Durchs Feuer gehen -Revisited-

Story by elpoyodiabolo on SoFurry

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Es ist soweit, die Armee ist gemustert und steht bereit zu Ausmarsch.

Aber wird es reichen? Haben der Große Khan und seine Untergebenen genug Krieger um sich scharen können um den Nea-Phi-Lim gegenübertreten zu können und zu gewinnen? Oder werden diese unheimlichen Jäger am Ende doch die Oberhand behalten und die Tiger in die Flucht schlagen.

Was wird aus Garra, Emily und den anderen?

Durchs Feuer gehen ist die letzte der sechs Geschichten in diesem Erzählbogen und damit auch das große Finale des zweiten Buchs. Ein letztes Mal begleiten wir den Großen Khan und seinen Tiger-Clan, wie sie versuchen sich der schleichenden Invasion durch die Nea-Phi-Lim zu erwehren. Es passiert unheimlich viel und es war nicht einfach all die losen Enden wieder einzufangen. Ich hoffe es ist mir gelungen.

In den nächsten Tagen folgt noch das Nachspiel, womit die Überarbeitung dieses Buches entgültig abgeschlossen ist.

Das Original kann hier nachgelesen werden: https://sofurry.com/s/eNb5kVMe


Mit dem Jaguar auf Mission im östlichen Territorium, wo er so viele seiner Artgenossen wie nur irgend Möglich zusammentreiben sollte, blieb den Tigern in der Heimat nicht viel mehr zu tun, als sich auf den bevorstehenden Konflikt so gut es nur ging vorzubereiten. Schon seit jeher hatten die Streifenträger von sich selbst behauptet, die kriegerischste unter all den Raubtieren zu sein. Sie beanspruchten diesen Titel für sich, weil sie schon immer die stärksten Krieger gestellt hatten und ihnen tatsächlich das Kämpfen im Blut lag. Nichtsdestoweniger hatten aber auch die Tiger seit über 200 Jahren keinen echten Konflikt mehr ausgetragen und die Krieger des Stammes waren zwar in der Theorie gut trainiert, aber nur sehr wenige von ihnen hatten echte Kampferfahrung.

Nicht zuletzt deswegen, hatte der Große Khan angeordnet, dass jeder Tiger, der zu kämpfen in der Lage war und nicht mit anderen für den Clan unerlässlichen Aufgaben betraut war, sich einem rigorosen Trainingsregime zu unterwerfen hatte. Keiner von ihnen wehrte sich dagegen oder versuchte sich davor zu drücken, denn sie alle wussten, dass die bevorstehende Schlacht ihnen alles abverlangen und wahrscheinlich viele Opfer fordern würde. Sogar viele der Tiger, die bis jetzt zu den Priestern des Clans gehörten und einige seiner Konkubinen unterzogen sich dem Training und würden, sobald der Khan zu den Waffen rief, an den Kämpfen teilnehmen.

Die Trainingshöfe des Tempels, die zwischenzeitlich wie leergefegt waren, erfreuten sich wieder reger Betriebsamkeit, während die Tiger unten den wachsamen Augen der Kampferfahreneren ihre Fähigkeiten perfektionierten.

Sie waren sich nicht ganz sicher, wie viel die Techniken, die sie ihren Artgenossen beibrachten, am Ende gegen einen Gegner wie die Nea-Phi-Lim halfen, die es bevorzugten, aus der Ferne anzugreifen, aber es war alles was sie tun konnten. Sie würden die Distanz zwischen sich und dem Feind so schnell wie möglich überbrücken und sie dann überrennen … oder bei dem Versuch sterben.

Während im Tempel fleißig trainiert wurde, hatte der Hauptmann der Wache im Außenposten alle Hände voll damit zu tun, die von den Pflanzenfressern gestellte Miliz auch nur halbwegs sinnvoll einzusetzen. Zwar hatten er und sein Stab sich anfangs sehr über die Verstärkung gefreut, die seine Truppen entlasten und bei der Sicherung der Grenzen helfen sollte, aber es hatte sich sehr schnell herausgestellt, dass die Pflanzenfresser nicht nur für den Fronteinsatz untauglich waren, sondern das ständige und vollkommen unkontrollierte Eintreffen weiterer Truppen, machte einen koordinierten Einsatz nahezu unmöglich. Sein bisher organisiertes Chaos, in dem sich zwar außen ihm, niemand sonst zurechtfand, verwandelte sich mit jedem vertreichenden Tag zunehmend mehr in ein echtes Chaos.

Das vollkommene Fehlen jedes taktischen Verständnisses und das Vorherrschen einer zivilen Denkweise, sorgte dafür, dass es immer wieder zu lautstarken Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Truppen kam. Sie stritten sich darüber, wer wo eingesetzt werden konnte und zu welcher Tages- oder Nachtzeit, und waren des öfteren nicht mit den ihnen zugeordneten Quadranten zufrieden, weil das Gras an einem anderen Einsatzort grüner war, oder man zu weit von zu Hause eingesetzt wurde.

Mehrmals hatte der Hauptmann ein Machtwort sprechen müssen und die Krieger der Pflanzenfresser daran erinnern müssen, was alles auf dem Spiel stand und dass sie nicht auf einen Spaziergang oder ein Picknick eingeladen worden waren, sondern dass im Grunde genommen Krieg herrschte und ihre Aufgabe darin bestand Eindringlinge aufzuspüren und im Idealfall bis zum Eintreffen der Verstärkung aufzuhalten. Meist half es, die Auseinandersetzungen zumindest zu beenden, allerdings nicht immer zur Zufriedenheit aller, und es blieb eine konstante Grundspannung zwischen den einzelnen Fraktionen.

Diese erste Woche der Zusammenarbeit zwischen den Milizen und den Streitkräften der Tiger verlief tatsächlich eher holprig, aber das war von allen Seiten nicht anders erwartet worden. Allerdings gelobten beide Seiten, sich große Mühe zu geben, da sie alle wussten, dass es ohne die jeweils andere Seite nicht ging.

Die Tage vergingen für die einen schnell, viel zu schnell, denn sie fürchteten, dass die Zeit nicht ausreichte, um die Kampfkraft der eigenen Truppen so sehr zu steigern, dass eine ehrliche Chance auf Sieg bestand, während sie für andere quälend langsam vergingen.

Mit jedem Sonnenuntergang, der ohne Neuigkeiten von Garra verstrich, sank auch Emilys Mut immer weiter. Sie hatte sich bereits von den meisten gemeinsamen Aktivitäten zurückgezogen und verließ ihr Zimmer nur noch für das allernötigste. Pecada machte sich große Sorgen um ihre jüngste Tochter, die zeitweise sogar das Essen verweigerte. Niemand fand Zugang zu der jungen Tigerin, die ihr Herz an den Jaguar verloren hatte, dessen lebensgefährliche Mission nun schon über zehn Tage andauerte. Erst als Amelia von ihrem Aufenthalt im Außenposten zurückkehrte, um mit ihrem Vater und Emily zu trainieren, wurde es wieder ein wenig besser. Der älteren Tochter des Khans gelange es immer wieder, ihre Zwillingsschwester aus ihrem Versteck zu locken, wenn auch nur für kurze Zeit. Es war offensichtlich, dass Emily Garra vermisste, und mit jedem weiteren Tag, der verging, wurde es nur noch schlimmer.

Wenn nicht bald etwas passieren würde, so würde das schlimme Konsequenzen nach sich ziehen, aber keiner der Tiger, nicht einmal Amelia, konnte für den Moment etwas daran ändern.

Zu allem Überfluss erreichten die Tiger mittlerweile fast täglich neue Hiobsbotschaften. Die Pflanzenfresser, die nach wie vor Kontakt zu ihren Artgenossen in den östlichen Territorien hielten, brachten erschreckende Neuigkeiten mit. Die Nea-Phi-Lim rückten ungebremst immer weiter vor und fuhren ebenso fort, alles und jeden zu töten, der ihnen in die Quere kam. Die Tiger würden bald handeln müssen, sonst würde alles zu spät sein.

Die war natürlich Wasser auf den Mühlen des Hauptmanns, der ein ums andere Mal beim Großen Khan anfragen ließ, wie lange der Anführer der Tiger denn noch auf diesen verräterischen Jaguar warten wolle, der seiner Meinung nach die Chance genutzt und sich einfach aus dem Staub gemacht hatte. Der Große Khan ließ sich allerdings, trotz des wachsenden Drucks, nicht beirren. Der Jaguar würde zurückkommen, und er würde eine Armee mitbringen.

Als sich schließlich auch die zweite Woche dem Ende zuneigte, begann die Armee der Tiger langsam Gestalt anzunehmen. Die Krieger des Clans waren besser in Form als sie es nach dem Ende des Krieges jemals gewesen waren. Der Khan war stolz auf seinen Clan und zufrieden mit den Fortschritten, die sie in so kurzer Zeit erzielt hatten. Wenn Garra nun zurückkehrte und auch nur eine Handvoll fähige Jaguare bei sich hatte, würden sie eine echte Chance haben, diese verhassten Eindringlinge zu vertreiben, da war er sich sicher.

„Ja, wenn Garra zurückkehrt.“

erwiderte Amelia über ihre Schulter hinweg, während sie das Übungsschwert zurück auf den Waffenständer legte, nachdem sie gerade eine halbe Stunde damit verbracht hatte, damit auf ihren Vater einzudreschen. Der Große Khan, der gerade damit beschäftigt war, seine Übungswaffe zu begutachten, nickte, bevor auch er das Gerät zurück an seinen Lagerplatz legte.

„Richtig … wenn …“

murmelte er und presste seine Lippen zusammen.

„… ich hoffe doch sehr, dass er zurückkommt.“

sagte er schließlich und straffte die Schultern. Er versuchte, Zuversicht auszustrahlen, aber sie wussten beide nur zu gut, dass mit jedem weiteren Tag die Chancen dafür geringer wurden. Amelia drehte sich zu ihrem Vater um und betrachtete ihn mit einem diebischen Grinsen. Er war schweißgebadet und auch wenn sich sein Atem bereits wieder beruhigt hatte, so wusste die junge Tigerin durchaus, dass er sich beim Training mit ihr völlig verausgabt hatte. Nicht, dass sie besser dastand, auch sie war klatschnass geschwitzt und spürte so ziemlich jeden Muskel in ihrem Körper, aber es hatte gut getan und sie zumindest für eine Weile auf andere Gedanken gebracht. Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn und legte ihr Schweissnasses Harr nach hinten, bevor sie ihre Hand ausschnickte.

Nun da ihr Training für den Tag beendet war, kamen die Gedanken wieder und ihrem Vater ging es genauso, sonst hätte er nie von Garra angefangen.

„Ich hoffe um Emilys Willen, dass er zurückkommt. Ich mache mir große Sorgen um sie.“

gab sie leise zu und der Khan nickte stumm, bevor er in Richtung des Tempels deutete.

„Es wird zurückkommen, wenn er weiß, was gut für ihn ist, aber jetzt sollten wir dafür sorgen, dass wir diesen Schweiß loswerden. Deine Mutter wird ziemlich ungehalten sein, wenn wir so zum Abendessen auftauchen.“

Er wich ihrer Aussage bewusst aus, nicht dass er den Zustand seiner jüngeren Tochter ignorierte, aber er musste, dass er nicht wirklich etwas tun konnte, also wechselte er das Thema und roch an seiner Achsel, bevor er sein Gesicht verzog und sich die Nase zuhielt. Dies brachte wenigstens Amelia zum Lachen und sie konnte ihm nicht widersprechen, auch sie würde stinken.

„Ja, ich denke, ein Bad wäre jetzt ratsam.“

erwiderte sie und drehte sich zum Tempel, doch während ihr Vater den direkten Weg zu den Bäder nahm, entschied sich Amelia dazu, erst noch einmal nach Emily zu sehen. Während sie durch die Gänge des Tempels ging, überlegte sie, wie sie es heute anstellen konnte, dass sich ihre Schwester wenigstens für das Abendessen aus ihrem Cocoon wagte. Kurz bevor sie den Harem erreichte, ertappte sie sich dann schließlich dabei, wie sie die Geste ihres Vaters nachahmte und an ihrer Achsel roch. Schnell bereute sie diesen Lapsus, aber er brachte sie immerhin auf eine Idee für Emily. Schließlich würde sie jemanden brauchen, der ihr den Rücken wusch. Jemanden, dem sie bedingungslos vertraute.

Nachdem die Tiger die Bewachung der Grenzen zum größten Teil an die Pflanzenfresser abgegeben hatten, war ein Großteil ihrer Krieger zum Tempel zurückgekehrt und somit waren die Gänge und Hallen des großen Gebäudekomplexes wieder mit deutlich mehr Leben gefüllt als noch vor ein paar Tagen. Amelia genoss es, unter Ihresgleichen zu sein, sie mochte sich gar nicht vorstellen, wie es war, allein zu sein, wirklich allein. In den letzten Tagen hatte sie des Öfteren versucht, sich in Emilys Lage zu versetzen, als sie sie allein gelassen hatten, als sowohl ihre Eltern, als auch sie den Tempel verlassen hatten. Es war ein furchterregender Gedanke und je mehr sie versuchte, dieses Gefühl zu verstehen, desto mehr hatte sie Angst davor.

Sie hatte ganze Nächte damit verbracht, eng an Emily angekuschelt in ihrem Bett zu liegen und mit ihr darüber zu sprechen, wie leid es ihr tat, dass sie sie dieser Einsamkeit ausgesetzt hatte. Ihre Schwester hatte sich verständnisvoll gezeigt, ihr vergeben, aber das hatte ihren Schmerz nicht geschmälert.

Als Pecada ihr erzählt hatte, weswegen Emily solchen Kummer hatte, war Amelia erst schockiert gewesen, hatte es abstoßend gefunden, dass gerade ihre Schwester sich mit dem Jaguar eingelassen hatte. Vielleicht war es aber auch der Neid, dass ihre kleine Schwester ihr erstes Mal vor ihr gehabt hatte und dann auch noch auf eine solche Art und Weise.

Sie hatten eine ganze Nacht ernsthaft darüber diskutiert, warum Emily sich gerade zu Garra so sehr hingezogen fühlte, und warum sie sich wegen ihm über alle Regeln und Grenzen hinweggesetzt hatte, die ihr ihre Eltern gesetzt hatten. Am Ende hatte Amelia ihre Beweggründe verstanden und sich für ihren Zorn und ihren Neid entschuldigt. Ganz tief in ihrem Herzen hatte die ältere das Gefühl, dass dieses Gespräch ihren Bund mit ihrer Schwester nur noch gestärkt hatte.

Es hatte ihr in den folgenden Tagen geholfen, die von Kummer geplagte junge Tigerin immer wieder aus ihrem Zimmer zu locken und dazu zu bringen, Zeit mit ihr und ihrer Familie zu verbringen, gleichwohl es mit dem Verstreichen der Tage immer schwerer geworden war, Emily aus ihrem Schneckenhaus zu holen. Es war schon wieder ein ganzer Tag vergangen, ohne dass sie auch nur ihr Bett verlassen hatte.

Besorgt schlich Amelia sich durch den Harem, hin zu der Tür, die sie zu ihrem gemeinsamen Zimmer führen würde, wo sie erneut die Stärke ihrer Verbindung nutzen würde, in der Hoffnung Emily ein wenig zu motivieren. Als sie schließlich vor ihrer Tür stand, zögerte die junge Tigerin. Sie hatte die Hand bereits erhoben, wollte die einfache Tür jedoch noch nicht öffnen. Stattdessen lehnte sie sich erst noch einmal gegen das Holz und lauschte in den Raum, der dahin lag. Es herrschte ohrenbetäubende Stille hinter der Tür, nichts rührte sich, oder zumindest verursachte nichts in dem Zimmer ein Geräusch. Sie schloss die Augen und atmete tief durch, bevor sie nach dem Türknauf griff und sie langsam öffnete.

Es war dunkel in ihrer gemeinsamen Kammer, dunkel und im Vergleich zu draußen regelrecht kalt. Der Raum war spartanisch eingerichtet, außer den beiden Bettnischen, gab es nur ein paar kleine Schemel, einen niedrigen Tisch und ein Sideboard, wo die beiden Tigerinnen ihre Habe verstaut hatten.

Eine der Bettnischen war besetzt. Emily lag zusammengerollt auf ihrem Bett, hatte ihre Beine eng an ihren Körper gezogen und ihre Arme um sie geschlungen. Sie rührte sich nicht, einzig die kleinen Bewegungen ihrer Atmung zeigten, dass sie überhaupt noch lebte. Besorgt betrachtete Amelia ihre jüngere Schwester für einen Moment, bevor sie die Tür leise hinter sich schloss. Sie kannte den Schmerz, mit dem Emily zu kämpfen hatte, nicht. Auch wenn die jüngere ihr versucht hatte zu erklären, wie sehr es weh tat, so konnte sie sich dennoch nicht in ihre Lage versetzen. Nichtsdestoweniger konnte Emily nicht den Rest ihres Lebens im Bett verbringen, sie musste aufstehen, musste am Leben teilhaben, sonst würde der Schmerz nie vergehen.

Amelia fasste sich ein Herz und näherte sich langsam und leise dem Bett ihrer Schwester, bis sie sich schließlich vorsichtig auf dessen Rand setzte, aber Emily reagierte nicht. Ein sanftes Lächeln zog sich auf die Lippen der älteren, als sie ihre verschwitzte Hand auf die Schulter der jungen Tigerin legte und sie zärtlich streichelte.

„Hey Schlafmütze, Zeit aufzustehen.“

flüsterte sie gerade laut genug, dass ihr Gegenüber sie hören konnte. Sie wusste dabei ganz genau, dass Emily nicht schlief und sie sehr wohl hören konnte, sie entschied sich einfach nur dafür nicht zu reagieren. Amelias Lächeln blieb, auch wenn ihre Ohren einknickten. Sie kannte dieses Verhalten mittlerweile und wusste, dass sie einfach nur geduldig und beharrlich sein musste, dann würde sie irgendwann zu ihrer Schwester durchdringen und sie aus ihrem Schneckenhaus herauslocken können.

„Nun komm schon Schwesterherz, ich weiß, dass du mich hören kannst …“

setzte sie nach, dieses Mal schon ein klein wenig energischer, während sie sie weiter streichelte.

„… sprich mit mir Schwesterchen.“

forderte sie, als immer noch keine Reaktion von Emily kam, wobei man ihre Sorge ganz deutlich in ihrer Stimme hören konnte. Daraufhin grummelte die Jüngere etwas Unverständliches und versuchte, sich noch enger zusammenzuziehen. Auch diese Reaktion war Amelia mittlerweile durchaus bekannt und sie ließ sich davon nicht mehr beeindrucken, im Gegenteil, sie sah es als eine Herausforderung, sich noch mehr anzustrengen, denn immerhin hatte ihre Schwester reagiert. Sie drehte sich ein wenig mehr zu ihr um und streichelte ihr über den Rücken.

„Ich könnte wirklich deine Hilfe gebrauchen. Wie wär’s, stehst du auf und hilfst deiner Schwester?“

forderte sie leise und fuhr mit ihren Krallen ganz zart über Emilys Rippen, genau dort, wo sie wusste, dass sie extrem kitzelig war und wartete ab. Sie wusste, dass es nicht lange dauern würde, bis ihre Schwester diese Folter nicht mehr ignorieren konnte, und in der Tat konnte sie bereits sehen, wie sich die Haare in ihrem Nacken aufzustellen begannen.

„Geh weg … du stinkst …“

murmelte Emily schließlich und versuchte vergeblich, Amelias Arm von sich wegzuschieben, aber ihre Schwester ließ nicht locker, sondern fuhr fort, sie zu kitzeln. Sie wusste, dass sie gewonnen hatte wenn Emily bereits so reagierte, jetzt musste sie nur hartnäckig sein und nicht aufgeben.

„Ja, ich stinke, weil ich mit Papa trainiert habe, weil du ja nicht wolltest. Ich stinke, bin verschwitzt und klebrig, und wenn du mir nicht hilfst, all das von mir abzuwaschen, kuschle ich mich einfach so wie ich bin an dich, dann stinken wir beide, was hälst du davon?“

fragte Amelia und die diebische Schadenfreude, die sich in ihre Stimme schlich, war nicht zu überhören, während sie mittlerweile beide Hände nutzte, um ihre kleine Schwester zu necken, die sich das Kichern nicht verkneifen konnte und sich noch energischer gegen die Machenschaften ihrer geliebten Schwester zu wehr setzte. Sie versuchte noch immer die flinken Hände, die sie so gnadenlos kitzelten, wegzuschieben, hatte aber weder die Kraft noch den richtigen Winkel, um erfolgreich zu sein, stattdessen nutzte Amelia den Moment und zog sie zu sich herum.

Emily sah schrecklich aus, ihr Gesicht war vom vielen Weinen völlig aufgedunsen und ihre Augen waren gerötet. Erschrocken ließ die ältere von ihr ab und setzte sich zurück an die Bettkante. Sie war regelrecht schockiert über den Zustand ihrer jüngeren Zwillingsschwester.

„Bei den Ahnen …“

entfuhr es ihr und Emily versuchte, ihr Gesicht hinter ihren Händen zu verstecken.

„Sie mich nicht an …“

protestierte Emily und rollte sich wieder auf ihre Seite und zog sich wieder zu einem Ball zusammen. Amelia ließ sie gewähren, legte sich dann aber hinter sie und kuschelte sich an ihre Schwester an, bevor sie sie von hinten umarmte und gegen ihren Körper zog. Emily wehrte sich nicht, tief im Innern genoss sie den ehrlichen, liebevollen Kontakt.

Sie lagen eine ganze Weile schweigend auf dem Bett der jüngeren, bis Emily sich wieder beruhigt hatte und sich entspannte. Amelia drückte sie noch einmal an ihre Brust und streichelte sie zärtlich.

„Ich glaube wirklich, ein Bad würde dir auch gut tun … und sei es nur, um deine Muskeln zu entspannen. Was hältst du davon?“

fragte sie flüsternd und wartete. Emily brauchte einen weiteren Moment, in dem sie vorsichtig mit ihren Fingern über Amelias Hände fuhr und dabei den Mustern ihrer schwarzen Streifen folgte. Sie schien darüber nachzudenken.

„Nur wir beide?“

fragte die Jüngere schließlich und ihre Schwester musste Lächeln.

„Natürlich, nur du und ich. Wir werfen alle anderen aus dem Bad.“

antwortete sie scherzhaft, aber es schien zu wirken, denn Emily nickte langsam. Zufrieden, entließ Amelia sie aus ihrer Umarmung und setzte sich wieder auf.

„Also gut, dann lass uns gehen, damit wir all diesen Schweiß und die Tränen abwaschen können.“

forderte die Ältere aufmunternd, während Emily stumm blieb und sich einfach nur langsam umdrehte und zu ihr auf die Bettkante setzte. Ohne sich zu wehren, ließ sie über sich ergehen, dass Amelia ihr die Tränen von der Wange strich, bevor sie beide aufstanden, ihre Gewänder nahmen und den Raum verließen.

Amelia wusste mittlerweile, dass sie ihre Schwester in Momenten wie diesem nicht zu sehr fordern durfte, deswegen blieb auch sie Stumm, während sie durch die dunklen, verwinkelten Gänge des Tempels gingen. Ihr strenger, wilder Blick, ließ jeden Tiger, den sie auf ihrem Weg sahen, sofort verstummen und den Weg frei machen. Sie wollte sichergehen, dass niemand sie ansprach und Emily womöglich wieder in ihren Panzer zurück kriechen ließ. Glücklicherweise war der Weg zu den Gemeinschaftsbädern des Tempels nicht allzu weit und sie brachten ihn ohne Zwischenfälle hinter sich.

Die Bäder des Tempels waren etwas besonderes, sie boten den Luxus von heißen und kalten Becken, je nachdem, was der Besucher gerade bevorzugte. Die Erbauer des Tempels hatten es möglich gemacht, Feuer unter den Becken zu entzünden und so die Steine zu erhitzen, die die Wände und Böden der Becken bildeten, und somit auch das Wasser nach und nach erhitzten. Es hatte eine Menge Experimente gebraucht, bis die Tiger den Bogen raus hatten, die Feuer nur gerade heiß genug werden zu lassen, damit sie die Becken nicht zum Kochen brachten, aber mittlerweile beherrschten die Priester dieses Spiel meisterhaft. Die Tiger, allen voran die Priesterschaft, nutzten diesen Luxus ausgiebig zu ihrem Vorteil. Es gab keine Geschlechtertrennung, dies hielten die Tiger für unnötig, was es aber gab, war eine Trennung zwischen sauberen und dreckigen Bädern. Die Tiger hatten nach einiger Zeit eingeführt, dass man sich zuerst in einem der Tauchbecken zu reinigen hatte, bevor man in die eigentlichen Bäder eintauchen durfte, um die großen Becken nicht unnötig zu verschmutzen. Das Wasser in den Becken wurde zwar von Zeit zu Zeit gewechselt, aber es war jedes Mal ein größerer Aufwand und die Tiger wollten dies nach Möglichkeit vermeiden. Die Tauchbecken waren deutlich kleiner und wenn das Wasser schließlich zu verschmutzt war, um sich damit weiter zu reinigen, war es ein geringerer Aufwand, die kleinen Becken wieder zu säubern.

Amelia freute sich bereits darauf, einige Zeit im heißen Wasser des Bads zu verbringen, um ihre verspannten, überlasteten Muskeln zu entspannen und ihren Geist einfach ein wenig treiben zu lassen, ganz davon abgesehen, ein wenig Zeit mit ihrer Schwester zu verbringen. Allerdings war sie sich nicht ganz so sicher, ob Emily es genauso sehen würde, aber immerhin war sie mitgekommen. Sie bogen um die letzte Ecke und sahen die purpurnen Vorhänge, die die Bäder vom Rest des Tempels abgrenzten. Es war alles ruhig, vielleicht hatten sie wirklich Glück und niemand sonst war in den Bädern. Vorsichtig schob sie den Vorhang zur Seite und betrat den großen Vorraum, in dem sich die Tauchbecken befanden. Sie erinnerte sich daran, dass eine der Priesterinnen ihr einmal erzählt hatte, dass die Nea-Phi-Lim, als sie diesen Tempel noch bewohnt hatten, fast täglich Opferzeremonien abgehalten hatten und diese riesigen Bäder gebaut worden waren, um die vielen Opfer auf die Rituale vorzubereiten. Bei dem Gedanken, wie viele Opfer es gewesen sein mussten, dass sie so große Bäder gebraucht hatten, lief ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken.

Sie verdrängte diese düsteren Gedanken und näherte sich einem der Tauchbecken, wo sie ihre Robe ablegte und sich nach Emily umsah, die ihr weiterhin stumm folgte und ihr Gewand neben das ihrer Schwester legte. Lächelnd deutete sie auf ihren Rücken.

„Wäschst du mir den Rücken, Schwesterherz?“

fragte sie leise und wartete, bis Emily ihr ihre Aufmerksamkeit schenkte.

„Natürlich …“

flüsterte Emily und folgte ihr zum Becken. Das Wasser in den Tauchbecken wurde nicht geheizt und war dementsprechend kühl, um nicht zu sagen kalt. Da die Tage im Dschungel für gewöhnlich heiß und schwül waren, war das kühle Wasser meistens eine willkommene Abkühlung, eine - wenn auch nur vorübergehende - Erleichterung, aber wenn man schon völlig verspannt war, trug die Kälte nur wenig zur Entspannung der Muskeln bei.

Amelia stieg zuerst ins Becken. Ganz langsam tauchte sie ihre Füße ins kühle Nass und sog gierig einen tiefen Atemzug ein, während das Wasser sie willkommen hieß. Ihre Muskeln protestierten gegen die Kälte und machten ihre Bewegungen steif und ungelenk, aber es half nichts, sie musste bis zur Mitte des Pools, ob sie wollte oder nicht. Ihr einziger Trost war, dass auch Emily ins Becken musste und sie so wenigstens nicht alleine leiden musste.

„Haa … haaaa … ich vergesse immer wieder, wie verdammt kalt diese Brühe doch ist …“

zischte sie, als das Wasser ihr schließlich bis zur Hüfte reichte und sie die tiefste Stelle des Beckens erreicht hatte, während sie hinter sich hörte, wie ihre jüngere Schwester ins Wasser stieg. Sie gab keinen Ton von sich, atmete noch nicht einmal tiefer, sondern nahm den Temperaturschock einfach so hin. Für einen Moment war das leise Plätschern des Wassers das einzige, was Amelia hörte. Erst als sie die Händer ihrer Schwester auf ihrem Rücken spürte, wie sie zärtlich von ihren Schultern aus nach unten streichelten, nur um dann über ihre Flanken nach vorne zu gleiten und dann vorsichtig nach ober zu ihren Brüsten zu wandern, diese sanft zu umschließen und sie nach hinten gegen Emilys Körper zu ziehen, hörte sie ihre leise Stimme.

„Kann es sein, dass dir kalt ist, Schwesterchen?“

flüsterte ihr Emily ins Ohr und sie konnte ihr Grinsen förmlich hören.

„Oh, ich weiß nicht. Wie kommst du denn auf diese Idee?“

erwiderte Amelia, die bereits genau wusste, worauf Emily hinaus wollte. Ihre Hände waren sehr geschickt, als sie ihre Brustwarzen zärtlich zwischen ihren Fingern hin und her rollte. Sie konnte nicht anders, als sich dem Necken hinzugeben und leise zu schnurren.

„Hmmm … vielleicht weil die hier so hart sind, dass man damit Granit spalten könnte.“

antwortete Emily und zwickte ganz leicht in hinein, bevor beide anfingen herzhaft zu lachen. Amelia brachte daraufhin ihre Hände nach hinten und streichelte die Hüften ihrer Schwester.

„Es ist schön, dich hier zu haben.“

flüsterte sie so leise, dass es Emily gerade so verstehen konnte und lehnte ihren Kopf an den der Anderen. Diese nickte leicht und erwiderte die Geste.

„Es tut mir leid … ich vermisse ihn einfach so sehr … es tut weh …“

begann sie und führte eine ihrer Hände zwischen die Brüste ihrer Schwester, genau dorthin wo ihr Herz lag.

„… tief da drinnen …“

fügte sie genauso leise hinzu, woraufhin Amelia leicht nickte, dann umarmte Emily sie von hinten und drückte sich fest an sie.

„Danke … danke dafür, dass du da bist …“

flüsterte Emily und Amelia nickte erneut, während sie die Arme ihrer Schwester enger um sich zog.

„Für dich doch immer, Schwesterherz.“

antwortete Amelia, bevor Emily sie wieder aus ihrer Umarmung entließ. Sie trat einen Schritt zurück und nahm eine Schale, die am Beckenrand lag. Als Amelia hörte, wie ihre Schwester die Schale mit Wasser füllte, hielt sie die Luft an und spannte ihre Muskeln und Vorbereitung auf das an, was gleich passieren würde. Der Jüngeren blieb dies natürlich nicht verborgen und es bereitete ihr durchaus ein diebisches Vergnügen, ihr das kalte Wasser über den Rücken laufen zu lassen. Amelia schnappte nach Luft, als das Wasser ihren Rücken zum ersten Mal berührte und ihre sowieso schon angespannte Muskulatur verkrampfte sich regelrecht. Sie wollte fluchen, verkniff es sich jedoch, vergrub stattdessen ihre Hände in das Fell ihrer Oberschenkel. Emily war gnädig und ließ das Wasser langsam über ihren Rücken laufen und jedes Mal, wenn die Schale leer war, strich sie das Wasser zusammen mit ihrem Schweiß wieder aus ihrem Fell und sorgte somit für einen kleine Pause in der Tortur. Langsam arbeitete sie sich den Rücken der Älteren hinauf, während diese ihre Arme und Vorderseite wusch. Emily war gründlich in dem was sie tat, als sie an Amelias Schultern angekommen war und das Wasser ordentlich ausgestrichen hatte, ließ sie noch einmal eine komplette Schale mit dem kalten Nass über den Rücken ihrer Schwester laufen, um sicher zu gehen, dass auch wirklich aller Schweiß und Dreck aus ihrem Fell gewaschen war. Nun gab es nur noch einen Bereich, den es zu säubern galt, ihr Kopf.

Widerstrebend tauchte sie tiefer in das Becken, um es ihrer Schwester einfacher zu machen, und als das kalte Wasser sie komplett umhüllte, schnürte es ihr regelrecht die Luft ab. Es war ein kleiner Preis, den sie gerne zu zahlen bereit war, wenn es bedeutete, dass Emily wieder am Leben teilnahm. Dann hörte sie, wie ihre Schwester die Schale mit Wasser füllte und bereitete sich auf den Schwall des kalten Nass’ vor.

Emily hob zärtlich ihr Kinn an und begann das Wasser langsam über ihre Stirn und Kopf fließen zu lassen. Amelia kannte den Schmerz, der sich anfühlte, als würde die Kopfhaut reißen. Sie hielt ihren Atmen an und überdauerte ihn, bis es vorbei war. Emily füllte die Schale noch zweimal, bis sie wirklich sicher war, all den Schweiß aus Amelias Fell gewaschen zu haben, erst dann strich sie ihr das Wasser zärtlich aus dem Fell, von Kopf, Gesicht und Hals.

„Es ist vollbracht …“

flüsterte sie schließlich leise und stellte die Schale zurück auf den Rand des Beckens, während Amelia dankbar war, dass sie wieder aufstehen und sich das überschüssige Wasser aus dem Fell streichen durfte. Emily übernahm das Ausstreichen an ihrem Rücken und als sie soweit fertig waren, drehte sich die ältere Schwester zu ihr um. Jetzt wo ihr Fell nass war, betonte es ihre schmale Figur noch einmal mehr.

„Du bist wunderschön, Schwesterchen.“

flüsterte Emily und lockte damit ein Lächeln auf die Lippen ihrer älteren Zwillingsschwester. Emily hingegen sah noch immer ziemlich zerzaust aus. Auch wenn ihr Gesicht nicht mehr ganz so geschwollen war, so war ihr Fell noch immer von ihren Tränen verklebt und das lange Liegen hatte es völlig durcheinandergebracht.

Vorsichtig hob Amelia ihre Hand an die Wange ihrer Schwester und streichelte sie zärtlich.

„Lass uns das weg waschen. Die Tränen und den Schmerz.“

flüsterte sie aufmunternd und Emily legte sanft ihren Kopf in ihre Hand, bevor sie leicht nickte.

Sie tauschten ihre Plätze und wiederholten das Ritual, das sie gerade erst bei ihr durchgeführt hatten. Vorsichtig wusch sie den Rücken ihrer jüngeren Schwester, die die Prozedur stoisch und ohne auch nur mit der Wimper zu zucken ertrug, und als sie ihr den Kopf wusch, sah sie regelrecht entspannt aus. Amüsiert schüttelte Amelia ihren Kopf, während sie die letzte Schale voll Wasser langsam über die Stirn ihrer Schwester rinnen ließ.

Als sie damit fertig war und die Schale weggelegt hatte, strich auch sie ihrer Schwester das überschüssige Wasser aus dem Fell. Es war eine zärtliche, fast sinnliche Liebkosung der Konturen ihrer Schwester. Ihre Hände fuhren über ihren Hals und spürten ihre kräftigen Muskeln und ihren Puls, der kräftig und ruhig unter ihren Fingern schlug. Amelia schloss ihre Augen und genoss die Verbundenheit mit ihrer Schwester. Sie waren zwei Hälften eines Ganzen, und nur wenn sie beide zusammen waren, fühlte sie sich wirklich vollkommen. Langsam zog sie sich schließlich zurück und ließ ihrer Schwester den Platz, um sich wieder aufzurichten.

Als Emily das spürte, erhob sie sich wieder in einer unendlich eleganten Bewegung. Ihre schlanke Silhouette, die durch ihr nasses Fell, das regelrecht an ihr klebte, nur noch mehr betont wurde, hatte eine betörende Wirkung auf Amelia. Einmal mehr fühlte sie sich zu ihr hingezogen, wie sie es noch nie für irgendjemand sonst empfunden hatte. Zärtlich legte sie ihre Hände wieder auf den Körper ihrer Schwester und fuhr fort, ihr das Wasser aus dem Fell zu streichen. Sie kam nicht umhin zu bemerken, dass ihre Schwester an Gewicht verloren hatte, was ihr Sorgen bereitete, gleichzeitig bemerkte sie aber auch, wie Emilys Atmung sich beschleunigte, während sie sie liebkoste. Schließlich trat sie vor und umarmte sie von hinten, genauso wie ihre Schwester es bei ihr getan hatte. Sie hielt sie fest gegen ihren eigenen Körper gedrückt und stand schweigend mit ihr im kalten Wasser und lehnte ihren Kopf an den der jüngeren.

„Ich liebe dich, Schwesterherz …“

flüsterte sie leise und es klang nach mehr, als nur der platonischen Liebe zwischen Geschwistern, während sie die jüngere Tigerin noch ein wenig fester an sich drückte. Emily schmiegte sich im Gegenzug an sie und seufzte leicht.

„Ich liebe dich auch …“

erwiderte die Jüngere ebenso leise, woraufhin Amelia glücklich lächelte und ihre Nase an ihren Hals schmiegte. Gerne wäre sie noch lange so mit ihr im Wasser stehen geblieben, aber sie spürte, wie sie beide langsam anfingen zu zittern.

„Lass uns ins warme Wasser gehen.“

schlug sie schließlich vor und umarmte ihre Schwester noch einmal, bevor sie sie langsam aus ihrer Umklammerung entließ. Anstatt nach vorne weg zu gehen, drehte sich Emily zu ihr um und nickte lächelnd. Es war ein ehrliches Lächeln, eines, das auch ihre Augen erreichte und dass ihrer Schwester warm um ihr Herz werden ließ.

„Warmes Wasser wäre toll …“

gab die jüngere Tigerin zu und sah fast schon sehnsüchtig auf den Vorhang, der sie vom Hauptbad trennte. Amelia watete zum Beckenrand und reichte der Anderen ihre Hand, um ihr beim Verlassen des Wassers zu helfen. Emily nahm die Hilfe dankend an und stieg mit wenigen, aber sehr eleganten Schritten aus dem kühlen Nass, was ihrer Schwester einige Bewunderung abrang, dafür, dass sie sich trotz dessen, dass sie so lange im kalten Wasser gestanden hatten, noch so elegant und mühelos bewegen konnte. Nun war es an der jüngeren Schwester, ihrem Zwilling aus dem Becken zu helfen, und auch wenn Amelia sich große Mühe gab, war sie nicht in der Lage, auch nur annähernd so elegant dabei auszusehen wie sie.

Sie ärgerte sich jedoch nicht wirklich darüber, denn sie sah, dass ihre kleine Schwester wieder langsam zu strahlen anfing. Das Lächeln, hinter dem sich genug Unfug verbarg um eine ganze Kinderschar damit zu versorgen, das Funkeln in den schönen gelb-grünen Augen, das so viel Spaß versprach, wenn man bereit war die Regeln ein wenig zu verbiegen und ihre Körperhaltung, die wieder einen Stolz zeigte, den sie in den letzten zwei Wochen so sehr vermisst hatte.

Sie deutete auf den Vorhang und Emily nickte, bevor sie die Führung übernahm und den Vorhang öffnete. Tatsächlich waren auch die Hauptbäder leer. Die riesige Halle mit ihren vielen kleinen und großen Becken wurde von einigen Feuerschalen, sowie dem ein oder anderen Oberlicht erhellt und es war nicht ein Tiger weit und breit zu sehen. Die jüngere der beiden Tigerinnen ging voran und suchte sich eines der Becken aus, während die andere ihr folgte und aus dem Grinsen nicht mehr herauskam. Emily wusste ganz genau, wie sie Amelia reizen konnte, also setzte sie lasziv einen Fuß vor den anderen und schwang ihre Hüften und ihren Schwanz verführerisch mit jedem ihrer eleganten Schritte. Ihr war vollkommen bewusst, wie übertrieben ihr Gehabe war, aber das war ja auch der Plan, und Amelia war voll dafür.

Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und sie legte ihre Ohren an, während sie sich näher an ihre Schwester heran schlich. In dem Moment, in dem sie sie von hinten packte, knurrte sie düster und zog ihre Beute zu sich hin. Beide brachen in lautes Gelächter aus und legten die letzten Schritte bis zu einem der größeren Becken, Arm in Arm zurück.

Emily war schließlich die erste, die sich ins Becken gleiten ließ und sie schaffte es dabei fast keine Wellen zu verursachen. Einzig das leise Seufzen, das Emily von sich gab, als das angenehm warme Wasser sie umschloss, war zu hören. Amelia sah zu, wie ihre Schwester ganz langsam versank und sich dabei sichtlich entspannte.

„Kommst du auch rein, Schwesterchen?“

Es war eine rhetorische Frage, natürlich würde sie auch ins Wasser kommen. Ihr war kalt, ihre Muskeln schrien nach Wärme und Behaglichkeit und außerdem, wessen Idee war es denn, ins Bad zu gehen? Ganz sicher nicht Emilys! Sie überlegte einen Moment, ob sie einfach ins Becken springen und dabei versuchen sollte, die größtmögliche Fontäne zu verursachen, entschied sich aber schließlich dagegen. Sie wollte die Stimmung nicht kaputt machen. Sie schaffte es nicht ganz so geschmeidig, aber dennoch elegant zu ihrer Schwester ins Becken.

Das warme Wasser hieß auch sie willkommen und fast augenblicklich spürte sie, wie sich ihre Muskulatur zu entspannen begann. Es war schon erstaunlich, was ein simples warmes Bad so alles bewirken konnte. Langsam ließ sie sich in das wohlige Nass sinken, bis nur noch ihre Nase, Augen und Ohren über die Wasseroberfläche ragten.

„Oh, das habe ich sowas von gebraucht …“

murmelte sie, gerade laut genug, dass auch Emily es hörte. Letztere kicherte sanft und ließ sich treiben. Sie war froh, ihrer Schwester nachgegeben zu haben und mit ihr zu den Bäder gegangen zu sein. Es tat gut, sich aus dem Loch ihrer Depression befreien zu lassen und ein wenig Zeit mit der Person zu verbringen, die ihr am nächsten war, sowohl körperlich als auch mental. Es nahm ihr einen Stein von der Seele und erlaubte ihr, sich ein wenig treiben zu lassen, ihre Sorgen für einen Moment zu vergessen. Sie legte sich aufs Wasser und schloss die Augen.

Amelia beobachtete, wie ihre Schwester sich immer mehr und mehr entspannte und ihre Augen schloss. Ein kleiner, schelmischer Gedanke begann sich in ihrem Kopf zu formen und ihre Mundwinkel zogen sich nach hinten zu einem Lächeln. Vorsichtig ließ sie sich näher an Emily heran treiben, bis sie es auf Armeslänge geschafft hatte, dann berührte sie sich sachte von unten, streichelte ihre Flanke und Hüfte und wartete auf eine Reaktion von ihr.

„Hmmm …“

schnurrte Emily leise und ließ ihre Schwester gewähren, die näher und näher kam, bis sie schließlich ihren Kopf auf den Bauch der Jüngeren legte, während sie sie von unten stützte. Sie blieben noch einen Moment so, bevor sich Emily langsam wieder aufrichtete und sich von Amelia liebevoll umarmen ließ. Zärtlich erwiderte sie die Umarmung und legte ihren Kopf auf die Schulter ihrer Schwester. Amelia genoss die intime Nähe und gab sich dem Gefühl vollkommen hin, während das Schnurren in ihrem Ohr das einzige war, das sie noch wahrnahm.

Sie wusste nicht, wie lange sie so mit ihrer Zwillingsschwester im warmen Wasser stand, aber es spielte keine Rolle. Ganz langsam ließ sie ihre Hände erst den Rücken, dann die Flanken ihrer Schwester erkunden, bevor sie schließlich ihren Weg hinunter zu Emilys Hintern fanden. Das Schnurren in ihren Ohren wurde derweil immer lauter und sie spürte, wie sich die Nackenhaare ihrer Schwester aufstellten.

„Es … es ist schon so lange her …“

Es war nicht viel mehr als ein heiseres Hauchen, das über Amelias Lippen kam, aber Emily verstand und nickte, während sie sie fester umarmte.

Sie fühlte genauso …

Im Außenposten der Tiger wuchs beim Hauptmann der Wache die Ungeduld. Mit jedem weiteren Tag, den er seiner Ansicht nach unnütz verstreichen ließ. Es juckte ihn in den Fingern endlich in die östlichen Territorien einzumarschieren und dort auf die Jagd zu gehen, aber er war an die Anweisungen seines Khans gebunden, der seine Hoffnungen noch immer auf diesen nichtsnutzigen Jaguar setzte. Wenigstens waren seine Truppen wieder am Trainieren und nur ein paar Wenige waren als schnelle Eingreiftruppe bei ihm im Außenposten verblieben.

Es war der frühe Nachmittag des neunzehnten Tages, seit Garra zu seiner Mission aufgebrochen war, als sich ein Ende für das Warten des Hauptmanns abzeichnete. Ausgerechnet eine Grenzpatrouille der Pflanzenfresser hatte die Karawane der Eindringlinge aufgehalten und einen Läufer ins Feldlager der Tiger geschickt. Schon von weitem hatten die Wachen des Außenpostens seine ungelenken Schritte gesehen und seine heiseren Rufe gehört und ihrerseits einen Läufer zum Hauptmann geschickt.

Als der Massiv übergewichtige Tapir schließlich keuchend auf dem Appellplatz des Lagers ankam, wurde er von einer der Wachen gestützt, der aus dem Grinsen nicht mehr herauskam. Der Hauptmann hatte indes schon sein Zelt verlassen und wartete ungeduldig wie immer auf den Raport des Pflanzenfressers, der zwar seine Hand zum Gruß hob, aber vor lauter Japsen kein Wort herausbrachte. Die Wache, die den Tapir weiterhin stützte und die Adern auf seines Vorgesetzten Stirn anschwellen sah, nahm dem Tapir die Aufgabe ab und meldete:

„Melde gehorsamst, Patroullie fünz zwei vier hat eine größere Gruppe Eindringlinge aufgegriffen, Jaguare wie es scheint.“

berichtete der Tiger ruhig und sachlich, während er seinem Hauptmann ein Siegel reichte, das eindeutig schon einmal bessere Tage gesehen hatte. Der Tapir neben ihm schluckte und nickte, während er sich ganz langsam wieder aufrichtete und seine Atmung wieder unter seine Kontrolle zwang. Derweil untersuchte der Kommandant der Tiger das Siegel und riss schließlich die Augen auf, bevor er den Pflanzenfresser unverhohlen anstarrte.

„Wo sind sie? Wie viele sind gekommen?“

fragte er schließlich und der Tapir deutete gen Osten, von wo aus er gekommen war.

„Bei … bei der Furt … es sind … viele …“

Noch immer hatte er seinen Atem nicht vollkommen unter Kontrolle und zog damit nicht wenig Verachtung durch den Hauptmann auf sich, aber anstatt ihn für seine fehlende Kondition zu schelten, nickte der Tiger nur und wandte sich an seinen Adjutanten.

„Die Furt also, das macht Sinn, es ist der einfachste Weg. Sende einen Läufer aus, ich will die Fleckenträger sehen, alle! Ich will wissen, womit wir arbeiten können und ich will wissen wie viele es wirklich sind.“

befahl er und sein Adjutant eilte davon. Es erfüllte ihn mit einer gewissen Zufriedenheit, als er dem jungen Tiger hinterher sah, der sich so viel eleganter, effizienter und vor allem auch deutlich schneller bewegte, als es der Tapir je zu tun vermochte. Es gab einen Grund, warum die Tiger die Jäger waren und die Pflanzenfresser die Beute. Sein Blick richtete sich auf den Tapir, der noch immer neben der Wache stand.

„Geh, ruh dich aus, bevor du dich wieder deiner Einheit anschließt.“

sagte er mit erstaunlich ruhiger und gutmütiger Stimme, bevor er sich abwandte und sich in sein Zelt zurückzog, während der Tapir nickte, sich den Schweiß von der Stirn wischte und sich einfach dort wo er stand hinsetzte.

Im Zelt des Hauptmanns herrschte wie immer ein gewisses Zwielicht, und die Luft war muffig. Der Hauptmann hielt nicht allzu viel vom Lüften und erst wenn er Kopfschmerzen entwickelte oder das Zelt längere Zeit verließ, nutzten sein Adjutant und die Wachen vor dem Zelt die Gelegenheit und ließen die Plane am Eingang offen.

Er stapfte zu seinem Kartentisch und sah auf die Karte, um sich zu orientieren. Die Furt, von der, der Tapir gesprochen hatte, war nicht zu weit weg vom Außenposten, der Läufer würde sie wahrscheinlich binnen der nächsten zwei Stunden erreichen und wenn die Jaguare dann sofort los marschierten, würden sie vielleicht weitere drei bis vier Stunden später im Feldlager sein.

Wahrscheinlich würde es zu spät werden, um noch an diesem Tag den Marsch zum Tempel anzutreten, aber das würden sie dann sehen, wenn die Jaguare ankamen. Er nickte zufrieden, jetzt würde es endlich vorangehen. Noch während er in seinen Gedanken versunken war, hörte er, wie hinter ihm die Plane zur Seite geschoben wurde und sein Adjutant wieder das Zelt betrat.

„Der Läufer ist auf dem Weg. Soll ich die Zelte für unsere … Gäste vorbereiten lassen?“

fragte der junge Tiger leise und der Hauptmann nickte knapp.

„Ja, lass die Zelte vorbereiten, ich gehe davon aus, dass Garra und seine Artgenossen die erste Nacht hier verbringen werden. Schick einen Boten an den Tempel. Der Große Khan muss erfahren, dass die Jaguare eingetroffen sind. Sie sollen sich vorbereiten und eine Nachricht an die Pflanzenfresser schicken, sobald wir sagen können, wie viele zusätzliche Mäuler wir zu füttern haben. Sie sollen wissen, wie viele Tribute wir brauchen werden.“

befahl der Hauptmann und sein Adjutant notierte sich die neuen Befehle sorgfältig, bevor er sich zum Hauptmann an die Karte gesellte. Es war noch ein wenig Zeit, bevor er die Befehle in die Tat umsetzen musste, die anderen würden noch einige Zeit brauchen, bevor sie im Lager eintrafen. Auf der Karte waren die neuesten Berichte der Pflanzenfresser aus den östlichen Territorien vermerkt. Ihre „Verbündeten“ hatten berichtet, dass die Nea-Phi-Lim weiterhin ungebremst verrückten und dass die Pflanzenfresser dementsprechend weiterhin im Rückzug begriffen waren. Mittlerweile hatten sie sich bereits weit über die Hälfte des Weges von den Bergen zu ihrer Grenze ausgebreitet und es sah nicht so aus, als würden sie in naher Zukunft stoppen. Der einzige Hoffnungsschimmer war, dass die Angriffe in ihrer Häufigkeit nicht zuzunehmen schienen.

Nachdem sie die Neuigkeiten und Raporte der Patrouillen auf der großen Karte aktualisiert hatten, verließ der Adjutant den Hauptmann wieder, um dessen Anweisungen des Kommandanten in die Tat umzusetzen. Wieder allein mit sich und seinen Gedanken begann der vernarbte Tiger darüber nachzudenken, wie sie eine größere Menge an Jaguaren sinnvoll trainieren konnten, damit sie sich möglichst nahtlos in ihre eigene Armee integrieren ließen.

In der Tat dauerte es bis zum späten Nachmittag, bis die Jaguare das Lager erreichten. Ihre Ankunft wurde dem Hauptmann bereits von einer der Wachen angekündigt, die von einem der äußeren Wachposten zu ihm gelaufen kam. Als die Kolonne schließlich auf dem Appellplatz in der Mitte des Lagers ankam, wurden sie von dem Läufer begleitet, den der Adjutant ursprünglich ausgesandt hatte. Tatsächlich waren es erstaunlich viele Jaguare, die von Garra angeführt wurden, weit mehr, als der Hauptmann erwartet hatte. Sie alle waren angeschlagen, verletzt und man sah ihnen an, dass sie letzte Zeit ihnen nicht gewogen gewesen war, aber nur wenige waren in wirklich schlechtem Zustand. Die wenigen, die wirklich medizinischen Beistand brauchten, würden aber mit ein wenig Hilfe auch bald wieder voll Einsatzbereit sein. Es war eine wirklich positive Überraschung und eine ebenso willkommene Verstärkung ihrer eigenen Truppen.

Es dauerte einen Moment, bis sich alle Jaguare vor dem Zelt des Hauptmanns versammelt hatten und als endlich Ruhe einkehrte, baute sich der große Tiger vor Garra zu seiner vollen Größe auf. Der Jaguar zögerte nicht und beugte das Knie vor dem Kommandanten der Tiger und senkte sein Haupt respektvoll. Der Hauptmann war zufrieden mit der Respektsbekundung, aber noch bevor er etwas sagen konnte, folgten die anderen Jaguare wortlos seinem Beispiel und gingen in die Knie. Dies überraschte den Hauptmann tatsächlich und es half ihm, seine Zweifel gegenüber den anderen Raubkatzen zu überwinden. Mit einem schiefen Lächeln forderte er sich schließlich auf, sich wieder zu erheben. Nach und nach kamen die Neuankömmlinge seiner Aufforderung nach und standen wieder auf. Einige von ihnen sahen sich unsicher um, es war schließlich alles Neuland für sie und die wenigen Tiger, die noch im Lager waren, betrachteten sie neugierig. Schließlich war es der Hauptmann der als erstes das Wort ergriff.

„Ich gebe zu, ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal zu einem Jaguar sagen würde, Garra, aber ich bin froh dich zu sehen.“

sagte der Hauptmann in seinem unnachahmlichen Tonfall und streckte seinem Gegenüber eine krallenbewehrte Pranke entgegen, die dieser dankbar annahm und kräftig drückte.

„Ich habe so viele von meinen Artgenossen versammelt, wie ich nur konnte, aber es gibt verständlicherweise noch immer einige, die dem Angebot nicht trauen.“

erwiderte Garra und versuchte dabei selbstbewusst und stark zu klingen, nicht zuletzt, um seinen Artgenossen zu zeigen, dass die Tiger ihnen nicht wirklich überlegen waren. Der Hauptmann nickte grimmig und sah in die vielen Gesichter, die hinter Garra versammelt waren.

„Nun, nach 200 Jahren der Feindschaft ist es nur verständlich, dass die Jaguare skeptisch sind. Es ist nicht so, dass es nicht auch auf unserer Seite Elemente gab und gibt, die dieser neuen Allianz eher zurückhaltend gegenüberstehen. Aber im Angesicht eines gemeinsamen Feindes, werden wir diese Abgründe überbrücken. Nichtsdestotrotz sehe ich, dass du eine Menge Krieger mitgebracht hast. Dies wird unsere Kampfkraft erheblich steigern.“

erklärte der Hauptmann und vollführte eine allumfassende Geste.

„Alles in allem etwa fünfundachtzig, obwohl nicht alle von ihnen kampfbereit sind.“

gab Garra zu und drehte sich nach seiner Truppe um, während der Hauptmann anerkennend nickte. Mit so vielen Jaguaren hatte er bei weitem nicht gerechnet. Zusammen mit ihren eigenen Truppen würde das eine tatsächlich schlagkräftige Armee ergeben. Er gestikulierte auf die Zelte des Lagers, das sie umgab.

„Gut, wir werden jeden mit Nahrung, Medizin und einem Schlafplatz versorgen. Der Weg zum Tempel ist jedoch zu weit, um ihn heute noch anzutreten. Für die Nacht werdet ihr hier im Feldlager bleiben. Morgen früh könnt ihr zum Tempel aufbrechen. Der Khan erwartet euch bereits.“

erklärte der Hauptmann und winkte einen der Tiger herbei. Der Tiger, der für die Verpflegung seiner noch im Feldlager stationierten Artgenossen zuständig war, trat näher, in seinem Gesicht war die schiere Aussichtslosigkeit seiner Situation klar sichtbar. Er hatte damit gerechnet eine Handvoll Jaguare zusätzlich sättigen zu müssen, aber nicht eine ganze Horde.

„Sir, wir werden Schwierigkeiten haben alle satt zu bekommen.“

gab er leise zu, aber der Hauptmann schüttelte seinen Kopf.

„Wir werden mit dem auskommen, was wir haben. Mach Suppe, es wird für einen Tag reichen.“

erwiderte der Kommandant und wandte sich wieder an Garra, der verlegen lächelte.

„Ich muss zugeben, deine Rückkehr kam unvorbereitet, aber ich denke wir werden damit zurechtkommen. Geht mit dem Quartiermeister, er wird euch eure Schlafplätze zeigen, danach könnt ihr euch im Lazarett melden, die Heiler werden sich um eure Verletzungen kümmern. Später wird es etwas zu essen geben. Es wird nicht ganz so üppig ausfallen wie gewöhnlich, aber wir werden alle satt gekommen.“

erklärte der Hauptmann und deutete auf einen weiteren Tiger, der Garras zu nickte.

„Habt dank für eure Mühe. Ich weiß unsere Ankunft war ein wenig spontan, aber ich wollte nicht noch länger warten. Wir werden einen Abend mit Suppe leben können. Für einige von uns wird es die erste Mahlzeit seit langem sein, die sie in Ruhe und Frieden einnehmen können.“

erklärte der Jaguar und zustimmend es Gemurmel kam aus den Reihen hinter ihm.

Tatsächlich lief der restliche Tag völlig ruhig und gelassen ab. Die Jaguare waren froh sich endlich einmal eine Nacht keine Gedanken darüber machen zu müssen, ob sie nicht hinterrücks angegriffen werden würden und einmal nicht für eine Mahlzeit jagen zu müssen, auch wenn diese Mahlzeit nicht ganz dem entsprach, was Garra ihnen versprochen hatte. Sie saßen gemeinsam auf dem Appellplatz und genossen die Ruhe und die Gemeinschaft. Noch blieben sie ziemlich getrennt von den Tigern die ebenfalls in der Runde saßen, das Vertrauen zu den langjährigen Feinden war einfach noch nicht groß genug. Der Hauptmann hatte indes Garra in sein Zelt rufen lassen, um mit ihm über die Entwicklungen der letzten Wochen zu sprechen. Auch wenn er dem Jaguar noch immer nicht ganz über den Weg traute, so vertraute er dessen Aussagen doch eher als denen der Pflanzenfresser. Allerdings konnte er dem Tiger nicht viel Anderes berichten, als das, was ihm auch schon durch die Pflanzenfresser berichtet worden war.

Nach einer kurzen Nacht, trieb Garra seine Artgenossen schon relativ früh aus den Zelten. Er wollte so schnell wie möglich zum Tempel, nicht zuletzt um Emily endlich wiederzusehen. Der Hauptmann hatte ihm am Abend gebeichtet, dass es der jüngsten Tochter des Khan nicht gut ging, seit er unterwegs war, und so wollte er endlich wieder zurück zu ihr, selbst wenn dies bedeutete, dass er den Zorn des Khans auf sich zog.

Als seine Kolonne schließlich auszog um den Weg zum Tempel möglichst schnell hinter sich zu bringen, wartete der Hauptmann am Haupttor auf ihn und überreichte ihm einige Dokumente, die er dem Khan mitnehmen sollte, dann musste der Hauptmann keinen zusätzlichen Läufer losschicken. Garra nahm die zusammengerollten Papyrus’ an sich und verließ das Lager, gefolgt von seinen Artgenossen. Der Hauptmann musterte einen nach dem anderen, als sie an ihm verbeizogen. Es würde eine Menge Arbeit werden, sie in Form zu bringen, aber am Ende würde es sich lohnen, Jaguare waren ausgezeichnete, schnelle und kräftige Krieger, man durfte einen Jaguar nie unterschätzen.

Die Nachricht von Garras Rückkehr hatte sich bereits am Abend zuvor wie ein Lauffeuer verbreitet. Nicht nur die Tiger hatten ihre Läufer ausgesandt um die frohe Kunde zu verbreiten, sondern auch die Pflanzenfresser hatten ihre Boten geschickt um den anderen Stämmen bescheid zu geben, dass der Jaguar wieder da war und dass er eine hungrige Meute mitgebracht hatte. Als die Läufer der Tiger bei den Pflanzenfressern ankamen, wurden sie bereits erwartet und man verkündete ihnen, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun würden, um die Last für das höhere Wohl zu stemmen.

Als der Läufer des Hauptmanns am Tempel ankam, waren Amelia und Emily gerade auf einem der Trainingsgelände und honten ihre Fähigkeiten. Die beiden Zwillingen hieben mit Übungsschwertern aufeinander ein und untermalten das laute Krachen der hölzernen Waffen mit aggressiven Schreien. Wenn man die Hintergründe nicht kannte, würde man meinen, die beiden wollten einander wirklich umbringen, während sie mit gefletschten Zähnen, angelegten Ohren und ohne jegliche Zurückhaltung gegeneinander kämpften.

Gerade hatte Emily die Oberhand und trieb ihre Schwester mit schnellen und präzisen Angriffen vor sich her, während Amelia ihre Waffe beidhändig führte und sich nur darauf konzentrierte, die rapiden Attacken ihres Gegenübers abzulenken. Emily schrie ihre Wut frei heraus, während sie wieder und wieder ausholte und ihre Waffen mit tödlicher Wucht auf die Parade ihrer Schwester niedergehen ließ.

Erst als sie das Ende des Trainingsgeländes erreicht hatten ließ die Jüngere von ihrer Schwester ab, die keinen Moment zögerte, sondern direkt zum Konter überging und nun Emily zurückdrängte. Anders als ihr jüngeres Gegenstück legte Amelia weniger Wert auf Raffinesse, sondern ging mit einfacher Brutalität vor. Während ihre Schreie mit jedem Hieb von den Wänden des Innenhofs widerhallten schlug sie beidhändig auf die Waffe ihrer Schwester ein, die den Angriffen geschickt auswich und die wuchtigen Hiebe mit geringem Kraftaufwand ins leere laufen ließ.

„So … hfff … so wirst du … mich nie treffen …“

keuchte Emily und machte einen weiteren Ausfallschritt, während die Waffe ihrer Schwester nur wenige Zentimeter von ihr entfernt vorbei zischte. Amelia nutzte den Schwung der Waffen und schlug erneut aus der Drehung zu.

„Aaaaarrrgh … wenn du nicht so feige wärst … aaaaargh … würdest du stehen bleiben und kämpfen …“

schrie die ältere und setzte ihr nach, aber egal was sie tat, Emily blieb ihr immer eine Schritt voraus. Schon seit sie klein gewesen waren, war Emily die geschicktere Kämpferin gewesen, wohingegen Amelia diejenige war, die geschickter mit Worten umgehen konnte. Es ärgerte sie, dass Emily ihr so einfach entkam, während sie jeden ihrer Schläge mühsam parieren musste.

Beide waren bereits seit einiger Zeit am Üben und waren schweißgebadet, ihre Ausdauer war beachtlich, aber ganz langsam spürten beide, dass sie nicht mehr allzu lange dieses Tempo aufrechterhalten konnten. Sie würden noch zwei oder drei Durchgänge machen, dann würden sie es für den Tag gut sein lassen und sich anderen Dingen widmen.

Beide bemerkten die Priesterin nicht, die sich ihnen vom Tempel her näherte. Die junge Tigerin lächelte sanft und beobachtete die beiden für einen Moment mit beiläufigem Interesse, bevor sie ihre Stimme erhob und versuchte das Getöse zu übertönen.

„Wir haben gerade Nachrichten vom Außenposten erhalten.“

sagte die Priesterin, was jedoch im allgemeinen Lärm unterging. Sie atmete tief durch, rollte mit den Augen und wiederholte ihre Aussage noch einmal lauter.

„ES GIBT NEUIGKEITEN VON DER FRONT!“

rief die junge Tigerin und wich einem Schlag von Amelia aus, der von Emily in ihre Richtung abgelenkt worden war. Beide stoppten ihr Training nicht, sondern fuhren fort, aufeinander einzudreschen.

„WAS?!“

schrie Amelia fast, während sie zwischen zwei Schlägen ihre Haltung änderte, um eine andere Schlagfolge durchzuführen, die aber weiterhin von Emily abgewehrt wurde. Die Priesterin sah ihnen nach und rief:

„Garra ist zurückgekehrt und …“

Weiter kam sie nicht, denn in diesem Moment wurde Emily hart von ihrer Schwester zu Boden geschickt. Sie hatte Garras Namen gehört und da war es um ihre Konzentration geschehen. Amelia hatte sie am Oberarm getroffen und aus dem Gleichgewicht gebracht. Nun lag Emily am Boden und hielt sich den Arm, aber sie schrie nicht. Amelia hatte sofort ihre Waffen fallen gelassen und zu ihr geeilt. Mit aufgerissenen Augen sah sie auf ihre Schwester, die sich große Mühe gab den Schmerz zu unterdrücken.

„Bei den Ahnen, bist du in Ordnung?“

fragte sie, aber Emily beachtete sie gar nicht, sondern starrte die Priesterin an.

„Ist … ist das wahr?“

zischte sie schließlich und Tränen rannen über ihre Wange, wobei sich Amelia nicht sicher war, ob diese vom Schmerz herrührten. Die Priesterin nickte grinsend.

„Ja, es ist wahr. Er ist mit einer Streitmacht von ungefähr achtzig Jaguaren beim Feldlager angekommen. Sie werden im Laufe des morgigen Tages hier im Tempel erwartet.“

bestätigte die Tigerin, ohne dass ihr Lächeln je ihre Lippen verließ. Emily riss ihre Augen auf und schnappte nach Luft, während sie sich zurück auf ihre Beine kämpfte. Der Schmerz war zwar nicht vergessen, aber ihr Verlangen, „ihren" Garra wiederzusehen, überlagerte ihn ziemlich gut. Es war Amelia, die sie schließlich zurückhielt, als sie sich bereits zum Tempel abwandte.

„Wo willst du hin?“

fragte sie und hob die Übungswaffe ihrer Schwester vom Boden auf. Emily hielt nicht einmal an, als sie über die Schulter hinweg sagte:

„Ich … ich muss zu ihm!“

Diese Aussage kam mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass es Amelia eiskalt den Rücken herunter lief. Wie konnte dieser Jaguar nur eine solche Macht über ihre kleine Schwester haben? Sie nahm sie Schwerter und legte sie eilig zurück auf das Gestell, von wo sie sie genommen hatten und lief ihrer Schwester hinterher, während die Priesterin den beiden nur milde lächelnd nachsah.

„Glotz nicht so blöd, tu was!“

rief Amelia ihr zu, aber die Priesterin grinste nur. Sie schluckte ihre Verachtung für die Tatsache, dass die Priesterin offensichtlich unter dem Einfluss der diversen Drogen stand, die für die Rituale der nächsten Tage gebraucht wurden, und griff nach der Schulter ihrer Schwester.

„Du kannst jetzt nicht einfach zu ihm, er ist im Feldlager, Vater wird ausrasten!“

sagte sie eindringlich, aber Emily wollte sich nicht aufhalten lassen, zu lange hatte sie ihn nicht gesehen, zu lange hatte sie auf ihn warten müssen. Alles in ihr schrie sie an, sich loszureißen und zur Garras zu eilen.

„Du verstehst das nicht … du warst noch nie verliebt.“

entgegnete Emily ihr und wollte sich vom Griff ihrer Schwester befreien, aber Amelia ließ nicht locker. Tief sah sie ihr in die Augen und es lag ein Feuer in ihnen, das heißer brannte, als Emily es für möglich gehalten hätte.

„Das ist nicht wahr … ich war auch schon verliebt …“

hielt die Ältere dagegen und legte sofort die Ohren an, als sie merkte, dass sie etwas zugegeben hatte, das vielleicht besser nicht gesagt hätte. Derweilen verfinsterte sich Emilys Blick.

„Das mit Ramirez zählt nicht!“

fauchte die Jüngere trotzig und schaffte es schließlich sich von Amelia loszulösen, bevor sie ihren Weg fortsetzte. Ihre Schwester blieb für einen Moment stehen und sah ihr nach, während sie ihren Ärger herunter schluckte. Auf der einen Seite war sie froh, dass Emily es nicht sofort verstanden hatte, auf der anderen tat es weh, dass sie es offensichtlich nicht realisierte. Ihre Lippen bebte und die Versuchung es ihr hinterher zu schreien war nahezu überwältigend, aber sie wusste, es ihr jetzt zu gestehen würde nur noch mehr Schmerz verursachen. Sie atmete tief durch und setzte der Jüngeren wieder nach.

„Emily, sei nicht dumm! Er ist wieder da, und er lebt. Was macht jetzt eine weitere Nacht noch aus?“

Rief sie nach, darauf bedacht, ihren Tonfall so neutral wie möglich zu halten, aber Emily reagierte erst nicht.

„Ist es den Ärger wert, den du auf dich lädst, wenn Papa mitbekommt, was du vorhast? Im schlimmsten Fall wird er es dir wieder verbieten …“

Jetzt blieb ihre Schwester wie angewurzelt stehen und ihr Schwanz hing leblos herab, bevor sie sich zu ihr umdrehte.

„Das … das würde Papa nicht tun …“

antwortete Emily, aber sie klang selbst nicht sehr überzeugt davon. Natürlich hätte ihr Vater ihr versprochen, ihr die Liebe zu Garra nicht per se zu verbieten, aber er hatte auch gesagt, dass der Jaguar erst offiziell bei ihm um ihre Hand anhalten musste.

Amelia stand vor ihr und sah sie mitleidig an.

„Du weißt, wie jähzornig er sein kann.“

flüsterte sie und sah, wie Emily regelrecht in sich zusammenfiel. Der Arm, dessen Schmerz bis gerade eben vergessen zu sein schien, brannte wieder wie Feuer, die Erschöpfung zog sie mit aller Kraft zu Boden, nur mit Mühe schaffte sie es, stehen zu bleiben.

„Meinst du …?“

fragte sie schließlich und ließ den Satz unvollendet. Amelia zuckte nur mit den Schultern, ging aber die letzten zwei Schritte auf sie zu und legte ihr vorsichtig die Hand an die unverletzte Schulter.

„Lass es uns nicht riskieren, außerdem, sieh uns doch mal an. Willst du deinem Partner so unter die Augen treten? Völlig verschwitzt und klebrig?“

erwiderte Amelie scherzhaft, betrachtete sie abschätzend von oben bis unten und wieder zurück und strich ihr sanft über die Stirn, um ihr Fell zumindest ein wenig zu richten. Dies entlockte Emily zumindest ein kleines Lächeln , bevor sie vorsichtig den Kopf schüttelte.

„Lass uns zu Mama gehen und fragen, wie das alles ablaufen soll, aber vorher sollten wir uns waschen. Was meinst du?“

schlug die Ältere vor und ihr Gegenüber nickte, damit konnte sie leben. Sie würden sich mit ihrer Mutter treffen, würden herausfinden, wann die Jaguare erwartet würden, ob es schon Einzelheiten gab und dann eine Nacht voller Ungeduld und Aufregung hinter sich bringen, bevor sie ihn endlich wiedersehen würde. Bevor sie ihn endlich … nun, das war noch nicht so ganz sicher, aber sie hatte Hoffnung.

Amelia und Emily verbrachten geraume Zeit in den Bädern, während der Emily aus dem Schwärmen nicht mehr herauskam. Sie bemerkte nicht, wie sehr Amelia darunter litt, auch wenn sie ihrer jüngeren Schwester ihr Glück von ganzem Herzen gönnte. Als sie ihren Schweiß abgewaschen hatten, waren sie zu Pecada geeilt, die bereits mit den Vorbereitungen für den Empfang der Jaguare beschäftigt war. Alles sollte perfekt sein, man wollte einen möglichst guten Eindruck machen, wenn die Raubkatzen aus den östlichen Gefilden kamen.

Ihre Mutter bestätigte ihnen noch einmal, dass Garra tatsächlich zurückgekehrt war und eine beachtliche Menge an Kriegern mitgebracht hatte. Sie würden die Nacht im Feldlager verbringen, da der Weg zu weit war, um ihn noch an diesem Tag zurückzulegen, zumindest mit so vielen Jaguaren. Es war geplant, dass Garra am nächsten Morgen mit seinen Artgenossen aufbrechen und zum Tempel kommen würde. Sie würden dann gegen Mittag erwartet.

Es würde einen Empfang geben, dann würden die Priesterinnen die Neuankömmlinge mit dem Tempel und den Regeln ihrer Gemeinschaft vertraut machen und abends würden sie ein erstes richtiges Mahl zusammen einnehmen. Natürlich wurde von beiden Töchtern erwartet, dass sie sich am Empfang zusammen mit dem Großen Khan und ihrer Mutter von ihrer besten Seite zeigen würden. Das hieß zeremonielle Roben und Manieren. Beim letzten Wort sah Pecada ihre jüngste Tochter streng an.

„Emily, ich weiß wie sehr du zu Garra eilen willst, aber jetzt ist nicht die Zeit für schnelle und unüberlegte Taten. Du wirst heute Nacht keine Eskapaden versuchen, sonst kann ich für nichts garantieren. Ich habe deinem Vater ins Gewissen geredet und er wird sich an sein Versprechen halten. … Nein, hör mir jetzt zu … Du wirst deine Gelegenheit bekommen, ihn vor deinen Vater zu zerren und dann kann er, wie es dir versprochen wurde, offiziell um deine Hand anhalten, aber erst, wenn alles andere gesagt und getan ist. Haben wir uns verstanden?“

fragte Pecada in ungewöhnlich scharfem Ton und Emily, die ihre Schultern und Ohren hängen ließ nickte.

„Ja, Mama. Ich werde mich zurückhalten.“

Sie klang nicht wirklich überzeugt, aber ihre Mutter nahm sie trotzdem in den Arm und zog auch Amelia in die Umarmung.

„Gut … gut … ich bin so stolz auf euch Mädchen.“

lobte sie ihre Töchter und küsste jede von ihnen auf den Kopf.

„Und nun geht ihr Zwei, seht, ob ihr eurem Vater helfen könnt, oder stellt irgendwas an, ich muss mich hiermit beschäftigen.“

Es war nicht wirklich ein Freibrief um irgendwelchen Unfug zu machen, das wussten auch Amelia und Emily, aber ihre Mutter wusste auch nur zu gut, dass wenn man die beiden jungen Tigerinnen zu lange unbeaufsichtigt ließ, es schon fast garantiert war, dass etwas passierte.

Schließlich zog es die beiden Zwillinge aber in eine der ruhigeren Ecken des Tempels, wo sie zusammen den Rest des Abends abwarteten, bevor sie sich nach dem Abendmahl in ihr Zimmer zurückzogen. Emily hatte es bereits befürchtet, aber sie machte die ganze Nacht kein Auge zu. Selbst als sie Amelia zu ihr gesellte und in ihren Armen einschlief, schaffte es die junge Tigerin nicht, ihren Weg in den Schlaf zu finden. Erst als der Morgen bereits graute, fielen ihr die Augen zu, als ihr Körper nach seinem Recht auf Schlaf verlangte. Aber auch jetzt war ihr kein richtiger Schlaf vergönnt, denn die anderen Tiger des Tempels erwachten zu reger Betriebsamkeit.

Amelia war gnädig mit ihrer Schwester und ließ sie noch ein wenig länger schlafen, während sie sich bereits damit beschäftigte, ihr eigenes Fell in Ordnung zu bringen und ihre zeremoniellen Roben zu richten. Erst als sie mit sich selbst fertig war, weckte sie ihre kleine Schwester vorsichtig.

„Wach auf, Schlafmütze, sonst verschläfst du noch die Ankunft deines Prinzen.“

flüsterte sie und streichelte Emily liebevoll über die Wange, die als Antwort leise murrte und sich enger zusammenzog. Amelia lächelte sanft und beugte sich über das Bett ihrer Schwester und küsste sie zärtlich auf den Kopf, bevor sie ihren Weckruf noch einmal wiederholte.

„Eeeemily … wach auf …“

flüsterte sie leise, direkt in ihr Ohr und wartete einen Moment. Langsam, ganz langsam öffnete die Jüngere ihre Augen. Sie sah schrecklich zerknirscht aus, aber sie drehte sich langsam zu ihr um und so etwas wie ein Lächeln huschte über ihre Lippen.

„… ist denn schon Zeit …?“

murmelte sie ungläubig und Amelia nickte langsam.

„Du hast noch ein wenig Zeit, aber ich denke du willst schick aussehen für Garra, also, raus aus den Federn und aufgestanden.“

forderte die Ältere und nahm Emilys Hände und zog sie sanft in eine sitzende Position. Emily wehrte sich nicht, war aber auch noch nicht überzeugt. Natürlich wollte sie so gut wie nur irgend möglich aussehen, wenn Garra zurückkam, gleichzeitig protestierte ihr Körper wegen des Schlafmangels und ihr Arm tat ihr auch noch weh.

Am Ende half alles nichts, Emily musste aufstehen und sich in einen präsentierbaren Zustand versetzen. Zu ihrem Glück half ihr Amelia und so schafften es beide, noch früh genug in der großen Halle zu sein, bevor die Jaguare eintrafen. Die Halle war hell erleuchtet, vom Licht der Feuerschalen und die Säulen waren mit langen Bannern verziert. Die Tische und Bänke waren hinausgeräumt worden, um Platz für Garra und sein Gefolge zu machen. Einige der Krieger standen bereits in den Rängen, sie würden allerdings eher repräsentative Aufgaben haben, denn sie waren unbewaffnet. Auf dem Podest, auf dem auch die Throne standen, warteten bereits der Große Khan und Pecada auf sie. Beide trugen ihre reichlich verzierten, zeremoniellen Gewänder, deren blaue Farbe sich drastisch von ihrem orangefarbenen Fell abhob, und während Pecada ihre beiden Töchter freudig zu sich winkte, lächelte der Anführer der Tiger zu ihnen hinüber.

„Kommt Kinder, setzt euch zu uns. Die Jaguare werden bald hier sein.“

bat Pecada, deren Gesicht ihren Stolz auf ihre Töchter ausdrückte. Emily folgte Amelia, als diese auf das Podest stieg und zuerst ihre Mutter umarmte und dann vor ihrem Vater niederkniete. Als sie beide vor ihm knieten, legte er seine großen, schweren Pranken auf ihre Köpfe.

„Ich bin sehr stolz auf euch, meine Kinder. Heute ist ein großer Tag, ein wichtiger Tag. Kann ich mich darauf verlassen, dass ihr euch benehmen werdet?“

fragte er in einem ruhigen, aber strengen Ton, wobei seine Hände langsam über ihre Köpfe zu ihren Wangen und schließlich unter das Kinn seiner Töchter und hob ihre Köpfe leicht an, so dass sie ihn ansahen.

„Ja, Papa.“

kam es unisono von den beiden und der Große Khan lächelte.

„Gut, erhebt euch, nehmt eure Plätze ein, unsere Gäste sind bald da.“

Amelia und Emily erhoben sich elegant und gingen zu ihren respektiven Plätzen. Während Amelia sie auf ihren Thron setzte und entspannte, legte Pecada ihrer jüngeren Tochter die Hände auf die Schultern und beugte sich zu ihr herunter.

„Du weißt noch, was wir besprochen haben?“

fragte Pecada leise und drückte ihre Schultern und Emily nickte sanft.

„Mhm, ich werde mich zurückhalten. Ich weiß wie wichtig dieses Treffen ist und was davon abhängt.“

antwortete sie ebenso leise und wurde mit einem kleinen Kuss auf ihren Kopf belohnt.

„Gutes Mädchen, ich bin stolz auf dich.“

lobte ihre Mutter sie und Emily wurde warm ums Herz.

Als dann kurze Zeit später die großen Portaltüren geöffnet wurden, trauten sie ihren Augen kaum. Der gesamte Korridor vor der großen Halle schien mit Jaguaren gefüllt zu sein, die angeführt von Garra, langsam und geordnet die Halle betraten. Der Große Khan erhob sich von seinem Thron und straffte seine Haltung, während die Neuankömmlinge sich in der Halle verteilten. Tatsächlich dauerte es eine ganze Weile, bis schließlich alle Jaguare ihren Platz gefunden hatten und wieder Ruhe in der Halle einkehrte. Erst als die großen Türen hinter ihnen wieder geschlossen wurden, trat Garra dann schließlich vor und beugte sein Knie und sein Haupt vor dem Großen Khan, während seine Artgenossen es ihm gleich taten. Es war ein beeindruckender Anblick, der selbst dem Khan Respekt abverlangte.

„Großer Khan, ich bin zurückgekehrt und habe euch die Krieger mitgebracht, die ich euch versprochen habe.“

sagte Garra mit fester Stimme, blieb jedoch vorerst noch auf den Knien. Der Große Khan nichte respektvoll und übersah die versammelte Menge.

„Erhebt euch. Steht aufrecht als die Krieger, die ihr seid.“

antwortete der Anführer der Tiger und machte eine entsprechende Geste, woraufhin sich alle wieder erhoben. Der Stolz in Garras Augen war deutlich zu sehen. Seine Artgenossen waren gute, starke Kämpfer und zurecht stolz auf ihre Fähigkeiten. Dass der Große Khan dies vor ihm anerkannte, half das Vertrauen in diese Allianz zu stärken.

„Unter diesen besonderen Umständen ist mir und meinem Clan eine Ehre, euch alle hier, in unserem Tempel willkommen zu heißen. Und ganz besonders dich, Garra, denn ohne dich wäre diese Allianz, dieses erste Zusammenarbeiten seit über 200 Jahren, gar nicht möglich gewesen.“

begann der Große Khan und seine Stimme nahm einen feierlichen Ton an, während er seine Hände hob.

„Im Angesicht eines gemeinsamen Feindes, lasst uns die alten Fehden beenden und ein neues Bündnis schmieden, das es uns ermöglicht, den Feind zu besiegen und ihn aus unseren Gebieten zu vertreiben.“

rief er in die Halle, und auch wenn Garra dem nur zustimmen konnte, so war die Antwort seiner Artgenossen noch eher verhalten. Der Große Khan konnte dies durchaus verstehen. Nach Jahrhunderten, in denen die Tiger ausnahmslos jeden Jaguar getötet hatten, der in ihr Gebiet eingedrungen war, war es nur verständlich, dass sie jetzt erst einmal skeptisch reagierten. Mit der Zeit würde sich diese Skepsis legen und sich ein tiefer greifendes Vertrauen aufbauen. Während der Große Khan sprach, wanderte Garras Blick hinüber zu Emily, deren Augen regelrecht leuchteten und die sich nur mit größter Zurückhaltung auf ihrem Thron halten konnte. Er erkannte die beruhigende Hand, die Pecada über ihrer Schulter hielt, um ihrer Tochter zu helfen, nicht einfach aufzuspringen und zu ihm zu rennen. Es war glücklich, sie wieder zu sehen und zu sehen, wie sehr sie sich freute auch ihn zu sehen. Er nickte Pecada fast unmerklich zu und sie erwiderte die Geste. Für den Moment zufrieden, konzentrierte er sich wieder auf den Großen Khan.

„Großer Khan, mein Volk hat einen langen, beschwerlichen Weg hinter sich gebracht. Ich denke, es wäre vorerst das Beste, wenn sie ein Bett bekämen, etwas zu Essen und die Möglichkeit sich zu säubern.“

sagte Garras schließlich demütig und der Anführer der Tiger nickte wohlwollend.

„Sehr wohl, Garras, deinem Volk soll es, solange sie in unserem Tempel sind an nichts fehlen. Sie sollen sich erst einmal von den Strapazen der letzten Zeit erholen, sie sollen genug zu Essen erhalten und sie sollen in Ruhe und Frieden schlafen können. Meine Heiler stehen bereit, um denjenigen ihre Dienste anzubieten, die sie benötigen, und unsere Bäder stehen deinen Kriegern zur Verfügung. Meine Priesterinnen haben alles vorbereitet und werden euch in eure Quartiere führen, und wenn die Zeit gekommen ist, werden wir heute Abend das erste gemeinsame Mahl einnehmen können.“

erklärte der Große Khan jovial und breite Zustimmung brandete ihm entgegen. Er lächelte sanft, er war mehr als zufrieden damit, wie diese erste Zusammenkunft bisher abgelaufen war. Er ließ noch einmal den Blick über die versammelten Jaguare gleiten.

„Aber erstmal genug der der großen Worte, ruht euch aus, heute Abend sehen wir weiter.“

fügte er noch an und auf einen Wink hin, wurden die großen Portale wieder geöffnet und eine große Gruppe von Priesterinnen betrat den Saal, um die Jaguare in Empfang zu nehmen. Als Garra dies bemerkte, sah er sich kurz um und nickte anerkennend.

„Habt Dank für eure großzügige Gastfreundschaft, wir werden sie zu schätzen wissen.“

verkündete der Jaguar, der mittlerweile so etwas wie der inoffizielle Anführer seiner Artgenossen war, und verbeugte sich respektvoll vor seinem Gegenpart. Der Khan nickte wohlwollend und deutete auf den Ausgang.

„So sei es denn. Nun geht und ruht euch aus, sobald das Abendmahl serviert wird, wird man euch holen. Nach dem Essen werden die Priesterinnen euch den Tempel und das Gelände zeigen, damit ihr euch frei bewegen könnt.“

Mit diesen Worten traten die Priesterinnen in Aktion und führten die Fleckenträger aus der großen Halle, doch als Garra sich zum Gehen wandte, hob der Khan noch einmal die Hand.

„Du, Garra, bleibst bitte noch einen Moment. Es gibt noch eine kleine Angelegenheit zu besprechen.“

verlangte der Khan und bei seinen letzten Worten war der joviale Tonfall, der bis zu diesem Moment seine Stimme dominiert hatte, vollkommen verschwunden und wich einem ernsteren, fast schon düsteren Tonfall. Der Angesprochene blieb stehen und sah den Anführer der Tiger, der seine Haltung noch einmal straffte und sich zu seiner vollen Größe aufrichtete, fest an. Erst als er aus dem Augenwinkel sah, wie Emily sich vorsichtig von ihrem Thron erhob und zu ihrem Vater herüber kam, wurde ihm klar, worüber der Große Khan mit ihm sprechen wollte. Natürlich war in der Zwischenzeit herausgekommen, weswegen Emily sich so häufig mit ihm getroffen hatte und vielleicht sogar, was in der letzten Nacht geschehen war. Die einzige Frage, die noch blieb, war: Wie hatte der Anführer der Tiger darauf reagiert und war sein Zorn in den letzten Wochen abgeklungen. Drei Wochen waren eine lange Zeit, um über eine solche Enthüllung nachzudenken und zu einer Entscheidung zu kommen. Garra atmete tief durch und stählte sich für das, was nun kommen mochte.

Als Emily bei ihrem Vater war, öffnete dieser seine Arme und nahm sie zwischen sich und Garra. Schützend legte er seine großen Hände auf ihre schmalen Schultern und streichelte sie. Der Jaguar konnte den Stolz in den Augen des Großen Khan sehen, als dieser auf seine Tochter sah, aber auch, wie sehr er mit sich selbst haderte, als sein Blick sich ganz langsam wieder zu Garra wandte. Der mächtigste Tiger im ganzen Dschungel, Herrscher über eine ganze Nation, Herr über Leben und Tod so vieler Tiere und er fand die Worte nicht, mit denen er seine widersprüchlichen Gedanken und seine Ängste formulieren konnte. Und so war es schließlich Emily, die ihre zierliche Hand auf die ihres Vaters legte und zuerst das Wort ergriff:

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie glücklich ich war, als ich erfahren habe, dass du wieder zurückgekehrt bist und um wieviel ich jetzt noch glücklicher bin, wo du vor mir stehst.“

brach es förmlich aus ihr heraus und ihre Worte überschlagen sich förmlich, aber nachdem sie ihre erste Begrüßung beendet hatte, verfinsterte sich ihr Gesichtsausdruck ein wenig.

„Wie du dir aber bestimmt denken kannst, habe ich mit Vater gesprochen.“

fuhr sie leiser und eindringlicher fort, während sie die Hand ihres Vaters drückte. Garra nickte stumm und wartete.

„Wir hatten eine kleine … Diskussion …“

erklärte die junge Tigerin leise und ihr Vater nickte schweigend und drückte leicht ihre Schultern.

„… aber nachdem wir beide lange und intensiv darüber gesprochen haben, sind wir … ist Papa zu dem Schluss gekommen …“

Weiter kam sie nicht, denn der Große Khan übernahm für sie das Wort.

„… ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich die alten Traditionen und Regeln in diesem Fall missachten werde. Ich gebe dir, Garra, die Erlaubnis, vor mir um Emilys Hand anzuhalten.“

sagte er in einem, für seine Verhältnisse, unglaublich ruhigen Tonfall, während Emily sich vor lauter Freude fast schon verkrampfte. Die Augen des Jaguars vor ihnen weiteten sich, als er sich der Implikationen bewusst wurde, die diese Erlaubnis mit sich brachte, aber noch bevor er etwas sagen konnte, fuhr der Große Kahn fort und hielt seine Tochter ein wenig fester, damit sie nicht direkt zu ihm sprang.

„Allerdings habe ich eine Bedingung.“

erklärte er und atmete tief durch, während er ein letztes Mal seine Gedanken ordnete. Garra nickte knapp.

„Emily ist meine jüngste Tochter, eine von nur zwei Nachkommen, die ich je zeugen werde. Du wirst sie vor jeglichen Schaden bewahren, du wirst sie beschützen, du wirst immer an ihrer Seite sein. Du wirst ihr niemals ein Leid zufügen, oder sie auf irgendeine andere Weise verletzen, oder die Ahnen mögen dir gnädig sein, denn ich werde es nicht!“

sprach der Große Khan in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, und aus dem Augenwinkel konnte Garra sehen, wie Pecada die bekannte „Ich habe dich im Auge“-Geste machte. Er konnte nicht anders als zu lächeln. Natürlich wollte der Khan seine jüngste Tochter beschützt und in guten Händen wissen, und es war sein gutes Recht, ihm auf den Zahn zu fühlen, er würde es ganz genauso machen. Schließlich nickte er, sah erst zu Emily dir innerlich zu vibrieren schien, dann zum Großen Khan, der wie ein übermächtiger Beschützer hinter ihr stand und dann kniete er nieder und senkte sein Haupt.

„Großer Khan …“

begann er und blickte zum Herrscher über den Dschungel auf, während Emily die Hand ihres Vaters fast zerquetschte.

„… hiermit möchte ich um die Hand eurer jüngsten Tochter bitten. Ich gelobe, sie zu beschützen und sie vor allem Unheil zu bewahren. Ich werde immer an ihrer Seite sein und ihr niemals etwas antun. Ich lege mein Leben in eure Hände.“

fuhr er fort und senkte zum Schluss hin wieder sein Haupt. Als der Jaguar seine Bitte beendet hatte, sah der Große Khan Emily an und sie erwiderte seinen Blick. Ihre Augen flehten ihn regelrecht an und er konnte sein Versprechen ihr gegenüber nicht brechen. Ein letztes Mal schluckte er seinen Stolz herunter und sah auf Garra hinab, der noch immer vor ihnen kniete.

„Steh auf, Garra Ligera. Mein Schwiegersohn kniet nicht vor mir.“

sagte er schließlich leise und wohlwollend, woraufhin sich der Jaguar langsam erhob und aufrichtete. Seine Erleichterung war offensichtlich und als der Große Khan seine Hände von Emilys Schultern nahm, gab es kein Halten mehr. Die junge Tigerin sprang Garra förmlich entgegen und er fing sie auf und hielt sie fest in seinen Armen. Emily vergrub sich regelrecht in seiner Brust und es bestand keinerlei Zweifel mehr an der Liebe der jungen Tigerin. Garra schlang seine starken Arme um ihren zierlichen Körper und legte seinen Kopf zärtlich auf ihren. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, seit sie sich das letzte Mal umarmt hatten und sie wollte ihn nie wieder loslassen.

Währenddessen nickte der Große Khan sanft und er sah tatsächlich glücklich aus.

Schließlich war es dann Amelia, die das Schweigen brach.

„Alles schön und gut, aber entweder bekommt Emily jetzt ihr eigenes Zimmer mit Garra, oder ich bekomme mein eigenes! Ich werde mir auf keinen Fall ein Zimmer mit den Beiden teilen!“

rief sie, wobei ihre gespielte Empörung wirklich niemanden hinters Licht führte und Pecada konnte ihr Lachen nicht unterdrücken. Selbst der Große Khan, der zwar die Fassung behielt, konnte sich ein Grinsen nicht ganz verkneifen. Emily kicherte derweil und kuschelte sich enger an „ihren“ Jaguar, der seinen Kopf wieder hob und Amelia lächelnd ansah. Er öffnete seine Arme und winkte sie alle näher zu sich heran. Die beiden Tigerinnen nahmen die Einladung gerne an und teilten die herzliche Umarmung, denn sie sahen, wie glücklich Emily nun war. Einzig der Große Khan zögerte, aber schließlich schloss er die Augen, atmete tief durch, gab sich einen Ruck und ging die wenigen Schritte zum Rest seiner Familie und Garra hinüber.

Während die Priesterinnen des Khans ihre neuen Verbündeten durch die verwinkelten Gänge des Tempels führten, staunten die Jaguare nicht schlecht, dass der Tempel tatsächlich so groß war. Die meisten von ihnen hatten den Großteil ihres Lebens unter freiem Himmel verbracht und selbst wenn sie eine feste Unterkunft hatten, so war es oftmals nicht mehr als ein einfacher Unterschlupf, da sie so oft ihren Standort wechseln mussten. Der Tempel der Tiger war buchstäblich das größte Gebäude, das sie jemals gesehen hatten. Für viele war es unvorstellbar, dass ein solch großes Gebäude existierte, ganz zu schweigen, dass es bereits so alt sein sollte.

„Bitte entschuldige meine Neugier, aber ist es wirklich wahr, dass diese Jäger, wie nennt ihr sie noch gleich …“

begann einer der Jaguare seine Frage an eine der jungen Priesterinnen, die sie zu ihren Quartieren führte. Die Tigerin lächelte sanft, bevor sie antwortete:

„Nea-Phi-Lim, in den Runen nennen sie sich selbst Nea-Phi-Lim.“

Der Jaguar nickte eifrig.

„… ja, genau, richtig. Nea-Phi-Lim, so nannte Garra sie auch. Also ist es wahr, dass sie diesen Tempel erbaut haben?“

fragte er und augenblicklich war ihr die Aufmerksamkeit einiger weiterer Jaguare gewiss. Die Priesterin lächelte weiterhin und nickte leicht.

„Nun, ganz genau können wir das natürlich nicht sagen, da wir nicht wissen ob vor den Nea-Phi-Lim vielleicht noch jemand anderes diese Mauern bewohnt hat, aber all die Reliefs und alle Inschriften, die heute noch zu finden und zu entziffern sind, deuten darauf hin, dass die Nea-Phi-Lim diesen Tempel erbaut haben und ihn eine sehr lange Zeit bewohnt haben, bevor sie ihn, aus uns unerfindlichen Gründen, verlassen haben. Fakt ist nur, bevor wir Tiger ihn für uns beansprucht haben, hat er eine sehr lange Zeit leer gestanden.“

erklärte sie mit ruhiger Stimme und zeigte dabei auf die Überall an den Wänden zu findenden Inschriften und Bildhauereien. Die Jaguare sahen sich um, betrachteten teilweise die seltsamen Runen und die teils sehr primitiv wirkenden Wandmalereien.

„Und ihr könnt diese Runen lesen?“

fragte einer der Jaguare, der sich keinen Reim auf die völlig fremd wirkenden Schriftzeichen machen konnte. Die junge Tigerin machte eine vage Geste und zeigte auf einige Runen an einer nahen Wand.

„Ich würde es nicht direkt lesen nennen, es ist eher eine Art Interpretation. Wir haben lange Zeit damit verbracht, die verschiedenen Runen zu studieren und haben herausgefunden, dass bestimmte Runen immer wieder in den gleichen Abfolgen vorkommen und dies teilweise in Korrelation mit Reliefs und anderen bildlichen Darstellungen. Dadurch konnten wir Rückschlüsse auf mögliche Bedeutungen ziehen. Dies dort sind die Runen, die mit Jaguar gleichzusetzen sind.“

erläuterte sie und zeigte auf eine Abfolge von drei Runen und diejenigen, die ihr zuhörten, betrachteten die aufgezeigten Runen.

„Man liest sie in etwa so: Cha-Tol-Gdul.“

Als sie die Priesterin hörten, wie sie die Runen aussprach, sahen die Jaguare sie mit großen Augen an.

„Sch … scha-tool-geduhl …?“

versuchte es einer der Jaguare und die Priesterin nickte eifrig und ermunternd.

„Ja fast, aber das Cha kommt weiter aus dem Rachen, fast wie ein Fauchen, das O bei Tol ist ein wenig kürzer und braucht ein wenig mehr Zunge und das G bei Gdul ist fast stumm.“

erklärte sie mit einem Lächeln und der Jaguar nickte, bevor er es noch einmal versuchte.

„Cha-T … Tol-Gduul … ?“

Die Tigerin nickte begeistert.

„Ja, deutlich besser, du bist talentiert, meistens dauert es Tage, wenn nicht Wochen, um die richtige Aussprache dieser Runen zu erlernen.“

lobte sie ihn, deutete dann aber den Gang hinunter, wo der Rest der Truppe bereits ein gutes Stück weitergegangen war, woraufhin sie sich beeilten, um zu den anderen aufzuschließen.

„Wenn ihr Interesse habt, so können wir das gerne ein wenig mehr üben, wenn es die Zeit zulässt.“

bot sie ihnen schließlich an und die Jaguare äußerten durchaus reges Interesse daran, die Runen besser zu verstehen. Sie vereinbarten, dass sie sich abends in einem der Innenhöfe treffen würden, wo die Priesterin ihnen das Interpretieren der Runen lehren würde, aber zuerst würden sie ihnen ihre Quartiere zeigen und dann später würden sie zusammen das Abendmahl einnehmen.

Nachdem die Priesterinnen die Jaguare durch den Tempel in die Baracken geführt hatten, wurde ihnen dort einer der großen Schlafsäle zugeteilt, wo sie sich für die nächste Zukunft heimisch einrichten konnten. Es war nicht ganz die Privatsphäre, die sich der ein oder andere unter den Jaguaren gewünscht hätte, aber es war ein festes Dach über dem Kopf und die Kojen waren erstaunlich bequem. Später würden die Quartiermeister der Tiger sich jeden einzelnen von ihnen vornehmen und mit Ausrüstung versorgen, für den Moment würde sich aber erst einmal die Heiler und Priesterinnen um die Neuankömmlinge kümmern und die vorhandenen Wunden und Verletzungen ihrer Gäste versorgen.

Die meisten Jaguare hatten nur Prellungen und oberflächliche Wunden mitgebracht, einige von ihnen waren jedoch auch ernsthaft verletzt, und auch wenn der Heiler im Feldlager sich bereits grundlegend darum gekümmert hatte, so war es in diesen Fällen nötig sich noch einmal ausgiebiger damit zu befassen. Die Jaguare nahmen die angebotene Hilfe tatsächlich dankbar an, was auch dem Vertrauen zwischen beiden Fraktionen half.

Glücklicherweise waren keine der Verletzungen so gravierend, dass sie an eine der Kojen gefesselt sein würden, und die Heiler waren sich sicher, dass alle Jaguare sich vollständig erholen würden, jetzt, da sie ausreichend medizinische Versorgung und Nahrung bekamen und die Ruhe, die sie zum Heilen brauchten.

Nachdem all dies erledigt war, zogen sich die Priesterinnen zurück und überließen die Jaguare sich selbst. Sie würden sie später holen, sobald es an die erste richtige Bewährungsprobe gehen würde: Das erste gemeinsame Abendmahl.

Zwar hatten die Jaguare bereits zwei Mahlzeiten mit den Tigern im Außenposten eingenommen, aber das war in keiner Form vergleichbar mit dem, was sie später erleben würden. Bisher waren sie es gewohnt, ihre Nahrung zu jagen und sofort zu verspeisen und die Reste zu verstecken, oder falls es notwendig wurde, sie gegen Konkurrenten zu verteidigen. Nur selten war es ihnen vergönnt, in größeren Gruppen zu essen und ihre Nahrung freiwillig mit anderen zu teilen.

Garra hatte ihnen bereits das Ein oder Andere über das Leben der Tiger erzählt, und sie wussten, dass ihre neuen Verbündeten ihre Mahlzeiten meist gemeinsam einnahmen und dass sie ihre Nahrung immer miteinander teilten. Es gab keinen Futterneid mehr unter den Tigern und es hatte ihnen geholfen, als Gemeinschaft zu wachsen.

Als die Priesterinnen des Khans schließlich wieder zu den Jaguaren kamen, um sie für das Abendmahl abzuholen, waren sie ziemlich ruhig und erklärten ihnen, dass es während des Mahls ein paar Kleinigkeiten zu beachten gäbe. Sie würden jedem von ihnen eine Tiger zuweisen, der ihnen durch die Rituale des Abends helfen würde, da dies alles Neuland für sie sein würde. Es war eine Mischung aus Neugierde und Dankbarkeit, die den Priesterinnen von den Neuankömmlingen entgegengebracht wurde, aber auch eine gewisse Vorfreude, gepaart mit Unsicherheit und Zweifel, ob man all dem gewachsen sei. Die Tigerinnen gaben sich allerdings große Mühe, diese Zweifel zu zerstreuen, man war sich sicher, dass es keinerlei Probleme geben würde.

Sie wurden wieder durch den Tempel geführt und auf ihrem Weg trafen sie dieses Mal deutlich mehr Tiger an. Auf die Frage hin, wo all diese Tiger vorher gewesen waren, erklärten die Priesterinnen, dass der Große Khan angeordnet hatte, dass sich jeder Tiger, der zu kämpfen in der Lage war, sich einem rigorosen Training zu unterziehen hatte. Man wollte sicherstellen, dass die sich Streitmacht im bestmöglichen Zustand befand, bevor man den Nea-Phi-Lim gegenübertrat. Allerdings, so versicherten die Priesterinnen ihren Gästen, würde der Große Khan dies mit Sicherheit noch einmal genauer thematisieren.

Sie erreichten wenig später die große Halle, deren große Doppeltüren bereits weit geöffnet waren und einen Blick auf das Innere freigaben. Die Tiger hatten die Halle erneut vollkommen umdekoriert. Nun dominierte eine riesige Tafel den großen Raum. Um sie herum waren Bänke und Stühle arrangiert und es waren noch immer einige Tiger damit beschäftigt, die Tafel fertig einzudecken.

Es waren bereits viele Tiger in dem Saal versammelt und als die Jaguare, geführt von den Priesterinnen eintraten, verstummten deren Gespräche für einen Moment. Alle anwesenden Tiger wandten sich ihnen zu, aber sehr zu ihrem Erstaunen, schlug ihnen kein Argwohn oder Abneigung entgegen, im Gegenteil, die Tiger schienen ernsthaft erfreut, sie begrüßen zu dürfen. Die meisten nickten ihnen respektvoll zu, blieben aber noch unter Ihresgleichen. Die Priesterinnen wiesen ihnen schließlich ihre Plätze zu und die Jaguare begaben sich an die Tafel, wo sich nach und nach die Tiger zu ihnen gesellten. Was folgte, war dieses fast schon unangenehme Schweigen, wenn man nicht genau wusste, über was man sich miteinander unterhalten sollte und man sich einfach nicht getraute, ein Thema zu wählen, aus Angst man könnte den anderen damit in Verlegenheit bringen.

Glücklicherweise kam ihnen der Zufall zur Hilfe, denn der Große Khan und sein Gefolge betrat in diesem Moment die Große Halle. Der Anführer der Tiger schien bester Dinge zu sein und trug ein einfaches, aber elegantes Gewand, das seine Stellung in ihrer Gemeinschaft unterstrich, aber nicht unnötig hervorhob. Seine Konkubinen, die wie er bester Laune zu sein schienen, folgten ihm und trugen ebenfalls einfache Gewänder und verteilten sich, bis auf Pecada, um die Tafel. Amelia und Emily, die hinter den Konkubinen den Saal betraten, trugen schlichte Gewänder und unterhielten sich angeregt. Als letzter betrat Garra die große Halle und für einen Moment wurde es still in der Halle. Der mächtige Krieger war in ein Gewand gekleidet, das ihn auf eine ähnliche Stufe hob wie den Großen Khan, und auch wenn er nicht unglücklich wirkte, so schien er mit diesem Konzept noch nicht ganz zurechtzukommen.

Während der Große Khan sich an seinen angestammten Platz begab, flankierten ihn seine Töchter, doch anstelle Pecada, saß zu Emilys Linken dieses Mal Garra, während die erste Konkubine sich rechts neben ihre älteste Tochter setzte. Der Große Khan jedoch blieb stehen und sah in die Runde. Die große Halle war bis an ihre Kapazitätsgrenze gefüllt, es war ein glorreicher Anblick, auch wenn er sie lieber mit Tigern gefüllt sehen würde. Er wartete noch einen Moment und hob dann langsam seine Hände, bis nach einer Weile endlich Stille eintrat.

„Ich möchte euch alle noch einmal in diesen Hallen Willkommen heißen. Dies wird unser erstes gemeinsames Mahl. Es ist aus mehrerlei Gründen ein besonderer Anlass. Sicherlich ist es ein erster, tiefer Einblick in unsere Gemeinschaft, aber es ist vor allem auch das erste Mal seit weit über 200 Jahren, dass unserer beiden Spezies sich Heim und Tisch teilen. Das erste Mal seit so langer Zeit, dass Frieden zwischen den mächtigsten Jägern dieses Dschungels herrscht, und auch wenn dieser Frieden durch einen gemeinsamen Feind erzwungen und nicht aus unserem eigenen Antrieb heraus entstanden ist, so sollten wir ihn trotzdem feiern. Und als wenn dies noch nicht genug wäre, so haben mir all diese Umstände am heutigen Tage noch einen Schwiegersohn beschert, mit dem hier niemand je gerechnet hätte. Er verstößt gegen jede unserer Traditionen, aber er ist auch ein weiteres Beispiel dafür, dass wir unsere Vorurteile und Missverständnisse überwinden können, wenn wir es nur wollen. Er wird die Brücke sein, die unsere beiden Spezies, auch weit über diesen Konflikt hinaus, miteinander verbinden wird.“

verkündete er mit feierlicher Stimme und deutete auf Emily und Garra, woraufhin sich ein Raunen unter den Anwesenden ausbreitete. Die Tiger hatten es mehr oder weniger gewusst, es war ein offenes Geheimnis an dieser Stelle, aber nun, da es offiziell bekanntgegeben worden war, gab es der ganzen Sache noch einmal einen ganz anderen Beigeschmack. Nicht jeder der Tiger war zu einhundert Prozent mit dieser Paarung einverstanden, aber sie konnten nichts dagegen sagen, der Khan hatte sie abgesegnet. Für die Jaguare hingegen war es eine vollkommen unerwartete Neuigkeit und einige von ihnen waren geradezu geschockt, aber bevor sie sich zu sehr darüber aufregen konnten, fuhr der Große Khan fort:

„Möge dieser Tag der Beginn einer neuen Ära sein. Eine Ära der Zusammenarbeit, nicht der Feindschaft.“

fügte er hinzu und ein zustimmendes Gemurmel antwortete ihm. Er sah in die Runde und nickte zufrieden, bevor er einem der Tiger an den großen Portaltüren ein Zeichen gab und sich setzte. Er saß noch nicht richtig, da wurden die Türen geöffnet und mehrere Tiger betraten die Halle. Sie trugen zwischen sich große Bretter, auf denen große Mengen Fleisch aufgeschichtet worden waren. Langsam gingen sie die Reihen ab und während sie bei jedem der Anwesenden stehen blieben, um ihm seinen Anteil des Mahls zu servieren, wurden den Jaguaren die Augen glasig. Noch nie hatten sie so viel Fleisch auf einem Haufen gesehen.

„Ehret das Opfer.“

flüsterten die Träger und jeder der Tiger antwortete mit einem geflüsterten:

„Ich ehre das Opfer.“

Die Jaguare, die angewiesen worden waren, dem Beispiel der Tiger zu folgen, wiederholten den Satz und wunderten sich, dass die Tiger nicht anfingen zu essen. Jede der Portionen wartete auf den Tellern der Tiger und wurde nicht angerührt, erst als alle ihr Fleisch erhalten hatten, erhob sich der Große Khan erneut und hob seinen Teller. Als er daraufhin die traditionellen Worte sprach, klang seine Stimme feierlich.

„Ich ehre dein Opfer. Das Opfer, das du bereitwillig für die Gemeinschaft erbracht hast. Dein Edelmut soll mich Demut lehren. Ich verzehre deinen Körper, damit deine Seele im Jenseits Frieden finden kann. Dein Fleisch wird meinen Körper stärken, damit ich auch deine Familie beschützen kann. Kein Opfer wird ungesühnt bleiben.“

Während ihr Anführer die Worte sprach, sprachen alle Tiger sie im Stillen mit, und erst als er wieder Platz nahm und seine Teller vor sich abstellte, begannen die Tiger zu essen. Die Jaguare waren sichtlich verwirrt, aßen aber ebenso genüsslich. Für die meisten Jaguare war es eine völlig neue Erfahrung, ihr Fleisch nicht direkt aus dem noch warmen Kadaver ihrer Beute zu reißen. Seine Nahrung auf einem Teller präsentiert zu bekommen, vorportioniert und entbeint war etwas, dass sich für den Moment falsch anfühlte, aber daran würde man sich sicherlich gewöhnen können.

Als sie ihre Mahlzeit schließlich fast beendet hatten, wandte sich einer der Jaguare an die Priesterin neben sich.

„Bitte entschuldige meine Unwissenheit, aber was hat der Große Khan damit gemeint: Kein Opfer bleibt ungesühnt?“

fragte er leise und schien tatsächlich überrascht und neugierig zu sein. Die Priesterin lächelte sanft und deutete auf das Fleisch, das auf allen Tellern lag.

„Dieses Fleisch, genau wie all das andere Fleisch, das ihr hier essen werdet, in ein Opfer, ein Tribut, das die Pflanzenfresser in diesem Territorium uns freiwillig darbringen, damit wir nicht mehr jagen müssen und uns ganz und gar darauf konzentrieren können, unser Gebiet zu, und damit auch sie, zu schützen.“

erklärte sie leise und respektvoll, woraufhin der Jaguar auf seinen Teller schaute, wo sich der Rest seiner Portion fand, danach wanderte sein Blick kurz in die Runde, bevor er wieder bei der Priesterin landete.

„Warte … dieses Fleisch stammt nicht aus einer erfolgreichen Jagd?“

fragte er erneut und wirkte nun wirklich verwirrt, aber die Priesterin schüttelte langsam ihren Kopf.

„Nein, in der Tat schicken die Pflanzenfresser uns jede zweite Woche ein Mitglied jedes Stammes, um von uns gefressen zu werden. Wie gesagt, ein Tribut an den dauerhaften Frieden zwischen ihnen und uns. Der Große Khan, der damals den Pakt mit ihnen geschlossen hat, ermöglichte damit, dass sowohl die Pflanzenfresser als auch wir in Frieden und Wohlstand zusammenleben können. Nun, natürlich gab es von Zeit zu Zeit kleinere Schwierigkeiten, aber noch nie zuvor haben beide Seiten dieser Gleichung in solcher Harmonie miteinander gelebt.“

erklärte sie ruhig und deutete dabei auf den Rest ihres eigenen Anteils.

„Und dafür sind wir den Pflanzenfressern unendlich dankbar. Wir zollen denjenigen, die freiwillig über den Weg allen Fleisches gehen, unseren Respekt, denn sie sind wahrlich mutig und stark.“

fügte sie hinzu und nickte noch einmal, um ihre Aussage zu untermauern, während der Jaguar sie mit großen Augen und offenem Maul anstarrte, bevor er noch einmal auf seinen eigenen Teller sah.

„Sie … sie kommen freiwillig? Sie kommen zu euch und lassen sich schlachten? Einfach so?“

fragte er schließlich und er konnte es fast nicht glauben, aber die Priesterin nickte erneut sanft.

„Ja, sie kommen freiwillig, niemand zwingt sie. Sie haben verstanden, dass, wenn wir sie jagen müssten, noch mehr von ihnen sterben würden und sie könnten sich nicht entscheiden, wen wir töten sollen. Auf diese Weise können sie die Alten und Schwachen zu uns schicken, die bereits ihren Dienst für die Gemeinschaft getan haben. Aber ihr werdet es selbst erleben können, denn beim nächsten Neumond wird sich der Pfad wieder öffnen und ihr werdet sehen, wie das Lamm zum Tier kommt und freiwillig seinen Kopf auf den Henkersblock legt.“

erklärte die Priesterin leise, wobei ihre Stimme einen feierlichen Unterton annahm. Der Jaguar nahm alles in sich auf und nickte stumm. Das war alles etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Er betrachtete sein Fleisch, das er bis gerade eben noch achtlos verzehrt hatte. Natürlich hatte er die Worte gesprochen, so wie die Tiger es ihm gesagt hatten, aber er hatte ihnen keine weitere Bedeutung beigemessen. Für ihn war es ein harmloses, ja regelrecht beiläufiges, Ritual gewesen, das sie vor dem Essen vollzogen, aber er hatte nicht mit dieser Erklärung gerechnet, dass die Pflanzenfresser freiwillig zu ihnen gekommen waren und den Tod gewählt hatten, um den Frieden für die Gemeinschaft zu wahren. Er nahm sein Fleisch und während er es aß, wurde ihm erst wirklich bewusst, was es bedeutete, zu dieser Gemeinschaft zu gehören. Darüber würde er sich einige Gedanken machen und mit den anderen sprechen müssen.

Der Rest des Abends verlief ruhig. Nach dem Essen bekamen die Jaguare ihre Führung durch den Tempel. Die Priesterinnen, die herumführten, erklärten ihnen die einzelnen Bereiche und zeigten die wenigen Segmente des Bauwerks auf, zu denen ihnen aus verschiedenen Gründen kein Zutritt gewährt werden würde. Die Jaguare folgten ihren Führer die ganze Zeit aufmerksam und erkundeten den Tempel mit großem Interesse.

Als sie schließlich die Innenhöfe erreichten, in denen die Tiger für den Kampf trainierten, sahen sie, wie einige von ihnen bereits wieder ihrem Trainingsregime nachgingen. Auf die Frage hin, ob es ihnen erlaubt sein würde, dort ebenfalls zu trainieren, wurde ihnen erklärt, dass sie natürlich mit ihren neuen Verbündeten trainieren dürften, sobald sie sich dazu in der Lage fühlten. Des Weiteren würde es sogar befürwortet werden, wenn die Jaguare die Chance, mit den Tigern zu trainieren, intensiv nutzen würden, um sich mit deren Waffen und Taktiken vertraut zu machen. Nur dann würden sie zusammen mit ihren Verbündeten eine möglichst effektive Armee bilden. Es war notwendig, dass alle Mitglieder der Truppe auf einem ähnlichen Stand waren.

Die meisten der Jaguare sprachen sich ausdrücklich für ein gemeinsames Training aus, sie waren überzeugt, sie würden viel voneinander lernen können. Und für den Fall, dass ihr Bündnis nach dem Konflikt mit den Nea-Phi-Lim doch wieder in die Brüche ging, war es nicht schlecht, die Taktiken des Feindes zu kennen.

Allerdings waren sie sich alle einig, dass es das Beste wäre, dieses Bündnis auch nach der Beendigung des Konflikts weiter aufrechtzuerhalten. Alles im Sinne des höheren Wohls.

Tatsächlich lebten sich die Jaguare relativ schnell im Tempel ein, auch wenn es am Anfang noch den ein oder anderen Zwischenfall gab, die jedoch von beiden Seiten mit Geduld betrachtet wurden. Die Neuankömmlinge gewöhnten sich schnell daran, ihre Energie nicht mehr dazu zu nutzen, mit einem offenen Auge zu schlafen und jeden Tag nach Beute Ausschau zu halten, sondern sie für ihr Training zu nutzen.

Die Trainingsanlagen wurden also in den Tagen nach ihrer Ankunft nahezu rund um die Uhr intensiv genutzt. Die Tiger und ihre Verbündeten begannen schnell mit- und gegeneinander zu trainieren. Anfangs blieben die Gruppen noch relativ getrennt, aber schon bald kristallisierten sich kleine Grüppchen heraus, die besonders gut miteinander harmonierten und die somit bessere Ergebnisse erzielten. Da allerdings die Trainingshöfe im Tempel nie für so viele Krieger ausgelegt gewesen waren, kam es jedoch relativ schnell zu einem kleinen, aber nicht unwesentlichen Problem: Es konnte nicht alle Krieger gleichzeitig trainieren. Dieses Problem löste sich jedoch fast genauso schnell wie es aufkam. Die einzelnen Gruppen wechselten einander in den Höfen ab, und während die eine Gruppe trainierte, beobachtete die andere und wenn sie Fehler feststellten, so wiesen sie einander darauf hin. Dies hatte den indirekten Vorteil, dass das Training der Krieger noch effizienter wurde.

Gleichzeitig etablierte sich eine gewisse Rivalität zwischen den einzelnen Trainingsgruppen, wobei diese Rivalität nicht zwingend nur zwischen Tigern und Jaguaren bestand, sondern insbesondere auch untereinander. Keiner wusste so ganz genau, wer damit angefangen hatte, aber eines Morgens fanden die Tiger ein Pergament, dass an einen der Galgen geschlagen worden war, auf dem stand:

„Ich habe zwei Trainingspuppen zerstört, eine Keule zerbrochen und danach noch einhundert und zwanzig Liegestütze gemacht, ihr Luschen!“

Dies war eine direkte Herausforderung an jeden, der dieses Pergament las und schnell fanden sich sowohl Tiger als auch Jaguare, die sich daran machten, diese vermeintliche Leistung zu überbieten. Mittlerweile gab es Ranglisten mit verschiedenen Leistungen und immer wenn wieder einmal einer der Krieger einen Rekord brach, war das Gejohle seiner Kameraden im ganzen Tempel zu hören.

Der Große Khan beobachtete dies alles wohlwollend und nicht ohne einen gewissen Stolz. Er würde in der Lage sein, die stärkste, zäheste und fähigste Armee in diesen Konflikt zu führen, die der Dschungel seit dem Ende des großen Krieges gesehen hatte. Er hoffte nur, dass dies auch genug sein würde, um diesen nach wie vor unfassbaren Feind zu besiegen.

Er hatte angeordnet, seine Armee so lange wie nur möglich zu trainieren. Er wollte die bestmögliche Kampftruppe in die Schlacht führen. Der Große Khan hatte sich lange mit seinem Stab und auch mit dem Hauptmann der Wache beraten und sie waren übereingekommen, dass es nur wenig Sinn ergab, eine lange, ausgedehnte Kampagne gegen die Nea-Phi-Lim zu führen. Solch einen Krieg konnten sie nur verlieren. Sie würden alles auf eine Karte setzen und versuchen, den Feind in einer einzigen Entscheidungsschlacht zu besiegen und ihn dann zurück in die Berge zu treiben, oder gar ganz zu vernichten, wobei es dem Großen Khan schmerzlich bewusst war, dass ihnen dies wahrscheinlich nicht gelingen würde. Bisher hatten sie keine Informationen darüber, wie viele Nea-Phi-Lim es wirklich gab, da noch niemand einen von ihnen gefangen oder getötet hatte. Es konnte sein, dass es nur einen Handvoll von ihnen gab, es war jedoch genauso gut möglich, dass es tausende waren. Sie würden sich wohl oder übel damit begnügen müssen, den Feind entscheidend zu schlagen und ihn so weit wie möglich zurückzudrängen, in der Hoffnung, dass sie dann nicht so schnell wieder kamen.

Wenn sie den Feind dann verdrängt hatten, würden sie die Grenze zu den Bergen verstärken und unpassierbar machen, so dass, selbst wenn die Nea-Phi-Lim einmal zurückkehren würden, sie sie einfach wieder vertreiben könnten.

Die erste Woche des gemeinsamen Trainings brachte schon erstaunliche Fortschritte und man konnte bereits erkennen, dass bei Spezies besser zusammenarbeiteten. Dank der internen Rivalitäten und der daraus resultierenden Motivation war gewährleistet, dass diese Fortschritte auch weiterhin anhielten und die Schlagkraft der Truppe weiter verbessert wurde.

Als die Nacht des Neumonds sich schließlich näherte, veränderte sich die Stimmung im Tempel deutlich. Die Tiger wurden ruhiger und wirkten in sich gekehrter, während die Priesterinnen damit begannen, den Amtssitz der Tiger für die bevorstehende Öffnung des Pfads vorzubereiten. Dies war etwas, das vollkommen neu für die Jaguare war. Als sich der Abend über den Dschungel senkte, wurde es still im Tempel der Tiger, denn ein Großteil der Krieger verließ mit einem Kontingent der Priesterinnen den Tempel, der Rest wurde mit den Jaguaren dazu verdammt, vom Rand aus das Geschehen zu beobachten, während die Priesterinnen ihre Zeremoniellen Gewänder anlegten und auf die Ankunft der Tribute warteten. Sie konnten zusehen, wie der Pfad sich langsam erhellte und kurze Zeit später die Prozession begann, die die Pflanzenfresser aus dem Tal hinauf zum Tempel und in ihren Tod führte. Da einige der Tiger während der Wochen zuvor gefallen waren, wurden die Lücken mit einigen der Jaguarkrieger gefüllt.

Sie standen mit den Tigern am Rand des Pfades und hielten die Fackeln, die den Weg allen Fleisches beleuchteten, während die Tribute in ihrer stillen Prozession, angeführt durch die Priesterinnen der Tiger, den Weg zum Tempel entlang gingen.

Als die Prozession schließlich auch an den Jaguaren vorbeizog und sie die in schwarze Kaputzenumhänge gehüllten Pflanzenfresser in völliger Stille an sich vorbeigehen sahen, lief ihnen ein eiskalter Schauer über den Rücken. Ein völlig neuer, noch nie dagewesener Respekt vor dem Mut und der Stärke dieser Pflanzenfresser erfasste sie, als ihnen klar wurde, dass sie niemals in der Lage wären, mit offenen Augen in den Tod zu gehen und dabei trotzdem so ruhig und gefasst zu bleiben.

Nachdem die letzten Tribute an ihnen vorübergezogen waren, schlossen sie sich der Prozession an, so wie es die Tradition verlangte, und plötzlich wirkte der Weg zurück zum Tempel für die Jaguare so viel länger und steiler, als sie es für möglich gehalten hatten. Dem Beispiel der Tiger folgend, blieben auch sie die ganze Zeit vollkommen still und als sie endlich an der Pforte des Tempels ankamen, die sich wie ein stummes, dunkles Monument des Todes über sie alle erhob, löschten sie die Fackeln. Während die Tiger sich in aller Stille wieder in die Baracken zurückzogen, blieb einer der Jaguare an der Pforte zurück und sah den Tributen hinterher. Vorsichtig folgte er der Kongregation, aber als er an den Säulengang kam, der zum großen Innenhof führte, hielt ihn einer der großen Wächter zurück.

„Nein, mein Freund, an den Tagen, an denen der Pfad geöffnet ist, dürfen wir den Innenhof nicht betreten. Er gehört nur den Tributen und den Priesterinnen. Wir achten die uralte Vereinbarung, nach der wir versprochen haben, dass wir sie mit dem größtmöglichen Respekt behandeln. Sie sollen sich entspannen und wissen, dass wir das Opfer, das sie bereit sind, zu bringen ehren.“

flüsterte der Wächter und der Jaguar neben ihm nickte, konnte seine Augen aber nicht von den im Innenhof versammelten Pflanzenfressern nehmen. Er verstand, was der Tiger ihm zu erklären versuchte, während er zusah, wie sich die einzelnen Tribute im Hof verteilten und auf den bereitgestellten Bänken Platz nahmen. Für ihn war es unglaublich, dass sie dabei so ruhig bleiben konnten und sich ihrem Schicksal so vollkommen hingaben.

„Sind … sind sie immer so ruhig?“

fragte er schließlich, und man konnte den Respekt deutlich in seiner Stimme hören. Der Wächter drehte sich um und blickte ebenfalls auf den Hof hinaus.

„Lass dich nicht täuschen. Sie sind voller Angst. Sie wissen, dass sie sterben werden. Wer einmal in diesen Tempel gekommen ist, verlässt ihn nicht mehr lebend. Sobald sie durch die roten Türen jenseits des Hofes gehen, sterben sie. Nur das Wissen, dass ihr bereitwilliges Opfer ihren Familien ein glückliches Leben bescheren wird, und das Wissen, dass wir ihr Opfer mit größtem Respekt behandeln werden, ermöglicht es ihnen, über sich selbst hinauszuwachsen und den Mut zu zeigen, den du hier siehst. Aber eine falsche Bewegung, nur ein falsches Geräusch und sie geraten in Panik. Deswegen ist es nur ausgewählten Priesterinnen erlaubt, an den Ritualen teilzunehmen. Wir haben es den Pflanzenfressern versprochen, dass der Tod, den sie erleiden werden, schmerzlos und würdevoll sein wird.“

erklärte die Wache leise und deutete auf das Podest in der Mitte des Hofes. Dort konnten sie gerade beobachten, wie die Priesterinnen aus den roten Türen und in die Mitte des Hofes kamen, um dort ihre Rede zu halten. Der Jaguar hörte, wie sie die Einladung der Hohepriesterin aussprachen und die roten Türen geöffnet wurden. Es dauerte einen kurzen Moment, in dem der Jaguar die Luft anhielt, bevor einer der Pflanzenfresser sich lautlos erhob und ohne ein weiteres Wort oder Zögern durch die roten Türen schritt. Es überraschte ihn, als er bemerkte, wie sehr es ihn schockierte, dass der Tribut so völlig gefasst durch diese Tür ging, während die Priesterinnen sich für sein Opfer für die Gemeinschaft und seinen Mut bedankten. Es dauerte nicht lange, bis die Türen wieder geöffnet wurden und ein weiterer Pflanzenfresser sich ebenso lautlos erhob, nur um seinen letzten Gang fortzusetzen.

Der Tiger an seiner Seite konnte sehen, wie sehr der Jaguar mit der gesamten Situation überfordert war und winkte eine der Priesterinnen herbei, die gerade den Korridor entlang kam und vertraute ihr den Fleckenträger an, in der Hoffnung sie würde in der Lage sein, ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Als sie ihn wenig später bei seinen Artgenossen ablieferte, sah er bereits deutlich entspannter aus. Es sprach sich unter den Jaguaren schnell herum, was genau bei der Öffnung des Pfades geschah und sie waren alle schockiert und demütig zugleich. Sie hatten bereits erfahren, dass die Pflanzenfresser sich freiwillig opferten, aber die Art und Weise, wie es geschah, rang ihnen noch einmal deutlich mehr Respekt für sie ab.

Während seine Artgenossen von der Seitenlinie zusehen mussten, bekam Garra, der den größten Teil seiner Freizeit mit Emily und ihrer Familie verbrachte, eine andere Perspektive auf die Öffnung des Pfades zu sehen. Als Quasi-Mitglied der Familie des Großen Khans hatte er einen sehr viel tieferen Einblick in alle Dinge, die den Tempel und alles, was sich darin abspielte, betrafen. Die Hohepriesterin selbst hatte ihm die Rituale im Detail erklärt und ihm die Kammern gezeigt, die die Tribute durchliefen, auf ihrem Weg zum Opferaltar. Er hatte vor dem großen, steinernen Altar, auf dem die Tribute schließlich geopfert wurden, gestanden, hatte seine zitternden Hände auf den blutroten Granit gelegt und hatte große Mühe gehabt, seine Atmung unter Kontrolle zu halten.

Er hatte daraufhin den Wunsch geäußert, den Pflanzenfressern für ihr Opfer zu danken und ihnen zu versprechen, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun würden, um die drohende Katastrophe abzuwenden und die Nea-Phi-Lim zu vertreiben.

Da sowieso ein letztes Treffen mit den Pflanzenfressern vor der großen Offensive geplant war, war es ein Leichtes für den Großen Khan, eine Gelegenheit für Garra zu schaffen, damit er sich bei ihnen bedanken konnte. Als die Delegationen der Pflanzenfresser dieses Mal bei den Tigern eintrafen, war die Stimmung eine ganz andere. Mittlerweile war auch ihnen klar, dass die Nea-Phi-Lim eine existenzielle Bedrohung für sie alle darstellen und dass sie niemals in der Lage sein würden, ihnen gegenüberzutreten.

Als Garra seine aufrichtige Dankbarkeit, auch im Namen seiner Artgenossen, gegenüber den Tributen zum Ausdruck brachte, die jede zweite Woche über den Pfad gingen, nahmen die Pflanzenfresser diese gerne an. Sie brachten im Gegenzug allerdings vor, dass die Fleischfresser sich so schnell wie möglich der Gefahr annehmen sollten, denn sie würden diese zusätzliche Last nicht auf ewig schultern.

Sowohl der Große Khan als auch Garra, der zu diesem Zeitpunkt so etwas wie der inoffizielle Anführer der Jaguare war, bekannten sich zu ihrer Verantwortung und versprachen, dass sie die Offensive so bald wie möglich durchführen würden.

Sie würden noch eine Woche warten, noch einmal neue Informationen einholen und ihre Armee auf die aktuelle Lage vorbereiten, bevor sie schließlich zuschlagen würden.

Keiner von ihnen ahnte zu diesem Zeitpunkt, wie sehr diese eine Schlacht das Angesicht des Dschungels und ihrer Gemeinschaft verändern würde.

Diese letzte Woche, bevor der Große Khan seine Streitmacht ins Feld führte, war gezeichnet von der hektischen Betriebsamkeit einer Kriegsmaschinerie, die auf vollen Touren lief. Die Späher wurden mit dem Auftrag ausgesandt, ein letztes Mal die Grenzgebiete auszukundschaften und im gleichen Atemzug den Stämmen der ortsansässigen Pflanzenfressern mitzuteilen, dass die Armee des Khans alsbald in den Krieg ziehen würde. Während die Späher sich über die Grenze schlichen, ordnete der Große Khan die Musterung seiner Streitmacht an, und alle kampffähigen Tiger und Jaguare, deren Dienste nicht zwingend für andere Aufgaben benötigt wurden, wurden zu den Waffen gerufen. Des Weiteren waren die Quartiermeister der Tiger rund um die Uhr damit beschäftigt, eben jene Rüstungen und Waffen für ihre Streitmacht fertigzustellen, damit jeder Tiger und jeder Jaguar bestmöglich ausgerüstet war.

Die Krieger des Khans trugen die Rüstungen mit Stolz, obwohl sie sich ziemlich sicher waren, dass die aus Holz und Leder gefertigten Rüstungen dem Sperrfeuer der Nea-Phi-Lim nichts entgegenzusetzen hatten. Und trotzdem war der psychologische Effekt, eine dieser Rüstungen zu tragen, nicht zu unterschätzen und schließlich hatten sie bisher noch keine Erfahrungen über die Fähigkeiten ihrer Gegner, wenn es um den Nahkampf ging.

Als die Musterung am Vorabend des letzten Tages abgeschlossen war, überblickten der Große Khan und Garra ihre Armee. Über 300 Krieger waren im großen Innenhof des Tempels versammelt, Tiger und Jaguare, männliche wie weibliche, Krieger, die gerade alt genug waren, um in den Krieg zu ziehen, genauso wie Veteranen, die in ihren allerletzten Kampf zogen. Die komplette Wache des Khans, aber auch viele seiner Priesterinnen und Konkubinen waren unter ihnen, bereit, für ihre Gemeinschaft ihr Leben zu geben, sollte es denn so weit kommen. Unter den Jaguaren waren am Ende nur zwei, denen der Khan den Einzug in die Armee untersagt hatte, auch wenn diese Beiden sich vehement dagegen gewehrt hatten. Das eine war ein Bursche, der noch viel zu jung war, um sein Leben in diesem Kampf aufs Spiel zu setzen, und das andere war eine Jaguarin, die sich als schwanger herausgestellt hatte. Garra hatte den Protest seiner Artgenossen verstanden, ultimativ aber dem Großen Khan recht gegeben. Beide würden im Tempel verbleiben und auf die siegreich heimkehrenden warten. Zusammen mit Pecada und Emily.

Pecada hatte nicht protestiert, sie wusste, dass das Wort des Khans in dieser Angelegenheit unumstößlich war. Sie würde im Tempel verbleiben und auf Emily aufpassen, die im Gegensatz zu ihr Zeter und Mordio geschrien hatte, als ihr Vater seine Entscheidung kundgetan hatte, sie erneut im Tempel zurückzulassen. Die jüngste Tochter des Khans hatte ihre Wut an ihm ausgelassen und er hatte es stoisch ertragen, bis sie zu erschöpft war um ihn weiter anschreien, erst dann hatte er es ihr erklärt:

„Emily, ich verstehe deine Wut und respektiere deine Courage, aber du musst im Tempel bleiben. Amelia wird mich begleiten, denn sie ist meine Erbin und direkte Nachfolgerin. Sollte ich im Kampf fallen, werden unsere Krieger ihr folgen.“

Hatte er ruhig und sachlich erklärt, aber Emily wollte nicht klein beigeben.

„Nein, nein, ich werde das nicht akzeptieren! Als ihr mich zurückgelassen habt und ins Feldlager gegangen seid, habe ich das verstanden, da gab es Dinge zu lernen, aber jetzt … ihr zieht in den Krieg … und ich bin mit Abstand die bessere Kriegerin als Amelia … wenn dich jemand von uns begleiten sollte, dann … dann bin ich das … und … und …“

krächzte sie heiser, während ihr Schreien immer wieder von Schluchzern unterbrochen wurde.

„… wenn ich fallen sollte, dann ist Amelia noch immer hier … das ist das beste für unserer Reich!“

protestierte sie und ihr Vater musste zugeben, dass er dieser Argumentation nichts entgegenzusetzen hatte. Er atmete tief durch und öffnete seine Arme.

„Emily, Kind, was du sagst ist nicht falsch.“

begann er und nahm seine jüngste Tochter in den Arm.

„Aber es geht hierbei um weit mehr als nur unser Reich. Wenn ich danach ginge, wer die besten und stärksten Kämpfer in meiner Armee sind, dann würde ich die Armee nicht einmal anführen, aber als der Große Khan ist es meine Pflicht, die Armee in die Schlacht zu führen, denn unsere Krieger werden mir ohne zu zögern folgen. Dasselbe gilt für deine Schwester. Sie ist von Geburt an für diese Aufgabe vorgesehen gewesen. Außerdem …“

erklärte er und drückte ihr einen Kuss auf den Kopf.

„Außerdem hast du mit Garra bereits einen Partner, der nur dann richtig kämpfen kann, wenn er weiß, dass du hier in Sicherheit bist, und der noch einmal härter kämpft, weil er wieder zu dir zurückkommen will. Dein Schwester, sie …“

Er ließ den letzten Satz unvollendet, als er Pecada sah, wie sie ihren Kopf schüttelte, woraufhin er die Lippen zusammenpresste und Emily noch einmal einen Kuss auf den Kopf gab.

Emily hatte versucht, noch weiter zu protestieren, aber hatte schließlich deprimiert aufgegeben. Erst als Garra noch einmal mit ihr gesprochen hatte, und die Argumente ihres Vaters noch einmal bekräftigt und versprochen hatte, auf sich und Amelia aufzupassen, gab sie sich widerwillig damit zufrieden im Tempel zu bleiben.

Am nächsten Tag war es schließlich an der Zeit für den Großen Khan und seine Armee Abschied zu nehmen. Alle Tiger und Jaguare, die im Tempel verbleiben würden, hatten sich am Haupteingang des Tempels versammelt, um die Krieger zu verabschieden und ihnen viel Glück für die bevorstehende Schlacht zu wünschen. Es flossen viele Tränen und nur widerwillig ließen einige der Tiger ihre Artgenossen gehen, aber sie alle wussten, dass es die einzige Chance war, die Nea-Phi-Lim noch zu stoppen. Und als schließlich die letzten Worte des Abschieds gesprochen waren, führte der Große Khan zusammen mit Amelia und Garra die Armee aus dem Tempel.

Auf dem Weg in die östlichen Gebiete würden sie im Feldlager Rast machen und letzten Berichte der Späher auswerten, bevor sie auch diese, sowie den Hauptmann der Wache in die Streitmacht integrierten.

Den Spähern war es gelungen, die aktuellen Jagdgründe der Nea-Phi-Lim zu finden und den Pflanzenfressern in diesem Gebiet die Nachricht von der bevorstehenden Ankunft der Armee zu überbringen, aber leider waren diese nicht so einfach dazu zu bewegen gewesen, den Tigern und Jaguaren in ihrem Kampf zu helfen. Die Ältesten unter den Pflanzenfressern wollten erst einen Beweis für die Schlagkraft der Armee, bevor sie ihre eigenen Krieger in einen Kampf schickten, der mehr Opfer forderte als er Gewinn brachte.

Abermals enttäuscht von der Starrköpfigkeit der Pflanzenfresser, führte der Große Khan schließlich seine Armee ohne deren Unterstützung über die Grenze und in die Schlacht. Wenigstens würden sie nicht allzu weit marschieren müssen, denn das Gebiet, das die Späher ausgekundschaftet hatten, war nicht mehr sehr weit weg von der Grenze zu ihrem Gebiet. Es war also höchste Zeit gewesen, diese Entscheidungsschlacht zu suchen, noch ein paar Tage länger und die Nea-Phi-Lim hätten an ihrer Türschwelle gestanden und angefangen, ihre Grenzposten anzugreifen. So würden sie noch immer den Kampf zum Feind tragen, in der Offensive sein, anstatt die Initiative abzugeben.

Es war im frühen Morgengrauen, als der Große Khan seine Streitmacht schließlich auf das Schlachtfeld führte und es dauerte nicht lang, bis die ersten Schüsse der Nea-Phi-Lim ertönten und deren Geschosse durch die Reihen der Fleischfresser flogen. Im Gegensatz zu sonst, zogen sich die Beschossenen jedoch nicht zurück, sondern angespornt durch diesen frühen Angriff, trieb der Große Khan seine Krieger mit lautem Gebrüll vorwärts in die Schlacht. Wie die wilde Jagd, preschten die Raubkatzen über das freie Feld nach vorne, in dem Versuch, die Entfernung zu ihren feigen Feinden so schnell wie möglich zu überbrücken. Während sie im vollen Sprint auf ihre Gegner zu rannten, übertönte ihr ohrenbetäubendes Gebrüll selbst den Donnerschlag der Waffen der Nea-Phi-Lim, die allen Anschein nach, von ihrem Angriff nicht so überrascht waren, wie der Große Khan es sich erhofft hatte. Das Gegenfeuer, mit dem sie die Armee der Raubkatzen eindeckten, war gezielt und intensiv, und viele der Krieger wurden bereits während dieses ersten Sprints getroffen und zu Fall gebracht, während der Rest der Armee sich davon nicht beirren ließ und weiter auf die Stellung des Feindes zuhielt.

Der Aufprall, als die Raubkatzen schließlich die letzten Meter überwanden und in den Reihen ihrer Feinde aufschlugen, war wie der Einschlag eines Meteoriten auf die Erde. Die meisten der Nea-Phi-Lim wurden buchstäblich überrannt und im darauf folgenden kurzen Scharmützel getötet. Die Wenigen, die diesem ersten Schlagabtausch entkamen, wurden gejagt und schnell und gnadenlos zur Strecke gebracht.

Als der erste Staub sich legte und klar wurde, dass diese erste Konfrontation sehr zum Vorteil der Raubkatzen ausgefallen war, und dass die Nea-Phi-Lim ihnen im Nahkampf tatsächlich bei weitem unterlegen waren, kam eine gewisse Freude bei ihnen auf, auch wenn die Verluste bereits beachtlich waren.

In diesem ersten kurzen Zusammenstoß hatten die Nea-Phi-Lim es geschafft, von seinen etwa 300 Kriegern bereits über 50 zu verletzen oder zu töten. Dies waren erschreckende Zahlen, wenn man bedachte, dass weit weniger dieser Feigen Jäger tot zu ihren Füßen lagen.

Noch während die Heiler damit beschäftigt waren, die Verletzten wieder zusammen zu flicken, befahl der Große Khan, dass die Armee die Verfolgung des Feindes aufnehmen sollte. Die Verwundeten, die sich dem Kampf wieder anschließen könnten, würden ihnen alsbald folgen, die anderen würden die Kadaver der Nea-Phi-Lim zu den Stämmen der Pflanzenfresser schleifen, um ihnen zu beweisen, dass man sie töten konnte.

Der Khan hoffte, dass dies diese sturen Pflanzenfresser davon überzeugen würde, sich dem Kampf anzuschließen und damit die Anzahl seiner Krieger deutlich zu erhöhen. Des Weiteren hatte er auch noch nicht die Hoffnung aufgegeben, dass sich vielleicht auch noch der ein oder andere Jaguars einer Streitmacht anschloss, der sich bis dato noch nicht hatte dazu durchringen können.

Vorerst aber würden sie mit dem auskommen müssen, was sie hatten, während sie weiter in den Dschungel vordrangen, und den Feind zu verfolgen. Sie wollten den Nea-Phi-Lim nicht die Zeit lassen, sich neu zu formieren und einen Gegenangriff zu starten. Sie würden den Druck aufrechterhalten und sie weiter zurückdrängen, über die Felder und durch den Dschungel, bis zu den Bergen, wo sie dann wahrscheinlich die Verfolgung abbrechen müssten.

Einen Vorteil hatte die Dichter werdende Vegetation, auch die Nea-Phi-Lim hatten kein klares, freies Schussfeld mehr und so konnten die Krieger des Khans hinter den Bäumen Deckung suchen, während sie unentwegt weiter vorrückten und jede Stellung und jeden einzelnen dieser Jäger, die sie fanden angriffen. Sie waren erfolgreich und zwangen den Feind zum Rückzug, aber es wurde auch bald klar, dass die Nea-Phi-Lim inzwischen wussten, dass sie von einer Streitmacht angegriffen und zurückgedrängt wurden. Sie entschlossen sich dazu sich gestaffelt zurückfallen zu lassen und dabei den Beschuss auf die vorrückenden Krieger stets aufrechtzuerhalten.

Getrieben durch den Willen der Gefahr ein und für alle Mal den Garaus zu machen und ihnen nicht die Chance zu geben auch nur einen Meter wieder gutzumachen, trieb der Große Khan seine Armee immer weiter voran.

Es stellte sich im Laufe des Tages heraus, dass die Verfolgung eines sich ständig taktisch zurückziehenden Feindes über größere Entfernungen durchaus mit einigen Schwierigkeiten verbunden war. Nicht nur zehrte das ständig hohe Tempo an der Ausdauer der Krieger, auch stiegen über die Dauer die Verluste durch den ständigen Beschuss der Nea-Phi-Lim, während deren Verluste relativ gering blieben.

Zwar war die Armee noch nicht so weit geschwächt, dass der Große Khan um ihre Effizienz fürchten musste, aber jeder weitere Verlust war schmerzlich, da sie keine Chance hatten ihn zu ersetzen und die Schlagkraft der Streitmacht unwiderruflich verringert wurde. Auch wenn die Dichte Vegetation des Dschungels half, dass nicht mehr jeder Schuss der Gegner traf, so hinderte sie die Tiger und Jaguare daran, ihre größte Stärke, ihre Schnelligkeit, einzusetzen. Das sorgte dafür, dass sich die Nea-Phi-Lim, die mit diesem Terrain besser vertraut waren, schnell und geordnet von einer Stellung zur nächsten zurückziehen könnten.

Es war bereits später Nachmittag, als die Armee der Raubkatzen den Feind zu einer weiteren Lichtung verfolgten. Die Falle war vorhersehbar, aber es gab keine Zeit, keine Möglichkeit, sie taktisch klug zu umgehen, und so spornte der Große Khan seine Armee mit ohrenbetäubendem Gebrüll an und hetzte über die freie Ebene.

Sie hatten den Dschungel noch nicht ganz verlassen, als das Sperrfeuer ihrer Gegner begann. Wieder fielen Krieger dem Gnadenlosen Kugelhagel zum Opfer und wieder haben sie dem nicht nach sondern rannten noch schneller über das Feld, bis am anderen Ende der Lichtung durch die Reihen der Nea-Phi-Lim brachen und ein Blutbad unter ihnen veranstalteten. Doch auch dieses Mal ergriff der Feind die Flucht und musste gejagt werden. Ein weiteres Mal setzte die Armee ihnen nach, um auch den letzten von ihnen zu töten.

„Verdammt nochmal … sie sind wie Wasser, sie entgleiten uns zwischen den Fingern …“

schrie der Große Khan und sprang im vollen Lauf über einen umgestürzten Baumstamm, während er einen flüchtenden Nea-Phi-Lim verfolgte, der hektisch an seiner Waffe herum fummelte. Einige seiner Leibwächter waren direkt hinter ihm und brüllten dem fliehenden Feind ihre Verachtung und ihren Zorn hinterher. Der Raubkatzen waren wesentlich schnellere Läufer als diese vornübergebeugten, seltsamen Wesen, und so holte der Khan sein Opfer relativ schnell ein, packte es von hinten und riss es mit einem wütenden Fauchen herum, nur um ihm im gleichen Augenblick mit seinem krallenbewehrten Streitkolben den Schädel einzuschlagen. Der Feind sackte leblos in sich zusammen und der Anführer der Tiger kümmerte sich nicht weiter um ihn. Die Nachhut würde sicherstellen, dass er auch wirklich tot war. Er konnte seinen Triumph jedoch nicht genießen, denn er nahm eine Bewegung aus dem Augenwinkel war, riss seine Keule hoch und schrie:

„Folgt mir, lasst sie nicht entkommen. Jetzt oder nie!“

Sein Brüllen donnerte durch den Dschungel und stachelte seine Krieger weiter an, während er sich umwandte und die Verfolgung wieder aufnahm. Die Tiger und Jaguare seiner Streitmacht stimmten in sein Brüllen mit ein und preschten weiter voran.

Für einen Moment lang schien es, als hätten sie den Widerstand der Nea-Phi-Lim gebrochen, denn die wenigen, die sie vor sich fliehen sahen, schossen nicht mehr zurück. Es war ein vollkommener, panischer Rückzug, bei dem die Kreaturen völlig unkoordiniert davonlaufen. Angespornt von diesem vermeintlichen Sieg, mobilisierte der Khan seine Kräfte und stürmte voraus, bevor seine Leibgarde mit ihm Schritt halten konnte.

Die fliehenden sahen nicht zurück, als sie durch einen Busch brachen und außer Sicht gerieten, was den mächtigen Tiger nur noch mehr reizte. Uralte Instinkte drängte ihn weiter vorwärts und mit einem triumphalen Brüllen sprang auch er durch das Dickischt, aber noch bevor er die andere Seite erreichte, trafen ihn drei Geschosse der Nea-Phi-Lim, die hinter der Hecke gelauert hatten. Der Große Khan wurde von der Wucht des Aufpralls zurückgeschleudert und taumelte rückwärts aus dem Gebüsch, während weitere Schüsse um ihn herum das Dickisch durchschlagen.

Er stieß einen gutturalen, erstickten Schrei aus, während er und zwei seiner Leibwächter zu Boden gingen, die ebenfalls im Kugelhagel getroffen worden waren. Hinter dem Dickischt jubelten derweil die Nea-Phi-Lim, die sich sicher waren, den Anführer der Armee ausgeschaltet zu haben.

Amelia, die für die gesamte Dauer der Schlacht immer direkt hinter ihrem Vater gekämpft hatte, musste mit ansehen, wie ihr Vater rückwärts durch das Dickischt geschleudert wurde und hart zu Boden ging. Es war nicht nötig genauer hinzusehen, um zu wissen, was genau geschehen war: Der Feind, diese feigen Kreaturen, hatte herausgefunden, wer ihre Armee anführte, und hatte den einzig sinnvollen Rückschluss gezogen, dass eine Armee ohne Anführer zwangsläufig in Unordnung geraten und ein leichteres Ziel abgeben würde.

Der Gedanke als solches war nicht falsch, jede andere Armee ohne Kommandanten wäre wahrscheinlich wirklich in Unordnung geraten, hätte an Fahrt verloren und schließlich den Angriff abgebrochen, aber nicht diese Armee, nicht die Krieger des Khans.

Der Schock, den der Fall ihres Vaters durch Amelia sandte, währte nur einen Wimpernschlag, bevor sie ihr Schwert hob und ihren Truppen zu brüllte:

„Für den Khan … Für das Höhere Wohl!“

Noch bevor ihr Ruf verschalt war, stürmte sie wieder nach vorne und übernahm die Führung der Streitmacht, so wie es von ihr als der rechtmäßigen Thronfolgerin erwartet wurde. Sie schluckte ihre Trauer herunter und fütterte mit ihr das Feuer ihres Hasses. Sie würde später Trauern, wenn all dies vorbei war.

Hinter ihr ertönte das donnernde Brüllen ihrer Krieger, die ihr erneut in die Schlacht folgten.

Zorn und Rage können mächtige Motivatoren sein und eine Krieger dazu treiben, über seine Grenzen zu gehen, und genau dies passierte hier. Der Hass und der Zorn gegenüber diesem fremdartigen Feind, diesen Nea-Phi-Lim, ließ die Tiger und Jaguare ihre Erschöpfung vergessen und trieb sie voran, selbst nach einem ganzen Tag des Kampfes.

Mit Amelia an ihrer Spitze durchbrachen die Raubkatzen das Dickischt und überrannten die völlig überraschte erste Verteidigungslinie der Nea-Phi-Lim, deren Krieger noch damit beschäftigt waren, ihre Waffen nachzuladen. Wie sie bereits vermutet hatte, waren diese Kreaturen nicht weiter zurückgefallen, da sie geglaubt hatten, die Streitmacht würde nach dem Tod ihres Anführers ihren Vormarsch einstellen. Mit einem unerbittlichen Vormarsch hatten sie nicht gerechnet.

Amelia hielt sich gar nicht erst mit dieser ersten Linie auf, sondern übersprang sie einfach, die nachfolgenden Truppen würden sich um sie kümmern. Sie brach, begleitet von einer kleinen Speerspitze ihrer Armee, in das Zentrum der feindlichen Stellung durch.

Sie hatten es erst gar bemerkt, dass sie bereits so weit vorgedrungen waren, aber sie hatten im Verlauf des Tages die Nea-Phi-Lim so weit zurückgedrängt, dass sie deren vorgelagerten Außenposten erreicht hatten. Das Lager selbst war eine ungeordnete Ansammlung von Unterständen, die ein Sammelsurium aus Kisten und Werkbänken vor dem allnächtlichen Regen schützten. Die Feuer waren noch nicht entzündet worden, aber einige der Jäger waren bereits dabei, die Feuergruben mit Holz zu bestücken, während ein Großteil der Anderen hier waren vorrangig damit beschäftigt, die Vorräte und Waffen derjenigen zu verwalten, die an der Front für die Ausweitung ihres Einflussbereichs verantwortlich waren. Es herrschte helle Aufregung unter den Nea-Phi-Lim, denn sie hatten gerade erst von dem Angriff der Raubkatzen gehört. Sie waren davon ausgegangen, dass die Armee von ihrem Angriff absah, wenn sie nur genügend Verluste erlitten hatte, weswegen die Jäger an der Front erst sehr viel später Boten ausgesandt hatten, als klar wurde, dass dieser Angriff nicht ganz so leicht zu stoppen sein würde.

Als schließlich die letzte, improvisierte Verteidigungslinie von den Kriegern des Khans durchbrochen wurde, waren sie in keiner Weise auf einen Angriff auf dieses Lager vorbereitet gewesen. Die wenigen Jäger, die sich zu dieser Zeit im Lager aufgehalten hatten, waren eigentlich dort gewesen, um neue Munition zu fassen und ihre Waffen warten zu lassen. Man hatte sie hektisch zu einer Verteigungslinie geformt und der Armee entgegengestellt. Sie würden fast Augenblicklich überrannt.

Angeführt von Amelia stürmten die Raubkatzen in das Lager und verbreiteten Chaos unter den anwesenden Nea-Phi-Lim. Die Kreaturen waren den Tigern und Jaguaren im Nahkampf hoffnungslos unterlegen und jeder von ihnen, der sich einem der Krieger gegenüber sah, wurde gnadenlos niedergemacht.

Während ihre Krieger das Lager auseinander nahmen, stand Amelia in der Mitte des Lagers und versuchte, sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Sie brüllte Befehle und dirigierte ihre Truppen, als sie ihn sah: Der Nea-Phi-Lim umrundete gerade die Ecke eines der Umstände und hantierte an seiner Waffe herum. Es war die erste Gelegenheit für sie, einen von ihnen genauer zu betrachten und nicht einfach nur im Vorbeigehen niederzuschlagen. Es war in der Tat eine unglaublich hässliche Kreatur. Augenscheinlich nicht in der Lage sich vollständig aufzurichten, ging sie immer leicht nach vorn übergebeugt und wie Garras sie beschrieben hatte, besaß sie fast kein Fell und die Haut, die ihren Körper bedeckte, war blass und ledrig. Die lange, schmale Schnauze, die aus ihrem Gesicht ragte, war gefüllt mit krummen Zähnen und die kleinen Knopfaugen, die eher seitlich am Schädel saßen, schienen rot zu leuchten. Als der erste Schock über die schiere Hässlichkeit ihres Gegner verflogen war, hob Amelia ihr Schwert und griff mit einem Kampfschrei an. Der Nea-Phi-Lim wirbelte herum und hob seine Waffe gerade noch rechtzeitig, um ihren Schlag ablenken zu können. Ohne zu warten, holte die Tigerin zum nächsten Schlag aus, während ihr Gegner seine eigene Waffe wie eine Keule schwang und ihr etwas entgegen schrie, das sie nicht verstand. Ein weiteres Mal trafen die Waffen aufeinander und Teile der zerbrechlichen Klinge von Amelias Schwert spritzten davon. Die Wucht des Angriffs warf den Nea-Phi-Lim aus dem Gleichgewicht, was sie gnadenlos ausnutzte und ihm ihr Schwert in die Seite hieb.

Mit einer fast schon erschreckenden Genugtuung vernahm sie den Schmerzensschrei ihres Gegners, als die schartigen, gläsernen Klingen sich durch seine Eingeweide fraßen. Sie benutzte ihre brutale Kraft und riss ihr Schwert aus seinem Körper und schrie ihm ihren Hass ins Gesicht, bevor sie ihren Fuß auf seine Brust stellte und ihn zu Boden trat.

„Für den Khan …!“

rief sie und hob ihr Schwert für den coup de grâce. Ihr Gegner hielt sich seinen aufgerissenes Abdomen und schrie ihr irgendetwas entgegen, aber Amelia hörte schon nicht mehr zu. Sie ließ ihr Schwer mit aller Kraft auf seinen Kopf niederfahren und beendete sein Leiden.

Als sie danach umsah, tobte überall um sie herum der Kampf. Zorn und Rage pumpten durch ihre Venen und der Hass, der die Trauer um ihren gefallenen Vater konsumierte, trieb sie weiter an. Sie hob ihr Schwert und brüllte so laut sie nur konnte.

„Tötet sie alle, lasst keinen Entkommen! Für den Khan, für das Höhere Wohl!“

Noch während sie ihren Befehl hinaus brüllte, sah sie ihr nächstes Opfer und setzte ihm nach. Der Nea-Phi-Lim hatte hinter einem Stapel Brennholz Deckung gesucht und war gerade dabei, eine Art Stock aus dem Loch in seiner Waffe zu ziehen, als er sie auf sich zu sprinten sah. Er warf den Stock beiseite und schrie ihr etwas schrilles entgegen, aber die junge Tigerin ließ sich nicht beirren und sprang auf ihn zu.

Er schaffte es gerade noch, seine Waffe zu heben und auf sie zu richten, als ihr Schwer mit dem langen Schaft seiner Waffe kollidierte und sie zur Seite schlug. Er wich einen Schritt zurück und schleuderte ihr eine Mischung aus Kreischen und Knurren entgegen, die so voller Hass und Angst war, dass Amelia es fast schon verstand. Noch während ihr Gegner sein Gleichgewicht wieder erlangte, zerrte sie ihr Schwert erneut nach oben, um ihm einen weiteren Schlag zu verpassen, aber dann explodierte ihre Waffe in ihrer Hand und verteilte gefährlich scharfe Splitter überall um sie herum. Die Wucht des Aufpralls war so groß, dass es sie von den Füßen riss und sie hatte das Gefühl, als würde ihr Handgelenk brennen.

Im Eifer des Gefechts hatte sie nicht bemerkt, wie ein weiterer Nea-Phi-Lim sie ins Visier genommen hatte und es war purer Zufall, dass sie genau in diesem Moment ihre Waffe in die Schusslinie gehoben und damit ihr eigenes Leben gerettet hatte. Sie drehte sich auf alle Viere und schrie ihren Schmerz und ihre Wut über ihre Unachtsamkeit in den Boden, bevor sie ihren Kopf hob und ihren eigentlichen Gegner sah, wie er seine Waffe hob und auf sie zielte. Ihre Augen verengten sich und sie verbiss sich den Schmerz in ihrer Hand, während sie sich mit allen Vieren vom Boden hoch drückte und nach vorne sprang. Auch ohne Schwert war ein Tiger ein tödlicher Kontrahent, was der Nea-Phi-Lim schnell verstellte, denn Amelia schlug den Lauf seiner Waffe beiseite und streckte ihre andere Hand nach seiner Kehle aus. In diesem Moment löste sich der Schuß aus seiner Waffe. Der Knall direkt neben ihrem Ohr war so laut und die Druckwelle der Explosion so stark, dass sie ihr Ziel verfehlte und an dem Nea-Phi-Lim vorbei taumelte. Sie trug noch so viel Schwung mit sich, dass sie zwei Ausfallschritte brauchte, um sich wieder zu fangen, und nur ihren geschulten Reflexen war es zu verdanken, dass sie der nach ihr geschwungenen Waffe ausweichen konnte. Ihre Ohren klingelten noch immer und ihr war schwindelig, als sie sich zu ihrem Gegner umwandte. Die schiere Mordlust funkelte in ihren Augen und sie wich einem weiteren wuchtigen Schlag aus, bevor sie die Kreatur ihr gegenüber packte und zu sich heran riss. Noch ehe er irgendwie reagieren konnte, schlug sie ihre Reißzähne in seine Kehle und biss mit aller Kraft zu. Augenblicklich flutete der kupferige Geschmack des Blutes ihren Mund, bevor sie ihre überlegene Stärke nutzte und den Gegner von sich weg stieß. Sie wurde mit einer Blutdusche belohnt und der Nea-Phi-Lim stolperte ein paar Schritte zurück, während er sich verzweifelt mit beiden Händen das klaffende Loch in seiner Kehle zuhielt. Er versuchte noch etwas zu schreien, aber außer roten Blasen und ein ersticktes Gurgeln verließ nichts mehr seinen Schlund, dann brach er in sich zusammen.

Angewidert spuckte Amelia den Fleischfetzen auf den Boden und sah sich um. Überall um sie herum starben die Kreaturen und der Ausgang dieses Kampfes war bereits jetzt klar abzusehen, aber auch auf ihrer Seite nahmen die Verluste stetig zu. Sie würden nicht ewig auf diese Art und Weise weitermachen können. Sie hatte aber die Hoffnung auf Verstärkung durch die Pflanzenfresser oder auch die noch übrigen Jaguare noch immer nicht aufgegeben, gleichzeitig bemerkte sie jedoch auch, dass der Widerstand der Nea-Phi-Lim langsam aber sicher schwächer wurde. Das war eine positive Wendung, denn es hieß, sie gewannen die Oberhand, aber es hieß auch, sie durften jetzt nicht aufhören, sie mussten weiterkämpfen.

Sie leckte sich über die Lippen und erlaubte sich einen Moment der Rast, bevor sie sich den nächsten Gegner suchen würde. Auch wenn sie eine ausgezeichnete Ausdauer hatte, so merkte sie den Tag in ihren Muskeln und Knochen. Wenn dieser Kampf vorüber war, würde sie einen ganzen Tag in den Bädern verbringen und sie würde Emily dazu zwingen, ihr die Verkrampfungen aus den Muskeln zu massieren. Ihre Pause wurde allerdings von einem schrillen Schrei unterbrochen, der sie herumwirbeln und einem plumpen Angriff ausweichen ließ. Die Kreatur schlug seine Waffe so hart auf den Boden, dass sie in der Mitte zerbrach, bevor er sich wieder zu ihr umdrehte. Amelia erkannte die vielen kleinen Verletzungen, die der Nea-Phi-Lim bereits davongetragen hatte, als Verbrennungen und in manchen seiner Wunden steckten Holzsplitter. Er schwang den abgebrochenen Schaft seiner Waffe wie einen Streitkolben und ging noch einmal auf die junge Tigerin los. Als er sie vor Wut und Schmerz anschrie, flogen ihr Bluts- und Speicheltropfen entgegen und sie verzog angeekelt ihr Gesicht. Ihr Gegner war erstaunlich schnell, mit seiner deutlich kürzeren, leichteren Waffe und Amelia konnte seinen Angriff nicht mehr einfach mit ihrem Schwert parieren. Ihr war noch immer leicht schwindelig, was ihr das Ausweichen erschwerte, aber sie schaffte es, ihr Gegenüber ins Leere laufen zu lassen und schlug ihm ihre langen, scharfen Krallen in die Arme. Sie ließ ihm nicht die Zeit zu reagieren, sondern riss ihre Hände brutal nach unten und zerfetzte damit seine Unterarme. Seine zerrissenen Muskeln waren außerstande, seine Waffe weiter festzuhalten und ließen sie fallen. Noch ehe der Knüppel auf dem Boden aufschlug, stürzte sich Amelia auf ihn, rammte ihm ihre Klauen in den Unterleib und ihre Fänge in seinen Hals und riss ihn damit zu Boden.

Als sie sich wenig später wieder erhob, waren ihr Maul, große Teile ihres Gesichts, ihr Hals und ihr Decolltée mit dem Blut ihres Gegners besudelt. Sie atmete schwer und fuhr sich mit einer blutverschmierten Hand übers Gesicht, in der Hoffnung zumindest einen Teil des Blutes abwischen zu können, und als sie sich erneut umsah, war der Kampf im Lager so ziemlich zu Ende. Sie spuckte einen Mund voll Blut auf den Kadaver zu ihren Füßen und hob ihr Hand.

„Legion zu mir!“

rief sie laut und einer nach dem anderen kamen ihre Krieger zu ihr. Sie alle sahen angeschlagen aus, einige waren sichtlich Verletzt, bei anderen war sie sich nicht sicher, wessen Blut an ihrem Fell klebte. Die Rüstungen waren zerschlissen und ihre Waffen zerbrochen. Alle waren erschöpft, und unter normalen Umständen hätte sie den Angriff jetzt beendet um ihren Truppen die Erholung zu ermöglichen die sie sich nicht nur verdient sondern auch bitter nötig hatten, aber dies waren keine normalen Umstände, und wenn sie jetzt den Angriff abbrach, würden sie den Nea-Phi-Lim die Chance geben sich zu erholen.

Sie sah in die Augen ihrer Krieger, sah den Schmerz über die Verluste, über den Tod ihres Vaters, von Brüdern, Schwestern und Freunden, sie sah den Hass und den Zorn auf einen Gegner, der noch immer zu feige war sich einem echten Kampf zu stellen.

Sie nickte sanft, ihr ging es genauso.

„Ich weiß ihr alle seid erschöpft, und ihr habt mehr als tapfer gekämpft, aber wir dürfen jetzt nicht nachlassen. Der Feind ist noch immer da draußen, ist noch immer nicht besiegt. Solange diese Kreaturen sich noch in diesem Dschungel herumtreiben, wird es keinen Frieden geben, nicht für uns, nicht für die Pflanzenfresser, aber auch nicht für sie! Mobilisiert noch einmal eure Kräfte und folgt mir! Wir werden …“

Weiter kam sie nicht. Sie hörte den Schuss nicht einmal, aber sie spürte die Wucht des Aufpralls, als das Geschoss ihre Schulter durchschlug und sie von den Füßen riss. Als sie hart neben ihrem letzten Gegner auf dem Boden aufschlug, bemerkte sie, dass ihr Gehör noch immer nicht wieder richtig funktionierte, denn alles hörte sich so dumpf an.

Sie wollte schreien, vor Schmerz, vor Wut, aber sie konnte nicht. Der Schmerz nahm ihr den Atem und die Fähigkeit, klar zu denken. Wie durch einen Schleier sah sie, wie ihre Krieger in einen Richtung deuteten und ihre Schreie kamen ihr seltsam gedämpft vor, wie als würde ihr jemand die Ohren zuhalten, dann stürmten die Krieger davon. Sie wollte ihnen zurufen, dass sie auf sie warten sollten, sie mitnehmen, aber noch immer wollte ihre Zunge ihr nicht gehorchen. Für einen kurzen Moment, hörte sie nur das hektische Hämmern ihres Herzens, bevor ein weiterer Krieger in ihrem Sichtfeld erschien. Sie erkannte ihn erst nicht, aber er schien sehr besorgt zu sein und er schrie etwas. Etwas, das sie nicht verstand. Er beugte sich zu ihr herunter und erst jetzt erkannte sie Garra in ihm.

Bei den Ahnen sah er schrecklich aus. Einmal mehr war er über und über mit kleinen Wunden und Kratzern bedeckt und sein ganzer Körper schien mit Blut besudelt zu sein. Amelia versuchte, ihren Arm zu heben, ihn zu beruhigen, aber die Gliedmaße gehorchte ihr nicht. Wieder schrie Garra und sah über sie hinweg zu jemandem oder etwas, das sie nicht sehen konnte. Jetzt spürte sie, wie es unter ihrem Kopf und ihrem Rücken warm wurde. Sie blutete. Sie blutete sehr stark. Sie sollte etwas gegen diese Blutung unternehmen oder es würde kritisch werden, aber irgendwie konnte sie sich nicht dazu bewegen … und irgendwie … war es auch egal.

Wenigstens ließen diese schlimmen Schmerzen langsam etwas nach, dafür begannen helle Lichter vor ihren Augen zu tanzen. Auf eine seltsam verstörende Art war es wunderschön, aber gleichzeitig schrie etwas in ihr, dass sie sich jetzt nicht unterkriegen lassen durfte, sie musste durchhalten, sie musste kämpfen, für ihren Vater, für das Höhere Wohl, für … für Emily … aber irgendwie hatte sie keine Lust dazu. Hatte sie für Heute nicht schon genug gekämpft?

Ein anderer Tiger kam in Sicht und auch er sah sehr besorgt aus. Er fing an hektisch irgendwelche Dinge zu tun. Sie wurde bewegt. Er tat weh. Warum taten sie ihr weh? Sie war froh gewesen, dass die Schmerzen nachgelassen hatten. Garra sprach mit dem Tiger, aber sie verstand nicht, was er zu ihm sagte, nur dass er sehr, sehr aufgeregt war. Ihre Augenlieder wurden langsam schwerer und das Atmen fiel ihr mit jedem Atemzug schwerer. Sie war so müde, so unendlich müde. Amelia versuchte zu lächeln und hob ihre andere Hand, Garra ergriff und drückte sie. Er sah sie an, wirkte völlig verstört und redete und redete … Sie konnte ihn nicht verstehen, es war alles so gedämpft … das einzige, was sie hörte, war das Pochen in ihren Ohren …

Der Jaguar, der über ihr kauerte, schien verzweifelt. Sie wollte ihm sagen, dass sie ihm nicht böse war, dass er ihr ihre Schwester weggenommen hatte. Die einzige Person, die sie je wirklich geliebt hatte. Wollte sagen, dass er sich keine Sorgen machen sollte, dass sie ihnen nicht im Weg stehen würde, aber alles wurde so schwer.

Und dann wurde es dunkel …

Und dann wurde es still …

Alles was sie jetzt noch wahrnahm, war das entfernte Pochen ihres Herzens, das irgendwie immer langsamer und leiser wurde.

„Verdammt nochmal! Sie atmet nicht mehr. Tu etwas!“

schrie Garra, aber der Sanitäter, der ihm gegenüber kauerte, schüttelte nur den Kopf.

„Sie verliert zu viel Blut … ich … ich kann nichts tun … die Wunde ist zu tief …“

stammelte der Tiger während er verzweifelt versuchte, die Blutung zu stoppen, aber als er schließlich feststellte, dass kein Blut mehr floss, tastete er nach ihrem Puls. Seufzend ließ er sich zurück auf seine Fersen sinken und legte seine blutigen Hände in den Schoß. Garra, der noch immer Amelias Hand umklammerte, sah ihn erst fragend, dann regelrecht flehend an.

„Es ist zu spät … die Königin ist tot, lang lebe die Königin …“

flüsterte der Sanitäter und ließ seinen Kopf hängen, woraufhin Garras Kiefer sich verkrampfte und langsam legte er die Hand der jungen Tigerin auf ihrer Brust ab, atmete tief durch und erhob sich. Er bebte vor Wut und hatte sich nur noch knapp unter Kontrolle, während er sich umsah, und ein wildes, primitives Knurren entkam seiner Kehler, als er einen Nea-Phi-Lim sah, der noch nicht ganz tot zu sein schien.

Der Jaguar wandte sich ab und stampfte langsam auf den keuchenden, sich windenden Jäger zu, und als er über ihm stand, war kein Mitgefühl, keine Gnade mehr in seinen Augen. Sein Brüllen war ebenso erfüllt von Wut wie von Schmerz, als er sich schließlich auf die Kreatur stürzte und damit begann, sie völlig zu zerfetzen. Es war ein grausamer, langsamer Prozess, als Garra all seine Wut an einem Gegner ausließ, der im Grunde genommen schon tot war.

Der Sanitäter sah ihm zu und schüttelte den Kopf. Er hatte nicht direkt vor, den Jaguar davon abzuhalten seinen Emotionen nachzugehen, fand aber, dass die Energie und Wut bei anderen Gegnern vielleicht einen größeren Nutzen gehabt hätte.

Erst nachdem er seinen Blutdurst vollständig gestillt hatte, richtete sich Garra wieder auf. Er bot ein grauenhaftes Bild. Sein Fell war vollständig mit Blut verklebt und die Reste seiner Rüstung hingen in Fetzen von seinem Körper, während seine Augen einen wilden, fast manischen Ausdruck hatten. Blut triefte aus seinem Maul, während er sich zum Sanitäter umdrehte.

„Du wirst dafür sorgen, dass niemand ihren Körper schändet.“

Es war ein Befehl, keine Bitte, unterstrichen mit einem Knurren, das den Boden vibrieren ließ. Der Tiger nickte langsam und sah zu, wie sich Garra wieder der wilden Jagd anschloss, die bereits wieder im Dschungel verschwunden war, um auch noch die letzten der Nea-Phi-Lim aus dieser grünen Hölle zu vertreiben.

Als schließlich die Nacht über den Dschungel hereinbrach, verlangsamte sich die Verfolgung der Nea-Phi-Lim. Auch wenn die Raubkatzen eine ausgezeichnete Nachtsicht hatten, so war es dennoch nicht einfach einen Feind durch die Nacht zu verfolgen, der in unregelmäßigen abständen seine Waffen abfeuerte und sie mit dem Lichtblitz blendete, der damit einherging. Nichtsdestotrotz hielten die Krieger des Khans den Druck auf die Kreaturen aufrecht und trieben sie vor sich her.

Ihr Widerstand schien jedoch gebrochen zu sein und sie zogen sich viel ungeordneter zurück als zuvor. Offenbar hatten die Nea-Phi-Lim niemals zuvor mit einer solch geballten Gegenwehr zu kämpfen, die trotz hoher Verluste die Verfolgung nicht abbrach, sondern sie im Gegenteil sogar noch intensiver zu bekämpfen schien. Was zuvor ein noch immer recht geordneter, gestaffelter Rückzug gewesen war, war seitdem sie den Außenposten überrannt hatten, eine heillose Flucht, bei der es sogar vorkam, dass sich die Jäger gegenseitig über den Haufen schossen.

Garra, der die Armee wieder eingeholt hatte, führte sie nun an, und auch wenn man ihn in der Dunkelheit zwischen den Bäumen nicht wirklich sehen konnte, so konnte man ihn hören, wie er ständig Befehle brüllte und seine Kumpanen weiter antrieb. Niemand zweifelte an seiner Autorität, nicht nur weil er der Schwiegersohn des Khans war, sondern weil er aussah wie die Personifizierung des leibhaftigen Todes, aber auch die anderen Krieger der Armee sahen nicht viel besser aus. Seit einiger Zeit trug kaum noch einer von ihnen eine Waffe und auch die Reste der zerfetzten Rüstungen waren schon lange abgeworfen worden. Es machte sie schneller, wendiger, kostete weniger Kraft und Ausdauer, als mit den teils sehr schweren Utensilien zu laufen, zumal sie festgestellt hatten, dass die Rüstungen wenig bis gar keinen Schutz vor den Waffen der Nea-Phi-Lim boten. Das bedeutete allerdings auch, dass sie ihre Gegner mit bloßen Händen, Krallen und Zähnen töten mussten. Dementsprechend waren sie alle über und über mit dem Blut ihrer Widersacher besudelt.

In einem Versuch die Deckung der dichten Bäume auch in der Nacht zu nutzen sprangen die Raubkatzen zwischen den mächtigen Stämmen der Urwaltdgiganten hin und her, während sie vor sich nach den verdächtigen roten Augen der Nea-Phi-Lim ausschau hielten, deren Gegenfeuer im Laufe der Nacht immer sporadischer wurde. Garra ging davon aus, dass es sie zu viel Zeit kostete, ihre Waffen für den nächsten Angriff bereit zu machen, und dass sie in der Dunkelheit Schwierigkeiten damit hätten, die einzelnen Handgriffe zu tätigen.

Die Realität war viel einfacher, den Jägern ging die Munition aus und sie wussten, dass sie ihre Waffen nicht beliebig oft hintereinander verwenden konnten, ohne dass es zu katastrophalen Unfällen kam. Die wenigen Geschosse, die sie noch abfeuern konnten, wollten wohl gezielt sein.

Die ganze Nacht hindurch war der Dschungel erfüllt mit dem Brüllen der Raubkatzen, den Donnerschlägen der Nea-Phi-Lim-Waffen und ihren schrillen Schreien, wann immer die Krieger des Khans einen von ihnen erwischten. Anders als bisher gaben sich die Raubkatzen nicht mehr damit zufrieden, ihre Gegner einfach zu töten, sondern massakrierten sie regelrecht. Jeder einzelne von ihnen wurde regelrecht in Stücke gerissen und einiges von ihnen wurde noch während des Kampfes konsumiert. Es war mehr psychologische Kriegsführung als Notwendigkeit, aber Garra erinnerte seine Krieger nur allzu gerne, was die Nea-Phi-Lim ihnen bereits alles genommen hatten und spornte sie an, sie gebührend bei ihnen zu revanchieren.

Als der Morgen zu grauen begann, wurde der Dschungel um sie herum lichter und die Bäume standen weniger eng. Dies bedeutete weniger Deckung, aber auch bessere Sicht. Garra wusste, dass sie sich langsam aber sicher der Grenze dessen näherten, bis wohin sie die Kreaturen verfolgen konnten. Ein letzter Spurt, ein letztes ihrer bereits erschöpften Reserven und sie würden es vollbracht haben, aber er war sich nicht wirklich sicher, ob sie es schaffen würden.

Die Nacht war gekommen und mit ihr unvorstellbare Gräueltaten, und sie war wieder gegangen. Geblieben waren zerschundene Leichname und Krieger, die den Toten ähnlicher waren als den Lebenden.

Nach einem ganzen Tag des Rennens, des Mordens und Schlachtens, ohne Pause und ohne Unterlass, waren die Krieger des Khans über jede sinnvolle Grenze hinweg erschöpft. Die Armee, oder das, was noch davon übrig war, etwas mehr als fünf Dutzend Krieger, die noch in der Lage waren zu kämpfen, hatten die Nea-Phi-Lim, in einer ununbrochenen Verfolgungsjagd, bis an den Rand des Dschungels gedrängt. Wie viel weiter sie sie allerdings noch treiben konnten, wusste Garra nicht. Er war sich ziemlich sicher, dass sie keine weitere richtige Verteidigungslinie mehr durchbrechen konnten, ihnen fehlten einfach die Krieger. Am vorherigen Tag waren sie mit über 300 Raubkatzen in die Schlacht gezogen und nun waren nur noch wenige davon übrig. Nicht alle waren gefallen, aber viele waren zu verletzt gewesen, um den Kampf fortzusetzen. Sie hatten sie bei den Gefallenen zurückgelassen, sie würden sicherstellen, dass diese nicht geschändet wurden, während die Streitmacht weiterzog.

Wie viele Gefallene die Nea-Phi-Lim bereits zu beklagen hatten, war schwer abzuschätzen, aber Garra hoffte inständig, dass deren Verluste höher, gewaltiger und vernichtender waren als ihre. Das fast vollständige Fehlen jeglicher Gegenwehr war ein Grund zur Hoffnung.

Seit den frühen Morgenstunden, hatten diese Kreaturen ihre Gegenwehr praktisch ganz eingestellt und waren einfach nur noch geflohen. Es hatte ihre Moral noch einmal verstärkt und ihm geholfen, seine Krieger für den letzten Kampf zu motivieren. Während ihre eigenen Verluste seitdem fast auf Null gesunken waren, hatten sie die Nea-Phi-Lim ungehindert jagen und zur Strecke bringen können.

Mit der Zeit hatte sich das Gelände um sie herum verändert, erst nur leicht und unmerklich, aber dann immer mehr. Am Anfang begann das Terrain einfach leicht anzusteigen, nichts besonderes in einem Dschungel, überall gab es Hügel und Täler, aber dieser Hügel hörte gar nicht mehr auf. Später wurde die Vegetation lichter, die Bäume verteilten sich mehr und mehr, gaben mehr Platz am Boden preis, für Sträucher und kleine Freiflächen. Schließlich kamen die ersten größeren Findlinge, große Steinbrocken, die irgendwann einmal von den Bergen ins Tal gestürzt waren und nun dort lagen und hervorragende Deckung boten.

Seit einer Weile nun bewegten sie sich zwischen großen Felsen und die Bäume waren fast vollständig in den Hintergrund gerückt, der Boden war steinig und wurde immer steiler. Sie würden die Verfolgung bald einstellen müssen. Zu weit von jeglicher Unterstützung entfernt und zu erschöpft, um noch weiter kämpfen zu können. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie sich einem Hinterhalt gegenüber sahen, oder die Nea-Phi-Lim ihnen in die Flanke fielen, und Garra ging davon aus, dass sie sich nun doch schon sehr viel näher an weiteren Lagern dieser Kreaturen befanden, und dass diese ihre Jäger unterstützen würden.

Während sie zwischen den großen Steinen und den wenigen Bäumen, die ihren Weg noch säumten, hin und her rannten, immer darauf bedacht, die Schusslinien der Nea-Phi-Lim nur für einen Wimpernschlag zu kreuzen, sah sich Garra um. Die wenigen Krieger, die ihm noch zur Verfügung standen, waren auf eine viel zu breite Front verteilt, aber er konnte sie auch nicht enger zusammen ziehen, sonst wäre ihre Flanke ungeschützt. In seine Gedanken vertieft wurde er unvorsichtig, bemerkte es aber erst, als eines der Geschosse ihrer Feinde nur knapp neben Ihm von einem der Felsen abprallte. Der laute Knall und Schauer an kleinen Gesteinssplittern holten ihn jedoch schnell wieder in die Wirklichkeit zurück und er suchte hinter dem Felsen Schutz. Der erste Donnerhall war noch nicht ganz verklungen, da folgte bereits der nächste Knall und einer seiner Krieger ging schreiend zu Boden.

„Sucht Deckung!“

brüllte Garra, unwillig, auch nur einen weiteren Tiger oder Jaguar zu verlieren, während die Anderen seinem Befehl nachkamen und im Schatten der Felsen Deckung suchten. Weitere Schüsse fielen und schlugen an den Kanten der großen Steine und in die Bäume ringsherum ein.

„Diese Bastarde! Wir müssen ganz nah an ihrem Lager sein.“

keuchte ein Tiger, der ganz in Garras Nähe einen Stein gefunden hatte, hinter dem er kauerte. Der Jaguar konnte ihm nur zustimmen. Nachdem sie viel zu lange ungehindert vorrücken konnten, hatten diese kleinen Biester hier eine weitere Verteidigungslinie gezogen und die hohe Kadenz, mit der Schüsse fielen, ließ darauf schließen, dass es zu viele waren, um einen Vorstoß zu wagen.

„Nun, ich denke, wir sind am Ende unserer Jagd angekommen.“

gab Garra schließlich zurück, während er überlegte, ob er es wagen wollte, über den Stein zu spähen. Der Tiger hinter dem anderen Felsen nickte grimmig, sie würden nicht weiter vorrücken können, nicht ohne alles zu verlieren.

Der Angriff kam zu einem absoluten Stillstand. An ein weiteres Vorrücken war nicht zu denken, zumindest nicht, so lange die Nea-Phi-Lim in der Lage waren, ihr Sperrfeuer weiter aufrechtzuerhalten, und Garra ging davon aus, dass ihnen das sehr wohl bewusst war. Gleichzeitig war ein Rückzug ebenso unmöglich, da die Nea-Phi-Lim den Spieß dann wahrscheinlich einfach umdrehen und den Raubkatzen in den Rücken fallen würden. Sie waren festgenagelt.

Noch waren sie vorsichtig, blieben in ihrer Deckung und feuerten aus der Ferne, um sie in die Deckung zu zwingen. Sie rückten noch nicht weiter vor oder versuchten sie zu flankieren, aber sobald sie merken würden, dass sie die Armee erfolgreich niederhalten konnten, würde sich das recht schnell sehr zu ihren Ungunsten ändern. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie sie überrennen würden.

Garra lehnte sich gegen den Felsen und sah sich um. Keiner der anderen Krieger sah unversehrt aus, sie alle würden die Spuren der letzten vierundzwanzig Stunden für den Rest ihres Lebens mit sich tragen. Manche mehr, manche weniger. Es war nur die Frage, wie lange dieser Rest noch sein würde. Wenn sie keine Hilfe bekamen, vielleicht noch Stunden…

Er legte seinen Kopf gegen den kühlen Stein und genoss die entspannende Kälte für einen Moment. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie erschöpft er wirklich war. Die Vielzahl seiner kleinen Wunden, die Strapazen des vergangenen Tages, der Stress und der Verlust, all das hatte seine Spuren bei ihm hinterlassen, und jetzt, da er sich einen Moment der Ruhe gönnte, machte es sich schließlich bemerkbar. Seine Arme und Beine waren schwer wie Blei und sein Rücken würde ihm noch die nächsten Tage heimzahlen, was er ihm zugemutet hatte. Er war müde, unendlich müde, aber er wusste, dass, wenn er sich jetzt erlaubte, einzuschlafen, dann würde er wahrscheinlich nicht wieder erwachen. Er sah hinüber zu dem Tiger, der hinter dem nächsten Felsen kauerte und sah dieselbe Müdigkeit, dieselben Schmerzen und Hoffnungslosigkeit und bezweifelte ehrlich, dass er seine Krieger noch ein letztes Mal motivieren konnte.

Er fluchte leise in sich hinein und drehte sich langsam um. Sein Blick wanderte den Pfad hinunter, den sie durch den Dschungel geschlagen hatten, um hierher zu gelangen. Wenn sie sich jetzt zurückzogen, würden sie, mehr oder weniger, ohne Deckung dem Feuer ihrer Gegner wehrlos ausgeliefert sein.

„Gefangen …“

murmelte er und schloss seine Augen, bevor er langsam den Felsen herunterrutschte. Einen Moment der Stille, nur einen Moment … er musste nachdenken.

Erst jetzt bemerkte er, dass die Erde unter ihm zu beben schien. Er maß dem erst keine besondere Bedeutung bei, auch einem Berg, auf dem gelegentlich Gerölllawinen abgingen, bebte die Erde nunmal von Zeit zu Zeit. Es war zuerst ein ganz zartes, fast unmerkliches Zittern gewesen, aber nun wurde es doch schnell stärker. Garra öffnete seine Augen wieder und sah sich um. Er wollte nicht die Schlacht überleben, nur um dann von einer Gerölllawine erschlagen zu werden.

Er konnte allerdings nichts sehen, was auf das Herannahen eines solchen Steinschlags hinwies, stattdessen sah er den Tiger, der ihn mit demselben verwirrten Blick ansah.

„Was ist hier los?“

rief er hinüber, aber der Krieger zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf, woraufhin Garra sich umdrehte, um über den Rand des Felsens, hinter dem er saß, zu spähen. Vorsichtig sah er sich um, aber auch auf der den Nea-Phi-Lim zugewandten Seite war nichts zu sehen.

„Was zum …?“

flüsterte er.

Der Jaguar hatte seinen Gedanken noch nicht beendet, da brachten die Krieger der Wasserbüffel mit einer solchen Wucht durch das Dickicht des Dschungels, dass selbst die großen Felsen ihrem Ansturm nicht standhielten. Ihr Gebrüll glich den Fanfaren aus Legenden, während sie ohne auch nur einmal ihr Tempo zu verlangsamen an den Raubkatzen vorbei an die Front stürmten.

Die Nea-Phi-Lim eröffneten das Feuer, aber die gewaltigen Krieger ignorierten das tödliche Schrapnell einfach und preschten weiter vor. Als die ersten Büffel schließlich im Kugelhagel fielen, brüllten die Übrigen den Gegnern ihren Hass entgegen und brandeten wie eine Welle brutaler Gewalt über deren erste Verteidigungslinie hinweg.

Die Nea-Phi-Lim hatten keine Chance, und während die ersten unten den Hufen der Wasserbüffel zerquetscht wurden, erwartete die anderen, die hinter der Linie warteten, ein Schicksal, das nicht besser war. Ihre Schreie gingen im allgemeinen Getöse unter, als die Pflanzenfresser ihre Wut an ihnen entluden.

Weiter hinten folgten die kleineren Rassen der ersten Welle, die sich um die wenigen Kreaturen kümmerten, die den ersten Ansturm der Büffel irgendwie überlebt hatten. Auch sie ließen keinen von ihnen am Leben, wobei sie ihnen wenigstens so viel Gnade erwiesen, dass sie sie schnell töteten.

Als die Krieger an ihnen vorbeigezogen waren, blieben einige der Pflanzenfresser zurück und verteilten sich, um sich um die verletzten Raubkatzen zu kümmern. Sie brachten Schläuche mit Wasser und Verbandsmaterial. Die Situation war bizarr, als genau jene Pflanzenfresser den Jaguaren zu Hilfe kamen, die sie ihr Leben lang gejagt hatten, aber die Krieger des Kahns nahmen die angebotene Hilfe gerne an.

Währenddessen sah Garra zu, wie die Wasserbüffel eine breite Schneise der Verwüstung durch die Reihen der Nea-Phi-Lim schlugen. Er sah zu, wie die Kreaturen durch die Luft oder gegen die Felsen geschleudert wurden, während die Stampede sich brüllend weiter den Hang hinauf wälzte. Zufrieden und erschöpft ließ er sich schließlich wieder den Felsen hinuntergleiten und lehnte seinen Kopf an den kalten Stein. Er fühlte sich auf einmal so schwer. Müde hob er seine Arme und betrachtete all die kleinen Wunden, die mittlerweile auch schon aufgehört hatten zu bluten, und all das andere Blut, das er im Laufe der letzten vierundzwanzig Stunden angesammelt hatte. Einiges war bereits getrocknet und verwandelte seine eigentlich feines Fell langsam in einen rotbraunen Panzer, der mit der Zeit seine Bewegungsfreiheit nur noch mehr einschränken würde.

„Wasser … ich brauche Wasser, um das abzuwaschen … zumindest ein bisschen …“

murmelte er mehr zu sich selbst als zu irgendwem sonst. Er würde einen Bach oder einen Tümpel suchen müssen, sobald er sich dazu motivieren konnte.

Motivation … gutes Stichwort.

Er war sich nicht sicher, ob er sich in naher Zukunft zu irgendwas motivieren konnte. Er ließ seine Arme sinken und legte den Kopf zurück an den Felsen, während sein Blick gen Himmel wanderte. Er atmete tief durch und schloss die Augen … in diesem Moment sah er ihr Gesicht vor sich, wie sie einsam und allein im Tempel stand.

„Emily …!“

keuchte er und riss die Augen auf, aber es war nicht die junge Tigerin, die vor ihm stand, es war ein ebenfalls junges Okapi, das ihn erschrocken ansah. Es dauerte einen Augenblick, bis er realisierte, wer vor ihm stand und sich seine Gesichtszüge entspannten. Die Augen der jungen Pflanzenfresserin zuckten entsetzt hin und her, während sie seinen desolaten Zustand in sich aufnahm. Garra lächelte sanft, er konnte sich nur zu gut vorstellen, wie sehr sie das ganze Massaker verstörte, dass sie im Dschungel angerichtet hatten, von seinem Anblick mal ganz abgesehen.

„Es sieht schlimmer aus, als es ist …“

flüsterte er und riss sie aus ihrer Trance. Sie schüttelte sich reflexartig und sah ihn völlig entsetzt an. Für einen winzigen Augenblick passierte nichts, sie schien zu sehr erschrocken zu sein, bis Garra vorsichtig seine Hand hob und auf den Wasserschlauch deutete.

„… darf ich …?“

fragte er und endlich ging ein Ruck durch das junge Okapi und sie nickte eifrig, während sie die verschiedenen Trageriemen über ihrer Schulter sortierte und ihm dann einen der Wasserschläuche reichte.

„A … aber natürlich, entschuldige … es ist nur … hmmm …“

stammelte sie und sah verlegen zu Boden, während Garra den Schlauch dankbar annahm, öffnete und einen Schluck nahm. Er schluckte ihn jedoch nicht, sondern spülte erst einmal seinen Mund und spuckte die rosarote Flüssigkeit neben sich.

„Ist schon gut … dein Zögern ist verständlich … Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dieser Anblick ein junges Mädchen schockiert.“

sagte er leise und wohlwollend, bevor er einen weiteren Schluck nahm und dieses Mal trank er ihn auch gierig. Die junge Pflanzenfresserin hob ihren Kopf wieder und sah ihn interessiert an.

„Wie … wie viele habt ihr verloren?“

fragte sie schließlich vorsichtig, man konnte sehen wie schwer es ihr noch immer viel mit einem Raubtier zu sprechen, nachdem sie ihr ganzen Leben lang gelernt hatte, dass alle Fleischfresser gewissenlose Bestien waren. Garra zuckte leicht mit den Schultern und sah sich leicht um. Er konnte es nicht wirklich genau sagen, aber von den über 300 Raubkatzen, mit denen sie ins Feld gezogen waren, waren nur noch etwa fünfzig bei ihm, der Rest war entweder tot oder so stark verletzt, dass sie irgendwo auf dem Weg zurückgelassen worden waren. Seine Augen wanderten zurück zu ihren und er seufzte.

„Als wir gestern Morgen in die Schlacht gezogen sind, waren wir fast 350 Tiger und Jaguare … sieh dich um und sag mir, wie viele noch hier versammelt sind.“

forderte er sie auf, aber es lag keinerlei Anklage in seiner Stimme, nur Erschöpfung und Trauer. Er konnte sehen, wie die Erkenntnis langsam aber sicher bei ihr ankam, während sie eine grobe Bestandsaufnahme der wenigen Raubkatzen machte, die sie und ihre Artgenossen gerade verarzteten. Sie schnappte nach Luft, während sie nach den Worten suchte, die ihre Betroffenheit ausdrücken konnten. Natürlich war Garra ein Fressfeind, natürlich hatten er und Seinesgleichen sie vor ein paar tagen noch gejagt und aller Wahrscheinlichkeit nach würden sie das nach diesem Tag auch wieder tun, aber allein die Tatsache, dass sie ihr Leben gegeben hatten um nicht nur ihr eigenes, sondern auch ihres vor diesen Monstern zu retten, ließ sie all ihre Vorurteile überdenken.

Garra lächelte sie weiterhin müde an.

„Es ist in Ordnung … es ist der Preis, den wir zahlen, damit wir leben können.“

flüsterte er und nickte sanft. Auch die Pflanzenfresser würden nicht ungeschoren aus diesem Konflikt hervorgehen, dessen war er sich sicher. Sie presste die Lippen zusammen und kniete neben ihm nieder, bevor sie damit begann, allerlei Verbände aus ihrem Beutel zu graben. Er sah ihr einen Moment lang zu und schüttelte dann den Kopf.

„Das … wird nicht nötig sein, die meisten Wunden haben schon aufgehört zu bluten. Ich sollte nur zusehen, dass ich das Blut abwasche, bevor es ganz eingetrocknet ist.“

erklärte er und nahm noch einen Schluck aus dem Wasserschlauch, bevor er ihn schließlich schloss und wieder an sie zurück reichte.

„Was hat euch so lange aufgehalten?“

fragte er und schloss die schweren Augenlider, nachdem sie ihm den Schlauch wieder abgenommen hatte. Vorsichtig öffnete sie das Behältnis und ließ das Wasser über seinen Arm laufen, in einem Versuch zumindest Teile des Blutes abzuwaschen, was ihr ein wenig Zeit zum Überlegen gab. Sie war unglaublich vorsichtig dabei, da sie ihm nicht unnötig wehtun wollte. Sie ließ sich Zeit und legte sich ihre Antwort gut zurecht, bevor sie ihn wieder ansah.

„Nun, wenn ich ganz ehrlich bin, waren die Ältesten vehement gegen diesen Kampf. Ihrer Ansicht nach sollten wir die Raubtiere sich gegenseitig die Köpfe einschlagen lassen und danach sehen, was noch zu tun ist. Die Jüngeren unter uns haben dann beschlossen, uns entgegen der Anweisung der Alten doch in den Kampf einzumischen, weil es nicht fair ist, euch die ganze Last alleine tragen zu lassen. Schließlich sind diese Viecher ein gemeinsamer Feind, der uns alle bedroht. Sie hätten nicht halt gemacht, nachdem alle Fleischfresser getötet haben, oder?“

erklärte sie leise, während sie Garras ersten Arm fertig wusch. Er schüttelte sanft den Kopf.

„Sie haben bereits bewiesen, dass es ihnen egal ist, wen sie töten, warum sollten sie aufhören, wenn ihre gefährlichste Beute nicht mehr existiert. Wahrscheinlich wären sie noch dreister geworden.“

flüsterte er, während sie auf seine andere Seite rutschte und mit diesem Arm fortfuhr.

„Politik war schon immer ein schwieriges Thema. Nicht immer treffen unsere Ältesten Entscheidungen, die wir auch nachvollziehen können. Manchmal haben sie Informationen, die wir nicht haben, manchmal haben sie Erfahrungen, die uns fehlen, manchmal haben sie einfach Angst. Ich kann eure Ältesten irgendwo schon verstehen, aber ich bin euch dennoch dankbar, dass ihr uns zur Hilfe gekommen seid. Wir hätten diese Schlacht nicht mehr gewinnen können, sie hätten uns am Ende alle getötet.“

fuhr Garra müde fort und ergriff sanft ihre Hand, als sie seine wusch. Mit einem scheuen Lächeln legte sie ihre zweite auf seine.

„Nur weil wir natürliche Feinde sind, heißt das nicht, dass wir nicht auch zusammenarbeiten können.“

antwortete das junge Okapi leise und drückte seine Hand, woraufhin Garra seine Augen wieder öffnete und sie interessiert ansah. Ihr Lächeln verbreiterte sich ein wenig und sie nickte.

„Als vor einigen Wochen die Delegation der Okapis aus dem Tigerreich kam, um mit uns über die Bedrohung durch die Nea-Phi-Lim, wie ihr sie jetzt nennt, zu sprechen, hatte ich die Gelegenheit, mit einigen von ihnen zu reden. Als ich sie fragte, wie sie es schafften mit Raubtieren, mit Tigern in Koexistenz zu leben, erklärten sie mir, wie ihr Vertrag mit den Fleischfressern funktionierte. Ich muss zugeben, dass ich zuerst schockiert war, als sie mir sagten, dass sie freiwillig regelmäßig Mitglieder ihrer Gemeinschaft in den Tod schicken, und dass sie das als eine völlig normale und positive Sache ansehen. Aber je länger ich Zeit hatte, darüber nachzudenken, desto mehr habe ich erkannt, dass sie vielleicht nicht unrecht haben.“

erklärte sie leise und die Scham über ihre Einsicht war deutlich in ihrer Stimme zu hören. Garra nickte leicht und sie sah sich ein weiteres Mal um.

„Wenn ich sehe, wie viel Tod und wie viel Leid allein wir heute über den Dschungel gebracht haben, ganz zu schweigen von der Zerstörung durch diese … diese Bestien … möchte ich der Lebensweise im Reich der Tiger eine Chance geben.“

flüsterte sie fast tonlos, es war fast so, als wäre es ihr peinlich, dies zuzugeben, aber Garra nickte und drückte ihre Hand erneut.

„Ich denke, wir wären alle dafür. Ich habe gesehen, wie die Tiger leben und wie friedlich es dort ist, aber ich glaube nicht, dass die Ältesten für eine solche Veränderung bereit sind.“

erwiderte Garra leise, aber er lächelte leicht als er hinzufügte:

„Noch nicht. Warte den heutigen Tag ab … und sieh was passiert …“

flüsterte er und schloss wieder seine Augen.

Er war so unendlich müde.

Erst als der Staub sich langsam legte, nachdem die Miliz der Wasserbüffel mit Hilfe einiger anderer Rassen die Nea-Phi-Lim bis weit über die Grenzen ihres Territoriums hinaus verfolgt hatten, wurde das ganze, schreckliche Ausmaß dieses kurzen, aber äußerst heftigen Schlagabtauschs deutlich.

Nicht nur hatten die Armee des Khan und später die Miliz der Pflanzenfresser eine Schneise der Verwüstung durch den Dschungel gezogen und unzählige dieser Kreaturen getötet, sonder auch sie hatten Verluste erlitten. Von den ehemals über 300 Tigern und Jaguaren waren am Ende fast zwei Drittel gefallen und von den Überlebenden würden viele für den Rest ihres Lebens die Narben und Traumata dieser Schlacht tragen. Keiner von ihnen war wirklich ungeschoren davon gekommen und selbst diejenigen, deren Wunden alsbald verheilen würden, würden diese Schlacht in ihren Albträumen wieder und wieder schlagen.

Auf der Seite der Pflanzenfresser gab es zwar insgesamt weniger Verluste zu beklagen, aber auch unter ihnen waren viele Krieger, die schreckliche Verletzungen davongetragen hatten und deren Heilung lange Zeit in Anspruch nehmen würde.

Keiner von ihnen, weder die Fleischfresser, noch die Pflanzenfresser, hatten seit dem großen Krieg je eine vergleichbare Schlacht geschlagen, deren Ergebnis einen solchen Einfluss auf die Zukunft ihrer aller Leben hatte, aber sie waren siegreich gewesen. Sie hatten diese Nea-Phi-Lim vertrieben und sie würden lange und hart darüber nachdenken, ob sie sich diesem Territorium noch einmal näherten.

Die Verluste unter diesen Kreaturen waren verheerend. Hunderte von ihnen waren in den zwei Tagen gefallen, in denen die Schlacht gewütet hatte. Einige von ihnen waren nur noch schwerlich überhaupt als solche zu erkennen, nachdem die Raubkatzen sie regelrecht zerlegt hatten. Die wenigen, die den Ansturm der Krieger irgendwie überlebt hatten, wurden von den Marodeuren gejagt und anschließend regelrecht abgeschlachtet. Ihre Kadaver wurden an der Grenze zu den nordöstlichen Gebirgen zur Schau gestellt, als Abschreckung für ihre Artgenossen.

Garra hatte unterdessen angeordnet, dass ihre Waffen und Ausrüstung eingesammelt und später zum Tempel transportiert würden, damit sie untersucht und erforscht werden konnten. Man war mit den Pflanzenfressern übereingekommen, dass man zwar keine dieser Waffen einsetzen wollte, es aber wichtig war zu verstehen, wie sie funktionierten, damit man bei einem nächsten Angriff besser dagegen gewappnet sein konnte. Die Tiger würden dafür sorgen, dass die Waffen im Anschluss vernichtet würden.

Als für den Moment alles gesagt und getan war, zogen sich die noch übrigen Raubkatzen vorerst auf das Gebiet der Tiger zurück und überführten mit der Hilfe der Pflanzenfresser die sterblichen Überreste ihrer Gefallenen in ihr Territorium. Der Schock, als die Truppe die Grenze schließlich erreichte und von den Grenzpatrouillen ihrer eigenen Pflanzenfresser empfangen wurde, war groß.

Natürlich hatten alle gewusst, dass es bei einem solchen Konflikt auch Verluste auf ihrer Seite geben würde, aber dass nur noch etwa ein Drittel der Streitkräfte aus dem Kampf heimkehren würde, damit hatte keiner erwartet. Die Pflanzenfresser sandten sofort Läufer aus, um den verbliebenen Tigern und den anderen Pflanzenfresser die Neuigkeiten zu überbringen und das Feldlager, wo die Armee zuerst halt machen würde, vorzubereiten.

Die Nachricht ihrer Rückkehr erreichte den Tempel am Abend des nächsten Tages und verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Tempel. Sofort wurden Träger und Heiler ausgesandt, um am Außenposten mit allem zu helfen. Die Toten würden vorerst im Feldlager verbleiben, während die Verletzten in den Tempel gebracht werden würden. Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, wer noch lebte und wer nicht aus dem Kampf zurückgekehrt war.

Garra führte seine Krieger zum Außenposten und überwachte den Transport der Leichname seiner gefallenen Kameraden, die nach und nach auf dem zentralen Platz des Lagers aufgebahrt wurden. Er hatte sich entschieden, gegen jeden Instinkt und gegen sein eigenes Verlangen, im Lager zu bleiben und die Totenwache zu halten, während die anderen Überlebenden zum größten Teil in den Tempel ziehen würden. Er wurde hier gebraucht, schließlich musste jemand hier alles koordinieren. Mit jedem weiteren Körper, der von den Pflanzenfressern gebracht wurde, sank sein Herz weiter, es waren so viele. Als sie schließlich fertig waren, dankte Garra den Pflanzenfressern noch einmal, auch im Namen der Tiger, dass sie mit ihnen so respektvoll umgegangen waren, es war nicht selbstverständlich und er wusste das.

Erst als die Träger aus dem östlichen Territorium gegangen waren, erlaubte er sich, die Reihen abzugehen. Sie hatten die Toten ordentlich und behutsam aufgereiht und mit großen Blättern bedeckt. Sie würde später ein eines Kriegers würdiges Begräbnis mit all den dazugehörigen Ehren erhalten, aber zuerst würden die Priesterinnen noch die Rituale durchführen müssen.

Während er die Reihen entlang ging und jedem der Gefallenen seinen Respekt zollte, brach es Garra fast das Herz, sie alle dort liegen zu sehen. Jetzt, wo sie alle beisammen lagen, wurde es ihm erneut bewusst, wie viele sie verloren hatten. Die meisten von ihnen sahen fast friedlich aus, jetzt, da ihre Wunden von den Blättern verdeckt waren. Bei einigen hatten die Träger auch die Köpfe bedecken müssen.

Zum Ende der zweiten Reihe hin spürte er, wie sich ein Kloß in seiner Kehle bildete, und je näher er dem Ende kam, desto mehr drohte er ihm den Atem zu rauben. Bereits von weitem hatte er den Großen Khan und Amelia erkannt und nun, da er fast neben ihnen stand, drehte es ihm fast den Magen um. Er tat den letzten Schritt und stand zu Füßen des Tigers, der sein Leben verschont hatte, nur um sein eigenes in diesem Kampf zu geben. Neben ihm lag Amelia, die so friedlich neben ihrem Vater lag, dass man fast meinen konnte, sie würde nur schlafen. Garra ging in die Knie, er zitterte vor Wut, aber es war nicht so, dass er irgendetwas hätte tun können, um zu verhindern, was geschehen war. Am Ende war es genau diese Hilflosigkeit, die ihn so wütend machte. Er wollte schreien, er wollte irgendjemanden dafür verantwortlich machen, jemanden, den er noch nicht getötet hatte.

Dann dachte er wieder an Emily und wusste nicht, wie er es ihr erklären sollte. Sie hatte es wahrscheinlich schon erfahren, immerhin war der Große Khan einer der ersten gewesen, den sie ins Lager getragen hatten. Die Pflanzenfresser hatten ihn auf einer improvisierten Bahre über die Grenze gebracht und jeder hatte ihn gesehen, ebenso Amelia. Die Läufer waren kurz darauf losgeschickt worden. Er sollte in den Tempel gehen, sollte bei ihr sein, versuchen sie zu trösten, oder zumindest ihr Beistand zu leisten, aber er konnte hier jetzt nicht weg. Jemand musste über die Toten wachen.

Er betrachtete seine Hände, die nun gewaschen und bandagiert waren. Die Wunden schmerzten, aber das war kein Vergleich zu dem Schmerz, den er in seinem Herzen trug. Langsam ballte er sie zu Fäusten, bis die Bandagen unter der Last knarrten und er spürte, wie die noch nicht verheilten wunden wieder aufrissen.

Er war feige … zu feige Emily jetzt gegenüberzutreten … zu feige ihr Gesicht zu sehen, die Trauer, den Schmerz und die Anklage … warum hatte er als einziger überlebt …

Im Tempel hatte die Hohepriesterin zuerst Pecada und danach Emily aufgesucht. Sie hatte versucht, es den beiden Tigerinnen so schonend wie möglich beizubringen. Die Armee war zurückgekehrt, aber der Preis für ihren Sieg war verheerend gewesen. Sie hatte zuerst die Konkubine aufgesucht und ihr die Lage erklärt. Sie hatte den Tod ihres Geliebten noch ziemlich gefasst aufgenommen, sie hatte schon damit gerechnet, dass er nicht lebend zurückkehren würde. An dem Morgen, an dem er in die Schlacht gezogen war, hatte sie sich von ihm verabschiedet, es war ein Lebewohl gewesen. Jedoch, als die Hohepriesterin ihr gebeichtet hatte, dass auch Amelia auf dem Feld der Ehre gefallen war, hatte sie das hart getroffen. Nichtsdestotrotz war Pecada stark geblieben, zumindest für den Augenblick.

Danach hatte die spirituelle Anführerin der Tiger mit Emily gesprochen. Sie hatte versucht es ihr so behutsam wie möglich beizubringen, aber als sie erfuhr, dass neben den 200 anderen Raubkatzen auch ihr Vater und vor allem auch ihre Schwester bei der Verteidigung ihrer Lebensweise ihr Leben verloren hatten, war die junge Tigerin zusammengebrochen. Der Schock war zu groß für die Erbin dieses Territoriums gewesen. Sie hatten sie auf ihr Zimmer gebracht, wo eine der Priesterinnen über sie wachen würde, bis sie wieder ansprechbar war. Normalerweise hätte sich die Hohepriesterin selbst darum gekümmert, aber die Pflichten, die ihr Amt mit sich brachten, waren ebenso erfüllend wie grausam.

Sie würde sich um all die Rituale kümmern müssen, die nicht nur mit dem Tod der 200 Krieger einhergingen, sondern insbesondere mit den Ritualen, die den Tod des Khans und seiner Tochter betrafen. Sie hatte weder Zeit noch Möglichkeit, die Gefallenen zu betrauern, unter denen auch einige ihrer Vertrauten waren, die sich freiwillig für den Kampf gemeldet hatten, um ihren Teil zum Schutz der Gemeinschaft beizutragen. Sie würde die Riten vollziehen, die Toten waschen und segnen und ihnen den Übergang ins Jenseits sichern.

Wenn sie die Riten im Außenposten beendet hatte, würde sie die Leichen des Großen Khans, Amelias und einiger anderer Krieger, darunter auch einige der Jaguare, zurück zum Tempel bringen, um ihnen dort die letzte Ehre zu erweisen. Den Anderen würden sie diese Ehre im Feldlager zuteilwerden lassen, denn es waren einfach zu viele, um sie alle im Tempel zu beerdigen.

Schweren Herzens verließ die Hohepriesterin den Tempel am Morgen, nachdem die Nachricht sie erreicht hatte, um die Riten im Außenposten durchzuführen. Es war das erste Mal, dass sie den Tempel verließ, seit sie das Amt der Hohepriesterin angenommen hatte. Dass gleich ihr erster Einsatz außerhalb ihrer Hauptwirkungsstätte eine solche Mammutaufgabe werden würde, noch dazu eine, die mit so viel Schmerz verbunden war, das hatte sie nicht kommen sehen.

Begleitet von einer kleinen Gruppe ihrer Priesterinnen machte sich die Hohepriesterin auf den Weg zum Außenposten. Die Reise dorthin war, wenn man zügig unterwegs war, nicht besonders lang, aber die emotionale Last, die sie trug, ließ den Weg länger erscheinen. Es war der frühe Nachmittag, als ihre Delegation das Feldlager erreichte und die Wache, die am Eingang postiert war, führte sie schließlich zu Garra.

Der Jaguar hatte sich im Zelt des Hauptmanns eingerichtet, das den Leichnamen des Großen Khans und Amelia am nächsten war, sodass er trotzdem immer ein Auge auf sie haben konnte, während er Schutz vor den Elementen suchte. Er wusste nicht genau, wann es den alten, schroffen Tiger erwischt hatte, aber seinen Leichnam hatten sie in dem Waldstück gefunden, das sie in der Nacht durchquert hatten. Dieser zähe Krieger hatte nicht weniger als fünf Schusswunden davongetragen, bevor er schließlich gefallen war. Garra hatte den pragmatischen Weg gewählt und sich sein Zelt genommen, nicht dass ihn irgendwer aufgehalten hätte.

Als die Hohepriesterin von den Wachen zu ihm geführt wurde und er sie sah, ging er sofort auf die Knie und senkte sein Haupt, wie es die Statuten von ihm verlangten. Die Tigerin nickte sanft, bedankte sich aber erst bei der Wache und sah sich kurz um, bevor sie sanft ihre feingliedrige Hand auf seinen Kopf legte.

„Erhebe dich, Garra. Steh auf und erzähle mir vom Tod unseres Anführers, und …“

Ihre Worte gerieten ins Stocken, als sie Amelias Leichnam sah und ihr einmal mehr bewusst wurde, wie sie den Satz beenden musste. Sie schluckte schwer und holte tief Luft, bevor sie sich wieder zu Garra umwandte.

„… und dem seiner Tochter.“

fügte sie mit erstickter Stimme hinzu. Auch wenn sie sich große Mühe gab, ihre Stimmlage ruhig zu halten und für ihre Begleiterinnen stark zu sein, deren Schluchzen hinter ihr nicht zu überhören war, so konnte man den Kummer und den Schmerz in ihr durchaus hören. Garra erhob sich langsam und richtete sich auf. Erst jetzt sah die Hohepriesterin, in welchem Zustand sich der Jaguar befand, dessen Arme, Torso und Beine zu einem beachtlichen Teil mit Verbänden umwickelt waren. Ihre Augen weiteten sich und sie schnappte nach Luft, während Garra sie müde ansah, dann aber an ihr vorbei auf die ersten beiden Körper blickte, die hinter ihr aufgebahrt waren.

„Sie starben ehrenvoll im Kampf. Beide kämpften bis zum letzten Atemzug und beugten sich nicht vor dem Feind. Der Große Khan fiel zuerst, er wurde dreimal getroffen und war wahrscheinlich sofort tot. Amelia übernahm ohne zu zögern die Führung und war eine Inspiration für uns alle, aber auch sie wurde im Kampf von diesen heimtückischen Widerlingen getötet …“

erklärte Garra, dessen leise Stimme leicht zitterte und der seine Lippen zusammenpresste, bevor er noch einmal durchatmete.

„Sie starb in meinen Armen … ich konnte nichts tun … ich konnte es nicht verhindern.“

fügte er hinzu und kämpfte mit seinen Emotionen, als er vor seinem inneren Auge noch einmal miterlebte, wie Amelia ihren letzten Atemzug aushauchte. Die Hohepriesterin nickte langsam, während sie sich noch einmal umdrehte und die langen Reihen entlang blickte. Der Jaguar konnte sehen, wie schwer es ihr fiel, die Contenance zu wahren, während sie all die bekannten Gesichter sah, ihr Volk, Freunde, Familie, aus dem Leben gerissen und für immer verloren.

Natürlich, es starben immer Tiger. Es war der Lauf der Dinge, der Zyklus des Lebens, dass Tiger starben. Aber seit nunmehr über zweihundert Jahren waren die meisten von ihnen im hohen Alter oder an Krankheiten gestorben. Es kam praktisch nicht mehr vor, dass ein Tiger im Kampf starb, und wenn, dann war es ein tragischer Einzelfall, aber nun lag fast die Hälfte ihrer Gemeinschaft vor ihr, ausgelöscht über den Verlauf eines einzigen Tages. Das war eine Menge, die es erst einmal zu verarbeiten galt.

Sie hatte auf dem Weg zum Feldlager versucht, sich mental auf diese Situation vorzubereiten, schließlich wusste sie ja im Grunde, was auf sie zukam, aber jetzt, wo sie vor all diesen Körpern stand, drohte es doch, sie zu überwältigen. Sie wandte sich langsam wieder an Garra und sah in seine ruhigen, grünen Augen und seufzte.

„Geh zum Tempel, du wirst dort dringender gebraucht als hier. Wir werden die alten Rituale durchführen und dann mit ihren Leichen zum Tempel zurückkehren. Emily braucht dich jetzt, mehr denn je.“

sagte sie leise, aber eindringlich und der Jaguar nickte leicht.

„Ich wollte die Toten nicht allein lassen, solange du noch nicht hier warst.“

erwiderte er, woraufhin die Hohepriesterin gequält lächelte.

„Deine Absichten sind ehrenhaft, aber du wirst jetzt im Tempel gebraucht.“

erklärte sie und als Garra nicht sofort reagierte, fügte sein ein ernstes:

„Geh!“

hinzu und unterstrich es mit einem grimmigen Nicken.

Es war spät am Abend, als Garra in Begleitung einiger Krieger, die mit ihm am Außenposten verblieben waren, am Tempel ankam. Sie hatten auf dem Weg dorthin nicht viel miteinander gesprochen, sie waren zu erschöpft und zu sehr in ihrer Trauer gefangen, um ihre Energie mit Small-Talk zu vergeuden. Es war eine nicht unangenehme Stille gewesen, eine Stille, die sie in ihrer Trauer verband, ganz anders als die Stille, die sie am Tempel empfing.

Wenn Garra oder die ihn begleitenden Tiger gedacht hatten, dass der Tempel still gewesen war, als die Wache nahezu komplett im Außenposten war, dann war er nun einem Friedhof gleich. Der dunkle Granit, der sich so sehr von dem saftigen Grün des Dschungels abhob, wirkte wie die Fassade eines verlassenen Mausoleums und die zwei einsamen Wachen, die an seinem Haupttor wache standen halfen bei diesem Bild auch nicht gerade.

Die meisten der verbliebenen Bewohner des Tempels waren damit beschäftigt, sich um die Verletzten zu kümmern, der Rest bereitete die Bestattung des Khans und der anderen Krieger vor. Auch wenn die Tiger ihren Tempel nicht ständig verließen, so war in der Vergangenheit trotzdem immer ein reges Kommen und Gehen am Haupttor zu beobachten gewesen. Nun jedoch, standen die Wachen still und unbewegt zu beiden Seiten des großen Tors und beobachteten die Umgebung, ohne dass es viel zu tun gab.

Erst als sie Garra und die anderen kommen sahen, kam Bewegung in die beiden und sie verbeugten sich tief vor ihm. Schlagartig wurde dem Jaguar bewusst, dass nun, da der Große Khan tot war und Amelia ebenfalls nicht mehr da war, um seine Nachfolge anzutreten, Emily und er selbst die Führung des Clans übernehmen mussten. Die Last dieser Verantwortung legte sich wie ein Stein auf seine Schultern.

Schnell hob er seine Hand und wandte sich an die Wachen.

„Bitte … bitte verbeugt euch nicht vor mir. Ich bin nur ein einfacher Krieger.“

sagte er leise, obwohl er wusste, dass diese Aussage nun nicht mehr ganz der Wahrheit entsprach. Er atmete tief durch und versuchte, seinen aufgewühlten Geist zu beruhigen, während er zu ihnen ging, und als die Wachen sich langsam wieder aufrichteten, legte er jedem eine Hand auf die Schulter. Er sah den Schmerz in ihren Augen und nickte sanft. Er teilte ihren Kummer und ihr Leid.

„Ich fühle wie ihr.“

flüsterte er und drückte jedem von ihnen die Schulter, woraufhin beide langsam nickten.

„Wo kann ich Emily finden?“

fragte er, wobei er schon eine Vermutung hatte, wo die junge Tigerin zu finden sein würde, aber es war ihm wichtig, dass er den Wachen zeigte, dass er sich auf sie verließ. Eine der beiden Wachen presste die Lippen aufeinander und schüttelte langsam den Kopf, während der andere Tiger in den Tempel deutete.

„Seit uns die Nachricht vom Tod des Khans erreicht hat und Emily zusammengebrochen ist, hat sie ihre Gemächer nicht mehr verlassen. Die Hohepriesterin hat eine ihrer Priesterinnen bei ihr gelassen. Du solltest sie dort finden.“

erklärte der Wächter leise und Garra dankte ihm. Zusammen mit den anderen Kriegern betrat er den Tempel, dessen Empfangshalle gespenstisch leer war. Er atmete tief durch und verabschiedete sich vorerst von den anderen Kriegern, die sich zu den Baracken begeben würden, während er sich zu den Gemächern des Khans begab.

Der Jaguar ging, nein, schlich durch die leeren Gänge und Hallen des Tempels. Die Stille, schwer und erdrückend, ließ das Bauwerk noch unheimlicher erscheinen. Das wenige Licht, das die untergehende Sonne des späten Nachmittags noch durch die Lichtschächte schickte, wirkte wie goldene Finger in den sonst von Schatten dominierten Räumen und Korridoren. Er scheute das Licht, hielt sich an die Schatten, während er seinen Weg in die innersten Gemächer des Hauptgebäudes bahnte, zu sehr fürchtete er, jemanden zu treffen und sich der Anklage gegenüber zu sehen, dass er überlebt hatte und nicht der Khan … oder Amelia.

Erst als er sich der großen Tür näherte, die den Tempel vom Harem des Großen Khans trennte, begegnete er wieder einer anderen Raubkatze. Von allen Tigern, denen er hätte begegnen können, von all den Seelen, denen er hätte zumindest versuchen können, Trost zu spenden, war es Amelias und Emilys Mutter, Pecada, die gerade aus der Tür kam, als er den Gang herunterkam. In dem Moment, in dem sie ihn sah, ließ sie die Schale fallen, die sie bei sich trug und fiel ihm um den Hals. Während die hölzerne Schale laut klappernd auf den harten Steinboden traf, schaffte es der Jaguar nur Geradeso Pecada aufzufangen und sie fest in seine Arme zu schließen. Er hielt sie fest, während sie sich in seine breite Brust grub. Sie sagte nichts, sondern begann einfach nur zu schluchzen, aber sie brauchte auch nichts zu sagen. Sie hatte binnen weniger Stunden nicht nur lebenslange Freunde verloren, sondern auch ihren Partner und ihre älteste Tochter. Garra wusste, nichts was er jetzt sagen würde, würde dem Verlust gerecht werden, den Pecada erlitten hatte, alles was er tun konnte, war für den Moment ihr Fels in der Brandung zu sein, in dessen Schatten sie dem Sturm trotzen konnte und der unter der Last nicht bröckeln würde.

Sie standen für eine ganz Weile lang regungslos im Korridor und er hielt sie einfach nur fest, ab ihr halt, während die Welt damit drohte, ihr den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Vorsichtig, geradezu zärtlich, strich er über ihren Rücken, während sie versuchte, ihre Atmung wieder unter Kontrolle zu bekommen. Mehrmals versuchte sie während dieser Zeit etwas zu sagen, aber jedes Mal blieben ihre Worte ihr im Halse stecken, erstickt von neuem Schluchzen. Garra legte seinen Kopf sachte auf ihren und murrte leise.

„Schhh … ich weiß … ich weiß …“

flüsterte er immer wieder und kämpfte selbst gegen die Tränen an. Er wollte stark sein, damit sie schwach sein konnte, zumindest für diesen einen Moment. Pecada weinte leise, während sie sich fester gegen ihn drückte. Eigentlich wollte sie ihren Kummer nicht so offen zeigen, auch sie wollte eigentlich stark sein, für ihre Gemeinschaft und … für ihre Tochter, aber als sie den Jaguar gesehen hatte, den einzigen anderen Überlebenden ihrer „Familie“, brachen alle Dämme und es brach einfach aus ihr heraus.

Es tat weh, gleichzeitig tat es gut, es war befreiend, ihrer Trauer nachgeben zu können, zumindest bei Garra. Es dauerte noch eine Weile, bis sie sich soweit beruhigt hatte, dass Garra sich getraute, sie wieder loszulassen. Er drückte sie ein letztes Mal an sich, bevor er sie ganz langsam aus seiner Umarmung löste. Sie wehrte sich nicht, sondern trat ganz langsam einen Schritt zurück und schwankte leicht. Ihr Atem ging noch immer in leicht zitternden Zügen, während sie sich die Tränen von der Wange wischte. Während sie so vor ihm stand, betrachtete sie ihn von oben bis unten, und als ihr Blick wieder seine Augen fand, schüttelte sie leicht den Kopf.

„Oh, bei den Ahnen, du siehst schrecklich aus.“

sagte sie flüsternd und die Sorge in ihrem Blick war deutlich zu erkennen, aber Garra nickte nur anerkennend, während er müde lächelte.

„Mhm, aber du hättest den anderen erst einmal sehen sollen.“

erwiderte er, aber der Humor blieb seiner Stimme fern. Wieder schüttelte sie den Kopf leicht.

„Ich war so besorgt … als ich die Nachricht erhielt … da …“

begann sie, brach aber mitten im Satz wieder ab. Garra presste die Lippen aufeinander und nickte erneut.

„Es tut mir so leid … ich … ich war machtlos, ich konnte nichts dagegen tun.“

erklärte er leise und nun war es Pecada die nickte. Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust, wobei es ihr eher Halt geben sollte, als sie von ihrem Schwiegersohn abzugrenzen, und presste ihre Lippen aufeinander. Ihre Hände und ihre Beine begannen zu zittern, während sie hart mit sich selbst kämpfte. Sie wollte sich abwenden, wollte Garra nicht noch mehr von ihrer Schwäche offenbaren, aber sie konnte die Stärke nicht aufbringen, es tatsächlich zu tun. Sie legte ihre Ohren an und Tränen walten wieder in ihren Augen auf, während Garra wieder einladend seine Arme öffnete. Die Tigerin zögerte noch für einen langen, schmerzhaften Moment, bevor sie doch wieder in seine Umarmung zurückkehrte. Wieder schlang er seine starken Arme um sie und hielt sie fest, und wieder vergrub sie sich in seine breite Brust.

„Ich weiß …“

begann sie, ihre Stimme gedämpft und erstickt.

„… so ist der Krieg nun einmal. Er nimmt und nimmt und nimmt … bis nichts mehr da ist …“

fuhr sie flüsternd und schluchzend fort, während Garra spürte, wie seine Brust nass wurde.

„… einen nach dem anderen … bis sie alle fort sind …“

fügte sie hinzu und legte ihren Kopf schwer auf die breite Schulter des Jaguars, der sie stumm festhielt und ihr sanft den Rücken streichelte.

„Es ist jetzt vorbei. Er wird dir niemanden mehr nehmen, das verspreche ich dir.“

flüsterte er leise und spürte, wie sie sich noch tiefer in seine Brust vergrub. Garra versuchte, ruhig zu bleiben und seine Atmung zu kontrollieren, auch wenn es ihm unendlich schwer fiel, aber er konnte sich jetzt nicht gehen lassen, nicht solange Pecada noch so instabil war. Er biss die Zähne zusammen und unterdrückte den Schmerz. Er würde später trauern können, wenn alles andere erledigt war.

Es dauerte noch eine Weile, bis Pecada sich wieder beruhigte, aber dann drückte sie sich vorsichti von ihm weg und atmete tief durch.

„Du … du willst bestimmt zu Emily.“

stellte sie schniefend fest und Garra nickte sanft.

„Und ich, ich halte dich hier fest. wie überaus egoistisch von mir …“

sagte sie peinlich berührt, woraufhin Garra bereits widersprechen wollte, aber sie deutete vehement auf die Tür.

„Nun geh schon, ich komme schon klar, sie braucht dich jetzt mehr denn je.“

Garra nickte und ging zur Tür, aber er sah noch einmal zu ihr zurück, bevor der die Tür aufzog, woraufhin Pecada ihn finster ansah und eine scheuchende Geste machte. Der Jaguar lächelte leicht und öffnete die Tür.

Hinter der Tür empfing ihn eine wohlbekannte Dunkelheit, deren fast völlige Abwesenheit von Licht fast schon befreiend wirkte. Niemand würde hier seine Tränen sehen … zumindest nicht solange er nicht bei Emily war.

Vor der Tür wartete die Tigerin noch einen Moment, bevor sie sich an die kalte, steinerne Wand lehnte und sich langsam an ihr hinuntergleiten ließ. Als sie auf dem Boden saß, zog sie ihre Beine an die Brust und schlang ihre Arme um sie. Ein weiteres Mal wurde sie von ihrer Trauer übermannt und sie vergrub ihren Kopf hinter ihren Knien.

Es würde noch einige Zeit dauern, bis sie ganz über die Verluste hinwegkommen würde. Manche trafen tiefer als andere, aber sie alle taten weh und jeder einzelne von ihnen drohte sie zu überwältigen. Niemand sah sie und niemand hörte sie, während sie sich im stillen, einsamen Korridor ihrer Trauer hingab.

Garra stand in der tintenschwarzen Dunkelheit des Vorraums zu den eigentlichen Gemächern des Khans. Der Raum, in dem er seine Trophäen aufbewahrte und der, von den Räumen des Harem, dem Tod am nächsten war. Er legte den Kopf in den Nacken und gestattete sich einen Moment der Schwäche, in dem er seine Tränen frei fließen ließ, bevor er mehrere Male tief durchatmete, um seine Emotionen wieder ein wenig unter Kontrolle zu bringen.

Bevor er seinen Weg zu Emilys Zimmer fortsetzte, wischte er die Spuren seiner Schwäche von seinen Wangen und schluckte schwer. Seine Hände pumpten und sein Schwanz peitschte hin und her, während er langsam und leise einen Fuß vor den anderen setzte und sich den engen Korridor entlang schlich, der zum Harem und zu ihrem Zimmer führte. Die Tür zu den ausgedehnten Quartieren der Konkubinen des Khans war offen und der Schein einer kleinen Öllampe erhellte den Gang vor ihm, aber kein Ton durchbrach die Stille, durch die er sich bewegte. Als er sich schließlich durch den kleinen Lichtkegel bewegte, sah er in den Harem, dessen Räume still und leer vor ihm lagen. Für einen Moment versuchte er sich daran zu erinnern, wie viele der Konkubinen sich für den Militärdienst zur Verfügung gestellt hatten, war sich am Ende jedoch nicht sicher.

Da sein eigentliches Ziel jedoch noch ein wenig weiter den Gang hinunter lag und er Emily wirklich nicht länger warten lassen wollte, riss er sich los und wandte sich wieder dem Korridor zu. Die Tür zu Emilys Zimmer lag nur ein kleines Stückchen weiter und er konnte den schwachen Schein einer Lampe unter der Tür hervorschimmern sehen. Langsam näherte er sich der Tür und spitzte die Ohren, aber tatsächlich war noch immer nichts zu hören. Er schloss kurz die Augen und griff dann nach der Tür.

Als er die Tür schließlich vorsichtig öffnete, fand er den Raum nur spärlich beleuchtet vor. Eine einzelne Öllampe flackerte leicht im Luftzug der Tür und eine Priesterin kauerte auf einem kleinen Schemel neben Amelias Bett, auf dem Emily lag und sich nicht rührte. Mitleidig sah Garra zu ihr hinüber, während die Priesterin an ihrer Seite zu ihm aufsah. Es dauerte einen winzig kleinen Moment, bis sie ihn erkannte, aber dann weiteten sich ihre Augen, nicht nur wegen seines Zustandes, sondern auch, weil er als einziges zurückgekehrt war. Anders, als Garra es jedoch erwartet hatte, lag keinerlei Anklage in ihrem Blick, während sie offensichtlich nach Worten suchte. Garra legte einen Finger an seine Lippen und nickte langsam. Sie schien zu verstehen und schloss ihren Mund wieder, bevor auch sie nickte.

Er betrat leise den Raum, schloss die Tür hinter sich und kam dann zu Amelias Bett. Seine massige Gestalt warf tiefe Schatten im spärlichen Licht des Zimmers, während er auf Emily hinunterblickte, wie sie zusammengerollt auf dem Bett ihrer Schwester lag. Sie tat das immer, es hatte ihr immer Sicherheit gegeben, Amelia riechen zu können, selbst wenn sie nicht da war. Garra unterdrückte den Drang, tief zu atmen oder zu seufzen, als er seinen inneren Tumult zu klären versuchte. Er verfluchte sich selbst dafür, dass er nicht sofort zurück zum Tempel gekommen war, andererseits war es wichtig gewesen, die Totenwache zu halten, da kein anderer da gewesen war, um es zu tun.

Schließlich setzte er sich vorsichtig auf die Kante von Amelias Bett, was Emily leise grummeln ließ und sie veranlasste, sich enger zusammenzuziehen. Ein kleines Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als sie wenigstens auf seine Anwesenheit reagierte. Er sah zur Priesterin und nickte ihr leise zu, die sich lautlos erhob und sich langsam zur Tür bewegte. Sie würde die beiden allein lassen, denn Garra würde ab jetzt über die junge Tigerin wachen. Als sie schließlich den Raum verließ, legte er seine große, bandagierte Hand auf Emilys Hüfte und ließ sie dort liegen. Er wartete noch ein wenig länger, nachdem die Priesterin die Tür geschlossen hatte, bevor er sich an seine Geliebte wandte.

„Ich bin so schnell nach Hause gekommen, wie ich nur konnte. Es tut mir so unendlich leid, dass ich nicht da sein konnte, um es dir zu sagen.“

flüsterte er fast tonlos, während er sie ganz vorsichtig kraulte. Es dauerte einen quälend langen Moment, bis Emily endlich reagierte. Sie tastete nach seiner Hand, nahm sie vorsichtig und zog sie zu sich heran. Garra wehrte sich nicht, sondern ließ sich zu ihr aufs Bett ziehen und legte sich hinter sie. Still zog sie seinen Arm fest gegen ihre Brust und drückte sich selbst gegen seinen Körper, woraufhin er seinen anderen Arm unter ihrem Kopf durch schob und sie sanft zu sich zog und sich von hinten an sie schmiegte. Er war zufrieden damit, stillschweigend mit ihr auf Amelias Bett zu liegen. Sie mussten nicht reden, er wollte einfach nur für sie da sein, so wie er es versprochen hatte, während er spürte, wie ihr Gesicht heißer wurde und ihr Atem stockte.

„Es ist in Ordnung mein Schatz … ich bin da … lass es raus …“

flüsterte er leise und kuschelte sich enger an sie. Sie hielt sich noch einen kurzen Moment länger zurück, aber dann begann sie zu schluchzen und umklammerte seine Hand fester, bevor er spürte, wie ihre Tränen das Fell seines Arms durchnässten. Es war gut so, er wollte es so, er nickte sanft und hielt sie ein wenig fester. Er war jetzt da und er würde nicht mehr weggehen, nicht ohne sie, nie mehr ohne sie. Emily gab derweil keinen Ton von sich, sie weinte leise, ließ zu, dass ihre Trauer sie überwältigte, aber er spürte auch, wie sie sich mehr und mehr an ihn anschmiegte, halt suchte und auch fand. Zart presste er seine Lippen auf ihren Hinterkopf und küsste sie,

Er wusste nicht, wie lange sie dort eng umschlungen auf Amelias Bett lagen, aber es war ihm auch im Grunde egal, hauptsache, sie waren zusammen.

Nach einer Weile schließlich beruhigte sie sich wieder, als die erste Welle aus Schmerz und Trauer, aber auch Freude und Erleichterung über sie hinweg gerollt war, aber sie war noch immer nicht bereit mit dem Jaguar zu sprechen, ihr Emotionen waren noch zu aufgewühlt. Es störte ihn nicht, er war froh, dass sie sich an ihn ankuschelte und zufrieden damit, einfach hinter ihr zu liegen und den Kontakt aufrechtzuerhalten.

Erst als Amelia damit begann, dass sie sanft an den Bandagen zupfte, die um seine Unterarme gewickelt waren, wusste er, dass sie vielleicht bereit war, einen kleinen Schritt aus ihrem Cocoon zu wagen. Mit einem kleinen Lächeln drückte er sie noch einmal an sich und gab ihr einen weiteren kleinen Kuss auf ihren Kopf, woraufhin sie seine Arme fester um sich zog.

„Ich bin einfach nur überglücklich, dass wenigstens du nach Hause gekommen bist.“

flüsterte sie schniefend, während sie weiter an seinen Verbänden herum zupfte.

„Mhm …“

murrte der Jaguar und nickte, bevor er seinen Arm vorsichtig ausstreckte.

„Willst du es sehen?“

fragte er schließlich leise und Emily begann wortlos und zögerlich, die Verbände von seinem Arm zu lösen. Als sie seinen Arm freigelegt hatte und die Vielzahl der kleinen Wunden sah, schnappte sie nach Luft. Allesamt waren es keine wirklich schlimmen oder tiefen Verletzungen, aber die schiere Anzahl war fürchterlich. Ihr Atem ging in bebenden Zügen, während sie ganz vorsichtig mit ihren zarten Fingern über die schnell heilenden Wunden fuhr. Er konnte spüren, wie ihr Gesicht wieder heiß wurde und hören, wie ihre Lippen zu zittern begannen, während Emily realisierte, wie knapp auch er an einem Desaster vorbeigeschrammt war.

„Schhh … er ist nicht so schlimm, wie es aussieht … es ist in Ordnung, ich bin in Ordnung …“

flüsterte Garra und drückte sie erneut sanft and sich, aber die junge Tigerin schüttelte energisch den Kopf.

„Nein …“

erwiderte sie und schluchzte.

„Nichts … ist … in … Ordnung …“

fuhr sie fort, ihre Stimme heiser und von den Tränen erstickt, bevor sie seine Arme wieder fester um sich zusammenzog.

„Sie … sie … sind alle … weg …“

stotterte sie zwischen Seufzern und schluckte schwer, während Garra sanft nickte.

„… und du … du wärst au … auch … fast … ni … nicht …“

Die Worte blieben ihr im Hals stecken und schließlich brach sie ganz ab, bevor sie sich wieder fest zu einem Ball zusammenrollte. Garra konnte ihr nicht wiedersprechen. Sie hatte fast alles verloren. Ihren Vater, ihre Schwester, viele Freunde und die Hälfte ihrer Gemeinschaft, und das an nur einem Tag. Er selbst war dem Tod während der Schlacht bestimmt ein halbes Dutzend Mal von der Schippe gesprungen und wusste, wie viel es ihr bedeutete, dass wenigstens er es wieder nach Hause geschafft hatte. Er nickte sachte und schob seine Schnauze ganz zart entlang ihres Nackens und ließ ihr die Zeit, die sie brauchte.

„Es ist so still im Tempel …“

flüsterte er schließlich, als sie sich wieder ein wenig beruhigt hatte und Emily nickte. Sie vermisste das nahezu ständige, geschäftige Treiben in dem alten Gemäuer, es würde Jahre dauern, wenn sie es überhaupt jemals schafften, wieder eine ähnliche Bevölkerung aufzubauen.

Sie nahm einen langen, tiefen Atemzug und schien sich ganz langsam wieder zu beruhigen, während Garra seine Hand ganz langsam von ihrer Brust, hinunter zu ihrem Bauch führte und damit begann, ihren flachen, muskulösen Bauch zärtlich zu streicheln. Zufrieden stellte er fest, wie sie sich ein wenig entspannte und sich mehr und mehr seinen Liebkosungen hingab, anstelle ihrer Trauer, aber genau in diesem Moment knurrte ihr Magen ziemlich laut und ruinierte den intimen Moment.

Der Jaguar hat hart damit zu kämpfen nicht einfach laut loszulachen, während er spüren konnte, wie peinlich es Emily war, dass ihr Körper sie so einfach verriet. Grinsend schob er sein Maul zu ihrem Ohr und flüsterte:

„Ich weiß, dass ich zum Anbeissen bin und du mich am liebsten mit Haut und Haar vernaschen würdest, aber dass dir damit es so dringend ist …“

scherzte er und nibbelte verspielt an ihrem Ohr. Die junge Tigerin musste bei dieser Bemerkung tatsächlich leicht lachen, nahm seine andere Hand und knabberte zum Spaß an seinem Finger. Er ließ sie gewähren, während er weiter ihren Bauch streichelte. Er war froh, dass sie ihren Humor nicht verloren hatte.

„Hmmmm ich denke, wir sollten aufstehen und etwas essen. Wir werden die Kraft später noch brauchen.“

bemerkte er mit hinsicht auf die noch bevorstehenden Bestattungen und die Tatsache, dass dieser letzte, endgültige Abschied ihr und Pecada wahrscheinlich noch einmal alles abverlangen würde.

Die Durchführung der Begräbnisrituale für 200 Gefallene dauerten schlussendlich mehrere Tage und als die Hohepriesterin schließlich mit den Körpern des Großen Khans, Amelia und einigen anderen Kriegern wieder zum Tempel zurückkam, waren die Scheiterhaufen für die Zeremonie bereits vorbereitet.

Sie hatten insgesamt zehn dieser Holztürme gemäß der alten Riten im großen Innenhof des Tempels errichtet und warteten nun darauf, die Krieger mitsamt ihrer persönlichen Ausrüstung auf die Türme zu bringen. Sie würden dann nach Abschluss der letzten Riten verbrannt werden.

Wenn die Zeit gekommen war, würden Emily und Garra die Feuer entzünden und zeitgleich würden die Priesterinnen, die im Außenposten verblieben waren, die dortigen Feuer entzünden, damit alle Seelen erfolgreich ins Jenseits übertreten konnten.

Garra wartete zusammen mit Emily und Pecada am Haupttor, als die Hohepriesterin mit ihrer Delegation ankam und die Leichen von Emilys Vater und Schwester mit sich trug. Er hatte in den vergangenen Tagen viel mit den beiden gesprochen und ihnen versucht möglichst schonend beizubringen, wie der Große Khan und Amelia gestorben waren. Sie hatten es beide einigermaßen gefasst aufgenommen, aber nun, da die Bahren mit den Leichname durch das Tor getragen wurden, war der Jaguar nicht mehr ganz so sicher, ob die beiden den Anblick ertragen würden.

Pecada stand neben ihm und blieb noch einigermaßen ruhig, als der Leichnam ihres Geliebten an ihr vorüber getragen wurde, aber als die Träger mit Amelias leblosem Körper durch den großen Torbogen am Eingang des Tempels gebracht wurde, knickten ihr die Knie weg. Emily und Garra waren sofort bei ihr und Mutter und Tochter hielten sich gegenseitig in den Armen, während der Jaguar hinter ihnen stand und seine großen, schweren Pranken auf ihren Schultern hatte, aber er blieb stehen und sah zur Hohepriesterin, die ihm knapp zu nickte.

Sie war froh, dass Garra da war, um sich für den Moment um die beiden zu kümmern, denn sie hatte derzeit keinerlei Möglichkeit, für Pecada oder Emily da zu sein. Die Vorbereitungen für die letzte Reise des Khans waren noch lange nicht abgeschlossen.

Während die Atmosphäre im Tempel in diesen Tagen durchaus von großer Traurigkeit dominiert wurde, so gab es auch Hoffnung. Die jüngste Tochter des Khans war am Leben und ihr auserwählter Partner, Garra, hatte die Schlacht ebenfalls überlebt. Ihre Gemeinschaft würde weiter bestehen, auch wenn es für eine ganze Weile lang recht schwierig werden würde, waren die Tiger sich sicher, dass ihr Clan mit der Zeit zu alter Größe zurückkehren würde.

Als Teil der Vorbereitungen für die Begräbnisfeier waren Einladungen an die Pflanzenfresser des Territoriums und sogar an einige der Clans von außerhalb ausgesandt worden. Sie würden Delegationen senden um an der Zeremonie teilzunehmen und dem Großen Khan und seinen Kriegern die letzte Ehre zu erteilen.

Die Leichname der Krieger wurden ein letztes Mal gewaschen und gesalbt, bevor man sie in ihre Kriegsrüstungen hüllte und sie vorsichtig auf die Türme hob, wo ihnen ihre Waffen beigelegt wurden.

Pecada hatte darauf bestanden, den Großen Khan und Amelia persönlich für die Bestattung vorzubereiten. Sie wurde dabei von Emily und der Hohepriesterin unterstützt. Es war ihre letzte Möglichkeit, noch einmal von beiden Abschied zu nehmen, bevor die Zeremonie begann und ihre Körper den Flammen geopfert wurden. Garra war zwar nicht glücklich darüber gewesen, ausgeschlossen zu werden, hatte die Entscheidung ohne Widerstand hingenommen. Er konnte durchaus verstehen, dass er bei dieser Angelegenheit nicht direkt erwünscht war.

Andererseits hatte der Jaguar auch noch genug mit den letzten Vorbereitungen zu tun. Es galt, die Ehrenwache auszuwählen, die während der Zeremonie auf den Mauern stehen würde, und die Vorbereitungen für die anderen acht Krieger, darunter der Hauptmann der Wache, zu überwachen.

Am späten Nachmittag wurden schließlich auch der Große Khan und Amelia auf ihre respektiven Türme gehoben und die Vorbereitungen abgeschlossen. Nun hieß es warten.

Als sich die Sonne dem Horizont näherte, trafen die Delegationen der Pflanzenfresser ein. Der Tempel war hell erleuchtet, die Fackeln an den Außenwänden waren entzündet worden und die Feuerschalen brannten hell, während die Priesterinnen der Tiger jeden einzelnen Gast persönlich begrüßten. Der Umgang war förmlich und respektvoll, während die Delegationen langsam durch die Hallen des Tempels geführt wurden, wo vereinzelt Krieger in zeremoniellen Rüstungen ihren Weg säumten, aber auch wenn die Tiger und Jaguare ihre Waffen trugen, so ging von ihnen keinerlei Aggression aus. Die Priesterinnen führten die Abgesandten schließlich in den großen Innenhof, wo sie die hohen Bestattungstürme sahen und auch Garra, Emily und Pecada.

Während Pecada und Emily in der Nähe des Turms standen, auf dem der Große Khan lag, stand Garra neben dem Turm, auf dem Amelias Leichnam platziert worden war. Die beiden Tigerinnen trugen lange, weiße Gewänder, die ihre Trauer ausdrücken sollten, während der Jaguar eine reichlich verzierte, zeremonielle Rüstung, nebst dazugehörigen Waffen trug. Sie standen regungslos da und warteten darauf, dass sie das Zeichen der Priesterinnen bekamen, dass alle Delegationen von außerhalb anwesend waren.

Es dauerte noch eine kurze Weile, bis schließlich alle versammelt waren und sich ihre Plätze im Hof gesucht hatten. Auf ein Zeichen der Priesterinnen hin, wurde die große, rote Tür am anderen Ende des Hofes von den Tigern geöffnet, die diese bewachten, und die Hohepriesterin trat zu ihnen in den Innenhof.

Die junge Tigerin hatte ihr ganzes Fell mit einer Rußartigen Paste geschwärzt und trug eine knöcherne Totenmaske über ihrem Gesicht, ansonsten war sie nur noch mit einem knappen Lendenschurz bekleidet, der geradeso das nötigste bedeckte. Sie hatte eine große Schale bei sich und einen Palmwedel, die sie demonstrativ vor sich her trug, während sie sich langsam Garra näherte.

Der große Krieger ging vor ihr in die Knie und die Hohepriesterin nickte stumm, bevor sie ihre Finger in die dunkelrote Flüssigkeit tauchte, die in der Schale hin und her schwappte. Vorsichtig zeichnete sie eine Rune auf die Stirn des Jaguars und sprach:

„Sei gesalbt im Angesicht des Todes.“

Ihre Stimme klang feierlich und gestikulieren ihm aufzustehen.

„Erhebe dich, Garra Ligera, Krieger dieses Clans.“

fügte sie hinzu und Garra erhob sich langsam aber elegant und richtete sich wieder auf. Bereits jetzt spürte er die berauschende Wirkung der Öle, die in das Blut eingearbeitet worden waren, das nun seine Stirn schmückte. Die Hohepriesterin nickte erneut und wandte sich dann an Pecada und Emily, die vor dem nächsten Turm standen und auf sie warteten. Mit langsamen, gemessenen Schritten, ging die zu ihnen hinüber und auch sie gingen vor der jungen Tigerin auf die Knie und beugten ihre Köpfe vor ihr. Wieder tauchte sie ihre Finger in die Schale und zeichnete die Runen auf die Köpfe der Tigerinnen.

„Seid gesalbt im Angesicht des Todes.“

sprach sie mit demselben feierlichen ton und deutete ihren Clangenossinnen aufzustehen.

„Erhebe dich, Pecada Dulce, erste unter den Konkubinen dieses Clans. Erhebe dich, Emily, Erbin des Throns, Anführerin der Tiger und Wächterin über dieses Territorium.“

forderte sie, und es mischte sich eine gewisse Trauer in ihre Stimme, während sich die beiden Tigerinnen unendlich elegant erhoben und aufrichteten. Die Hohepriesterin nickte ihnen noch einmal zu, bevor sie sich den Türmen zuwandte und den Begräbnisgesang anstimmte. Sie nahm den Palmwedel und begann das Holz am Fuß der Türme mit der Mischung aus Ölen und Blut zu besprenkeln, während sie weiter den uralten, überlieferten Lobgesang rezitierte.

Sie umrundete die Türme insgesamt dreimal, bevor sie die letzten Verse des Gesangs beendet hatte und zu Garra, Pecada und Emily zurückkehrte. Sie blieb vor ihnen stehen und ging in die Knie, stellte die Schale vor sich ab und nahm die Feuersteine, die sie schon vorher dort versteckt hatte.

Sie segnete die Öle in ihrer Schale ein weiteres Mal und entzündete sie dann mit Hilfe der Feuersteine. Die Stichflamme, die aus der Schale schoss, ließ ihre ansonsten weiße Maske orange glühen und ihre Augen blitzten kurz in den tiefen Höhlen der Maske auf, und noch bevor die Flamme wieder heruntergebrannt war, legte sie die Steine wieder beiseite und hob die Schale über ihren Kopf.

Hinter ihr trat Garra vor und entzündete drei Fackeln im Feuer der Schale, bevor er je eine an Pecada und Emily weiterreichte und die Dritte selbst behielt.

Emily nahm die Fackel und sah in die tanzende Flamme, deren helles Flackern sich in ihren Augen spiegelte. Stumm schickte sie ihr ganz eigenes Gebet zu den Ahnen und hoffte, dass sowohl ihr Vater als auch ihre Schwester sicher den Weg ins Jenseits finden würden.

Währenddessen trat der Jaguar vor und hob die Fackel hoch über seinen Kopf. Langsam drehte er sich um seine eigene Achse und ließ seinen Blick über die Krieger schweifen, die auf den Mauern standen, die einer nach dem anderen in die Knie gingen, um den Gefallen ihren Respekt zu zollen. Als er seine Drehung beendete und wieder in die Richtung der anwesenden Gäste sah, nahm er einen tiefen Atemzug.

„Wir sind hier versammelt, um diesen Kriegern die letzte Ehre zu erweisen, die bei der Verteidigung ihrer Gemeinschaft ihr Leben gelassen haben. Sie alle haben tapfer gekämpft, um die Unschuldigen, die Wehrlosen, die Alten und die Schwachen zu verteidigen, die dies nicht selbst tun konnten. Sie sind dem Feind mit offenen Augen entgegengetreten und haben keine Furcht gezeigt, selbst dann nicht, als sie dem Tod selbst ins Auge gesehen haben. Wir übergeben ihre Körper den Flammen, auf dass ihre Seelen in das Jenseits unserer Vorfahren einziehen können. Möge alle Last von ihnen genommen werden, denn sie gaben ihr Leben für die Gemeinschaft, deren Werte sie selbstlos verteidigten.“

rief der Jaguar, während Pecada und Emily still seine Worte nachsprachen. Noch einmal wandte er sich an die Krieger auf den Mauern.

„Ehre den Gefallenen!“

rief er laut und die Tiger und Jaguare antworteten.

„Ehre den Gefallenen!“

Ihr kollektiver Ruf donnerte über den Innenhof und jagte selbst dem letzten der Anwesenden einen Schauer über den Rücken. Dann drehte er sich zu Pecada und Emily um, die ihre Fackeln vor sich hielten und ganz klar mit ihren Tränen kämpften. Er wusste, dass er es jetzt nicht länger hinauszögern durfte, denn das würde es für die beiden nur noch schwerer machen.

Und so trat er vor und ließ seine Fackel in das aufgeschichtete Holz am Fuße des ersten Turms sinken. Pecada und Emily taten es ihm gleich und das ölgetränkte Holz fing sofort Feuer. Die Flammen breiteten sich in Windeseile aus und nur wenige Augenblicke später standen alle zehn Scheiterhaufen lichterloh in Flammen.

Mit dem Entzünden der Feuer waren seine Pflichten bei dieser Zeremonie erledigt und er ging hinüber zu Emily, um sie in den Arm zu nehmen, damit sie nicht zusammenbrach.

Es war der ultimative Abschied, nach dieser Nacht würde nichts mehr übrig sein. Emily klammerte sich fest an ihn und er war ihr Fels in der Brandung, der ihr Halt gab und sie nicht losließ, während sie in die Flammen sahen.

Hinter ihnen senkte die Hohepriesterin langsam die Schale wieder zum Boden und löschte anschließend das Feuer darin. Jetzt, wo sie nur noch von hinten beleuchtet wurde, waren ihre schwarze Silhouette und die weiße Maske, die ihr Gesicht zierte, das einzige, was von ihr noch zu sehen war. Langsam und elegant erhob sie sich schließlich und wandte sich ebenfalls dem Feuer zu. Hinter der Maske sah keiner die Tränen, die auch sie vergoss.

Die Flammen schlugen hoch in den nächtlichen Himmel und ihr Schein wurde von den tief hängenden Wolken reflektiert, gleichzeitig erschien ein weiterer, heller Schein am Himmel, als auch die Priesterinnen im Feldlager die Feuer entzündeten.

Derweil sahen die Delegierten der angereisten Pflanzenfresser ehrfürchtig zu, wie die Körper der Gefallenen von den Flammen verschlungen wurden. Den meisten von ihnen war dabei durchaus bewusst, was dieser Verlust für die Tiger bedeutete. Den einheimischen Pflanzenfressern wurde erst jetzt so richtig bewusst, dass praktisch die Hälfte ihrer „Beschützer“ auf einmal gefallen war, was zwar erst einmal einen geringeren Tribut bedeutete, aber im Umkehrschluss auch hieß, dass sie weniger Schutz bereitstellen konnten. Gerade die letzten Wochen hatten ihnen jedoch vor Augen geführt, wie sehr sie sich in den letzten Jahrhunderten auf den Schutz der Tiger verlassen hatten und wie sehr sie auch davon abhängig waren. Sie wären niemals in der Lage gewesen, sich gegen die Nea-Phi-Lim aufzulehnen, geschweige denn gegen sie zu gewinnen.

Gleichzeitig zollten die abgesandten der Pflanzenfresser, die aus den östlichen Territorien angereist waren den Gefallenen Tribut, denn sie hatten mit eigenen Augen gesehen und erlebt, wozu die Fleischfresser fähig waren und welch brutale Verluste sie erlitten hatten, in dem Versuch auch sie zu schützen, und das obwohl es keinen Pakt zwischen ihnen gab, ganz im Gegenteil.

Die Feuer brannten durch das Öl heiß und schnell, und doch würde sie wahrscheinlich die ganze Nacht hindurch und noch einen großen Teil des nächsten Tages brennen. Dennoch begannen die Priesterinnen nach etwa zwei Stunden damit, die anwesenden Pflanzenfresser höflich, aber bestimmt zu bitten, zu gehen, da die eigentliche Zeremonie nun dem Grunde nach beendet war, und weder Pecada, noch Garra oder Emily würden zu diesem Zeitpunkt Audienzen anbieten. Beileidsbekundungen würden von einer der Priesterinnen am Haupteingang entgegengenommen, und dort konnten bei Bedarf auch Termine für eine spätere Audienz vereinbart werden.

Es dauerte eine Weile, aber nach und nach leerte sich der Innenhof, bis am Ende nur noch Garra, Pecada, Emily und die Hohepriesterin regungslos bei den Feuern standen, und als auch der letzte Pflanzenfresser den Hof verlassen hatte, zogen sich auch die Krieger von den Mauern zurück.

Bis auf das Prasseln und Knacken der Feuer herrschte auf einmal eine gespenstische Stille auf dem weitläufigen Hof. Erst jetzt, da außer ihren engsten Vertrauten niemand mehr zugegen war, erlaubte sich Emily endlich zusammenzubrechen.

Garra kniete neben ihr nieder und hielt sie weiterhin fest, während sie bitterlich weinte. Jetzt waren sie für immer fort und nichts auf der Welt würde sie je wieder zurückbringen können. Kein Wunder und keine dunkle Magie, sie waren fort. Pecada kam von der anderen Seite zu ihr und umarmte sie ebenfalls, auch sie vergoss bittere Tränen.

Hinter ihnen stand die Hohepriesterin regungslos und starrte in die Flammen. Sie hatte gehofft, dass sie, wie so viele Priesterinnen vor ihr, den Großen Khan in Frieden gehen lassen würde, aber es war ihr nicht vergönnt gewesen. Sie war die erste Hohepriesterin seit über 300 Jahren, die einen Großen Khan als einen gefallenen Krieger ins Jenseits begleitete und sie hoffte inständig, dass die Ahnen die Zeremonie als würdig genug erachten würden, um sie alle ins Jenseits einziehen zu lassen. Sie blickte auf Emily, Pecada und Garra hinunter, die sich in den Armen hielten und ihren Schmerz und ihre Trauer teilten. Diesen Luxus konnte sie sich nicht leisten, denn sie musste stark sein, damit sie die Geister hinüber geleiten konnte. Das war ihre Aufgabe in diesem Ritual, eine Aufgabe, die wie eine Bürde auf ihren Schultern lastete. Sie atmete tief durch und erschauderte, als ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken lief und sie blickte hinaus in die Wolken, wo der Schein der Flammen seltsame Schatten warf. Weiter im Osten sah sie den Schein der anderen Feuer.

Es würde eine lange Nacht werden. Eine lange Nacht und ein langer Tag … und wie sollte sie diese Paste wieder aus ihrem Fell bekommen?

Tatsächlich brannten die Scheiterhaufen die ganze Nacht hindurch, aber irgendwann hatte Garra Emily in den Tempel getragen und Pecada war ihnen gefolgt. Die junge Tigerin hatte sich buchstäblich in den Schlaf geweint. Er hatte sie vorsichtig durch die verlassenen Gänge des Tempels getragen, bis sie in ihrem Zimmer angekommen waren. Sie bewohnten noch immer Emilys und Amelias altes Zimmer, denn sie war noch nicht soweit diesen, ihren sicheren Hafen aufzugeben und in die größeren Gemächer des Khans umzuziehen. Vorsichtig hatte er sie auf ihrem Bett abgelegt und sich dann noch einmal zu Pecada umgewand, sie umarmt und sich versichert, dass sie wirklich zurechtkam. Pecada hatte die Umarmung erwidert und sich danach in ihre eigenen Gemächer verabschiedet. Als er endlich mit ihr allein war, hatte er seine Rüstung abgelegt und sich vorsichtig an die junge Tigerin angekuschelt, es hatte dann aber noch eine ganze Weile gedauert, bis er endlich in einen traumlosen Schlaf gefallen war. Eng an Emily angekuschelt und seine Arme um ihre zierliche Figur geschlungen, hatten die beiden bis in die späten Morgenstunden geschlafen.

Es war der Ruf der Natur, der Garra schließlich aufweckte. Langsam öffnete der Jaguar seine Augen und sah sich um. Emily lag noch immer vor ihm und an ihn gekuschelt, ihre Arme um seine eigenen gelegt und schlief weiterhin tief und fest. Die vergangenen Tage und Wochen hatten ihr viel Kraft und Energie abverlangt und ihr Körper bestand nun auf sein Recht. Sein Körper bestand allerdings auch auf seines, und so versuchte er vorsichtig, sich von Emily zu lösen, aber sie hielt sich vehement an ihm fest, unwillig ihn gehen zu lassen, auf die Gefahr hin, dass er dann vielleicht nicht wieder zurückkäme.

Er lächelte sanft und schmiegte seine Nase sachte an ihren Nacken, bevor er begann zärtlich an ihrem Hals zu knabbern und empfand eine diebische Freude an der Art und Weise, wie sie ihren Nacken einzog und leise quiekte.

„Mein Schatz, dein Liebling muss mal für kleine Königstiger …“

flüsterte er sanft und drückte sie leicht an sich. Emily protestierte zwar leise, ließ ihn aber schließlich los, nur um sich danach wieder zu einem festen Ball zusammen zu rollen. Garra lächelte und küsste seine Partnerin nochmals, bevor er sich vorsichtig erhob und ganz leise den Raum verließ.

Um diese Uhrzeit waren schon wieder deutlich mehr Bewohner des Tempels auf den Beinen und versuchten wieder so etwas wie einen normalen Tagesablauf zu gestalten. Natürlich würde es noch einige Zeit dauern, bis auch nur annähernd Normalität Einzug halten würde, aber sie mussten schließlich irgendwann damit anfangen. Einige der Priesterinnen, die er traf, erkundigten sich nach Emily und er konnte sie glücklicherweise beruhigen.

Nachdem er getan hatte, wozu sein Körper ihn gedrängt hatte, begab er sich zum großen Innenhof, wo die Scheiterhaufen mittlerweile bereits ziemlich abgebrannt, aber noch lange nicht erloschen waren. Die Hohepriesterin stand noch immer vor ihnen und starrte in die Flammen, aber wenigstens hatten ihre Priesterinnen ihr in der Zwischenzeit ein einfaches Gewand gebracht, dass sie sich um die Schultern gelegt hatte, um sich zumindest ein wenig zu bedecken, und sie hatte die knöcherne Totenmaske abgenommen.

Langsam und leise kam Garra zu ihr, stellte sich neben sie und für eine kurze Weile sahen sie gemeinsam, schweigend in das Feuer, dessen Rauchsäule weit in den morgendlichen Himmel ragte. Sein massiger Körperbau war so viel imposanter als ihre zierliche Gestalt und doch strahlte sie in diesem Moment so viel mehr Stärke aus als er.

„Hältst du noch immer Wache?“

fragte er schließlich leise, aber die Hohepriesterin sah ihn an, nickte lediglich leicht.

„Die Geister brauchen mich, ich darf nicht ruhen, bevor die Flammen nicht erloschen sind.“

antwortete sie ebenso leise und Garra nickte respektvoll.

„Ich bewundere, dass du das so aushältst.“

gab er offen und ehrlich zu, was ihr ein Lächeln entlockte.

„Das ist ein Teil meiner Verantwortung. Einer der Teile, die nicht so angenehm sind …“

begann sie und atmete tief durch, bevor sie doch zu ihm aufsah.

„… wie geht es ihr?“

fragte sie und ließ ihre Sorge ihre Stimme einfärben, während Garra seine Lippen aufeinander presste.

„Sie schläft noch. Es hat ihr viel abverlangt, aber ich denke, sie wird es überstehen. Das Schlimmste liegt hinter ihr.“

erwiderte der Jaguar und rieb sie die Arme. Trotz der Tatsache, dass er so nah am Feuer stand und es im Dschungel eigentlich nie wirklich kalt war, fröstelte er, woraufhin die Hohepriesterin grinsen musste.

„Die Geister sind noch hier … spürst du sie?“

Es war eher eine rhetorische Frage und Garra konzentrierte sich wieder auf die Flammen, aber er kam nicht umhin zuzugeben, dass ihm ganz langsam ein Schauer über den Rücken bis zur Schwanzspitze lief.

„Ja, ja, ich glaube schon …“

stammelte er und zuckte nervös mit seinem Schwanz.

„… ich sollte nach Emily sehen.“

fügte er hinzu und sah sich um. Die Hohepriesterin zwinkerte langsam und nickte daraufhin.

„Geh, Garra, kümmere dich um sie. Ich kümmere mich um die Toten, während du dich um die Lebenden kümmerst.“

Er war irgendwie froh, dass er sich so einfach wieder davonschleichen konnte. Zum Schluss hin hatte er sich wirklich seltsam gefühlt und er war sich nicht sicher, wie weit er seinen Sinnen dabei trauen konnte. Sollte die Hohepriesterin sich darum kümmern, wie sie es gesagt hatte, würde er sich um die Lebenden kümmern, ganz besonders um eine, während sie sich um die Verstorbenen bemühen würde.

Als Garra schließlich zu Emily zurückkehrte, lag sie auf ihrer Seite und war ihm zugewandt. Sie sah aus kleinen Augen zu ihm hinüber, sah noch immer müde aus und ihre Augen waren geschwollen und gerötet, aber sie lächelte leicht.

„Du warst lange weg …“

flüsterte sie und streckte ihre Hand nach ihm aus, woraufhin er ihr Lächeln erwiderte und langsam zu ihr hinüber kam, bevor er sich vor ihr Bett kniete und ihr seine Hand gab. Die junge Tigerin nahm seine Pranke und streichelte sie zärtlich, wobei sie dem Muster seiner kleinen Flecken folgte.

„Mhm … ich wollte noch nach der Hohepriesterin sehen, sie hält noch immer Wache bei den Feuern.“

antwortete er und streckte seine zweite Hand zu ihrem Kopf aus, während Emily sanft nickte.

„Solange die Feuer brennen, darf sie nicht ruhen, sonst finden die Geister vielleicht nicht den Weg ins Jenseits.“

erklärte sie flüsternd und führte seine Hand an ihren Mund. Garra nickte leicht, beobachtete was sie tat und fing an sie mit der anderen Hand hinter den Ohren zu kraulen.

„Mhm … das hat sie auch gesagt. Ich bewundere ihre Ausdauer.“

gab er zu und lächelte, während sie seine Hand zärtlich küsste. Er zog die andere ein wenig zurück und streichelte über ihre Wange.

„Möchtest du aufstehen? Es gibt eine Menge zu tun, wir haben noch viel vorzubereiten.“

fragte er leise und nickte leicht in Richtung der Tür, doch die junge Tigerin verneinte und zog sich langsam wieder zu einem Ball zusammen.

„Nein …“

murmelte sie, bevor ihr Kopf hinter ihren Knien verschwand.

„… ich will nicht da rausgehen und mich auf das vorbereiten, was mich da erwartet.“

Sie klang klein, wehrlos und schwach, und Garra konnte sie verstehen. Er nickte leicht und fuhr fort, sie zu streicheln. Normalerweise, wenn alles so abgelaufen wäre, wie es ursprünglich geplant war, dann hätte ihr Vater noch einige Jahre auf diesem Thron gesessen und hätte Amelia weiter auf ihre Rolle als zukünftige Herrscherin vorbereitet. Wenn dann die Zeit für die Machtübergabe gekommen wäre, hätten sie das alles zusammen erledigen können. Amelia hätte, zusammen mit ihrem Auserwählten, den Thron bestiegen und Emily hätte zusammen mit ihm die Aufgabe der Berater einnehmen können. Es war aber nun einmal anders gekommen und jetzt musste die jüngste Tochter ungeplant und unvorbereitet die Aufgabe ihres Vaters und ihrer älteren Schwester übernehmen, noch ehe sie mit der Trauerbewältigung abgeschlossen hatte.

Garra hatte Mitleid mit ihr, konnte ihr Angst, ihr Zögern und ihren Unmut vollkommen nachvollziehen, aber es half nichts, sie würden diese Zeremonien und Riten vorbereiten müssen, sie würden den Thron besteigen müssen, für ihr Volk, damit es weitergehen konnte. Sie war die Thronfolgerin.

Er legte seinen Kopf leicht schräg und beobachtete das Spiel ihrer Ohren, während seine Krallen weiterhin durch ihr kurzes Fell kämmten.

„Lass mich dir ein Angebot machen … hmmm?“

flüsterte er leise und aufmunternd und wartete, bis sie ihn über ihre Knie hinweg mit großen Augen ansah, bevor er fortfuhr.

„… wir kuscheln noch ein kleines Weilchen, ich lenke dich ein wenig von der ganzen Sache ab und erst danach stehen wir auf und kümmern uns um diese lästigen, aber notwendigen Angelegenheiten. Einverstanden?“

fragte er mit einem Lächeln und Emily dachte einen Moment lang darüber nach, bevor sie schließlich nickte. Das Lächeln des Jaguars wurde breiter, zeigte seine Reißzähne und mit einem verspielten Knurren stand er schließlich auf. Als er dann zu ihr ins Bett kroch, kicherte die junge Tigerin und schmiegte sich eng an den großen Krieger.

Die Sonne hatte ihren Zenit schon längst überschritten, als die Flammen der Scheiterhaufen endlich erloschen. Mit dem Erlöschen der Flammen war auch die Wache der Hohepriesterin endlich vorbei und die junge Tigerin war auf ihre Knie gesunken. Mehrere ihrer Priesterinnen waren an ihrer Seite gewesen und hatten sich sofort um sie gekümmert.

Währenddessen liefen die Vorbereitungen für den Amtsantritt von Emily und Garra auf Hochtouren. Ähnlich der Bestattung des alten Khans, war auch dies ein von Ritualen und Zeremonien geprägtes Ereignis, für das ein weiteres Mal Einladungen an die Pflanzenfresser ausgesandt wurden. Emily würde in zwei Tagen den Thron besteigen und mit ihr Garra.

Die nächsten zwei Tage versprachen, hektisch und ruhelos zu werden und erst wenn alles erledigt war, würde wieder so etwas wie Normalität in den Tempel zurückkehren.

All dem stand Emily nach wie vor skeptisch gegenüber, sie war noch immer der Meinung, dass sei noch nicht bereit sei, ihre Rolle als Anführerin der Tiger anzutreten, aber Garra versicherte ihr immer und immer wieder, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchte.

Als Emily schließlich den Thron bestieg und Garra offiziell als ihren erwählten Partner vorstellte, war die große Halle des Tempels bis auf den letzten Platz gefüllt. Nicht nur waren alle Tiger und Jaguare, die sich zu dieser Zeit im Tempel aufhielten, anwesend, auch die Delegationen der Stämme aller Pflanzenfresser ihres Territoriums, sowie einige Abgesandte von den Clans außerhalb waren gekommen, um diesem Ereignis beizuwohnen. Sie alle waren neugierig darauf, wie es nun weitergehen würde. Es gab so viele Fragen.

Vor allem für die Tiger war von Interesse, ob Garra, der nunmal kein Tiger war, den Titel des Großen Khans annehmen würde, der traditionell von dem Anführer der Tiger getragen wurde, und der noch nie an ein Mitglied einer anderen Spezies vergeben worden war. Es wäre ein harter Bruch mit den Traditionen, was bei den doch eher konservativ eingestellten Tigern für einiges Unbehagen sorgen würde, aber Garra konnte sie beruhigen, denn auch er würde nicht der erste „Nicht-Tiger“ sein, der diesen Titel tragen würde. Er hatte sich dazu entschieden, den traditionellen Titel der Jaguare für ebendiese Position zu verwenden. Von nun an würde man ihn als den König der Klingen bezeichnen.

Damit war klar, dass die Tiger nach über 600 Jahren das erste Mal nicht von einem Großen Khan beherrscht werden würden und dass der Herrscher über diesen Dschungel das erste Mal überhaupt ein Jaguar sein würde.

Dies war in mehr als einer Hinsicht ein Bruch mit den Traditionen..

Gleichzeitig hielten Emily und er jedoch an anderen lang etablierten Gebräuchen fest. Beide sprachen sich offen für ein Fortbestehen des Paketes zwischen ihnen und den Pflanzenfressern und die Fortsetzung der etablierten Traditionen aus, die sich in den letzten 200 Jahren gefestigt hatten. Zum Wohle der Gemeinschaft.

Des Weiteren würden sie alles daran setzen, ihre Gemeinschaft wieder wachsen zu lassen und auf die ursprüngliche Anzahl an Tigern zu bringen. Es würde Jahre dauern, die Verluste wieder wettzumachen, aber sie würden es schaffen.

Sehr zu ihrem Erstaunen sprachen sich auch die Pflanzenfresser dafür aus, dass die Tiger sich wieder vermehren sollten, zumindest bis die ursprüngliche Bevölkerung des Tempels wieder erreicht war. Sie waren sehr darauf bedacht, dass die Kampfkraft der Tiger vollständig wiederhergestellt werden sollte, für den Fall, dass die Nea-Phi-Lim vielleicht doch noch einmal zurückkehren würden.

Schließlich sprachen sich Garra und Emily dafür aus, dass die Pflanzenfresser und die Jaguare aus den östlichen Territorien in Verhandlungen eintreten sollten, um ein Abkommen nach dem Beispiel der Tiger abzuschließen und damit einen ähnlichen Wohlstand zu erreichen.

Beide Reiche würden ihre Zusammenarbeit verstärken und so die Sicherheit und den Wohlstand aller stärken.

Es würde ein langer, steiniger Weg werden, aber einer, den sie alle zusammen gehen würden und der sich am Ende für alle lohnen würde.

Für das Höhere Wohl!

Es herrschte absolute Stille.

Nicht die Stille, die man kennt, wenn es um einen herum keine Geräusche gibt, aber man immer noch seinen eigenen Herzschlag und das Rauschen seines Blutes hört, sondern absolute, alles verschlingende Stille.

Trotzdem erwachte sie, und als sie das tat, spürte sie nichts. Es war seltsam, sollte sie nicht eigentlich Schmerzen haben? Aber warum eigentlich? Sie erinnerte sich nicht, war aber sicher, dass etwas nicht stimmte. Sie wartete noch einen Moment und lauschte in die Stille, in sich hinein, aber da nichts.

Sie öffnete ihre Augen und alles, was sie sah, war weiß. War es neblig? Es konnte durchaus sein, sie waren doch in der Nähe der Berge, nicht wahr? In den Bergen konnte es morgens neblig sein, ganz sicher. Oder nicht? Sie konnte sich nicht erinnern, war sich auf einmal nicht mehr so sicher.

Dann erwuchs in ihr das Bedürfnis, ihre linke Schulter zu berühren. Warum? Was war an ihrer Schulter? Während sie angestrengt nachdachte, hob sie gedankenversunken ihre rechte Hand an ihre Schulter und berührte sie. Da war nichts, zumindest nichts Auffälliges. Sie fühlte sich ein wenig seltsam an, ein entferntes Stechen, fast wie eine alte, schon fast verheilte Prellung. Sie betastete ihre Schulter weiter, während sie versuchte, sich daran zu erinnern, warum das so wichtig war, aber es wollte ihr partout nicht einfallen.

Schließlich setzte sie sich auf und erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie vollkommen nackt war. Wieder wunderte sie sich, sollte sie nicht etwas anhaben? Hatte sie nicht Kleidung getragen? Für einen Moment lang hielt sich ihr Geist noch mit dieser Frage auf, bis sie realisierte, dass es ihr überhaupt nichts ausmachte, nackt zu sein. Langsam nahm sie ihre Hand herunter und legte sie in ihren Schoß und sah sich um. Alles, wohin sie auch blickte, war weiß. Sie konnte nicht sagen, ob sie sich in einem Raum oder unter freiem Himmel befand, denn alles, was sie sah, war weiß.

Der Boden, also das, was sie als Boden annahm, die Decke, die Wände, sofern letztere überhaupt existierten, waren weiß … aber es wirkte nicht so, als wären sie weiß getüncht worden, es war eher so, als dass es gar keine Wände gab, nur weißes Licht.

Sie blinzelte mehrmals, in der Hoffnung, dass sich etwas änderte, aber das Bild blieb das gleiche. Sie war nicht blind, das wusste sie, sie war sich sicher, dass sie mit jemandem Gesprochen hatte, die blind war. Sie hatte nie etwas von einem weißen Licht erzählt.

Noch einmal sah sie sich um und sah eine lange Reihe von anderen Tigern. Tiger … genau Tiger … sie war ein Tiger. Sie erinnerte sich daran, dass sie eine stolze Tigerin war. Noch einmal sah sie genauer hin. Die Tiger, die dort lagen, kamen ihr seltsam bekannt vor, aber sie konnte sich nicht genau erinnern.

Sie blinzelte noch einmal. Die Anderen schienen alle zu schlafen und auch sie waren alle … nackt. Sowohl die Männer als auch die Frauen. Ein verschämtes Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, als sie bemerkte, dass der Gedanke, nackt in einem Raum mit so vielen anderen Tigern zu sein, sie erregte.

„Oh, du bist ja schon wach.“

ertönte eine alte Stimme hinter ihr und sorgte dafür, dass sie erschrocken zusammen zuckte. Bis zu diesem Moment war alles still gewesen und diese Stimme war das erste, was ihre Ohren hier wahrgenommen hatten. Die Stimme klang seltsam, vertraut, aber seltsam. Dann kam es ihr, sie hatte gar keinen Nachhall.

Neugier ist bekanntlich der Katze Tod, und trotzdem gab sie ihr nach und drehte ihren Kopf um zu sehen, wer da mit ihr sprach. Sie sah einen alten Tiger, dessen stumpfes, ergrautes Fell in alle Richtungen von ihm ab stand. Er stand völlig regungslos, einige Schritte von ihr entfernt, mitten im weißen Licht, das ihn zu tragen schien.

Er sah freundlich und irgendwie vertraut aus.

„Wer … bist du?“

fragte sie unsicher und zog die Beine an.

„Wo … bin ich?“

fügte sie hinzu, bevor er auch nur antworten konnte. Er lächelte nur sanft und kam bedächtig näher.

„Ich bin einer deiner Vorfahren, Amelia. Mir wurde die Aufgabe übertragen, alle neuankömmlinge hier willkommen zu heißen und dafür zu sorgen, dass sie den Weg hinüber finden.“

erklärte er mit einer alten, rauen Stimme, in der so viel Liebe und Zuneigung mitschwang, dass sie ihm glauben wollte. Sie klang warm, aufrichtig und voller Mitgefühl. Sie sah ihn fragend an und sah sich dann noch einmal um.

„Amelia …? Hinüber …?“

wiederholte sie leise, während sie die anderen ansah. Dann dämmerte es ihr langsam, während sie noch einmal mit ihrer Hand über ihre linke Schulter fuhr. Der Schmerz war jetzt wieder deutlicher zu spüren, als ihre Erinnerungen langsam zurückkehrten. Noch einmal sah sie zu den anderen Tigern, und dann traf es sie wie ein Donnerschlag.

Der alte Tiger kam näher und nickte sanft, seine arme bereits ausgebreitet.

„Ja, mein Kind … es ist wahr.“

sprach er mit einer Ruhe, die zeigte, wie lang und oft er dies schon getan hatte. Sie sah ihn an, während ihr Tränen die Wangen herunterlaufen und ihre Lippen bebten, und bevor sie zusammenbrechen konnte, war er schon bei ihr und nahm sie in den Arm. Er hielt sie fest und drückte sie an sich.

„Es ist alles gut … es ist … vorbei …“

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El Poyo Diabolo

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