld mit dem Gefangenen zu haben, denn anscheinend war er wirklich körperlich am Ende. Es dauerte einen weiteren Moment, bis der Jaguar schließlich seinen Kopf leicht hob, und als er antwortete, war seine Stimme ein gebrochenes Flüstern, nur noch ein Schatten dessen, was sie für einen Jaguar seiner Größe sein sollte.

„Ne … nennt mich nicht so … Ich habe kein Recht, diesen Titel für mich zu beanspruchen. Unser Stamm ist zerbrochen und seine Überreste sind über das ganze Land verstreut. Es gibt nur noch wenige von uns und von dem Ruhm, den mein Volk einst für sich beanspruchte, ist nichts mehr übrig …“

flüsterte er und sein rasselnder Atem unterbrach häufiger seine Worte. Bevor er fortfuhr, schluckte er schwer und sah kurz zu einer der Wachen.

„Nachdem unser Stamm von euren Vorvätern aus diesem Land vertrieben wurde, mussten wir uns mit dem begnügen, was noch an Beute zu jagen war. Es war nicht viel, denn die Länder außerhalb dieses Dschungels sind nicht so reichhaltig. Schließlich mussten die Jaguare das Konzept eines großen Clans, der gemeinsam lebt und jagt, aufgeben und mit ihm die Traditionen, die wir über Generationen aufrechterhalten hatten.“

erklärte er und leckte sich über die Lippen, bevor er gefährlich schwankte, aber die Wachen hielten ihn weiter aufrecht. Es dauerte einen Moment, bis er sich wieder gefangen hatte und sich schwer auf eine der Wachen lehnte.

„Heutzutage jagen die Jaguare allein. Nur selten finden wir uns zusammen und verbringen Zeit miteinander, aber oftmals bleibt nicht viel mehr Zeit als ein kurzes, geteiltes Mahl und wenn sich die Gelegenheit bietet, versuchen wir unseren Fortbestand zu sichern. Aber … aber seit „sie“ aus den Bergen gekommen sind, ist auch dieses bisschen Zusammenhalt verloren gegangen, aus Angst, diesen Dingern zum Opfer zu fallen. Sie haben uns gejagt, uns an den Rand der Ausrottung getrieben.“

schloss er schließlich und ächzte. Der Große Khan, der die ganze Zeit über wirklich aufmerksam zugehört hatte, fuhr sich mit einer klauenbewehrten Hand übers Kinn und hob die Augenbrauen. Er gab einer der Wachen ein Zeichen, die daraufhin an einen der Tische ging und einen Kelch mit Wasser füllte. Als sie zurückkehrte, flößte sie dem Jaguar das Lebensspendende Nass ein, der es gierig trank. Derweil wartete der Khan und grübelte über das Gesagte. Erst als der Jaguar den Kelch geleert hatte und wieder aufnahmefähig war, wandte sich der Herrscher der Tiger wieder an ihn.

„Wer kam aus den Bergen? Wer lebt dort und jagt Raubtiere?“

Wollte der Große Khan wissen, aber der Jaguar schüttelte nur langsam den Kopf. Es wusste es nicht.

„Oh mächtiger Khan, ich kann es dir nicht mit Sicherheit sagen, aber sie sind eine neue Art von Raubtieren. Wir haben sie noch nie zuvor gesehen oder gegen sie gekämpft, aber diejenigen, die ich aus der Ferne mit meinen eigenen Augen habe sehen können, liefen auf ihren Hinterbeinen, wie wir alle, aber ihnen fehlte das Fell oder der Pelz. Sie trugen die Pelze der Beute, die sie töteten und das wenige an Haut, das ich sehen konnte, war ledrig und blass. Genaueres kann ich nicht sagen, Sire, die Kreaturen waren zu weit weg und sie ihnen zu nähern ist tödlich. Sie kämpfen aus der Ferne, ohne Ehre und Stolz. Sie benutzen Waffen, die Feuer und Donner spuken und einen ausgewachsenen Wasserbüffel mit einem Schlag töten können.“

erklärte er mit zitternder Stimme, aber dann sackte er wieder zu Boden, noch bevor die Wachen ihn auffangen konnten. Auf Knien kauerte er vor dem Thron des Khans, stützte sich auf seine Unterarme und wagte es nicht, seinen Kopf zu heben, um dem Anführer der Tiger in die Augen zu blicken.

„Mit diesen Raubtieren kann man weder argumentieren noch streiten, denn sie sprechen eine Sprache, die ich noch nie gehört habe. Sie töten völlig wahllos. Männer, Frauen, Kinder, Alte und Junge, Gesunde und Krüppel, es spielt überhaupt keine Rolle für sie. Sie kamen aus den Bergen, um zu töten. Sie jagen nicht, denn wer jagt, der isst seine Beute, aber sie, sie kommen nur, um zu töten; und jedes Mal, wenn sie sich von den Bergen herunterwagen, kommen sie weiter in den Dschungel und töten mehr.“

Seine Atmung kam mittlerweile mit großer Anstrengung und seine Stimme war rau und heiser, aber trotzdem fuhr er fort:

„Sie … sie fressen ihre Beute nicht einmal, sie häuten sie nur und nehmen ihre Zähne und Hörner und was weiß ich … Trophäen … kranke Trophäen, genommen ohne dass sie im ehrlichen Zweikampf verdient wurden … und jedes Mal, wenn sie ihren Anteil genommen haben, ziehen sie sich einfach wieder zurück in die Berge …“

fügte er keuchend hinzu, während er seine letzten Kräfte zusammennahm, um dem Großen Khan seinen Bericht zu erstatten. Schließlich hob er zitternd den Kopf, wobei der pure und unbändige Hass in seinen Augen stand, der selbst den Khan leicht zurückschrecken ließ.

„Wilde …“

flüsterte er noch, dann brach er schließlich regelrecht zusammen und blieb reglos auf dem Boden liegen. Für einen Moment herrschte wieder Stille im Saal und der Große Khan blickte weiterhin auf die bewusstlos am Boden liegende Raubkatze. Nachdenklich kratzte er sich am Kinn, bevor er sich langsam aufrichtete und auf seinem Thron zurücklehnte. Schließlich nahm er einen tiefen Atemzug und wandte sich an seine Wachen.

„Bringt ihn in den Kerker, aber behandelt ihn gut. Der Heiler soll sich um seine Wunden kümmern und gebt ihm etwas zu essen. Wer weiß, vielleicht werden wir ihn später noch brauchen.“

befahl er ruhig, wobei die Anspannung in ihm durchaus bemerkbar war. Die beiden Wachen verbeugen sich tief, bevor sie den Ohnmächtigen vom Boden hochheben und langsam aus der großen Halle schleppten.

Als sich die Portaltüren hinter den Wachen schlossen und der Große Khan mit seinen Töchtern und seiner Partnerin wieder allein im Thronsaal waren, legte sich eine bedrückende Stille über den Raum. Der Khan war tief in seinen Gedanken versunken und seine Begleiterinnen wussten es besser, als ihn jetzt zu stören. Er versuchte, sich einen Reim auf das zu machen, was der Jaguar ihm da erzählt hatte, war aber beim besten Willen nicht in der Lage dazu. Es machte einfach keinen Sinn, dass ein Raubtier ein anderes jagde nur um es zu töten, aber nicht um es zu fressen. Das mit den Trophäen konnte er zu einem gewissen Maße verstehen, aber warum dann das Fleisch zurücklassen?

Es war alles sehr bizarr, gleichzeitig glaubte er jedoch nicht, dass der Eindringling ihn angelogen hatte, das würde noch viel weniger Sinn ergeben, oder?

Sein Blick wanderte nach rechts, zu seiner älteren Tochter, die ebenfalls tief in Gedanken zu sein schien, sich in einer Imitation seiner eigenen Geste über das Kinn strich, während sie ihre Stirn in Falten warf und ihre Ohren nach hinten gelegt hatte. Er ertappte sich dabei leicht zu Lächeln und wollte ihr schon sagen, dass ihr die Falten nicht stünden, und dass sie noch viel zu jung war, um sich solche Sorgen zu machen, aber er hielt sich zurück; schließlich waren es genau diese Dinge, warum er seine Töchter bei den Audienzen dabei haben wollte, sie sollten lernen, was alles auf sie zukommen konnte, wenn sie erst die Geschicke ihres Volkes lenkten.

Er wandte sich in die andere Richtung und sah zu Emily und Pecada. Die beiden waren intensiv damit beschäftigt, sich gegenseitig Dinge zuzuflüstern, die er nicht hören konnte. Es störte ihn, wenn es Sachen gab, die er nicht wusste, oder nicht wissen sollte, vor allem wenn seine Geliebte einen so ernsten Gesichtsausdruck an den Tag legte. Er wartete noch einen Moment und legte dann ein verständnisvolles Lächeln auf, bevor er seine erste Konkubine ansprach:

„Möchtest du deine Gedanken mit mir teilen, Liebste?“

schnurrte er durch sein Lächeln und zwinkerte ihr dabei zu, daraufhin hellte sich sich der Gesichtsausdruck seiner Gefährtin nahezu augenblicklich auf. Sie drückte die Schulter ihrer Tochter noch einmal und ließ dann von ihr ab, um zu ihrem Anführer und Partner herüber zu kommen. Sie nutzte die wenigen Schritte, um ihre Hüften verführerisch zu wiegen und ihren eleganten Schwanz lasziv hin und her pendeln zu lassen. Sie wusste haargenau, wie sie den mächtigen Tiger auf seinem Thron auf andere Gedanken bringen konnte, als sie ihm ihre krallenbewehrte Hand auf die Wange legte und ihn sanft streichelte.

„Mein Liebster, das ist eine Sache, die nur eine Mutter und ihre Tochter etwas angeht.“

schnurrte sie leise und sah tief in seine Augen, wobei ihr Lächeln das eines Raubtiers war, das seine Beute im Visier hatte. Sie war verspielt und hungrig, und er wusste das.

„Mädchen müssen schließlich ihre Geheimnisse haben.“

fügte sie hinzu, während er seinen Kopf an ihre Hand lehnte und sie mit geschlossenen Augen anlächelte. Er hörte ihr zu und genoss den Kontakt sichtlich, bevor er schließlich leicht nickte und seinen Kopf wieder von ihrer Hand nahm.

„Ja, natürlich. Wo kämen wir denn hin, wenn wir Männer euch irgendwann noch ganz verstünden? Das wäre sicherlich der Untergang unserer Zivilisation.“

gab er heiter zurück, wobei er wirklich versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihn diese Geheimniskrämerei wirklich störte. Sie sahen sich tief in die Augen und begannen schließlich beide zu kichern, während Emily leicht errötete. Der Große Khan legte seine große Pfote auf ihre viel zartere und streichelte sie lächelnd.

„Alles ist gut, meine Liebe … aber das war gar nicht, was ich meinte.“

sagte er schließlich und wandte sich auch an seine Töchter.

„Was denken meine Mädchen über das, was der Jaguar uns erzählt hat? Ich brenne darauf, zu erfahren, was eure Gedanken zu diesem Dilemma sind.“

forderte er leise, aber aufmunternd und wartete auf die Eingaben seiner Töchter. Amelia war die erste, die sich äußerte. Sie räusperte sich leise und zog damit die Aufmerksamkeit der anderen auf sich. Sie sah ein wenig verunsichert aus, holte aber tief Luft und erhob ihre Stimme.

„Ich habe noch nie von einer Spezies von Raubtieren gehört, die nur zum Spaß oder als eine Art Wettstreit töten, worauf die Trophäen hindeuten. Alle Raubtierarten, die mir von den Priesterinnen beigebracht wurden, töteten immer nur, um ihr eigenes Leben zu erhalten oder zumindest zur selbstverteidigung, und selbst in diesem Fall würde ein Raubtier seine Beute nicht verkommen lassen, sondern so viel wie möglich fressen. Wir töten nicht für den Nervenkitzel, nicht einmal in den alten Kriegen haben wir das getan. Es ging nie um das Töten als Selbstzweck, es ging immer ums Überleben und um Nahrung.“

erklärte sie, während sie auf ihre Hände sah und den Kopf schüttelte.

„Ich kann dem Jaguar nur zustimmen, Wilde, unzivilisierte, primitive Wilde. Niemand, der auch nur das geringste Verständnis für Nachhaltigkeit oder Ehre hat würde nur um des Tötens willen töten.“

fügte sie hinzu, wobei sie zu ihrem Vater sah und das Unverständnis in ihrem Blick eindeutig war. Dieser nickte, dem würde auch er mit Sicherheit zustimmen. Anschließend drehte er sich zu Emily und seiner Gefährtin um. Seine jüngere Tochter hatte die Lippen zusammengepresst und nickte ebenfalls leicht.

„Dem stimme ich auch zu. Selbst in den schlimmsten Zeiten haben wir unsere Feinde nicht einfach nur getötet. Was mich aber noch mehr fasziniert, ist seine Beschreibung dieser fremdartigen Raubtiere. Kein Fell, blasse, ledrige Haut, und sie trugen die Felle und Häute ihrer Opfer. Ich habe noch nie eine Kreatur gesehen, auf die diese Beschreibung passen würde. Die wenigen pelzlosen Arten, die wir kennen, haben keine blasse Haut. Eine solche würde sich nur mäßig zur Tarnung eignen, außerdem ist eine helle Haut viel anfälliger gegenüber der Sonne. Im Hochgebirge, wo es weniger Vegetation gibt, da wäre die helle Farbe vielleicht besser zur Tarnung geeignet, dann würde wiederum aber ein Fell fehlen, um sie gegen die niedrigen Temperaturen zu schützen. Vielleicht nehmen sie deshalb die Felle ihrer Opfer, um sich selbst zu tarnen und zu schützen.“

erläuterte sie ihre eigenen Gedankengänge, die von ihrem Vater abgenickt wurden. Auch diesem Gedankengang konnte er guten Gewissens folgen. Seine Töchter würden gute Herrscherinnen abgeben, wenn sie so dachten und nicht einfach vorpreschten. Es war wichtig, einen Gegner zuerst zu verstehen, bevor man ihn bekämpfte. Schließlich wanderte sein Blick zu seiner Gefährtin, deren eigener Ausdruck verschlossen wirkte. Sie hatte ihre Ohren angelegt und wirkte bedrückt, aber sie wusste, dass er sie nicht so einfach davonkommen lassen würde, ohne zumindest einige ihrer Gedanken mit ihm zu teilen, und so nickte sie schließlich.

„All diese Annahmen sind richtig und wichtig, aber was wollen diese Neuankömmlinge schlussendlich? Wenn sie nur für den Nervenkitzel jagen, nur für den Sport, wenn sie Trophäen sammeln, um sich damit im Dschungel besser tarnen oder verstecken zu können, was wollen sie mit all dem? Der Jaguar hat berichtet, dass sie mit jeder ihrer Jagden ein Stück tiefer in den Dschungel eindringen. Sie drängen die Bewohner der Gebiete außerhalb unseres Territoriums zurück, nicht nur die Raubtiere. Wie lange wird es dauern, bis erst die Flüchtlinge und dann diese unbekannten Jäger in unser Gebiet eindringen? Wenn die Jaguare, die ausgezeichnete Krieger sind, sie nicht aufhalten können, wie können wir sie dann aufhalten? Er sagte, sie töten aus der Ferne mit Waffen, die Feuer und Donner spuken. Was können wir gegen eine solche Bedrohung ausrichten, wenn wir nicht einmal wissen, ob unsere Rüstungen ihnen standhalten? Wir brauchen mehr Informationen. Wir müssen mehr über diesen Feind erfahren, sonst könnte uns das gleiche Schicksal widerfahren wie den Jaguaren.“

sagte sie, wobei in ihrer Stimme Besorgnis und in gewissem Maße auch Angst mitschwang. Sie war jedoch nicht so sehr um sich selbst besorgt, sondern um ihre Liebsten, denn sie wusste, dass ihr Gefährte, sollte es zu einem Kampf kommen, an vorderster Front kämpfen würde, denn er war der Anführer ihrer Armee, und er würde von der Front her führen.

Besagter Gefährte nickte stumm. Ihre Gedanken waren auch seine Gedanken. Keiner von ihnen hatte je die Leiden des Krieges erlebt. Sie alle waren in der friedlichsten Zeit geboren und aufgewachsen, die der Dschungel je erlebt hatte. Seit über 200 Jahren hielt der Frieden zwischen den Pflanzenfressern und den Tigern nun schon. Der Pakt, der von ihren Vorfahren zuerst geschlossen und erst vor wenigen Jahren von ihm und den Pflanzenfressern dieser Generation erneuert worden war.

Friede und Wohlstand, wie er bisher einzigartig war, war die Folge dieses Abkommens, und doch, diese neue, noch unbekannte Bedrohung könnte diesen Frieden schneller beenden, als sie es sich je hätten vorstellen können.

Er atmete tief durch und lehnte sich gegen seinen Thron zurück. Seine Gedanken taumelten durcheinander und buhlten um seine Aufmerksamkeit. Was sollte er von all dem halten? Was würde er nun tun? Welche Möglichkeiten hatte er? Konnte er überhaupt etwas tun, oder waren ihm die Hände gebunden? Er legte die Fingerspitzen aneinander und lehnte seinen Kopf an die Wiege, die er gebildet hatte. Es gefiel ihm gar nicht, dass er die Antworten auf diese Fragen nicht kannte und im Moment auch nicht wusste, wo genau er nach ihnen suchen sollte. Mit geschlossenen Augen dachte er noch einen Moment länger nach, bevor er sich schließlich an seine Geliebte wandte:

„Es fällt mir nicht leicht das zuzugeben, aber wir werden warten müssen, bis unser … Gast … sich wenigstens etwas erholt hat, damit wir ihn noch einmal befragen können. In der Zwischenzeit werde ich die Hohepriesterin konsultieren. Verdoppelt die Grenzpatrouillen, ich will jederzeit Speere an jedem Eingang zum Dschungel. Niemand kommt hier rein, ohne dass wir es bemerken.“

beschloss er in ruhigem Ton und schloss noch einmal kurz die Augen, bevor er schließlich nickte, als wolle er sich selbst noch einmal in seiner Entscheidung bekräftigen. Dann sah er zu Pecada, die an ihren Platz, links hinter seiner jüngeren Tochter, zurückgekehrt war.

„Wirst du mich begleiten, Liebste?“

fragte er leise mit einem schmalen Lächeln und als sie ihm ebenfalls ein sanftes Lächeln schenkte, wandte er sich an seine Töchter:

„Und ihr beiden seid für heute von euren Pflichten entbunden. Kehrt zu euren Studien zurück. Ich werden nach euch schicken, sobald es Neuigkeiten gibt.”

erklärte der Große Khan und Emily wollte schon protestieren, aber die krallenbewehrte Hand ihrer Mutter, die auf ihrer Schulter ruhte, erinnerte sie einmal mehr daran, ihrem Vater in solchen Momenten nicht zu widersprechen. Sie hielt in ihrer Bewegung inne und nickte schließlich, bevor sie zu ihrer Schwester hinüber sah. Stillschweigend erhoben sich beide und kamen vor den Thron, wo sie respektvoll vor ihrem Vater und Herrscher niederknieten.

Wohlwollend und lächelnd legter er jeder von ihnen eine Pranke auf den Kopf und nickte.

„Erhebt euch, meine Kinder.“

flüsterte er und bedeutete ihnen, sich zu erheben, und sie erhoben sich auf unendlich elegante Weise von ihren Knien. Er nickte. Sie waren bildhübsch, wie ihre Mutter, und sie wuchsen viel zu schnell heran.

„Nun geht meine kleinen Teufelchen, ich werde nach schicken, sobald es etwas zu berichten gibt.“

Sein Lächeln wurde breiter und er scheuchte sie regelrecht weg, während sie sich verbeugten, um dann mit schnellen Schritten die große Halle zu verlassen. Die Portaltüren waren noch nicht verschlossen, da war ihr aufgeregtes Geplänkel schon zu hören. Schmunzelnd hob der Khan seine Hand an Pecadas Gesicht und streichelte sanft ihre Wange.

„Das geht mir alles viel zu schnell. Gestern waren sie doch noch kleine Kätzchen …“

murmelte er leise, gedankenverloren und Pecada hielt seine Pranke an ihre Wange und streichelte sie sanft. Sie liebte seine weiche Seite so sehr, und sie wusste besser als jeder andere, das seine harte und unnachgiebige äußere Schale nur eine Fassade für einen viel weicheren, entfindsameren Kern war.

„in der Tat, sie sind noch viel zu jung um deine Nachfolge anzutreten. Du darfst also noch nicht antreten, und sterben darfst du schon gar nicht. Ich werde das nicht zulassen, hast du mich verstanden?“

antwortete sie mit einer gewissen Heiterkeit, woraufhin ihr Geliebter schmunzeln musste.

„Wie ihr wünscht, meine Herrin.“

gab er zurück und deutete einen kleinen Kuss an. Er wusste, dass sie es nicht so meinte, aber er liebte sie für ihren erfrischenden Sinn für Humor, der ihn immer wieder aus seiner gedrückten Stimmung zu reißen vermochte. Sie blinzelte verspielt und sein Lächeln wurde wieder breiter.

„Willst du mir euer Geheimnis verraten?“

fragte er scherzhaft, wobei er die Antwort allerdings schon kannte. Er musste es dennoch probieren, aber Pecada schüttelte sanft den Kopf.

„Oh nein, mein Geliebter, dieses Geheimnis ist eine Sache die nur Emily und mich etwas angeht. Nicht einmal der Große Khan darf es wissen. Zumindest noch nicht.“

erwiderte sie und wackelte mit ihrem Zeigefinger vor seinen Augen, was den mächtigen Tigers zum Grinsen brachte und ihm ein tiefes guturales Knurren entlockte.

„Es besteht also die Seele Chance, dass ich es tatsächlich irgendwann erfahre …“

schlussfolgerte er, mehr zu sich selbst als zu ihr, aber er wusste, dass sie es sowieso aufgeschalnappt hatte. Und Tatsächlich beugte sie sich zu ihm herunter und küsste ihren geliebten Gefährten auf den Kopf.

„Mal sehen … Vielleicht …“

schnürte sie ihm bedeutungsvoll ins Ohr, bevor sie ihm einen weiteren Kuss auf die Wange drückte. Der Khan seufzte schwer.

„Wir sollten uns auf den Weg zur Hohepriesterin machen, ich habe das Gefühl, ich konnte heute noch etwas Neues lernen.“

sagte er schließlich und erhob sich langsam von seinem Thron.

Der Große Khan ging an der Seite seiner ersten Konkubine durch die verzweigten Gänge des Tempels. Er war tief in seinen Gedanken versunken und mehrmals ertappe er sich dabei, wie er immer langsamer wurde und schließlich sogar stehen blieb. Pecada, die immer an seiner Seite war, legte sanft ihre zarten Hände auf seine Schultern und kuschelte sich von hinten an ihn an. Sie legte ihren Kopf auf seine starke Schulter und kraulte ihn ein wenig am Hals.

„Worüber zerbrichst du dir den Kopf, mein Liebster?“

fragte sie leise und das Lächeln auf ihrem Gesicht war deutlich in ihrer Stimme zu hören. Sie war sich ziemlich sicher die Antwort bereits zu kennen, aber es war wichtig sie von ihm zu hören, und so murrte er leise und genoss für den Moment die Streicheleinheiten seiner Auserwählten, bevor er seinerseits seine Hand hob und sanft über ihre Wange streichelte.

„Ist es so offensichtlich?“

erwiderte er und dachte darüber nach, was er ihr antworten sollte. Pecada nickte sanft.

„Für jemanden wie mich, bist du ein offenes Buch, du kannst nichts vor mir verbergen …“

gab sie zurück und drückte sich näher an ihn heran.

„Ich bin besorgt. Wenn an dem, was dieser Jaguar erzählt hat, auch nur etwas Wahres dran ist, dann sind wir in großer Gefahr, und ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll.“

antwortete er schließlich wahrheitsgemäß. Die Gedanken in seinem Kopf drehten sich immer schneller um die Frage: Was wäre wenn? Was wäre, wenn der Jaguar recht hatte? Was wäre, wenn dieser bisher unbekannte Feind, während sie noch zögern, bereits seine Armeen musterte, um in ihr Territorium einzudringen? Was wäre, wenn sie ihnen wirklich so unterlegen waren, dass es nichts gab, was sie ihnen entgegenwerfen könnten? Was wäre, wenn der Jaguar sie dreist angelogen hatte, in der Hoffnung, seine eigene Haut zu retten?

Pecada spürte sein zweifeln, sein zögern und zog ihn feste gegen ihren eigenen Körper, spürte wie sich ihre Wärme mit der seinen vermischte, sie küsste ihn zärtlich auf den Hals und ließ ihre Hände über seine breite Brust wandern, bevor sie ihn mit all ihrer Kraft an sich drückte.

„Ich weiß, mein Schatz, aber noch sind wir nicht direkt in Gefahr, also entspanne dich, mein großer, mächtiger Häuptling, sonst sehe ich mich gezwungen, dich vielleicht auf eine andere Weise zu entspannen …“

flüsterte sie leise und verführerisch, während ihre Hände ihre Reise über seine muskelbepackte Brust fortsetzten. Der Große Khan schnurrte laut und lehnte seinen Kopf an den Ihren; nur allzu gerne hätte er sich hemmungslos ihren Ministrationen hingegeben, und sein Körper machte ihm auch bereits unmissverständlich klar, welche Wirkung ihre Berührungen ihr Duft und ihre Stimme auf ihn hatten. Sie hatte schon immer Mittel und Wege gehabt, um ihren Willen bei ihm durchzusetzen. Er atmete tief durch und entspannte sich sichtlich, bevor er sich langsam zu ihr umdrehte und in ihre wunderschönen, gelbgrünen Augen sah. Er lächelte sanft und berührte ihre Stirn zärtlich mit der seinen.

„Oh, meine liebliche Pecada, wie gerne würde ich dich jetzt in unser Quartier begleiten und den Rest des Tages dort verbringen, um auf die denkbar unanständigste Art und Weise mit dir zu spielen, bis unser beider Körper zu erschöpft sind um irgendetwas anderes zu tun als zu schlafen, aber leider müssen wir zuallererst die Hohepriesterin konsultieren.“

murrte er leise, während er sich sanft, aber voller Hingabe an ihr rieb. In Schaudern durchlief ihn, als selbst diese subtile Berührung ihm bereits ein solch intensives Vergnügen bereitete. Seine Partnerin lächelte und erwiderte die Geste, wobei sich ihre Atmung deutlich vertiefte und sie versucht war ihr Bein um die Taille des Großen Khans zu legen, konnte sich aber gerade noch zurückhalten. Sie schnurrte leise und ließ ihn nicht gehen, ganz im Gegenteil. Sie konnte gar nicht genug von ihm bekommen. Es stimmte, sie war nicht die einzige Konkubine in seinem Harem, aber da sie die Mutter seiner einzigen Kinder war, besaß sie gewisse Privilegien gegenüber den anderen Tigerinnen in seinem Harem, aber es machte ihr nichts aus, ihn mit ihnen zu teilen. Tatsächlich war es kein Problem, denn der Große Khan hatte es noch immer geschafft, alle seine Frauen glücklich und befriedigt zu halten, und manchmal waren sie auch ganz froh, wenn er sich nicht mit ihnen befasste. Pecada allerdings war schon immer etwas gieriger gewesen, wenn es darum ging, Zeit mit ihrem Gefährten zu verbringen.

Sie genoss es, seine Aufmerksamkeit ganz für sich allein zu haben, ihn mit nichts und niemandem teilen zu müssen, und wenn es nur dieser kurze, flüchtige Moment in den Korridoren des Tempels war. Sie genoss seine Berührung und seine Liebe, sein Verlangen und seine Lust, die er freigiebig mit ihr teilte, gleichzeitig wusste sie jedoch, dass er Recht hatte, dies war nicht der geeignete Moment um sich den Freuden des Fleisches hinzugeben, dafür würden sie Später noch genug Zeit haben, jetzt war die Zeit so viele Informationen wie nur möglich zu sammeln. Und so ließ sie widerwillig vom Großen Khan ab und gab ihm einen kleinen Kuss direkt auf seine große Nase.

„Du hast natürlich Recht, wie immer, mein Geliebter. Lass uns die Hohepriesterin befragen und so viel wie möglich erfahren.“

flüsterte sie leise, jedoch ohne den verführerischen Unterton aus ihrer Stimme zu verbannen und als letztes Zeichen ihrer Rebellion gegen die Aufgabe, die sich ihnen jetzt stellte, strich sie mit ihrer Hand zärtlich über das wachsende Zelt, das seine Männlichkeit mit seinem Gewand aufstellte. Ihr Partner sog gierig seinen Atem ein und erschauderte bei der Berührung. Sein Lächeln verriet, wie sehr er es genoss, auch wenn er es nicht direkt zeigen wollte. Nichtsdestoweniger liebte er ihre gerissene Art, wie sie es aller Widrigkeiten zum Trotz immer wieder schaffte, ihm zumindest ein paar Zugeständnisse zu entlocken. Auch dieses Mal war er im Grunde bereit, sie gewähren zu lassen, aber sein Pflichtbewusstsein ließ ihn stark bleiben und sich selbst zurückhalten. Zu viel stand für sie alle auf dem Spiel, selbst jetzt.

Und trotzdem kam er nicht umhin, ihre kleine, ungezogene Geste zu erwidern, und so ließ er seine Hände zuerst sanft über ihre Wangen und ihren Hals gleiten, was sie ihre Augen schließen und sachte seufzen ließ, und anschließend wanderten seine großen, starken Pranken zärtlich über ihre großen Brüste, wobei er eine von ihnen kurz umfasste und dabei beobachtete, wie sich ihre Gesichtszüge fast augenblicklich entspannten. Sie genoss seine Zuwendungen sichtlich und gab ihm ihre Zustimmung in Form eines gehauchten Stöhnens. Er konnte genauso schelmisch sein wie sie, wenn es darum ging, zu bekommen, was er gerade wollte, aber er hatte auch genug Disziplin, um innezuhalten und von seiner Geliebten abzulassen.

Auch wenn es ihn schmerzte, sich dem jetzt nicht hinzugeben, so zog er sich zurück und ließ Pecada den Raum zum Atmen und sah sie mit einem gewissen Funkeln in den Augen an, das mehr versprach, sobald die Zeit es zuließ. Schließlich nickten sie beide und wandten sich wieder dem Weg zu den Gemächern der Hohepriesterin zu. Mit neuer Energie und Elan schritt der Große Khan voran, je schneller er dies nun hinter sich brachte, desto schneller würde er sich gefälligeren Dingen widmen können.

Während in signifikanter Teil des Tempelkomplexes den Ritualen, der Priesterschaft und nicht zuletzt auch dem Großen Khan und seinem Harem vorbehalten war, so gab, gerade im hinteren Teil der Anlage ausgeprägte Baracken, die der Kaserne der Tiger angehörten. Früher, in der Zeit des große Krieges, war dieser Teil des Tempels sogar noch größer gewesen, aber seit die Tiger an das Abkommen und die darin vereinbarte „Mannstärke“ gebunden waren, war ein Großteil der Baracken zurückgebaut worden und die Streitkräfte der Tiger begnügten sich mit den schon immer vorhandenen Räumlichkeiten. Da immer etwa ein Drittel der Tiger auf Patrouille waren genügten die zwei großen Schlafsäle die noch vorhanden waren. Daran angegliedert waren die Rüstkammer und die Kammer des Hauptmanns der Wache.

Der Befehl des Großen Khans erreichte in diesem Augenblick eben jene Kammer, in der der Hauptmann der Wache residierte und über den Wachplänen brütete. Er war ein riesiger, massiger Tiger, dessen unzählige Narben aus ebenso vielen Kämpfen stammten und der für seine mürrische Art bekannt war. Der Bote, der im Auftrag des Khans den Befehl des Anführers, direkt aus der großen Halle gekommen war, übergab den Befehl mit einer kleinen, aber respektvollen Verbeugung an den Hauptmann. Dieser betrachtete das Pergament kurz, bevor tief Luft holte.

„Verdoppelung der Grenzpatrouillen? Speere an jedem Eingang zu unserem Gebiet? Was denkt er sich nur dabei?“

schrie er den Boten regelrecht an, der zwei Schritte zurückwich, aber ansonsten standhaft blieb. Die Augen des Hauptmanns schienen sich in den Boten zu bohren, während er mit den Kiefern mahlte und die Ohren anlegte. Jeder in der Wache wusste, wie jähzornig und impulsiv der Hauptmann sein konnte, und niemand wollte je auf der falschen Seite eines seiner Wutausbrüche stehen. Er war bekannt dafür, Dinge zu zerstören, wenn er wütend war, und das begrenzte sich nicht zwingend auf Gegenstände. Wäre der Hauptmann kein so ausserordentlich guter Kämpfer und ein ebenso natürlicher Anführer wie er selbst, hätte der Große Khan ihn wahrscheinlich schon vor längerem seines Postens enthoben, aber wie die Dinge standen, sahen sowohl der Khan als auch die Hohepriesterin über die Gelegentlichen Ausraster des Tigers hinweg.

Im Moment schritt er aufgeregt in seinem kleinen Quartier auf und ab, wie der eingesperrte Tiger, der er war und knurrte leise, während er unverständlich vor sich hin redete. Es dauerte eine Weile, in der er immer wieder an seinem Schreibtisch innehielt, einen Blick auf die Karten warf, Markierungen hin und her schob, nur um dann den Kopf zu schütteln und sein unruhiges Schreiten wieder aufzunehmen. Schließlich blieb er ein letztes Mal an seinem Tisch stehen und wandte sich dem Boten zu, der noch immer dort stand und auf eine Anweisung wartete. Er presste seine zerklüfteten Lippen zusammen und sah den jungen Tiger düster an.

„Ich werde mich darum kümmern. Geh und erstatte dem Khan Bericht. Seine Wache wird die Grenzen unseres Territoriums sichern und nichts wird sich hinein- oder hinausschleichen können, egal was auch passieren mag.“

knurrte er leise, und als der Bote sich nicht direkt rührte, setzte er nach:

„Willst du hier Wurzeln schlagen? Seh zu, dass du Land gewinnst, sonst wirst du gleich hier und jetzt zwangsrekrutiert!“

Nun sputete sich der Bote und verließ die kleine Kammer. Seine Schritte waren noch zu hören, als der Hauptmann sich mit der schwieligen Pranke übers Gesicht fuhr und noch einmal die Karte auf seinem Schreibtisch studierte. Sie würden sich verdammt weit verstreuen müssen, wenn sie eine Chance haben wollten auch nur ansatzweise die ganze Grenze abdecken zu wollen.

„Ich habe eindeutig zu wenige Krieger. Ich habe immer gesagt, dass wir mehr Tiger brauchen, aber auf den Hauptmann der Wache hört ja niemand. Jetzt haben wir den Salat. Verfluchte Pflanzenfresser …“

murmelte er und nahm einen weiteren tiefen Atemzug, bevor er sich an seinem Tisch vorbei schob, um sein Quartier zu verlassen und seine Krieger über die Lage zu informieren. Als er aus seiner Kammer in den Korridor trat, der ihn zu den Schlafsälen führen würde, zog er seinen Knüppel und ließ ihn an der Wand entlang gleiten. Das hohle Poltern, das mit jedem Aufprall auf einen neuen Stein entstand, begleitete ihn auf dem Weg zur ersten Tür. Als er schließlich vor der Tür stand, straffte er seine Haltung und atmete tief durch, bevor er die Tür kräftig aufstieß.

„In Ordnung, raus aus den Federn!“

brüllte er mit seiner besten Paradeplatz-Stimme in die Dunkelheit des Schlafsaals und weckte damit auch den Letzten der dort versammelten Tiger augenblicklich auf. Auch wenn der Raum fast vollständig im Dunkeln lag, konnte der Hauptmann sehr wohl sehen, wie seine Krieger reagierten. Die Wirkung, die sein Schrei auf die meisten Tiger hatte, war schon fast mit einem Reflex zu vergleichen: Sie sprangen aus ihren Kojen noch bevor sie richtig wach waren und standen am Fußende ihrer Britschen stramm. Der vernarbte Tiger nickte und grinste ein besonders schiefes Lächeln.

„Hergehört, meine kleinen Miezekätzchen, der Große Khan hat von einer großen Gefahr erfahren, die direkt vor unseren Grenzen lauert. Im Dschungel außerhalb unseres Territoriums lauert ein noch nicht näher identifizierter Feind, der seine Ziele aus der Ferne ausschaltet, und nimmt dann nur Trophäen mit. Dieser uns völlig fremde Feind treibt im Dickischt sein Unwesen und hat bereits die lokale Jaguarpopulation dezimiert, was uns zwar überhaupt nicht stört, aber er macht allem Anschein nach auch nicht vor den dortigen Pflanzenfressern halt. Im weiteren Verlauf, so schätzen wir, wird dieser Feind sich auch unseren Grenzen nähern und wird dann auch uns oder - mögen die Ahnen es verhindern - unsere Verbündeten Jagd machen.“

Der letzte Teil seiner Ansage triefte vor so viel Sarkasmus, dass selbst der Hauptmann sich ein kurzes Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Es war ein freudloses, brutales Lachen, aber er fing sich fast augenblicklich wieder und fuhr mit seiner Ansprache fort:

„Wir werden also unsere Grenzen sichern und alles Ungewöhnliche, das uns begegnet, direkt melden. Also, meine kleinen Killerkätzchen, macht euch bereit, wir ziehen in den Krieg! Wir rücken in voller Stärke und mit vollem Marschgepäck aus. Packt die Ausrüstung der anderen, die bereits im Feld sind, mit ein, wir haben keine Zeit zu verlieren.“

befahl er, wobei er seine Ansprache mit bösartigen Knurren unterstrich. Seine Augen funkelten im spärlichen Licht des Schlafsaals und sein vernarbtes Gesicht zeigte eine Fratze, die nur mit viel Fantasie noch als Lächeln zu identifizieren war. Die älteren Tiger, die schon länger unter dem Hauptmann dienten, wussten, dass er schon seit langem die Meinung vertrat, dass es schon zu lange keine echte Herausforderung mehr für die Tiger gab und dass er sich nach einem echten Konflikt sehnte. Für ihn waren die gelegentlichen Turniere und seltenen Kämpfe mit Eindringlingen nicht genug. Er brauchte einen echten Kampf, mit echten Konsequenzen, einen neuen Krieg.

Während der massige Tiger noch in der Tür stand und bereits über Strategien grübelte, begannen die Mitglieder der Wache bereits fieberhaft ihre eigene und die der anderen Tiger zu packen, die bereits im Feld waren. Er nickte zufrieden und deutete mit seinem Daumen auf die zweite Tür hinter sich.

„Und bitte, jemand soll den Rekruten Bescheid geben, was an der Tagesordnung steht. Wenn ich da jetzt reingehe, werden sich diese Weicheier nur wieder von hier bis Freitag in die Hosen scheißen …“

blaffte er und machte auf dem Absatz kehrt, um wieder zurück in sein Quartier zu stapfen. Er würde seine eigene Ausrüstung zusammensuchen und überprüfen. Allein der Gedanke daran, dass er endlich in den Krieg ziehen würde, machte ihn ganz kribbelig und er musste sich doch arg zurückhalten, nicht die ganze Zeit wie ein Wahnsinniger zu kichern.

Nachdem er all seine Ausrüstung und Waffen bereitgelegt und überprüft hatte, wandte er sich wieder den Karten zu. Die Notiz des Boten besagte, dass der Angriff höchstwahrscheinlich aus dem Nordosten kommen würde, er würde also diese Grenze am stärksten bewachen lassen. Es würde sinnvoll sein, einen vorgeschobenen Kommandoposten irgendwo zwischen dem Tempel und der Grenze einzurichten, um die Wege zwischen der Front und dem Hauptquartier kürzer zu halten und damit schneller reagieren zu können. Er studierte die Karten und markierte sich einige Stellen, die für einen Kommandoposten in Frage kämen und zog Marschrouten zu den Stellen, an denen ein Überfall am Wahrscheinlichsten sein würde. Er arbeitete noch mehrere Stunden an seinen Plänen, schickte einige seiner Rekruten aus, um mit den Quartiermeistern Rücksprache zu halten, was möglich war und was nicht, bevor er sich auf einen Plan entschied.

Abseits des geschäftigen Treibens in der Kaserne hatte der Große Khan sein Ziel erreicht. Er stand vor der großen, roten Doppeltür, die zu den Ritualkammern der Priesterschaft führte. Sie wurde von zwei Mitgliedern der Ehrengarde bewacht, damit sich niemand unbefugt Zugang zu den Heiligtümern des Tempel verschaffen konnte. Es waren große, statuesque Tiger, deren makellose Körper mit rituellen Bändern geschmückt und deren Fell mit Runen der Reinheit und des Schutzes bemalt war. Sobald sie ihren Anführer sahen, knieten sie ehrfürchtig nieder und senkten ihre Häupter. Diese Krieger gehörten zu den besten und angesehensten, die ihr Clan zu bieten hatte und es galt als eine besondere Ehre, für den Wachdienst an der Pforte zu den Ritualkammern auserwählt zu werden.

Der Große Khan lächelte sanft und nickte, zufrieden mit der Zurschaustellung ihres tiefen Respekts gegenüber ihrem Anführer. Langsam und ohne Hast trat er zwischen die Krieger und legte jedem eine seiner Pranken auf die Schulter. Er wartete einen winzigen Moment, in denen er seiner Garde den Respekt zollte, den auch sie verdienten, bevor er seine Hände wieder von ihnen nahm und flüsterte:

„Erhebt euch, meine Krieger.“

Woraufhin sich die beiden Wachen wieder erhoben. Ihre langsamen, aber kraftvollen Bewegungen zeigten eine Art müheloser Anmut, die von ihrer exzellenten Körperkontrolle zeugte. Der Khan trat einen Schritt zurück und betrachtete seine Krieger mit Stolz und Zufriedenheit.

„Ich benötige eine Audienz bei der Hohepriesterin, ist sie zu sprechen?“

fragte er schließlich leise, darauf bedacht, den nötigen Respekt vor dem spirituellen Oberhaupt ihrer Gemeinschaft zu zeigen. Ein der Wache antwortete in einem ebenso leisen, wie respektvollen Ton:

„Mein Khan, die Hohepriesterin ist im Bad. Sie vollzieht gerade die rituelle Reinigung vor der morgigen Öffnung des Pfades. Sie nimmt die Verantwortung ihres Amtes sehr ernst.“

Der Große Khan nickte besonnen, dachte kurz nach und sah dann zu Pecada.

„Kannst du hineingehen und die Situation erklären? Ich werde im Innenhof warten.“

Auch wenn der Große Khan auf dem Papier mehr war, als nur der Anführer des Tiger-Clans, so gab es trotzdem einige Regeln, die selbst für ihn galten und an die er sich zu halten hatte. Eine davon war, dass er die Ritualbereiche des Tempels nicht zu betreten hatte. Diese Heiligtümer waren einzig und allein den Priesterinnen und Priestern des Clans und natürlich den Tributen, die jede zweite Woche in den Tempel kamen, vorbehalten. Er hatte diese Bereiche seit seiner Kindheit nicht mehr betreten, aber er hatte eine Vorahnung, dass sie das alsbald ändern würde.

Pecada nickte indes und wandte sich den Wachen zu, die ihr den einen Flügel der Doppeltür einen Spalt breit öffneten. Mit einem kleinen Augenzwinkern schlüpfte die Geliebte des Häuptlings durch den Spalt und verschwand in der Dunkelheit hinter der Tür. Die Wachen verbeugten sich leicht und schlossen die Tür wieder hinter der Konkubine.

Nun war der Khan wieder allein mit den Wachen und es gab hier nichts mehr für ihn zu tun, also nickte er noch einmal anerkennend zu seinen Untergebenen und wandte sich dann zum Gehen. Er würde im großen Innenhof auf die Rückkehr seiner Geliebten warten, die ihm hoffentlich Antworten mitbringen würde.

In den Ritualkammern des Tempels herrschte stets eine bedrückende, düstere Stimmung, was weniger mit der Abwesenheit von Licht zu tun hatte, sondern eher mit dem Wissen, dass wer diese Kammern betrat, verließ sie in aller Regel nicht mehr lebend. Dies betraf zwar im Grunde nur die Tribute, aber auch die meisten Tiger fühlten sich in der Anwesenheit von so viel Tod nicht wirklich wohl. Nur wenige Tiger, einmal abgesehen von den Priesterinnen und Priestern, betraten diesen Bereich des Tempels freiwillig, und tatsächlich war es den meisten sogar verboten.

Pecada selbst mied die Ritualkammern nach Möglichkeit, aber manchmal ließ es sich einfach nicht vermeiden. Sie wusste, wie alle anderen Tiger auch, dass ihr Lebensstil, ja ihr schieres Überleben, den Tod anderer erforderte, dies war unumgänglich. Sie ernährten sich nunmal von Fleisch, aber das bedeutete nicht, dass sie auf das, was in diesen Kammern geschah, stolz sein musste, wenn jede zweite Woche die von den Stämmen der Pflanzenfresser gesandten Tributen über den Pfad kamen; wenn sich die Unschuldigen freiwillig von ihren Henkern zur Schlachtbank führen ließen, um sich für das höhere Wohl und die Aufrechterhaltung des alten Waffenstillstands zu opfern, den sie einst mit ihnen geschlossen hatten.

Sowohl für die Tiger als auch für die Pflanzenfresser waren ein notwendiges Übel, aber gleichzeitig auch das geringere Übel, das sie damals vor über 200 Jahren gewählt hatten, anstatt mit den alten Weisen fortzufahren: Bei Bedarf zu jagen und zu töten, wahllos und ohne Gnade.

Sie alle redeten sich ein, dass dies die zivilisiertere Art und Weise war, das Gesetz des Dschungels umzusetzen, zu tun, was nötig war, um ihr eigenes Überleben und das der anderen zu wahren. Es war nach all der Zeit so tief in ihren Köpfen und Seelen verwurzelt, dass sie es bereits für ein heiliges Dogma hielten. Selbst die meisten Pflanzenfresser waren mittlerweile überzeugt davon, dass dies der einzig richtige Weg war. Am Ende, nachdem alle Ausreden, alle Erklärungen und Rechtfertigungen ausgesprochen waren, hatte sich aber am Kern des Dilemmas nichts geändert: Sie töteten sich immer noch gegenseitig, um zu überleben, und das war es, was sie schlussendlich daran hinderte, jemals eine echte Allianz zu bilden.

Pecada schlich durch die ersten Kammern, die nur von ein paar einzelnen Öllampen erhellt waren, der Geruch von Kräutern und Ölen hing schwer in der stickigen Luft. Die Priesterinnen des Clans bereiteten die gesegneten Öle vor, mit denen die Tribute vor den Ritualen gesalbt werden sollten, wenn am nächsten Tag der Pfad geöffnet würde. Die Mischung aus ätherischen Ölen und den Frischen kräutern, die sie verwendeten, roch betörend, die psychoaktiven Inhaltsstoffe, ausgewählt wegen ihrer betäubenden Wirkung, sorgten dafür, dass die Tribute ihre Angst verloren und sich nicht weder wehrten noch zögerten, wenn sie schließlich zur Schlachtbank geführt wurden. Der positive Nebeneffekt, dass sie während des letzten Rituals keine Schmerzen empfanden, wenn der Hirte ihre Existenz auf dieser Ebene beendete, war eine Zugabe, die nur allzu gerne in Kauf genommen wurde. Es war die einzige Gnade, die die Tiger ihren Tributen anbieten konnten.

Die Priesterinnen, die die Öle herstellen und praktisch täglich mit ihnen in Berührung kamen, waren inzwischen weitgehend immun gegen ihre Wirkung, nicht so jedoch Pecada, die nichts dagegen tun konnte, als den süßlichen Duft einzuatmen. Und so spürte sie alsbald schon, wie sich ihr Geist zu trüben begann und sich eine gewisse Euphorie in ihr breit machte. Sie bog um eine Ecke in einen kleinen Gang, der sie tiefer in die Räumlichkeiten und Ritualkammern der Priesterschaft führte. Glücklicherweise musste sie nicht länger nach einer der Priesterinnen suchen, sondern wurde von einer von ihnen gesehen, die von ihrer Arbeit abließ und ihr zurief.

„Was machst du denn hier um diese Zeit, Pecada?“

fragte die Priesterin und die Konkubine des Khans drehte sich lächelnd zu ihr um. Es war Rayas, die in einer der kleinen Nischen saß, die es überall in diesen Räumlichkeiten gab, und dabei war getrocknete Kräuter zu mörsern. Die Priesterin konnte an Pecadas Haltung, ihrem wirren Blick und dem entspannten Lächeln sehen, wie sehr das Miasma der Öle bereits auf die Geliebte ihres Anführers wirkte. Sie schaffte es nur mit Mühe sich ein Kichern zu verkneifen, während sie den Mörser beiseite stellte und sich von ihrem Platz erhob, um zu Pecada hinüber zu gehen.

„Oje, du bist schon ganz schön berauscht, nicht wahr?“

Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, aber sie kannten sich gut, waren außerhalb ihrer Ämter und Funktionen eng befreundet, sonst wäre Rayas wahrscheinlich viel vorsichtiger und respektvoller gegenüber einem so hochrangigen Mitglied des Harems des Khans gewesen. Da sie sich aber ziemlich nahe standen, nahm sie Pecadas Hand und führte sie tiefer in das Sanktum, weg vom dichtesten Miasma. Die beschwingte Tigerin ließ sich widerstandslos führen und kicherte hin und wieder leise.

„Ich … ich muss mit der hohen … hmmm … so groß ist sie ja eigentlich gar nicht … hnhnhnhn … ich muss mit der Priesterin … gnihihihihi … sprechen … der Khan schickt mich, er darf ja nicht … kommen …“

brachte sie schließlich hervor, wobei sie nicht aufhören konnte zu kichern. Rayas nickte verständnisvoll, sie hatte sich so etwas in der Art schon gedacht, keiner der Tiger, der nicht unbedingt in den Ritualkammern sein musste, kam aus eigenem Antrieb hierher, zumindest nicht, in den Tagen die zur Öffnunge des Pfades führten. Nun, das stimmte nicht so ganz, einige der Jünglinge schlichen sich hin und wieder in die verbotenen Trakte, um ihre Nasen in die Öltiegel zu stecken, nur um von den Wachen wieder hinausgeworfen zu werden … meistens jedoch erst „nachdem“ sie bekommen hatten, wofür sie gekommen waren. Niemand störte sich wirklich daran.

Auf ihrem Weg tiefer in das Labyrinth aus kleinen Korridoren und Kammern führte Rayas Pecada an den einzelnen Zellen der Priesterinnen vorbei, hin zu den Bädern. Auch wenn die Priesterinnen normalerweise die öffentlichen Bäder des Tempels nutzten, so gab es doch einige Becken, die einzig der Priesterschaft vorbehalten waren. Eines dieser Becken war das Persönliche Bad der Hohepriesterin, in dem sie die rituellen Reinigungen durchführte, die vor jedem der wichtigeren Rituale nötig waren. Die beiden Tigerinnen kamen vor der einfachen Tür zum Stehen, die den Korridor von dem Bad dahinter trennte, und Rayas drehte sich zu der Konkubine um. Sie betrachtete Pecada genau und suchte nach Anzeichen, dass die Wirkung der Öle schon wieder nachgelassen hatte.

„Fühlst du dich besser?“

fragte die Priesterin leise und ihr Gegenüber nickte stumm, während sie sich verlegen am Kopf kratzte.

„Ja, schon, aber das Zeug ist echt stark, nicht wahr?“

erwiderte Pecada, wobei ihre Stimme noch immer ein wenig lallte und ihre Bewegungen leicht unkoordiniert wirkten, aber Rayas nickte nur.

„Nun, es muss potent sein, damit es dem Zweck dient, für den wir es benutzen. Aber ja, wenn man es nicht gewohnt ist, dann kann es einen wirklich umhauen.“

flüsterte die Priesterin, immer darauf bedacht nicht zu laut zu sein, nicht zuletzt aus Respekt vor den vielen toten Seelen, die durch diese Hallen schlichen, vor allem aber vor der Hohepriesterin, die sich auf der anderen Seite der dünnen Holztür befand. Pecadas Augen verfinsterten sich ein wenig, bei dem Gedanken an den Zweck, aber sie nickte.

Noch bevor die Beiden sich jedoch weiter ihren Gedanken hingeben konnten, hörten sie die leise Stimme der Hohepriesterin gedämpft durch die Tür:

„Ihr beiden seid zu laut, um unbemerkt zu bleiben. Kommt rein.“

Sie klang nicht verärgert, eher müde, aber sowohl Rayas, als auch Pecada zucken dennoch zusammen. Sie fühlten sich beide, als wären sie bei irgendeinem Schabernack ertappt worden und waren peinlich berührt. Rayas fand zuerst ihre Fassung und öffnete vorsichtig die Tür. Die kleine Kammer, in die sie nun eintraten, wurde von einer Art biolumineszierenden Alge beleuchtet, die fast alle Wände bedeckte und deren blass-grüner Schein dem Raum eine unheimliche, fast ätherisce Atmosphäre verlieh. In der Mitte des Raumes befand sich ein kleines Tauchbecken, das mit Wasser gefüllt war, das mit dem gleichen grünlich-blauen Licht zu leuchten schien wie diese Algen. Die Hohepriesterin lag völlig nackt, aber entspannt in diesem Becken und ließ sich in der kalten, schimmernden Flüssigkeit einweichen. Sie hatte die Augen geschlossen und öffnete sie nicht einmal, als die zwei Tigerinnen mit gesenkten Häuptern neben dem Becken niederknieten.

„Ich weiß, dass du es bist Rayas, aber wen hast du mitgebracht?“

fragte sie flüsternd, ihre Stimme nur ein Hauchen in der Stille der kleinen Kammer. Rayas hob ihren Kopf nicht, als sie antwortete:

„Ja, ich bin es, die euer heiligstes aller Rituale stört, Hohepriesterin. Ich habe Pecada Dulce, die Gefährtin des Großen Khan, mitgebracht. Sie hat dringende Angelegenheiten mit euch zu besprechen, sonst hätte sie gewartet, bis euer Bad beendet ist, Hohepriesterin.“

flüsterte Rayas leise. Jetzt öffnete die Hohepriesterin langsam ihre Augen und hob ihren Kopf vorsichtig von dem kleinen Kissen, auf dem er gelegen hatte, um nicht direkt auf dem Stein des Beckenrandes liegen zu müssen. Sie blinzelte mehrmals, um ihre Augen wieder an das Licht zu gewöhnen und sah dann zu Pecada, die neben Rayas kniete.

„Was führt dich hierher, Pecada? Was ist so wichtig, dass die Hohepriesterin ihr Reinigungsritual vor der Öffnung des Pfades unterbrechen muss?“

fragte die junge Tigerin und noch immer klang ihre Stimme weder verärgert noch genervt, tatsächlich klang sie völlig ruhig und gelassen. Es gab einen Grund, warum die alte Hohepriesterin - vor ihrem Tod - sie zu ihrer Erbin auserkoren hatte und nicht eine der anderen, erfahreneren Priesterinnen. Sie war ebenso stressresistent, wie sie in der Lage war, das Wesentliche zu erkennen und danach zu handeln, und ihre tiefe Gelassenheit half allen anderen in ihrer Gegenwart, einen kühlen Kopf zu bewahren. Sie war weiser, als ihr Alter es vermuten ließ, denn sie war selbst noch jünger als die Töchter des Khans. Sie würde, wenn die Ahnen es wünschten, dieses Amt noch lange Jahre begleiten und dabei eine Bereicherung der Gemeinschaft sein.

Pecada senkte ihr Haupt tiefer und zollte der jungen Tigerin Respekt, denn obwohl sie mehr als doppelt so alt war wie die Hohepriesterin und sie die erste Konkubine des Großen Khans war, so war ihr Rang in ihrer Gesellschaft viel niedriger als der, der Hohepriesterin.

„Der Große Khan schickt mich mit seinen Grüßen, denn er darf diese Gefilde nicht betreten. Wir brauchen jedoch Euer Wissen in Angelegenheiten, die für den Frieden in unserem Reich von größter Bedeutung sind. Leider können diese Angelegenheiten auch nicht bis nach der Öffnung des Pfades warten, denn vor unseren Grenzen lauert eine neue Bedrohung, die unserer gesamten Gesellschaft einen hohen Tribut abverlangen droht, und nicht nur uns, sondern auch den Pflanzenfressern.“

erklärte sie, wobei die Sorge in ihrer Stimme spürbar war. Während sie sprach, spannte sie Rayas neben ihr an und als Pecada fertig war, nickte die Hohepriesterin sanft, bevor sie sich ganz langsam in ihrem Bad aufrichtete. Das Plätschern des Wassers war unnatürlich laut in der Stille der kleinen Kammer. Als sich die junge Tigerin mit einer unendlich eleganten Bewegung aus dem Wasser erhob, schmiegte sich ihr nasser Pelz eng an ihre schlanke Gestalt. Die Hohepriesterin besaß keine Scham im eigentlichen Sinne, sie hatte schon so viele Tiere nackt gesehen und viele ihrer Rituale verlangten danach, dass sie selbst nackt war, so dass sie völlig gelassen vor Rayas und Pecada stand und geduldig darauf wartete, dass das Wasser langsam aus ihrem Felle ablief, ohne es auszustreichen. Zum einen gehörte es zur rituellen Reinigung, dass das Wasser von selbst ablaufen musste, zum anderen gab es ihr Zeit, über das, was Pecada erzählt hatte, nachzudenken. Erst als die kleinen Sturzbächen sich in Rinnsale und schließlich in einzelne Tropfen wandelten, griff die Hohepriesterin nach dem einfachen Gewand, das neben dem Becken für sie bereitgelegt war, aber Rayas war schneller, hob es auf und half der ranghöheren das Gewand überzuziehen. Sie erntete ein respektvolles, dankbares Nicken für ihre Mühen, bevor die Hohepriesterin den letzten Schritt aus dem Becken tat.

„Du kannst dich zu deiner Aufgabe zurückziehen, Rayas. Ich werde mich dieser Sache annehmen.“

flüsterte sie leise und nickte der Priesterin zu, die sich noch einmal tief verbeugte und sich dann schweigend aus der Kammer zurückzog, um sich wieder ihren Kräutern zu widmen. Während sie ihr noch einen Moment lang nachsah, lächelte die Hohepriesterin sanft.

„Ich bin froh, sie in meinem Gefolge zu wissen. Sie ist so eifrig und hat mir gerade in der Anfangszeit so sehr geholfen, mich in meine Rolle einzufinden. Mehr als die meisten anderen hat sie mir geholfen die Last zu schultern, die dieses Amt mit sich bringt.“

erklärte sie leise und sah zu Pecada, die noch immer neben dem Becken kniete und den Blick gesenkt hielt.

„Erhebe dich Pecada Dulce, Auserwählte des Khan und Mutter seiner Töchter.“

Es kam nicht häufig vor, dass jemand ihren vollen Namen nannte und es war noch seltener, dass jemand ihren vollen Titel nannte, aber es aus ihrem Mund klang es wirklich respektvoll. Vorsichtig erhob sie sich und richtete sich wieder auf. Nun, da sie neben der jungen Hohepriesterin stand, überragte sie sie fast um einen Kopf.

„Und jetzt erzähle mir von dieser Bedrohung, damit ich mich darauf vorbereiten kann, bevor der Große Khan mich damit überrumpelt.“

forderte sie in sanftem, aber ernstem Tonfall, während sie auf die Tür deutete und den Weg zurück in die oberen Gemächer der Priesterschaft antrat, wo sie den Großen Khan empfangen würde.

Während Pecada und die Hohepriesterin sich auf den Weg zu ihm machten, befand sich der Große Khan bereits im großen Innenhof und genoss die Stille. Der Hof war bereits für die Ankunft der Tribute am nächsten Tag vorbereitet worden. Die Priesterinnen und Priester hatten alles in Ordnung gebracht, hatten das ganze Laub aufgesammelt und die Beete mit den Kräutern und Blumen waren fein säuberlich gepflegt worden. Die Sträucher waren getrimmt worden und sie hatten die Bänke aufgestellt, auf denen die Pflanzenfresser warten konnten, bis sie an der Reihe waren.

Dieser Innenhof war einer, wenn nicht der schönste und ruhigste Ort im ganzen Tempel. Die Atmosphäre vermittelte eine Sicherheit und Ruhe, die man in einem Tempel voller blutrünstiger Tiger nicht unbedingt erwarten würde. Langsam schritt der Khan entlang der Beete und ließ seine Pranke über die Blüten streichen und seine Gedanken ziellos umherschweifen. Für den Moment konnte er nichts tun, außer zu warten und die Ruhe zu genießen.

Er sah sich um. Normalerweise war auch dieser Hof tagsüber ein hochfrequentierter Ort, nur dass sich hier meist die Priesterinnen und Priester aufhielten, während in den anderen Höfen die Wachen Übungen abhielten und Trainingskämpfe ausgetragen wurden. Nichtsdestotrotz, war es auch hier niemals wirklich still, nur in diesen Nächten, bevor der Pfad geöffnet wurde, blieb dieser Innenhof meistens vollkommen leer.

Er erinnerte sich daran, wie er als kleiner Junge immer auf diesem Hof gespielt hatte und vor den Priesterinnen davongelaufen war, wenn sie ihm wieder irgendwelche langweiligen Geschichten beibringen wollten. Er erinnerte sich daran, wie sie ihn jede zweite Woche dazu gezwungen hatten, von seinem Lieblingsspielplatz fernzubleiben, und wie unfair er es fand, dass die Tribute „seinen“ Hof nutzen durften, aber er, obwohl er der nächste Große Khan werden würde, auserkoren der Herrscher über den Dschungel zu sein, ein Fleischfresser und klar überlegen, diesen nicht zum Spielen benutzen durfte. Die Einsicht in seine Fehler war ihm erst sehr viel später gekommen, und erst ein bestimmtes Ereignis hatte ihm so wirklich die Augen geöffnet. Jetzt, da er älter war, erfahrener, selbst Vater zweier wunderbar wilder Töchter, denen er das Spielen auf diesem Hof verbieten musste, schritt er mit ganz anderen Augen und Ohren über den stillen Hof, lauschte den fernen Geräuschen des Dschungels, die nur gedämpft über die hohen Mauern zu ihm drangen, und beobachtet die tiefen Schatten, die es in diesem Tempel überall gab.

Er spürte die Verantwortung, die auf seinen Schultern ruhte, hier mehr als an jedem anderen Ort im Tempel. Es war eine Last, die er mit den Jahren immer stärker spürte, die aber nicht unangenehm war, eher eine ständige Erinnerung daran, was alles auf dem Spiel stand. Er sah sich erneut um, sah die Bänke und erkannte einmal mehr, dass er im Grunde schon immer vom Tod umgeben gewesen war. Dieser Tempel war vom Tod durchdrungen, was wahrscheinlich auch der Grund war, warum die Tiger sich hier niedergelassen hatten. Er wusste, dass es nicht die Tiger gewesen waren, die dieses Bauwerk ursprünglich einmal errichtet hatten. Er hatte schon existiert, lange bevor der erste Tiger einen Fuß hinein gesetzt hatte, und lange bevor sie ihn für sich beansprucht hatten, hatten die Erbauer ihn bereits als Ritualstätte genutzt. Viele der Kammern im Inneren des Tempels waren für rituelle Opferungen verwendet worden, weit mehr, als sie jemals für diese Zwecke genutzt hatten, aber die tiefrote Farne, die der Granit über die Zeit angenommen hatte, verriet, wofür die Räume ursprünglich einmal Verwendung gefunden hatten. In diesem Tempel war schon immer Blut geflossen, und das tat es auch weiterhin.

Sie waren die Verkörperung des Todes und dieser Tempel war der Ort, an dem der Tod daheim war. Die war ein Ort des Todes, ein Ort, an dem Tiere ermordet wurden. Er würde das nicht ändern …

Er war tief in seinen Gedanken versunken, als er um einen uralten, steinernen Altar herumschlich und seine Hand über die raue, verwitterte Oberfläche gleiten ließ. Er war von den ursprünglichen Erbauern mitten auf dem Hof platziert worden, und auch wenn seine Oberfläche im Laufe der Jahrhunderte stark verwittert war, so war seine Funktion doch unverkennbar.

In den alten Zeiten, waren die Oper genau hier erbracht worden, unter freiem Himmel und für jedermann sichtbar.

Er fuhr mit seinem Finger über die Oberfläche, folgte den vagen Linien, die nur noch zu erahnen waren und es lief ihm eiskalt den Rücken hinunter. Wer auch immer diesen Tempel erbaut hatte, war damals die Verkörperung des Todes gewesen, hatte im Morden geschwelgt und unzählige Leben innerhalb dieser Mauern beendet. Sie wussten nicht, was die ursprünglichen Bewohner dieses Bauwerks dereinst vertrieben hatte, und niemand wusste es mit Sicherheit, der Große Khan war sich jedoch ziemlich sicher, dass niemand bisher wirklich Nachforschungen diesbezüglich angestellt hatte. Sicher war nur, das der Tempel bereits sehr lange unbewohnt gewesen war, als die Tiger ihn schließlich für sich beansprucht hatten.

„Und nun, nun sind wir die Verkörperung des Todes …“

murmelte er leise zu sich selbst, bevor er sich noch einmal umsah. Für mehr als 200 Jahre waren die Tiger das Maß der Dinge, niemand war ihnen gewachsen gewesen, aber nun gab es irgendwo da draußen, jenseits ihrer Grenzen eine Macht, die selbst Tiger jagen würde. Eine Macht, die tödlicher war als der Tod selbst.

Bei diesem Gedanken lief es ihm abermals kalt den Rücken herunter. Er schloss kurz seine Augen und atmete tief durch, bevor er seine Hand vom Altar nahm und sie betrachtete.

„Hier bist du …“

Jäh aus seinen Gedanken gerissen, zuckte der Große Khan regelrecht zusammen, als er die Stimme der Hohepriesterin hinter seinem Rücken hörte. Er drehte sich zu der jungen Tigerin um, die in einem einfachen, langen Gewand nur etwa vier Schritte entfernt von ihm stand. Das sanfte Lächeln, das ihre Lippen zierte, zeigte, wie sehr es sie offensichtlich amüsierte, dass sie es geschafft hatte, sich so einfach an ihn anzuschleichen. Seine Gefährtin stand hinter ihr und grinste von einem Ohr zum anderen. Sie musste sich allem Anschein nach zurückhalten, nicht einfach in Gelächter auszubrechen, als sie seinen versteinerten Gesichtsausdruck sah.

Es war allerdings nur ein kurzer, flüchtiger Moment, dann fasste er sich wieder und verbeugte sich tief vor der Hohepriesterin, die seine Geste erwiderte, wobei sie sich nicht ganz so tief verbeugte, wie es der Große Khan getan hatte. Dies geschah nicht etwa aus Respektlosigkeit gegenüber ihrem Anführer, sondern weil die Traditionen es so verlangten. Der Große Khan war zwar nominell nach außen hin das Oberhaupt des Clans, die Hohepriesterin war jedoch das spirituelle Zentrum ihrer Kultur und daher gebührte ihr aller Respekt, selbst wenn sie jung genug war, um seine Tochter zu sein.

Sie lächelte sanft, als er sich wieder aufrichtete. Ihr war bewusst, dass all diese Respektsbekundungen zwar nicht bedeutungslos waren, sie aber weder von ihm, noch von einem der anderen Tiger denselben Respekt erhalten würde wie ihre Vorgängerin im Amt, was vorrangig an ihrer Jugend und ihrer fehlenden Erfahrung lag. Die meisten der älteren hatten sie aufwachsen sehen, und sahen in ihr noch immer dieses junge, unerfahrene Ding, dass sich den Respekt erst noch verdienen musste. Sie hatte jedoch keine Zweifel daran, dass sie sich jenen Respekt mit der Zeit verdienen würde.

„Also, Khan, sag mir, welchen Rat suchst du?“

fragte sie in der ihr eigenen, ruhigen, empathischen Art, wobei sie ihn mit ihrer Wärme und offenen Haltung schon sehr an ihre Vorgängerin erinnerte. Es half ihm etwas, seine Anspannung und seinen Stress abzubauen. Einmal mehr verstand er, warum die alte Hohepriesterin diese junge Tigerin als ihre Nachfolgerin ausgewählt hatte. Er öffnete seine Arme ein wenig, bevor er schließlich das Wort ergriff.

„Die Grenzpatrouille hat eine Gruppe Eindringlinge aus den Gebieten östlich unseres Territoriums gestellt. Drei Jaguare. Soweit nicht ungewöhnlich, auch dass sie alle drei in einem desolaten Zustand waren, ist nichts, was wir nicht schon von früher kannten. Zwei der Eindringlinge würde direkt an Ort und Stelle getötet, da sie sich einer Gefangennahme widersetzten, der Dritte jedoch, hat sich kampflos ergeben und wurde zum Verhör in den Tempel gebracht. Auch das wäre normalerweise nichts, weswegen ich dich behelligen würde, aber was er uns über die Vorgänge außerhalb unserer Grenzen berichtet, macht mir große Sorgen.“

begann er seinen Bericht über das, was sich früher im Thronsaal zugetragen hatte. Er sprach leise und versuchte, seine Stimme ruhig zu halten, aber seine Aufregung war dennoch deutlich zu spüren. Sein Gegenüber hörte ihm aufmerksam zu und nickte von Zeit zu Zeit, um ihm zu zeigen, dass sie ihm folgte.

„Der Gefangene berichtet von einer neuen Bedrohung, die sich von den Bergen im Osten her ausbreitet. Er beschreibt eine neue Art von Raubtieren, wie er sie nannte, als zwei einige Jäger, ohne eigenes Fell und mit blasser Haut. Sie trugen die Felle und Pelze ihrer Beute, ob zur Tarnung oder zum Schutz wissen wir nicht genau. Sie kämpfen aus der Ferne, ohne Stolz und Ehre, und benutzen dabei Waffen, die - seiner Aussage nach - Feuer und Donner spucken. Sie machen Jagd auf alles und jeden, und wenn sie ein Tier erlegen, so nehmen sie nur den Pelz und Trophäen, lassen aber das Fleisch zurück.“

fuhr er mit seinem Bericht fort und die Hohepriesterin hob sanft ihre Hand, als er zum Ende kam, als Zeichen dafür, dass sie einhaken wollte. Als er schließlich zum Ende seines Berichts kam, nickte er und wartete geduldig. Die Hohepriesterin hob derweil die Hand an ihr Kinn und dachte über das Gesagte nach. Immer wieder tippte sie sich an ihr Kinn, sah zu ihm auf und setzte zu einer Antwort an, brach jedoch jedes Mal aufs Neue wieder ab. Sie drehte sich um, ging ein, zwei Schritte, nur um sich wieder an ihn zu wenden. Schließlich schüttelte sie den Kopf.

„Hmmm, aber warum fressen sie ihre Beute nicht? Sie müssten doch eigentlich Fleischfresser sein, warum sollten sie sonst auf die Jagd gehen?“

Es war mehr eine Art lautes Nachdenken, während sich die Hohepriesterin umdrehte und sowohl dem Großen Khan, als auch Pecada bedeutete, ihr zu folgen. Sie führte sie langsam zurück zu den Gemächern der Priesterinnen. Als sie die große rote Holztür mit dem stilisierten Tigerschädel kamen, zögerte der Große Khan jedoch einen Moment lang, was die Hohepriesterin zufrieden zur Kenntnis nahm. Sie sah über ihre Schulter und nickte sanft.

„Dieses Mal darfst du uns in die Gemächer der Priesterinnen begleiten, denn das, was ich dir gleich zeigen werde, könnte dir helfen, die Informationen zu finden, die du suchst.“

erklärte sie leise und wartete darauf, dass die Wachen ihr die Tür öffneten, bevor sie durch den Spalt schlüpfte, gefolgt von Pecada und schließlich auch dem Großen Khan, der seinen Wachen noch einmal zu nickte.

„Wie ihr sicherlich wisst, sind wir Tiger nicht die ersten, die dieses Bauwerk bewohnen. Es gab mindestens eine andere Zivilisation vor uns. Wir wissen nicht allzu viel über sie, denn die Runen und Wandmalereien sind stellenweise schon zu sehr verwittert, und sie in unsere Sprache zu übersetzen ist schon unter guten Bedingungen schwierig.“

fuhr sie fort, während sie sie durch die große Empfangshalle zu einem Wandgemälde führte, das fast die komplette Rückwand des Raumes bedeckte. Das Relief war stellenweise durch Jahrhunderte der Witterungseinflüsse und das Studium durch die Akolythen des Clans bis zur Unkenntlichkeit verwaschen.

Es war nicht so, dass der Große Khan dieses Relief nicht schon einmal als Kind gesehen hatte, aber damals war es einfach ein spannendes Kunstwerk gewesen, das für ihn sonst keine weiteren Bewandtnis gehabt hatte. Jetzt, viele Jahre später und mit dem Verdacht der Bedrohung im Hintergrund, hatte es einen ganz anderen Effekt auf ihn.

Die Hohepriesterin, die neben ihm stand, deutete auf einige sehr stilisierte Figuren an der oberen, rechten Seite des Reliefs.

„Wir sind ziemlich sicher, dass es sich bei diesen Figuren um Jaguars handelt. Die angedeuteten Krallen, die Reißzähne und die Flecken auf ihren Körpern lassen im Grunde genommen nur diesen Schluss zu.“

erklärte sie, während sie auf die einzelnen Merkmale zeigte. Danach zeigte sie auf einige Darstellungen auf der anderen Seite des Wandgemäldes.

„Diese dort drüben, da sind wir uns auch ziemlich sicher, stellen Wasserbüffel dar. Die großen Hörner, die massigen Körper und die Tatsache, dass sie eindeutig Gras und Blätter fressen, machen auch diese Identifikation recht einfach.“

fuhr sie fort und zeigte schließlich auf einige schon ziemlich verwaschene Figuren am unteren Rand des Kunstwerks.

„Wir haben immer gedacht, dass es sich hierbei um Tiger handeln könnte, aber wir waren uns nie ganz sicher, da die Darstellungen ziemlich verwittert und die Details im besten Fall ziemlich vage sind. Da die Figuren jedoch zweibeinig sind, eine Art Waffe tragen und das Aussehen eines Jägers haben, nahmen unsere Akholyten an, dass es sich um die Darstellung von Tigern handelt. Wir wissen mit Sicherheit, dass Wölfe auf andere Weise dargestellt werden …“

fügte sie hinzu und trat von dem Wandgemälde zurück, um ihrem Anführer und seiner Gefährtin die Möglichkeit zu geben, einen genaueren Blick darauf werfen zu lassen.

„… aber in Anbetracht dessen, was dir der Gefangene berichtet hat, würde ich annehmen, dass es sich bei der hier dargestellten Figur vielleicht sogar um die von ihm beschriebenen Kreaturen handeln könnte. Wir wissen, dass weder Jaguare noch Büffel zu dieser Zeit noch keine Werkzeuge benutzten, und bei uns können wir uns nicht so sicher sein, da wir keine dokumentierte Geschichte unseres Clans aus dieser Zeit haben. Daher waren wir froh, dass wir diese Wandmalereien und Runen als Referenz verwenden und von dort aus weitermachen konnten. Aber es ist gut möglich, dass auch wir zur Zeit der Erschaffung dieses Reliefs noch keine Werkzeuge benutzt haben.“

erklärte sie ruhig, während sie sich dem Thron zuwandte, auf dem sie am nächsten Tag sitzen und die Tribute empfangen würde. Er war über und über mit Runen, Inschriften und Reliefs bedeckt. Sie umrundete den aus einem Stein gehauenen Thron und ließ ihre Finger über die abgegriffenen Runen gleiten, wobei sie etwas Unverständliches vor sich hin murmelte und augenscheinlich etwas zu suchen schien.

Während Pecada sich das Relief noch länger im Detail ansah, drehte sich der Große Khan zu ihr um und beobachtete die Hohepriesterin noch einen Moment, bevor das Wort ergriff.

„Du glaubst, dass dies dieselben Jäger sind, die jetzt aus den östlichen Bergen kommen?“

erkundigte er sich leise, respektvoll, während er langsam zum Thron herüber kam, um sich auch diese Runen und Inschriften anzusehen. Die junge Tigerin sah ihn an und zuckte mit den Schultern.

„Das kann ich nicht mit absoluter Sicherheit sagen … noch nicht. Ich müsste einen von ihnen sehen, um es mit mehr Zuversicht zu bestätigen. Wie ihr seht, sind die Darstellungen stark stilisiert und nicht direkt akkurat, aber ich würde sagen, es ist einigermaßen wahrscheinlich, dass diese neuen Raubtiere, von denen dein Gefangener berichtet hat, dieselben Kreaturen sind, die auf diesen Wandmalereien zu sehen sind und überall in den Runen erwähnt werden.“

antwortete sie leise, während ihr Handy über ein paar Runen gleiten ließ und deren verwitterte Linien nachfuhr.

„Nea-Phi-Lim … zumindest ist das die Aussprache, die wir für diese Runen als die Genaueste empfunden haben. So haben sie sich selbst in den Texten genannt. Es ist nicht einfach zu übersetzen, aber eine Bedeutung ist Tyrannen-Fäller.“

Sie sprach leise, mit einem fast schon ehrfürchtigen Ton, der nur dürftig die Aufregung überdeckte, die die Hohepriesterin umtrieb. Der Große Khan hörte ihr aufmerksam zu, mehr vielleicht als noch die ganze Zeit zuvor.

„Neaphilim … ?!“

murmelte er, erst leise, dann wiederholte er den Namen nochmals lauter …

„Neaphilim … !?“

Es war fast so als müsste er das Wort erst schmecken, auf seine Reife prüfen, bevor er sich wieder an die junge Tigerin wandte, die auf der anderen Seite des Throns stand.

„Mhm … aber was meinst du damit, dass sie sich in den Runen selbst so bezeichnen?“

Die Hohepriesterin lächelte sanft und ließ ihm einen Moment Zeit, damit er sich die Frage selbst beantworten konnte. Es dauerte tatsächlich nur einen Augenblick, bis die Erkenntnis ihn traf, doch dann sah er sich schockiert und doch ehrfürchtig in der Kammer um und ließ seinen Blick über die Reliefs und Runen schweifen, die praktisch jede Oberfläche dieses Raumes bedeckten. Schließlich fanden seine Augen ihren Weg wieder zurück zur Hohepriesterin, die leise, bestätigend nickte.

„Nun, ja, höchstwahrscheinlich waren sie es, die diesen Tempel in der frühen Vorzeit erbaut haben. Damals, als wir nicht mehr waren als wilde Tiere, die sich gegenseitig umgebracht haben, ohne Sinn und Verstand. Sie könnten uns Tausende von Jahren voraus sein. Die Reliefs zeigen diese Kreaturen mit einfachen Werkzeugen, Speeren, Messern und dergleichen. Werkzeuge aus Holz und Stein, wie die, die wir noch heute benutzen. Und wir wären nicht in der Lage, einen solchen Tempel zu bauen, geschweige denn diesen Stein auf diese Art und Weise zu bearbeiten. Die Wandmalereien sind älter als unsere Zivilisation. Bei den Ahnen, wer weiß, wozu sie jetzt fähig sind? Du hast erwähnt, dass sie Waffen benutzen, die Feuer und Donner spucken und können aus der Ferne kämpfen …“

erklärte sie, wobei sich ihre Worte am Schluss verloren, während sie den Thron umrundete, um sich vor den Großen Khan zu stellen. Ihre Haltung vermittelte zwar ruhige Zuversicht, aber ihre Augen ließen tiefer in ihre Seele, hinter die sorgfältig aufgebaute Fassade blicken und zeigten ihre Unsicherheit und Angst. Ihr Anführer nahm das Gesagte auf und dachte darüber nach, schließlich nickte er besonnen.

„Ja, du hast Recht. Wenn sie in der Lage waren, diesen Tempel zu bauen, lange bevor wir auch nur in der Lage waren, einfache Werkzeuge zu benutzen, dann sind sie wahrscheinlich auch in allem anderen, nicht zuletzt in der Kriegsführung, weit voraus. Dennoch, wir können und werden dieser Bedrohung nicht einfach nachgeben und uns kampflos zurückziehen. Wir haben zu viel zu verlieren, und das gilt nicht nur für uns, auch die Pflanzenfresser in unserem Territorium haben zu viel investiert, um an diesen Punkt zu kommen. Wir alle haben zu hart gekämpft, um diese Gesellschaft und diese Zivilisation aufzubauen, sie ist vielleicht noch nicht vollkommen, aber sie ist das, was einer Utopie am nächsten kommt, von allem, was vorher jemals existiert hat.“

sagte er mit Bestimmtheit, und sowohl die Hohepriesterin als auch Pecada stimmten ihm zu. Letztere trat langsam von hinten an ihn heran und legte ihm die Hände auf seine breiten Schultern. In dem Moment, in dem er ihre zarten Hände spürte, wurde seine Haltung weicher und er sah über seine Schulter hinweg zu ihr.

„Nun, mein Geliebter, was werden wir jetzt tun?“

fragte sie leise, ihre Ohren angelegt, mit sorgenvollem Blick, wobei sie der Hohepriesterin die Worte quasi aus dem Mund nahm. Der Große Khan presste die Lippen zusammen und dachte über seine Möglichkeiten nach und legte seine Hand auf ihre, bevor er eine Entscheidung traf.

„Nichts. Für den Moment können wir nicht viel tun. Wir werden abwarten, bis sich der Jaguar zumindest ein wenig erholt hat, bevor wir ihn noch einmal verhören können. In der Zwischenzeit werden die Grenzpatrouillen verdoppelt. Wir werden mehr Informationen sammeln müssen. Wir können nicht einfach blind in diese Konfrontation gehen, das wäre unser sicherer Untergang. Ich würde es wirklich begrüßen, wenn du und deine Priesterinnen ein wenig mehr in den Runen und Archiven recherchieren könntet, vielleicht könnt ihr ja noch etwas herausfinden, was im Licht dieser neuen Erkenntnisse mehr Sinn ergibt. Jedes kleine Detail könnte helfen.“

sprach er seine Gedanken wahrheitsgemäß aus. Er musste Ruhe und Selbstvertrauen ausstrahlen, er war der Große Khan, der Anführer dieses Clans, wenn er nun Schwäche oder Unsicherheit ausstrahlte, konnte das verheerende Folgen haben. Die Hohepriesterin nickte leicht.

„Ich werde die Akolythen in den alten Schriften suchen lassen, aber zuerst müssen wir uns um den Pfad kümmern. Die Riten und Traditionen müssen aufrechterhalten werden, denn sie sind das Fundament, auf dem diese Gesellschaft aufgebaut ist. Nach dem morgigen Tag, wenn alles erledigt ist, werden wir uns auf die Forschung konzentrieren, so gut wir können.“

antwortete die junge Tigerin mit ruhiger, aber fester Stimme, die keinerlei Widerspruch zuließ, woraufhin der Große Khan sich leicht verbeugte.

„Natürlich Hohepriesterin, wir können nicht zulassen, dass der Frieden mit den Pflanzenfressern auf irgendeine Weise gebrochen wird.“

Die Angesprochene erwiderte die Geste respektvoll und deutete dann sanft auf die Tür, die sie zurück in die äußeren Gemächer des Tempels führen würde, weg von den Quartieren der Priesterinnen.

„Gut. Dann ist für den Moment alles gesagt und getan. Ich wäre euch sehr dankbar, wenn ihr euch nun verabschieden würdet, denn ich und sicherlich auch meine anderen Priesterinnen müssen noch viele Vorbereitungen für die morgigen Rituale abschließen.“

Es war nicht so, dass sie ungeduldig oder gar ungehalten klang, ganz im Gegenteil, aber dennoch scheuchte sie die beiden regelrecht aus ihrem Quartier. Der Große Khan wusste es besser, als sich der Hohepriesterin zu widersetzen, sondern verbeugte sich abermals leicht und kam ihrer Bitte nach, sie für diese Nacht nicht länger zu stören. Langsam aber ohne zu trödeln gingen sie zurück zu der großen, roten Doppeltür, die sie wieder hinaus zum Innenhof führte, aber noch bevor sie die Tür erreichten, wurde sie bereits von den Wachen geöffnet.

Sie verließen das Quartier und bedankten sich bei den Wachen, bevor sie sich in ihre eigenen Gemächer zurückzogen. Sie würden sich ausruhen, denn für den Moment gab es einfach nichts, was sie sonst tun konnten. Jetzt hieß es warten, bis sich der Gefangene soweit erholt hatte, dass sie ihn noch einmal befragen konnten.

Die Tage, die auf das erste Treffen mit dem gefangenen Jaguar folgten, verliefen einigermaßen ruhig. Die Befehle des Khans waren erteilt und die Maschinerie lief langsam an. Die Krieger des Großen Khans rückten aus, um die Grenzen zu sichern, während im Tempel alles mehr oder weniger seinen normalen Gang ging.

Der Anführer der Tiger stand an einem der Fenster in einem der höchsten Räume des Tempels und überblickte einmal mehr den umliegenden Dschungel. Das Bild, das sich ihm bot, war das eines weiten, grünen Ozeans, der mitten in der Bewegung eingefroren zu sein schien. Die sanft geschwungene Landschaft, mit ihren rollenden Hügeln und Tälern, erinnerte an die sanften Wellen eines friedlichen Ozeans, der nur von den gelegentlichen Rauchsäulen unterbrochen wurde, die anzeigten wo die einzelnen Stamme der Pflanzenfresser ihre Siedlungen gegründet hatten.

Dieser friedliche Eindruck war jedoch trügerisch, das wusste der Große Khan nur allzu gut. Unter den wogenden Baumkronen, die den Dschungel wie ein Dach überspannten, war er noch immer ein gefährlicher Ort, selbst jetzt, da die Fehde zwischen den Pflanzenfressern und den Tigern zum größten Teil beigelegt war. In diesem undurchdringlichen Dickicht gab es nach wie vor viele Möglichkeiten, sich zu verletzen oder gar zu sterben, auch ohne dass ein Fleischfresser seine Klauen im Spiel hatte.

Giftige Pflanzen, Insekten, deren Stiche schlimme Krankheiten übertragen könnten, Sümpfe und Treibsand, aber auch ganz einfach die tropische Hitze, die einem schneller zusetzen konnte, als einem lieb war. Wenn man nicht genau wusste, wie man sich in dieser grünen Hölle zurechtfand, war man schon tot, bevor man es selbst bemerkte.

Nichtsdestotrotz liebte er „sein“ Reich. Er hatte ihren Teil des Dschungels noch nie verlassen, es hatte auch bisher nie die Notwendigkeit dazu bestanden. In diesem Territorium gab es mehr als genug Nahrung und bisher waren sie nie wirklich in Gefahr gewesen, zumindest nicht seit sie den Pakt mit den Pflanzenfressern geschlossen hatten.

Selbst das Eindringen anderer Fleischfresser vov außerhalb ihres Reiches war ein seltenes und weit entferntes Problem. Der Dschungel erstreckte sich bis weit über ihre Grenzen hinaus und die Gebiete jenseits waren ebenso reich an Nahrung und anderweitigen Ressourcen. Es gab keinen Grund, sich der Gefahr auszusetzen, von seinen Grenzpatrouillen aufgegriffen und getötet zu werden. Allerdings hatten die Stämme und Clans dort draußen nie das Glück gehabt, einen ähnlichen Pakt untereinander geschlossen zu haben, und so lebten sie nach wie vor auf die alte Art und Weise … Jäger und Gejagte. Ein sorgfältiges Gleichgewicht zwischen Raub- und Beutetieren musste aufrechterhalten werden, sonst würde das System über kurz oder lang kollabieren.

Bisher hatte alles ganz gut funktioniert, für über 200 Jahre hatten sie dieses vermeintliche Idyll genossen und sich keine wirklichen Sorgen darum gemacht, ob es am nächsten Tag noch genauso sein würde. Und nun waren sie in Gefahr. In echter Gefahr.

Er hatte sich entschieden, seinen Gefangenen noch einmal aufzusuchen, um ihn ein weiteres Mal zu befragen. Seine Heiler hatten ihm versichert, dass der Jaguar wieder bei guter Gesundheit war und seine Wunden, die von ihnen und den Priesterinnen gepflegt wurden, schnell und gut verheilten. Sie hatten ihm genug Nahrung zur Verfügung gestellt, sodass er einen Teil seiner verlorenen Muskelmasse wiedererlangt hatte.

Nun stellte er wieder einen furchterregenden Gegner dar, einen Feind, den man besser nicht unterschätzte, denn sonst würde er einen im Nahkampf in Stücke reißen.

Noch war er zu schwach, um eine wirkliche Gefahr darzustellen, aber er erholte sich schnell und bald würde er eine Herausforderung für die Wachen des Khans darstellen, wenn er auch nur eine klitzekleine Chance dazu bekäme. Für den Moment jedoch, so versicherten ihm die Priesterinnen, war er ganz zufrieden damit, sein Glück nicht herauszufordern. Der Jaguar wusste sehr wohl, dass er nur deshalb noch am Leben gehalten wurde, weil er noch von Nutzen war, und sobald sich dies änderte, würde er sicherlich hingerichtet werden. So viel hatte man ihm schon verraten. Es würde eine öffentliche Hinrichtung sein, eine Zurschaustellung, um sich das Vertrauen der Pflanzenfresser auch weiter zu sichern.

Ein Schicksal, das der Krieger nach Möglichkeit lieber vermeiden würde, wenn man ihn denn ließe.

Der Große Khan stieg in Begleitung seiner Töchter in den Kerker des Tempels hinab. Der Kerker war ein Relikt aus einer Zeit vor dem Pakt mit den Pflanzenfressern. Während des Krieges hatten sie hier Pflanzenfresser untergebracht, die sie während der Schlacht gefangen hatten, bis sie nach und nach als Trainingsmaterial für die Jünglinge herhalten mussten. Nach dem Pakt waren die Zellen defacto nicht mehr im Gebrauch gewesen, und die wenigen Zwischenfälle, bei denen sich einer der Tiger hatte etwas zu Schulden kommen lassen, wurden üblicherweise anders geregelt.

Tatsächlich war der Jaguar seit vielen Jahrzehnten der erste „Gast“, den die Wachen des Khans in diesen Gefilden bewachten, und es zeichnete sich ab, dass er wohl noch ein Weilchen länger bleiben würde.

Als der Große Khan und seine Töchter den Zellentrakt betraten, erhob sich die einzelne Wache, die vor der Tür zur Zelle des Gefangenen postiert war, von ihrem Schemel, nur um sofort das Knie zu beugen. Der Anführer der Tiger trat näher und würdigte die Respektsbekundung seines Untergebenen, indem er ihm eine Hand auf die Schulter legte und ihn aufforderte, sich wieder zu erheben.

„Erhebe dich. Wir sind gekommen, um unseren Gast zu besuchen. Wie macht er sich?“

fragte er in einem leisen aber dennoch deutlichen Ton,von dem er sich sicher war, dass der Jaguar in der Zelle ihn sehr wohl hören konnte. Der Wächter erhob sich derweil wieder und nickte gehorsam.

„Der Gefangene befindet sich in einem den Umständen entsprechend guten Zustand. Der Heiler war heute Morgen hier und hat seine Wunden versorgt. Sie heilen gut und er wird sich äußerst wahrscheinlich vollständig erholen, allerdings gab die Priesterin zu bedenken, dass wir ihn irgendwie beschäftigen müssen, da er sonst wahrscheinlich zu sehr unter der Langeweile leiden wird.“

gab der Tiger zu verstehe, woraufhin der Große Khan besonnen nickte.

„Sehr gut, ich bin erfreut, dass er sich erholt. Wenn es hart auf hart kommt, werden wir seine Kampfkraft vielleicht brauchen. Ich werde später sehen, ob wir etwas tun können, um seine Langeweile zu lindern, aber zuerst, öffne die Zelle, ich will mit ihm sprechen.“

verlangte er mit ruhigem, befehlsgewohntem Ton, nach außen hin wirkte der Große Khan ruhig und gefasst, aber als die Wache sich der Tür zuwandte, verkrampfte er sich dennoch. Der Tiger griff nach dem Riegel und zog seinen Streitkolben aus dem Gürtel.

„Du hast Besuch, Klinge, tritt von der Tür zurück. Der Große Khan wünscht mit dir zu sprechen!“

knurrte die Wache durch die Tür, wobei es weniger aggressiv klang, als man es zuerst vermutet hätte. Der Jaguar hatte sich die ganze Zeit über ruhig verhalten, und nun, da vier fähige Tiger vor der Tür standen, würde er mit Sicherheit nicht versuchen zu fliehen. Dennoch wartete der Wächter noch einen Moment, bevor er den Riegel schließlich zurückzog und die Zellentür langsam öffnete. Der Insasse saß ruhig auf seiner Pritsche, die Ellbogen auf die Knie gestützt und blickte zur Tür. Da er keine Anstalten machte, sich zu bewegen, oder irgendetwas anderes zu versuchen, nickte der Tiger und gab dem Großen Khan und seinen Töchtern den Weg in die Zelle frei.

Der Große Khan sah in die Zelle und sein Blick traf den des Jaguars. Jetzt, da er sauber war und meisten seiner oberflächlichen Wunden so gut wie verheilt waren, lenkten nur noch die Verbände, die seine tieferen Wunden abdeckten von seinem beeindruckenden Körperbau ab. Während die Tiger seines Clans ihre Muskeln mit Training und Übungskämpfen aufbauten, und damit gezielt einzelne Bereiche berücksichtigen könnten, war der Jaguar ein Bild davon, welchen Körper ein lebenslanger Überlebenskampf formte. Er war groß, mindestens zwei Meter, seine Muskeln waren definiert und drahtisch, weniger statuesque, wie bei den Tigern, sondern mehr auf das Wesentliche beschränkt. Wobei ihn das nicht zu einem geringeren Gegner machte, ganz im Gegenteil. Sein kleiner, runder Kopf beherbergte intelligente Augen, und es bestand kein Zweifel daran, dass er seine Chancen gegen den Khan und seine Töchter abschätzte.

Es war ein kurzer Moment der Spannung, bevor sich der Khan durch die niedrige Zellentür duckte tür duckte und sich in der Zelle wieder aufrichtete. Seine Töchter folgten ihm und blieben neben ihm stehen, während hinter ihnen die Tür wieder geschlossen und der Riegel wieder vorgeschoben wurde.

Nun, da sie mit dem Jaguar eingesperrt waren, fühlte sich die Zelle auf einmal viel, viel enger an, aber der Große Khan wollte sich keine Schwäche oder Unsicherheit anmerken lassen und kam auf seinen Gefangenen zu. In der Mitte der Zelle blieb er jedoch stehen, um seinem „Gast“ ein wenig Luft zum Atmen zu lassen.

„Krieger, es freut mich zu sehen, dass du in guter Verfassung bist. Ich hoffe du weißt meine Gastfreundschaft zu schätzen.“

begann er und übersprang den üblichen Austausch von Nettigkeiten, wobei er seinen Tonfall jovial hielt. Der Jaguar reagierte, indem er sich aufrichtete und seinem Gegenüber in die Augen blickte. Es war ein kleiner, leicht zu durchschauender Akt des Trotzes gegenüber dem Anführer der Tiger, dem dieser jedoch ohne weiteres standhielt. Da er keine direkte Antwort erhielt, fuhr der Khan fort, ohne den Blickkontakt mit dem Jaguar auch nur für ein Blinzeln zu unterbrechen.

„Du hast mir deinen Namen noch nicht genannt, dich nur geweigert den Titel: Klinge zu akzeptieren. Ich würde es vorziehen, den Namen des Jaguars zu erfahren, der mir gegenüber sitzt.“

Er klang wohlwollend, ruhig und gelassen, woraufhin es der Jaguar war, der den Blickkontakt abbrach, um zuerst langsam zu nicken und danach zur jüngeren Tochter des Khans, Emily, zu blicken.

„In meinem Clan war ich als Garra Ligera bekannt, aber ihr könnt mich einfach Garra nennen.“

Seine Stimme hatte ihre Kraft und ihr Volumen zurückgewonnen, wie man es für einen Krieger seines Formats erwarten würde, und dennoch sprach er leise, regelrecht ruhig, denn der kleine Raum, in dem sie sich befanden, brauchte keine lauten Stimmen. Er hatte einen sanften Bariton, dessen Mangel an Härte oder Rauheit nicht ganz zu dem Bild eines Gefangenen passte, der gerade von seinen Wärtern verhört wurde. Der Große Khan quittierte seine Aussage mit einem weiteren Nicken.

„Garra Ligera, ein guter Name für einen stolzen Jaguar.“

erkannte der Große Khan neidlos an und senkte seine Stimme auf das Niveau von Garra, bevor er sich kurz nach seinen Töchtern umsah, die sich in die Ecken der Zelle verteilten, während er selbst auf dem kleinen Schemel Platz nahm, der als zweite Sitzgelegenheit im Raum stand. Jetzt, da er auf Augenhöhe mit seinem Gefangenen war, fühlte er tatsächlich eine gewisse Verbundenheit mit ihm. Sie standen beide an der absoluten Spitze der Nahrungskette, waren beide Fleischfresser, Raubkatzen, stolze Krieger … und doch war sie der vollkommene Gegensatz zueinander.

„Also Garra, ich bin gekommen, um noch einmal mit dir über diese seltsamen Jäger zu sprechen. Ich will deine ehrliche, unverfälschte Meinung über sie hören. Wären die Jaguare oder die Tiger in der Lage, diese fremden Kreaturen wieder in die Berge zurückzudrängen … sie zurück in ihre Versteckt zu zwingen, oder gar ganz zu vernichten?“

erklärte er den Grund seines Besuchs und seine Frage, auf deren Antwort er bereit war, geduldig zu warten. Garra lehnte sich langsam zurück gegen die kalte Steinmauer hinter ihm und dachte nach. Sein Blick wanderte dabei langsam von Amelia zu Emily und schließlich zurück zum Großen Khan. Sie alle waren in bester körperlicher Verfassung, auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit und bestens trainiert, dessen war er sich sicher, aber keiner von ihnen hatte jemals wirklich für etwas kämpfen müssen, weder um Nahrung, noch ums nackte Überleben. Am Ende schüttelte er dann langsam den Kopf.

„Großer Khan, so hoch ich deine Fähigkeiten und die deines Clans auch einschätze, und so sehr ich auch die eines Mitglieds meiner eigenen Rasse lobe, so muss ich doch zugeben, dass mit diesen Feinden auf keinen Fall leichtfertig umgegangen werden darf. Ihre Fähigkeit, aus großer Entfernung zielsicher zu töten, ist furchterregend. Ich weiß von einigen Stämmen, die es versucht haben, sie zu bekämpfen, aber keinem von ihnen ist es bisher gelungen, auch nur einen dieser schwer fassbaren Jäger zu töten. JEdes Mal, wenn einer von ihnen mit der Vergeltung seiner Beute konfrontiert wurde, war er bereits verschwunden, noch ehe seine Verfolger die Stelle erreichten, von der aus sein Angriff erfolgt war. Alles was zurückblieb, war der Gestank von verbranntem Schwefel und versengter Haut.“

erklärte Garr und blickte auf den Boden, wobei er seine Fäuste fest ballte. Der Große Khan nahm die Informationen still auf und dachte einen Moment darüber nach.

„Hast du jemals einen von ihnen persönlich gesehen, oder selbst erlebt, wovon du mir gerade berichtet hast?“

fragte er schließlich, wobei er versuchte, jegliche Skepsis auf seiner Stimme herauszuhalten, aber der Jaguar schüttelte abermals den Kopf.

„Nein, ich muss zugeben, dass ich selbst noch keinem dieser Unholde begegnet bin. Alles was ich weiß, weiß ich nur vom Hörensagen, aber ich vertraue oder besser gesagt, ich habe den Quellen vertraut. Und bevor du fragst: Meine Wunden stammen nicht von einem ihrer Angriffe, sonst säße ich jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht hier. Was ich aber mit meinen eigenen Augen gesehen habe, sind die Auswirkungen ihrer Angriffe. Niemand überlebt eine solche Wunde.“

antwortete Garra leise und schüttelte dabei weiterhin seinen Kopf, woraufhin der Große Khan seine Lippen aufeinander presste und langsam nickte.

„Also hätte keiner von uns allein eine Chance gegen diese … Feinde zu bestehen. Würdest du also vorschlagen, dass sich unsere Clans zusammentun?“

Er sprach das bis zu diesem Zeitpunkt Undenkbare geradezu beiläufig aus, was den Jaguar so vollkommen unvorbereitet traf, dass er nur nach Luft schnappen konnte und sich zu seiner vollen Größe aufrichtete, bevor er den Großen Khan völlig schockiert ansah, während seine Töchter den Tiger hinter seinem Rücken ebenso entgeistert ansahen.

Er war zufrieden mit der Reaktion, die er mit dieser Aussage sowohl bei Garra, als auch bei seinem Nachwuchs hervorgerufen hatte. Er nickte leicht und hob seinen krallenbewehrten Finger um die Aufmerksamkeit der anderen noch einmal einzufordern.

„Hör mir zu, Garra, und hör gut zu, denn ich biete dir das nicht leichtfertig an. Allein die Tatsache, dass ich es dir überhaupt anbiete, ist ein schwerer Verstoß gegen alles, was meine Vorfahren in den letzten Jahrhunderten aufgebaut haben. Wenn meine Einschätzung der Lage nicht so sehr mit der deinen übereinstimmen würde, hätte ich dieses Angebot wohl auch niemals in Betracht gezogen, aber ich fürchte, dass mein Clan allein nicht in der Lage sein wird, dem Ansturm dieser fremdartigen Wesen standzuhalten. Ich befürchte, dass wir alle Hilfe brauchen werden, die wir bekommen können, selbst wenn das heißt, dass wir alte Fehden begraben und neue Kriege beginnen müssen. Nur so werden wir diesen uralten Feind ein und für alle Mal aus diesem, unseren Dschungel vertreiben können.“

Als er seine Erklärung für diesen offensichtlichen Verrat an dem Pakt, den sein Clan mit den Pflanzenfressern geschlossen hatte, begann, war seine Stimme nicht viel mehr als ein Flüstern. Es war fast so, als würde das Gewicht der Implikation dieser Worte den mächtigen Tiger unter sich erdrücken. Währenddessen sah Garra ihn an, immer noch unsicher, was er von diesem Angebot und der Erklärung dazu halten sollte, aber er kam nicht dazu dem Khan zu antworten, oder dessen Aussage zu kommentieren, bevor der Tiger fortfuhr:

„Wir konnten natürlich noch nicht allzu viele Informationen sammeln, die Zeit war zu kurz und wir wussten noch nicht einmal, wo wir beginnen sollten, aber ich bin bereit, die wenigen Informationen, die wir sammeln konnten, mit dir zu teilen.“

erklärte der Große Khan und nun wurde der Jaguar neugierig.

„Unsere Priesterinnen und die Akolythen des Clans haben in den Archiven recherchiert und haben unter den neuen Erkenntnissen die Wandmalereien und Reliefs ein weiteres mal studiert, und wir glauben, wir haben einige beunruhigende Dinge herausgefunden.“

fügte er hinzu und atmete tief durch, denn die Informationen, die er im Begriff war, mit Garra zu teilen, waren im Grunde genommen streng geheim, und nicht einmal seine eigenen Töchter wussten bisher davon.

„Wie du sicherlich weißt, waren es nicht die Tiger, die diesen Tempel ursprünglich einmal erbaut haben. Als wir dieses Bauwerk für uns beansprucht haben, war es schon seit Jahrhunderten verlassen, aber die ursprünglichen Erbauer dieses Tempelkomplexes haben viele Wandmalereien, Runen, Reliefs und Inschriften für die Nachwelt hinterlassen, in denen die ihr tägliches Leben und ihre eigene Geschichte beschrieben.“

Dies waren allgemein bekannte Fakten, die selbst Garra wusste und als er nickte, fuhr der Große Khan fort:

„Wir haben deine Beschreibung dieser fremden Jäger mit den Beschreibungen und Darstellungen hier im Tempel verglichen und sind zu dem Schluss gekommen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass die Jäger, die du beschreibst und die Erbauer dieses Tempels, ein und dieselben sein müssen. Sie nannten sich damals Nea-Phi-Lim, oder auf Tyrannen-Fäller.“

Schloss der Große Khan seine Erklärung vorerst ab und ließ das Gesagte erst einmal sacken. Er konnte Emily hinter sich nach Luft schnappen hören, während Garra tief in seinen Gedanken versunken zu sein schien, aber schließlich sah er den Anführer der Tiger ernst an.

„Ich würde diese Wandmalereien gerne sehen …“

Während der Große Khan mit seinem Gefangenen ein Kaffeekränzchen abhielt, war die Wache bereits seit Tagen in voller Stärke im Einsatz. Sie verstärkten die Grenzpatrouillen, besetzten die offensichtlichen Zugänge zu ihrem Teil des Dschungels mit mehr Tigern und machten den Zeitplan für ihre Kontrollgänge enger. Der Hauptmann hatte derweil irgendwo in der Mitte zwischen der östlichen Grenze und dem Tempel einen Kommandoposten ausheben lassen, von wo aus er alle Einsätze koordinierte.

Die Atmosphäre war angespannt und nicht alle Tiger waren vollständig im Bilde darüber, warum der Große Khan diesen Großalarm ausgelöst hatte. Die meisten wussten zwar, dass sie einen Jaguar gefangen genommen hatten und dass dieser nicht, wie sonst üblich, sofort exekutiert worden war, aber die genauen Details waren nur den wenigsten bekannt. Eine solche Mobilmachung hatte es seit Generationen nicht mehr gegeben und so waren die meisten Tiger aufgeregt und nervös. Selbst der Hauptmann der Wache, dem man nachsagte, dass ihn nichts wirklich aus der Ruhe bringen konnte, wanderte einem gefangenen Raubtier gleich in seinem Quartier auf und ab, ständig in Erwartung neuer Nachrichten aus der Grenzregion.

Es war zu diesem Zeitpunkt, da die ersten Pflanzenfresser-Stämme bemerkten, dass etwas nicht stimmte. Da die meisten der Pflanzenfresser Handelsbeziehungen mit den Stämmen außerhalb ihres Territoriums unterhielten, kamen ihre Handelskarawanen des Öfteren in Kontakt mit den Grenzpatrouillen. Normalerweise begegneten diese Karawanen eher selten Tigern, denn die Grenzen des Dschungels waren lang und unwegsam und den Tigern standen, wenn überhaupt, nur maximal 200 Tiger zur Verfügung, um die Grenze zu schützen. Jetzt trafen die Pflanzenfresser im Grunde an jedem der offensichtlichen Eingänge tagein, tagaus zumindest einen Trupp der großen Raubkatzen an, und sie winkten sie nicht mehr einfach nur durch, sondern sie überprüfung die Karawanen, wollten wissen, woher sie kamen und wohin sie wollten.

Im Grunde war es keine große Sache, aber es war dennoch ungewöhnlich und beunruhigend, vor allem, weil die Tiger in voller Rüstung und unter Waffen ihren Dienst verrichteten. Sonst trugen sie höchstens einen Speer oder einen Streitkolben, während sie durch den Urwald zogen und nach Eindringlingen suchten, aber immerhin waren sie noch immer freundlich und hielten einen respektvollen Abstand zu den Händlern, da sie ihren Verbündeten keine Angst einflößen wollten. Den meisten Händlern war dieser massive Aufmarsch an Truppen und Ausrüstung jedoch sehr suspekt und einer von ihnen, ein Wasserbüffel, fasste sich schließlich ein Herz und sprach die Grenzpatrouille an, die ihn kurz hinter der Grenze angehalten hatte, um seinen Wagen zu kontrollieren.

„Dürfte ich fragen, wonach ihr sucht?“

begann der Händler und versuchte, seine Stimme möglichst neutral zu halten, bevor er fortfuhr, ohne auf die Antwort der Tiger zu warten.

„Es muss doch einen Grund für all dies geben. Normalerweise sehe ich die Wachen des Großen Khans nicht so wachsam an den Grenzen patrouillieren. Bitte versteht mich nicht falsch, ich bin überaus dankbar, dass ihr euren Teil dazu beitragt, uns alle zu beschützen, aber es beunruhigt mich doch, so viele Tiger hier draußen zu sehen, noch dazu in voller Rüstung und bewaffnet.“

machte er seine Sorgen deutlich und verbeugte sich entschuldigend vor den Tigern, die ihm gegenüberstanden und sich gegenseitig ansahen. Es war vollkommen ersichtlich, dass sie erst darüber nachdenken mussten, was sie ihm sagten durften, und was nicht. Diese Tatsache allein schürte die Angst des Wasserbüffels. Als sie schließlich antworteten, war endgültig klar, dass sie ihm etwas verheimlichten.

„Hör zu, wir dürfen dir nichts sagen, all unsere Befehle sind natürlich streng vertraulich, aber wir würden dir raten, mit dem Hauptmann der Wache zu sprechen. Er befindet sich derzeit auf dem Kommando-Außenposten, östlich des Flusstales. Wenn überhaupt, dann wird er derjenige sein, der dir irgendwas dazu sagen kann.“

erklärte der erste Tiger und deutete mit seiner Hand in eine Richtung, die so ungefähr auf den Kommandoposten zeigte. Der Büffel, nicht überzeugt von dem, was er gerade gehört hatte, sah sie ungläubig an, aber er wusste auch, dass er nicht im Geringsten in der Position war, etwas von ihnen zu verlangen, also drehte er sich um und sah in die Richtung in der der Tiger gezeigt hatte.

„Nun gut, dann werde ich eurem Hauptmann wohl einen Besuch abstatten müssen.“

erwiderte der Wasserbüffel enttäuscht, während die Tiger nickten und sich ebenfalls in die Richtung des Kommandopostens wandten. Genau in diesem Moment sahen sie einen weiteren Tiger den schmalen Pfad durch das Dickischt des Dschungels in ihre Richtung kommen. Er balancierte einen Speer über seinen Schultern, an dem mehrere große Fleischstücke befestigt worden waren.

„Oh, sehr schön, das Mittagessen kommt …“

bemerkte der zweite Tiger schnurrend und sie sahen, wie der Büffel blass wurde. Der Anblick des dritten Tigers, der mit dieser großen Menge an frischem Fleisch auf sie zukam, schien ihn doch zu beunruhigen. Der Neuankömmling winkte ihnen schon aus einiger Entfernung zu und lächelte dabei diebisch.

„Hat hier jemand ein Büffelsteak zu Mittag bestellt?“

fragte der Tiger bereits aus der Ferne und machte keinen Hehl daraus, dass er sich über die Reaktion des Wasserbüffels amüsierte, der sich beeilte seinen Wagen den Pfad entlang zu ziehen, als er den Ruf des Trägers hörte. Polternd rollte der Wagen an dem lächelnden Tiger vorbei und verschwand hinter ihm im dichten Dschungel. Der Träger sah ihm kurz hinterher und zeigte dann mit dem Daumen über seine Schulter und wandte sich an seine Clangenossen.

„Aber was hat er denn?“

fragte er kichernd und nahm den Speer von seinen Schultern, um seinen Kumpanen das Fleisch anzubieten. Dankbar nahme die beiden ihren Anteil und bissen herzhaft hinein. Noch während er genüsslich kaute, antwortete der erste Tiger schließlich.

„Er hat gefragt, warum wir hier draußen in voller Truppenstärke und Ausrüstung unterwegs sind. Er ist besorgt, weil er weiß, dass etwas im Busch ist.“

Daraufhin drehte sich der Neuankömmling noch einmal in die Richtung, in die der Büffel davongeeilt war.

„Habt ihr ihm irgendwas erzählt?“

fragte er und auf einmal war sein Lächeln verschwunden, aber der zweite Tiger schüttelte den Kopf.

„Nein, wir haben ihn zum Hauptmann geschickt.“

antwortete der Tiger, woraufhin der Träger nickte und seinen Speer wieder schulterte. Er hatte noch ein paar weitere Patrouillen zu versorgen, bevor er zum Tempel zurückkehren konnte.

„Sehr gut. Alle Informationen diesbezüglich sind noch geheim. Wir dürfen niemandem davon erzählen, das würde eine Panik auslösen, und das können wir jetzt nicht gebrauchen. Mit der Wachablösung kommen neue Befehle.“

Die Grenzwachen nickten und fuhren fort, ihre Ration zu verzehren, während sich der Träger orientierte.

„Wie weit ist es von hier zum nächsten Posten?“

fragte er und der erste Tiger gestikulierte vage in die Richtung, in der sich der nächste Trupp befinden sollte.

„Ich würde sagen, etwa eine halbe Stunde in diese Richtung.“

Der Versorgungsläufer bedankte sich und machte sich sofort auf den Weg zu seinem nächsten Stop. Die anderen beiden sahen ihm noch einen Moment nach, bis er im dichten Grün des Dschungels verschwand.

Mit Grenzen, die so sicher waren, wie die Tiger sie in der kürze der Zeit nur machen konnten, und ihrem Clan in höchster Alarmbereitschaft, konnte der Große Khan nichts mehr weiter tun als zu warten.

Die Hohepriesterin hatte indes gezögert, den Jaguar in die heiligen Ritualkammern zu führen, selbst bei ihr waren die Vorurteile tief verwurzelt, aber schlussendlich musste auch sie einsehen, dass es ein notwendiges Übel war, den Fleckenträger in ihr Sanktum zu lassen und ihm die Wandmalereien und Reliefs zu zeigen. Anfangs noch widerwillig, aber mit zunehmender Dauer mit immer mehr Enthusiasmus erklärte sie ihm, was sie bereits herausgefunden hatten, und als er sich als ein neugieriger, aufmerksamer Zuhörer erwies, der immer intelligentere und tiefgreifendere Fragen stellte, fand die Hohepriesterin ein gewisses Gefallen an dem Jaguar. Schließlich fand Garra sogar noch ein paar Details, die die Priesterinnen bisher gar nicht beachtet oder vielleicht sogar übersehen hatten.

Am Ende waren sich die Hohepriesterin, der Große Khan und Garra einig, dass es sich bei den Erbauern des Tempels, die sich selbst Nea-Phi-Lim nannten und diesen Jägern, die nun aus den Bergen kamen, höchstwahrscheinlich um die ein und dieselben Wesen handelte, und dass sie wohl sehr viel weiter entwickelt waren als sie alle.

Zähneknirschend hatte der Große Khan daraufhin zugegeben, dass sie jede Hilfe brauchen würden, die sie bekommen konnten, und auch wenn es gegen alle Konventionen verstieß, die sie mit den Pflanzenfressern vereinbart hatten, hatte er Garra ein Angebot unterbreitet: Er würde ihn ziehen lassen, auf dass er so viele Jaguare wie nur möglich zusammentrommelte und sie zum Tempel der Tiger bringen. Der Große Khan würde dafür sorgen, dass sie versorgt würden, mit Waffen und Rüstungen ausgestattet, trainiert und ausgebildet würden. Er würde ihnen für die Dauer dieses Konfliktes Unterkunft und Schutz gewähren, unter der Bedingung, dass sie bereit waren, sich seinem Kommando zu unterwerfen. Was dann nach dem Konflikt passieren würde, würden sie dann entscheiden, wenn es soweit war. Sie waren sich alle einig, dass weder die Tiger, noch die Jaguare alleine in der Lage sein würden, mit dieser Bedrohung fertig zu werden, aber gemeinsam, sofern Garra genügend seiner Artgenossen finden würde, wären sie in der Lage, die Angreifer mit dem schieren Gewicht ihrer Überzahl zu besiegen. Gleichzeitig waren sie allerdings auch sicher, dass sie schwere Verluste würden hinnehmen müssen, denn bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie eine Entscheidungsschlacht erzwingen konnten, würden diese Nea-Phi-Lim noch einige neue Opfer finden. Und selbst wenn sie schließlich den neuen Feind konfrontieren würden, würde diese Schlacht noch einmal einen hohen Preis verlangen.

Garra hatte sich ohne zu zögern bereit erklärt, auszuziehen, um so viele seiner Art wie nur irgend möglich zu finden und anschließend wieder zum Großen Khan zu bringen, oder bei dem Versuch zu sterben. Er war sich sicher, dass seine Artgenossen bereit sein würden zu helfen und vielleicht, nur vielleicht, würden sie es danach schaffen, ein ähnliches Abkommen mit den Pflanzenfressern in ihrem Teil des Dschungels zu schließen, wie es die Tiger hier geschafft hatten.

Während sich die Tiger auf einen Kampf mit einem noch unbekannten Gegner vorbereiteten, wurde ein Konflikt mit einem nur allzu bekannten Gegner immer wahrscheinlicher. Es hatte sich mittlerweile unter den Pflanzenfressern herumgesprochen, dass die Tiger im Aufruhr waren und dass etwas Größeres im Gange war. Immer mehr Pflanzenfresser suchten den Kommandoposten auf und wollten den Hauptmann befragen, was denn genau los sei, denn sie alle wussten, dass es keine wirklich gute Idee war, uneingeladen zum Tempel der großen Raubkatzen zu kommen. Nur wenn man einen unmittelbaren Todeswunsch hatte, würde man einen solchen Besuch wagen.

Es war offensichtlich, dass sich der Große Khan mit diesem Problem eher früh als später befassen musste. Nach Rücksprache mit der Hohepriesterin plante er ein erneutes Treffen mit den Abgesandten der Pflanzenfresser. Er ließ Boten aussenden, um alle Stämme einzuladen, sich erneut in der Großen Halle einzufinden und von ihm persönlich ins Bild setzen zu lassen.

Im Gegensatz zur letzten Versammlung, deren vorrangiges Ziel es war, die Pflanzenfresser einzuschüchtern und zu einem Unterzeichnen des neuen Pakts zu nötigen, sollte dieses Treffen am helllichten Tag stattfinden. Es würde signifikant weniger Tamtam geben als beim letzten Mal und es würde keine Einschüchterungsversuche geben. Ein einfaches Treffen, eine erweiterte Audienz beim Großen Khan, bei der er die Lage des Reiches und die Bedrohung durch die Nea-Phi-Lim erklären würde. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Als die Abgesandten einige Tage später am Tempel ankamen, wurden sie von einigen Priesterinnen empfangen, die sie in den Tempel führten, dessen Korridore sich seltsam leer anfühlten. Anders als bei letzten Mal, wurde der Weg nicht von Tigern gesäumt, die die Gänge mit ihren Fackeln erhellten. Die Sonne schien ihr Licht durch die Säulen und Fenster und die Schatten, die bei ihrem vorherigen Besuch noch so tief und dunkel gewirkt hatten, entpuppten sich als seichte Nischen, in deren Ecken sich das Licht nur selten verfing. Als die Delegation die großen Doppeltüren erreichte, die sie in die große Halle führen würden, standen dort die ersten Wachen, die die Pflanzenfresser an diesem Tag sahen. Es waren riesige, muskelbepackte Tiger, die den Priesterinnen und ihren Begleitern ohne zu zögern die Türen öffneten und ihnen Einlass in die Halle gewährten.

In der großen Halle bot sich den Delegierten dann ein vertrauter Anblick, der große Tisch stand wieder in der Mitte der Halle und die steinernen Tafeln mit den Namen der Gefallenen waren überall an den Wänden aufgestellt worden. An der hinteren Wand stand der Thron, besser gesagt die drei Throne, auf denen der Große Khan, sowie seine beiden Töchter saßen, die den Pflanzenfressern zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt waren. Hinter Emily, zur Linken des Khans, stand Pecada, die den meisten der Abgesandten von ihrem letzten Besuch im Tempel bereits bekannt war. Zur Rechten des Khans stand eine weitere, junge Tigerin, deren langes, wallendes Gewand mit bunten Runen verziert und rituellen Bändern geschmückt war.

Die Priesterin, die die Pflanzenfresser in die Halle geführt hatte, löste sich von der Truppe und näherte sich dem Thron. Als sie etwa zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatte, kniete sie von ihrem Anführer nieder und senkte das Haupt. Was die Pflanzenfresser überraschte war, dass es nicht der Große Khan war, der der Priesterin erlaubte, sich wieder zu erheben, sondern die junge Tigerin zu seiner Rechten, die mit gesenkter Stimme zu ihr sprach, in einem Dialekt, den die Delegierten nicht verstanden. Als die Priesterin sich wieder erhob, waren ihre Bewegungen von unendlicher Eleganz und nachdem sie sich noch einmal vor ihrem Anführer verbeugt hatte, zog sie sich nahezu lautlos aus der Halle zurück.

Als sich die großen Doppeltüren hinter der Tigerin schlossen, war das dumpfe Pochen der schweren hölzernen Türen für einen Moment das einzige Geräusch, das durch den Saal hallte.

Die große Halle war erleuchtet sowohl von den Feuerschalen, die in den dunkleren Ecken das Raums aufgestellt worden waren, als auch durch das natürliche Sonnenlicht, dass durch Lichtschächte hoch oben in den Wänden hineinsickerte, und den dunklen Granit, aus dem der Tempel erbaut worden war, zum Leuchten brachte. Die Atmosphäre war ruhig, regelrecht gelassen, im Vergleich zu ihrem letzten Treffen, und doch waren die Pflanzenfresser ein wenig aufgeregt. Sie standen um den großen Tisch in der Mitte des Saals und warteten darauf, dass der Große Khan ihnen endlich sagte, wofür sie eigentlich gekommen waren. Der Anführer der Tiger war aber noch nicht soweit, er wartete noch, ließ sie noch ein bisschen schmoren, denn er liebte die Dramatik, und er wollte, dass seine Gäste zumindest ein klein wenig nervös wurden. Immerhin waren sie die Tiger, die Raubtiere, die Könige des Dschungels und die großen Bösewichte. Er liebte es, in ihrer Angst zu baden, und er wusste, dass sie Angst hatten. Selbst heute, nach Jahrhunderten der friedlichen Koexistenz, war es noch immer so, dass wenn ein Pflanzenfresser einen Tiger traf, dann wusste er, dass er in Gefahr war. Instinkte, die älter waren als das bewusste Denken, diktierten ihnen, dass sie die Fleischfresser fürchten mussten, denn sie waren die Jäger und die Pflanzenfresser waren die Beute.

Nur einige wenige Auserwählte waren in der Lage, diese Urinstinkte zu überwinden und sich einem Raubtier furchtlos entgegenzustellen. Dies waren die geborenen Anführer, aber kein einziger der anwesenden Pflanzenfresser war von dieser Art. Jahrhunderte der Inzucht und des Lebens in relativer Sicherheit hatten ihre Gene geschwächt, die solche natürlichen Anführer hervorbrachten. Heutzutage wählten die Pflanzenfresser ihre Anführer und Sexualpartner nach anderen Gesichtspunkten: Wer bot die besten Vorteile, wer versprach grünere Wiesen und reichere Ernten? Es ging nicht mehr darum, wer die Herde besser beschützen konnte, selbst wenn die Tiger durch das Dickischt pirschten, es ging darum, wer die Mägen seiner Untergebenen komfortabler füllen konnte. Natürlich war das ein Vorteil für die Tiger, denn die Pflanzenfresser waren auf diese Weise leichter als das Vieh zu halten, das sie nunmal waren.

Als er bemerkte, wie die Abgesandten ganz langsam ein wenig unruhig wurden, erhob sich der Große Khan endlich von seinem Thron. Er hatte ein wohlwollendes Lächeln auf seine Lippen gelegt, das allerdings immer noch seine Reißzähne zeigte, wohl wissend, welche Wirkung dies in aller Regel auf seine Gäste hatte.

„Und wieder heiße ich euch willkommen in meiner großen Halle.“

Er ließ seine dunkle, voluminöse Stimme den Saal füllen, während er seine Arme in einer Willkommensgeste ausbreitete. Wenn er nicht wütend war, hatte der Anführer der Tiger eine eher beruhigende Stimmlage. Ein tiefer, voller Bariton, wie es sich für einen großen Krieger in seiner Position gehörte. Er wartete einen Moment, bis er sicher war, dass alle Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet war, bevor er fortfuhr:

„Bevor wir zur heutigen Tagesordnung übergehen, dem Grund warum ich euch alle heute hierher eingeladen habe, möchte ich euch ein paar von meinen Vertrauten vorstellen. Sie werden von nun an bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich von diesem, meinem Thron, absteige, an meiner Seite sein und schließlich meine Nachfolge antreten.“

begann er, wobei er die Lautstärke seiner Stimme ein wenig senkte, da es nicht nötig war, so laut zu sprechen, da er jetzt die volle Aufmerksamkeit aller Anwesenden hatte. Bei der Erwähnung eines Führungswechsels innerhalb des Clans war die Neugierde der Pflanzenfresser nur noch mehr geweckt und alle Augen und Ohren waren auf die fünf Tiger gerichtet, die auf dem kleinen Podest standen, auf dem auch der Thron stand. Mit einer eleganten Geste deutete der Khan zu seiner Linken, wo Emily sich von ihrem eigenen Thron erhob und sich zu ihm gesellte.

„Dies ist Emily, meine jüngere Tochter, sie ist die zweite in der Thronfolge, wobei wir alle hoffen, dass es nie so weit kommt, dass sie den Thron besteigen muss. Nicht, dass wir es ihr nicht zutrauen würden, aber es wäre eine echte Tragödie, wenn ihre Schwester sterben würde, bevor sie einen Erben zeugen kann.“

erklärte er und war sichtlich stolz auf die junge Tigerin, die mit festem Blick neben ihm stand. Sie ließ ihren Blick über die Versammlung schweifen und nickte schließlich leicht. Sie war, wie alle Raubkatzen, wunderschön, aber Ihre Schönheit konnte nicht darüber hinwegtäuschen, wie tödlich sie sein konnte. Ein zustimmendes Gemurmel ging durch die Delegierten und der Khan nickte anerkennend, bevor er zu seiner Rechten gestikulierte, wo Amelia sich elegant von ihrem Thron erhob, um ihren Platz an der Seite ihres Vaters einzunehmen. Sie wirkte ruhiger, förmlicher als ihre Schwester, als sie mit wohl kalkulierten Schritten zu ihm kam und mit wachen, aber auch abschätzenden Augen in die Menge blickte. Die Pflanzenfresser konnten den Stolz des Anführer der Tiger förmlich wachsen sehen, nun, da seine Töchter ihn flankierten.

„Und dies ist Amelia, meine ältere Tochter und Erbin meines Throns und meines Reiches. Sie wird, wenn die Zeit gekommen ist, dort weitermachen, wo ich es nicht mehr kann. Sie ist eine willensstarke, rechtschaffene und schöne junge Tigerin, sie ist weiser, als ihr junges Alter es erahnen lässt. Sie wird eine fähige, vorausschauende Herrscherin sein. In der Tat werden sie beide mehr als fähig sein, all dies zu erben und das Reich in eine gute und wohlhabende Zukunft zu führen. Beide haben bereits zugesagt, unsere Versprechen und Abkommen zu würdigen und nach bestem Wissen und Gewissen für das höhere Wohl unserer Gemeinschaft fortzuführen.“

fuhr er fort, wobei er jeder seiner Töchter kurz eine Hand auf die Schulter legte, bevor er sie wieder auf ihre Plätze entließ. Auf der anderen Seite der großen Halle schienen sich die Pflanzenfresser langsam wieder zu entspannen. Sie nickte und murmelten zustimmend, es war bisher nicht üblich gewesen, dass der Khan seine Nachfolger vorstellte, allerdings war es bis dato auch nicht üblich gewesen überhaupt Versammlungen im Tempel abzuhalten. Die meisten der Abgesandten standen dem Ganzen noch immer skeptisch gegenüber, konnten gleichzeitig aber nicht behaupten, dass es nicht auch etwas Positives hatte, ein wenig mehr davon zu erfahren, was hinter den sonst verschlossenen Türen des Tempels vorging.

Während sie noch über die Implikationen nachdachten, trat die dritte junge Tigerin vor und zur Überraschung aller Pflanzenfresser war es der Große Khan, der vor ihr in die Knie ging und sein Haupt senkte. Sie lächelte sanft und berührte den Kopf des Khans leicht.

„Erhebe dich, mein mächtiger Krieger.“

sagte sie leise in ihrem eigenen Dialekt. Die Delegierten verstanden diesen Dialekt nicht, aber die Wärme und Liebe in der Stimme der jungen Tigerin war dennoch deutlich zu hören, und als der Große Khan sich langsam wieder erhob, trat sie vor die versammelte Menge. Ihr Lächeln verströmte die gleiche Wärme und Empathie wie die Worte, die sie an den Anführer der Tiger gerichtet hatte.

„Ich bin die Hohepriesterin dieses Clans. Ich bin das spirituelle und kulturelle Zentrum unserer Gemeinschaft. In meiner Funktion heiße ich sie herzlich in diesem Tempel willkommen, und ich kann sie alle beruhigen, wir sind nicht für eines dieser peinlichen Kennenlernspiele hier. Neben meine vielfältigen Aufgaben rund um unsere Riten und Gebräuche, ist es meine Pflicht, als Hüterin des Wissens über unsere Vergangenheit und die des Dschungels insgesamt, unseren Anführer mit meinem Wissen zu unterstützen.“

Stellte sie sich vor und sprach dabei mit einer Stimme, die so sanft und beruhigend war wie eine frische Brise in einer tropischen Nacht, und dennoch erhob sich ein Gemurmel aus den Reihen der Pflanzenfresser. Nun, da alle Vorstellungen erledigt waren, trat die Hohepriesterin zurück an ihren Platz und der Große Khan übernahm wieder die Führung. Mit ruhiger, aber strenger und verschlossener Miene trat er ein paar Schritte vor und adressierte die Anwesenden:

„Nun gut, wie die ehrenwerte Hohepriesterin sagte, sind die Willkommenshöflichkeiten leider vorbei. Mir wäre es auch lieber, wenn ich solche Versammlungen einberufen könnte, nur um zusammen zu sitzen und über das Wetter zu sprechen, oder zu debattieren, ob es sinnvoll wäre die Wege wichtigsten Wege durch den Dschungel ausbauen und befestigen sollten, oder ob es genügend Trinkwasserquellen für alle gibt. Versteht mich bitte nicht falsch, auch das wären sicherlich wichtige Themen, mit denen man sich Mal befassen sollte, aber ich denke, und da sind wir uns sicherlich alle einig, dass diese Themen auf eine viel direktere, unbürokratischere Weise gelöst werden können.“

begann er seine Ansprache und hielt seinen Ton neutral und unverbindlich, aber dann verfinsterte sich seine Miene und trat einen weiteren Schritt vor.

„Nein. Ich habe euch heute alle zu mir gerufen, weil wir vor einer Bedrohung stehen, wie wir sie seit dem großen Krieg vor vielen Generationen nicht mehr erlebt haben.“

fuhr er mit fester Stimme fort, wobei er seinen Blick über den Tisch schweifen ließ und jedem Anwesenden in die Augen blickte. Als er seine Ansprache beendet hatte, kam Getuschel unter den Pflanzenfressern auf, was den Großen Khan zu einem erneuten Lächeln animierte. Er konnte sich schon denken worum es ging und erhob ein weiteres Mal seine Stimme:

„Bitte, bitte, teilt eure Gedanken mit uns, nutzt diese Gelegenheit, um euch mehr als Gleichberechtigte denn als Untergebene zu fühlen. Sollte diese Bedrohung wirklich so eintreten, wie sie sich derzeit darstellt, dann wird sie für euch nicht weniger ernst sein als für uns.“

forderte er die Delegierten auf, wobei in seiner Stimme erstaunlich wenig Schärfe lag, was einige der Pflanzenfresser auch sofort zur Kenntnis nahmen. Wenn es eine Bedrohung gab, die selbst den mächtigen Anführer der Tiger dazu brachte, vor ihnen Demut zu zeigen, dann musste sie wahrlich schwerwiegend sein.

Die beiden Individuen, die gerade noch miteinander getuschelt hatten, ein Wasserbüffel und ein Okapi, stellten ihre stille Konversation augenblicklich ein und wandten sich an den Großen Khan. Es folgte ein Moment unangenehmer Stille, in der sich die drei Tiere gegenseitig musterten, dann schließlich stand der Wasserbüffel von seinem Platz auf. Er war ein gewaltiger Stier, dessen Tonnenförmiger Leib über die Kraft hinwegtäuschte, die er in der Lage war zu mobilisieren, und seine tiefe, donnernden Stimme füllte den Saal ebenso mühelos wie die des Khans.

„Nun, wer sagt denn, dass ihr diese Bedrohung nicht heraufbeschwören habt, indem ihr diesen schicken Gefangenen hier beherbergt und mit dem Fleisch füttert, dass unsere Gemeinschaft dir und deinem Clan so überaus großzügig gespendet hat. Wohlgemerkt damit Seinesgleichen uns NICHT MEHR fressen!“

rief der Büffel, wobei er sich Mühe gab, nicht direkt zu sehr anklagend zu klingen, derweil schloss der Große Khan seine Augen und atmete tief durch. Er hatte gewusst, dass dieses Thema im Laufe des Abends eine Rolle spielen würde, aber er hatte gehofft, dass er diese Beichte ein wenig später vollziehen konnte, dann, wenn er seine Beweise für seine These vorbrachte. Nun jedoch, war die sprichwörtliche Katze aus dem Sack und er musste damit umgehen. Das Schlimmste daran war, dass er es ihnen noch nicht einmal verübeln konnte, immerhin hatten sie mehrfach versprochen, dass sie die anderen Fleischfresser jagen und vertreiben würden, das war der EINE Dreh- und Angelpunkt ihres Vertrages. Er wollte gerade etwas erwidern als der Büffel erneut das Wort ergriff und ihn mit einer Tirade eindeckte:

„Nur die Ahnen wissen, wie oft dies in den letzten 200 Jahren schon passiert ist, ohne dass wir es mitbekommen haben. Hätte nicht rein zufällig einer der unsrigen deine Wachen gesehen, wie sie ihn durch den Dschungel hierher geschleppt haben, hätten wir nie davon erfahren. Und anhand der Tatsache, das wir bisher noch keine neuen Trophäen an den Grenzen gefunden haben, zeigt, dass er diesen Tempel noch nicht wieder verlassen hat. Vermutlich labt dieser Fleckenträger sich gerade an einem von uns, genau unter unseren Augen. Sag mir Tiger, wie viele von uns habt ihr im Laufe der Jahrhunderte schon an die Aussenseite verfüttert? Wie viele sind ihnen zum Opfer gefallen, obwohl ihr geschworen habt, uns genau davor zu schützen, damit dies nie mehr wieder geschieht? Ich wette, dass eure Grenzwächter im Geheimen in den umliegenden Gebieten auf der Jagd waren und von ihnen erwischt wurden und damit sie sie nicht töten, wird unser Fleisch an diese Außenseiter geliefert. Direkt unter unseren Nasen und wir waren alle nur zu dumm, zu naiv, um jemals eure Motive in Frage zu stellen, um jemals an eurer Überzeugung zu zweifeln. Verwerflich, sage ich. Das ist alles verwerflich!“

redete sich der Büffel in Rage. Mit jedem Satz wurde er lauter und als er die letzten Sätze herausschrie, flogen Speicheltropfen durch den Saal. Er war überzeugt, im Recht zu sein, und da ihm niemand direkt widersprach, konnte man es ihm nicht verdenken. In der Tat hatte der Große Khan ihn reden und schreien lassen, war ruhig geblieben, auch wenn ihn diese Anschuldigungen hart getroffen hatten, denn er wusste, wenn er jetzt die Nerven verlieren würde, würde er nur Öl in ein Feuer gießen, dass schon lichterloh brannte. Schließlich, als der Büffel seine fleischige Faust mit aller Gewalt auf den Tisch niedergehen ließ und seine Ansprache so mit einem Donnerschlag beendete, hob der Große Khan beschwichtigend die Hände.

„Bitte, bitte, wir wollen alle ruhig und gefasst bleiben. Die Anschuldigungen, die du gegen meine Vorfahren, mich und meine Töchter erhebst sind sehr schwerwiegend, aber du weißt auch, dass keine dieser Anschuldigungen wirklich begründet ist. Keine, außer einer einzigen, und selbst die ist mehr oder weniger leicht zu erklären. Nein … ich habe dich deine Wut herausschreien lassen, ohne dich zu unterbrechen, auch wenn es mich in den Fingern gejuckt hat, also wirst du mich nun meine Verteidigung in Ruhe und ohne Unterbrechung formulieren lassen, haben wir und da verstanden? Das gebietet der Anstand!“

begann der Große Khan und hob die Lautstärke seiner Stimme nur minimal an, während er ihr eine gewisse Schärfe hinzufügte, bevor er fortfuhr:

„Ja, es ist wahr, wir haben einen Außenseiter, genauer gesagt einen Jaguar, bei uns aufgenommen. Er hat sich den Grenzwachen ergeben, wohl wissend, was dies für ihn bedeutete. In der Tat war er sehr überrascht, als er nicht auf der Stelle getötet wurde, wie seine beiden Begleiter, die sich nicht ergaben. Die Grenzwachen hielten es für angebracht, ihn in den Tempel zu bringen, damit er verhört werden konnte, allerdings war er in einem so dermaßen schlechten Zustand, war schwer verwundet und unterernährt, als er hier ankam, dass wir uns erst einmal darum kümmern mussten, damit wir ihn später verhören konnten. Und genau das haben wir auch getan. Wir haben uns um seine Wunden gekümmert und haben ihm etwas zu essen gegeben, und ja, das beinhaltete auch Fleisch, das die Tribute uns zur Verfügung gestellt haben, für das höhere Wohl. Wie ihr alle sicherlich wisst, kann ein Fleischfresser nur eine gewisse Zeit lang mit einer rein veganen Ernährung überleben.“

erklärte der Anführer der Tiger so sachlich wie möglich, während der Wasserbüffel am Tisch laut schnaubte, es war offensichtlich dass er große Mühe hatte sich selbst zurückzuhalten und nicht einfach mit der Faust auf den Tisch zu schlagen und zu schreien: SEHT IHR … ICH HAB’S EUCH DOCH GESAGT!

Der Große Khan ignorierte ihn einfach, und bevor er sich zu einer Antwort aufraffen konnte, fuhr der Tiger fort:

„Aber, wie ich schon sagte: Dies ist der erste und einzige Fall, in dem so etwas jemals passiert ist und ich habe die Absicht, daraus eine Regel werden zu lassen. Der gefangene Jaguar war auf meiner Agenda für diesen Abend, und ich hatte vorgehabt, diesen Vorgang später zu erklären, denn die Informationen, die wir aus seinem Verhör erhalten haben, beunruhigen mich zutiefst. Nachdem ich meine ehrenwerten Priesterinnen befragt hatte, die mir einige der Dinge, die der Jaguar und erzählt hat, bestätigten, haben sich viele weitere Fragen aufgetan. Besorgniserregende, beängstigende Fragen, die wir noch nicht alle abschließend beantworten konnten. Eines ist jedoch sicher: Wir sehen uns mit einer so großen Bedrohung konfrontiert, dass sie unsere Zivilisation in ihrer Gesamtheit, so wie wir sie kennen, einfach auslöschen könnte.“

erklärte er, während hinter ihm die Hohepriesterin gelegentlich ernst nickte. Die Stimme des Khans blieb weitestgehend ruhig und gefasst, aber eine wohlbekannte Schärfe fand ihren Weg zurück in seinen Tonfall, als er sich mehr und mehr über den wütenden Stier am Ende des Tisches ärgerte. Er wusste, er würde dieses Mal diplomatisch vorgehen müssen und konnte die Pflanzenfresser nicht einfach niederhalten, also würde er ihm erlauben ein weiteres Mal seiner Wut Ausdruck zu verleihen. Er nickte dem Stier zu, erlaubte ihm zu sprechen, und der Büffel gab sich redlich Mühe, genauso ruhig und sachlich zu bleiben wie der Große Khan. Es fiel ihm jedoch sichtlich schwer, nicht seiner Natur zu folgen und seiner Wut freien Lauf zu lassen. Er wusste jedoch, dass, sollte es zu einem Kampf kommen, so würden die anwesenden fünf Tiger mehr als ausreichen, um sie selbst unbewaffnet in Stücke zu reißen.

„Großer Khan, du hast es selbst zugegeben, dass du den einen Eckpfeiler, auf dem all dies hier aufgebaut ist, niedergerissen hast. Unsere ganze Art zu leben, seit nunmehr über 200 Jahren, seit so vielen Generationen. Es spielt dabei gar keine Rolle, ob es das erste oder das hundertste Mal war, es ist geschehen, das ist genug! Und soweit ich weiß, ist dieser Gefangene noch am Leben! Wie kann es einen größeren Affront geben, als uns alle einzuladen, wenn der Casus Belli noch immer hier ist, noch immer unser Fleisch isst? Genau hier …“

rief der Stier und hackte mit aller Kraft seinem Finger auf den Tisch.

„ … in diesen Hallen! Wir alle leben ein Leben in Frieden und Wohlstand, das wir nur dank dieses Abkommens genießen können. Ein Abkommen, an dessen Regeln wir uns immer gehalten haben, dessen Bedingungen wir akzeptiert und erfüllt haben, immer! Und nun erfahren wir, dass ausgerechnet IHR es so leichtfertig missachtet habt, und dass nachdem ihr es gerade erst kürzlich und unter Androhung von Gewalt und Gräueltaten geändert habt. Kannst du wenigstens meine, unsere Unzufriedenheit verstehen? Ich … wir fühlen uns verraten. Verraten und verkauft.“

Verzweiflung mischte sich in die Wut des Büffels, während er versuchte nicht zu schreien. Als er zum Ende kam, schnaufte er laut, während der Große Khan vorsichtig nickte. Er verstand den Stier und die anderen Pflanzenfresser, konnte nachvollziehen, wie sie sich fühlten, und wenn sie nicht diese Informationen von Garra bekommen hätten, hätten sie den Jaguar wohl auch nie so lange am Leben gelassen. Er wäre hingerichtet worden, wie all die anderen vor ihm. Für den Moment allerdings, war er noch viel zu wertvoll, um ihn einfach aus Gewohnheit zu töten. Er war sich sicher, dass sie ihn noch brauchen würden. Er hoffte nur, dass er den Delegierten diesen Punkt auch verständlich machen konnte, aber so aufgebracht wie der Stier war, bezweifelte er es.

„Ich verstehe dich, und ich weiß, wie betrogen du dich fühlst, und um ganz ehrlich zu sein, ich würde mich ganz genauso fühlen, aber es gibt einen Grund, warum ich so gehandelt habe. Ich wollte nicht von Anfang an eine Panik auslösen, also habe ich vorerst nur die Grenzposten verstärken lassen, während wir weiter nach Hinweisen gesucht haben. Und Hinweise haben wir gefunden, viele, sehr beunruhigende Hinweise. Also bitte, lasst es mich erklären, wenn danach noch Fragen offen sind, wenn noch etwas unklar ist, dann können wir über alles reden.“

begann er leise und als keine direkte Widerrede kam, fuhr er fort.

„Danke. Wie ihr sicherlich alle wisst, auch wenn wir Tiger diese Leistung gerne als unsere eigene bezeichnen und damit prahlen würden, haben wir diesen Tempel nicht selbst erbaut. Als unsere Vorfahren ihn für sich beanspruchten, war er bereits seit sehr langer Zeit verlassen. Der Dschungel hatte ihn schon fast zurück erobert, aber wir haben ihn damals aufgeräumt und wieder bewohnbar gemacht. Dass der Gestank des Todes schon damals an ihm haftete, hat uns damals wie heute nicht gestört. Leider sind damals viele der alten Schriften und Artefakten verloren gegangen, da niemand wusste, was man mit ihnen anfangen sollte. Immerhin waren wir alle damals noch viel primitiver und wilder als heute.“

erklärte er und versuchte, den schnaubenden Büffel zu ignorieren.

„Daraus ergibt sich jedoch auch, dass jemand anderes diesen Tempel gebaut haben muss, und wir können mit Gewissheit ausschließen, dass dies Pflanzenfresser waren. Die Wandmalereien und Reliefs, die Inschriften und Runen, die aus dieser Zeit noch vorhanden sind, die die Jahrhunderte überdauert haben, zeichnen ein Bild, das ziemlich dem entspricht, was uns der Jaguar berichtet hat. Aus den Inschriften, aus dem Wenigen, das noch interpretiert werden kann, konnten wir den Schluss ziehen, dass diese Wesen, große, zweibeinige, pelz- und federlose Raubtiere, schon damals viel weiter entwickelt waren als wir es heute sind. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass wir auch heute noch nicht inder Lage sind ein solches Bauwerk zu errichten. Nicht einmal im Ansatz und ihr könnt es auch nicht. Diese uns unbekannten Raubtiere taten es, wer weiß wie viele Generationen, bevor wir es für uns beanspruchten.“

fuhr der Anführer der Tiger fort, während hinter ihm die Hohepriesterin weiter nickte und seinen Worten damit Nachdruck verlieh. Am Tisch konnte sich der Stier jedoch nicht länger zurückhalten und warf seine Hände hoch.

„Ja und? Irgendjemand, der uns schon damals weit voraus war, hat diesen Tempel errichtet, so viel ist uns allen klar. Daran besteht auch kein Zweifel, aber diese Kreaturen, Raubtiere, nenn sie wie du willst, sind weg. Sie waren schon weg, lange bevor ihr hierher gekommen seid, und ihr seid schon eine sehr lange Zeit hier. Keiner hier kann sich an sie erinnern, selbst wenn wir in unseren eigenen Archiven recherchieren würden, würden wir höchstwahrscheinlich nichts mehr zu diesen Kreaturen finden, so lange ist es her. Davon abgesehen, dass die meisten alten Aufzeichnungen sowieso nicht mehr zu gebrauchen sind, weil der Zahn der Zeit sie zerfressen hat … und alles, was älter ist, sind Mythen und Legenden.“

rief der Bulle erregt, und seine Worte überschlagen sich fast. Als er dann merkte, dass der Große Khan ihm nicht direkt widersprach, steigerte er sich wieder in eine Rage und seine Adern an Hals und Stirn traten hervor, während sein Gesicht sich langsam tiefrot verfärbte. Alsbald schrie er seine Wut offen heraus:

„Ihr Tiger versteckt euch hinter diesen vagen Vermutungen und Interpretationen, in der Hoffnung, von uns keine Repressalien zu befürchten. Wir werden euch aber zur Rechenschaft ziehen, ihr werdet für diesen Affront bestraft werden! Ich weiß noch nicht, wie … aber ich werde persönlich dafür sorgen, dass wir einen Weg finden werden, euch alle für diesen Vertragsbruch bluten zu lassen!“

Er wollte weiter wüten, aber einige der anderen Pflanzenfresser, die eine harte Vergeltung für diesen Ausbruch befürchteten, versuchten, ihn zu beruhigen, was allerdings nur mäßig gut funktionierte. Währenddessen schloss der Große Khan wieder seine Augen und atmete noch einmal tief durch.

„Macht euch keine Sorgen, wenn sich diese Bedrohung schlussendlich vor unseren Augen in Wohlgefallen auflöst, dann werde ich mich eurem Prozess stellen und die Bestrafung, die mich dann erwartet, auch akzeptieren. Aber ich, und nur ich allein, trage die Schuld an all dem. Keiner meiner Gefolgsleute kann hierfür bestraft werden, außer mir. Bis es aber soweit ist, lasst mich euch berichten, wie sich diese Bedrohung heute darstellt, die allen Anschein nach all die Jahre weit oben in den östlichen Gebirgen geschlummert hat.“

Es war ein Versuch, die verfahrene Situation noch einmal zu retten und der Große Khan gab sich große Mühe dabei ruhig zu bleiben, aber der Zorn, der nur knapp unter der Oberfläche brodelte, war bereits deutlich zu spüren. Für den Moment schienen der Delegierten den Wasserbüffel im Griff zu haben, und so fuhr der Anführer der Tiger fort:

„Während des Verhörs hat uns der Jaguar berichtet, dass diese neuen, oder alten Feinde aus den Bergen im Osten kommen, wobei wir nicht sicher sagen können, ob sie nun wirklich von dort stammen, oder ob sie sich einfach aus irgendeinem Grund dorthin zurückgezogen haben. Was wir jedoch wissen ist, dass ihr Jagdverhalten nahe legt, dass sie sich dort zumindest mittelfristig niedergelassen haben. Sie wagen sich von den Bergen aus in die Niederungen, um dort ihre Beute zu erlegen und gehen dabei vollkommen wahllos vor. Fleisch- und Pflanzenfresser gleichermaßen, jung und alt, männlich und weiblich, gesund oder krank … nichts scheint eine Rolle zu spielen. Sie töten alles und jeden, der ihnen unter die Augen kommt und gehen dabei immer gleich vor. Sie greifen aus der Ferne an, mit Waffen, die laut Aussage des Jaguars Feuer und Donner speien und dabei eine tödliche Durchschlagskraft haben. Selbst sonst nicht zwingend tödliche Treffer führen fast immer zu einem schnellen, aber sehr schmerzhaften Tod. Dabei scheinen diese Kreaturen nicht einmal am Fleisch ihrer Opfer interessiert zu sein, denn bisher haben sie ihre Beute immer nur gehäutet und wenn es sich anbot Trophäen wie Hörner oder Zähne mitgenommen. Den Kadaver ließen sie jedoch immer an Ort und Stelle liegen.“

erklärte er mit ruhigen, klaren Worten weiter, während der Bulle am Ende des Tisches sich wieder aufzuschaukeln begann. Doch bevor er einhaken konnte, legte der Große Khan bereits nach.

„All dies deckt sich bis zu einem gewissen Grad mit dem, was wir aus den Wandmalereien und Inschriften in diesem Tempel entnehmen konnten. Wir haben zwar keine Beschreibung dieser Waffen gefunden, aber wenn man bedenkt, wie lange es schon her ist, dass diese Malereien entstanden sind, ist es durchaus im Bereich des möglichen, dass sie in der Zwischenzeit entwickelt haben könnten. Nichtsdestoweniger steht fest: Sie kommen aus den Bergen und sie töten. Jeden. Egal wen. Und dann ziehen sie sich wieder zurück. Mit jeder neuen Jagd dringend sie ein Stück weiter in den Dschungel vor und drängen die Bewohner der Territorien außerhalb unserer Grenzen weiter zurück und auf uns zu.“

Er unterbrach sich selbst, um die Tragweite seiner Aussage auf die Pflanzenfresser wirken zu lassen, und in den Gesichtern der meisten konnte er die Erkenntnis sehen, die er sich erhoffte, nur ein paar wenige waren scheinbar noch immer nicht bereit ihm Glauben zu schenken. Als er weitersprach, lag ein fast unmerkliches Zittern in seiner Stimme, das nur von Pecada und seinen Töchtern wirklich wahrgenommen wurde, die wussten, dass er mittlerweile innerlich vor Wut kochte.

„Ich sehe gleich zwei existenzielle Gefahren auf uns alle zukommen. Noch sind sie weit weg, aber sie kommen mit jedem verstreichenden Tag näher und sie sind nicht aufzuhalten. Die erste wird eine Flüchtlingswelle sein, wenn die Tiere in den östlichen Grenzgebieten vor diesen Jägern fliehen und sich nicht von unseren Gebietsgrenzen aufhalten lassen werden. Wir werden einen Weg finden müssen, mit diesen Flüchtlingen umzugehen, denn wir werden sie nicht alle aufnehmen können, gleichzeitig können wir sie aber auch nicht abweisen. Diese Situation wird über kurz oder lang völlig eskalieren. Die zweite Bedrohung ist jedoch die noch weitaus gefährlichere, denn diese Raubtiere werden ihren Weg auch in dieses Gebiet finden. Sie folgen der Beute, und die Beute führt sie genau hier hin …“

Der Große Khan deutete mit beiden Händen auf den Boden, bevor er fortfuhr.

„Wir wissen nicht wie viele es sind, aber sie sind in der Lage, selbst den größten Wasserbüffel und den stärksten Jaguar einfach so aus der Ferne zu töten, mit Waffen, die ohne weiteres in der Lage sind, selbst unsere besten Kriegsrüstungen zu durchdringen. Keiner von uns, weder ihr, noch wir, noch die Jaguare aus den östlichen Territorien besitzen die Fähigkeit, diese Bedrohung allein zu bewältigen. Es gibt zu wenige von uns und es bleibt keine Zeit, das auf natürliche Art und Weise zu beheben.“

Weiter kam er nicht mehr, denn der Wasserbüffel explodierte regelrecht. Seine Fäuste donnerten auf den Tisch, der unter der gewaltigen Belastung ächzte, bevor er den Anführer der Tiger völlig ungebremst über den Tisch hinweg anbrüllte:

„ICH WUSSTE ES! ICH WUSSTE, DASS IHR DRECKIGEN RAUBKATZEN ZUSAMMENHALTEN WÜRDET! LASST MICH RATEN: JETZT WOLLT IHR, DASS WIR EUCH DIE ERLAUBNIS GEBEN,NOCH MEHR VON IHNEN HIERHER ZU BRINGEN. UND NATÜRLICH MÜSSEN DIESE HINTERLISTIGEN FLECKENTRÄGER AUCH GEFÜTTERT WERDEN … KLAR, WARUM AUCH NICHT? 300 VON EUCH VERRÄTERISCHEN, BLUTRÜNSTIGEN TÖTUNGSMASCHINEN ZU FÜTTERN IST JA SCHLIESSLICH DAS EINFACHSTE AUF DER WELT FÜR UNS! WARUM SOLLTEN WIR DIE LAST NICHT NOCH ERHÖHEN, INDEM WIR UNS NOCH MEHR VON IHNEN AUFHALSEN? ES REICHT EUCH NICHT, DASS IHR DEN VERTRAG GEBROCHEN HABT, NEIN, IHR WOLLT AUCH NOCH SALZ IN DIE WUNDEN REIBEN!! WAS? WARUM? ICH HABE RECHT! LASST MICH LOS!“

Es brauchte vier der anderen Pflanzenfresser, um den Wasserbüffel soweit niederzuringen, dass schlimmeres verhindert werden konnte, denn in der Zwischenzeit war Pecada hinter den Khan getreten und hatte ihre Hände auf seine Schultern gelegt, in der Hoffnung ihn ruhig zu halten. Inzwischen war es allen klar, dass dieses Treffen zu keinem befriedigendem Ergebnis führen würde, selbst wenn die anderen Pflanzenfresser vielleicht überzeugt werden könnten, so wurden die wenigen, die sich aus Trotz, oder vielleicht auch Wut, absolut gegen jeden Vorschlag der Tiger stellten, wurden jeden Konsens zunichte machen. Zu tief saß der Hass und die Vorurteile gegenüber den Raubkatzen und allem, was sie repräsentierten. Es war nicht so, dass der Große Khan das nicht sogar verstand, gleichzeitig brachte ihn die Ignoranz des Büffels in Rage.

Die Hohepriesterin gesellte sich zu Pecada und dem Khan und flüsterte ihm etwas zu, woraufhin sich seine Gesichtszüge ein wenig zu entspannen schienen. Er atmete tief durch, presste die Lippen zusammen und erwiderte das Flüstern seinerseits, woraufhin die junge Tigerin sachte nickte und er sich dem Tumult zuwandte, der sich am Ende des Tisches abspielte. Der Stier, obwohl er keineswegs muskulös war, nutzte seine Masse, um die anderen so weit auf Abstand zu halten, dass er den Tigern gelegentlich Schimpfwörter entgegenschreien konnte. Der Große Khan setzte sich indes in Bewegung und kam auf den Tisch zu. Seine Bewegungen wirkten kontrolliert, aber nicht wirklich entspannt, sein Schwanz, ein typischer Indikator für seine Laune, peitschte hin und her und seine Fäuste ballten sich rhythmisch mit jedem Schritt, den er um den Tisch herum machte.

„Das hat man nun davon, dass man versucht, mit Pflanzenfressern eine vernünftige Debatte zu führen. Das kommt dabei heraus, wenn man versucht, sich wie ein zivilisiertes Wesen zu verhalten. Das ist das Ergebnis, wenn man nicht mindestens zwanzig Krieger in den Rängen hat. Wenn man sich vor seinen sogenannten Verbündeten demütig zeigt …“

murmelte er mehr zu sich selbst als zu jemand anderem, während er sich langsam dem Stier näherte. Die anderen Pflanzenfresser wichen ihm instinktiv aus, aber der Wasserbüffel wütete ungehindert weiter. Er sah den Anführer der Tiger auf sich zukommen und brüllte ihm seinen Zorn entgegen, was ihm ein gewisses Maß an Respekt beim Großen Khan einbrachte, auch wenn dieser wusste, dass es nur die schiere Wut war, die dem Büffel dem Mut verlieh, sich so gegen ihn aufzulehnen. Als er schließlich praktisch direkt vor dem wütenden Stier stand, befahl der Tiger leise:

„Lasst ihn los.“

Dies kam so völlig unerwartet, dass die Pflanzenfresser gar nicht wirklich reagieren konnten, was der Stier zu seinen Gunsten ausnutzte und sich von seinen Häschern befreite. Nun standen sich die beiden direkt gegenüber, aber es passierte für den Moment nichts. Die Brust des Stiers hob und senkte sich im Takt mit seinen schnaubenden, brennend heißen Atemzügen, während er auf den Großen Khan herabblickte, der, obwohl er beileibe nicht klein war, zu dem massigen Wasserbüffel auf blicken musste. Die beiden musterten sich für einen unendlich langen Moment, denn auch wenn sein Zorn grenzenlos erschien, so war der Stier unfähig auch nur irgendwas zu tun oder zu sagen, jetzt wo er seinem natürlichen Todfeind Auge in Auge gegenüberstand. Der Khan hielt dem Starren des Büffels mühelos stand, denn er wusste sehr wohl, wer als Sieger aus einem Kampf hervorgehen würde, sollte es so weit kommen. Die anderen Pflanzenfresser waren von ihnen zurück gewichen und wagten es kaum zu atmen.

Nach dem großen Krieg hatten sich nur die Tiger damit befasst, ein stehendes Heer aufrechtzuerhalten und die Mitglieder ihres Clans regelmäßig im Kampf zu trainieren, die Pflanzenfresser hatten sich fast ausschließlich dem Wiederaufbau ihrer Gesellschaft gewidmet. Sie sahen einfach keine Notwendigkeit darin, sich auf einen Kampf vorzubereiten, schließlich war es die Aufgabe der Tiger, für ihre Sicherheit zu sorgen. Die wenigen unter ihnen, die sich mit dem Thema befassen, trainierten zu eher rekreativen Zwecken, meistens Faustkampf oder Ringen, aber nichts, womit man einen Gegner wirklich töten konnte. Alles was die Pflanzenfresser hatten, waren uralte Instinkte, geschwächt und verwaschen nach Jahrhunderten der Inaktivität, und im Fall des Wasserbüffels eine nicht zu unterschätzende natürliche Körperkraft. Beide wussten das, und nun, da der Khan so nah an ihn herangekommen war, half dem Stier auch seine schiere Kraft nicht mehr. Somit tat der Stier sein Bestes, um sich langsam zu beruhigen, während der Große Khan sein bestes gab um nicht über zu kochen.

„Hör zu, Bulle, hör jetzt ganz genau zu, denn ich werde dir und den anderen dieses Angebot nur ein einziges Mal unterbreiten.“

flüsterte der Khan und unterstrich jedes seiner Worte mit einem leisen Knurren.

„Ich werde mich mit meinen weiteren Plänen für den Moment zurückhalten, bis wir weitere, genauere Informationen gesammelt haben. Vielleicht, aber nur vielleicht, wollt ihr ja dasselbe tun, und eure Botschafter zu den anderen Clans aussenden und euch von ihnen bestätigen lassen, was ich euch bereits gesagt habe.“

fuhr er fort, wobei er ganz allmählich lauter wurde und seine Ansprache auch an die anderen richtete.

„Aber vielleicht liege ich ja auch falsch mit meiner Einschätzung und ihr alle wollt mit uns zusammen kämpfen, wenn der Tag gekommen ist, Seite an Seite dem Tod ins Augen blicken. Vielleicht wollt ihr nicht einfach nur diese verräterischen, blutrünstigen Killermaschinen die Drecksarbeit machen lassen. Ein nobler Gedanke, einer, den ich tatsächlich und wirklich begrüßen würde, aber auch einer, der euch weit mehr kosten wird, als vielleicht ein paar mehr Opfer darzubringen für diejenigen, die die Hauptlast und den Blutzoll für die Verteidigung eures Lebensstils in kommenden Konflikt begleichen werden.“

Mittlerweile sprach er laut und deutlich, aber seine Augen blieben fest auf denen des Stiers fixiert.

„Niemand wird aus diesem Krieg ohne Verluste hervorgehen, auch wir nicht. Wir alle werden die Toten betrauern und es ist nicht unmöglich, dass wir diesen Krieg letzten Endes sogar verlieren. Auch wenn unser Clan stolze 300 Tiger zählt, heißt das noch lange nicht, dass auch alle 300 von uns in der Lage sind, in vollem Umfang zu kämpfen. Auch wir haben Kinder und Alte in unseren Reihen, Kranke und Schwache. Und selbst wenn wir Verstärkung durch die Jaguare bekämen, was überhaupt nicht sicher ist, werden wir am Ende vielleicht eine Armee mit 300 fähigen Kämpfern haben. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass wir Tiger allein Armeen mit 500 und mehr Tiger in den Krieg geführt haben, ganz zu schweigen von den Jaguaren und den Wölfen.“

In seiner Stimme lag der pure Hass und genug Kälte und Bitterkeit, dass es den Pflanzenfressern so vorkam, als würde die Temperatur im Saal Augenblick um mehrere Grad fallen. Er betonte akribisch jede einzelne Silbe, um damit seine Botschaft zu verdeutlichen.

„Also, sendet eure Botschafter aus, sprecht mit den anderen, vielleicht werden sich euch die geschändeten Kadaver ihrer Stammesmitglieder zeigen und euch von seltsamen Wesen erzählen, die einen Gestank von Schwefel und verbrannter Haut zurücklassen. Vielleicht habt ihr ja sogar Glück und trefft einen von ihnen und könnt ihn fragen, ob das alles nur ein dummes Missverständnis ist. Wenn dem so wäre, und das wage ich ehrlich zu bezweifeln, dann werde ich alles wieder zur Normalität zurückbringen, so als wäre nichts geschehen. Wir werden Garra hinrichten, so wie es der Vertrag verlangt, und so wie ich es auch schon versprochen habe, werde ich mich eurer Jurisdiktion unterwerfen. Bis es aber soweit ist, werde ich die Alarmbereitschaft aufrechterhalten und alles in meiner Macht stehende tun, um dieses Territorium auf einen Krieg vorzubereiten. Und ihr geht jetzt besser nach Hause, und zwar sofort, bevor ich noch auf Ideen komme, die ich später vielleicht noch bereue.“

Der letzte Satz war nur noch ein heiseres Flüstern, aber es verfehlte seine Wirkung nicht. Die Delegierten standen mit offenem Mund da und schnappten nach Luft, selbst der Stier, der noch immer sichtlich aufgebracht war, starrte den Tiger vor sich völlig schockiert an. Derweil ließ der Khan langsam seinen Blick von einem Abgesandten zum Nächsten wandern. Jedes Augenpaar bekam einen Moment seiner ungeteilten Aufmerksamkeit, gerade genug, um in die gelb-grünen Augen ihres schlimmsten Albtraums zu blicken. Sie badeten in bodenlosen Becken, die die tiefschwarzen Pupillen des Khans waren und schienen darin zu ertrinken. Keiner von ihnen war in der Lage, auch nur für diesen kurzen Moment seinem Blick standzuhalten.

Als sich schließlich sein Blick und der des Büffels wieder trafen, war er der einzige, der ihm nicht sofort auswich. In diesem Moment kam es zu einer Verständigung zwischen ihnen und der Große Khan nickte leicht, bevor er sich endlich von ihnen abwandte. Als er die ersten Schritte hinter sich gebracht hatte, konnte er die Erleichterung der Pflanzenfresser hinter sich spüren, es war ein befriedigendes Gefühl, auch wenn er sich einen anderen Ausgang für dieses Treffen gewünscht hatte. Etwas auf halbem Weg zu seinem Thron gesellten sich Pecada und die Hohepriesterin zu ihm und begleiteten ihn den Rest des Weges.

Noch bevor er sich setzte, wurden die großen Doppeltüren der Halle geöffnet und die Priesterin, die sie schon herein begleitet hatte, betrat die große Halle. Sie trat vor und verbeugte sich tief und respektvoll vor der Hohepriesterin, die mit einem wohlgesonnenen Nicken antwortete. Nachdem sie sich wieder aufgerichtet hatte, wandte sich die Tigerin den Abgesandten zu, die gerade noch dabei waren, ihre Haltung wieder zu erlangen. Sie wartete eine Moment, bis die Anwesenden sich beruhigt hatten, bevor sie sie mit einer einladenden Geste aufforderte, ihr zu folgen. Tatsächlich kamen die meisten ihrer Bitte nach, selbst der große Büffel, zunächst zögernd, da die meisten unter ihnen das Gefühl hatten, dass es noch viel zu besprechen gegeben hätte, dann aber immer zügiger, da sie wussten, dass die Spannung zwischen ihnen und den Tigern schon zu groß war und es ein schrecklich dumme Idee war den Anführer der Tiger noch mehr zu reizen. Nur ein Wasserschwein tran an das Podest heran, auf dem der Thron des Khans und die seiner Töchter standen, und kniete voller Demut nieder

„Ich bitte vielmals um Entschuldigung …“

flüsterte es in gedämpftem Ton, aber es war nicht der Große Khan, der auf diese Geste der Unterwerfung reagierte, sondern Amelia, die sich nach einem unangenehmen Moment der Stille von ihrem Thron erhob und einen Schritt auf die bescheidene Kreatur zuging, die voller Angst vor ihr kauerte. Augenblicklich wurde ihr bewusst, was ihr Vater gemeint hatte, als er sagte:

„Kind, wenn sie sich unterwürfig zeigen, dann sind sie so klein, nur ein Fleck am Boden, es wäre ein Leichtes sie einfach nieder zu trampeln, aber das wirst du nie tun. In gewisser Weise ist es unsere Pflicht, immer barmherzig zu sein, immer zu vergeben, aber niemals zu vergessen. Wenn wir auf nur ein einziges Mal unsere Zurückhaltung vernachlässigen, dann riskieren wir alles. Danke immer daran: Gegen einen von ihnen sind wir übermächtig, aber sie sind Legion. Wenn der Tag kommt, an dem wir es durch Dummheit oder Unwissenheit geschafft haben, diesen Vertrag endgültig zu brechen, für den wir über 200 Jahre Blut, Schweiß und Tränen vergossen haben, werden sie uns überrennen, selbst jetzt, in ihrem geschwächten Zustand. Mein süßes Kind, Licht meiner Augen, es darf niemals so weit kommen.“

Sie sah zu Boden und seufzte.

„Erhebe dich … dich trifft keine Schuld, du hast nichts falsch gemacht. Diese Debatte hat nur von Anfang an den falschen Weg eingeschlagen. Geht jetzt, in Frieden. Alles ist in Ordnung, zumindest für jetzt.“

sprach sie sanft und schaffte es ihre Stimme so zu modulieren, dass alle Schärfe, aller Zorn aus ihr herausgefiltert wurde. Als er das hörte erhob sich der Abgesandte vorsichtig und verbeugte sich erneut, wobei in seinem Gesicht bereits deutlich weniger Stress zu erkennen war. Amelia nickte anerkennend und deutete auf die Gruppe der anderen Delegierten, die sich an der Tür versammelten. Er wandte sich ab und beeilte sich, zu ihnen aufzuschließen, bevor die Türen hinter ihnen geschlossen wurden.

Die Priesterin führte die Pflanzenfresser schweigend aus der Halle und durch die weitverzweigten Gänge des Tempels. Die Atmosphäre war angespannt, allerdings lag es dieses Mal nicht daran, dass die Tiger sie unter Druck setzen, sondern weil einige der Abgesandten so dermaßen aufgewühlt waren, dass der geringste Funken genügen würde, um eine Katastrophe heraufzubeschwören.

Zu ihrem Glück erreichten sie den Eingang des Tempels, bevor dies geschehen konnte. Die Priesterin verabschiedete sie und zog sich danach in den Tempel zurück. Als sie gerade außer Sicht war, lehnte sie sich gegen eine Wand und legte ihren Kopf an den kühlen Granit des Bauwerks. Es hätte sie viel Kraft gekostet, die Pflanzenfresser nicht den ganzen Weg von der großen Halle bis zum Eingang wegen ihres ungebührlichen Verhaltens zu maßregeln, aber das war nicht ihre Aufgabe.

In der großen Halle saß der Große Khan ähnlich angespannt auf seinem Thron und seine krallenbewehrten Pranken verkrampften sich um die Armlehnen seines Amtssitzes. Es würde einen Moment dauern bis sein Zorn soweit verflogen war, dass er es sich erlaubte zu entspannen. Es war schließlich Emily, die die unangenehme Stille durch rach:

„Dank dir Schwesterchen, ich finde, das hast du außerordentlich gut gemacht.“

Sie klang fast zu fröhlich und ihre Mutter hielt sie sachte an ihren Schultern zurück, damit sie nicht aufsprang und ihrer Schwester um den Hals fiel, aber auch sie nickte zustimmend.

„Du hast bereits viel gelernt, junge Amelia. Du hast dich wie die Thronfolgerin verhalten, die du bist, und es war das einzig Richtige für diesen Augenblick, aber lass es dir nicht zu Kopf steigen. Du hast noch einen langen Weg vor dir, und ich hoffe, dass dein Vater noch lange auf diesem Thron sitzen wird.“

warf die Hohepriesterin ein, wobei in ihrer Stimme kein Tadel lag, nur Anerkennung und Zuneigung. Es war ein Rat, eine Aufforderung und Anreiz, sich noch mehr ins Zeug zu legen. Amelia nickte langsam und sah hinüber zu ihrem Vater, der sich inzwischen beruhigt hatte und sie mit einem liebevollen, väterlichen Lächeln ansah.

„Komm her, mein Schatz.“

forderte er sie müde auf und öffnete seine Arme, woraufhin seine älteste auf ihn zukam und sich in seine Umarmung fallen ließ. Er zog sie auf seinen Schoß und umarmte sie herzlich schmunzelnd.

„Oh, du wirst langsam zu groß, um auf meinem Schoß zu sitzen. Danke, dass du die Situation gerettet hast.“

murmelte er in ihr Ohr und überschüttete sie liebevoll mit kleinen Küssen.

„Iiiiiehhh … Papaaa … nicht vor den anderen …“

quietschte sie.

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