Kapitel 6
Imported from SF2 with no description provided.
Kapitel 6
Nachschub
im Jahr 2022
„Graham hier. Ich brauche eine Leitung mit Lawrence“, schnauzte der Präsident der Vereinigten Staaten in den Hörer.
Sekunden später stand die Verbindung und der CIA-Chef meldete sich. „Mister Präsident. Wie war der Antrag vor dem Kongress?“
„Wie man es nimmt. Erst wollten sie mich zerpflücken, dann rückte ich mit einigen unangenehmen Wahrheiten heraus. Danach lief es geradezu von allein. Mit 95% ist der Vorschlag angenommen worden eine Mondbasis zu errichten und zudem hat man bewilligt ein zweites Transportschiff zum Elara-System zu schicken. Ich hoffe mal, dass ihr Informant eine Person von Format ist und schon einen Plan B im Ärmel hat. Ab jetzt übernimmt das Militär und keine angeheuerte Privatarmee. Außerdem wird im Grand Canyon das Forschungslabor ausgebaut und man will erste Ergebnisse sehen“, erklärte Graham kurz und bündig.
„Oh“, entfuhr es Lawrence, „das ging aber auf allen Fronten verdammt glatt.“
„So kann man es sehen. Ab jetzt übernehmen sie und ihr Informant, wer immer der Wahnsinnige auch sein mag. Unterrichten sie ihn und er soll zu sehen, wie er klar kommt. Ich bin ab jetzt wieder raus aus dem Spiel.“
„Verstanden, Sir!“ Er legte den Hörer auf, stand auf und drehte sich zur Fensterfront. So verharrte er geschätzte zwei Minuten, dann drehte er sich zum Telefon zurück und griff wieder zum Hörer. „Geben sie mir Krondal.“
im Jahr 1997
Im Elara-System und damit im Orbit um Genro waren alle Vorbereitungen beendet und die Fracht- und Personalfähren verließen die Hangare und strebten langsam, aber zielsicher der Oberfläche des Planeten entgegen.
Der Sinkflug verlief reibungslos, die Atmosphäre war ohne Zwischenfälle erreicht. Bis auf ein paar Turbulenzen blieb es ruhig. Das Landegebiet kam schnell in Sichtweite und der Rand des Urwalds wurde immer deutlicher sicht-bar.
Allerdings schlich sich ab diesem Zeitpunkt etwas beunruhigendes ein, besser gesagt, es flog heran und begann die Fähren in großem Abstand zu umfliegen, zog nach und nach immer engere Kreise und hatte letztendlich körperlichen Kontakt.
Unter einem lauten Knall wurde eine der Lastfähren getroffen und begann zu torkeln. Die Piloten bemühten sich das Fluggerät unter Kontrolle zu bekommen, aber ein zweiter Aufschlag ließ die Hoffnungen sinken und nur noch den Versuch übrig, dass der Aufprall auf der Oberfläche nicht zu hart wird.
Letztendlich krachte die Frachtfähre mitten in den Urwald, wurde durch die Kronen der riesigen Bäume unfreundlich begrüßt, unwesentlich abgefedert und schlug wie ein Stein auf. Glücklicherweise blieben die beiden Piloten relativ unverletzt, wenn man einen gebrochenen Arm und ein gebrochenes Nasenbein, inklusive Schädel-Hirn-Trauma als nicht sonderlich erwähnenswert empfindet.
Dem Material erging es da nicht besser. Einige der Ausrüstungsgegenstände gingen zu Bruch und sollten später den Wissenschaftlern fehlen.
Aber immerhin waren sie gelandet und entstiegen jetzt seitlich durch die Schleuse, betraten als erste Fremde eine ihnen fremde Welt.
„Wow!“, entfuhr es Kettner. „Das ist ja wie in einem Märchenbuch.“
„Ich verzichte auf Märchen. Vor allem, wenn man darin zum Absturz gebracht wird“, entgegnete Storn.
„Wir leben ja noch. Aber hör doch mal...“, sagte er noch und schwieg schließlich um zu lauschen.
Beide hörten den Wind, wie er sehr leise die Baumkronen hoch über ihnen zart küsste, geradezu streichelte und die Blätter zu einem sanften rascheln brachte.
Die Sonne stand nicht mehr im Zenit und schien durch die Lücken im Blatt-werk, kitzelte auf den Nasen. Die Luft war angenehm zu atmen und die Temperatur von wohltuender Milde. Es lag ein Geruch darin, welcher schwer zu definieren war, aber nach irdischen Maßstäben einer Mischung aus Majoran, Safran, Honig und etwas fremdem ähnelte.
Das Grün der Bäume war extrem saftig, der Boden übersät mit Flechten und Farnen. Überall summten fleißige Insekten, sammelten Nektar. Es war wie im Paradies. Aber etwas war da, etwas gänzlich außergewöhnliches. Beide wussten erst nicht was es war, aber als sie sich genauer umsahen, merkten sie es. Sie wurden beobachtet.
Es war nicht humanoid, sondern tierisch und bewegte sich fast lautlos auf vier Beinen, umschlich sie und hielt wieder inne, setzte seinen Weg fort und hielt wieder an.
Noch ehe sie reagieren konnten, sprang plötzlich ein Tier aus dem Unterholz, stürzte sich auf Storn und riss ihm mit einem gezielten Prankenhieb den Unterkiefer vom Gesicht. Röchelnd lag er am Boden, fasste sich an den nicht mehr vorhandenen Hals, verdrehte unter Schock die Augen.
Kettner schrie entsetzt auf, konnte sich nicht mehr rühren, starrte nur noch auf den tödlich getroffenen Storn und wie ihm das Leben aus dem Körper wich.
Mittlerweile waren die anderen Fähren gelandet und die Soldaten hatten sich einen Weg zur Absturzstelle gebahnt, konnten jedoch nur einen toten und einen unter Schock stehenden Piloten vorfinden. Einer konnte nicht mehr berichten was vorgefallen war und der andere war seelisch nicht dazu in der Lage.
So begann das erste Rätsel noch bevor überhaupt der erste Spatenstich getätigt worden war und vermutlich sollten weitere folgen.
Pelzer war an Bord der Elara-Fortress nicht begeistert und machte ein Gesicht wie sieben Wochen Regenwetter. „Was für eine verdammte Kacke“, murmelte er leise vor sich hin, „und wir können nicht mal eine Nachricht senden, denn die würde erst ankommen, wenn es zu spät ist. Das Ganze ist doch Irrsinn.“
Noch im Gemurmel drehte er sich um und sprach ein Mitglied seiner Brückenbesatzung direkt an: „Na schön. Com! Geben sie die Order durch, dass die Sol-daten ein rotierendes Wachsystem aufstellen sollen. Alles was nicht nach Mensch aussieht wird sofort niedergestreckt. Die verdammten Landentwickler sollen mit den Technikern und Baumaschinenführern anfangen das Land zu vermessen und die Fläche frei zu machen. Sobald ein Stück frei ist, sollen die Aushubarbeiten starten. Der Zeitplan ist mehr als nur knapp.“
„Aye, Sir!“
im Jahr 2022
„Krondal hier. Ich grüße sie, Mister Lawrence.“
„Guten Tag. Ich mache es kurz und knapp. Wir haben im Kongress einen Erfolg auf allen Ebenen. Das Projekt zur Erzeugung von anthropomorph-tierischen Soldaten ist durch, ebenso die Errichtung einer Basis auf dem Mond und damit verbunden der Bau und Start eines weiteren Schiffes zum Elara-System.“
„Hervorragend!“, tönte Krondal begeistert. „Aber mit dem weiteren Schiff haben wir ein leichtes Spiel. Immerhin bin ich nicht von gestern und hatte, nachdem der Kontakt zum ersten Einsatzkommando abriss, den Bau eines Nachfolgers direkt in Gang gebracht und er wartet mehr oder weniger fertiggestellt auf der Rückseite des Mondes.“
„Was? Wie haben sie das wieder geschafft?“
„Das ist meine Sache und ich gebe ungern alle Details Preis“, flötete Krondal süffisant.
„Fein, dann eben nicht. Inwiefern sind wir jetzt involviert?“
„Wir nehmen ab jetzt das Militär mit ins Boot. Geben sie dem Verteidigungsminister Bescheid und lassen sie ihn alles Nötige veranlassen. Geheimhalten können wir das Ganze ab jetzt eh nicht mehr. Bemannen sie das Schiff mit dem fähigsten Personal was sie auftreiben können. Spezialisten sind besonders gefragt, vor allem auf den Gebieten der Landentwicklung, im Tiefbau, der Geologie, der Astrobiologie und Fachkräfte auf dem IT-Sektor. Wenn wir es jetzt nochmals wagen, dann sollten es Nägel mit Köpfen sein“, sagte Krondal in forderndem Ton.
„Gut, ich werde alles veranlassen. Haben sie spezielle Wünsche was die Entwicklung von Anthro-Soldaten auf unserem Planeten angeht?“, fragte Lawrence auffordernd.
„Nun ja, wenn sie mich so fragen. Der erste Versuch war ja erfolgreich. Lediglich der Hirnscan war miserabel und brachte nicht das geplante Ergebnis. Was wir für unsere Supersoldaten brauchen ist leicht zu führendes Material. Wir brauchen die Scans von Personen die sich ausgestoßen und als Abfall der Gesellschaft fühlen“, erwiderte Krondal mit einem dämonischen Unterton.
„Ah ja. Lassen sie mich kurz nachdenken“, hub Lawrence an und schwieg eine kurze Zeit, fuhr dann fort: „Ich habe da eine Idee und das ist meine Sache und nicht die ihre. Wenn ich das Material beschaffe, dann halten sie sich wenigstens aus dieser Sache raus“, sagte Lawrence scharf.
„Aber gerne doch. Ich mag es durchaus, wenn ich nicht alles allein machen muss. Aber geben sie mir doch mal einen Hinweis, damit ich sehe, dass alles auch wirklich klappt. Eine solche Schlappe wie im Jahre 1980 können wir uns nicht nochmals leisten. Vor allem nicht, wenn wir am Ende eine Hundertschaft von denen haben und die plötzlich anfangen uns den Arsch aufzureißen.“
„Also, mir schweben da die letzten Glieder der Nahrungskette vor.“
„Aha? Das heißt?“
„Schwerverbrecher, Nutten, Drogenäbhängige...“, platzte es aus dem CIA-Chef hervor.
„Was? Sie wollen allen ernstes die Zukunft der Erde in die Hände von gezüchteten Raubtieren geben, welche die Gedankenmuster von solch nutzlosem Pack tragen?“, schrie Krondal entsetzt.
„Mister Krondal! Bleiben sie doch mal ruhig und überlegen sie intensiv. Wer lässt sich leichter steuern als diese Personen? Der Schwerverbrecher, ich rede hier von Mördern die Spaß daran haben, werden sich zuhauf freiwillig melden, wenn ihnen ein Weiterleben in Aussicht gestellt wird. Alles würde für die besser sein als der elektrische Stuhl und als Gegenleistung dürfen sie im Kampfeinsatz töten.
Prostituierte geben eine gute Basis für die weiblichen Anthros. Spaß am Sex in einem tierischen Körper. Die pure Lust in Person, gut in der Fortpflanzungsfähigkeit und wir werden es so steuern, dass sie genau diesen lustbefriedigenden Triebabbau erst erfahren, wenn es an der Zeit ist.“
„Und wann sollte dieser Lustabbau stattfinden? Ich meine, welche Situationen sollten eine übersteigerte Libido auslösen?“, fragte Krondal in versöhnlichem Ton.
„Da sind wir flexibel. Ich denke da an Kampfhandlungen, welche ein starkes Verlustergebnis der eigenen Truppe zur Folge haben und an eine Belohnung für das beste Tötungsergebnis beim Feind.“
„Mister Lawrence. Sie überraschen mich immer mehr. Für ein so morbides Arschloch hatte ich sie gar nicht gehalten“, intonierte Krondal zynisch.
„Danke für die Blumen. Wie sie sehen, ich habe an alles gedacht. Aber diese Scans werden wir nur bei wenigen implementieren. Der größte Teil wird durch computergenerierte Grundmuster programmiert. Das gibt uns den Vorteil, dass wir nur einige Spezimen unter strenger Kontrolle halten müssen und diesen dann die Möglichkeit einräumen in führenden Positionen die Einsätze zu leiten.“
„Gefällt mir sehr gut. Machen sie es so.“
„Dann wünsche ich ihnen noch einen Guten Tag, Mister Krondal“, sagte Law-rence abschließend und legte auf.
Parker war in der Zwischenzeit in Flagstaff gelandet und hatte vom Flugzeug aus mit Burnett telefoniert. Das Gespräch war zunächst privater Natur und es ging anfangs um das Pokerspiel, welches als Revanche noch ausstand. In des-sen Verlauf wurde es aber immer ernster und schlug schließlich in rein dienstliche und vor allem militärische Richtungen um.
„Und du meinst, dass es ratsam ist ausgerechnet die Katakomben hundert Kilometer jenseits der 67 und des Widforss für eure Zwecke zu nutzen?“, fragte Burnett trocken.
„Wir sollten das damals im Spin-Genetik-Institut begonnene Projekt langsam, aber sicher, wieder in Fahrt bringen“, gab Parker als Antwort.
„Hmmm..., dann fällt die Pokerrunde wohl erstmal flach. Na gut, sei es drum“, seufzte Colonel Burnett. „Wo bist du gerade?“
„Ich bin in wenigen Minuten in Flagstaff, da kannst du mich gerne abholen.“
„Ja, ich werde einen unserer Jeeps schicken. Ich will keinen großen Bahnhof. Der Grand Canyon ist eh schon mit Touristen überlaufen und wenn es zu auf-fällig wird, dann haben wir einen Haufen durchgedrehter Verschwörungstheoretiker am Hals und werden die garantiert nicht mehr los.“
„Okay, wir sehen uns dann. Bis später.“
Zwei Stunden später war der Jeep, mit einem First Lieutenant und Parker an Bord, von der 67 abgebogen und jagte über eine Piste hinweg, welche die Stoßdämpfer arg beanspruchte. Aber was tat man nicht alles, wenn man keine unliebsamen Beobachter haben wollte?
Schließlich stoppte das Fahrzeug an vollkommen kahler Stelle. Die Piste endete hier im Nichts und direkt vor einer Felswand.
„Was soll das denn werden?“
„Warten sie es ab, Mister Parker. Sie werden es gleich sehen“, entgegnete der F.L. grinsend und betätigte eine versteckt angeordnete grüne Taste links neben dem Fahrersitz. Sekunden später wurde die vor ihnen liegende Wand schwammig, wurde körnig und diffus. Am Ende löste sie sich scheinbar auf und gab den Blick auf einen ausufernden Tunnelzugang frei.
Parker pfiff erstaunt auf. „Nicht schlecht. Aber erklären sie mir mal, wie sie das geschafft haben? Ich meine, so ein komplexes 3D-Hologramm baut sich nicht von heute auf morgen.“
„Es ist immer gut, wenn die linke Hand nicht weiß was die rechte tut und gera-de das sollten sie am besten nachvollziehen können. Außerdem ist es ein 4D-Hologramm oder dachten sie, dass wir das Erscheinungsbild nicht den Außentemperaturen und Jahreszeiten anpassen?“
„Wenn's schön macht“, jaulte Parker getroffen und entstieg dem Jeep, welcher mittlerweile in einer größeren Halle, offensichtlich dem ausladenden Park-platz der Basis, gehalten hatte.
„Hallo James“, rief eine uniformierte Person von weitem und kam auf die beiden zu.
„Ah. Hallo Franz. Schön dich zu sehen. Tolles Puppentheater was ihr hier hinter unserem Rücken veranstaltet.“
„Je weniger davon wissen, umso besser ist es“, gab der Colonel zu bedenken und drehte sich zum F.L. um. „Sie dürfen weg treten.“
Der F.L. salutierte kurz , drehte sich um und entfernte sich.
„So, dann lass uns doch mal reingehen. Der General ist über deine Ankunft schon informiert, aber nicht anwesend. Er wird dich per Videokonferenz informieren, falls er es für nötig hält.“
„Ach ne. Wie gut, dass ich der Chef der Informationsbeschaffung beim CIA bin“, sagte Parker mit einem leicht bitteren Unterton.
„Ja ja. Ich kann mir denken, dass du sauer bist, aber das wird sich in Kürze ändern.“
„Das will ich schwer hoffen. Ich brauche alle Informationen die ihr habt, egal ob sie genehm sind oder nicht.“
„Die wirst du bekommen.“
Plötzlich klingelte Parkers Mobilfon. „Oh, Lawrence persönlich“, entfuhr es ihm und nahm das Gespräch entgegen. „Mister Lawrence, ich höre.“
„Wo sind sie gerade?“, polterte der CIA-Chef.
„Ich bin gerade in der umzubauenden Basis. Allerdings werde ich hier mehr und mehr überrascht und bekomme eher den Eindruck, dass wir nichts umbau-en müssen, sondern nur noch etwas an der Innenarchitektur ändern.“
„Schön für sie. Passen sie auf, ich hatte ein Gespräch mit Krondal.“
„Oh, der grauen Eminenz“, flüsterte Parker verschwörerisch.
„Was soll der Unfug mit dem Geflüster? Hören sie gut zu. Lassen sie sich unterrichten was genau vorgefallen ist. Ich weiß jedenfalls, dass der Kontakt zu den Teams, welche 1967 zum Elara-System aufgebrochen waren, abgerissen ist und selbst Krondal weiß nicht was passierte. Er hat aber sofort reagiert und auf der Rückseite des Mondes liegt ein zweites Schiff so gut wie startbereit mit den gleichen Zielkoordinaten. Haben sie das verstanden?“
„Ja, Sir. Ich habe sie laut und deutlich verstanden.“
„Ausgezeichnet. Dann verknüpfen sie die Daten und machen sich vor Ort ein Bild. Das ist eine klare Weisung. Ich brauche Ergebnisse“, sagte Lawrence in scharfem Ton.
„Ich habe sie verstanden.“
„Gut. Das war's von meiner Seite.“
Das Gespräch war beendet und Parker schaute Burnett zweideutig an. „Lass uns weitergehen. Ich bin schon sehr gespannt.“
Der Colonel hob eine Augenbraue und seufzte leise, zeigte in eine Richtung und ging vor. Die Gänge zogen sich in die Länge, mehrfach bogen sie nach links oder rechts ab, stiegen einige Treppen empor, dann wieder andere hinab.
„Hast du dich hier schon mal verlaufen oder ist einer eurer Soldaten verloren gegangen und nicht wieder aufgetaucht?“, fragte Parker rhetorisch.
Burnett grinste nur, sagte aber nichts. Minuten später legte er an einer kleineren seitlich gelegenen Tür, seine Hand auf eine Scannerfläche und betrat den dahinter liegenden Kommandoraum. „Willkommen in meinem kleinen Reich“, verkündete er.
„Oh. Ich vermute, dass wir hier abhörsicher sind?“
„Genau so ist es.“
„Dann schieß mal los. Was gibt es hier neues und was müssten wir erneuern?“, fragte Parker frei heraus.
„Erneuern? Sehr vieles. Du darfst nicht vergessen, dass die Anlage seit den Neunzigern besteht und der Lack ab ist. Die Technik ist veraltet“, erwiderte Burnett.
„Schön. Was genau braucht ihr? Wenn ich mal von dem Hologramm zur Tarnung des Zugangs absehe.“
„Außen hui und innen Pfui. Wir brauchen neue Rechner. Wir haben verschiedene Feldversuche angestellt, mit veränderlichen Produkten.“
„Hört sich sehr klinisch an. Berichte bitte etwas genauer.“
„Sie werden wahnsinnig. Sie drehen einfach durch. Egal was wir machen, wir laufen gegen eine Wand.“ Burnett seufzte.
„Wer? Die Produkte?“
„Ja. Mit der alten Technik kommen wir nicht weiter. Aber komm mit, ich zeige sie dir“, sagte Burnett auffordernd und öffnete die Tür.
So schritten die beiden noch tiefer in die Anlage hinein und erreichten schließlich einen Aufzug.
„So. Jetzt geht’s abwärts und direkt in die Hölle“, verkündete Burnett mit säuerlichem Unterton.
„Wohin führt uns unser Weg jetzt?“, fragte Parker neugierig. Die Bunkeranlage ging ihm sichtlich auf die Nerven und die Gänge erschienen ihm wie ein undurchdringliches Labyrinth, aus welchem er in seinem Leben nicht mehr herausfinden würde.
„Das wirst du sehen, wenn wir da sind. Jetzt geht’s erstmal einhundert Meter in die Tiefe. Immerhin experimentieren wir hier mit sensiblem Material und nicht mit Laborratten.“
„Toller Vergleich. Aber was macht euch so viel Angst, dass ihr euch so tief vergraben müsst?“
„Sagen wir mal so. Es gibt immer Augen die nicht alles sehen sollen. Und einiges was wir hier gemacht haben ist mehr als brisant. Aber sieh selbst“, sagte er noch als sich die Lifttüren geöffnet hatten und beide mitten in einem hell er-leuchteten Saal standen.
Das Licht selbst kam aus dem Boden, welcher seinerseits in einem mittleren Grau gehalten war. An den Wänden, die durchweg weiß gefliest waren und schon bessere Zeiten gesehen hatten, strahlten Spots die ebenfalls geflieste Decke an. In der Mitte des Raumes waren sechs OP-Tische aufgestellt, an deren Kopfenden sich klobige und damit in der Tat veraltete Rechner befanden und von der Decke hingen Hauben, deren Form eindeutig darauf schließen ließen, dass sie, egal wem, über den Kopf gestülpt werden sollten. Unzähliges Kabelgewirr verband eben jene mit den Museumscomputern und die OP-Bestecke hatten auch schon bessere Zeiten gesehen.
„Egal was du jetzt sagst“, brach Parker die Stille, „aber es sieht hier aus wie bei Frankenstein.“
Burnett atmete tief durch. „So fühlen wir uns auch. Zumindest sehen unsere Produkte so aus und benehmen sich fast entsprechend.“
„Gibt es diese Produkte auch mal zusehen?“
„Im hinteren Teil haben wir das Lager, wie wir es nennen. Aber krieg bloß keinen Schreck.“
„Was sollte mich schon noch schocken?“, hob Parker an, während sie den Raum durchmaßen, er sich hier und da umsah und schließlich vor einer weiteren Tür stand.
Der Colonel öffnete die Tür, hob eine Augenbraue und sagte nur noch: „Das hier schon.“
Der Anblick des dahinterliegenden Raums, besser gesagt dessen Inhalt, tat schlagartig seine Wirkung.
Parker war zu keiner Regung fähig und starrte wie in Paralyse.
„Tja, willkommen in unserer Realität“, flötete Burnett.
„Was habt ihr getan?“
„Tritt näher und sieh selbst“, sagte er und schob den immer noch erstarrten Parker etwas unsanft hinein.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst oder? Das sind ja Cyborg-Tiere!“
„Wahnsinn, was? Zunächst waren wir Stolz, aber dann häuften sich die Unstimmigkeiten im Verhalten. Letztendlich sind es jetzt drei verbliebene Totalausfälle.“
Der CIA-Beamte näherte sich langsam einem der Glaskuben, welche eher Beobachtungsräumen mit einer Dimensionierung von zwanzig mal zwanzig Me-tern in der Grundfläche entsprachen und baute sich direkt vor dem mittleren auf.
Burnett stellte sich neben ihn. „Sie können uns nicht hören und sehen. Von der Innenseite sind sie verspiegelt.“
„Was ist das?“, fragte Parker und musterte den Inhalt.
„Das ist Projekt 35B.“
„35B? Was ist mit Eins bis vierunddreißig passiert?“
„Fehler. Viele Fehler. Die Daten die aus dem zerstörten Spin-Institut zu uns übertragen wurden, waren teilweise zerstückelt. Wir mussten sie rekonstruieren und anschließend restrukturieren und dabei konnten wir einige Lücken nicht schließen, sondern nur durch gezielte Experimente ausfindig machen und aus-merzen.“
„Was ist jetzt mit dem da?“ Parker zeigte auf das sogenannte Projekt.
„Das ist ein anthropomorpher Löwe und wie du siehst ist er mit bionischen Elementen verfeinert.“
„Verfeinert? Du bist echt ein Zyniker.“
„Danke für die Blumen. Wir haben den Brustkorb mit Titanplatten operativ verstärkt, Beine und Arme mit Exoschienen und Motorik verstärkt, außerdem haben alles mit dem zentralen Nervensystem gekoppelt.“
„Und das hat funktioniert?“
„Ja. Sehr gut sogar, erstaunlich gut. Blöd gelaufen ist am Ende nur, dass er nach und nach durchdrehte. Wir haben scheinbar zu viele menschliche Erinnerungen gelassen, weil wir mit dem alten Schrott arbeiten müssen. Da kann man die Daten leider nicht ausreichend splitten und filtern.“
Der Anthrolöwe dreht ihnen den Rücken zu, stand zunächst nur da und bewegte lediglich seinen rechten Arm rhythmisch.
„Was macht er da? Ist es etwa das, was ich denke?“
Burnett brauchte nicht zu antworten, denn der Anthro drehte sich plötzlich zur Seite, präsentierte sein erigiertes Glied, rieb mit seiner künstlichen Hand daran, fletschte wie von Sinnen die Zähne und ejakulierte schließlich mitten in den Raum. Das entsprechende Körperteil selbst sah zerschunden aus, Blut lief über die biomechanische Hand und deutete daraufhin, dass er scheinbar in einer Art Triebschleife fest saß.
„Das ist ja mal ne perverse Sauerei“, merkte Parker an und schüttelte den Kopf.
„Keine Ahnung was schief ging, aber da kommt gerade Professor Walner. Frage doch ihn“, forderte Burnett seinen Besucher auf.
„Hallo, Colonel Burnett“, begrüßte Walner seine beiden Gäste. „Darf ich fragen wer sie sind?“, setzte er fort und wandte sich Parker zu.
„Keine Sorge Professor. Er ist vom CIA-Stab und damit noch verschlossener wie ein Buch mit sieben Siegeln.“
„Ah. Schickt sie ihr Chef? Entschuldigung Colonel, aber ich finde es nicht gut, wenn er das hier sieht.“
„Egal, soll er sich ruhig ein Bild von unseren Fehlschlägen machen.“
„Ich halte es trotzdem für falsch. Jahrelang haben die sich hier nicht blicken lassen und jetzt? Warum ist er gerade jetzt hier?“, der 62jährige klang verbittert.
„Es geht um einen Statusbericht und damit verbunden um Gelder, damit sie hier weitermachen können.“
Walner nickte etwas. „Meinetwegen, soll er bleiben und sich am Anblick ergötzen.“
„Oh danke!“, hub Parker an. „Aber es wäre nett, wenn sie in meiner Gegenwart nicht in der dritten Person über mich reden würden. Ich stehe hier und bin an-sprechbar.“
Walner hob die Arme und winkte ab. „Meinetwegen! Um was genau geht es denn?“
„Mein Chef, also Mister Lawrence will Ergebnisse sehen.“
„Ergebnisse?“, prustete Walner. „Wenn es nach mir ginge, dann würde ich das ganze Projekt einstampfen.“
„Aber es hat doch am Spin seinerzeitig funktioniert“, fuhr Parker den wissenschaftlichen Leiter an.
„Ja. Es war die gleiche Technologie die wir hier auch benutzen, aber doch ist etwas anders.“
„Und das wäre? Ich möchte klare Aussagen, Mister Walner.“
„Die können sie haben. Wir haben drei Glaskuben, einen Löwenkater, eine Löwin und einen Wolf. Alle entstanden zeitgleich, wurden gleichzeitig invitro erzeugt, ab dem passenden Stadium in die Stasisröhren überführt, aufgezogen und schließlich lebensfähig rausgeholt. Die leeren Hirne wurden mittels Implantierung von Charakter- und Datenscans existierender Menschen programmiert und es lief alles sehr gut. Es waren Scans von ausgesuchten Personen verwendet worden, ehemaligen Mitarbeitern des in die Luft gesprengten Spin-Forschungsinstitutes. Nachdem die Prozedur durch war, machten die Projekte 35B, 36C und 47A einen mehr als gefestigten Eindruck, nahmen am Leben regen Anteil und es gab keinerlei Ausfallerscheinungen.
Später gingen wir dazu über, ihre Körper zu verändern. Dem Löwen gaben wir die stärksten Umwandlungen. Dabei handelt es sich um biomechanische Extremitäten im Bereich der Beine von den Pfoten bis zum Beckenansatz und ebenso künstliche Arme, welche, wie sie sehen können, immer noch nicht mit Fleisch, Haut und Fell bedeckt sind.“
„Okay, sie haben dem Löwen also künstliche Gliedmaßen verpasst und weiter?“, bohrte Parker.
„An der Löwin haben wir nicht weiter herumgebastelt. Lediglich dem Wolf implantierten wir Titanplatten in den Brustkorb.“
Parker ging zum dritten Kubus im hinteren Teil des Raumes und betrachtete den Wolf ausgiebig. „Was ging bei dem schief?“
„Der Körper verträgt die Implantate hervorragend. Wir haben sie extra so eingesetzt, dass sie lediglich oberhalb der Rippenbögen aufliegen und somit versetzt die Lücken zwischen den einzelnen Rippenknochen abdecken. Damit kann er frei atmen und hat keinerlei Behinderungen“, erklärte Professor Walner mit sichtlichem Stolz.
„Tja“, hub Parker an, „aber bei allem Respekt vor ihrer Arbeit, irgendwas ist doch wohl nicht so wie es sein sollte. Oder wollen sie mir sagen, dass es ihre Absicht war, einen Löwen mit Dauerständer und Ejakulationssucht, eine Löwin die sich apathisch verhält und nicht ein Stück bewegt und einen Wolf, welcher, so wie ich es sehe, gerade versucht die Haut vom Brustkorb zu reißen um scheinbar die Implantate los zu werden, zu erzeugen?“
Walner war sichtlich gekränkt und schaute Parker säuerlich an. „Sie wissen gar nicht was wir hier zu tun gedenken. Sie sitzen fernab in ihrem Büro, wollen Ergebnisse und wir kämpfen an der Basis und versuchen ihnen etwas zu liefern was uns in Fragen der Verteidigung und des Angriffs helfen kann. Was erwarten sie?“
„Perfektion. Aber bestimmt nicht das da“, zischte Parker den Wissenschaftler an und zeigte zeitgleich in Richtung der Kuben.
„Es gibt keine Perfektion. Es gab nur ein Exemplar, welches seinerseits funktionierte und das war Cyrus, mit dem Hirnscan von Frank Brenner. Warum es diesmal nicht das gewünschte Ergebnis brachte, wissen wir nicht.“
„Stopp, Stopp, Stopp!“, fuhr Parker auf und hob eine Hand. „Was haben sie getan? Welche Hirnscans wurden verwendet? Wer steckt in diesen Körpern?“
Burnett wurde leicht blass, ob der Frage des CIA-Mitarbeiters und Walner begann zu schweigen, suchte scheinbar nach einer Ausrede.
„Ich will eine Antwort, Professor Walner“, schob Parker nach.
„Es waren übernommene Scans von Frank Brenner, Gregor Fletcher und in der Löwin stecken der Geist von Leila Johnson“, gab er schließlich zur Antwort.
„WAS?“, schrie Parker. „SIND SIE BESCHEUERT?“
Während Burnett die Augen schloss und die Rechte vors Gesicht legte, atmete Walner tief durch.
„Mister Parker“, begann er schließlich. „Es war die einfachste Möglichkeit um an passende Scans zu kommen. Bei Brenner gab es ja ein passendes Ergebnis und das funktionierte auch, bis zu einem gewissen Punkt. Bei Fletcher war es auch möglich, wenn auch in einem menschlichen Körper und diese Leila Johnson hatte sich im Nachgang quasi freiwillig gemeldet.“
„Na schön. Wann genau fing dieses Desaster hier an?“, fragte Parker und zeigte auf den Löwen.
„Es begann Monate nach den Implantationen. In dem Anthrolöwen steckt Brenner, in der Löwin Johnson und der Wolf ist Fletcher.“
„Wie passend. Ist ihnen vielleicht in den Sinn gekommen, wenn sie einen solchen haben sollten, dass alle drei dafür verantwortlich zu machen sind, dass es das Spin-Institut nicht mehr gibt, dass alle drei Gegner von Gentechnologie sind? Und ausgerechnet diese drei katapultieren sie in diese Körper, wollen ihnen Waffen und Fähigkeiten verpassen, die uns eigentlich retten sollen, aber wohl eher schaden werden.“
„Hmmm... hmmm...“, gab Walner von sich, weiter kam er nicht, denn plötzlich hörte man einen dumpfen Schlag. Erschrocken drehten sich Brunett, Parker und Walner in die entsprechende Richtung.
„Verdammt nochmal“, brüllte der Wissenschaftler und rannte zum ersten Kubus, in welchem sich der Anthrolöwe in einer Art irrsinnigem Tanz befand.
Während die drei sich ihrer Diskussion ergaben und vor dem Anthrowolf aufgebaut hatten, war es dem Geist von Frank Brenner im Löwenkörper zu bunt geworden.
Dass er sich wiederholt in einem tierischen Körper befand war das Eine, aber dass man diesen dann auch noch zerstückelt hatte und mit widerlichen metallischen Skelettteilen verunstaltete, ihm das Gefühl aus den Extremitäten genommen hatte, war zu viel des Guten. Außerdem steckte in diesem Körper die wohl furchtbarste Sexsucht die man sich vorstellen konnte. Die Schmerzen an den Genitalien waren unvorstellbar, aber das störte die Triebhaftigkeit im rudimentären Echsengehirn nur wenig. Immer und immer wieder, geradezu zwanghaft, wurde der Geist von Brenner vergewaltigt als diese niemals enden wollende Lust auf Befriedigung anfing schmerzhaft zu werden und er vor seinen Augen auf geradezu perverse Art und Weise begann den Penis erst zu überfordern, dann merklich zu zerlegen, der Schmerz die Lust jedoch nur noch mehr steigerte.
Schließlich gewann Brenners Geist, hatte lichte fünf Minuten, zwang den Trieb zur Ruhe, griff bewusst zu Hoden und Glied des Löwenkörpers, packte diese, zog kurz daran, ließ dann etwas lockerer, packte schließlich noch fester zu und riss beides in einem Akt der Selbstüberwindung aus dem Unterleib heraus. Er brüllte vor Schmerzen wie von Sinnen, riss weiter daran und zog alles was zum männlichen Fortpflanzungapparat gehörte, aus dem Körper heraus, hinterließ ein riesiges klaffendes Loch im Leib.
Walner stand vor dem Kubus und war erstarrt, konnte nur beobachten, wie der Anthrolöwe seine abgerissenen Einzelteile in den mechanischen Klauen hoch in die Luft erhoben hielt, ein nicht aufzuhaltender Strom Blutes aus dem klaffenden Loch im Unterleib schoss, dieser offensichtlich befreit tanzte und letztendlich zusammenbrach und sich nicht mehr rührte.
Dafür schien die Löwin mit Leila Johnsons Geist, mit Leben erfüllt zu werden. Zumindest bewegte sie sich etwas, drehte sich seitlich und schien durch die verspiegelten Innenflächen des Kubus hindurch den leblosen Körper ihres Artgenossen zu sehen. Wie dem auch sei, sie begann plötzlich in dämonischer Manier zu grinsen, aus dem Grinsen wurde eine Grimasse und schließlich ein höllisches Gelächter.
Walner sah sich das Treiben zunächst hilfslos an, dann begab er sich zu den Datenmonitoren am Fuße der Kuben und begann von rechts nach links jeden mit tödlichem Gas zu fluten.
Röchelnd und schreiend brachen Löwin und Wolf nach minutenlangem Kampf zusammen, wanden sich unter der toxischen Wirkung, verkrampften und blieben reglos liegen.
„So, Mister Parker. Jetzt wissen sie was wir hier machen und was wir erreicht haben. NICHTS! REIN GARNICHTS! Also sehen sie zu, dass sie ihren Chef gut darüber informieren, was sie gesehen haben und dass er genügend Finanzen locker macht, damit es solche Dramen nicht mehr gibt und wir hier endlich vernünftig arbeiten können. Was hier geschehen ist, liegt nur daran, dass wir auf veraltetes Material zurückgreifen mussten“, schnauzte Walner gereizt, drehte sich um und verließ den Raum.
„Tja“, setzte Burnett an. „Wie es aussieht hast du jetzt ein neues Ziel und das liegt in Washington. Komm, wir gehen. Ich habe für meinen Teil erstmal genug.“
Sie verließen den Raum und Burnett verabschiedete sich von Parker, welcher im Anschluss den bereitstehenden Jeep bestieg und sich nach Flagstaff kutschieren ließ.
im Jahr 1998
Auf Genro waren die Rodungs- und Aushubarbeiten innerhalb des Zeitraums 1997 bis 1998 extrem schnell vorangegangen.
Seit wenigen Wochen klaffte ein stattliches Loch von knapp 180 Metern Tiefe und einer Fläche von 2 Millionen Quadratmetern. Wider Erwarten war der Boden bis zu dieser Tiefe leichter abzutragen als gedacht und der Abraum bot, um das Gelände herum aufgetürmt, einen guten Schutz gegen auftauchende Angreifer. Die auf Genro vorgefundene Märchenwelt, unberührt von verändernder Hand , war zerstört.
„Mister Hurt!“ Der Geologe Bernd Grok baute sich neben dem schmächtigen Landentwickler, welcher an eine Mischung aus Gollum und gealtertem Harry Potter erinnerte, auf.
„Was gibt es denn? Hoffentlich keine negativen Berichte“, entgegnete der Angesprochene.
„Vielleicht doch. Wir haben bei den Aushubarbeiten etwas gefunden und das ist doch etwas beunruhigend.“
„Um was handelt es sich?“, fragte Kevin Hurt schroff.
„Es ist, wie soll ich es definieren ... es ist ein Loch, ein Tunnel, also ein unterirdischer Zugang?“
„Ein Tunnel? Wie das und wo soll der hinführen?“
„Das wissen wir nicht. Auf jeden Fall haben zwei Baumaschinenführer eine Öffnung von fünf Metern Durchmesser freigelegt und lassen fragen wie sie jetzt damit umgehen sollen.“
„Klingt ja faszinierend. Aber wer soll in drei Teufels Namen hier einen Tunnel gegraben haben? Ich glaube nicht, dass es hier vernunftbegabtes Leben gibt, dass eine solche Aufgabe bewältigt haben könnte“, stellte Hurt fest.
„Da stimme ich ihnen zu. Aber es gibt noch etwas, was sehr beunruhigend ist.“
„Und was ist es?“
„Der Tunnel ist mit einer Technik, die uns unbekannt ist, förmlich durch das Gestein geschmolzen worden, es gibt keinerlei Anzeichen für den Einsatz von konventionellem Baugerät wie wir es kennen.“
Hurt starrte Grok säuerlich an und seufzte. „Reden sie mit Wanner, der soll entscheiden wie es weitergeht. Und es soll pronto geschehen. Wir haben einen straffen Zeitplan und die Station mit allen Einrichtungen muss in nicht mal zwei Jahren vollständig arbeiten.“
„Verstanden, ich setze mich sofort mit der Elara-Fortress in Verbindung.“
Während der Geologe sich von Dannen machte, um mit dem Schiff in Kontakt zu treten, begann Kevin Hurt daran zu zweifeln, dass er lebend dieses, seiner Meinung nach, finstere Dreckloch verlassen würde. Immerhin gab es einen Verlust gleich vom Start weg, eine wilde und ungestüme Fauna, welche einer Fabelwelt entsprungen sein mochte, aber Sachen wie Einhörner und Drachen war dann doch etwas zu viel des Guten und wirklich essbar waren die auch nicht. Das Fleisch war fade und viel zu zäh.
Er überstrich das Gelände mit seinem geschulten Blick, sah die Ketten der Abraumhügel hinauf und erstarrte. War das möglich? Sah er da etwas fremdes Aufrechtgehendes oder hatte er Halluzinationen?
Er starrte eine Gestalt an, welche definitiv aufrecht zu gehen schien, aber nicht menschlich war. Jedenfalls stand diese auf dem Wall und schaute über die Baustelle, drehte sich dann um und verschwand.
Hurt kratzte sich am Kinn und überlegte, ob er die Beobachtung melden sollte, entschied sich aber abschlägig da er sich denken konnte was dann passiert. Es käme zum Baustopp, die Soldaten würden ausschwärmen und noch mehr Schaden anrichten als bisher. Das anfangs fast tägliche rattern von Maschinengewehren und dann doch sinnlose Dahingemetzel unter der einheimischen Fauna, war glücklicherweise verstummt und er hatte seine Aufgabe und die hieß, dass er das Land formen soll und nicht einer Fata Morgana nachzujagen hatte.
Plötzlich stand Grok hinter ihm und riss ihn aus seinen Gedanken. „So. Ich habe dann eine Antwort.“
„Sehr gut. Lassen sie mal hören.“
„Wir sollen mit dem Tunnel machen was wir wollen. Auf jeden Fall keinerlei Stopp und keinerlei Verzögerungen. Wir sollen den Tunnel einfach ignorieren und weitermachen.“
„Klingt vernünftig. Wissen sie was wir machen? Ich arbeite diesen Zugang, wohin auch immer der führt, einfach in die Pläne mit ein. Später kann sich das Militär drum kümmern. Immerhin sind die wohl nicht ganz umsonst hier.“
„Verdammt gute Idee. Die langweilen sich eh schon zu sehr“, merkte Grok an.
„Genau und Langeweile birgt die Gefahr, dass man auf dumme Gedanken kommt“, stellte Hurt fest und schaute beiläufig den Wall hinauf, zu eben jener Stelle, an der er zuvor die fremde Gestalt gesehen hatte. „Wie sieht es eigentlich mit den weiteren Bodenschichten aus? Bisher ging ja alles relativ schnell“, setzte Hurt fort.
„Da wird es etwas schwieriger. Wir kommen jetzt in festes, felsiges Gestein. Ich würde empfehlen zu sprengen, damit es auch weiterhin zügig voran geht.“
Hurt nickte zustimmend. „Ja. Machen wir es so. Ich werde die Arbeiter informieren, die sollen die Ladungen setzen und alles in die Luft jagen.“
Zehn Stunden später, es war Nacht auf Genro und die Baustelle, welche im 24 Stunden Schichtrhythmus bedient wurde, hell erleuchtet.
„Wir wären dann soweit“, intonierte Sprengmeister Harto.
„Sehr gut. Ist das kompletter Personal aus der Gefahrenzone evakuiert?“, fragte Hurt nur beiläufig, da er wusste, dass Harto ein Perfektionist war und Abweichungen nicht tolerierte.
„Aber natürlich. Sie kennen mich doch. Alle haben sich hinter dem Wall verschanzt.“
„Sprengen sie!“
„Aber gerne doch“, entgegnete Harto grinsend und drückte den Auslöser.
Sekunden später sah man kleine leuchtende Punkte im gesamten Areal aufblitzen, welche sich ausbreiteten, größer und heller wurden. Dann hörte man verzögert den ohrenbetäubenden Lärm der explodierenden Sprengladungen und konnte deutlich erkennen wie das Bodenmaterial sich anhob und wieder setzte. Mehr war nicht zu sehen.
„War das alles?“, fragte Hurt enttäuscht.
„Ja. Das Gestein ist jetzt fein zerstückelt und kann mit Leichtigkeit abgetragen werden.“
„Beim nächsten Mal erwarte ich aber mehr Einsatz. Ich will ein richtiges Feuer-werk sehen“, er schaute Harto gespielt ärgerlich an. „Na schön. Dann ran an den Speck und weg damit. Wir werden nach Leistung bezahlt“, forderte Hurt deutlich auf.