[GER trl.] Brände der Vergangenheit
Eine "mittelalterliche" Geschichte über Mitgefühl, Unterschiede und die Wunder der Verständigung. Und Drachen natürlich.
A German translation about empathy, differences, and the miracle of communication. And dragons of course.
Hi,
this is a German translation (a native-language translation in my case) of one of my english pieces. Call it a lack of creativity or a long deferred mixup in my portfolio, but at least I managed to fix the most pressing issues of the original and had a great time exploring the different strengths and weaknesses of both languages, despite writing nothing actually new.
Moin,
Ich habe mich die lezten Wochen an einigen Ideen versucht, war aber mit keiner so wirklich zufriened und habe schließlich kreativerweise/endlich einfach eine Übersetzung eines meiner bisherigen Werke angefertigt und bei der Gelegenheit auch einige Verbesserungen vorgenommen. Irgendwann übertrage ich diese auch auf das Original, doch vorerst frisst mein sonstiger Alltag noch alles an Zeit. Sofern Bedarf besteht, so würde ich mich aber sehr über Feedback freuen. Ansonsten bleibt mir nichts anderes Übrig, als viel Vergnügen zu wünschen.
Ein lautes Krachen erschütterte den Wald, Vögel stoben auf. „Vorsicht!“, schallte ein banger Ruf dem fallenden Baum hinterher, doch das schien diesen wenig zu kümmern. Anfänglich noch recht zögerlich nahm er bald Fahrt auf. Zunächst nur ein Zittern zwang ihn dann bald sein schieres Gewicht schneller und immer schneller gen Erde und was auch immer im Weg stand, ob Zweige, Artgenossen oder anderes Leben, alles spürte nun die immer deutlicher werdende Macht ihres sterbenden Kameraden. Jahrelang hatte er den Kreaturen des Waldes als Zuhause gedient und es war als würde der Wald in diesem letzten Augenblick den Schmerz seines Verlustes heraus brüllen. Doch sein Ächzen sollte nicht lange anhalten, bis der gewaltige Körper aufschlug. Ein letztes Beben fuhr durch die Fasern, dann lag er still und ergeben da. Ein paar Waldarbeiter hatten etwas zu nahe dran gestanden und verschwanden nun in der aufwallenden Staubwolke, die sich durch die beklemmende, angespannte Stille hindurch ausbreitete. Doch schließlich riss ein Jubelschrei ein Loch in die Decke und mehr und mehr stimmten in unbändiger Freude über ihren Sieg mit ein, einen Sieg, um den sie stundenlang gerungen hatten. Äxte waren ruiniert, Sägen bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen in dem verzweifelten Versuch sie wieder arbeitsfähig zu machen, doch sie hatten es geschafft. Nachdem die Rinde unter Blut, Schweiß und Tränen nachgegeben hatte, hatte sich der Körper ebenso nicht mehr lange widersetzen können, der nun ihre Familien für die kommenden Wochen ernähren sollte. Sogenanntes „Titanenholz“ war legendär für seine Zähigkeit, was es dieser Tage nur zu einer noch selteneren Ressource machte. Feuerresistent und nahezu beliebig witterungsbeständig diente es wahlweise als Basis von teuren Möbeln, Bodenbelägen oder den neu in Mode gekommenen Stauen, die mehr oder minder berühmte Vorfahren oder Familienmitglieder zeigten und so bis in alle Ewigkeit ehrten. Als Baumaterial kam es trotz seiner Kräfte nur selten zum Einsatz, weil noch nicht einmal die Adeligen bereit waren, die nötigen Summen für eine entsprechende Behausung auszugeben.
Tondan hasste diese verdammte Hochnäsigkeit. Vertrottelte Aristokraten hatten noch niemals etwas geleistet, was ihre heutigen Taten und Privilegien rechtfertigen würden, aber welchen Betrug das Schicksal ihnen auch immer durchgegangen haben lassen mochte, sie waren die Auftrag- und Geldgeber solcher Aktionen und ironischerweise war es ihre „edle Spende“, die ihnen allen sowohl dieses Leben erst ermöglichte, als sie auch in jenem gefangen hielt, immer darauf bedacht ihre Macht mit allen Mitteln abzusichern.
Ein plötzlicher Stoß brachte ihn jedoch wieder zu Sinnen, nachdem er minutenlang den Baum betrachtet hatte. „Heda, du Faulpelz. Beweg sofort deinen Arsch hierher, oder willst du noch bis zum Einbruch der Dunkelheit hier ausharren? Die Kreaturen der Nacht werden sich sicher nicht über den Verlust dieser Schönheit freuen, was sie von mir aus gern an dir auslassen können. Einen Festschmaus werden sie in dir zwar nicht finden, aber...“, spottete sein Kumpane und Freund, aber das kümmerte ihn wenig. Der hatte ja keine Ahnung: „Sei unbesorgt. Morgen um diese Zeit sind wir reich und du kannst dich einmal durch alle Kneipen saufen.“ Doch dafür fehlten noch ein paar weitere Stunden Arbeit und so kehrten die Beiden bald wieder zu den anderen Tagelöhnern zurück. Glücklicherweise war das Zerlegen des Baumes einfacher als sein Fällen, jetzt da sein Äther [TODO: prüfen] langsam schwand, und bald lag er fest verzurrt auf den überdimensionierten Karren, auf denen die Truppe nun ausgelaugt zum Dorf zurückkehrte. Tondan hatte befürchtet, dass die ungeschmierten Achsen der Belastung nicht standhalten würden, bei jeder Bodenwelle um ihr Durchhalten gebangt, wie sie ächzten und kreischten, aber mit ihrem letzten Bisschen Lebenskraft schafften sie es dann doch noch ins Ziel, wo die meisten seiner Freunde sich alsbald in die Taverne zurückzogen, um in ihren noch nicht verdienten Kronen zu frönen. Er aber hatte heute keinen Ansporn mehr dazu und machte sich lieber auf den Heimweg. Einen Kater würde er auch ohne Alkohol hinbekommen. Sein Freund rief ihm zwar noch hinterher, dass er Kodar ja schön grüße, aber die sollten sich aus seinen Angelegenheiten heraushalten. Sein Vater war allein seine Sache.
Als er eintrat, erwartete ihn bereits das erstickte Husten, das inzwischen zum traurigen Alltag dieser Bruchbude geworden war. Wenn sein alter Herr schlief, dann schlecht und so war es auch kein Wunder, dass dieser ihn auch jetzt bemerkte. Er hob kurz seinen Arm, aber selbst diese Geste des Grußes war schon zu viel für den angeschlagenen Zehnender. Tondan seufzte schwer und setze sich auf die Bettkante seinen schwindenden Vaters, doch als er die Hand des alten Mannes hielt, konnte er erneut den Schwund spüren, der sich mit jedem weiteren Tag zu beschleunigten schien. „Hallo, Vater, wie geht ’s dir heute?“, fragte der junge Hirsch niedergeschlagen, erwischte sich dabei jedoch bei einem schrecklichen Gedanken: „Was wäre, wenn du heute stirbst? Wäre es schade um das Leben, das du missest, oder wäre es die langersehnte Erlösung auf die wir warten?“ Der greise Narr schien seine Gedanken dennoch gelesen zu haben, oder er hatte sich einfach an den mehr als offensichtlichen Unterton gehalten, als er antwortete: „So schlimm geht es mir nun auch nicht, mein Kleiner. Du wirst-“, ein schweres Husten schüttelte ihn und unterbrach seine Erwiderung, “du wirst schon sehen. In einer Woche bin ich wieder ganz der Alte.“ Nach einem Moment der Stille konnte der Junge sich schließlich widerwillig ein Lächeln abringen, wendete sich jedoch rasch wieder dem Feuer zu, bevor sein Vater die Lüge bemerkte. Wenigstens etwas, was er korrigieren konnte. Bei dem Haus sah das anders aus: die morschen Fensterläden, das dürftige Dach, das bei jedem Sturm drohte, ihrem Leid ein frühes Ende zu bereiten, alles war reparierbar, aber es fehlte die Zeit und das Geld. Neben der Arbeit und Fürsorge für seinen Vater blieb kaum etwas der Beiden übrig, weshalb er lediglich hoffen könnte, dass die jämmerliche Kreatur wieder auf die Beine kam… oder ihm den Gefallen tat und schnell abnibbelte. Erschreckenderweise schien er sich gar nicht mehr für den Ausgang zu interessieren, nur dass es bald passierte, das das Häufchen Elend endlich eine Entscheidung traf. Mit einem müden Grummeln zog er sich schließlich in den einzigen Nebenraum zurück und plumpste dort auf seine Matte. Während er in der winzigen Kammer so einschlief, wurde ihm immer deutlicher bewusst, dass er bald alleine sein könnte. Und dies waren wohl kaum nur die einsetzenden Traumphantasien.
Während der nächsten Woche beobachtete Tondan den Kampf weiter, sah das Leben aus seinem Vater schwinden. Das Auf und Ab wies jedoch deutlich mehr Tiefen als Höhen auf und so schwand die Hoffnung auf eine Genesung bald vollends als ein besonders schmerzvoller Rückschlag auf ein verzweifeltes Aufbäumen gefolgt war. Aus einer perversen Freude des Schicksals heraus verbesserte sich ihr Leben aber ansonsten, als es ihm die finanzielle Situation erlaubte, seine Arbeitsstätten freier zu wählen und er sogar Zeit fand, das marode Dach neu zu decken und die ärgsten Lücken in der Wandverschalung zu flicken. Sein Vater wiederum nahm dies zum Anlass, in einem letzten Anfall der Selbstachtung ständig zu betonen, dass er bald gesundete und diese Pflichten dann übernehmen könne. So lag er eines Abends mit unverminderter Atemnot da und sagte: „Du wirst immer mein Sohn bleiben, egal was auch passiert. Ich bedaure nur, im Moment nicht für dich sorgen zu können und das tut mir aufrichtig leid.“ „Wann auch immer du das je getan hättest“, grummelte Tondan da. Eine unbändige Wut überkam ihn über die Sinnlosigkeit dieser Worte, die emotionale Leerheit, die hinter ihnen steckte. Ein alter Mann, der auf widerlichste Art um Bedeutung in einer Welt kämpfte, die ihn schon lange hatte ersticken wollen.
Eigentlich hätte er das überhaupt nicht hören sollen, aber scheinbar hatte der Junge die Ohren des alten Hirsches unterschätzt. „Was sagst du da?“, hakte dieser vorsichtig nach, wurde aber in starrer Wut kaum eines Blickes gewürdigt und als er vorsichtig nach seinem Sohn langte, schlug dieser den suchenden Arm weg. „Du hast dich noch nie groß um uns geschert, noch nicht einmal um Mutter“, fauchte er und wandte sich voller Abscheu um, „Spürtest du überhaupt etwas, als du ihren leblosen Körper in deinen Armen trugst? War es der Alkohol oder du, der mir erzählte, dass sich die Götter schon um sie kümmern würden? Natürlich waren es die Götter, jedoch nie deine Verantwortung; natürlich hast du nie ein Kitz zurückgelassen, auf dass sie unter dessen Obhut vor Kummer zugrunde gehen möge! Es war vielleicht ein Segen, dass die Wachen, deren Anwesenheit dein Verschulden gewesen ist, ihr das Leben nahmen, nachdem sie es schon mit ihrer Ehre taten. Doch trotz all dieser Qualen… Doch trotz Allem liebte sie mich bis zum bitteren Ende. Wirst du es auch?“ Dieser hasserfüllte Blick, den ihm sein Sohn jetzt zuwarf sollte sich bis in alle Ewigkeit fest in Kodars Gedächtnis einbrennen, die Wangen nass vor Tränen und die Augen starr und rot vor Zorn und Pein. Er rief ihm hinterher, bat ihn um sein Ohr, sein Sohn jedoch stürmte ungebremst nach draußen. Während sein Atem ihm den Dienst versagte und seine Sicht vor markerschütterndem Husten schwand, sah er die letzten Fragmente seiner Familie restlos an den schlagenden Türangeln zerschellen.
Tondan hingegen rannte nur, getrieben von den Bildern seiner sterbenden Mutter, die Blicke, die nun schmerzhaft aus den Tiefen seines Geistes hervordrangen, wie sie innerlich um sein Überleben gebettelt hatte, egal was sie mit ihr taten. Er floh vor diesem Schmerz, den er all die Jahre hatte unterdrücken müssen und der sich nun brutal Bahnen nach oben brach. Die Sonne war nur noch Minuten vom Versinken entfernt, die Welt erkaltete langsam in ihrem Schatten wie der leblose Haufen in seinen Armen, den die Soldaten zurückgelassen hatten, aber das zählte im Moment nicht. Mit der Zeit versiegten die Tränen, nicht mangels eines Anlasses, sondern mangels Flüssigkeit, die er noch abzugeben hätte, aber erst Stunden später kam er wieder zu Sinnen, völlig desorientiert, verschrammt und durch den Wald rennend. Der Wunsch, nach Hause zurückzukehren und die Welt zu vergessen brannte ihm auf der Seele. Er merkte bald, wie töricht er gewesen war, doch wo auch immer es nach Hause ging, jetzt wusste er es nicht mehr. Eine Wurzel setzte diesem Gedanken schnell ein Ende. Unerwartet schlang sie sich um seinen Huf und setzte diesen fest, während der Rest seines Körpers sich vor Stolz an Geschwindigkeit nachzulassen quälend langsam auf den Boden zubewegte. Für einen Moment dachte er belustigt an den majestätischen Baum, den sie heute gefällt hatten, wie er immer weiter Schräglage bekommen und trotzdem seine Würde behalten hatte. Was jetzt jedoch folgte, hatte nicht einmal den Hauch dieser Eleganz, als er mit voller Wucht durch‘s Gewächs brach. Zahllose Steine und Äste durchbrachen sein Fell und fraßen sich ins Fleisch, doch das war nichts im Vergleich zu dem brennenden Schmerz, der jetzt sein Bein herauf kroch. Sein panischer, agonietriefender Schrei schallte so laut durch die Nacht, dass er selbst von den Bäumen widerhallte.
„Bei der Gnade Uskas“, brachte Tondan schließlich etwas ruhiger hervor und versuchte krampfhaft, die Pein unter Kontrolle zu bekommen, „wenn du so weiter flennst, dann dienst du heute diesen wilden Biestern als Abendbrot. Als ob dir nichts ? uff ? Besseres hätte einfallen können.“ Mit einem unterdrückten Keuchen schaffte er es schließlich dennoch, sich auf seine Ellenbogen zu hieven. Sie waren zwar ebenso durchgescheuert wie der Rest seines Körpers, aber zumindest hielten sie noch und bluteten nur mäßig. Ein paar trockene, nun scharlachrote Blätter fielen von den Schrammen an Stirn und Schnauze ab, als er sich umblickte, ob sein Rufen nicht doch etwas angelockt hätte, aber noch schien alles ruhig; Zumindest so weit sein benebelter Geist überhaupt in der Lage war das zu erfassen. Nach ein paar Metern mühseligen Robbens erreichte er schließlich eine Felswand, gegen die er sogleich mit einem erschöpften Seufzer sank, wissend, dass der kalte Stein ihm ein wenig Linderung verschaffen würde. Jede Bewegung schmerzte entsetzlich, jeder Atemzug forderte seinen Tribut, aber noch konnte er nicht aufgeben, er durfte einfach nicht. Als er sich umblickte, um seine Umgebung zu erfassen, begriff er erst, dass er sich auf einer Lichtung befand. Das stahlblaue Vollmondlicht spiegelte sich in tausenden taunassen Pflanzen wider, die die Fläche wie ein Wall umschlossen. Mit dem Berg im Rücken und einer tödlichen Klippe am vorderen Ende bildete sich so eine natürliche Schneise, die bei Tageslicht bestimmt beeindruckend ausgesehen hätte, nun jedoch nichts als eine Todesfalle darstellte, die Schatten voller lüsterner Augen, die wohl kaum die schnelle Mahlzeit verpasst haben dürften, die sich ihnen so lautstark präsentiert hatte. Glücklicherweise lag nicht weit entfernt zu seiner Linken eine Höhle, die sich ihrer Größe nach zu urteilen tief in den Felsen hineinfressen dürfte und so einen adäquates Nachtlager bieten müsste, möglicherweise nicht unbewohnt, aber das war immer noch besser, als hier draußen zu erfrieren. Hoffnungsvoll begann er, quälend langsam darauf zu zu kriechen, allerdings bemerkte er nach kaum ein paar Metern eine Bewegung im Augenwinkel. Da bewegte sich doch tatsächlich etwas, nicht nur ein Produkt seiner Phantasie. Dort auf der anderen Seite der Lichtung war etwas. Und es kam schnell näher.
Einer nach dem anderen traten wilde Wölfe aus dem Schatten hervor, ihre silbernen Pelze glitzerten im Mondlicht, während sie sich ihre ehernen Zähne bleckten. Erschrocken wandte er sich um, doch auch auf seinem eigentlichen Fluchtweg rückten sie näher. Mit erschreckender Gelassenheit zog sich die Schlinge zu. Mit letzter Kraft, durch Unebenheiten, die ihm durch Mark und Bein gingen, die armseligen und zerstörten Kleidungsstücke kaum in der Lage ihn vor dem Untergrund abzuschirmen, kroch er vorwärts, weiter in Richtung Eingang. „Nur noch ein paar Meter“, ächzte er während sein Puls beinahe die lebenswichtige Halsschlagader sprengte, „drinnen wird wohl irgendein Versteck sein!“ Doch was sein Bewusstsein noch hoffte, hatte sein Geist schon längst aufgegeben. Dessen waren sich die Wölfe ebenso sicher wie er: es gab kein Entrinnen. Er war zu langsam und gegen alle hatte er ohnehin keine Chance, wenn es darauf ankam. Schließlich erreichte er die vermeintliche Rettung und warf sich hinein, doch es dauerte nicht lange, bis auch seine vierbeinigen Weggefährten den Eingang erreicht hatten und nun als geschlossene Reihe jeden möglichen Fluchtweg abschnitten. Siegessicher troff ihnen schon der Sabber aus den Mäulern, während der Anführer jedoch zusehends langsamer wurde. Ein paar Nasen von der modrigen Luft der Höhle und schon blieb er wie vom Blitz getroffen stehen, ein leises Winseln alarmierte sein Rudel, es ihm gleichzutun. So standen sie wütend da, ihre eiskalten Augen ihn gierig erfassend, doch irgendwann kehrten sie ihm den Rücken. Ein paar letzte, wütende Schnapper, ein frustriertes Heulen, hallten durch die Felsengruft, doch schlussendlich zogen sie sich zurück als wäre er es noch nicht einmal mehr wert, gefressen zu werden. So mager wie er war, konnte er es ihnen wohl kaum verübeln. Erst jetzt erlaubte der keuchende Tondan es sich wieder durchzuatmen. Das brachte aber auch den Schmerz wieder in voller Intensität mit sich, der ihm ein unheimliches Heulen geradezu aus dem Leib heraustrieb. Ein Moment der Schwäche wäre zwar zu verkraften gewesen, jetzt da er außer Gefahr war, doch ein eindringlicher Gedanke ließ ihn schnell wieder innehalten: „Ruhe, du erbärmliche Kreatur! Stirb, so es dir beliebt, aber habe wenigstens den Anstand, es in angemessener Stille zu tun!“ Der junge Hirsch stockte für einen Augenblick und dachte über diese Worte nach. So durcheinander sein Verstand des Augenblickes auch sein mochte, derlei Auswüchse hatte dieser noch niemals hervorgebracht. Er müsse ja wohl vollends geisteskrank geworden sein für eine solche Wortwahl, dachte er sich schlussendlich und kam nicht umhin zu bemerken, dass auch der Klang dieser Worte etwas… Seltsames an sich hatte. „Ist wohl nur die ? verfluchte Scheiße ? Müdigkeit“, entschied er nach kurzem Sinnieren dann aber und legte sich völlig erschöpft hernieder, endlich Ruhe zu finden trotz der Umstände. Morgen wäre noch genügend Zeit, um nach Hause zurück zu kehren.
Als ob der Tag nicht noch schlimmer kommen könnte, rammte er sein Geweih dabei ausgerechnet in den wahrscheinlich einzigen Felsen, den dieses Drecksloch zu bieten hatte, doch als er danach tastete, war er irgendwie ungewöhnlich. Glatt war er gewesen und… warm? Bei genauer Betrachtung fiel ihm ebenso das Mondlicht auf, das sich ? im Gegensatz zum schwarzen Rest der Wände ? in der Oberfläche spiegelte. Solch einen Felsen hatte er noch nie zuvor gesehen. Vorsichtig tastete der Hirsch erneut nach dem interessanten Material, doch kurz bevor er es erreicht hatte, kam Bewegung in die Sache. Mit einem erneuten Aussetzen seines Herzens kroch er rückwärts, weg von diesem… Ding, das jede Sekunde an Größe zuzunehmen schien und mit einiger Entfernung erkannte er, dass es sich um eine Kreatur handelte, die mehrere Häuser hoch sich vor ihm auftürmte, doch leider würde so dieser Abstand nicht reichen, um ihr zu entkommen. Der Gedanke an die möglicherweise draußen wartenden Wölfe hatte gerade wenig Bedeutung, da er bei ihnen wenigstens die Chance hatte, zu entfliehen, oder sie ihm wenigstens die Ehre erwiesen, ihn schnell zu fressen. Dieses Ding auf der anderen Seite würde vermutlich sogar mit ihm spielen oder schlimmeres. Kaum mehr als eine Ameise würde er lebendig verschluckt und langsam im Magen eines Ungetüms verdaut… besser nicht darüber nachdenken. Doch kam er nicht weit, als sich urplötzlich ein heißes Eisen in sein Rückgrat fraß, die Wirbelsäule hinauf bis ins Hirn, wo es seine Bewegungen lähmte, seinen Atem weg brannte und er hilflos dabei zusehen musste, wie der Schatten näher kam; ein Donnern ließ den Boden bei ein jedem Schritt beben. „Bleibt unten!“ brüllte es durch seinen Geist, als eine Pranke von der Größe eines Karrens seinen lädierten Körper unter sich begrub. Silberne Klauen von der Länge von Lanzen legten sich über sein Geweih und hielten ihn zu allem Überfluss noch am Boden fest und dann war nur diese Stimme war noch zu hören, tief und hässlich, wie sie sagte: „Ihr seid ein Nichts, ein Eindringling, der die ganze Mühe noch nicht einmal wert ist, und doch könnt nicht einfach verrecken, sondern musstet unbedingt so einen vermaledeiten Lärm machen. Aber seid unbesorgt: dieses Problem einer Lösung zugeführt werden.“ Tondan schlug ein paar Mal gegen den Klotz, welcher auf ihm lag, dieser lag allerdings schwer und fest an Ort und Stelle und schien ungerührt von den panischen Versuchen. Was auch immer danach noch an Luft in seinen Lungen war, verabschiedete sich nun vollends, vertrieben durch den Druck, der anzuschwellen begann und sich auf seinen gesamten Körper legte, stark genug seine Knochen zu Staub zu zermalmen. Mit der ausströmenden Luft gelang es ihm zu seinem Glück ein letztes Mal noch, die Stimme zu erheben und er flehte: „Bitte! Gnade!“ Tatsächlich hob sich die Pranke darauf ein wenig und die fremde Stimme setzte wieder ein: „Nun hat es doch noch seine Worte wiederentdeckt, aber warum sollte ich das tun? Versteht mich bitte: Wenn ich euch hier und jetzt loswerde, dann habe ich endlich wieder meine Ruhe und ihr habt noch nicht einmal mehr die Möglichkeit, andere kleine Krabbler hierher zu schicken. Ach, eins noch, bevor wir alsbald fortfahren mögen: Wird jemand nach euch suchen, oder um euch trauern? Ich habe wirklich keine Freude daran, noch mehr von eurer Sorte zu beseitigen. Der Schädlinge bin ich bereits durch euch reichlich überdrüssig.“ Als Antwort erhielt das Monster nur einen Schwall Blut, der anstatt von Worten aus dem Rachen des Jungen hervorstieß. „Oh, Ich vergaß. Eure Lungen“, spottete der Donner, „Ihr spürt ihn schon, den Tod, nicht wahr, wie er sich von innen durch euch hindurcharbeitet, der Schrei nach Vergeltung oder Liebe, der das Herz verbrennt, die Seele verschlingt und den Atem erstickt? Aber noch lasse ich euch ihm nicht folgen. Noch erwarte ich ein paar Antworten.“ Mit den letzten Blicken von der Dunkelheit sah er, wie der Klotz sich von seiner Brust hob und neben ihm niederging. Um dies zu spüren war kaum noch etwas da, obwohl er sich nichts sehnlicher wünschte, als endlich Erlösung zu erfahren von dieser Nacht. Nach einer qualvollen Sekunde sollte sie ihm dennoch zuteil werden, nun da sich ein Scheunentor-großes Maul über ihn senkte, doch zu seiner Überraschung versetzte es ihm lediglich einen leichten Stupser. Plötzlich explodierte ein Feuer in seinem Inneren. Hätte er noch Atemwege gehabt, hätte er geschrien vor Pein, aber es tötete ihn nicht. Stattdessen wand es sich um die Trümmer seiner Knochen, verschmolz Fleisch, schloss Lücken. Während sich der kleinstückige Haufen langsam wieder in einen Körper formte, sprang sogar der gebrochene Knöchel wieder an seinen angestammten Platz zurück. So fügten sich über eine schmerzlich lange Zeit hinweg sein geschundener Körper zusammen, er hilflos da liegend, in der Gewalt einer Bestie, und schließlich durchbrach ein dringend ersehntes Atmen die Stille. „Und nun, rede“ verlangte die Kreatur, kaum dass er seine Sinne wiedererlangt hatte. „W-Wie hast du-“ keuchte er vor Überraschung und betrachtete voller Erstaunen seine Hände und was nun sonst wieder eins war. „Redet oder ich beende das hier sofort wieder!“ fuhr ihn der Fremde jedoch an, als er bemerkte, dass er wohl länger auf seine Antwort würde warten müssen. „Mein Vater!“ schrie Tondan schließlich und rutschte rückwärts, bis er die Wand spürte, „Er wird nach mir suchen kommen und-“ „Dreckiger Lügner!“ durchschnitt die Stimme seine Gedanken und bohrte sich nur noch tiefer in den Verstand des Jungen, „Ich sitze in jedem missgebildeten Teil eures jämmerlichen Geistes, also verschwendet nicht eure letzten Atemzüge auf miesen Unwahrheiten und erkennet eure eigene Wertlosigkeit. Alles, was mich im Moment davon abhält, euch zu töten ist, dass ich mir Ruhe ersehne und wenn ich die nötigen Informationen aus eurem Geist heraussuchte, euch dich eventuell vernichtete, bevor ich es überhaupt versuchen konnte.“ Tondan wiederum brach auf dem Boden zusammen als sein Schädel fast unter dem Druck barst, der sich nun in ihm ausbreitete. Er spürte den Blick auf dem Schatten auf sich, doch was für einen Sinn hatte das Alles überhaupt noch? Unter Tränen gestand er schließlich, dass niemand kommen würde, um nach ihm zu suchen und begriff zugleich, dass der nicht-existente Wert seines Lebens nun vollends verschwunden war: „Der Einzige, der mich vielleicht noch vermisst, liegt verrottend zuhause und macht es ohnehin nicht mehr lange genug, um noch etwas zu erreichen. Ich flehe euch an, bitte lasst mir mein Leben!“ „Zeigt es mir“, verlangte die Stimme nach einer kurzen Pause bestimmt, doch er konnte den Sinn ihrer Worte nicht ergründen: „I-I-Ich soll was? Ich w-weiß noch nicht einmal, ob ich es bis zum Dorf-“ „Die Erinnerungen werden genügen,“ seufzte es, zog sich aber etwas zurück. Verzweifelt überlegte er, was es meinen könnte. Er hatte gerade den verdammten Schlüssel zu seinem Überleben bekommen, wusste aber nicht, wie er ihn zu nutzen hatte. Es war zum Haareraufen, da er so nie zurückkehren würde zu seinem Vater. Kaum dass er diesen Gedanken beendet hatte, stürzte sich die fremde Macht darauf, als hätte sie hierauf nur gewartet. Wie ein Faden aus einem Knäuel Garn riss sie an diesem Gedanken, zerrte und tobte, durchwühlte seine gesamte Kindheit, alles, was mit seinen Eltern zu tun hatte, auch die Bilder seiner Mutter. „Bitte nicht das auch noch!“ flehte er unter Tränen als er alles in schrecklicher Intensität wieder zu durchleben gezwungen war, aber das Scheusal schien im Wahn gar nicht mehr zu hören.
Urplötzlich jedoch kippte die Stimmung. Der Strom hörte auf und anstelle seiner eigenen Erinnerungen prasselten nun andere, dunklere Gefühle auf ihn ein. Wahnvorstellungen flackerten hin und her, Bilder von dieser Höhle, Natur, einem herrlichen Frühlingstag, bis mit der größten Welle der Trauer ein Augenblick hängen blieb: Eine andere Felsöffnung wie diese hier, nur noch etwas größer. Licht flutete durch den Eingang und beleuchtete ein weißes Etwas, das sich im Eingang sonnte. Was auch immer diese Bilder bedeuten mochten, die Dunkelheit, die aus der fremden Seele in seine herüber brandeten, legte sich über seinen Blick, bis die Erinnerung das einzige war, das seine Sinne noch erreichte. So schnell wie es gekommen war, verschwand das Bild dann aber wieder; die Kreatur hatte da offenbar seine erzwungene Aufmerksamkeit entdeckt. Während er noch seine Gedanken von dem brutalen Eingriff ordnete, spürte er die Veränderung in ihrer Bewegung, in der Art der Verbindung ihrer Gedanken. Mit der Unaufhaltsamkeit der Ebbe fluteten bald deren Worte wieder aus Tondans Schädel heraus und rissen alles mit sich, was nicht fest verflochten war, ja sogar seine Emotionen und der Schmerz kamen nicht gegen den Sog an. Als es endlich vorbei war, konnte er sich auch wieder bewegen, was sein Magen leider direkt zum Anlass nahm, das kärgliche Mittagessen wieder los zu werden und er erbrach sich mitten auf den Boden. So bemerkte er kaum, dass der Schatten sich wieder zurückgezogen hatte und nun wieder in seinem Versteck weiter hinten verharrte, bis letztendlich lediglich ein leises Rascheln von Schuppen zu hören war. Was war gerade passiert? Was wollte… es? Ein Teil von ihm dachte an Flucht, aber der Teil wurde bald niedergedrückt von der Erkenntnis, dass ihn das Vieh nicht würde gehen lassen. Auf der anderen Seite fühlte es sich seltsam an. Es hatte ihn geheilt und was auch immer das für eine Erinnerung gewesen war, jetzt wirkte es ironischerweise sogar verletzlich, ja sogar bemitleidenswert wenn man seine hastige Flucht bedachte. Aus einem ihm unverständlichen Trieb heraus kroch er so wieder zum Koloss zurück. Wenn er schon hier bleiben musste, dann wollte es ihn bestimmt in seiner Nähe halten und es weiter zu erzürnen wäre bestimmt nicht ratsam, aber es war auch die Neugier, die ihn zurück zu den Klauen seines Schlächters trieb. Als er sich dem Haufen bis auf ein paar Meter genähert hatte, öffnete sich ein glühendes, grünes Auge oberhalb seines Kopfes und sogar der Druck auf seinen Schädel kehrte zurück, hielt sich aber diesmal in moderaten Grenzen. „Geh, so du es wünschst. Ich hege keinen Groll mehr gegen dich, Kleiner“ dröhnte es erstaunlich sanft, während Tondans Sorgen fast restlos verschwanden, wie abgelassen durch das fremde Bewusstsein. Irgendetwas hatte diese… Verbindung in ihm ausgelöst, also fragte er: „Wer war das? Das… Ding?“ Er konnte einen leichten Unmut über seine Wortwahl spüren, aber ansonsten blieb das Biest gelassen und antwortete: „Das ist eine Geschichte für ein andermal, aber da du zu bleiben scheinst, rate ich dir dringend an, etwas zu schlafen.“ Als sich das Auge wieder schloss und die fremden Gedanken zurückzogen, war es offensichtlich, dass es nicht an einer weiteren Unterhaltung interessiert war und so entschloss der Hirsch sich dazu, der Empfehlung Folge zu leisten, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass die Müdigkeit, sollte das Monster es nicht tun, ihn bald umbringen würde. Glücklicherweise fand er auch nicht allzu weit weg ein mehr oder weniger trockenes Stück Moos und bettete sich schließlich zur Ruhe. Noch immer rauschten seine Gedanken über die Begegnung, die Ereignisse des Tages zogen wie Fetzen eines Albtraums an ihm vorbei, doch trotz der Aufregungen des Tages holte der Schlaf ihn bald ein und er versank in eine tiefen, traumlosen Schlummer.
Als er wieder aufwachte, war es noch dunkel. Es dauerte einen Moment, bis die Erinnerung an gestern, heute, was auch immer es sein mochte, zurückkehrte und er die rabenschwarze, fremde Umgebung wiedererkannte. Der Junge gähnte und steckte sich ausgiebig, aber als er versuchte, sich aufzurichten, kam er nicht weit: eine geschuppte Wand blockierte den Weg. Während er sich im Dunkeln weiter tastete, musste er dann schlussendlich mit Schrecken feststellen, dass eine schwarze Membran auch den Rest der Fluchtwege abschnitt; wie ein Zelt hatte das Monster ihn so von allen Seiten umschlossen. Er versuchte ein paar Male vergeblich, die zähe Haut zur Seite zu schieben, aber es half alles nichts. Ohne es zu wecken würde er hier nicht weg kommen und das war bei einer solch gottlosen Abscheulichkeit keine Option. Die Ruhe, die ihn gestern noch erfüllt hatte, war Vergangenheit und er schalt sich für den Leichtsinn, einem solchen Vieh zu vertrauen, aber nun ließ sich das verdammterweise nicht mehr ändern. Nach ein paar Minuten des panischen Abwartens meldete sich dann endlich wieder die Stimme; ein seltsames Vergnügen schwang ihren Worten mit: „Sag mir, wie war die Nacht?“ „Ihr habt versprochen, mich frei zu lassen. W-Warum haltet ihr mich nun fest?“ erwiderte Tondan stattdessen ängstlich und wich ein wenig von den Wänden seines Gefängnisses zurück, als ein donnerndes, glucksendes Grummeln den massiven Körper erfasste. Kurz darauf wurde die Membran angehoben, doch der Druck auf seinen Schädel wich nicht: „Ich würde niemals mein Versprechen brechen, das bedeutet aber bei Leibe nicht, dass ich dich ohne Weiteres so herzlos erfrieren lasse da ich mir bereits die Mühe gemacht hatte, dich zu heilen. Aber wenn es dich danach dürstet, dann mach es dir ruhig gemütlich.“ Er wunderte sich kurz über die Worte, trat dann aber doch ins Licht. Die plötzliche Helligkeit blendete Tondan und während der Hirsch in Freiheit stolperte, erfasste ihn eine eisige Böe, die sofort durch die spärliche Kleidung drang und ihn frösteln ließ. Als er über den Raureif stolperte, gewöhnten sich seine Augen langsam an das Sonnenlicht und er stellte fest, dass die Höhle bei Tageslicht sogar recht einladend wirkte. Bis auf die klirrende Kälte hätte er es hier eventuell sogar länger ausgehalten, allerdings war da noch eine gänzlich andere Sache. Vorsichtig wandte er sich um, doch was er sah, hätte er lieber vermieden: Der dunkelblaue Schuppenberg ragte selbst flach am Boden liegend zwei Anwesen hoch auf, ein massiver Rumpf erstreckte sich fließend in einen langen Hals mit eidechsenartigem Kopf und einem langen, kräftigen Schwanz an der anderen Seite. Lederne Schwingen füllten fast die ganze Felsöffnung und als es gähnte, blickte er an scharfen Lanzen vorbei zum Tor der Hölle, bis sich der schleimige Schlund in der Finsternis verlor. Welch Terror wenn sich dieses Monster einmal bewegen sollte. Glücklicherweise hob sich bald eine Zunge vor den Rachen und versteckte den Anblick, der ihn fast wieder seinen nicht-vorhandenen Mageninhalt gekostet hätte und ihn in seinen schrecklichen Bann gezogen hatte. „Verzeih bitte mein schlechtes Benehmen“, merkte der Drache lediglich leichthin an, „Irgendwann im letzten Jahrhundert habe ich es wohl vernachlässigt nach… gewissen Ereignissen, aber sei unbesorgt: Ich kümmere mich stets um meine Gäste. Wo wir gerade dabei sind…“ Tatsächlich erhob es sich und watschelte gemächlich auf den Ausgang zu, sehr darauf bedacht, den verschreckten Jungen nicht zu plätten. Als das Monster draußen war, sackte es wieder zu Boden und räkelte sich fast schon katzenartig, so denn solche Vergleiche bei einem Monstrum dieser Gestalt überhaupt möglich sein mochten, in der Morgensonne, bevor es sich erneut an ihn wandte: „Du wirst vermutlich sehnsüchtig zuhause erwartet und mit Nahrung könnte ich dich ohnehin nicht zur Genüge versorgen, also los, genieße deine Freiheit. Und eins noch: Wag es ja nicht, irgendjemandem von mit zu berichten. Ich ziehe Ruhe und Frieden vor und wenn ihr von einem ‚grausigen Monster‘ hört, dann bekommt ihr Zweibeiner Angst und Angst führt zu Dummheiten, die du mir und deinen Landleuten besser ersparst, nicht wahr?“ Er wusste nicht so recht, was er davon halten sollte ? ob er dem Koloss überhaupt vertrauen konnte ?, aber da dieser keine Anstalten machte, ihn aufzuhalten, wandte er sich schließlich ab und trat vorsichtig den Heimweg an. Es lag schließlich leider nicht falsch, dass er mittlerweile einen beißenden Hunger verspürte. Bevor er jedoch weit kam, meldete sich die fremde Präsenz wieder, etwas zögerlicher diesmal aber: „Wenn du immer noch gewillt bist, deinem Vater zu helfen, dann bring ihn her. Ich kann ihn vermutlich von seinem Gebrechen, jedoch nicht seinem Leben, befreien.“ Verwirrt drehte er sich um und starrte zurück auf den ruhenden Giganten, so er doch die Worte des Monsters gehört hatte, sie dennoch aber keinen Sinn ergaben. Warum sollte es ihm helfen wollen? Er stellte ihm dieselbe Frage, doch zu einer wirklichen Antwort war es nicht bereit. Stattdessen faselte es nur etwas von einem Versprechen, dass es zu halten gedachte und dass es „Eldyr“ „Monster“ vorzöge. Für den Rest seines Weges zerbrach er sich über die Bedeutung dieser Worte den Kopf, doch als er nach einer knappen Stunde wieder beim Dorf ankam, hatte er des Rätsels Lösung noch nicht gefunden.
Die Blicke der anderen Einwohner kümmerten ihn wenig, als die zerlumpte Gestalt durch die Straßen trottete. Sein Anblick war selbst für eine solche Gegend ungewöhnlich, aber so lange er niemanden traf, den er länger kannte, konnte es ihm mehr oder minder egal sein. Lediglich eine Sache war gerade entscheidend und er fürchtete den möglichen Ausgang, besonders als er schließlich bei seinem Elternhaus ankam. Die eiskalte Klinke fühlte sich wie vom Hauch des Todes festgefroren an, doch nach gehöriger Überwindung öffnete er die Tür und trat ein, nur um seinen Vater vorzufinden, der ihn wie von Sinnen anstarrte. Tondan blickte sich um und fand wie erwartet alles unverändert vor, doch er konnte sich nur zu gut vorstellen, was sein Vater gerade durchmachte. Das verschlammte Fell trotz der geheilten Leiden seines Fleisches, die zu Fetzen reduzierten Kleider, doch bevor er etwas sagen konnte, stürzte der Alte auf ihn zu und umarmte ihn so inbrünstig, wie es sein Zustand zuließ. „Mein Junge!“ rief er und scherte sich kaum um die gemurmelten Entschuldigungen und Tränen, die dieser mühevoll hervorbrachte, „wo bist du gewesen? Komm, setz dich, ich mache dir schnell etwas.“ Doch als ein Hustenanfall ihn in die Knie zwang, musste Tondan ihn wieder stützen und zu Bette tragen. „Ich kann schon für mich selbst sorgen, Vater“, erwiderte er mit einem schwachen Lächeln. Dass dieser ihn jetzt noch so herzlich empfing zeigte ihm zwar, wie falsch seine Anschuldigungen gewesen waren, wie unbegründet seine Sorgen, aber nicht alle Probleme waren so einfach zu lösen. Seinen Vater jetzt so zu sehen erinnerte ihn nämlich wieder schmerzlich an das Angebot des Drachen und mittlerweile zog er es sogar ehrlich in Erwägung. Während des Abends versuchte sein Vater auch immer wieder, ihn zum Reden zu bewegen über die Ereignisse der vergangenen Nacht, doch er weigerte sich beharrlich, da er spürte, wie ihn jede Erinnerung daran weiter zur Zustimmung trieb, eine Vorstellung, die in ihrer Torheit kaum zu überbieten war.
Als der nächste Morgen anbrach, stand der Entschluss des Jungen dann aber fest: Er würde seinen Vater zu Eldyr bringen, komme, was da wolle. Auch nur noch einen einzigen Tag länger tatenlos zuzusehen, war keine Alternative mehr und so standen sie bereits nach dem Frühstück mit gepacktem Proviant vor der Tür. Seinem Vater hatte er erzählt, dass sie lediglich eine kurze Wanderung machen würden. Dieser hatte es ihm zwar innerlich nicht wirklich abgenommen, sich aber doch dazu entschlossen, dem Wunsch seines Sohnes zu folgen. Der Blick in diesen verblassenden, braunen Augen verriet sprach Bände darüber, dass er dem, was dort zurückgekehrt war, nicht vollends vertraute, aber die Hoffnung trieb den Alten weiter. Mit diesem zusammen dauerte der Weg allerdings mehrere Stunden und obwohl Tondan ihm immer wieder seine Hilfe anbot, schlug Kodar sie stets aus. Irgendetwas war in ihm erwacht und kämpfte nun wieder um Eigenständigkeit. Als sie schließlich an einer Lichtung ankamen, ließ sein Sohn ihn jedoch einfach an einem Stein stehen und rannte zu einer nahegelegenen Höhle. Dort rief er nach jemandem, doch wen auch immer er erwartete, dieser schien nicht zu antworten, sehr zum Unmut des Jungen.
Plötzlich fuhr ein Windzug über das Gras, ein Beben durchschnitt die Luft und kündigte Eldyrs Erscheinen an. Tatsächlich löste sich bald ein schwarzer Fleck aus der gleißenden Mittagssonne und wurde dramatisch größer, je näher er kam. Der Schatten, den die Schwingen warfen, hüllte bald die gesamte Lichtung ein, noch bevor er sie überhaupt erreicht hatte. Schließlich wurden mehr und mehr Details erkennbar, wobei Tondan kaum Zeit hatte, sich zu wundern, wie er ihn hatte übersehen können, bevor die gigantische Echse aufsetzte und eine Schockwelle über die Lichtung sandte. Der Boden unter ihm barst unter dem Schwung auf, doch Kodar schien irgendwie die Hoffnung zu hegen, irgendeinen Widerstand gegen diese Naturgewalt darzustellen, als er sich schützend vor seinen Sohn warf. „Hinfort mit dir, du Bestie!“ keuchte er, „Mögen die Götter dich und deine Nachfahren verfluchen, wenn du meinem Sohn auch nur ein Haar krümmst!“ „Ein wahrlich beeindruckender Auftritt für einen mickrigen Wurm wie du es bist. Da Meinesgleichen jedoch das Gott-ähnlichste ist, dem du in deinem unbedeutenden Leben jemals begegnen wirst, muss ich diese Drohung wohl kaum ernst nehmen, zumal sie nicht von Nöten ist. Du bist schlussendlich der Grund, weshalb ich hier bin, neben der vortrefflichen Lage natürlich“, kam die geistige Antwort, die vor Spott kaum zu überbieten war, auch wenn der Junge nicht umhin kam, ein gewisses Vergnügen festzustellen. „Wer I-Ist da? Zeige dich!“ verlangte der Alte und blickte sich hastig um, bevor der junge Hirsch einschreiten konnte: „Vater. Er hat Recht. Du-“ „Was hast du getan, mein Sohn? Welch finstere Mächte haben dich hierzu getrieben?“ fuhr ihn dieser sogleich an, konnte aber kaum mehr die Kraft zum Stehen aufbringen und sank mit dem Blick des Verrates in sich zusammen. Diese heftige Reaktion lies sogar Tondan für einen Moment sein Vertrauen in Eldyr anzweifeln, fuhr jedoch seelenruhig fort: „Er ist hier, um dir zu helfen. Du weißt ja nicht, wie schrecklich es ist, dich tagtäglich dort liegen zu sehen. Oh bitte, vertrau mir lediglich dieses eine Mal.“ „Und da hast du dich entschlossen, mich dem Bösen zu opfern? Beim Grabe deiner Mutter, niemals werde ich meine Seele freiwillig für solch Ketzerei hingeben!“ „Ich befürchte, dass ihr einiges klarzustellen habt“, kommentierte der Drache da mit einem gewissen Vergnügen, „das überlasse ich jedoch nur allzu gern euch Beiden. So verkündet es mir nur, sobald ihr eine Entscheidung getroffen habt.“ Während er vorher noch gestanden hatte, legte sich der Riese nun auf den Rücken, streckte genüsslich seine Schwingen aus und warf ihnen zum Abschluss einen geradezu verspielten Blick zu. Vielleicht war das aber auch nur die Interpretation der rar gesäten Emotionen, die Tondan von Eldyr empfing. Als dieser jedoch tief Luft holte und sein heißer Atem sie fast von den Hufen riss, war er sich sicher. Nach einem anfänglichen Schock der Beiden gelang es ihnen jedoch wieder, sich auf die Sache zu konzentrieren, wegen der Tondan sie her gelotst hatte. Eldyr öffnete während der hitzigen Erklärungen und Anschuldigungen immer wieder kurz die Augen, hatte sich aber aus ihren Köpfen zurückgezogen und döste nur ein wenig vor sich hin.
Schließlich gab Kodar sein Einverständnis und wandte sich nervös zum verkehrt herum liegenden, schuppigen Kopf neben ihnen: „Was auch immer du meinem Sohn versprochen hast, ich vertraue ihm und werde es vorübergehend auch dir tun.“ Der Kopf drehte sich entgegen seines Körpers wieder richtig herum und für einen Augenblick erschauerte sein Vater neben ihm vor Ehrfurcht oder Schreck, aber Tondan schien von der Unterhaltung ausgeschlossen. Ausschließlich der Gesichtsausdruck seines Vaters verriet, dass ihm das Thema nicht zu behagen schien. Kurz darauf kehrte jedoch der gewohnte Druck zurück: „Jetzt, da wir das hinter uns haben, würdest du diesen Sturkopf bitte festhalten, Kleiner? Es könnte etwas schmerzen und ich verspüre nicht den Wunsch, auch seinen Körper zu zerquetschen.“ Obwohl die letzte Anmerkung ihn zutiefst beunruhigte, kniete sich der Hirsch neben die hagere Gestalt und umarmte sie zwar liebevoll, aber fest. Er konnte das schwache Herz in dessen Brust beben spüren, als der Drache erneut seine Augen schloss und ein blaues Flimmern Kodar umgab. Mit einem bedrohlichen Surren, das die Luft wie eine Armee Mücken erfüllte, begann sein Vater plötzlich am ganzen Körper zu zittern. Kleine türkisfarbene Blitze rannten sein Fell entlang, während der einsetzende Krampf seine Kiefer aufeinander presste und ihm so den qualvollen Schrei im Hals einsperrte. Wie sein Blick wie besessen umherwanderte und das Zittern, Treten und Schlagen Tondan fast seine Hörner in die Brust trieb, schnappte er nach Luft und selbst die Nähe des Jungen brachte kaum etwas gegen die Schmerzen. Nach kurzer Zeit wurde der Alte aber gnädigerweise ohnmächtig und erst jetzt bemerkte der Junge seine eigenen Tränen, die zwischen panischen Rufen auf seinem Vater einprasselten: „Halte bitte ein! Ich flehe dich an! Du versprachst doch versprochen, ihm zu helfen, warum tust du nun so etwas?“ Doch Eldyr hörte gebot dem Vorgang keinen Einhalt. Tondan rechnete schon fast nicht mehr damit, aber schließlich erschlaffte der halbe Leichnam. Die Atmung und der Herzschlag des Alten waren immer noch da, aber sie drangen nur noch flimmernd durch die abgemagerte Hülle. Das Glühen verschwand und das Summen legte sich, mehr als ausgeglichen durch Tondans brodelnde Wut.
Der Hirsch stürmte auf den Verräter zu und drosch auf alles ein, was er für verletzlich hielt, doch die Schuppen verweigerten ihm jegliche Regung. Steile waren von keinem Nutzen und selbst das Augenlid gab nicht einmal nach, als er mit einem Ast danach hieb. Dieser zerbrach in seinen Händen und kaum, dass er nach einem neuen suchte, legte sich auch um ihn das Glühen. Er erwartete die gleichen Schmerzen, doch stattdessen hüllte es ihn wie Wasser ein und lies ihn schwerelos aufsteigen. Erneut wand er sich gegen die unsichtbare Macht, strampelte mit voller Kraft gegen ihren Einfluss, doch er konnte sie nicht aufhalten, bis er schließlich mehrere Fuß über Eldyrs Brust zum Stillstand kam. Lediglich seinen Tränen war es gestattet zu fallen und er selbst war kaum zu mehr als einem verzweifelten Keuchen in der Lage: „Was hast du ihm angetan. Wolltest du ihm nicht helfen?“ Als Antwort bekam er zunächst nur einen schiefen, fragenden Blick aus den nun wieder geöffneten Augen. Tatsächlich schien sich das Glühen sogar verstärkt zu haben, wie Tondan mit einer Mischung aus Misstrauen und Neugierde bemerkte. Schließlich antwortete das Ungetüm jedoch mit einem schaurigen Gähnen: „Es ist eine Sache, Knochen zu verschmelzen und Fleisch zu heilen, all das würde der Körper mit der Zeit auch von selbst tun. Aber eine Krankheit wie diese auszutreiben erfordert auf der anderen Seite etwas mehr Aufwand, um das unkontrolliert wachsende Gewebe zu entfernen, die Infektion des Körpers mit sich selbst heraus zu brennen. Auch wenn eine primitive Kreatur wie du das nicht begreift, Kleiner, so war es notwendig. Jetzt muss er nur noch schlafen und dann kann er die letzten Jahre seiner winzigen Lebensspanne mit dir verbringen.“ Während der folgenden Stille spürte Tondan die wenigen Emotionen, die durch die Verbindung sickerten, doch da keine von ihnen feindselig war, entschied sich Tondan, ihm erst einmal zu glauben. Doch plötzlich stoben die Gefühle auf, als Eldyr seine Klaue hob und begann, Tondan sanft zu stoßen, sodass dieser nunmehr durch die Luft trudelte. Die Welt schwankte und er keuchte, verzweifelt darum bemüht, dieser ungewohnten Bewegung ein Ende zu setzten, während er das Vergnügen seines Gegenübers geradezu riechen konnte. „Du fragtest mich, warum ich dir helfen solle. So du es wünschst, bin ich bereit, deine Fragen zu beantworten“, fuhr dieser schließlich fort und reichte dem Winzling als Akt der Gnade eine Klaue, um seine Drehung zu bremsen, „und da dein Zeuger ohnehin noch bis zum Ende des Lichtzyklus schlafen wird, haben wir die Zeit.“ Tondan wollte natürlich seine Fragen beantwortet haben, allerdings hatte er auch Angst, was ihn erwartete. „Möchtest du vom Boden aus zuhören?“ fragte der Drache da geduldig, zu seiner eigenen Überraschung verneinte Tondan jedoch. Solange er sich nicht unkontrolliert drehte, war dieser Zustand sogar ganz angenehm. „Auf eine Sache bestehe ich allerdings“, fuhr Eldyr fort, „ich werde mich wohl kaum dazu herablassen, dir meinen Standpunkt mit Worten näher zu bringen.“ Der veränderte Unterton in diesen Worten ließ alle Warnfeuer in Tondans Kopf entflammen, doch der Drache ließ sich nicht beirren. Von einer Sekunde auf die andere nahmen die Kopfschmerzen zu, während etwas an Tondans Verstand zerrte, fast wie als Eldyr sich ruckartig zurückgezogen hatte. Nur diesmal war es viel stärker und selbst die tiefsten Gedanken wurden vom Strom mitgerissen und aus seinem Kopf gezerrt, sodass ihm schwarz vor Augen wurde. Als die Übelkeit endlich nachgelassen hatte und er die Augen öffnete, erwartete er fast die Unterwelt, fühlte er sich jedoch lediglich… anders. Die Schmerzen waren weg und stattdessen fühlte er sich seltsam frei und berauscht. Das änderte sich jedoch schlagartig, als er in sein eigenes Gesicht sah, die Schnauze offen und herabhängend, die Augen weiß in ihren Höhlen. Tot. Als er sah, wie sein lebloser Körper da so schwebte, bekam er es mit der Angst zu tun. Er schlug mit den Armen, nein, Flügeln, sein Schwanz fegte über den Boden und… er hatte einen Schwanz? „Beruhige dich, Kleiner!“ schrie er sich selbst an, während irgendetwas seinen Körper festsetzte und unter Kontrolle nahm, ihn lähmte und selbst sein Herz zwang, wieder langsamer zu schlagen, „Oder möchtest du deine Hülle zerstören und dann ewig hier drinnen gefangen sein?“ Erst jetzt bemerkte er den Unterschied, die dramatischen Ausmaße, die der Geist des Drachen haben musste und die er noch nie so wahrgenommen hatte. Kein Wunder, dass er ihn erst nicht erkannt hatte. „Wo… wo bin ich?“ fragte Tondan verwirrt, spürte aber eine vergnügte Vibration, die durch seinen neuen Körper lief: „Um deine eigentliche Frage zu beantworten: Du bist nicht tot, offensichtlich nicht, und das Meiste von ‚dir‘ ist immer noch dort in der Luft. Den Rest solltest du eigentlich erahnen können, auch wenn es erst einmal etwas verwirrend, ja geradezu unmöglich, anmuten mag von deinem wenig erfreulichen Standpunkt aus.“ „Also bin… Ich da immer noch drinnen?“ fragte der Geist des Jungen und versuchte auf sich zu zeigen, aber der Drache hatte ihren Körper immer noch fest im Griff. „Wie ich bereits zu sagen versuchte: das Meiste durchaus. Aber was auch immer du als ‚du‘ bezeichnen würdest, ist jetzt hier. Das Wesen dort ist nicht mehr als eine Puppe, ein Behälter deine trübe Essenz zu speichern. Zwar kann kein anderer Geist als deiner sie dauerhaft besetzen und tot ist sie ohne einen auch nicht wirklich, aber ‚du‘ bist das nicht mehr.“ Der Drache gab ihm einen Moment, um das zu verarbeiten, bevor er fortfuhr: „Aber da dein Verständnis hier auch nicht erforderlich ist, lass mich dir zeigen, warum du eigentlich hier bist.“ Erst langsam, dann immer schneller umschloss er plötzlich den Verstand des Jungen. Mehr und mehr verschmolzen sie zu einer Einheit und während es ihm atemberaubende Einblicke verschaffte, so war es viel zu viel, um es auf einmal zu verarbeiten. Er tauchte in einen goldenen Palast ein, voller Erinnerungen, Gerüche, Wahrnehmungen, die nicht die seinen waren. Sie zischten vorbei und während die Welt, die er wahrnahm sich jetzt veränderte, da er so viel mehr über sie wusste, wurde er bald überfordert von der Vielzahl an Eindrücken, die auf ihn einprasselten. Jetzt roch er sogar die einzelnen Tannennadeln, ihre individuellen Aromen, Klänge, spürte die Fülle an Leben um sich herum, verlor jedoch bald wieder den Überblick als diese Eindrücke weitergeschwämmt wurden. Was ihn in seinem Körper vor Anstrengung vermutlich umgebracht hätte, geschah hier dennoch voller Genuss und Neugierde. Doch gab es auch keinen Freiraum. Jeder seiner Gedanken, Wünsche, Sehnsüchte war offen sichtbar für den Anderen, allerdings galt die Gegenrichtung allein schon aufgrund der schieren Größe des anderen Geistes nicht. Nach wenigen Sekunden, die sich auf Stunden ausdehnten, jedoch zog sich dieser wieder zurück und wechselte zurück auf die langsamere Verständigung: „Jetzt, da du weißt, wie es sich anfühlt, bist du bereit, mir zuzuhören?“ „Gibt es keinen anderen Weg?“ fragte Tondan immer noch innerlich bebend, allerdings fürchtete er die Antwort schon bevor sie kam: „Nichts, was lohnend genug ist. Kennen ist eine Sache, Verstehen eine ganz andere, da allein die möglichen Missverständnisse bereits Wochen benötigten um geklärt zu werden.“ Tondan schauerte erneut, doch schließlich gab er eine Zustimmung und bereitete sich auf den Sturm vor. Glücklicherweise dämpfte Eldyr nun die Flut aus Erinnerungen, während eine Wand aus Gedanken sich durch den Geist des Jungen schob, die übrigen Informationen geliefert durch Eldyrs tiefe, grummelnde Stimme.
„Zunächst einmal will ich alles in eine zeitliche Perspektive setzen.“ Der Strom von Bildern unterschiedlicher Art machte kurz Halt, um eine einzige Szene zu betonen: ein Nest, in dem ein einzelnes Vogelei lag. Tondan verstand zwar die Bedeutung dieser Erinnerung nicht, aber Eldyr schien sie für sehr wichtig zu halten. „Vor etwa einem Jahrtausend ist deine Rasse in diese Lande gezogen, woher wissen nur die Vorfahren. Gerade einmal zwei Jahrhunderte später dann schlüpfte ich, der Hass, den ihr bis dahin gesät hattet, war allerdings bereits überwältigend. Ihr Zweibeiner habt um alles gekämpft in diesem neuen Revier: Land, Ressourcen, all das Weitere, was ihr einfach besitzen und unterjochen wolltet in eurer Gier. Ob die anderen nun eine Gefahr für euer Leben oder nur euren unangebrachten Stolz darstellten, war dabei einerlei. Irgendwann hatte ich genug gesehen und so fing ich nach ein paar Dekaden selbst an, mich bei euch einzumischen.“ Aus dem Strom tauchten grauenvolle, blutige Szenen auf; Eldyr zeigte ihm tiefrot getränkte Schlachtfelder, wo sich die Raben am reichen Nahrungsangebot labten und auch, wie sie zu Stande kamen. Dabei kam Tondan nicht umhin zu bemerken, welches Vergnügen der Drache manchmal an seiner Grausamkeit empfand, dieses perverse Verlangen nach immer mehr Zerstörung, Zerstückelung und Leid. Ein hilfloses Opfer nach dem anderen fiel unter den Klauen des Monsters und durch ihre Nähe zum Geiste des Anderen spürte er selbst bald dieses Verlangen, wie er es noch nie für möglich gehalten hatte. Tondan versuchte verzweifelt, sich diesen Eindrücken zu entziehen, wenn er auch mit einer seltsamen Belustigung bemerkte, wie viel kleiner der Drache damals noch war, aber der andere Geist ließ ihn nicht entkommen. „Zu dieser Zeit erschien es mir richtig. Einerseits hoffe ich, dass ihr des Kämpfens überdrüssig würdet, andererseits war ich jung und naiv. Mit meinen 90 Jahren glaubte ich, noch etwas verändern zu können, glaubte an die leeren Versprechen, die eure Machthaber von sich gaben. Doch das sollte sich bald ändern. Ich war natürlich nicht der einzige meiner Art, den sie belogen hatten.“ Tondan hätte sich übergeben, hätte er einen Körper besessen um dies zu tun, als das Morden weiterging, doch plötzlich wichen die Szenen einer einzigen, klaren, fast schon reinen. Nichtsdestotrotz rannte eine Artgenossin Eldyrs mit der Masse eines ganzen Straßenzugs in Tondan hinein. Die ehemals weißen Schuppen leuchteten nun scharlachrot als sie ihre Klauen und Fänge tief in ihren Widersacher grub. Die beiden Ungetüme brüllten sich an, spien sich blendende, lodernde Flammensäulen um den Körper und er bemerkte sogar, wie selbst ihre Geister sich belagerten und bekämpften, etwas, was bei den schwächlichen Zweibeinern niemals notwendig gewesen wäre. Dennoch enthielt diese Erinnerung keinen Hass, sondern war erfüllt von einem euphorischen Rausch. Obwohl die Kreaturen sich wie Tiere versuchten zu zerfleischen, bemerkte er bei genauerem Hingucken die kurzen Pausen, die beide einander boten, die verpassten Gelegenheiten, durch die sich der jeweils andere immer wieder freikämpfen konnte. Fast schon zärtlich hieb die weiße Drachendame ihm die Zähne ins Vorderbein, bis Blut aus ihren Lefzen quoll. Doch schließlich entschied der Dunklere, dass es genug war. Mit einem letzten Hieb seines Schwanzes warf er seine Gegnerin zu Boden und setzte sich auf sie, die Fänge entschieden um ihren Hals geschlungen, wo er die mächtige Hauptschlagader im Gleichtakt mit seinem Herzen pulsieren spürte, wie sie begeistert gegen seine Fänge drückte. Sie schien den Ernst zu spüren und blieb tatsächlich ruhig liegen, während der Atem der beiden Kontrahenten raste, doch nachdem er sich ihrer Kapitulation sicher war, ließ er sie wieder frei und schnaubte ihr glücklich in die Flanke. Durch die schlagartige, gespenstische Stille hallte dann jedoch plötzlich ein Ruf: „Töte es, du Monster! Töte diesen weißen Dämon endlich, du dämliches, treuloses-“ Der Sprecher kam nicht weit, als Eldyr seine Artgenossin links liegen ließ und sich mit loderndem Zorn zu seinem ehemaligen Verbündeten umwandte. Als er schließlich die Zähle bleckte, stolperte der lächerliche Winzling rückwärts, übersah eine Lanze und nach einem Sturz, der dessen Erbärmlichkeit nur noch betonte, starrte ihn der Blechhaufen verängstigt aus dem Dreck heraus an. Dieser in Eisen gehüllte Bär schien sich bewusst zu sein, dass ihn selbst die stärkste Rüstung nicht vor dem schützen würde, was nun folgte, doch bevor der Drache auch nur einen Schritt weiter machen konnte, erschallte ein verspieltes Fauchen hinter ihm und er sah, wie die Göttin des Lichtes durch die Nebenschwaden davonflog. Eine Entscheidung war schnell getroffen und so folgte Eldyr ihr, allerdings nicht ohne einen hinterhältigen Schwanzhieb, der den Bastard ein gutes Stück in den schlammigen Boden eingrub, während sein Feuer vor Verlangen heller brannte als irgendwann sonst während des Kriegs. „Verständlicherweise“, fuhr der Drache seltsam bedrückt fort, „waren die Narren, die den Krieg begonnen hatten, plötzlich vereint in dem Gedanken darüber, wie mit uns zu verfahren sei.“ „Du… hast sie fast getötet!“ „Ich weiß. Ach, ‚Liebe‘ ist nicht einmal annähernd genug, um zu beschreiben was wir für einander empfanden. Verstehst du, wenn wir uns einen Lebensgefährten auserwählen, dann ist das für die Ewigkeit. Ihr Sterblichen lebt in einer Art Zwangsgemeinschaft, bis das der Tod euch endlich scheidet und befreit, aber wir können uns keine falsche Entscheidung erlauben, da mit einer solchen Bindung sich mehr vereinigt als nur unsere Lebenswege, also verstehst du sicher, warum ich so erleichtert bin, mich ihrer würdig erwiesen zu haben.“ Durch die geistige Verschmelzung spürte er eine seltsam verschwommene Erinnerung daran, wie sie war, die tiefe Verbindung der Geister der beiden Drachen, die selbst über Meilen nicht abriss und sie so fast zu einer Entität werden ließ, gerade so getrennt durch ihre individuellen Körper. Weitere Bilder flossen herüber, private und hin und wieder… eindeutig viel zu private Momente, die unbeabsichtigt mit hinein gespült wurden und die den Jungen seine bisherigen Annahmen über Beziehungen und Romantik ernsthaft überdenken ließen, bis der Ältere seine Gedanken erhaschte. „Ich befürchte“, merkte er belustigt an, „dass eure Weibchen einen guten Kampf wohl kaum zu schätzen wissen, obwohl sie euch rein körperlich durchaus die Ehre erweisen könnten. Aber ich schweife ab.“ Mit einem mal verschwanden die heiteren Bilder und die Umgebung wurde kalt und leblos, bis Eldyr wieder seine Stimme erhob: „Wie ich schon erwähnte, waren eure mehr oder weniger erwählten Machthaber ? es gibt nebenbei bemerkt keinen Gott, der sie erwählt hätte, so kann man diese auch bedenkenlos stürzen ? nicht gerade erquickt von unserer Entscheidung, nicht mehr in ihrem Konflikt teilhaben zu wollen. Als ob sie uns irgendetwas zu befehlen hätten, vermeldeten zuerst ihre äußerst dreisten Boten die Wünsche ihrer Herren, doch als diese sich mit Höflichkeit nicht mehr fernhalten ließen, schickten sie ihre Soldaten. Es war derselbe Konflikt, dem wir bereits den Rücken gekehrt hatten, nur dass es für keine Partei mehr etwas aus dieser Torheit zu gewinnen gab, und so versiegte die Kampfeslust der Nachfolger der beiden Stümper nach einen viel zu hohen Schaden an beiderlei Heeren auf und konzentrierten sich wieder auf die gegenseitige Auslöschung und ihre nichtigen Fehden. Irgendjemand aus einem Hause schien stets einen anderen durch seine bloße Existenz zu beleidigen und so ließen sie uns fortan auch in Ruhe. Eines der Königreiche gewann schließlich, da es letztendlich aber in beliebig viele Teile zerfiel, macht es an dieser Stelle auch keinen Unterschied mehr, wie sich die Landkarte über das nächsten Jahrhundert wandelte. Was aber beharrlich verweilte war das Misstrauen gegen meine Art, das die Soldaten mit in ihre Häuser gebracht hatten, die Legenden von mordlustigen Bestien, die die Welt in Schutt und Asche legten, weil sie gerade Lust dazu verspürten. Und wag es ja nicht, dich zu erdreisten, mir zu widersprechen, dass du nicht an diese Geschichten geglaubt hättest, wo doch deine Gedanken bis zu dieser Sekunde eine andere Sprache gesprochen hetten. Für dich war der Krieg am Ende nichts als eine Bestätigung dieser Wahrnehmung, wo du es hingegen besser hättest wissen müssen. Irgendwann hatten Erzählungen wie diese dann aber nichts mehr mit der Wirklichkeit gemein, wo doch immer neue, immer seltsamere Behauptungen aufkamen und sich festigten. Obwohl wir über diese primitive Kampfeslust hinaus gewachsen waren, wusste doch ein jeder, wo diese schaurigen Bestien hausten, doch sie hielten Abstand, weil sie um unsere Wiederkehr fürchteten. Eines Tages jedoch entschied sich jemand, die Legenden herauszufordern. Jung und dumm wie ich einst war, glaubte er, die Welt von einem Übel zu befreien, ohne die Konsequenzen seiner Handlungen zu bedenken.“
Eine einzelne Erinnerung trat wieder in den Vordergrund, ein Fuchs, der mit wehendem Mantel panisch in den Wald floh, weg von dem herzzerreißenden Brüllen, dass hinter ihm durch alle Lande schallte. Eldyrs ungebremste Gefühle benebelten seine Sinne und raubten ihnen beiden den Atem, während ein wohl bekannter weißer Drache auftauchte, liegend in der Sonne, wie sie es bereits zuvor getan hatte, doch nun wand sie sich in Todesqualen, trat um sich, jaulte nach Erlösung. Aus einer Tondan unerfindlichen Quelle nahm der Ältere dennoch die Kraft weiter zu sprechen: „Diese nichtsnutzige Kreatur hat so viel Schaden angerichtet. Wie viel Schrecken er verbreitet, wie viele Morde er begangen haben muss, um diesen Zauber zu wirken, der eine so alte, so... makellos perfekte Drachenseele niederzustrecken vermochte. Und nicht nur irgendeiner, dies war ein wohl-gewählter Fluch, widerlich, schmerzhaft, qualvoll, unheilbar. Zu ihrer Hochzeit hätten wir gewonnen, aber als sie bereits im Sterben lag, war alle Hoffnung verloren, da mir bei Weitem noch nicht die heutige Macht zur Verfügung stand.“ Er nahm sich einen Moment, um seine Gefühle wieder unter Kontrolle zu bekommen, bevor er eine letzte Erinnerung mit Tondan teilte. Seine Lebensgefährtin lag auf dem Boden, schwach blickte sie zu ihm herauf während Schmerz und unbändige Wut durch die Verschmelzung brandeten, sowohl die zu Tondan als auch die ihrer verlorenen Bindung. Mit letzter Kraft strich ihr Schwanz beruhigend über seine Schuppen, bevor er seine Pranke auf ihrem Schädel platzierte, bereit zu drücken gegen jeden Widerstand von Panzer, Knochen oder Fleisch. Ein verzweifeltes Kreischen bettelte, auf dass er weitermachen möge, der Junge spürte die Pein zunehmen, doch so auch die Bereitschaft. Die Erinnerung riss ab, doch Tondan hatte deutlich gespürt, wie das Ende gekommen war, der Nachhall ihres sterbenden Geistes brandete durch die Verbindung und zerbrach was auch immer noch von seinem Herzen übrig war. „Es war ihr letzter Wunsch“, fuhr der alte Drache schließlich fort, „und ich hatte ihr nie ein Verlangen verwehrt, auch nicht, wenn es bedeutet hätte, mein eigenes Leben dafür zu geben. Niemals werde ich diesen kurzen Moment des… Glücks vergessen, den Schmerz, diese Welt und alles Liebenswerte an ihr hinter sich zu lassen und einzugehen in die ewige Dunkelheit.“ Der Hirsch spürte, wie der Drache einen Teil seiner Trauer zurücknahm, ihn davor abschirmte, doch die Flut war nicht mir einem Eimer aufzuhalten. Schließlich fuhr er gemächlich fort: „Um es kurz zu machen: dieser elende Verbrecher floh in eines eurer Dörfer. Er prahlte mit seinem ‚großartigen Triumph‘, ließ sich als Held bewundern, doch als ich seine Herausgabe forderte, dachten die armen Tropfe in ihrer Trunkenheit, dass mit dem Tod meiner Partnerin auch mein Schrecken vergangen war und verwehrten ihn mir. Unbeschreiblich loderte an diesem Tag mein Feuer und so brannte ich alles nieder. Alles, was sich noch bewegte und sich des Lebens erfreute, das mir geraubt worden war, sollte zugrunde gehen.“ Ein Tal kam in Sicht, der Boden wie Teer, brennende Häuser, Steine, die unter der schieren Hitze zusammenschmolzen waren und über allem, der Geruch von Tod und Asche. Selbst das verbrannte Fleisch war zu schnell in der Höllen-Esse aufgegangen, um noch zu riechen zu sein. Er spürte den Wusch nach Rache in jedem rot-blauen Flammenstoß, der ein weiteren Landstrich einäscherte. “ „Akzural…“ flüsterte Tondan ehrfürchtig, als er den Ort erkannte. Bis heute war das gesamte Tal unbewohnbar, eine tote Einöde, die auf ewig von allem Leben gemieden werden würde. Selbst die wagemutigsten der Pilger näherten sich nur bis auf einen Tagesmarsch voller Angst über die Magie, die in dieser Hölle schlummerte. „Ich habe nie erfahren, ob er überhaupt noch dort gewesen war, oder ob sie sinnlos ihr Leben ließen. Wie viele ich damals tötete ist mir ebenso ein Rätsel, aber gerade daher schwor ich, niemals wieder diesen Hass auf die Welt loszulassen, meine Liebe niemals wieder durch meine Unfähigkeit zu entehren und nach gerade einmal einem Jahrhundert erscheinst du in meinem Hort und ich bin ohne Bedenken kurz davor sie zu verraten. Deshalb helfe ich dir, deshalb musst du verstehen. Worte hätten nie auszudrücken vermocht, was ich getan habe.“
Langsam löste der Drache die Umklammerung wieder. Mit einem kurzen Stoß und dem Gefühl in einem eiskalten See zu ersticken, floss Tondans Bewusstsein wieder in seinen eigenen Körper zurück. Nach ein paar Malen Blinzeln musste er feststellen, wie beschränkt und schwach doch dieser Körper war, der ihm die letzten sechzehn Jahre gute Dienste erwiesen hatte. Mit allergrößter Vorsicht setzte ihn der Drache an seiner warmen Flanke ab, während ihre Geister sich wieder trennten und Tondan dennoch kaum seine eigenen Gedanken von denen des Anderen zu unterscheiden vermochte. „Alles in Ordnung, Kleiner?“ fragte der Koloss vorsichtig, doch der Hirsch konnte nur den Kopf schütteln. „Sprecht ihr immer auf diese Art und Weise mit eurer Art?“ fragte er schließlich, befürchtete jedoch bereits die Antwort zu kennen. „Für gewöhnlich sogar deutlich enger als ich es mit deinem beschränkten Verstand hätte wagen können. So ergeben sich keine Missverständnisse, keine Konflikte, keine Lügen. Und sollte es doch Anlass zum Konflikt geben, so sind sich beide Parteien über die Gründe der anderen vollumfänglich bewusst. Sich bis in alle Ewigkeiten an einen Artgenossen zu binden jedoch bedeutet mehr als ich dir heute zu vermitteln vermag. Es ist die tiefste und aufrichtigste Bekundung von Zuneigung, die zwei Partner sich geben können und so bin ich ihr bis heute dafür dankbar, mir diese Ehre erwiesen zu haben.“ „Und sie hat gut gewählt“ erwiderte Tondan gedankenverloren, als plötzlich ein Stöhnen neben ihm ertönte und er sich siedend heiß erinnerte, warum sie eigentlich die beschwerliche Reise zurückgelegt hatten. Vorsichtig lief er die letzten Schritte über Eldyrs Flügel zu seinem Vater und schloss ihn in die Arme. Die alten Augen wandten sich kurz erschrocken zu dem Drachen hinter seinem Sohn, der versuchte, friedlich zu grinsen, dabei aber nur eine Wand aus triefenden Fängen offenlegte, dann jedoch erwiderte er herzlich die Umarmung und ließ sich vom Jüngeren aufhelfen. Ein letztes Mal schritt er schließlich zu seinem Retter herüber und ein weiteres Mal musste Tondan der Unterhaltung aus der Ferne beiwohnen, an dessen Ende sein Vater einmal erschrocken zuckte, dann aber doch mit seinen Fingern zitternd über die tiefblauen Schuppen strich. Als sie sich gemeinsam auf den Heimweg machten, liefen ihm Freudentränen über die faltigen Wangen, doch er drehte sich nicht mehr um. „Viel Glück euch Beiden. Eure Rückkehr eines Tages würde mich zutiefst beglücken, aber bis dahin: genießt die paar Jahrzehnte, die ihr noch in dieser Welt habt“ verabschiedete sich das ehemalige Monster, richtete sich gemächlich auf und trottete zurück in die Höhle, während sich sein Bewusstsein zärtlich von ihnen zurückzog. Plötzlich packte Tondan jedoch das Verlangen, sich erneut zu verabschieden. Er wand sich aus den Armen seines Vaters und rannte herüber, um eines der riesigen Beine zu umarmen, doch Eldyr schenkte ihm nicht mehr als ein sanftes Summen und ein nicht ganz natürliches Prickeln unter dem Fell. So zögerte der Junge einen Moment, ob er schon heimkehren sollte, wandte sich dann aber doch zu seinem Vater zurück und gemeinsam schritten sie zurück nach Hause, Arm in Arm in das Abendrot.