Hexensabbat mit Hindernissen
Manchmal versucht man dringend jemanden zu erreichen, aber derjenige geht einfach nicht ran... zum Glück gibt es einen Anrufbeantworter.
Es ist die Walpurgisnacht. Die Nacht der Nächte für alle Hexen. Jede Hexe, die etwas auf sich hält, kommt in dieser Nacht auf den Blocksberg, um mit ihren Schwestern den Hexensabbat zu feiern. Sie bereiten sich das ganze Jahr über auf diese eine Nacht vor, in der sie tanzen, hexen, feiern und ihren Segen von Baphomet erhalten.
Schon Wochen vor der Walpurgisnacht werden einzelne Scheiterhaufen errichtet, und die örtlichen Hexen bringen alles mit, was für diese Nacht benötigt wird. Jede Menge Alkohol, Zutaten für Tränke und Zaubersprüche, Opfergaben für Baphomet. Alles muss perfekt sein. Nichts darf fehlen. Doch die wichtigste Zutat für diesen Abend muss mit Bedacht gewählt werden. Eine Jungfrau für Baphomet. Idealerweise eine Hexe, aber normalerweise reicht auch eine einfache Jungfrau.
Sie wird nicht geopfert, nein. Sie wird dem Dämon dargeboten, damit er ihr als erstes seinen Segen geben kann. Sie ist im Grunde eine Art Köder, um den Dämon herauszulocken. Eine Ehre, die jedes Jahr einer anderen jungen Frau zuteil wird. Viele Hexen heben sich ihr erstes Mal lange auf, in der Hoffnung, die Jungfrau für Baphomet zu sein.
Auch in diesem Jahr hat sich wieder die ganze Hexenschar versammelt, um die Walpurgisnacht zu feiern und die Nacht durchzutanzen. Die Feuer werden angezündet und die Flammen lodern hoch in den Himmel. Die Hexen brauen fleißig ihre Tränke, mit denen sie weit über die Grenzen eines normalen Menschen hinausgehen können. Ausdauertränke, Energietränke, Tinkturen zur Erhöhung der Feuerresistenz. Wenn alle Tränke und Tinkturen gebraut sind, machen sie sich auf den Weg zum großen Feuer. Die Königin der Hexen, die von den ältesten und weisesten Hexen gewählt wurde, tritt vor und wendet sich an die anderen Hexen.
„Schwestern. Es ist wieder so weit. Wie jedes Jahr seid ihr gekommen, um den Sabbat zu feiern. An diesem, dem höchsten unserer Feiertage, werden wir tanzen und feiern. Wir werden uns fleischlichen Genüssen hingeben und unseren Schutzpatron anrufen. Baphomet. Möge er uns auch in diesem Jahr seinen Segen geben und mögen wir ein weiteres Jahr in seinem Namen unser Werk vollbringen.“
Sie hebt ihre Hände und ihre Kleider fallen von ihrem perfekten Körper. Ihre makellose Haut schimmert im Schein des Feuers und ihr rotes, lockiges Haar umrahmt ihr Gesicht wie Flammen.
„Lasst den Sabbat beginnen...“
ruft sie in die Menge, und die Hexen antworten ihr im Chor.
„Lasst den Sabbat beginnen...“
Sie werfen ihre Kleider ab, übergießen sich gegenseitig mit ihren Tränken und reiben ihre Körper mit den selbst gebrauten Salben und Tinkturen ein. Dann beginnen die Tänze.
Die Hexen tanzen wild und frei um die Feuer. Ihr langes Haar weht im Wind und ihre blassen Körper spiegeln den Schein der Flammen wider. Sie vollführen waghalsige Sprünge durch die Flammen und lachen und schreien ihre Freude laut in den Nachthimmel. Im Laufe des Abends werden ihre Kunststücke immer waghalsiger und sie feuern sich gegenseitig an, um sich zu übertreffen. Einige Hexen sind nicht so scharf aufs Tanzen, sie haben auf andere Weise Spaß miteinander.
Der Alkohol fließt in Strömen, und es wird gezaubert und verhext. Während die meisten Hexen sich amüsieren und gemeinsam Spaß haben, bereitet die Hexenkönigin das auserwählte Mädchen auf ihre große Nacht vor. Nachdem sie sich noch einmal vergewissert hat, dass sie wirklich eine Jungfrau ist, wird die junge Hexe mit allen möglichen Ölen und Tinkturen gesalbt. Sie ist furchtbar aufgeregt. Es ist eine einzigartige Ehre, die junge Frau zu sein, die Baphomets Segen erhält. Ihre Schwestern schauen neidisch zu ihr herüber. Jede möchte an ihrer Stelle sein. Nicht, dass die anderen nicht auch den Segen des Dämons erhalten würden, aber die Erste unter Gleichen zu sein, ist etwas ganz anderes.
Es ist schon spät in der Nacht, als sich das bunte Treiben dem Höhepunkt nähert. Die Beschwörung des Baphomet steht unmittelbar bevor. Die Hexen versammeln sich um das große Feuer. Ihre verschwitzten Körper glühen förmlich im Licht der Flammen. Die Königin steht mitten unter ihnen und hebt die Hände.
„Schwestern, lasst den Reigen beginnen. Lasst uns unseren Schutzpatron anrufen, damit er aus der Hölle aufsteigt und uns seinen Segen für ein weiteres Jahr gibt.“
Ruft sie feierlich in die Menge und der Jubel der anderen Hexen wird vom Knistern des großen Feuers in ihrer Mitte begleitet. Die Hexen beginnen einen wilden Tanz um das Feuer und singen die uralte Formel, mit der sie seit Generationen Baphomet beschwören. Ihre Königin beginnt das Ritual und bringt dem Dämon Opfergaben dar. Erlesene Speisen, Alkohol, Götzen und Schmuckstücke werden den Flammen geopfert, damit sich das Tor zur Hölle öffnen kann. Sie zeichnet Runen in die Luft und fordert die Mächte der Hölle auf, ihr zu gehorchen. Dabei tanzen sich die Hexen in einen Trancezustand. Der speziell präparierte Boden des Ritualplatzes beginnt zu bluten, und die Flammen, die mit den Gaben der Hexen gespeist werden, verändern ihre Farbe. Die ehemals rot-gelben Flammen des großen Feuers brennen nun im hellen Grün der Hölle und ein Grollen geht durch die Hexenschar, während der Boden zu beben beginnt. Die Wolken ziehen über dem Feuer zusammen, und der Gesang der Hexen steigert sich zu einem schrillen Crescendo. Die Königin hat beide Hände erhoben und tritt in die Flammen, um den Dämon willkommen zu heißen, der im Begriff ist, diese Welt zu betreten.
Die Wolken kreisen in einem riesigen Wirbel über dem Blocksberg und Blitze schlagen rund um den Ritualplatz in den Boden ein. Die Hexen kreischen vor Glück, als sich die ersten Risse im Boden unter ihren Füßen bilden. Bald ist die Zeit gekommen.
Unten im Tal beobachten die Bürger das Spektakel am Himmel und sehen das fiebrige grüne Glühen des Feuers in den Wolken.
„Ist es schon wieder so weit?“
fragt einer der Bauern seine Frau. Sie nickt.
„Ja, die Kräuterhexe aus dem Wald ist vor ein paar Tagen gekommen und hat fünf Hühner gekauft. Heute ist Walpurgisnacht.“
antwortet sie und vergewissert sich, dass die Haustür gut verschlossen ist. Ihr Mann schaut durch das Fenster und schüttelt den Kopf.
„Na, hoffentlich treiben sie da oben keinen Unfug. So einen verregneten Sommer wie vor fünfzehn Jahren können wir nicht gebrauchen.“
sagt er mit einem besorgten Unterton in seiner Stimme. Seine Frau nickt nur stumm.
Auf dem Berg ist die Stimmung jedoch äußerst ausgelassen. Die Hexen johlen und schreien, als sich das Portal mit einem donnernden Getöse öffnet. Inmitten der Flammen öffnet sich der Spalt zwischen den Dimensionen und ein Teil des großen Scheiterhaufens stürzt herab. Die Königin der Hexen steht am Rande des Abgrunds und jubelt.
„Ja, oh Baphomet, Schutzpatron der Hexen, größter aller Dämonen, erhebe dich und segne uns mit deiner Gegenwart.“
schreit sie, während ihr rotes Haar von der Hitze des Feuers aufgewirbelt wird und wie Flammen auf ihrem Kopf tanzt. Und tatsächlich öffnet sich der Spalt weiter und die Hitze der Hölle selbst steigt aus ihm empor. Das Wehklagen der Verdammten und die Schreie der Unterdrückten erheben sich und übertönen sogar die Flammen und das Gejohle der Hexen. Die Königin weicht einen Schritt zurück, als ein Schatten in der Tiefe auftaucht. Langsam erhebt er sich.
Als der Dämon schließlich aus der Felsspalte auftaucht, traut die Königin ihren Augen nicht. Das ist nicht Baphomet. Nicht einmal annähernd. Sie war bei der letzten Walpurgisnacht dabei, und vor fünf Nächten war sie die junge Frau gewesen, die den Segen des Dämons erhalten hatte.
Diese mickrige Gestalt, die jetzt vor ihr steht, ist nicht Baphomet. Zwar hat er alle Merkmale, die ein echter Dämon haben sollte. Hörner, Ziegenfüße, einen Schwanz, rote Haut. Aber er ist viel zu klein, viel zu mager, die Hörner sind winzig und diese Nickelbrille? Wer soll das denn sein?
„Baphomet?“
fragt die Hexenkönigin, während ihre Schwestern noch immer johlen. Der Dämon sieht sie mit zusammengekniffenen Augen an, rückt seine Brille zurecht und holt ein Notizbuch und einen Stift hervor.
„Nein ... na ja, im Grunde schon, aber nicht persönlich.“
Seine nasale Stimme ist unglaublich nervtötend und sein Dialekt extrem nervig. Die Königin sieht ihn fragend an. Er atmet tief ein.
„Hören Sie, können wir diesen Lärm abstellen, ich bekomme Migräne, und warum ist es hier drin so heiß?
fragt der Dämon und schaut sich um, während er seine Brille vorsichtig hin und her schiebt. Die Königin hebt die Hände und ihre Schwestern verstummen langsam. Sie führt den Dämon aus den Flammen und steht vor einer fassungslosen Menge nackter Frauen. Sofort ist Flüstern zu hören. Aus dem fragenden Geflüster werden schnell wilde Anschuldigungen darüber, wer im vergangenen Jahr was falsch gemacht hat, damit es jetzt so weit kommt. Keine der Schwestern ist sich einer Schuld bewusst und die Opfergaben waren in Ordnung. So wie jedes Jahr. So etwas ist noch nie passiert. Der Dämon versucht, beschwichtigend die Hände zu heben, aber mit seiner mickrigen Stimme und seiner unscheinbaren Statur hat er keine Chance gegen den Sturm der Entrüstung, den die Hexen heraufbeschwören. Am Ende ist es die Königin, die ihre Stimme erhebt und sie durch einen Zauber verstärkt.
„Haltet endlich die Klappe, ihr alle!“
ruft sie der Menge zu, und die Hexen verstummen. Der Dämon bedankt sich höflich und die Königin massiert sich die Schläfen.
„Also, wo ist Baphomet? Warum ist er nicht hier? Wir haben einen Pakt mit ihm! Wir ... haben ... einen ... Termin ...“
Ihr Tonfall ist angestrengt ruhig und sie gibt sich große Mühe, nicht jede Silbe einfach herauszuschreien. Der Dämon nickt und zückt seinen Stift.
„Ich bin sein persönlicher Anrufungsbeantworter. Baphomet ist im Moment nicht erreichbar. Sie rufen außerhalb der Bürozeiten an. Bitte versuchen Sie es noch einmal während der Bürozeiten. Seine Bürozeiten sind wie folgt. Montags von 6:16 Uhr bis 13:37 Uhr, dienstags von 11:11 Uhr bis 18:18 Uhr, mittwochs von 4:44 Uhr bis 11:47 Uhr, donnerstags von 18:23 Uhr bis freitags um 3:12 Uhr, samstags und sonntags ist Ruhetag. Sie können aber auch eine Nachricht auf dem Anrufungsbeantworter hinterlassen. Bitte sprechen Sie nach dem Schrei“.
Die nasale Aussprache des Dämons treibt die Königin fast zur Weißglut. Der Schrei, den sie nach seiner Ansage ausstößt, ist wahrscheinlich sogar im Dorf am Fuße des Berges zu hören. Währenddessen nickt der Dämon und setzt seinen Stift auf das Papier.
„Nun, dann wäre ich bereit.“
sagt er mit einem Grinsen.
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