Kapitel 27
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Kapitel 27
langsam entwickelt sich der Klon
vier Jahre später
Doktor Thomas erwachte, streckte sich genussvoll in seinem Bett, drehte sich zur Seite und resümierte die Ereignisse der letzten Jahre. Alles in allem konnte er recht zufrieden sein.
Die Sequenzen wurden mehrfach und unter größter Vorsicht in die Rechner gespeist, wurden immer wieder ummodelliert, verworfen, nochmals umgestellt, wieder verworfen und am Ende kam ein DNA-Strang heraus, welcher scheinbar das Optimum bringen sollte. Genügend Stammzellen standen zur Verfügung und mit etwas Glück würden in einem Jahr erste echte Ergebnisse zu sehen sein und nicht nur blanke Computersimulationen.
Er verschwendete keinerlei Gedanken mehr an den in die Freiheit entlassenen Geparden-Anthro, an Corporal Harris und die abgebrochene Schwangerschaft und noch viel ferner lagen die Mumien von Bettina Rayn und ihrem Bastard.
Noch während er da lag, rieb er sich den Hinterkopf und rief das offizielle Log-Programm auf, begann eine morgendliche Aufzeichnung.
„Leitender Wissenschaftler, Doktor Thomas, Datum 03.09.2155.
Die Arbeit läuft hervorragend. Die Sequenzen sind entschlüsselt und die entsprechenden Basenpaare herausgefunden. Wir haben heute den ersten Tieren Zellen entnommen und mit der Gewebezucht begonnen.“
Anschließend sehnte er sich nach einer Dusche und etwas Nahrung. Also stand er auf, fand beides und trat eine halbe Stunde später frisch und gesättigt auf den Gang der Ebene -6, begab sich zum Labor.
„Guten Morgen, ihr Lieben”, flötete er.
„Oh, Guten Morgen Doktor Thomas. So froh gestimmt heute?”, fragte Laufer leicht irritiert.
„Ja, warum denn nicht? Heute ist der erste große Tag und den sollte man doch nicht übellaunig beginnen”, erwiderte der leitende Wissenschaftler lächelnd.
„Da haben sie allerdings Recht. Wir können auch sofort starten“, mischte sich Dreyer ein.
Der Genetiker mittleren Alters war voller Tatendrang und sehr penibel was die Ausführung der Analysen anging und drängte nicht sonderlich auf Zeit. Sein Motto war eher: „Lieber jahrelang überprüfen als am Ende nur Pfusch.“
„Dann lassen sie uns doch mal starten“, sagte Thomas noch und zwinkerte aufmunternd zu. „Ist alles bereit für die Entkernung der Eizelle und steht die Zellprobe des Löwenkaters bereit?“
„Aber sicher doch“, intonierte Laufer. „Wir haben nur auf sie gewartet.“
„Höre ich da einen gewissen Anflug von Sarkasmus?“
„Aber nicht doch. Sarkasmus ist für mich ein Fremdwort“, log die Wissenschaftlerin recht ungeschickt.
Doktor Thomas schaute sie etwas länger an als nötig und fing an schief zu grinsen. „Sie sind ganz schön vorlaut, aber nun gut. Wir fangen jetzt an.“
Der ganze Vorgang dauerte nur wenige Minuten. Zunächst wurde die Eizelle einer Gepardin in eine absolut sterile Kammer verbracht und der Kern dieser mit einer Pipette abgezogen und entfernt. Anschließend wurde der extrahierte und später modifizierte Zellkern der Körperzelle des Spenderlöwen mit einer anderen Pipette in eben jene Eizellhülle verpflanzt.
Da der Nukleus der eines Löwen war und die Eizellhülle die Mitochondrien einer Gepardenzelle enthielt, sollte sich ein Hybrid bilden. Ferner enthielt der Zellkern eine künstlich erzeugte Doppelhelix, welche zwar die DNA des Löwenkaters enthielt, aber zusätzlich noch einige Zusätze. Zwei Intronenviren sollten einerseits zur wesentlich schnelleren Entwicklung führen und ein anderer zu passender Zeit für eine anthropomorphe Körperstruktur sorgen und somit für einen aufrechten Gang. Um die Volumenzunahme im Bereich des Cortex wollte man sich später kümmern. Wichtig war erst einmal, dass der Klon aufrecht ging, ein Hybrid war und jener sich am Ende des Reifeprozesses nicht plötzlich entschloss in seine Einzelteile zu zerlegen.
Das Risiko war trotz aller Simulationen relativ hoch, da keiner wusste, ob die Intronen wirklich zur passenden Zeit aktiv würden.
Wenn der Virus für den Schnellwuchs nicht oder erst sehr spät reagieren würde, dann könnte es merkwürdige Folgen haben, welche aber nicht sonderlich gravierend wären. Der Intron für den aufrechten Gang war da schon wesentlich sensibler. Sollte der ausfallen, dann würde sich ein ganz normaler Vierbeiner entwickeln. Sehr unangenehm, um es vorsichtig auszudrücken, war es hingegen, wenn der unvollständig oder zu spät einsetzen würde. Der Klon wäre verkrüppelt und würde unter Umständen gar nicht bewegungsfähig sein.
Thomas verfolgte die Prozedere sehr aufmerksam und sein Puls war deutlich beschleunigt. „Bitte seien sie vorsichtig“, mahnte er.
„Doktor, wenn sie mir jetzt ständig dazwischen reden, kann ich mich nicht ausreichend konzentrieren.“
„Entschuldigen sie bitte“, murmelte Thomas, „Ich bin halt etwas nervös.“
„Wer nicht?“, flüsterte Dreyer vor sich hin.
„Ich bin fertig. Wir können zur nächsten Stufe gehen.“
„Ausgezeichnet. Verbringen wir die Eizelle in eine Petrischale mit passender Nährflüssigkeit.“
„Sie wollen den Prozess chemisch starten?“, fragte Laufer.
„Nicht nur. Wir werden es mit einem schwachen Stromstoß zusätzlich unterstützen“, antwortete Thomas.
„Wie sie meinen.“ Die Wissenschaftlerin dachte sich ihren Teil und sagte nichts weiter.
Nach zehn Minuten war der Spuk vorbei und es hieß warten.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte Dreyer.
„Wir werden jetzt der DNA dieses Fötus aus Colonel Harris zu Leibe rücken. Wir zerpflücken sie in aller Ruhe“, erklärte Thomas.
„Eine sehr gute Idee, aber was erhoffen sie sich davon?“, fragte Laufer.
„Falls unser gerade angelaufener Versuch scheitern sollte, dann finden wir die Lösung innerhalb des Hybriden. Immerhin ist er eine Mischung aus Mensch und Tier und da sich in seiner DNA definitiv ein Intron befinden muss, sollte da auch der Schlüssel liegen“, antwortete Thomas.
„Das hätten wir auch umgedreht machen können“, gab Dreyer zu bedenken.
„Das stimmt schon, aber ich möchte es erstmal mit einfachen Mitteln versuchen. Auf die DNA der einheimischen Fauna können wir immer noch zurückgreifen. Das Risiko, dass wir es mit Rückkopplungen oder gar vollkommen unerwarteten Ergebnissen zu tun bekommen, unter deren Verwendung, ist extrem hoch. Damit will ich nicht direkt anfangen. Also läuft jetzt der erste Versuch und beim zweiten machen wir genau das, was sie gerade vorgeschlagen haben. Damit haben wir ein positiv und ein negativ.“
„Oder beides“, seufzte Laufer.
„Sie sind eine ausgemachte Pessimistin, Miss Laufer. Sehen sie es doch mal entspannt. Was soll passieren? Die Crew der Elara Fortress kam nicht mal so weit wie wir. Sie begannen, aber am Ende wurde jedes Lebewesen innerhalb der Station ausgelöscht. Bei der Fortress 2 war es nicht besser. Die begannen, es nahm Fahrt auf, aber dann machte Bergheimer Junior dem Ganzen ein Ende. Wir haben aus Trümmern und Neuzugängen quasi alles aus dem Nichts erschaffen. Dann kam der aus der Art geschlagene Anthro-Gepard dazwischen, entfloh in die Freiheit und der Rest der Anthros zerfiel innerhalb der letzten vier Jahre noch innerhalb der Aufzuchtstasis. Nach nunmehr mehreren Jahren und extremen Vorsichtsmaßnahmen sind wir in der Lage wenigstens eine Petrischale mit einem zarten Anfang zu füllen und später eine zweite und, und, und. Sie werden sehen, alles wird super laufen“, beruhigte Thomas seine Mitarbeiterin.
„Trotzdem habe ich bei der ganzen Sache ein mulmiges Gefühl.“
„Wenn es ihre Achtsamkeit schärft, soll es mir recht sein“, entgegnete Thomas mit bitterem Unterton.
Wider Erwarten entwickelte sich die Zelle innerhalb der Petrischale überhaupt nicht. Es kam zu keiner Zellteilung, kein Maulbeerkeim entwickelte sich. Es geschah rein gar nichts.
Nach vier Wochen schlug Thomas verzweifelt auf den Tisch. „Das kann es doch nicht geben. Was ist falsch?“
„Ich habe keine Ahnung, Doktor“, versuchte Dreyer den Chefwissenschaftler zu beruhigen.
Altenhoffer war zugegen und kaute auf der Unterlippe. „Haben sie die DNA des Hybriden entschlüsselt?“
„Noch nicht ganz. Einige Passagen in der Doppelhelix sind unbekannt und müssen erst zugeordnet werden“, erwiderte Dreyer.
„Dann beschränken sie sich darauf“, knurrte Altenhoffer und drehte sich um, um zu gehen.
„Laufer, Dreyer. Beschleunigen sie ihre Arbeit. Wir brauchen die DNA des Hybriden. Sobald sie damit fertig sind, rufen sie mich und dann werden wir einen Nukleus der Probe in eine Eizelle verpflanzen. Hoffen wir, dass es ein passendes Ergebnis bringt.“
Altenhoffer hörte diese Anweisung im Gehen und nickte still vor sich hin.
Plötzlich schrillten die Alarmsirenen innerhalb der Station und wenige Augen-blicke später stürzten drei Mitarbeiter vom Tierpflegepersonal herein.
„Was ist passiert?“, fragte Altenhoffer, dem sie auf dem Gang direkt in die Arme liefen.
„Sir! Die Tiere. Wir hatten sie heute früh noch versorgt...“, stammelte einer von ihnen.
„Ja, gut. Das ist auch ihre Aufgabe. Aber was ist jetzt mit den Tieren?“, wurde Altenhoffer lauter.
„Sie sind weg!“, kreischte ein anderer Pfleger.
„Sie sind was?“, schrie der Stationsleiter auf.
„Sie waren bis vor zwei Stunden noch da, jetzt sind alle verschwunden.“
„Wohin und haben sie etwas gesehen?“
„Nein, Sir! Die Stallungen und Käfige waren vorschriftsmäßig verschlossen. Da konnte nichts raus.“
„Na fantastisch. So langsam habe ich das Gefühl, dass das alles hier ein ganz bescheuertes Unterfangen ist und nichts mehr klappt“, erwiderte Altenhoffer noch und packte den berichtenden Pfleger beim rechten Arm, zog ihn bestimmt, wenn auch vorsichtig, mit sich und zum Labor.
Dort angekommen, widerholte er seine Aussagen und Thomas, nebst Dreyer und Laufer wurden leichenblass.
„Was machen wir jetzt?“, fragte die Genetikerin kleinlaut.
„Okay! Ich werde Paul informieren und den Sicherheitsdienst. Der Eine soll sei-ne Truppe versammeln und auf die Suche gehen. Tot oder lebend, ich will unsere Viecher wieder in den Verschlägen sehen. Wobei mir lebend lieber wäre.
Der Sicherheitsdienst selbst soll seinen Schönheitsschlaf beenden und die Station unter Dauerüberwachung stellen. Beten wir alle, dass diese Situation jetzt nicht gerade diejenige ist, die den verdammten MCSU und seine beknackten Roboter auf den Plan ruft“, befahl Altenhoffer. „Und noch eines“, setzte er nach, „das alles hat niemals stattgefunden. Solange der MCSU ruhig bleibt, sollten wir das auch. Kein einziges Wort zu Krondal. Haben wir uns da verstanden? Mir geht der Arsch gerade, mehr als mir lieb ist auf Grundeis.“
„Verstanden, Sir!“, erwiderte Laufer und Thomas nickte.
„Das wirft uns unendlich weit zurück“, murmelte Dreyer.
„Oder auch nicht“, entgegnete Thomas.
„Wie meinen sie das?“, fragte Laufer.
„Harris kam schwanger zurück und trug einen Hybriden in sich. Was ist, wenn es den Tieren nicht anders ergeht?“
„Sie meinen, dass wir dann mit natürlichen Kreuzungen arbeiten könnten und uns damit einen Haufen Arbeit ersparen könnten?“
„Genauso ist es.“
„Trotzdem wird uns das nicht gut bekommen“, orakelte Dreyer.
„Abwarten!“, knurrte Thomas. „Bis dahin haben wir erstmal die DNA des Harris'-Hybriden und können auf anderer Basis wenigstens einen Klon erzeugen. Verdammt nochmal. Diese Station existiert seit dem Jahr 2000 und wir stehen 151 Jahre später immer noch bei den Anfängen, drehen uns im Kreis und wenn wir denken, dass es das jetzt wäre, geht es schief oder irgendein anderer Scheiß macht uns einen Strich durch die Rechnung. Ich sehe es kommen und die Nachfolger sitzen noch in dreihundert Jahren hier und kommen nicht voran.“
Dreyer und Laufer seufzten gleichzeitig und begaben sich mit gesenktem Haupt zum Multianalyser.
Während sich die DNA-Analyse Zeit ließ und das Gerät scheinbar immer wieder Probleme mit der Decodierung einzelner Sequenzen hatte, machte sich Master Sergeant Paul mit seinen neunundvierzig Leuten auf den Weg aus der Station heraus. Corporal Harris hatte zwar den Antrag gestellt die Aktion zu begleiten, wurde jedoch abschiedig beschlossen, daheim gelassen. Sie nahm es missmutig zur Kenntnis, blieb aber erstaunlich ruhig und begab sich ohne Widerworte in ihr Quartier.
Alle anderen versammelten sich vor der Urwaldbasis, schauten sich um und beäugten misstrauisch die Kampfeinheiten.
„Scheinbar reichte der Ausbruch nicht aus, um eine brenzlige Situation zu erzeugen“, konstatierte Paul.
„Dann hoffen wir mal, dass das auch so bleibt, wenn wir die Viecher wieder eingefangen haben und damit auftauchen“, murmelte Peters vor sich hin.
„Labern sie nicht Privat Second Class!“, befahl Paul kurz und knapp und zeigte in die vorläufige Marschrichtung.
So vergingen erst wenige Stunden, dann ein halber Tag und langsam legte sich die Dunkelheit über Genro.
„Wie wäre es mit einer Pause, Master Sergeant?“, fragte Corporal Harris plötzlich.
Abrupt drehten sich alle um und starrten die junge Frau an.
„Was? Wie?“, stammelte Paul zunächst.
„Oh man, ihr seid echt unmöglich. Da verfolge ich euch seit Stunden und ihr habt nichts bemerkt.“
„Das sollte uns zu denken geben“, blaffte Paul unwirsch. „Vor allem, weil sie meinem direkten Befehl nicht gefolgt sind. Eigentlich sollte ich ihnen jetzt eine Szene machen, aber ich bin froh, dass sie doch hier sind. Immerhin kennen sie die Gegend besser wie wir und hatten ja wohl schon anderweitig Kontakt mit der einheimischen Fauna.“
„Ja. Wenn auch auf eine sehr merkwürdige Art und Weise.“
„Wollen sie darüber reden?“, fragte der M.S.
„Später vielleicht, aber jetzt bestimmt nicht. Wir haben anderes zu tun.“
„Wie sie wünschen. - Baut ein Lager auf und macht ein Feuer“, ordnete er an und atmete tief durch.
Innerhalb der nächsten Tage und am Ende Wochen war das Ergebnis immer das Gleiche. Von den irdischen Tieren gab es keinerlei Spur. Sie waren verschwunden und blieben es auch.
Gerade als Paul entnervt aufgeben wollte, geschah das Unerwartete. Im Unter-holz bewegte sich etwas, zunächst war es nur ein Rascheln, dann knackten Äste und durch die Bäume hindurch brach …
Die Soldaten gingen in Deckung und legten an.
… gemächlichen Schrittes und seelenruhig ein Bein vor das andere setzend ein Rind.
Die Kuh blieb stehen und betrachtete das saftige Grün vor den Füßen von P.S.C. Frey, wollte gerade einen Happen davon nehmen, als ohne Vorwarnung und ohne auch nur ein ankündigendes Geräusch zu verursachen, ein vermeintliches Raubtier auf das Rind zu sprang, sich in seinem Rücken verkrallte, mit einem kurzen Dolch ausholte und es dem Tier in den Nacken rammte.
Die Truppe schrie überrascht auf und versprengte sich chaotisch in der Umgebung. Minuten später hatten sich die Teile etwas beruhigt und hielten inne.
„Großartig!“, schrie Frey. „Jetzt stehen wir da und wissen nicht wo der Rest geblieben ist.“
„Verdammt nochmal, was war das?“, fragte Zeller irritiert.
„Das“, begann Harris, welche sich bei den beiden befand und die Dreiergruppe komplettierte, „war ein Exemplar der einheimischen Tierwelt, wenn man es denn so nennen möchte.“
„Alles schön und gut. Aber sie wollen mir doch wohl nicht weiß machen, dass diese Tierwelt mit Messern bewaffnet ist und sich taktisch gezielt durch den Wald bewegt?“, polterte Frey.
„Und was ist, wenn es kein Tier ist?“, entfuhr es Zeller.
„Was willst du denn damit andeuten?“, fragte Frey säuerlich.
„Was ist, wenn es kein Tier war?“
„Du meinst so etwas wie einen Urzeitmenschen in Fellen?“
„Die gibt es hier nicht“, begann Harris bestimmt.
„Ah. Dann erzählen sie doch mal“, knurrte Frey auffordernd.
„Es gibt eine genroische Tierwelt, welche der unseren ähnlich ist, aber auch Besonderheiten in ihrem Umfang aufweist.“
„Das klingt interessant. Sie machen mich neugierig.“
„Die Tierwelt hat hier ihre eigenen Arten und ihre eigenen Gesetze. Es gibt uns bekannte Lebewesen wie Bienen, Wespen, Mücken, Fliegen...“
„Das ist ja schön und gut, aber ich wollte keine Biologiestunde. Mich interessiert nur was das da vorhin war“, schnauzte Frey.
„Jetzt lass' sie doch mal aussprechen“, ging Zeller dazwischen.
„Sehr verbunden“, setzte Harris fort, „es gibt hier die uns bekannten Pflanzenfresser, aber auch intelligentere Spezies'. Diese beschränken sich aber überwiegend auf die räuberische Tierwelt. Warum, kann ich beim besten Willen nicht beantworten.“
„Sie meinen, dass es hier statt Menschen sowas wie aufrechtgehende und vernunftbegabte Raubtiere gibt? Ich meine, sprechende Wölfe und sowas?“, fragte Zeller erstaunt.
„Ja. Die Evolution nahm einen anderen Weg und das was die Wissenschaftler innerhalb der Station erzeugen wollen, existiert hier schon und das seit vermutlich tausenden von Jahren“, schloss Harris ab.
„Aber warum das Ganze dann?“, hub Frey an und kratzte sich am rechten Arm.
„Das müssen sie Krondal fragen. Aber so viel wie ich mitbekommen habe, sollte es hier ursprünglich ein Ausbildungsplanet für Rekruten werden, dann kam ein Friedensvertrag dazwischen und jetzt soll der Planet besiedelt werden mit intelligenten Tieren“, fuhr Harris fort.
„Aber warum, wenn die schon existieren?“, fragte Zeller.
„Da müsste ich raten, aber wenn ich eins und eins zusammenzähle, dann komme ich nur zu dem Schluss, dass es um den Aufbau einer Armee geht.“
„Eine Armee? Ich dachte, dass das hier eine Art Zuchtplanet werden sollte um mehr über Evolution zu erfahren“, hinterfragte Frey.
„Das glaube ich nicht. Dann hätte man alles so gelassen wie es war und lediglich eine kleine Beobachtungsbasis errichtet. Es sollte ein großes Projekt werden und man hält daran fest.“
„Warum bricht man es nicht ab, wenn es sinnlos ist?“
„Ganz einfach. Weil es da ist“, seufzte Harris und hob entnervt die Arme.
„Andere Frage. Was war das vorhin? War es eines dieser intelligenten Tiere?“, fragte Zeller nachdrücklich.
„Ja.“
„Hatten sie Kontakt zu einem solchen?“
„Ja. Sonst wäre ich kaum schwanger gewesen.“ Sagte der Corporal und spuckte auf den Boden.
„Vergewaltigt“, murmelte Frey bitter.
„Ja. Ich wurde niedergeschlagen, verschleppt und kam Stunden später zu mir. Nur durch einen glücklichen Zufall fand ich den richtigen Weg zurück und kam sogar noch vor dem Trupp an.“
„Wissen sie was es war?“, bohrte Frey, wenn auch mit der nötigen Vorsicht.
„Nein. Als ich zu mir kam, war ich allein, aber ich spürte das etwas nicht stimmen konnte.“
„Verdammt. Das ist doch alles nicht wahr“, sagte Zeller und seufzte. „Wie dem auch sei. Wir müssen die anderen finden. Lasst uns erstmal nach der Stelle suchen, von der aus wir geflüchtet sind.“
„Nach meinem Suchgerät und der integrierten Karte, müssten wir jetzt zweitausend Meter in nordöstlicher Richtung gehen. Dort sollte die Kuh liegen, wenn sie es denn noch tut“, gab Harris an und wies in die entsprechende Richtung.
„Okay, dann lasst uns gehen und hoffen, dass die Anderen die gleiche Idee haben“, verkündete Frey und schritt drauf los.
Weiter kam er jedoch nicht, denn wie aus dem Nichts stand plötzlich etwas vor ihm was er nur aus Mythen und Legenden kannte.
Frey riss die Augen auf und war zu keiner einzigen Silbe mehr im Stande, ebenso erging es Zeller und Harris.
Mitten im Sonnenlicht, welches durch die Belaubung der Bäume drang, stand ein Tier. Es war schneeweiß, anmutig und grazil, es wiegte leicht den Kopf hin und her, betrachtete die drei Soldaten und schien abzuschätzen, ob von ihnen eine akute Gefahr ausging. Es war ein Vierbeiner, ein Huftier noch dazu und wenn man es oberflächlich betrachtete, dann war es einfach nur ein Pferd.
Allerdings irritierte eine Tatsache und machte diese Begegnung so surreal. Dieses Pferd trug mitten auf der Stirn ein schlankes, langes Horn.
„Ein Einhorn?“, flüsterte Zeller erstaunt.
„Wie es scheint. Scheinbar steckt dieser Planet voller Überraschungen“, raunte Frey zurück.
„Sollen wir hingehen oder lieber klammheimlich verschwinden?“, fragte Zeller unsicher.
„Wir verschwinden lieber und haben nichts gesehen“, gab Harris leise den Be-fehl zum Weitermarsch.
Als sie sich nach kurzer Zeit dem Ort ihres Fluchtbeginns näherten, gewahrten sie, dass sich tatsächlich alle eingefunden hatten und die sterblichen Überreste des Rindes ansatzweise über einem Lagerfeuer brutzelten.
„Hallo, Leute!“, grüßte Harris betont lasziv.
„Ach ne!“, intonierte Paul. „Sie scheinen ein Talent dafür zu haben, spurlos von der Bildfläche zu verschwinden und dann mit einigen Überraschungseffekten wieder aufzutauchen.“
„Ja. Das hatte ich schon als Kind des Öfteren zu hören bekommen.“
„Schön, dass sie wieder da sind. Setzen sie sich und greifen sie zu.“
„Was ist nach unserer Flucht passiert?“, fragte Frey.
„Die kurze Version?“, erwiderte Paul die Frage mit einer Gegenfrage.
„Wäre schön.“
„Wir stoppten sehr schnell, drehten um, kamen hier an und schossen den Angreifer in die Flucht.“
„Ist er verletzt?“
„Wohl nicht. Wir haben auf jeden Fall keine Blutspuren entdeckt.“
„Wisst ihr was?“, hub Harris an.
„Ich bin ganz Ohr“, munterte Paul sie auf.
„Wir sollten uns stärken und dann den ganzen Scheiß sein lassen, in die Station zurückkehren.“
„Wie kommen sie denn darauf, Colonel?“, hub Paul an.
„Ich mache mir auch so meine Gedanken und die sind nicht gerade positiv“, er-widerte Harris.
Paul schaute die Frau schief an und nickte nachdenklich. „Ich stimme ihnen zu und da bin ich jetzt an einem Punkt angekommen, an dem ich ihnen allen wohl reinen Wein einschenken muss“, hub er an und hatte augenblicklich die volle Aufmerksamkeit seiner Truppe.
Harris fing an zweideutig zu Grinsen. „Bevor sie anfangen, habe ich auch noch etwas zu sagen. Ich weiß nicht, welches Spiel hier gespielt wird, aber ich gebe zu Protokoll, dass es mehr als nur übel ist und ich gerade den Wissenschaftlern allen voran diesem Doktor Thomas keinen Deut über den Weg traue.“
„Zur Kenntnis genommen“, fuhr M.S. Paul fort und nickte verstärkt. „Da gebe ich ihnen uneingeschränkt Recht. Und habe die Nase gestrichen voll von weiterer Geheimniskrämerei.“
„Dann schießen sie mal los, Chef“, entfuhr es Frey.
„Nun dann, eine große Dosis von Wahrheiten und Halbwahrheiten.
Wir sind hier nur ein Spielball der Mächte. Fakt ist, dass die Elara Fortress im Jahr 1997 hier landete. Die Maßgabe war, dass man den Planeten zu terraformen hatte und es angeblich keine einheimische Tierwelt gäbe. Das war alles falsch!“
Er betonte das Wort falsch besonders deutlich.
„Des Weiteren entpuppte sich der Planeten als sehr wohl bewohnt. Die Fauna entspricht anteilig der irdischen, gespickt mit Fabelwesen. Wir alle haben sie gesehen und anteilig auch zu spüren bekommen, mehr oder weniger.
Außerdem toben sich hier scheinbar vernunftbegabte Tiere aus, welche ansatzweise den aufrechten Gang beherrschen. Harris bekam dies eindrücklich zu spüren und wir alle haben den Angriff eines solchen auf eine unserer Kühe erlebt. Das sind alles Fakten.
Weitere Fakten sind, dass man anfing erste extrem primitive Klon-Experimente zu starten, was aber eher sekundär war. In erster Linie sollte diese Urwaldbasis der Ausbildung von Soldaten dienen und der Entwicklung von modernsten Waffen. Der Feind heißt Cherit und befindet sich weit außerhalb dieses Systems. Im Jahr 2000 begann diese Entwicklung und es kam anfangs zu kleineren Konflikten, später wurde das komplette Personal der Station durch einen unbekannten Aggressor ausgelöscht. Später landete die Fortress 2 mit unseren direkten Müttern, Vätern und deren Ahnen. Der damalige Leiter der in der Zwischenzeit entstandenen drei Basen drehte aufgrund eines Friedensvertrages durch und zerstörte alles im Bereich des Zentrallabors auf Ebene -6. Anschließend tötete er sich selbst. Ferner steht im Friedensvertrag, der es diesen Cherit verbietet sich dem System zu nähern und wir dürfen das Gleiche nicht in ihrem Einflussbereich machen, dass der Charakter der Experimente sich zu ändern hat. Scheinbar schert man sich einen Dreck darum, denn sonst würde man nicht da weiter machen, wo man aufgehört hatte.
Zusätzlich kommt noch dazu, dass Corporal Harris mit hineingezogen wurde und ich die Klappe zu halten hatte, was mir aber mittlerweile mehr als wider-strebt. Ich traue den Wissenschaftlern nicht mehr über den Weg und Altenhoffer macht scheinbar mit.
Fakt ist auch, dass es hier das gibt, was man zu erzeugen hofft und ich werde nicht schlau daraus. Warum will man die bestehende Tierwelt überrennen und durch Klone ersetzen?“
„Ist doch klar“, fuhr Zeller auf, „man will eine Klon-Armee aufstellen. Die einheimischen Tiere zu konditionieren ist zu aufwändig. Da überrollt man doch einfach mal alles und ersetzt es durch stupide Befehlsempfänger.“
Paul schaute den P.S.C. durch leicht zusammengekniffene Augen an. „Das würde einen Sinn ergeben. Wir kehren jetzt zurück und lassen alles wie es ist. In einigen Monaten kommt eh wieder ein Schiff an und bringt weiteres Material. Ich, für meinen Teil, habe die Schnauze voll und fühle jetzt mal deutlicher nach.“
„Dann machen wir das“, frohlockte Harris und wedelte energisch mit einem Zeigefinger. „Baut das Lager ab, löscht das Feuer. Wir machen uns auf den Rückweg. - Los Leute, ihr habt gehört was der Chef gesagt hat.“