Kapitel 35
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Prolog 4
Die Antarktisstation South Heavensgate machte ihrem Namen keinerlei Ehre. Der fünfteilige Wohn- und Arbeitskomplex behauptete seinen Standort seit nunmehr 250 Jahren, verschiedene Module waren regelmäßig überprüft und nötigenfalls ausgetauscht worden, anfangs wurde noch frische Farbe verwendet, später selbst das nicht mehr und die Ersatzteillieferungen waren mehr als fragwürdig geworden.
Es war im wahrsten Sinne des Wortes kalt wie eine Hundeschnauze, die Heizung funktionierte mittelmäßig, aber bei halbwegs konstanten 16 Grad Celsius war die Produktivität der Insassen gegeben, an den Wänden bröckelte die Farbe ab, der Stromgenerator setzte innerhalb von vierundzwanzig Stunden mindestens viermal aus, ließ sich nur mit Mühen wieder in Gang bringen. Und wenn er denn mal lief, dann flackerte das Licht, da die Spannung nicht sonderlich stabil war. Vom ehemaligen Glanz der ohnehin schon bescheidenen Behausung war also nicht mehr viel geblieben, noch weniger vom geradezu epischen Namen. Süden? Ja, als im Süden gelegen, konnte man ein Gebäude in der Antarktis bezeichnen. Vom Himmelstor war dagegen eher wenig zu sehen, wenn man von den Polarlichtern in der gerade andauernden südpolaren Nacht absah.
Aber die vier Wissenschaftler waren froh bei ihrer Arbeit und stellten die unterschiedlichsten Bohrungen an.
Heute war ein Freitag, ein Freitag der dreizehnte und er sollte seinem Namen alle Ehre machen, obwohl keiner der dort Ansässigen abergläubisch war.
So zogen zwei Männer und zwei Frauen zum x-ten Mal in die Kälte, welche an diesem Tag mal wieder die fünfzig Grad unter Null erreicht hatte, um der Antarktis ein weiteres Loch zu verpassen.
Wichtig war es, um die Stärke des Eises zu messen, um es anschließend zu schmelzen und diverse Untersuchungen bezüglich seiner Zusammensetzung und auch vorhandener Mikroorganismen anzustellen.
Eine ausgezeichnete Stelle hatte die iranische Biologin Nia Aahoo gefunden und diese dem schwedischen Polarforscher Scott Adwardson anhand der Karte schmackhaft gemacht.
Als sie die Stelle mit einer Schneeraupe nebst Anhänger erreichten, stoppten sie.
Nichts verriet was sie finden würden, nichts wies daraufhin, was sich tief unter dem Eis verbirgt, was sich vor Jahrmillionen hier ereignet hatte. Wie auch, waren die einzigen Zeugen schon längst ausgestorben und nur noch als Knochenfragmente aufzufinden. Zunächst begraben unter kilometerdicker Gesteinsschicht, später abgedeckt durch fast ebenso dickes Eis.
So hatten die vier keinen blassen Schimmer von dem, was auf sie zukommen sollte, keine Vorstellung von dem, was ihnen in Kürze bevorsteht und noch weniger davon, welche Kette von Ereignissen in Gang gesetzt würde.
Kapitel 35
ach wäre es nur dort geblieben
„So, da wären wir“, verkündete Nia Aahoo, frierend, aber trotzdem frohen Mutes.
„Deinen Enthusiasmus möchte ich haben, wenigstens die Hälfte würde mir reichen“, knurrte die deutsche Geologin Bibi Majowski.
„Egal. Fangen wir an. Mich würde nur interessieren, warum dir gerade diese Stelle so wichtig zu sein scheint?“, fragte Adwardson.
„Kann ich nicht erklären, wird sich aber zeigen.“
Der aus Kenia stammende Techniker Christian Motomba bereitete das Bohrgerät vor. „Wie tief willst du es denn haben?“, fragte er.
„So tief wie du kannst“, antwortete Nia.
„Schön das ihr euch so gut versteht, aber so genau wollte ich das nicht wissen.“
„Och Bibi. Schön, dass dir dein Humor noch nicht eingefroren ist.“
„Ihr liefert aber auch ständig Steilvorlagen.“
„Holen wir die Ausrüstung vom Rover und bauen das Gerüst auf. Nochmals die Frage, wie tief du bohren willst?“
„Wir gehen diesmal aufs Ganze.“
„Alles klar, also das ganz große Gebäude. Wird aber zwei Stunden dauern.“
„Machen wir uns also an Werk. Ich fahre den Rover näher heran und stelle ihn etwas als Windfang auf, dann bauen wir die Planen auf und schirmen uns so etwas vor der Kälte ab“, gab Bibi zu verstehen und Nia nickte einverstanden.
Wenige Augenblicke später war der Rover passend aufgestellt und die Plane mit Aluminiumstangen im Eis verankert, bot einen passablen Windschutz.
„Ausgezeichnet. Dann bauen wir jetzt das Gerüst auf. Christian, leg schon mal das Gestänge und den Bohrkopf zurecht.“
„Mach ich doch gerne. Aber diesmal steuere ich die Maschine. Beim letzten Mal hattest du mir den Diamantkopf ruiniert.“
„Sorry, ich konnte beim besten Willen nicht ahnen, dass da dieser komische Brocken lag.“ Nia hob entschuldigend die Arme.
„Na schön. Fangen wir mit dem Aufbau an.“
Zwei Stunden später stand das Gerüst und die Maschine war in der Aufhängung verankert.
„Dann fangen wir mal an“, verkündete Christian Motomba fast feierlich und fixierte die erste Stange, verband diese mit dem Bohrkopf und setzte an.
Unter lautem Dröhnen, Kreischen und Knirschen fraßen sich die rotierenden Diamanten in das Eis, schoben sich Zentimeter für Zentimeter tiefer in den Boden.
„Sieht bis jetzt sehr gut aus. Ich verlängere um zwei Zwischenstücke, dann kommen wir schon mal auf sechzig Meter“, merkte Motomba an und stellte den Motor ab.
„Wir tief kommen wir überhaupt?“, fragte Bibi dazwischen.
„Mit etwas Glück zweitausend Meter. Aber tiefer auf gar keinen Fall. Dafür reicht die Ausrüstung nicht.“
„Alles klar, mach weiter“, mahnte Nia an.
„Ich mach ja schon, eure Hoheit.“
Gierig fraß sich sich der Bohrkopf weiter durch das Eis, häufte die lockeren Flocken um das Bohrloch herum auf, drang immer tiefer vor, ließ Motomba nach und nach fast alle Verlängerungen des Bohrgestänges einfügen, bis nur noch drei auf der Raupe lagen.
Stunden waren vergangen, Stunden des Schweigens, eine gefühlte Ewigkeit ohne Zwischenfall.
„Komisch“, entfuhr es Nia. „An dieser Stelle sollte das Eis eigentlich wesentlich dünner sein.“
„Scheint es aber nicht zu sein“, entgegnete Adwardson und schaute fragend auf das Loch.
„War dann wohl doch keine so geniale Idee, ausgerechnet hier zu bohren“, stellte Majowski.
„Das ist sehr merkwürdig“, sinnierte Nia. „Hier sollten wir bei eintausend Metern eigentlich auf Gestein stoßen. Zumindest laut meinen Berechnungen.“
„Vielleicht solltest doch noch mal neu und gründlicher berechnen. Jedenfalls scheint es wohl nicht der Fall zu sein.“
Plötzlich kreischte die Maschine auf, verhakte sich kurz in der Tiefe, ruckelte wieder an, wurde wieder von irgendetwas festgehalten, ruckelte nochmals kurz und brummte anschließend nur noch.
„Na toll“, knurrte Motomba. „War ja wieder klar, dass wir, wenn wir für Nia bohren einen Kopf verlieren. Das ist jetzt schon der zweite. Verdammte Scheiße nochmal. Wenn das so weiter geht, brauchen wir Nachschub und der lässt auf sich warten.“
„Bleib ruhig. Zieh das Gestänge etwas hoch und setz nochmal an. Mit mehr Schwung. Vielleicht ist es nur ein kompakterer Fels. Auf jeden Fall will ich eine Probe.“
„Gut, dann ziehe ich das Gestänge komplett zurück und montiere den Probenbohrer. Immerhin hat es jetzt einen Sinn.“
Wieder vergingen Minuten und nach einer Stunde war es soweit, der Probenbohrer wurde in das vorgefertigte Loch gesenkt, kam an der fraglichen Stelle an.
„Jetzt wird es feierlich. Ich beginne mit der Probennahme“, rief der Kenianer und schaltete den Antrieb ein.
Alle starrten auf den sich drehenden Stab, welcher sich wieder langsam in die Tiefe senkte und endlich auf festes Gestein stieß um sich des Materials zu be-mächtigen.
Zehn Minuten versuchte der Probenkopf in das vermeintliche Gestein einzudringen, schaffte es aber nur wenige Millimeter, dann endlich kam der Durchbruch und der Vortrieb lag schlagartig bei einem Meter.
„Was war das denn?“, wunderte sich Bibi.
„Wenn wir was im Probenbehälter haben, dann scheint es ungewöhnlich zu sein“, entgegnete Nia.
„So etwas habe ich auch noch nicht erlebt. Erst meutert der Vortrieb und dann sticht er plötzlich durch.“
„Sieht nach einem Gestein mit Hohlraum aus“, schlussfolgerte die Geologin.
„Das nenne ich mal sehr präzise“, flachste Adwardson.
„Ich bitte dich. Genaues kann ich erst sagen, wenn wir die Probe sehen und in unserem Labor haben.“
„Okay, dann lasst uns abbauen und in unser kuscheliges Heim zurückkehren.“
Motomba nickte zustimmend und sichtlich erfreut, da sich der Tag rasch dem Ende näherte, die wenigen Stunden Tageslicht zu dieser Jahreszeit nach und nach von der Nacht verschluckt wurden und die eh schon unangenehmen mi-nus fünfzig Grad Celsius in noch unschönere neunundfünfzig absinken würden.
Im wesentlich wärmeren Californien saßen derweil Cruncher, Barnowski, Smithers und sein Stellvertreter Crainer zusammen und berieten über die zu-rückliegenden Ereignisse und ihr zukünftiges Verhalten.
„Schön“, John Smithers schlug auf den, mittig im Raum stehenden, schweren Ebenholztisch. „Egal wie wir es drehen. Wir müssen handeln. Ich werde den Stabschef der Luftwaffe informieren. Alle Piloten müssen in Bereitschaft versetzt werden. Die NASA muss da auch mitspielen und dann werden die Russen auch sehr interessiert sein. Es ist besser, wenn die alles von uns erfahren, als von unserer neugierigen Presse. Nichts wäre schlimmer als eh schon vorhandenes Misstrauen noch zu forcieren.“
Cruncher nickte. „Gut, ich würde vorschlagen, dass wir es hierbei belassen. David, jetzt liegt es an dir, aber ich kenne dich und daher mache ich mir keine Gedanken.“
„Danke für die Blumen, aber dafür werde ich ja schließlich bezahlt.“
Barnowski fühlte sich die ganze Zeit über sichtlich unwohl und wie auf einem Seziertisch, war daher ungemein froh, als sich die kleine Runde auflöste.
Leider war das Treffen nichts unbemerkt geblieben und ein findiger Schreiberling der Times, natürlich rein zufällig, in der Gegend. Er hatte sich, natürlich rein zufällig, auf die Lauer gelegt und einen Fotoapparat dabei.
Als Cruncher und Barnowski das Gebäude betreten hatten, ahnte er, dass et-was vor sich ging, aber als dann noch der Verteidigungsminister und sein Stellvertreter erschienen, sich umsahen und dann erst im Haus verschwanden, war er sich sicher, dass das die Gelegenheit für eine Hammerstory sein könnte.
Und schon rollte am nächsten Tag die Flutwelle an Stammtischparolen, Haarspaltereien und diffusen Versionen des Treffens über die Druckerpressen, fanden sehr schnell ihren Weg zu den TV-Stationen, ins Radio und Internet.
Die Angstmacher witterten ihre Chance und sprangen auf den fahrenden Zug auf, verkündeten das Ende der Welt. Andere gruben Verschwörungstheorien aus und schrammten an der Wahrheit meilenweit vorbei. Wieder Andere waren eher leise, aber mit ihrer Ansicht fast punktgenau gelandet, wurden aber durch die auch so tolle öffentliche Meinung als Spinner hingestellt.
Smithers war außer sich, als er am nächsten Mittag sein Büro betrat. Er hatte zuvor alles zusammengetrommelt was auf den Beinen war.
„Ich möchte wissen was das soll. Wo kommen diese dämlichen Sprüche her?“
„Ja“, begann sein Stellvertreter. „Wir sollten uns mal diesen Zeitungsfuzzi schnappen und etwas auf den Zahn fühlen.“
„Was soll das bringen? Jetzt ist es eh zu spät, das Kind in den Brunnen gefallen.
Schauen sie sich nur dieses Geschmiere an. Wir wissen nicht mal was wirklich los ist, aber die haben scheinbar die Weisheit mit Löffeln gefressen.“ Er schmiss die Zeitungen von seiner Seite des Tisches aus einzeln quer über den Tisch.
„Hier, lesen sie selbst. Times: „Stehen wir am Rande eines interstellaren Krieges?“, Daily News: „Cruncher in Not?“, The Daily Breeze: „Was kommt da auf uns zu? Freund oder Feind im All?““
„Alles nur Geschmiere um das wir uns nicht sorgen müssen. Die basteln sich ihre eigene Wahrheit, wie immer“, warf Linkin ein.
„Mein lieber Herr Linkin“, säuselte Smithers, „Gerade sie als Sprecher des weißen Hauses sollten wissen, wie schnell sich solche Zeitungsparolen in den Köpfen der typischen Kleingeister festsetzen.“ Er setzte eine kurze Pause ein, sah auf die Tischplatte, richtete sich auf. „Also schön, gebt mir den Stellvertreter des Präsidenten im Kreml. Ich bin gezwungen den Plan zu ändern und vorzu-greifen und auf der anderen Leitung will ich Cruncher und diesen Barnowski“, setzte er sichtlich gereizt fort.
In der weißen Wüste der Antarktis waren die vier verwegenen Eislochbohrer in die Station zurückgekehrt, hatten die gewonnene Probe ins Labor gebracht, sich umgezogen und erstmal bei einer Tasse Kaffee aufgewärmt.
Die Geologin Majowski war die erste, die das Labor später betrat und einen einsetzenden leichten Verwesungsgeruch bemerkte.
Osiris hatte, wie bereits erwähnt, die Nase gestrichen voll. Erst erschien dieses kleine Schiff, der Funk musste gestört werden, dann verschwand es in einem Lichtblitz, keiner wusste was das war und zu allem Überdruss war er jetzt über den Datentransfer informiert, dass sich der kleine Forschungsraumer der Menschen im Elara-System befindet, von einem Cheritkreuzer namens Ra-em abgefangen wurde und eben dieses Schiff sich auf dem Weg zur Erde befindet. Damit noch nicht genug, nein, mitnichten, eine kleine Armada von fünf umgerüsteten und schwer bewaffneten Kreuzern sollte noch folgen.
Er saß da, überlegte lange, dann stand sein Entschluss fest.
„Ptah 39, hier spricht Administrator Osiris. Lassen sie Kurs setzen, zur Erde. Maximaler Schub. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Wir geben unsere Deckung auf.“
„Hier Ptah 39. Verstanden!“
Osiris schaute auf die Monitore, die Glasfront, die zum Schiffsinneren zeigte und war sichtlich angesäuert. Er stand auf, ging etwas im Raum herum, stand vor der linken Seitenwand, drehte sich zu den Anzeigen um, dachte nach. Schließlich schrie er: „DAS IST NICHT RICHTIG! DAS IST MIST!“, drehte sich bei den letzten Worten mit Schwung zur Wand zurück und trat voller Wucht mit dem rechten Fuß davor.
Mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht humpelte er zum Sessel zurück, setzte sich wieder, vergrub sein Gesicht in der Linken und murmelte leise: „Das ist alles falsch, einfach nur falsch und wir werden diese armen Irren auf der Erde wieder in die Steinzeit katapultieren.“
Während Smithers im erlauchten Kreise saß, wurde an anderer Stelle an der Kommunikation mit Russland gearbeitet und war schließlich von Erfolg gekrönt.
„Wir haben den Verteidigungsminister“, ertönte die Stimme aus dem Lautsprecher der kleinen Wechselsprechanlage.
Smithers drückte auf die Gegensprechtaste. „Auf den Wandschirm. Sofort!“
Das Gesicht von Belrukin erschien und er war sichtlich ungehalten. „Was zum Teufel geht bei ihnen vor?“
„Entschuldigen sie die Störung Herr Amtskollege, aber es sind Dinge aufgetreten, die unser Handeln erfordern.“
„Es ist ein Uhr Moskauer Zeit. Meinen sie, dass ich nie schlafe?“
„Doch, aber ich glaube, dass sie gleich wach sein werden.“
„Dann versuchen sie mal ihr Glück, Mr. Smithers.“
„Sehr gern. Ich gebe mal an ihren Landsmann ab. Herr Barnowski, wären sie so freundlich?“
Der russische Raumfahrtexperte ließ sich nicht lange bitten und berichtete ausführlich über die zurückliegenden Ereignisse.
Nachdem der geendet hatte, verfinsterte sich das Gesicht des russischen Verteidigungsministers merklich. „Sind diese Daten absolut sicher?“
„Absolut!“, bestätigte Barnowski.
„Gut! Jetzt bin ich wach.“
„Das war mir klar“, versuchte Smithers die Situation etwas zu entkrampfen, hatte aber mäßigen Erfolg.
„Bleiben sie in der Leitung. Ich verständige die Gemeinschaftsanlage im Kaukasus. Die sollen das überprüfen.“
„Machen sie das.“
Der Russe drehte sich zur Seite, schaute scheinbar auf einen anderen Bildschirm und begann mit jemandem in schwerem altrussischen Dialekt zu diskutieren.
Das Hin und Her dauerte ganze dreiundzwanzig Minuten, dann beendete er die Verbindung, drehte sich wieder zum Videoschirm, hatte ein merkwürdiges Grinsen um die Mundwinkel und räusperte sich. „Nun ja. Wir haben da auch etwas Neues.“
„Ich dachte eigentlich, dass wir die Neuigkeiten hätten“, seufzte Linkin.
„Das hatten sie in der Tat. Aber nachdem was unsere Radioteleskope registriert haben, bewegt sich da draußen etwas.“
„Was tut es?“
„Es bewegt sich.“
„Sekunde.“ Smithers griff zum Telefon und war wenige Minuten später im Bilde. „Na schön. Unsere Abteilungen haben es auch auf dem Schirm. Was es ist, wissen wir noch nicht.“
„Wir auch nicht, aber das sollte sich bald ändern.“
Bei den Polarteam regte sich auch nichts. Das heißt, es bewegte sich schon et-was, zunächst die Forscher, dann deren Gemüter.
Nachdem Nia Aahoo ebenfalls das Labor betreten hatte und Christian Motomba sowie Scott Adwardson erschienen waren, fiel es allen auf.
Der Verwesungsgeruch, den Bibi Majowski bei ihrem Eintreten schon bemerkt hatte, war stärker geworden.
Die vier umringten den Probenbehälter des Bohrkopfes und öffneten ihn. Die Wärme der Einrichtung hatte die Oberfläche des Inhaltes schon etwas angetaut und der Geruch ging schlagartig in einen feinen süßlich-durchdringenden Gestank über.
„Was zum Geier ist das?“, fragte Bibi.
„Ich nehme eine erste Probe und schicke sie durch die Analyse“, merkte Nia an und schritt direkt zur Tat. „Das kann jetzt allerdings etwas dauern.“
„Wir sind warten gewohnt. In der Antarktis lernt man schnell, dass alles langsam geht“, sinnierte Christian.
„Wer hat Hunger?“, fragte Bibi plötzlich in die Runde.
„Ich“, kam die prompte Antwort auf drei Kehlen.
„Dann kommt. Mir knurrt der Magen.“
Die Anthros Voyage war auf der Ra-em im Hangar eins gelandet, die Chafren und Menschen hatten sich im Speisesaal versammelt, Cromwell war in seinen bekannten Bereich gebracht, in ein Quartier gesetzt worden und zwei Wachleute aufgestellt. Sicher war sicher.
Während die Füchse der Bedienung alle Hände voll zu tun hatten, nuckelte die kleine Zoya derweil vergnüglich schmatzend an Jodys linker Brust.
Apophis beobachtete die beiden dabei und lächelte versonnen.
Jody schaute auf, sah ihm ins Gesicht und grinste schelmisch. „Hey, großer Kater. Ich kann deine Gedanken lesen, aber vergiss es erstmal.“
„Kommt mir sehr bekannt vor“, mischte sich Tarja ein und musste kichern.
Chiron sagte nichts, schaute nur angestrengt zur Decke und kratzte sich beiläufig unter dem Kinn.
„Schön. Da sind wir wieder und nichts hat sich geändert“, stellte Cyron laut fest.
Da öffnete sich die Tür und Drekal nebst Syrgon traten ein. „Hey!“, rief der Wolfsrüde und ging schnell auf die Gruppe zu.
„Aber hallo, Syrgon. Wie geht es dir?“, fragte Stella.
„Wie ihr seht, sehr gut.“
„Drekal. Schön dich zu sehen“, wandte sich Sitara an die Wölfin.
„Es freut mich, trotz der Umstände, dass wir alle wieder beisammen sind.“
Isis stand etwas abseits und hielt sich im Hintergrund. Nachdem sich alle überschwänglich begrüßt hatten, drehte sich Drekal seitlich, beachtet die Antermerianerin aber nur nebenbei. Die fühlte sich jetzt allerdings etwas überflüssig und wollte sich doch etwas ins Gerede bringen.
So nahm sie dies zum Anlass und überraschte alle Anwesenden, egal ob Chafren, Cherit, respektive die der Bedienung und jene, welche sich gerade in ihrer Pause befanden, mit der folgenden Vorstellung.
Sie atmete leise, aber tief durch, entfaltete ihre zusammengelegten Schwingen komplett, hob sie an, stand als schlanke, zierliche, weibliche Figur, welche links und rechts je einen schneeweißen Flügel von sechs Metern Länge und einer Fläche von jeweils zwölf Quadratmetern ausbreitete, mitten im Raum.
Den Anwesenden verschlug es den Atem. Jeder konnte sich jetzt vorstellen, warum die alten Ägypter und auch andere alte Kulturen die Antermerianer als Götter angesehen hatten.
„Hallo“, begann Drekal, „ich vermute, dass du Isis bist.“
„Das ist richtig. Ich grüße dich, Captain der Ra-em. Allerdings fühle ich mich im Moment wie das berühmte fünfte Rad am Wagen.“
„Entschuldige bitte, wenn wir unhöflich erschienen.“
„Ist schon in Ordnung. Ich gehöre immerhin nicht zur bekannten Gemeinschaft.“
„Nun ja, wenn man es recht nimmt. Aber ihr seid hier und nunmehr ein Teil des Ganzen.“
„Sagen wir lieber, wir sind der Auslöser des Ganzen.“
„Das stimmt allerdings“, warf Chiron ein. „Es ist, wenn man es genau betrachtet ein ziemliches Verwirrspiel und eine sich immer mehr aufbauende Woge aus Hinterlassenschaften vorangegangener und verschwundener Zivilisationen auf Genro, dem Mond Cyndra, Festrid und der Erde.“
Wieder öffnete sich die Zugangstür zum Speisesaal und diesmal traten Sinja und Grey ein. Wieder gab es eine wahre Begrüßungsorgie und Grey wurde mehrfach fest in die Arme genommen.
„Wie geht es dir?“, fragte Apophis.
„Sehr gut. Ich habe lediglich das Gefühl, dass ich für den Rest meines Lebens genug geschlafen habe“, erwiderte der Säbelzahntiger.
Erneut öffnete sich die Tür und Zeus erschien, begleitet von Skort, Binder und Shana Grant.
Eine Füchsin der Bedienung, welche gerade einen Teller mit einem hinreißend duftenden Auflauf brachte, pfiff erstaunt als sie ihn sah.
„Danke, danke“, rief der schwarze Einhorn-Anthro und wurde dabei nicht einmal verlegen. Er genoss es sichtlich, dass er bei seinem Auftauchen schnell im Mittelpunkt stand.
„Hallo, ich bin Samira“, sagte die Füchsin, nachdem sie den Teller abgestellt hatte und sich dem Hengst zuwandte.
„Aber hallo, Samira. Ich bin Zeus.“
„Ja, das konnte ich mir fast denken, nachdem, wie du hier aufgetaucht bist.“
„Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich jeden Raum für mich einnehme, obwohl ich es nicht will.“
„So so. Nicht nur künstliche Räume, wenn ich mich recht entsinne“, polterte Jody dazwischen.
Jetzt wurde Zeus doch etwas verlegen und räusperte sich. „Das war eine Ausnahmesituation.“
„Für dich oder die andere Seite?“
„Für mich auf jeden Fall. Aber da stehe ich drüber.“
„Nun gut. Belassen wir es dabei“, erwiderte Jody und wandte sich wieder ab und der kleinen Zoya zu.
„So, jetzt aber mal zur Sache. Wir sind jetzt alle an Bord. Gibt es auf Genro noch jemanden der mit wollte, aber vergessen wurde?“
Grübelnde Gesichter machten sich bei den Chafren breit, da traten Cayla und Keket ein.
„Wie ich sehe habt ihr die Party schon ohne uns gestartet“, rief Cayla beim Eintreten.
„Party?“, murrte Cyron. „Wenn das ne Party ist, dann weiß ich ja nicht.“
In diesem Moment piepte das Intercom und Drekal ging zur rechten Seitenwand, betätigte den Taster. „Drekal hier, ich höre.“
„Captain, eine Fähre von der Osiris bittet um Landeerlaubnis, um zwei Personen und Material abzuliefern.“
„Verstanden! Erlaubnis auf Hangar drei erteilt. Ich komme da hin.“
„Aye, Captain!“
„So, wir scheinen noch Besuch zu bekommen. Ich bin dann mal weg“, sagte die Wölfin kurz, drehte sich um und verließ den Saal.
„Da bin ich ja mal gespannt, wer das sein soll“, rätselte Jody.
Im Hangar drei landete inzwischen die angekündigte Fähre und Drekal traf zeitgleich ein. Nachdem sich das Schott geöffnet hatte, erschienen zwei Personen, verließen das kleine Shuttleschiff.
„Ach ne“, entfuhr es der Wölfin. „Was treibt euch denn zu uns?“
„Hadron hatte Sehnsucht nach seinen Jagdgefährten“, verkündete Ariana.
„Ah ja. Ich hoffe, dass Captain Theseus mit dem Wechsel einverstanden ist.“
„Ja. Ich habe die Genehmigung erhalten.“
„Ausgezeichnet. Es reicht nämlich schon, dass ich mit einem verrückten Esel namens Seth Ärger habe. Da brauche ich einen grimmigen Widder nicht auch noch an der Backe.“
„Oh oh. Was ist passiert?“, fragte Ariana sichtlich betroffen.
„Das, was man von einem Esel erwarten kann. Eine Eselei, welche seine Mannschaft widerspiegelt und geradezu provozierend ist.“
„Da kann ich nicht mitreden, aber, dass er ein ziemlicher Draufgänger ist, kann ich bestätigen.“
„Du meinst, er ist ein Frontschwein? Um es mal sehr salopp auszudrücken.“
„Ja. So würde ich es ausdrücken. Er hat familiär bedingt einen leichten Knacks weg was Menschen betrifft und jemanden der sich auf deren Seite stellt respektiert er nicht wirklich. Er ist eher der Typ der klare Kante zeigt. Da sind zu viele Dinge in der Vergangenheit passiert“, erklärte Ariana. „Aber ansonsten ist er doch recht umgänglich, mag es aber sehr direkt.“
„Vielleicht braucht er einfach mal eine anständige Stute“, konstatierte Drekal recht despektierlich und zuckte mit den Schultern. „Melina wäre bestimmt eine gute Partie, immerhin scheint die genauso zickig zu sein.“
Ariana schluckte kurz, fing dann an zu lachen. „Nein! Bestimmt nicht, außerdem ist sie vergeben.“
„Ach so?“, entfuhr es Hadron. Er schaute seine geliebte Löwin etwas schief von der Seite her an und runzelte die Stirn.
„Ja. Die hat ihren ersten Offizier.“
„Cebal?“, entglitt es Drekal, etwas lauter als gewollt.
„Genau der. Zumindest versuchen die beiden es gut geheim zu halten. Na ja, wie man gerade sieht, ohne Erfolg. Da gibt es halt zu viele dienstliche Gespräche zwischen den beiden, welche in ihren privaten Quartieren stattfinden. Danach sind beide immer etwas neben der Spur, wenn du verstehst was ich meine.“
Die Wölfin dachte an Syrgon und nickte lediglich. „Fein, wenn es schön macht. Sollen die beiden ihren Spaß haben.“
Drekal wandte sich an den Shuttlepiloten und gab ihm die Starterlaubnis durch einen kurzen Fingerzeig, drehte sich dann wieder um. „Hadron, Ariana. Geht zum Sicherheitschef auf Deck sieben und lasst euch ein Quartier zu weisen. Wenn mich jemand sucht, ich bin auf der Brücke.“
Sie verließen gemeinsam den Hangar und die Fähre startete.
Als das Löwenpärchen beim Sicherheitschef eintrafen, war der schon informiert. „Na, ihr Turteltauben. Quartier 6.8 und bitte ordentlich benehmen. Ich brauche keine Beschwerden über andauerndes Löwengebrüll. Und jetzt bitte eine Stimmprobe von jedem, damit eure Quartiertür auch nur auf euch reagiert. Außer in Notfallsituation natürlich.“
Nachdem sie die Prozedur überstanden hatten, verließen sie die Räumlichkeiten, um sich in ihr privates Reich zurück zu ziehen.
Drekal erreichte die Brücke, schaute kurz zu Sitral, dann zu Cernos, Colras und Selestral, setzte sich in ihren Sessel, lächelte milde und tippte entschieden auf die Konsole. „Captain Drekal an die gesamte Besatzung. Eine neue Herausforderung steht uns bevor. Wir machen uns auf den Weg zur Erde.
Diesmal jedoch sollen wir die Menschheit als Freunde aufsuchen und sie als Freunde betrachten. Mir ist durchaus bewusst, dass dies im ersten Moment nicht leicht fallen dürfte, egal auf welcher Seite. Unsere Mission ist es, Kontakt herzustellen, Beziehungen aufzubauen und die Menschheit auf einen Kampf gegen eine abtrünnige Antermerianerströmung vorzubereiten. Zuvor treffen wir uns jedoch noch im Asteroidengürtel des irdischen Solarsystems mit der antermerianischen Kampfinsel Byblon. Drekal, Ende!“
Im Speisesaal löste sich die Ansammlung der Chafren langsam auf und alle begaben sich erst zögerlich, aber dann schneller werdend in ihre Quartiere.
Lediglich Isis hatte eine Unterredung mit Drekal anberaumt, da die Wölfin scheinbar noch nicht wusste, dass Osiris im Asteroidengürtel eine kleine Krise und in deren Folge die Deckung verlassen hatte, womit sich die Pläne etwas verschoben.
So kam es, dass die Antermerianerin den Aufzug betrat und auf der Brücke plötzlich in der Tür erschien.
Die erste die auf ihre Anwesenheit reagierte war Selestral, sah sie kurz an und verneigte sich, ebenso die anderen.
Drekal hingegen blieb sitzen, nickte ihr kurz zu. „Hallo, womit kann ich dienen?“
Die Göttin winkte ab und schüttelte den Kopf. „Zuviel der Ehre. Vergiss das Treffen mit der Kampfinsel im Asteroidengürtel. Osiris hatte leider eine Anwandlung und die Tarnung auffliegen lassen. Beide Kampfinseln sind mit maximaler Schubkraft auf dem Weg zur Erde. Ich weiß nicht, was es ausgelöst hat, entweder hat er plötzlich die Nerven verloren oder es ist etwas geschehen, was dieser Handlung bedurfte. Jedenfalls fliegen wir jetzt direkt zur Erde und stellen so schnell es geht den Erstkontakt her.“
Die Wölfin hob eine Augenbraue. „Gut, dass wir das auch erfahren. Sitral! Du hast es gehört. Kurs direkt zur Erde. Subraumtunnel erzeugen. Lasst uns starten.“
Vor der Ra-em bildete sich erst schwach und klein, dann immer stärker und größer werdend ein Strudel, ein Wirbel aus grauen Tönen, welcher nach und nach mit pastell- und violett-Tönen vermischt wurde, welcher zu rotieren begann, in seiner Drehbewegung immer schneller wurde, förmlich ein Loch in den dahinterliegenden Teil des bekannten Universums brannte.
Langsam drang der Cheritkreuzer in diesen Übergang ein und verschwand schließlich, war auf dem Weg zur Erde und damit wieder auf dem Weg in unbekannte Gefilde, unbekannte Abenteuer und in eine Situation, welche sich im Moment als schier ausweglos präsentierte.