Kapitel 9
#10 of Crossing Paths
Eine Geschichte, über das wiedersehen meiner beiden Charaktere, Avis Jay und Frederic Blake, die mein Freund DragoMikh für mich schreibt.
Schaut gerne auf seine Website vorbei:https://www.dragosgallery.com/
Undeutliche Stimmen. Licht fiel in das Zimmer. Avis zog langsam seine schweren Augenlider hoch. Der Wecker hatte noch nicht geklingelt, doch etwas stimmte nicht. Die Atmosphäre im Raum war anders als sonst. Schritte entfernten sich, eine undeutliche Gestalt durchquerte den Raum, wobei gelegentliches Knacken erklang, wenn sie auf fast leere Chipstüten, CD-Hüllen, Kugelschreiber oder sonstigen Kram trat, der auf dem Boden verstreut lag. Vor der Tür verharrte sie kurz, schaute sich nochmal um und verließ dann das Zimmer. Avis, noch immer mehr schlafend, als wach, warf einen kurzen Blick auf die Uhr seines Smartphones, bevor er sich vom Licht, das durch den etwas geöffneten Rollladen fiel, abwandet und die Augen wieder schloss. Als ein Ausschnitt aus einem Lied der Rodeo Gorillas ihn Weckte, war die kurze Unterbrechung kaum mehr als ein schwaches Bild, von dem er nicht wusste, ob es wirklich geschehen war, oder doch nur der letzte Fetzten eines Traums, der hängen geblieben war. Er beendete mit einem Wischen den Wecker, der begonnen hatte sich in seinen Verstand zu bohren. Doch der Loop würde noch einige Minuten in seinem Kopf herum schwirren, während er seine Sachen zusammen kramte und sich auf den Weg zum Bad machte. Während das Wasser über seine Federn rann, pfiff er leise weiter den Refrain von “Such Rebells". Unter dem Strom des lauwarmen Wassers, das immer wieder von kurzen Schwallen, Kälte unterbrochen wurde, wachte er langsam auf. Er drückte die letzten Tropfen Federpflege aus der Flasche, bevor er sie im hohen Bogen in Richtung des Mülleimers warf. Das Geräusch, als sie in der Tüte verschwand hatte etwas seltsam befriedigendes an sich… Die Tür klapperte. Jemand betrat den Raum, nein, es waren mindestens zwei. Dem Kratzen nach, war ein Reptil dabei, dessen Schuppiger Schwanz über die Fließen kratzte. Avis stellte das Wasser ab und lauschte kurz. Ein Vorhang knisterte, Wasserhähne quietschten und eine Dusche begann zu laufen. Er schüttelte das restliche Wasser ab, wickelte sich sein Handtuch um und machte sich auf den Weg zurück zu seinem Zimmer. Auf halbem Weg wurde er von Tim eingeholt, wo auch immer der Tiger her kam. Er war bereits voll angezogen und grinste breit. “Guten Morgen. Auch schon wach?" Avis grummelte nur etwas unverständliches, während er nach dem Zimmerschlüssel kramte. Er fand ihn nicht. Tim drängte sich an ihm vorbei und schob eine seiner Krallen in den breiten Spalt zwischen Rahmen und Tür. Es gab ein leises Klacken und die Tür öffnete sich einige Zentimeter. Tim riss sie vollends auf, wobei der dadurch entstehende Luftzug eine vielzahl leichter Objekte, wie Zettel, Heftchen, aber auch eine beachtliche Menge Staub, die sich auf und im Teppich gesammelt hatte, aufwirbelte. Der Luftzug durchquerte binnen Sekunden den Raum und schlug, durch das Chaos wenigstens etwas gebremst gegen die Mauern der Stadt auf Avis Schreibtisch. Mit einem lauten Rauschen stürzten die hohen Türme ein weiteres mal ein. Avis schob einen Teil der Blätter, von denen er glaubte, sie müssten ungefähr aus dem richtigen Themenbereich sein in seine Tasche und machte sich dann, zusammen mit Tim auf den Weg zur Mensa. Es schien, als wäre zwischen Marcus und Terrence wieder so etwas wie Normalität eingekehrt. Die beiden saßen wieder, auf ihren üblichen Plätzen, neben Avis. Dieser kramte gerade in seiner Tasche, als ihm eine rot weiße Feder zwischen die Krallen rutschte. Wie kam sie zwischen seine Notizen? “Hey Avis? Hast du einen Stift?" Eine Krallenhand griff über seine Schulter, ihre roten Flugfedern strichen über seine Schulter. Avis kramte einen Kugelschreiber hervor, der noch keine deutlich sichtbaren Abdrücke seiner Schnabelkante aufweist und reichte ihn nach hinten. “Danke! Bekommst ihn später zurück."
Tamara setzte sich einen Tisch weiter zu einer Rabin und der Pantherin Kira. Mit dem Kugelschreiber kritzelte sie etwas auf einen kleinen Block, riss die Seite heraus schob sie über den Tisch einer Königspython zu, die sich dort niedergelassen hatte. Diese warf einen kurzen Blick darauf und stopfte ihn dann in eine Tasche ihrer (sehr langen) Jacke.
Es war Freitag. Die letzte Vorlesung der Woche lag hinter ihm. Avis hätte die schwarze Gestalt neben der Ausfahrt fast übersehen und überlegte für einige Momente, ob er so tun sollte als ob. Auch als diese begann mit den Armen und Flügeln zu wedeln. Doch als sich ihre Blicke trafen, wusste er, dass er es nicht so einfach tun konnte. Auch wenn er immer noch sauer auf ihn war, setzte Avis den Blinker und hielt einige Meter hinter Frederic an. Dieser kam langsam näher, lief um das Auto herum und versuchte die Beifahrertür zu öffnen. Die Klinke der Tür klapperte, doch Avis hatte sie noch verriegelt. Erst nach Frederics dritten Versuch beugte er sich hinüber und zog an der inneren Klinke. “Was für ein Zufall dass ich dich hier treffe…" Ja, was für ein Zufall… "Wo möchtest du hin?" "Ist mir egal. Einfach in Richtung Stadtzentrum." Frederic zwängte sich auf den Beifahrersitz, den Kopf dabei eingezogen, um den, ohnehin schon lädierten, Dachhimmel nicht vollständig zu zerfetzten. Avis setzte an, etwas zu fragen, ließ es dann jedoch. Doch Frederic bemerkte die Spannung, die in der Luft lag. “Hast du meine Nachrichten bekommen?" Frederic hatte ihm im laufe der Woche mehrfach geschrieben, doch Avis hatte sich bis jetzt zurückgehalten zu Antworten und auch jetzt ignorierte er die Frage. “Du schuldest mir noch 300 für die Kaution." Eine weitere Ausgabe, die ihm in seinem Monatsbudget fehlte. “Ich bin grad etwas knapp bei Kasse, aber ich schaue, dass ich dir das Geld bald zurück Zahle. Geb mir zwei, vielleicht drei Wochen." Avis knirschte mit dem Schnabel, was Frederic als eine Art Zustimmung interpretierte. "Also? Was hast du so vor." versuchte Frederic, etwas unbeholfen, das Gespräch in angenehmere Richtungen zu lenken. “Einkaufen."
Donnergrollen Rolle über die Stadt. Der Wind, der vom Meer aus durch die Stadt wehte, hatte eine Decke aus dunkelgrauen Wolken mit sich gebracht, die sich langsam über die Landzunge schoben. Bald prasselten die ersten Tropfen auf das Blechdach und die Frontscheibe des kleinen Autos. Frederic öffnete das Fenster einen Spalt und der Geruch von Regen und nassem Asphalt strömte in den Innenraum. Er konnte nicht genau sagen warum, doch Avis mochte den Geruch. Er parkte das Auto im Parkhaus des Sellingpoints, das erstaunlich leer war. Das Wetter hatte wahrscheinlich viele dazu bewegt Zuhause zu bleiben. “Danke fürs mitnehmen." “Musst du Arbeiten?" “So in der Art… Wollen wir uns später treffen? Ich gebe dir auch einen aus, als Anzahlung." Im Kaufhaus trennten sich ihre Wege. Frederic verschwand hinter einer Tür, an der ein Schild: "Nur für Personal" hing, während Avis sich auf den Weg Richtung Drogerieabteilung machte. Zwei Flaschen Federpflegemittel, dessen Preis inzwischen ungehörige Dimensionen angenommen hatte, und eine Flasche Shampoo landeten in Avis Tasche, zusammen mit einer neuen Schnabelfeile, inklusive Reinigungscreme, und einer Federzange (eine unangenehme, aber dennoch manchmal nötige Angelegenheit). Damit sollte er für ein paar Wochen wieder halbwegs gut aufgestellt sein.
Er traf Frederic vor dem großen Hauptausgang, der Drache hatte eine große Sporttasche über der Schulter. "Also? Was machen wir?" "Ist mir egal." Avis war nach der vergangenen Woche einfach froh aus den überfüllten, stickigen Räumen der Hochschule raus zu kommen. "Die Safehouse Truppe trifft sich und nach der einen Nacht bist du Ehrenmitglied. Die anderen übrigens auch. Sollen wir hin?" "Klar."
Der Laden war unscheinbar. Die Fenster von Innen, bis auf eine Höhe von fast zwei Metern, mit dunkler Folie beklebt. Vor der Tür stand ein Orca, der mit seinen Schultern problemlos den Kompletten Türrahmen blockierte. “Reik!" Frederic schien den Delfin zu kennen und begrüßte ihn mit einem kräftigen Handschlag. “Frederic! Kollins und Bea sind schon da. Dritter Tisch, linke Seite. Viel Spaß!" Er schob sich zur Seite und ließ sie hindurch. Der Laden war eng, aber gemütlich. Die Innenausstattung war eine merkwürdige Mischung aus Rustikalem Holz, Edelstahl und bunten Lichtern, garniert mit einer Lasershow, die durch den Nebel tanzte, der knapp unter der Decke hing. Das Krokodil und die Hyäne saßen mit dem Rücken zum Eingang und Frederic symbolisierte Avis, sich leis zu verhalten. Er schlich sich, so weit es für einen Drachen seiner Statur möglich war, vorsichtig an die beiden an und zog Kollins Portmonee aus der hinteren Tasche seiner Hose, dabei darauf bedacht, ja nicht seine buschigen Schwanz zu berühren. Was sollte das? Avis schaute ihn mit einem fragenden Blick an, doch Frederic beachtete ihn nicht. Er zog zwei Schein heraus und warf es dann über Kollins Schulter auf den Tisch. “Damit sind wir erstmal quitt." Dann reichte er das Geld Avis. “Hey!..." Kollins wollte einwand erheben, doch Bea und Florian unterbrachen ihn. "Hast du das von Andrea gehört? Sie ist anscheinend wieder in der Gegend." Das breite Grinsen in Frederics Gesicht gefror. "Ja. Kathlin hat sie gestern im 'Fudge' gesehen."
Frederics Gesicht wandelte sich in Panik. Ein Gesichtsausdruck, den Avis sehr sehr selten, bei seinem Freund gesehen hatte. Das letzte mal, dass er sich daran erinnern konnte, war in der 8. Klasse gewesen, als Frederic eine sechs in Geografie bekommen hatte. Damals war es zurecht gewesen, angesichts des Monats Hausarrest, den ihm sein Vater auf brummte. Doch jetzt war es offensichtliche etwas anderes als schlechte Kenntnisse der geographischen Gegebenheiten des Kontinents. Könnte ein Drache erblassen, Frederic wäre wahrscheinlich weiß wie ein Albino, da war sich Avis sicher. So riss er nur die Augen auf und faltete seine Flügel etwas auseinander, seine Schwanzspitze zuckte nervös umher, wobei sie immer wieder gegen Tisch oder Stuhlbeine stieß. Bea und Kollins waren zur Seite Gerutscht und das Krokodil bot Avis den Platz neben sich an, wären Frederic, nach Aufforderung durch Florian, neben dem Kater Platz nahm. “Und? Sollte ich wissen wer Andrea ist?" “Frederics Ex." “Dachte das wäre Kathlin gewesen?" “Das war nach Andrea. Hat auch nicht lange gehalten. Sie hat es aber nicht so gut verkraftet wie unsere weiße Königin, ist immer noch ziemlich sauer." “Es sind zwar eigentlich nur Böse Klischees über Kojoten, aber auf sie treffen sie Hundertprozentig zu." “Hatte sie damals nicht etwas gesagt in Richtung, sie wird dich Häuten und eine Handtasche aus dir machen?" “Neben bei, sie trägt keine Handtaschen." ergänzte Bea. “Ach, so schlimm wirds schon nicht werden. Sie ist bestimmt schon darüber hinweg." Frederics Stimme verriet sofort, dass er selbst nicht daran glaubte.
“Glaub mir, sie ist nicht darüber Hinweg. Und sie hat einen eigenen Raum für ihre Trophäen. Und das 'weiße Königin' bekommst du zurück Florian. Verabschiede dich schonmal von deinem zweiten Ohr, oder finde schnell etwas anderes um es wiedergut zu machen!" Der Kater hob schnell eine Pfote und winkte den nächsten Kellner zu ihrem Tisch, während Frederic einen weiteren Stuhl für Kathlin heran zog. Was war so schlimm an 'Weiße Königin'? Das musste einen Hintergrund haben, dachte Avis, doch traute er sich nicht in ihrer Anwesenheit danach zu fragen. Vielleicht spricht er Frederic mal darauf an, wenn sie nicht dabei war. Allgemein gab es eine Menge Dinge über die er mit Frederic reden wollte. “Was führt dich in dieses Establishment?" "Freigetränke" sie nickte in Richtung Florian, "die Atmosphäre und die netten Leute. Außerdem ist hier der einzige Laden des gesamten Stadt in dem es Flammland Cidre gibt." Was sich, auf unerklärliche Weise, offiziell Cirde schimpfen durfte, war in wirklichkeit ein Gebräu von einer Vulkaninsel im Norden des Kontinents, deren Population seit jeher zu großen Teilen aus Drachen, Phönixen und sonstigen Feuer liebenden Kreaturen bestand. Entsprechend waren auch vieler der traditionellen Speisen und Getränke von dort, für andere Wesen irgendwo zwischen schwer genießbar, bis Gesundheitsgefährdend. Avis selbst hatte einmal Flammland Cidre probiert. Es schmeckte Grundlegend gar nicht so schlecht, bis sich das schleichende Gefühl breitmacht, deine Schleimhäute wären in Benzin getunkt und anschließend in Brand gesteckt worden, das sich von der Mitte der Speiseröhre sowohl in Richtung Rachen, als auch in Richtung Magen ausbreitet und auf dem Weg ein Meer aus Schmerzen zurück ließ. Leider hatte Avis eine Verzichtserklärung vor der Einnahme unterschrieben gehabt, wodurch im jegliche Ansprüche auf Schmerzensgeld verwehrt worden waren. Er selbst blieb bei einem dunklen Bier einer lokalen Craftbierbrauerei. Der Abend wurde länger und der Pegel stieg langsam. “Ich habe jetzt einen Job am Hafen." “Drogenspürhund?" stichelte Frederic. “Verladearbeiter." korrigierte Kollins. “Du hast einen Job? So einen Richtigen, mit Arbeitsvertrag?" Florian schien es nicht ganz glauben zu können. “Das mit dem Arbeitsvertrag schauen wir gerade noch, aber ja, ich haben einen richtigen Job, mit festen Arbeitszeiten und festem Lohn." “Du wirst langsam alt." kam es von Bea, doch Kollins störte es nicht. "Woher kommt der plötzliche Sinneswandel?" Der Kater war noch immer Skeptisch. "Hatte einen guten Geist, der mir geholfen hat." "Dass einen Hallus überreden aufzuhören ist mir neu." Frederic hatte sich vorgelehnt und musterte die Hyäne mit seinen Eisblauen Augen. "Wenn die Halluzinationen einen Name, eine Adresse, ein konstantes Einkommen und ein fast morbide wirkendes Interesse haben, einer verkommenen Hyäne aus der Patsche zu helfen, nehme ich Hilfe gerne an." Bea stieß ein erstauntes "Oh" aus. "Wer ist die bemitleidenswerte Gestalt, die sich deiner erbarmt hat?" "Tascha. Sie ist Paartherapeutin. Fantastisches, schwarz silbern glänzendes Fell..." Kollins begann zu schwärmen. "Und? 'Was' ist sie?" "Stinktier!" Fauchte Kollins, als würde die Frage ihn direkt angreifen. "Ich wollte nur sicherstellen, dass du nicht Schnee Adler sagst." Die weiß gefiederten Vögel stammten aus einer Region in der Nähe des Südpols und waren so weit Nördlich äußerst selten. “Mach ihn doch nicht so runter!" versuchte Bea zu beschwichtigen. “Immerhin scheint sie, wenigsten direkt auf den ersten Blick, keine narzisstische Psychopathin sein." Frederic zog etwas den Kopf ein, seine Flügelspitzen schützen nach vorne gestellt. Sie hatte ihn persönlich getroffen. “Und? Bringst du sie mal mit und stellst sie uns vor?" “vielleicht…" murmelte Kollins, dem die Menge an Aufmerksamkeit, die sich auf ihn konzentriert hatte, sichtlich unangenehm war.
Avis hatte das Zeitgefühl verloren. Der Abend wurde spät, so spät, dass zum Schluss der Orca zu ihrem Tisch kam und darauf hinwies, dass der Laden schloss. Frederic klopfte dem Türsteher auf die Schulter. "Danke für die Info Großer." Frederic winkte einer Bedienung zu und die Gazelle brachte die Rechnung. "Zusammen oder Getrennt?" "Ich übernehm alles!" verkündete Frederic mit einem breiten, scharfzahnigen Grinsen. "Hast du im Lotto gewonnen?" Doch Frederic reagierte nicht auf Kathlins stichelei, sondern zog zwei Scheine aus seinem Geldbeutel und reichte sie der Kellnerin, einer Honigbiene. "Stimmt so." "Pass auf dass Carl nicht mitbekommt wie du mit Geld umgehst. Der erhöht dir sonst noch die Miete." “Er wird es niemals erfahren. Außerdem schaue ich zur Zeit sowieso nach einer eigenen Wohnung. Wird langsam etwas eng mit den zwei Turteltauben. Also falls jemand von euch was hat, gerne melden." Die Ankündigung schien zumindest Bea, Florian und allen voran Kathlin sichtlich zu überraschen. Doch Frederic wollte nichts weiter dazu kommentieren. Vor der Tür trennten sich ihre Wege. “Hey. Könntest du mich nach Hause fahren?" Frederics Frage war an Avis gerichtet. Er schaute kurz zu Tim und Tamara, welche etwas abseits standen und die Köpfe zusammen gesteckt hatten. Die Papageiin bemerkte Avis Blick und verstand was er wollte. “Du kannst schon mal fahren. Wir haben noch was vor." Tim hatte auch den Kopf gehoben und warf ihnen viel sagende Blicke zu. “Dann noch viel Spaß euch beiden!" Bea grinste in die Richtung der beiden, legte einen Arm um Florians Schulter und schleifte den Kater davon. Frederic und Avis blieben allein vor der Bar zurück. "Da wir jetzt wieder Quitt sind und ich absolut keine Lust habe nach Hause zu laufen, wärst du so nett mich mitzunehmen..." " Glaubst du du findest noch jemanden im Wohnheim der sich ein Zimmer mit dir Teilt?" "... und Zuhause ab zu setzten?"
Auf dem Weg zum Auto und auch wärend der Fahrt ließ Frederic Avis kaum zu Wort kommen. "... erinnerst du dich noch an Natalie?" Wie könnte Avis sie vergessen. Die Kea, die in der 3. Klasse vor ihm gesessen hatte und in die er damals haltlos verschossen gewesen war. “Habe sie letztes Jahr wieder getroffen. Sie ist jetzt eine Anwältin. Personenrecht..." Doch Avis unterbrach ihn. “Können wir über Mittwoch sprechen?" “Das Safehouse?" “Dein Monolog." Frederic schien erstaunt. “Du warst wach?" “Und habe jedes Wort gehört." Der Drache schien etwas verwegen. “Es tut mir ernsthaft leid. Auch dass du mich von der Polizei abholen musstest. Ich wusste einfach nicht, wen ich sonst anrufen sollte." Es erstaunte Avis ein bisschen wie schnell Frederic auf den Punkt gekommen war. Er wollte seinen Freund nicht drängen, aber dennoch merkte er sehr deutlich, dass mit dem Drachen irgendetwas überhaupt nicht in Ordnung war. “Was ist mit Carl, oder Bruce?" “Die beiden haben genug mit sich selbst zu tun… ok. Das klang seltsam. Sagen wir, die haben ihre eigenen Probleme und ansonsten habe ich nicht wirklich Personen, die ich als Freunde bezeichnen würde." In seiner Stimme lag bedauern. “Was ist mit Kollins, Bea, oder Florian?" “Die haben auch mehr als genug um die Ohren. Außerdem bin ich für einige von ihnen sowas wie ein großer Bruder und ich möchte mein Image nicht versauen." “Cathlyn?" “Meine Ex? Dein ernst?" Die Frage hatte etwas vorwurfsvolles an sich. “Ich finde sie nett…" “Die Prinzessin im Elfenbeinturm soll mir mit meinen weltlichen Problemen helfen? Tolle Idee." “War nur ein Vorschlag." verteidigte sich Avis. “Du hast das Fenster immer noch nicht reparieren lassen?" Avis war kurz irritiert von Frederic feststellung, bis ihm Auffiel, dass auf der Beifahrerseite, deren Fenster Kollins bei ihrer ersten Begegnung eingeschlagen hatte, noch immer notdürftig mit einer Plastikfolie geflickt war. “Bin irgendwie noch nicht dazu gekommen." Die Wahrheit war, dass Avis es bisher schlicht vergesse hatte. “Wir könnten uns die nächsten Tage mal treffen. Ich kenn da jemanden, der dir bestimmt einen guten Preis machen könnte." Avis zweifelte über die Qualität, doch der Restwert der Blechschildkröte die er fuhr, war nicht sonderlich hoch. “Ich weiß nicht… Kenne ich denjenigen?" “Wie wäre es mit der Hyäne, die die Scheibe eingeschlagen hat. Wäre doch so etwas wie eine Wiedergutmachung." Kollins? “Er hatte doch gesagt er arbeitet am Hafen?" “Der macht sein Geschäft nicht einfach dicht. Dazu hängt er zu sehr an dem Zeug." antwortete Frederic grinsend.
Ein paar Steine knirschten unter den Reifen seines Autos, als Avis in seine Parklücke auf dem dem Parkplatz des Wohnheims einbog. Die Abgesägten Baumstümpfe, die vor dem Sturm zwei große Stolze Eichen gewesen waren, standen trostlos neben der asphaltierten Fläche und würden im nächsten Sommer keinen Schatten bieten. Er hatte Frederic zuhause abgeliefert und sie hatten vereinbart, dass er mit Kollins einen Termin aus machte. Der kalte Wind zauste Avis Federn, ein weiterer Grund sich zu beeilen ins Wohnheim zu kommen. Ein wirbel aus trockenen, braunen Blättern folgte ihm in den kleinen Eingangsbereich und sank langsam auf den harten Kunststoffboden. Es war kurz nach 23 Uhr. Irgendwo einige Stockwerke über ihm knallte eine Tür. Jemand schrie. Laut. Dem Geräusch nach eine Fledermaus und Avis war froh sich nicht auf demselben Flur mit ihr zu befinden. Das Geländer der Treppe schwang noch immer von dem Hochfrequenten Schrei, als Avis die Stufen zum ersten Stock hinauf stieg. Das Zimmer war leer. Tim war noch nicht wieder da, wahrscheinlich übernachteten er und Tamara außerhalb. Avis merkte, dass er durst hatte. Er kramte etwas in dem Chaos, dass die Boden zwischen den beiden Betten bedeckte, konnte jedoch nichts finden. Er kickte einen Stapel Pullover weg, doch auch darunter kam nur eine zerknitterte Jeans und ein Netzteil mit abgeknicktem Kable zum vorschein. Vielleicht hatte es noch etwas in der Küche. Einige Freiwillige füllten den Kühlschrank dort unregelmäßig mit frischen Getränken auf und für einige Pado konnte man sich dort bedienen. Schon von weitem konnte Avis die große, schlanke Gestalt, an der Bar sitzen sehen. Die spitzen Ohren, das orangerote Fell und das glatte, schwarze Hemd ließen wenig zweifel zu. “Was machst du hier?" Begrüßte Avis den Rotfuchs, während er sich an ihm vorbei in den kleinen Bereich hinter der Theke quetschte. Marcus schreckte von seinem Handy auf. “Oh. Hi Avis." Avis grub derweilen schon im kleinen Kühlschrank unterhalb des Tresens nach einer Flasche Mandelmilch. Teil seiner eigenen, artgerechten Ernährung. Er schmiss ein paar Münzen in die Blechdose, die am Rand der Theke stand. “Also. Was machst du hier? Sind bei euch die Getränke leer?" “Nee, aber doppelt so teuer… nein Spaß, Terrence hat was zu erledigen und hat gefragt, ob ich kurz hier auf ihn warte." Avis zog einen der, etwas abgeratzten, aber dennoch erstaunlich bequemen Hocker her und ließ sich neben dem Fuchs nieder. “Wie läufts bei dir gerade?" Avis bemerkte, dass sie die letzten Wochen kaum geredet hatten. “Och, ganz gut…" doch aus seiner Stimme konnte Avis heraushören, dass etwas den Rotfuchs bedrückte. “Wirklich?" Bohrte er weiter nach, bevor er sich einen großen Schluck Mandelmilch genehmigte. “Ich weiß nicht was los ist, aber Terrence hat sich verändert… manchmal erkenne ich ihn kaum wieder." Der Fuchs ließ den Kopf hängen. “Was hat sich denn verändert?" “Er spricht kaum mit mir, wenn er es tut, tut er so, als wäre alles normal. Ich weiß nicht wie ich an ihn rankommen soll." “Schon mal eine Paar Therapie versucht? Ich glaube die von Psychologie und Soziologie bieten da etwas an." War die Aussage unsensibel gewesen? Therapie und Psychologische behandlung hatte leider noch immer ein gewisses Stigma in der Gesellschaft. Doch Marcus blickte von der leicht schmierigen Oberfläche des Tresens auf. “Hast du das ernst gemeint?" Seine Stimme klang ernst, aber nicht vorwurfsvoll. “Äh…" Avis zögerte. “Ja?" “Du glaubst wirklich dass wäre eine gute Idee?" Noch immer lag in der Stimme des Fuchs keine Spur von Vorwurf, nur etwas Unsicherheit. “Vielleicht könntet ihr euch aber auch jemanden professionellen in der Stadt suchen, doch wenn ihr was in der Nähe sucht, könntet ihr es ja mal probieren." “Hey Avis" Die Stimme kam von hinter ihm. Avis drehte sich auf dem Hocker und erblickte Terrence, etwa zwei Meter von ihnen entfernt, über der Schulter eine Sporttasche. “Danke dass du meinen Freund unterhältst." Er wandte sich an Marcus. “Kommst du Großer!" Er zupfte am Ohr des Fuchses, an das er jedoch aufgrund der Höhe des Säugetiers, der zusätzlich noch auf dem Hocker saß, nur mit Mühe heran kam. “Klar Schatz." Er setzte ein falsches Lächeln auf, sprang vom Hocker und folgte dem Salamander. Avis griff sich seine Flasche und machte sich auf den Weg zurück in sein Zimmer.
Tim lag auf dem Bett, die Beine übereinander geschlagen, sein Laptop auf seiner Brust, der Bildschirm nur knappe 40 cm von seinem Gesicht entfernt. Er bemerkte nicht, dass Avis das Zimmer betreten hatte und die dünnen Kable, die aus seinen Ohren kamen und zur Seite des Geräts liefen, verriten Avis, dass er in irgendetwas vertieft war. Er tippelte durch das Chaos auf dem Boden und ließ sich auf sein Bett fallen. Mit einem lauten Knacken brach eines der morschen Bretter des Rosts. Tim schien nichts mitbekommen zu haben und starrte weiter auf seinen Laptop. Avis rutschte etwas zur Seite und testete, ob das Bett noch genug Stabilität aufwies, um darauf zu schlafen. Er kam zur Konklusion, dass er es riskieren würde und ließ sich auf seinen Rücken fallen. Es gab ein weiteres Knacken, doch der verbliebene Rest des Rosts hielt stand.