02 - Generationenwechsel
Simon ist mit seinem Studium fast fertig, da erfährt er, dass sein Großvater ihm sein Gestüt vererbt hat. Und die Familientradition verlangt, dass er diesem Erbe gerecht wird. Wird es Simon gelingen, sich auf dem Gestüt zurechtzufinden?
"Warum denn gerade ich? Warum nicht Elli? Sie ist die Pferdenarrin in unserer Familie!", protestierte Simon. 'Und ich hasse Pferde. Sie stinken, treten einem auf die Füße und sind stärker als ich.'
"Du solltest den letzten Wunsch deines Großvaters respektieren, Simon.", tadelte ihn sein Vater, "Ich fühle mich auch nicht wohl bei der Vorstellung, wie du dich um 42 Pferde kümmerst.", er seufzte, "In jedem Fall wirst du als Züchter endlich etwas aus dir machen können."
"Ich mache bereits etwas aus mir, Vater!", empörte sich Simon, "Falls du es nicht mitbekommen haben solltest: Ich studiere seit 3 Jahren." - Er legte dabei jenen arroganten Tonfall auf, den er immer auflegte, wenn sein Vater seine Leistungen und Fähigkeiten zu schmälern versuchte.
"Ja, Volkswirtschaftslehre...", entgegnete sein Vater kühl und brachte Simon damit erstmal zum Schweigen. Sein Vater hatte nie einen Hehl daraus gemacht, was er von der Berufswahl seines Sohnes hielt und Simon hatte schon vor langer Zeit aufgegeben, mit seinem Vater darüber zu streiten. Und er würde sich von ihm bestimmt nicht nocheinmal sagen lassen, er solle doch 'was vernünftiges' lernen. Dafür war es jetzt, nachdem sein Großvater ihm das Gestüt vermacht hatte, eh zu spät.
"Du kannst stolz darauf sein, dass dein Großvater dich auserwählt hat, Simon. Es ist eine große Ehre, das größte Gestüt Zuantos führen zu dürfen.", versuchte Simons Mutter beschwichtigend auf ihn einzuwirken. Sie hatte eine bemerkenswerte Gabe dafür, genau die Worte zu finden, die Simon eine derart andere Sicht auf die Dinge gab, dass sein ganzer Zorn binnen Sekunden verflog. Doch diesmal gelang ihr das nicht.
"In Wirklichkeit seid ihr doch bloß froh, dass ihr nicht diese Arschkarte gezogen habt. Ihr könnt euch mit eurem Anteil bis an euer Lebensende der Dekadenz widmen, während mein Leben ruiniert ist, bevor es überhaupt richtig angefangen hat."
Simons Vater setzte zu einem bissigen Kommentar an, besann sich aber eines besseren, als Simon ihn zornig anfunkelte und aus dem Zimmer stapfte. Keine halbe Stunde später saß Simon lautstark mit sich hadernd im Auto und fuhr ohne RÜcksicht auf irgendwelche Geschwindigkeitsbegrenzungen dem Ort entgegen, den er wohl den Rest seines Lebens nicht mehr verlassen würde. Um sich ein wenig auf andere Gedanken zu bringen, drehte er das Radio voll auf. Die Rockmusik betäubte seine Gedanken bald, sodass er sich noch ein letztes Mal frei fühlen konnte von der Bürde, die ihm sein gottverdammter Großvater auferlegt hatte und frei von den Erwartungen seiner Eltern, die so froh darüber zu sein schienen, dass sein Talent fern von allem, was man Zivilisation hätte nennen können, jämmerlich eingehen würde. Während er die Straße entlang raste, wurden aus großen, modernen Gebäuden alte, zerfallende Fachwerkhäuser, aus alten Fachwerkhäusern noch viel ältere Wälder und aus asphaltierten Straßen überwucherte Schotterwege. Wenn die Welt einen Arsch hätte, dann würde Simon ihn genau hier vermuten.
Simon stieg aus seinem Wagen und versank direkt ein paar Zentimeter in der aufgeweichten Erde. Er holte tief Luft, um die berühmt-berüchtigte frische Landluft zu schnuppern. Doch seine Nase verriet ihm nur eines: Dies war nicht bloß der Arsch der Welt, sondern die Kloake der Welt. Und die Welt litt gerade unter ziemlich heftigen Verdauungsstörungen. Aus einem der Ställe, einer der mutmaßlichen Quellen der übel riechenden Gase, kam ihm ein Mann mittleren Alters entgegen.
"Ah, Sie müssen Sir Simon sein, der neue Besitzer des Gestüts."
Simon nickte dem Mann zu. Sir Simon. Der Klang dieses Titels gefiel ihm. 'Doch kaufen kann ich mir davon nichts.'
"Sie kommen gerade richtig. Es gibt da nämlich ein Problem, bei dem ich nicht weiter weiß. Ich hatte gehofft, dass Sie sich der Sache vielleicht annehmen könnten."
'Das fängt ja gut an.' "Worum geht's denn?"
"Am besten, ich zeig es Ihnen. Es ist gleich dort drüben auf der Koppel."
Sie gingen hinüber zu einer Koppel, die an einen etwas kleineren Stall grenzte. Auf ihr grasten sieben Pferde, aber Simon konnte darin noch kein Problem erkennen, stattdessen schaute er den Stallburschen unbeeindruckt an.
"Sehen Sie? Dort drüben? Eines der Pferde ist keine Stute, sondern ein Hengst."
"Und wie ist es dort hingekommen?", hakte Simon gelangweilt nach.
"Ich weiß es auch nicht. Er ist auch keiner von den Hengsten aus dem Stall."
"Sie wollen mir erzählen, dieser Hengst ist einfach so auf dieses Gelände spaziert und über den elektrischen Zaun gesprungen?"
"... und verteidigt jetzt mit aller Entschlossenheit seine Herde. Ja, genau das wollte ich Ihnen sagen. Ich habe schon alles versucht, aber er lässt mich nicht an sich heran. Ich dachte, vielleicht könnten Sie es ja mal versuchen."
Unter Golfern gibt es einen Brauch, der 'Taufe' genannt wird: Man verabrede sich mit einem Anfänger kurz vor 22 Uhr am zehnten Loch und freue sich im Clubhaus auf die Rückkehr des von der Sprenkleranlage völlig durchnässten Neulings. Simon erinnerte sich an seine Taufe, als sei sie gestern gewesen. 'Dabei war das gestern vor einem Jahr.' War dies eine ähnliche Falle? Der Stallbursche könnte ihm alles erzählen, er müsste es, da er es selbst nicht besser wusste, glauben. Was, wenn es einen ganz einfachen Trick gab, einen Hengst aus einer Stutenherde herauszulocken? Was, wenn nur ein Profi dazu in der Lage wäre? Er musterte den Hengst gründlich, betrachtete genau jedes Detail des Tieres, die Hufe, die Beine, den Schweif, die Haltung des Kopfes, das Halfter... 'Das Halfter!' Also musste diese Aufgabe wirklich sowas wie eine Taufe sein. Wahrscheinlich war er der zahmste Hengst, den die Welt je gesehen hatte. Er müsste nur hingehen, den Strick am Halfter des Tieres festmachen und es dann von der Koppel zurück in seinen Stall bringen.
Simon nickte dem Stallburschen selbstbewusst zu. Er nahm den Strick entgegen und warf ihn sich selbstbewusst über die Schulter. Er kletterte durch den Holzzaun, unter dem direkt dahinter befindlichen elektrischen Zaun hindurch und schlenderte übertrieben lässig auf die Pferde zu. Der Hengst hatte ihn bereits erblickt und sich quer zu ihm gestellt. "Von der Seite eines Pferde geht keine Gefahr aus" - das hatte Simon seinen Großvater mal sagen hören. 'Oder war es die Front eines Pferdes?' Simon hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wenn er nicht allzu lächerlich dabei aussehen wollte. Er legte dem Pferd seine Hand auf die Seite und streichelte es einen Moment lang, bevor er sich mit der Hand dem Kopf des Tieres näherte, wobei es eher der Kopf des Tieres war, der sich Simons Hand näherte. 'Dieser Hengst ist wirklich zahm wie ein kleines Kätzchen.'
Nachdem Simon den Strick am Halfter befestigt hatte, zog er daran, um den Hengst davon zu überzeugen, mit ihm zu kommen, stieß aber dabei aber auf keinerlei Widerstand. Der Hengst stand bereits mit dem Kopf direkt neben ihm. Simon startete Richtung Tor und das Pferd folgte sofort. Er blieb irritiert stehen und auch das Pferd ging keinen Schritt weiter. Nie im Leben konnte dieser Hengst so wild sein, dass ein Stallbursche nicht mit ihm zurecht gekommen wäre. 'Den Test habe ich wohl bestanden.'
"In Ordnung, Sie können ihn jetzt in seinen Stall bringen.", sagte Simon abschätzig. Er blickte in die weit aufgerissenen Augen des Stallburschen und konnte dem Mann dabei zusehen, wie sein Gesicht an Farbe verlor. Er schien tatsächlich schlechte Erfahrungen mit dem Tier gemacht zu haben.
"Wie ich schon sagte Sir, der Hengst gehört hier nicht her.", der Stallbursche verzog dabei keine Miene. Er trat sogar noch einen Schritt zurück, als Simon ihm das Ende des Stricks reichte.
"Dann hat sich das soeben geändert. Bringen Sie ihn in einen freien Stall."
"D-das kann ich nicht tun Sir. Das Tier hätte mich vorhin schon beinahe über den Haufen getrampelt."
"Damit eins klar ist... wie war ihr Name noch gleich?"
"Claudio Moreno, Sir."
"Ich habe weder Zeit noch Lust, mich hier von Ihnen für dumm verkaufen zu lassen, Herr Moreno. Ich für meinen Teil habe kein Problem damit, wenn dieser Hengst bei diesen Stuten bleibt. Wenn er eine von ihnen deckt, wäre das kostenloser Nachwuchs für mich. Entweder Sie bringen ihn jetzt also zurück, oder ich lasse ihn wieder zurück zu seinen Frauen."
Zögernd nahm der Mann den Strick entgegen und führte den Hengst in einen der Ställe, während Simon sich in sein neues Haus begab. Das Haus hatte drei Etagen. Im zweiten Stock war ein geräumiges Schlafzimmer und ein kleines Badezimmer, in dem gerade Platz für eine Dusche und ein kleines Waschbecken war.
Im ersten Stock fand Simon einen Hobbyraum, in dem sein Großvater offenbar noch bis vor kurzem Sattel, Halfter und anderen Pferdekram hergestellt hatte. Auf dem Arbeitstisch lag noch ein Geschirr, das er wohl gerade noch fertigstellen konnte, bevor er starb. Simon nahm es hoch und prüfte die Beschaffenheit des Geschirrs. Dabei fiel ihm auf, dass es recht klein geraten war. Zu klein, als dass es jemals irgendeinem Pferd passen konnte. Aber wer konnte schon wissen, was sein Großvater sich dabei gedacht hatte. Simon legte das Geschirr wieder auf seinen Platz und kehrte ins Erdgeschoss zurück. Dort betrat er ein komfortables Wohnzimmer, eine große Küche und ein völlig zugemülltes Büro.
'Kaum zu glauben, dass Opa in diesem Saustall noch irgendetwas wiedergefunden hat'. Simon nahm einen Stapel einigermaßen übereinander liegender Blätter vom Schreibtisch und durchstöberte ihn. Ein Vertrag, in dem irgendjemand eines der Pferde für 10.000 Silberstücke gekauft hatte, ein persönlicher Brief an seinen Großvater, die Gehaltsabrechnung für einen der Mitarbeiter von vorletztem Jahr, Werbung für ein Geschäft, in dem man Dinge für Pferde kaufen konnte. Simon seufzte und warf noch einmal einen Blick über die unzähligen Papierstapel im Büro, von denen die meisten eher einem Haufen ähnelten. Es würde Wochen oder Monate brauchen, bis er dieses Chaos einigermaßen geordnet hatte.
Gerade als Simon dabei war, den ersten Stapel zu sortieren, klopfte es an der Außentür des Büros. "Ja?", antwortete Simon und die Tür öffnete sich langsam.
"Sir Simon?", ein Kopf lugte durch den Türspalt. 'Nicht der schon wieder...' Es war der Kopf des Stallbruschen von vorhin, nur dass er jetzt noch dreckiger aussah als zuvor. "Der Hengst dreht schon wieder durch, Sir. Nachdem ich für ihn einen Stall vorbereitet hatte, wollte ich ihn hineinbringen, doch stattdessen ist er losgerannt. Er steht jetzt mitten auf dem Hof."
Simon stieß einen tiefen Seufzer aus. Er hatte wirklich besseres zu tun, als sich mit den Problemen unfähiger Angestellter herumzuschlagen. Die Tür öffnete sich noch ein bisschen weiter, sodass Simon die verdreckte und nun an den Knien aufgerissene Kleidung des Mannes sehen konnte. Der Hengst muss ihn einige Meter über den Boden geschliffen haben.
"Einen Moment, ich komme gleich.", antwortete Simon, bevor er das Büro zur Innentür verließ, um seine Jacke zu holen, bevor sie gemeinsam nach draußen traten.
Als der Hengst Simon erblickte, ging er direkt auf ihn zu, bis sie nurnoch etwa zehn Meter voneinander entfernt waren. Dann drehte er sich etwas, sodass Simon sich leicht von der Seite nähern konnte und den Strick zu fassen bekam. "Zeigen Sie mir, wo sein Stall ist.", befahl Simon mit verärgerter Stimme. Der Stallbursche nickte hastig und führte sie direkt vor eine leer stehende Pferdebox am hinteren Ende des Stalls. Simon ging hinein und der Hengst folgte ihm. Er drehte ihn in der Box herum, verließ sie und schloss das Gatter.
"Und wo war jetzt das Problem, Herr ... wie, sagten Sie, war ihr Name?"
"Moreno, Sir. Claudio Moreno. Bitte glauben Sie mir. Dieser Hengst ist nur in Ihrer Anwesenheit so brav. Sobald Sie weg sind, wird er zur Furie."
Simon hatte genug gehört. Aber er hatte gerade überhaupt keine Lust, sich mit diesem Menschen zu streiten. "Darüber sprechen wir morgen. Ich möchte für den Rest des Tages nicht mehr gestört werden." Mit diesen Worten ging er zurück ins Büro und widmete sich dem Chaos.
In der Nacht wurde Simon von einem sich stetig wiederholenden, schepperndem Geräusch wach. Er hörte sich den Krach eine Zeit lang an, bis klar wurde, dass er den Rest der Nacht nicht würde schlafen können, wenn er sich nicht vorher um die Ursache des Lärms kümmerte. Simon gähnte laut, streckte seine müden Glieder und zwang sich aus seinem warmen, kuscheligen Bett. Er zog sich schnell eine Jogginghose und einen Pullover an, schlüpfte in seine Hausschuhe und tappste die Treppen hinunter.
Der Lärm kam direkt aus dem Stall, in dem die Hengste untergebracht waren. Simon ging hinein und folgte der Quelle des Lärms. Er blieb direkt vor der Box des fremden Hengstes stehen. Der Hengst drehte seinen Kopf herum, um erneut Maß zu nehmen und mit seinen Hinterläufen gegen das Gatter zu donnern, doch hielt inne, als Simon in sein Blickfeld trat. Er drehte sich zu ihm herum, wieherte und schnaubte nervös.
Simon befürchtete, dass der Hengst gleich wieder losdonnern würde, sobald er ging, also öffnete er das Gatter. Als der Hengst nicht herauskam, sondern sogar noch einen vorsichtigen Schritt zurück machte, zuckte Simon mit den Schultern und schloss das Tor wieder. Er überlegte sich, wie viele Silberstücke wohl ein Hengst wert war, der Nachts Tobsuchtsanfälle bekam. 'Wohl bestenfalls die 500 Silberstücke, die der Metzger zahlt.'
Beim Verlassen des Stalls bemerkte Simon einen Schatten in der Nähe der Hofeinfahrt. Er blieb einen Moment stehen, richtete seine Taschenlampe auf den Boden und musterte einen der Bäume dort in der Nähe, der eine etwas eigenartige Silhuette hatte. Nachdem sich seine Augen etwas besser an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte er die Konturen des Baumes von den Konturen des Menschen, der dahinter stand, unterscheiden. Er schaltete die Taschenlampe aus. 'Der kommt mir nicht davon.'
Simon näherte sich beinahe lautlos dem Baum, während er seine Taschenlampe zwar auf den Menschen gerichtet hielt, aber ausgeschaltet ließ - sein Daumen ruhte auf dem Schalter. Dabei ging Simon nicht direkt auf den Eindringling zu, sondern beschrieb einen leichten Bogen. Dadurch würde er sich noch ein paar Meter zwischen ihn und den (wie Simon hoffte) einzigen Fluchtweg begeben können, bevor der Einbrecher zum Sprint ansetzte. Tatsächlich schien dieser Simon aber bedrohlich nah an sich heranzulassen und Simon fragte sich, ob er dumm, verdammt selbstbewusst oder möglichweise sogar bewaffnet war. 'Hoffentlich ist er nicht dumm und bewaffnet.'
In diesem Moment drehte sich der Mann zu ihm um und starrte Simon an. Instinktiv drückte Simon auf den Schalter an seiner Taschenlampe und leuchtete ihm direkt in die Augen. 'Sturmmaske, verdammt!' Der Einbrecher sprintete an Simon vorbei und dieser ihm direkt hinterher. Auf kurzen Strecken war Simon schon in der Schule immer der schnellste des Jahrgangs und so hatte er keine Probleme, den vermummten Mann einzuholen und am Kragen zu packen. Er zerrte ihn zurück und rang ihn zu Boden. Der Einbrecher wehrte sich nur kurz, denn kaum lag er auf dem Boden, hatte Simon ihn schon auf den Bauch gedreht und hielt beide Hände hinter seinem Rücken fest. Er stellte sicher, dass der beide Hände mit einer Hand fixiert hatte und zog dem Mann dann mit der anderen Hand die Maske vom Kopf. Mit seiner Taschenlampe leuchtete er ihm direkt ins Gesicht. Es war der Mann, der unfähig war, einen Hengst in den Stall zu bringen. Es war der Mann, dessen Namen Simon schon wieder vergessen hatte.
"So eine Überraschung, Herr... wie war noch gleich Ihr Name?"
"Lassen Sie mich los, Sie Idiot.", schimpfte der Einbrecher und wandt sich in Simons eisernem Griff.
"Ganz sicher werde ich das nicht tun. Nicht, nachdem Sie versucht haben, meine Pferde zu stehlen.", hauchte Simon dem Mann ins Ohr.
"Sie haben ja keine Ahnung!", schimpfte der Mann.
"Ich weiß genug, um Sie zu feuern und verhaften zu lassen. Mehr muss ich nicht wissen.", entgegnete Simon trocken und zerrte den Mann schließlich ins Haus, wo er ihn mit einem langen Seil fesselte und die Polizei rief.
*** 5 Stunden später *** Simon stieß einen langen Seufzer aus, als auch der letzte Polizist endlich das Grundstück verlassen hatte und dem Morgengrauen entgegenfuhren. Nachdem die Kommissare den Einbrecher abgeführt hatten, führte er einen der Polizisten ins Büro und bat um eine vollständige Beweisaufnahme in diesem Raum. Wennn dieser Moreno hier regelmäßig ein- und ausging, war möglicherweise gar nicht Simons Großvater für diesen Saustall verantwortlich. Er konnte ja nicht ahnen, dass die Polizisten von gefühlt jedem Blatt Papier in diesem Raum Fingerabdrücke nahmen. Simon war kaum noch halb wach. Seine Umgebung wie in Trance wahrnehmend schleppte er sich die Stufen bis in den zweiten Stock hoch, ließ sich in das Bett fallen und schlief wenige Sekunden später ein.
Der nächste Morgen kam viel zu früh. Simon warf sich seinen Morgenmantel über und schlurfte zur Haustür, um sich die Tageszeitung aus dem Briefkasten zu fischen.
"Mann in Wreden für vogelfrei erklärt!" stand in übertrieben großen Lettern auf der Titelseite der 'Wild'. Eine Tageszeitung, die vom wilden Leben der Welt berichtete. Simon hasste Boulevardzeitungen wie die 'Wild', denn meistens enthielten diese nur Halbwahrheiten. Entweder wurde eine wichtige Hälfte weggelassen oder eine Hälfte der Geschichte war hinzugedichtet worden. Simon würde sich noch heute um eine neue Zeitung kümmern, doch für den Moment musste er sich mit diesem Käseblatt begnügen.
Er las die ersten Zeilen des Artikels, während er an seinem Kaffee nippte: "Der Angeklagte Charlie Taronson (27) hat zugegeben: Er hatte Sex mit seinem Haustier. Was viele nicht wissen: Das ist in Wreden eine Straftat. Trotzdem wurde er nicht verurteilt. Der Angeklagte beteuerte immer wieder sein Haustier zu lieben, sich selbst sogar für ein Tier zu halten. Der Richter sprach ihn jetzt frei - sowohl von seiner Schuld, als auch von seinen Rechten als Mensch. Jetzt muss er wie ein Tier leben!"
Simon schüttelte ungläubig den Kopf. 'Die spinnen, die Wreden'. Das war zwar allgemein bekannt - nicht umsonst hatte Zuanto die diplomatischen Beziehungen mit Wreden auf ein Minimum zurückgefahren - doch es war erstaunlich, wie dieses kleine, von der restlichen Welt fast völlig abgeschottete Land immer wieder noch einen draufsetzen konnte. Wie wohl die Öffentlichkeit auf diesen Unsinn reagieren würde? Simon flog schnell über die restlichen Zeilen.
"Die schlimmste Form von Missachtung der Menschenrechte" wurde ein konservativer Politiker Zuantos zitiert. Er forderte "härtere Strafen" gegen Staaten, in denen Menschenrechte mit Füßen getreten werden.
"Ein weises Urteil. Jeder Mensch sollte das Recht haben, aus seiner Gesellschaft auszusteigen und ein Leben allein nach den Regeln der Natur zu leben." lobte der Vorsitzende der liberalen Partei das Urteil und forderte gewohnt übereifrig gleich ein 'Aussteigergesetz' für all jene, die sich in der zivilisierten Gesellschaft nicht wohl fühlten.
"Da Charlie nach wredischem Gesetz nun als Tier gilt, gelten für ihn auch keine Landesgrenzen mehr.", kommentierte ein ehemaliger Außenminister das Urteil nachdenklich, "Wir sollten uns ernsthafte Gedanken darüber machen, wie wir ihm begegnen wollen, falls er den Winter bei uns verbringen möchte. Schließlich sind wir das einzige Land, das südlich an Wreden angrenzt."
Simon warf einen Blick aus dem Fenster. Morgentau glitzerte auf den Gräsern der Koppeln und aus den Wäldern am Rande des Grundstücks stieg Nebel empor. 'Der schafft es bestenfalls als Eiszapfen über die Berge.' dachte sich Simon und blätterte weiter. Als er auf den anderen Seiten nichts spannendes mehr fand, leerte er seine Tasse Kaffee mit einem großen Schluck und warf die Zeitung neben den Kamin zu den anderen alten Zeitungen.
Draußen hörte Simon den Hengst schon wieder wild protestieren. Er würde sich beeilen müssen, wenn er nicht wollte, dass das Pferd noch größere Schäden an seinem Stall verursachte. Er schwang sich in seine Arbeitskleidung und öffnete die Tür. Frische Landluft, angereichert mit dem Geruch von Pferdemist, wehte ihm ins Gesicht. Wenn Simon heute Morgen auch nur einen Funken guter Laune besessen hatte, so war dieser durch den Luftzug soeben hinfort geweht worden.
"Guten Morgen. Sind Sie Gerans Enkel Simon?", begrüßte ihn eine gut gelaunte weibliche Stimme. Sie gehörte einer kräftig gebauten Frau mit langen, blonden und zu einem Zopf gebunden Haaren. Sie mochte vielleicht 30 Jahre alt sein, obwohl sie deutlich älter aussah, denn das harte Landleben hatte in ihrem Gesicht deutliche Spuren hinterlassen.
"Der bin ich wohl", gab Simon mürrisch zurück, "Lassen Sie nur. Ich kümmere mich um den Hengst."
Die Frau nickte und trat einen Schritt zu Seite. "Ich bin übrigens Martha."
Simon beachtete sie nicht. Stattdessen befestigte er den Strick am Halfter des Hengstes und führte ihn aus seiner Box heraus. Er war so ruhig und gefolgsam, wie schon am vorherigen Tag. "Ich habe den Hengst hier noch nie gesehen. Ist das Ihr Hengst?", wollte die Frau wissen.
"Nein.", antwortete Simon, "Als ich gestern Nachmittag hier ankam, stand er auf einer der Koppeln zwischen einigen Stuten. Ich weiß nicht, wie er hier hergekommen ist." Der Hengst senkte seinen Kopf ein wenig und drückte ihn gegen Simons Brust, als dieser neben ihm stand und den Strick an einem der Metallringe der Wand befestigte.
"Er scheint Sie jedenfalls zu mögen.", bemerkte die Frau lächelnd.
"Und wenn sich ihm irgendjemand nähert, wenn ich nicht in der Nähe bin, tickt er völlig aus.", Simon brachte ein sarkastisches Lachen heraus, "Immerhin macht ihn das zu einer guten Einbruchsicherung."
Die Frau schüttelte schmunzelnd den Kopf. "Reiten Sie?"
'Um Gottes Willen! Niemals!' wollte Simon empört ausrufen, beließ es jedoch bei einem abschätzenden Blick.
"Das ist schade. Wissen Sie, die Verbindung, die Mensch und Pferd beim Reiten eingehen ist mit keiner zwischenmenschlichen Beziehung zu vergleichen."
"Na wenn Sie das meinen", Simon hatte keinerlei Interesse an diesem Mensch-Tier-Beziehungs-Quark und brach das Gespräch an dieser Stelle ab, indem er sich mit einer betonten Bewegung wieder dem Hengst zuwandte. Er ging um den Hengst herum und betrat dessen Box. Er entfernte die Pferdeköttel und das schmutzig gewordene Stroh. Dann legte er den Boden mit frischem Stroh aus und füllte die Tränke wieder mit Wasser. Als Simon den Hengst losband, um ihn wieder in seine Box zu bringen, schupperte dieser wieder seinen Kopf an seiner Brust. Er tat dies zwar nicht kräftig genug, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, doch Simon spürte genau, wie der Hengst diese Geste meinte.
Seit seiner Kindheit hasste Simon Pferde. Sie stanken, traten einem auf die Füße und waren stärker als er. Am liebsten hätte er auch diesen Hengst gehasst. Am liebsten wäre ihm die Zukunft dieses dummen Nutztieres völlig egal gewesen, er hätte es am liebsten ohne je jede Gefühlsregung zum Schlachter gebracht, um so ein herzhaftes Festmahl für die Wintersonnenwende zu bekommen. Stattdessen streichelte er den Hengst zärtlich am Hals und las die Inschrift auf einem der Riemen des Halters. 'Kero. Ein schöner Name.'