Unter Drachen 4 - Ein Tag mit Eldflóð

Story by Lord_Eldingar on SoFurry

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#4 of Unter Drachen

Die Stürme sind vorbei. Nach einem abschließenden Besuch bei den Menschen geht es zur Wohnstätte von Eldflóð, wo es erste Informationen für das weitere Leben unter den Drachen gibt. Abschließend erlebe ich hautnah eine Jagd mit eigenen Krallen - eine neue Erfahrung.

Teil Vier der Geschichte um einen Menschen, der als Lord Eldingar mit und bei den Drachen lebt.

Ich versuche in dieser Story die Gedanken und Empfindungen des Menschen, der in ein Leben als Drache gestoßen wurde, in den Vordergrund zu stellen. Daher geht es eher um die Erkenntnisse und weniger um ständige Action. ;)

Ich hoffe, es gefällt trotzdem.


Unter Drachen

4. Ein Tag mit Eldflóð

Gegen Morgen ist der Himmel wieder klar. Kaum zeigt sich im Osten das Zodiakallicht, steige ich auf, um in größerer Höhe die Wetterlage zu klären. Aber alle meine Sinne bleiben ruhig, die besondere Lage, die zu diesen Tornadozellen gestern geführt hat, ist vorüber.

Also kann ich beruhigt abfliegen, meine Höhe nutzend mache ich mich direkt auf den Weg in Richtung der Krim. Dadurch, dass ich jetzt alleine auch meine volle Geschwindigkeit ausnutzen kann, bin ich in nicht einmal zwei Stunden an Eldflóð's Höhle.

Manvinkona ist anscheinend gerade wach geworden, ich fühle ihre Präsenz jetzt wieder stärker - erst jetzt fällt mir auf, dass sie die ganze Nacht den Kontakt gehalten hatte. Ist sie stärker geworden und kann jetzt auch im Schlaf ihren Kontakt halten? Jedenfalls steht sie schon vor der Höhle, noch bevor ich gelandet bin und stürmt gleich auf mich zu. Sie versucht mich zu umarmen, scheitert aber schon an meinem Arm.

„Moment, das haben wir gleich."

sage ich und aktiviere meine Transformation. Gleich darauf hocke ich als Anthro vor ihr und nun kann sie mich mit doppelter Begeisterung wirklich umarmen - und wieder mal das Gesicht ablecken.

„Hallo, Bruder. Ich freue mich ja so!"

Ja, das kann ich deutlich spüren, mein Gesicht ist ganz nass.

„Hey Schwester, lass mich bitte am Leben." bringe ich gerade noch so raus.

Aber sie knuddelt mich ohne Nachzulassen weiter. Offenbar hat ihr das schon die ganze Zeit irgendwie auf der Seele gelegen, das mal mit mir tun zu können. Vor allem braucht sie keine Rücksicht mehr auf meinen Körper zu nehmen, jetzt halte ich ihre überraschende Kraft und ihre Krallen gefahrlos aus.

Selbst als Fjörgyn zu uns herankommt, lässt sie mich noch nicht los, hört aber auf, mich abzuknutschen, was ja das Lecken unter uns Drachen bedeutet.

„Hallo Eldingar, Du hast also auch die Transformation gefunden. Aber - Du weißt...?" -

„Ja, ich weiß, dass es unter den Großen Drachen nicht üblich ist - ich hoffe aber, dass ihr mir das nachseht, weil ich es sicher öfter machen werde. Ich wurde ja nicht so groß geboren, für mich ist diese Größe irgendwie natürlicher, auch wenn ich durchaus gerne als Feral hier lebe."

Fjörgyn lächelt verständnisvoll.

„Mache Dir keine Gedanken, wir werden Dir das sicher nicht nachtragen. Überhaupt ist das zwar ein gängiges Verhalten, aber kein Gesetz - keiner der Großen Drachen wird Dich deswegen verachten."

Græðarinn ist inzwischen auch dazugekommen, ohne noch lange zu überlegen, transformiert er sich auch. Vor mir steht ein gutaussehender Anthro, der jetzt etwas verlegen zu seiner Mutter hochschaut.

„Sonst kann ich ihn ja gar nicht richtig begrüßen - außerdem kann ich mir so seine Wunde besser ansehen." Und zu mir gewandt ergänzt er. „Und alleine traue ich mich auch nicht so recht..."

Ich lade ihn mit einer Armbewegung ein.

„Komm und drücke Deinen jüngsten Bruder."

Er umarmt uns beide.

„Gerne, aber auch wenn Du erst kurz ein Drache bist, Du bist zusammengerechnet der älteste von uns drei. Ich bin auch erst 25 Jahre alt, gerade geschlechtsreif." -

„Au weia, da muss ich ja auf 'großer Bruder' machen..." stöhne ich grinsend. „Könnte aber interessant werden - ein Mensch als großer Bruder von Drachen." -

„Was ist hier denn los? - Rebellion der Jugend?" tönt es von oben.

Eldflóð ist eingetroffen, meint seine Worte aber offensichtlich nicht ernst.

„Wenn der älteste es vormacht..." frotzelt Fjörgyn und begrüßt Eldflóð. -

„Der älteste...? Ach ja, Eldingar ist als Mensch ja schon älter, als Græðarinn. Und der war es doch sicher...?"

Ich nicke.

„Ja mein Lord, ich bekenne mich schuldig. Und ich werde es sicher wieder machen. Das müsst Ihr meiner menschlichen Seele zugestehen." -

„Keine Sorge, da bin ich offen. Nur bitte nicht, wenn wir in der Nähe von Menschen oder Mischlingen sind, das ist das einzige, worum ich bitte. Zumindest wenn ich dabei bin." -

„Natürlich." bestätige ich ihm. -

„Wir beide sollen noch einmal zum König der Menschen kommen. Und es ist beschlossen, dass ich mit Dir zu meinem Wohnsitz fliege, um Dir dort einige Informationen zu geben. Deine Familie wird heute wieder nach Hause zurückkehren - auch wenn Manvinkona da wohl nicht so ganz mit einverstanden ist, wie mir scheint..."-

Aha, deswegen wohl auch ihre Anhänglichkeit, weil sie weiß, dass sie mich einige Zeit nicht sehen wird.

„Na, ich denke, das schaffen wir beide schon, schließlich bleiben wir ja in Kontakt. Und das immer enger, wie ich merke."

Manvinkona nickt, ist aber nicht sehr begeistert, mich schon wieder gehen lassen zu müssen. Obwohl ihr schon klar ist, dass ich irgendwann ohnehin eine eigene Wohnstätte finden muss.

„Hey, kleine Schwester - meine Freundin. Egal wie weit wir auseinander sind, sind wir trotzdem immer zusammen."

Und in Gedanken sage ich ihr:

'Wir sind viel enger miteinander verbunden, als alle anderen es sich vorstellen können. Was bedeutet eine körperliche Trennung, wenn unsere Seelen miteinander verknüpft sind.'

Ich fühle ihre Antwort.

'Ja natürlich, aber es ist ungewohnt, es hilft mir, wenn ich Dich dabei anfassen kann.'

Ich muss. grinsen und knuddele sie ordentlich.

„Das machst Du schon, kleine Schwester." sage ich 'laut'. Nur Fjörgyn scheint zu merken, dass wir 'Geheimnisse' haben. Irgendwann muss ich wohl beide mal zusammenbringen, Manvinkona scheint noch Hemmungen zu haben, Kontakt mit ihrer Mutter aufzunehmen. Nicht, dass da irgendwie Neid entsteht.

Fjörgyn entscheidet kurzentschlossen.

„Wenn ihr noch einen zusätzlichen Besuch machen müsst, sollten wir wohl so schnell wie möglich aufbrechen, sonst wird die Zeit zu knapp, schließlich ist es noch ein Weg zu Eldflóð's Heim."

Græðarinn transformiert sich zurück und wir verabschieden uns voneinander. Manvinkona löst sich etwas widerstrebend von mir und ich helfe ihr, auf ihre Mutter zu klettern. Zu Fjörgyn sage ich noch leise:

„Sei Manvinkona bitte nicht böse, ihre Fähigkeiten sind noch so neu und ich bin bisher ihr einziger Bezugspunkt dabei, weil sie ja schon vorher mit mir zusammen war. Sie wird sicher auch mit euch noch Kontakt aufnehmen, wenn sie sich sicherer ist."

Fjörgyn nickt nur mit einem leichten, verständnisvollen Lächeln. Dann brechen die drei auf, nach Osten, ihrer - unserer Heimat entgegen.

Als wir alleine sind, fragt Eldflóð mich:

„Du sagtest doch gestern, dass Du ein Menschenmädchen getroffen hast. Warum hast Du nicht erzählt, dass Du die Tochter des Menschenkönigs vor einem Sturz gerettet hast?" -

Das war eine Prinzessin? Dafür war sie recht normal gekleidet, hätte ich nicht gedacht.

„Dass sie eine Prinzessin ist, wusste ich nicht - und die Rettung, nun ja, wir hatten eben Glück." -

„Du kannst Dir sicher am besten vorstellen, was für eine Aufregung dort herrscht. Die Königstochter von einem Drachen vor dem Tod gerettet... Der Menschenkönig und seine Tochter wollen sich unbedingt persönlich bei Dir bedanken, auch wegen der Stürme - So wirklich habe nicht alles verstanden, sie sprachen von einem Traum... Aber Du sagtest ja auch so etwas."

Ja, das hatte ich gesagt. Ich transformiere mich zum Feral und wir brechen auf zu der Hauptstadt der Menschen, wo wir gestern schon waren. Eldflóð legt ein gutes Tempo vor und auch wenn ich noch schneller könnte, sind wir doch recht schnell wieder über der Stadt.

Anders als gestern, winken und jubeln die Menschen in den Straßen, anscheinend sind sie informiert. Ob das Drachen öfter erleben? - Aber vermutlich bedeutet es den Großen Drachen nicht soviel - da denke ich wohl noch sehr menschlich.

Über dem Platz von gestern kreisen wir nach unten und Eldflóð landet als erster. Ich setze einige Schritte hinter ihm auf und bleibe einen Schritt zurück neben ihm stehen, schließlich ist er der High Lord von uns Drachen. Auf der Terrasse stehen bereits Soldaten, die eine Ehrenformation bilden und uns nach unserer Landung eine Ehrenbezeugung erweisen. Eldflóð beäugt sie etwas misstrauisch, offenbar kann er mit ihren Aktionen nicht viel anfangen und sie tragen ja Waffen. Und es dauert auch nicht lange und der König erscheint mit vollem Pomp auf der Terrasse - neben verschiedenen anderen Menschen, offenbar in Begleitung seiner Frau und natürlich seiner Tochter, die ich jetzt fast nicht wiedererkenne in ihrem Kleid. Aber sie ist es - meine kleine Kletterkünstlerin, die beinahe abgestürzt wäre.

Nun geht erstmal der ganze Pomp los. Mit Trara und wasweißich. Wie es eben so ist, Menschen hören sich nun mal gerne reden - ich habe es nie verstanden, wofür das gut sein soll. Man dankt uns für unsere Hilfe und Freundschaft. Dann spricht mich der König direkt an.

„Drachenlord Eldingar, für Eure geleisteten Dienste möchten wir Euch einen Wunsch erfüllen, so es in unserer Macht steht - bitte nennt, was wir für Euch tun können." -

Ich habe sowas schon befürchtet und mir etwas überlegt.

„Hoher Lord der Menschen" - Die Drachen nennen niemanden König - „ ich danke Euch für Eure wohlwollenden Worte. Als Hüter Erces und Freund der Menschen habe ich diese Dienste gerne geleistet - doch verzeiht, dass ich Euch doch zwei kleine Wünsche nenne. Zum ersten hat mir der Zimmermann Jacob aus Obermühlbach gestern eine seiner zwei Kühe als Nahrung gegeben..."

weiter komme ich gar nicht.

„Natürlich, ich hörte, dass Ihr in einem Dorf den Menschen geholfen habt, die Mühle zu reparieren." Er dreht sich um. „Warum weiß ich nicht, dass der Zimmermann des Ortes eine seiner Kühe gegeben hat?" -

Ich werfe ein:

„Der Mann ist sehr fähig und selbstbewusst - ich vermute, dass er diese Gabe nicht genannt hat, weil er sich mir verpflichtet fühlte." -

„Selbstverständlich wird er Ersatz erhalten. Ich sehe es als meine Aufgabe an, Euch zu entlohnen, im Namen des ganzen Volkes - da soll nicht ein einzelner die Last tragen, auch wenn er es freiwillig macht. - Ihr sagt, er ist fähig und er ist Zimmermann... Da wird er sicher in der Lage sein, die Schäden, die durch die Stürme entstanden sind, aufzunehmen und zu berechnen. Wir können dort einen Sturmvogt gut brauchen, denn kleinere Sturmschäden gibt es in der Grafschaft dort öfter."

Er wendet sich an einen seiner Begleiter und gibt ihm Anweisungen. Damit habe ich also dem guten Zimmermann seinen Dienst an mir vergütet - ich vermute, dass so eine Kuh hier schon noch sehr wertvoll ist.

Dann wendet sich der König wieder an mich.

„Das wäre geklärt. Doch Ihr spracht von zwei Wünschen?" -

„Ja, richtig. Doch der zweite ist leicht zu erfüllen und vielleicht doch so viel schwerer. - Ich wünsche mir, dass die Menschen hier nie vergessen, dass wir Große Drachen, die Hüter Erces, immer Eure Freunde sein werden. Und dass ihr Menschen bereit seid, uns anzuhören, wenn wir zu euch sprechen."

Dies macht den König nachdenklich - offensichtlich erkennt er die tiefere Bedeutung die in diesen Worten liegt. Ich war es meiner offensichtlichen Aufgabe hier in dieser Welt schuldig. Die Aufgabe, die Menschen auf eine bewusste, die Natur bewahrenden, Technikentwicklung zu leiten - den Weg vermeiden, der meine Welt so schwierig macht.

„Verehrter Drachenlord. Ich ahne, dass dieser Wunsch möglicherweise eine schwere Aufgabe werden kann. Aber ich werde alles tun, um Euren Wunsch zu erfüllen und dieses meinen Nachfolgern als Aufgabe zu hinterlassen." -

Ich neige den Kopf.

„So sind meine Wünsche erfüllt. Ich danke Euch." -

„Aber meine Tochter hat noch einen Wunsch." erwidert der König. „Sie möchte Euch persönlich für ihre Rettung vor dem Sturz danken - dem meine Frau und ich mich natürlich anschließen möchten. Würdet Ihr bitte näherkommen."

Ich blicke kurz zu Eldflóð, der leicht nickt. Also gehe ich an die Brüstung heran.

Die Prinzessin kommt ebenfalls vor zu der Brüstung und streckt ihre rechte Hand aus. Also nähere ich mich mit dem Kopf langsam soweit, dass sie mich berühren kann. Ich überrage die Terrasse weit genug, dass ich mich dafür nicht strecken muss, was mir eine vornehme Haltung gewährt.

Die atemlose Spannung unter den Menschen, besonders bei ihrer Mutter und ihrem Vater, steigert sich zu einem unterdrückten Aufschrei, als sie ihre Hand auf die Schuppen zwischen meinen Nüstern legt. Zwar vertrauen sie uns hier, aber es ist doch etwas anderes, nur wenige Schritte von einem Drachen entfernt zu stehen, der selbst diese hohe Terrasse noch um einige Meter überragt.

Und dann die eigene, 12jährige Tochter zu sehen, wie sie selbstbewusst nur Zentimeter vor einem Maul steht, in dem sie problemlos in Sekundenbruchteilen verschwinden könnte. Zudem weiß ich, dass mein Gesichtsausdruck für die Menschen zumindest sehr ernst, wenn nicht grimmig erscheint. Sicherheitshalber verkneife ich mir jedes Lächeln um meine Zähne verborgen zu halten - das wäre vermutlich zu viel des Guten.

Aber die kleine Prinzessin hat in den paar Minuten gestern so viel Vertrauen zu mir gefasst, dass sie locker und selbstbewusst vor mir steht.

„Mein edler Lord Drache - verzeiht, Lord Eldingar. Ich danke Euch, dass Ihr zur rechten Zeit in unser Land gekommen seit, um unser Volk vor einer großen Gefahr zu schützen."

Sie zieht ihre Hand wieder zurück und ich nehme ein wenig Abstand, um die Spannung etwas zu reduzieren.

„Dankt nicht mir, junge Lady. Der Dank gebührt Erce, die mich hierher brachte."

Insgeheim vermute ich tatsächlich, dass die Dinge gestern zu einem Plan gehören, der sich mir hoffentlich noch eröffnen wird.

Die Prinzessin ergänzt.

„Und doch habe ich Euch zu danken. Ihr habt mich gestern dank Eurer schnellen Reaktion vor dem Tod gerettet. Bei dem Schreck habe ich vergessen, mich angemessen bei Euch zu bedanken."

Sie nestelt an ihrem linken Ohr und hält eine schlichte, recht große goldene Creole in ihrer Hand.

„Verzeiht, dass ich Euch Gold anbiete, aber ich trage diese Ohrringe, seit ich mich erinnern kann. Ich habe sie noch nie abgenommen, sie sind praktisch ein Teil von mir - und ich möchte dass Ihr eine von ihnen und somit etwas von mir, bei Euch tragt. Würdet Ihr dieses kleine Geschenk von mir annehmen?" -

Ich verneige mich leicht.

„Sicher, gerne. Ich danke Euch für Euer Geschenk."

Mir fällt gerade etwas ein - vielleicht kann ich sie näher mit Eldflóð zusammenbringen - er deutete ja an meinem ersten Abend hier an, dass er sich einen besseren Kontakt zu den Menschen durchaus wünschen würde. Und was wäre da besser, als mit dieser kleinen Lady hier anzufangen?

„Junge Lady, ich denke, Lord Eldflóð wird Euch dabei helfen können, für Euren Ring einen Platz zu finden. Er vermag meine Schuppen zu durchbohren, wie ich erfahren musste." -

Sie folgt meinem Blick und sieht erschreckt auf meine Wunde.

„Lord Eldflóð hat Euch verwundet?" -

„Ich habe nicht aufgepasst. Lord Eldflóð hat mir meinen Platz als Paladin zugewiesen - das ist unter uns Drachen ein wenig rauer, als es bei den Menschen geschieht. Aber ich bin ihm sehr zu Dank verpflichtet und so eine Wunde ist für einen Drachen durchaus ehrenhaft. Seid beruhigt, ich folge seinem Ruf, aber wir sind auch gute Freunde."

Den genauen Ablauf muss kein Mensch wissen. Aber für menschliche Ohren wird es wohl auch so glaubhaft klingen. Nur so wirklich überzeugt, dass Eldflóð eigentlich ein netter Typ ist, habe ich sie noch nicht, aber sie nickt tapfer. Eldflóð hat das ganze selbstverständlich verfolgt und signalisiert mir sein Einverständnis, er hat begriffen, was ich vorhabe. Ich wende mich aber erstmal an die Eltern der kleinen Prinzessin.

„Meine Lady, mein Lord - ich versichere Euch, dass Eure Tochter nicht in Gefahr ist. Ich stehe dafür mit meinem Leben ein." -

Ihre Mutter antwortet mir.

„Ich glaube Euch, Lord Eldingar. Würdet Ihr meiner Tochter ein Leid zufügen wollen, würdet Ihr Euch kaum so viele Umstände machen."

Der König sieht sie mit leichtem Erstaunen an und nickt dann nur.

„Junge Lady, seit Ihr bereit?" frage ich die Prinzessin.

Sie nickt wieder. Ich richte mich auf und halte ihr meine Handfläche hin, damit sie darauf klettern kann. Nachdem sie sich hingesetzt hat und sich an meinem Daumen festhält, hebe ich sie vorsichtig von der Terrasse und drehe mich mit ihr zu Eldflóð um. Der ist näher herangekommen und sie sieht sich jetzt seinem Gesicht fast so dicht gegenüber, wie vorher meinem. Ich spüre sie leicht zittern, aber mutig begrüßt sie ihn.

„Ich grüße Euch Lord Eldflóð. Würdet Ihr bitte so freundlich sein, mir bei meinem kleinen Geschenk an Lord Eldingar zu helfen?" -

Eldflóð verneigt sich leicht und antwortet in sanftem Ton.

„Ich grüße Euch auch, junge Lady. Natürlich helfe ich Euch gerne. Wenn Ihr mir zeigt, wo Ihr den Ring gerne haben möchtet..."

Sie überlegt, dabei ihre Angst vergessend - Eldflóð's ruhige Art hilft dabei sicher auch.

„Leider hat Lord Eldingar ja keine Ohren, wie ein Mensch, aber ich denke, dort würde es auch passen."

Dabei zeigt sie auf meine linken Wangendornen, die in etwa an dort sitzen, wo ein Mensch die Ohren vermuten würde.

„Ja, das ist ein guter Platz dafür." bestätigt Eldflóð.

Offenbar wird der Ring dort auch nicht stören, wenn ich zum Anthro transformiere.

„Wenn Ihr so freundlich wärt."

Ich senke meine Hand, damit die Prinzessin etwas aus dem Weg ist und nicht zwischen uns verschwindet und halte Eldflóð meinen Kopf so hin, dass er leicht an meine Wangendornen kommt. Mit der sehr feinen Spitze der Kralle seines kleinen Fingers durchbohrt er schnell eine etwas überstehende Schuppe an der Basis des oberen Dornes.

Er wendet sich zur Prinzessin.

„Wenn ich Euch helfen darf, damit Ihr den Ring befestigen könnt."

Sie atmet einmal tief durch und nickt. Eldflóð hält seine Hand neben meine, damit sie einfach rübersteigen kann. Seine Handfläche betrachtend, die von den großen, kantigen schwarzen Schuppen Eldflóð's eingerahmt, genau so feine Schuppen zeigt, wie meine, nur von schwarzer Farbe, gewinnt sie den Mut auf seine Hand zu steigen. Beim Hinsetzen streicht sie über seine Handfläche.

„Eure Hand ist genau so weich, wie die von Lord Eldingar" sagt sie erstaunt.

Eldflóð nickt.

„Ich hoffe, dass Euch mein Äußeres nicht zu sehr erschreckt."

Sie schüttelt den Kopf.

„Nicht mehr, Lord Eldflóð."

Er hebt sie hoch, damit sie an meine Dornen herankommt und sie befestigt ihren Ohrring an meiner Schuppe.

„Nun ist etwas von mir immer bei Euch, Lord Eldingar. Ich hoffe, Ihr werdet Euch immer an mich erinnern, auch wenn der Ring so klein an Euch ist." -

„Dieser Ring wiegt schwerer, als das Gold, aus dem er besteht. Er wird mich immer an Euch erinnern."

Ich werde mich an Dein Herz erinnern, wenn Menschen Märchen sind, in Büchern geschrieben von Kaninchen... Dieser Satz aus Peter S. Beagle's 'Das letzte Einhorn' kommt mir hier passend in den Sinn. Noch habe ich den Bezug zur Sterblichkeit, aber mir wurde die Langlebigkeit gegeben, wie dem Einhorn in dem Buch.

Eldingar lässt sie wieder auf meine Hand zurückklettern. Sie bleibt aber stehen, hält sich an meinem Daumen fest und sagt zu mir.

„Würdet Ihr mich bitte zu Lord Eldflóð hochheben."

Ich mache es wie sie wünscht, sie dirigiert meine Hand direkt vor Eldflóð's Gesicht und streckt ihre Hand aus. Eldflóð begreift und kommt näher heran. Sie legt Ihre Hand auch bei Eldflóð auf die Schuppen zwischen seinen Nasenlöchern, wie vorhin bei mir.

„Ich danke auch Euch, Lord Eldflóð. Für Eure beständige Freundschaft zu unserem Volk, obwohl wir uns vor Euch fürchten. Und dafür, dass Ihr uns Lord Eldingar rechtzeitig in der Not zu uns brachtet."

Die junge Prinzessin scheint hochintelligent zu sein und genießt offenbar eine hervorragende Ausbildung. Eldflóð schließt seine rotleuchtenden Augen - in denen ich die Freude über dieses Ereignis leuchten sehe - und deutet eine Verneigung an.

Die Prinzessin streichelt noch leicht über die Schuppen und flüstert.

„Eure Schuppen fühlen sich genau so angenehm an, wie die von Lord Eldingar - ich bin froh, dass er mich überredet hat, Euch von nahem kennenzulernen."

Ich merke, wie Eldflóð darum kämpft, nicht grinsen zu müssen, ganz schafft er es nicht. Die Prinzessin setzt sich wieder hin und nickt mir zu. Ich drehe mich wieder zurück zur Terrasse, richte mich auf und lege meine Hand auf die Platten, damit sie problemlos wieder absteigen kann. Danach ziehe ich mich wieder ein Stück zurück.

Die Menschen haben den ganzen Vorgang mit Erstaunen, Besorgnis, aber auch mit Freude über die mutige Prinzessin verfolgt. Bevor ich mich richtig zurückziehen kann, kommt sie wieder an die Brüstung und streckt mir noch einmal die Hand entgegen. Ich komme ihr wieder mit meiner Nase entgegen und sie legt jetzt beide Hände auf meine Schnauze.

„Ich hoffe, wir sehen uns bald einmal wieder." sagt sie, mit leichter Traurigkeit in der Stimme. Sie fürchtet, ihren neuen Freund schon wieder zu verlieren. -

„Wir werden uns sicher wieder treffen. Euer Ring wird mich daran erinnern." versuche ich sie zu beruhigen.

Währenddessen ist ihre Mutter dazugekommen und legt auch ihre Hand neben die ihrer Tochter. Leise sagt sie zu mir.

„Ich danke Euch für das Leben meiner Tochter."

Die Augen schließend senke ich meinen Kopf ein paar Zentimeter. Dann lassen die beiden mich los und ich ziehe mich wieder zu Eldflóð zurück. Der unterbricht jetzt die Stimmung.

„Ich bedauere, aber wir müssen uns jetzt zurückziehen. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, den wir nicht aufschieben können. Aber ich werde in einigen Tagen wieder hier in der Nähe sein." -

„Natürlich. Auch wir haben noch Aufgaben zu erledigen, auch wenn diese die wichtigste heute ist. Wir freuen uns, Euch bald wieder hier begrüßen zu dürfen."

Wir verneigen uns alle nochmals voreinander und Eldflóð hebt ab. Ich folge ihm, nachdem ich mit einem Blick zur Prinzessin noch kurz meine Hand zu ihrem Ohrring gehoben habe um ihr zu zeigen, dass ich an sie denken werde. Mit einem kräftigen Sprung und kräftigen Schwingenschlägen habe ich schnell die Flughöhe erreicht und bin bald bei Eldflóð.

Nach einer kurzen Strecke, wird er etwas langsamer.

„Danke Ralf. Ohne Dich hätte ich wohl nie so schnell einen so direkten Kontakt zu den Menschen hier bekommen. Ich spürte immer die Angst vor mir in den Menschen. Ich hätte aber auch nicht gedacht, dass ausgerechnet ein Menschenkind den Mut findet und seine Angst so vollständig verliert." -

„Ja, auch mich hat sie überrascht. Sie scheint aber auch besonders klug zu sein. Hoffentlich findet sich diese Klugheit auch in den anderen Mitgliedern ihrer Familie. Das dürfte es deutlich einfacher machen, mit diesen Menschen zusammen zu arbeiten. Denn ich ahne, dass sie auf dem Weg sind, die Technik für sich zu entdecken." antworte ich.

Er nickt.

„Ja, es war klug von Dir, Ihnen die Freundschaft von uns Hütern zu bekunden - und sie ein wenig darauf einzuschwören. Das macht es hoffentlich einfacher, ihnen zu beweisen, dass wir sie nicht behindern wollen, wenn wir versuchen, Einfluss zu nehmen. Dieses Volk nutzt in meinem Bereich auch die meiste Technik. Noch aber ohne Gefahr. - Wir haben bis zu dem kleinen Gebirge noch einen fünftel Tag Flug vor uns, wenn wir uns beeilen. Leider ist auf dieser Strecke kein Windstrom sinnvoll zu benutzen. - Ich erkläre Dir nachher, was das ist."

ergänzt er, als er meinen fragenden Gesichtsausdruck sieht.

Also nehmen wir wieder Geschwindigkeit auf, wobei wir noch etwas an Höhe gewinnen, wohl weil wir über die Karpaten fliegen werden, wie ich aus unserer Flugrichtung vermute. Kleines Gebirge - meint er die Hohe Tatra? Die Richtung und die Zeit jedenfalls könnte stimmen - ein fünftel Tag sind etwa zweieinhalb Stunden.

Nach etwas über zwei Stunden kommt ein Gebirge am Horizont in Sicht, auf das wir zuhalten. Also scheint Eldflóð seinen Hauptsitz tatsächlich in der Tatra zu haben. In der weiteren Umgebung finden sich nur wenige kleine Dörfer - überhaupt scheint diese Welt von deutlich weniger Menschen bewohnt zu sein als meine alte Welt.

In einem zentral gelegenem Hochtal mit zwei ovalen Seen geht Eldflóð herunter und setzt vor einem Höhleneingang oberhalb des oberen Sees zur Landung an. Der Platz davor ist recht klein, er geht deshalb in die Höhle, damit ich landen kann. Bevor ich ihm folge, sehe ich mich um - die Gegend kommt mir bekannt vor, ich war vor zwei Jahren in der Tatra... richtig, das ist der Czarny Staw und da unten das Morskie Oko - der Schwarze Teich und das Meeresauge. Und hier über mir ist der Rysy - das hier eine Höhle ist, war mir damals aber entgangen, aber vielleicht gibt es die bei uns auch nicht. Die Landschaft hier ist aber genau so genial wie bei uns in der polnischen Hohen Tatra, wahrscheinlich noch besser, weil hier kaum Menschen sind Ein wenig ungewohnt nur, weil hier nirgends Schnee auf den Gipfeln liegt.

„Ist etwas?" Eldflóð sieht mich fragend an. -

„Nein - Ja. - Es ist nur: ich war vor zwei Jahren hier - und ich bin nur von der herrlichen Landschaft hier wieder überwältigt." -

„Du warst hier? - Achso, Du meinst drüben, in Deiner alten Welt." Er sieht sich um. „Was mich aber immer wieder wundert, warum seit Ihr Menschen immer wieder von Landschaften fasziniert, in denen ihr kaum auf Dauer überleben könnt?"

So hatte ich das bisher noch nie gesehen - aber er hat recht, gerade die Landschaften, in denen wir nicht siedeln können, empfinden wir oft als schön.

„Vielleicht liegt es gerade daran, dass wir in solchen Landschaften nicht siedeln können, was uns an ihnen so gefällt. Sie bleiben für uns wild und unzugänglich. Ob nun Hochgebirge, Wüste oder das ewige Eis der Antarktis." -

„Ewiges Eis? Wenn Du damit Eis meinst, das nie taut - das wirst Du hier kaum finden. - Aber dazu nachher mehr. Komm erstmal rein."

Kein ewiges Eis? Stimmt, hier sind selbst die Gipfel eisfrei. Aber überhaupt kein Eis? Na gut, er wird mir das sicher noch erklären. Ich folge ihm also erstmal in die Höhle. Innen ist recht viel Platz, allerdings ist es nicht ganz so gemütlich eingerichtet, wie in Fjörgyns Höhle - wobei gemütlich aus Drachensicht für einen Menschen schon ziemlich robust ist. Hier ist es noch kahler und robuster.

„Na, wie gefällt es Dir hier bei mir?" -

„Tja, irgendwie männlicher eingerichtet - aber auch mehr so, wie ein Mensch sich so eine Drachenhöhle vorstellen würde."

Eldflóð grinst.

„Sag' ruhig, dass es kahl ist. Obwohl, oder gerade weil es mein hauptsächlicher Wohnsitz ist, habe ich auf diesen, sagen wir 'offiziellen' Teil keinen großen Wert gelegt. So richtig lebe ich da nebenan."

Und bei diesen Worten transformiert er sich zum Anthro. Ich bin so verwundert, dass ich erstmal einfach so stehen bleibe und auf ihn herunterblicke. In dieser menschlichen Form wirkt er weniger rauh, seine Schuppen sind glatter und obwohl er auch jetzt wirkt, als ob er von innen glüht, erscheint er mir weniger furchteinflößend. Wobei ich mich ohnehin längst an seinen Anblick gewöhnt habe.

„Na, nun komm schon - so kommst Du nicht rein bei mir." grummelt er.

Oh, ja, transformieren - schnell bin ich auch in der Anthro-Form.

Er erklärt mir seine für mich überraschende Transformation:

„So sehen mich zwar nur sehr wenige, eigentlich nur meine Familie, zu der ich Dich ja auch zähle, aber insgesamt lebe ich eigentlich recht häufig in dieser Form. Sie hat eben auch viele praktische Seiten. Man findet leichter eine Höhle, sie lässt sich einfacher einrichten und im Winter auch besser warmhalten. Und viele Dinge der Menschen sind schon sehr praktisch." -

Ich sehe ihn an.

„Ein wenig beruhigt mich das. Ich habe schon mal kurz überlegt, wie das wohl sein wird in Zukunft so ständig als Feral. - Obwohl, die Tage bisher bin ich eigentlich noch gar nicht richtig zum nachdenken gekommen. - Das wird sicher nicht auf ewig so laufen können, dass ich mich bei Fjörgyn einquartiere. Und irgendwie bin ich eben doch noch ein Mensch in meiner Denkweise. So großartig das Gefühl als alles überragender Drache auch ist, aber als Anthro ist es mir einfach vertrauter, auch wenn es dann immer noch merkwürdig ist, einen Schwanz und Schwingen zu haben."

Ich fühle nach meinem neuen Ohrring, er macht auch jetzt keine Probleme, ist aber natürlich im Verhältnis größer. Eldflóð hat einen guten Platz für ihn gefunden.

Eldflóð winkt mir, ihm zu folgen und sagt auf dem Weg zu einem kleinen Durchgang nachdenklich:

„Ich bin als Drache geschlüpft und kann mir nicht vorstellen, wie es wäre, als Mensch zu leben - aber noch weniger, wie es für Dich sein muss, ein Drache zu sein. Dinge, die für mich normal sind, müssen für Dich sehr merkwürdig, ja erschreckend sein. Auch wenn Erce Dir viel mitgegeben hat, das Dir das Leben einfacher macht. Ich mag nicht daran denken, wie es wohl ohne Schwingen wäre - wie muss es Dir da umgekehrt wohl gehen." -

Ich erinnere mich mit Schrecken an vorgestern Nacht zurück.

„Ich habe es kurz erlebt wie es wäre ohne die Hilfe Erces. Es ist, als ob sie nicht da wären, sie sind wie tot. Ich habe sie gesehen, weiß aber nicht wo die Muskeln sind, weiß nicht wie ich sie bewegen soll. Der Schwanz - irgendwann mal hatten die Tiere, aus denen wir uns entwickelt haben, auch einen Schwanz. Die Reste sind noch in uns, zu dem würde ich sicher einen Zugang finden, aber wir hatten nie in unserer Entwicklung ein drittes Paar Gliedmaßen. Wir waren immer 4-Beiner, wie soll ich da das fünfte und sechste bewegen. -

Erschreckend war aber dabei, dass ich ja meine Schwingen schon genutzt hatte, schon geflogen bin und sie nun plötzlich verloren hatte. Ein Erlebnis das sehr verstörend war. Und das, obwohl ich als Mensch geboren wurde. - Ich wünsche es keinem Drachen, dass er das erleben muss." -

Eldflóð ist überrascht.

„Das ist Dir passiert?"

„Ja. Ich denke, noch sind mein Körper und mein Geist - meine Seele - nicht vollkommen verbunden. Nur die Kraft Erces hält sie im Moment zusammen. Und als ich aus einem Traum hochgeschreckt bin, fanden beide nicht sofort zueinander. Aber das wird sich im Laufe der Zeit sicher ändern und meine Seele wird meinen Körper erkennen und weiter annehmen. - Ein Mensch kann vieles lernen, sogar ein Drache zu sein..."

Hoffentlich nimmt er mir meinen dunklen Humor nicht übel. Aber Eldflóð denkt nicht dran.

„Wenn es jemand kann, dann vermutlich nur ein Mensch. Wir Drachen mögen weise sein - aber die Menschen sind viel anpassungsfähiger. Eines Tages werden die Menschen wohl auch in dieser Welt die Drachen verdrängen. Auch wenn noch viele Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende darüber vergehen. Und auch wenn Erce Dich aus einem anderen Grund hierher gerufen hat - Du bist doch auch gleichzeitig ihre Warnung, das es geschehen kann."

„Bitte Eldflóð, sieh mich nicht als Feind, als Gegner an."

Er legt beruhigend seine Hand auf meine Schulter.

„Du bist ein Drache. Einer von uns. Darüber mache Dir keine Sorgen, wir Drachen sehen nur, was Du bist, nicht was Du warst. - Doch Du beweist auch, dass manche Menschen mehr vermögen, als es scheint. Wie ein Drache werden, ohne sich zu verlieren, verrückt zu werden. Du hast es heute wieder bewiesen."

Wir sind jetzt in einem Bereich angekommen, der deutlich wohnlicher ist. Vor dem Durchgang zur großen Höhle hängt ein leichter Vorhang, aber es ist auch ein schwerer, wärmedämmender Vorhang vorhanden, der jetzt seitlich festgemacht ist.

Der Raum in dem wir jetzt stehen ist mit einem Tisch, Stühlen und in einer Ecke mit so etwas ähnlichem wie Sessel ausgestattet. Dem gegenüber sehe ich einen Kamin. Rechts ist ein Raum, in dem Regale mit vielen Büchern und Pergamenten stehen. Dahinter etwas, was ich als Küche definieren würde, auch wenn ein Herd fehlt. Auf der linken Seite befinden sich mehrere Räume in denen auf Sockeln etwas ähnliches wie Matratzen liegen, man kann es durchaus als Betten bezeichnen. Eldflóð ist offenbar sogar auf Gäste eingerichtet.

Alle Räume haben eine Oeffnung nach außen, durch die Licht fällt, die aber verschlossen werden kann. Insgesamt ist es trotz der Wände aus nur grob geglättetem Fels, eine recht gemütliche Höhlenwohnung, sogar aus menschlicher Sicht.

„Ich erkenne die Vorteile als Anthro." grinse ich.

„Das ist es mir wert, dafür diese Gestalt anzunehmen." antwortet Eldflóð trocken.

In dem Moment tritt ein weiterer Anthro herein. Ein roter Drache, mit gelben Augen und einer dunklen Mähne - also ein 'kleiner' Drache, obwohl er jetzt nur wenig kleiner ist, als wir.

„Ah, Lord Eldflóð. Ich grüße Euch - und Euer Gast wird dann sicher Lord Eldingar sein. Auch Euch grüße ich. Mein Name ist Vortigern und Lord Eldflóð gewährt mir die Ehre, sein Haus und Hof verwalten zu dürfen." -

„Hallo Vortigern - es ist schon in Ordnung." erwidert Eldflóð. „Eldingar steht in einer engen Beziehung, da können wir hier entspannt miteinander reden." -

„Ah gut. Ich freue mich wirklich, den Drachen mit der Seele eines Menschen kennenzulernen. Mein Herr hat mir schon einiges über Dich erzählt, Eldingar." -

„Alles übertrieben." antworte ich augenzwinkernd.

Vortigern grinst.

„Wie wäre es mit einer Erfrischung - Vielleicht frisches Quellwasser mit etwas Fruchtsaft? - Die Menschen trinken so etwas ja gerne und es ist wirklich ein interessanter Geschmack. Momentan könnte ich Kirschen anbieten." -

„Ja, gerne, Kirschen mag ich besonders."

antworte ich und auch Eldflóð nimmt an. Vortigern verschwindet in Richtung der Küche.

„Ich finde es privat praktischer, wenn wir nicht so formell sind."

erklärt Eldflóð mir und wir setzen uns in die Sessel. Ich stelle fest, dass sie so gestaltet sind, dass wir unsere Schwänze durchstecken können und wir so bequem sitzen.

„Und Vortigern ist ein alter Freund, der für mich schon vieles bei den kleinen Drachen in meinem Reich geregelt hat. Er vertritt ihnen gegenüber meine Interessen und regelt auch manche Dinge mit den Menschen, vor allem wenn es um persönlichen Kontakt mit ihnen geht. Sie scheinen vor ihm weniger Furcht zu haben."

Vortigern kommt mit zwei großen Bechern wieder in den Raum und reicht sie uns.

„Entschuldigt, wenn ich mich gleich wieder verabschiede, aber ich habe zu tun und ihr wollt euch sicher unterhalten. - Ich hoffe aber, wir können später einmal miteinander sprechen, Eldingar."

Er verabschiedet sich und ist schnell verschwunden. Aber ich habe mir sein Gesicht etwas genauer angesehen.

„Dass die Menschen vor ihm weniger Furcht empfinden, wird vermutlich schon daran liegen, dass für sie sein Gesicht freundlicher erscheint. Unsere Augenpartie, die Augenbrauen, wirken auf Menschen so, als ob wir ernst, finster oder sogar wütend sind.

Seine Augen wirken im Gegensatz dazu für Menschen offener, freundlicher. Zudem ist er als Feral vermutlich auch kleiner als wir - Das alles macht für Menschen viel aus. Sie können unsere Mimik nicht erkennen und übertragen ihre Mimik auf uns. Und das ist oft leider falsch. -

Fjörgyn Wut damals war allerdings auch für mich sehr deutlich zu erkennen..." -

„Das glaube ich." antwortet Eldflóð mit einem leichten Grinsen.

„Ja, Vortigern geht auch oft als Anthro zu den Menschen - die Kleinen sind da oft anders, als wir. Du meinst, das würde ihm auch helfen?" -

„Sicher. Er ist dann zwar immer noch eindeutig ein Drache, aber nur etwas größer als ein Mensch. Und das können die Menschen dann einfach besser handhaben. -

Ich will Dich nicht überreden, aber bei wichtigen Gesprächen mit Menschen hättest Du als Anthro auch Vorteile gegenüber der großen Feral-Gestalt.

Zum einen die angepasste Größe, die den Menschen angenehmer ist, auch wenn wir immer noch größer sind als sie - außerdem werden sie sich immer bewusst sein, dass sie nur Sekunden von einem Feral entfernt sind. Sie würden es auch kaum als Schwäche auslegen, sondern eher als Entgegenkommen. -

Dann ist Dein Äußeres als Anthro deutlich weniger erschreckend, wie ich feststelle - wir hatten da ja schon drüber gesprochen, dass Deine gesamte Erscheinung und Ausstrahlung aus Sicht der Drachen Kraft, Macht und Würde ausstrahlt, Menschen aber nur große Furcht einflößt.

Außerdem sprechen Menschen über wichtige Dinge gerne in Räumen, teilweise auch nur mit wenigen Teilnehmern. Gut, so etwas wie heute machen sie auch gerne öffentlich. Aber wenn Du mit dem Menschenkönig über Dinge, die uns als Hüter betreffen, in Ruhe sprechen möchtest, machen sie das lieber in einem Raum. Möglicherweise sogar bei einem Essen -

Willst Du ihnen dagegen ein Ultimatum stellen, dann zeige Dich als Feral, zitiere ihn zu einem geeigneten Platz irgendwo in der Natur, wo Du aus erhöhter Position entsprechend Eindruck hinterlässt. - Und sie auch ansonsten mal daran erinnern, mit wem sie es zu tun haben, kann nicht schaden. Also als Feral erscheinen und wieder gehen, erinnert sie sehr direkt, wen sie vor sich haben."

Sein zweifelnder Blick lässt mich ergänzen:

„Ich will Dir, oder den anderen Großen Drachen nichts vorschreiben. Es geht mir nicht darum, eurer Verhalten zu kritisieren oder zu verändern. Nur eine Überlegung, wie sich die offenbar bevorstehenden Probleme der nächsten Jahrhunderte vielleicht einfacher angehen lassen und es muss auch nicht morgen schon so ablaufen. -

Ich allerdings werde da keine Hemmungen haben, mich den Menschen auch als Anthro zu zeigen, wenn ich einen Vorteil darin sehe. Aber wie Du selber ja immer mal zu meiner Verteidigung einwirfst: ich bin nicht aus einem Drachenei geschlüpft und sehe mich auch aus Sicht der Menschen.

Für mich ist auch ein Anthro schon ein beeindruckender Drache: wenn ich so in dieser Gestalt kraftstrotzend einem Menschen gegenüber stehe, ihn einen halben Meter überrage - hier durchschnittlich ja sogar mehr - ihm auch mal meine Fangzähne zeige und dann noch ein wenig die Schwingen öffne - dann wäre ich als Mensch schon sehr vorsichtig, mich auch nur schief anzusehen.

Bitte vergiss nicht: aus der Sicht eines Großen Ferals ist ein Anthro klein und schwach - aus der Sicht eines Menschen ist ein Anthro groß und stark - ein Feral ist einfach nur noch erschreckend."

Eldflóð legt mir ernst seine Hand auf die Schulter.

„Wieder erkenne ich die Weisheit Erces von Neuem - und warum sie Dich, einen Menschen ausgewählt hat und keinen von uns Drachen. Sie kennt uns und unsere Schwächen: das Unverständnis der Technik und unseren Stolz, der uns manchmal im Weg steht. -

Du dagegen verstehst die Technik, sogar besser als die Menschen hier und kennst die negativen Seiten - und Du kannst Deinen Stolz zur richtigen Zeit einfach ignorieren und so Dinge erreichen, die uns unser Stolz verwehrt."

Das macht mich etwas nachdenklich.

„Ich hoffe, dass mich nicht dafür ein falscher Stolz, oder ein Dünkel zur falschen Zeit behindert und ich nie den trügerischen Einflüsterungen eines falschen Gefühls oder dem Eindruck besser als alle anderen zu sein, Mächtiger zu sein, erliege." -

„Du hast uns gestern darum gebeten, über Deinen Weg zu wachen - wenn Du auf unsere Warnungen achtest, werden wir Dir dabei helfen können." -

Ich bin froh, hier Freunde zu haben, ohne wäre ich wohl trotz aller Macht eines Drachen Erces doch verloren. Aber gerade jetzt fehlt mir Fjörgyn doch ein wenig. Doch schon fühle ich meine kleine Freundin sich regen.

Manvinkona hat meine Stimmung gespürt und schickt mir ein beruhigendes 'Wir sind bei Dir' - aber dieses liebe kleine Biest versucht jetzt auch gerade, meine Gedanken zu erlauschen. Mir ist klar, dass sie es nicht böse meint, vielleicht nicht mal absichtlich macht - aber ich bin doch froh, dass ich sie problemlos blocken kann.

'Danke, kleine Schwester. Aber bitte versuche nicht, mich abzuhören.' sende ich ihr.

'Ich spüre Dich sehr gerne in mir, aber bis wir unsere Gedanken vereinen, sollten wir beide diese Fähigkeit erst richtig ausbilden.'

Irgendetwas hat mir diese Worte eingegeben, eigentlich wollte ich was anderes sagen - was hat Erce da mit uns vor?

Ich spüre, wie sie erschrickt und mit ehrlichem Schuldgefühl antwortet sie mir.

_'Entschuldige, das war nicht absichtlich, das ist mit mir einfach so durchgegangen.'_Schmunzelnd über den Ausdruck, den sie vermutlich bei mir irgendwann entdeckt hat, sende ich ihr einen beruhigenden Gedanken, dass ich ihr das glaube.

Eldflóð sieht mich fragend an.

„Manvinkona hat mich gerade ein wenig aufgeheitert." erkläre ich ihm meine Gemütsregung.

„Oh ja, Manvinkona - ich bin gespannt, wohin Erce die Kleine stellen wird und welche Kräfte sie erlangt." -

„Mir eröffnete sich gerade eine Ahnung, wohin es gehen könnte. Sei mir bitte nicht böse, wenn ich darüber aber noch nicht spekulieren möchte, ehe wir... sie da weiter in der Entwicklung ist."

Eldflóð legt bei meinem Versprecher leicht den Kopf schief, sagt aber nichts.

„Ob sie diese Kraft, die sich da andeutet, auch als Waffe einsetzen kann, so wie wir unsere, weiß ich aber nicht" fahre ich fort.

„Wobei ich eigentlich nicht einmal weiß, welche Kräfte Fjörgyn eigentlich hat." -

„Zunächst, wie fast alle Großen Drachen, den einfachen Feueratem." verrät Eldflóð mir.

„Aber ihre Hauptkräfte liegen in der Beeinflussung von Erde und Natur. Sie kann eine Wüste in einen Garten wandeln - aber auch ein blühendes Tal zur Wüste werden lassen. Und wenn Du ihr ein wenig Zeit lässt, versetzt Sie einen Berg. Und dazu enthält ihr Blut eine außergewöhnliche Kraft, sie hat gemeinsam mit Heilern schon einigen das Leben wieder geschenkt, zumeist aber Drachen. -

Græðarinn's Kraft hast Du ja selber erlebt. Den Feueratem hat er natürlich auch. Daher denke ich, dass Manvinkona den wohl auch einsetzen können wird." -

Und wenn sie dazu das können wird, was ich zu ahnen beginne, möchte ich nicht ihr Feind sein. -

Eldflóð erklärt mir weiter:

„Meine Kraft hast Du ja kennengelernt, mein Feuer wird wesentlich heißer und intensiver, als der einfache Feueratem. Weiter kann ich aber auch Vulkane beeinflussen, Ausbrüche hervorrufen oder verhindern. Aber auch an beliebiger Stelle einen Magmaausbruch erzeugen.

Übrigens, obwohl Du meine stärkeren Angriffe fast alle abgewehrt hast, wundere ich mich aber doch, dass Du meine Treffer so gut vertragen hast. Ich sehe nur minimale Sengspuren an einigen Deiner Schuppen, Du bist widerstandsfähiger, als ich vermutet habe, eher wie ein Feuerdrache. Immerhin wäre Stein dabei schon geschmolzen. -

Mich dagegen hast Du da schon schlimmer zugerichtet..."

Er zeigt mir einige Stellen, an denen deutliche Spuren meiner Entladungen zu sehen sind: feine Blitzmuster haben sich in die Schuppen gebrannt. Auf meinen besorgen Blick grinst er.

„Mach Dir keine Gedanken. Ich habe es gut überstanden und die Spuren sind der Nachweis, der jedem Drachen zeigt, dass Du mir einen harten Kampf geboten hast. - Meine schwachen Spuren bei Dir sind da schon eher peinlich für mich, aber Du trägst ja die Narben meines Hiebes mit Stolz, das gleicht es wieder aus."

Aha, also so ein wenig hat das alles schon noch mit Stolz und Selbstachtung zu tun. Meine Entscheidung, die Narben als Mahnung deutlich sichtbar zu tragen, ist also auch für Eldflóð wichtig.

„Ich bin selber verwundert, dass ich es so überstanden habe. Dein zweiter Treffer fühlte sich für mich an, als ob ich in einem Lavastrom stehen würde." -

Eldflóð nickt.

„Das geht uns Feuerdrachen aber auch nicht viel anders, es macht uns vielleicht nur weniger aus. Natürlich sind unsere Schuppen besonders hitzebeständig - aber Deine sind auch nicht schwach. Ich frage mich dabei, ob wohl Kämpfe unter den Drachen zu erwarten sind, wenn Du so vorbereitet wurdest..." -

„Du fürchtest eine Aufspaltung unter den Hütern?" -

„Nein, eine Lagerbildung in Freunde und Gegner eigentlich nicht, aber vielleicht Einzelne, die sich gegen unsere Gemeinschaft stellen. Andererseits muss nicht jede Deiner Fähigkeiten gleich eine von Erce geplante Eigenschaft gegen eine konkrete Bedrohung sein und Deine Feuerfestigkeit beruht einfach nur auf Deiner reinen Herkunft." -

Bin ich wirklich so reinrassig?

„Mich wundert allerdings etwas, dass ich einige feline Merkmale an mir finde: das Gebiss, meine Füße, die ja trotz Schuppen mehr wie die eines Tigers aussehen und meine einziehbaren Krallen - ist das mit reinem Drachen-Erbgut vereinbar?" frage ich. -

„Für einen Außenstehenden ist das vielleicht schwer zu verstehen, aber ja - ein reiner Großer Drache kann diese Merkmale durchaus haben. Ich kannte noch einen der alten, der auch so war. Diese Eigenschaften sind irgendwann verlorengegangen, sie vererbten sich nur, wenn beide Partner diese hatten." -

Nun gut, auch Græðarinn hatte ja mein besonders reines Erbgut bemerkt, wer, wenn nicht ein Heiler, kann das besser erkennen.

Ich trinke den Rest aus, obwohl nur wenig Kirschsaft im Wasser war, schmeckt das richtig gut. Meine Drachensinne lassen mich das viel intensiver empfinden.

„Genug davon, ich wollte Dir schließlich weitere Informationen über diese Welt geben." sagt Eldflóð und steht auf. Er nimmt meinen leeren Becher mit und verschwindet nebenan. Einen Moment später ist er mit einer Pergamentrolle wieder da und breitet sie auf dem Tisch aus. Ich gehe zum ihm rüber und sehe eine Weltkarte vor mir liegen. -

„Die Karte wurde von einem Menschen auch mit dem Wissen von uns Drachen erstellt. So genaue Karten haben die Menschen hier sonst nicht." erklärt er mir.

Ich schaue schnell über die Karte. Europa, Asien, Afrika, auch Grönland und Nordamerika - da sehe ich keine markanten Unterschiede, die Küstenlinien sind vielleicht minimal unterschiedlich. Aber im Süden ist einiges anders: Südamerika ist nicht mit der Landbrücke mit Nordamerika verbunden, dafür gibt es eine Landbrücke nach Antarktika. Und Australien hat sich auch nicht von Antarktika getrennt.

Hier gibt es also noch einen Überrest von Gondwana... Bei uns hat die Trennung von Südamerika und Australien von Antarktika zur Bildung der südpolaren Ringströmung und damit zur Abkühlung der Antarktis geführt. Und Mittelamerika hat uns den Golfstrom und damit die Vereisung der Arktis gebracht. Hier aber ist das alles anders. Den Golf von Mexiko gibt es nicht, Mittelamerika gibt es auch nicht.

Und von Roaring Fourties, Furious Fifties und Screaming Sixties hat hier sicher noch nie jemand etwas gehört: die südliche Westwinddrift existiert offenbar nicht. Demnach müsste sich diese Zeitlinie vor mindestens 30 Millionen Jahren von der mir bisher bekannten getrennt haben. Die Quantenphysiker haben wohl recht damit, dass auseinanderdriftende Zeitlinien nebeneinander bestehen bleiben.

„Ich sehe hier im Süden einige markante Unterschiede zu der mir bekannten Welt." stelle ich fest. „Hat es hier eine Eiszeit gegeben?" -

Eldflóð sieht mich verwundert an.

„Eiszeit... Du hattest ja schon von 'Ewigem Eis' gesprochen. Was meinst Du damit?" -

OK, Frage beantwortet... - zumindest solange es Drachen gibt, gab es keine Eiszeit.

Ich erkläre möglichst kurz, was das ist und dass meine alte Welt derzeit in einer leichten aber relativ stabilen Warmphase während einer seit 30 Millionen Jahren andauernden Eiszeit lebt. Und dass mit der Bildung der Mittelamerikanischen Landbrücke diese Eiszeit vor knapp 3 Millionen Jahren zu einer massiven Vereisung im Norden mit mehrfacher Vergletscherung geführt hat.

Das alles ist dieser Welt erspart geblieben. Es gibt Winter mit Eis und Schnee, aber im Sommer ist die jeweilige Hemisphäre wieder komplett Eisfrei mit Ausnahme der Spitzen der Hochgebirge. Zwar gibt es die Eurasischen Hochgebirge durch den Aufprall Afrikas und Indiens, aber die alleine reichen nicht für eine so starke Abkühlung, die für eine Eiszeit nötig wäre. Möglicherweise ist aber auch der CO² Anteil in der Atmosphäre höher als 'drüben' was da ja immer verteufelt wird - ob das so richtig ist, wenn ich diese Welt so sehe...?

Interessant ist, dass Afrika offenbar Europa soweit angehoben hat, dass die Paläogene Inselwelt hier auch ohne Vereisung verlandet ist. Tatsächlich steht hier der Meeresspiegel kaum höher, als ich das gewohnt bin. Vermutlich ist auch viel Wasser im Land gebunden, denn Wüsten sehe ich auf der Karte deutlich weniger. Eldflóð bestätigt mir das auch.

Auf der Karte sind Regionen markiert, die einiges größer sind, als mir bekannte Länder und auch anders verteilt sind. Dazu Linien, die sich in verschiedene Richtungen über die Karte winden. Leider kann ich die Beschriftung nicht lesen, Schrift und Sprache sind mir unbekannt. Aber Eldflóð hilft mir, noch bevor ich nachfragen kann.

„Auf der Karte sind die Reiche von uns Großen Drachen eingezeichnet. Dazu die Windströme und ihre Richtung."

Er erklärt mir dass die Windströme beständige Winde sind, die mit hoher Geschwindigkeit in ca. 6 Kilometer Höhe wehen und verschiedene Ringe über den Kontinenten bilden. Eine Art niedriger Jetstreams - die es weiter oben aber hier auch gibt und die die Kontinente verbinden. Diese Windströme werden von den Drachen für weite Flüge genutzt, da sie so etwa doppelt so schnell vorankommen können.

Bei den Drachenreichen kann ich auf jeden Fall schon mal Eldflóð's Gebiet bestimmen, da ich ja weiß wo ich bin. Sein Reich erstreckt sich in etwa von der Ukraine und Rumänien in einem Streifen bis einschließlich Deutschland, Dänemark bis in die Alpen. Nach meiner alten Welt natürlich so definiert. Oestlich schließt sich demnach Fjörgyns Gebiet an, ein Streifen etwa in der Breite des Kaspischen Meeres bis hin zum Hindukusch. Eldflóð bestätigt mir das.

Ich deute auf einen Bereich in Deutschland an der eine rote Markierung ist.

„Da ungefähr wohne ich - habe ich drüben gewohnt." -

„Da?" Eldflóð zeigt auf die Markierung.

„schon merkwürdig - dort an der Markierung ist ein Tor zu Deiner Welt. Und Fjörgyn sammelt Dich da drüben auf..." meint er kopfschüttelnd.

„Aber ich hätte ja keinen Grund gehabt, Dich hierherzuholen. Obwohl es für Dich vielleicht angenehmer gewesen wäre, wenn ein Drache vor Deiner Tür gestanden hätte und Dir eröffnet, dass er Dich jetzt gewaltsam entführen wird, als die Begegnung mit einer wütenden Drachin..."

Ich grinse. - Er spricht weiter.

„Aber das ist praktisch. Du wirst sicher Deine Familie dort beruhigen wollen, Fjörgyn deutete schon so etwas an. Ich habe dort einen Kontakt über den wir Ihnen Nachrichten senden können. Ich denke, es wird auch einmal möglich sein, dass wir einen Besuch dort machen. Fjörgyn und ich haben die Fähigkeit, den Menschen dort für einige Zeit vorzutäuschen, dass wir auch Menschen sind. Gemeinsam können wir auch Dich da mit einbinden. Das ist eine Fähigkeit, die Dir leider nicht gegeben wurde, soweit wir das feststellen können. Ich fürchte, dass sich Erce da ein wenig abgesichert hat. Ich hoffe, dass Du nicht darüber enttäuscht bist, aber es ist auch eine Gabe, die nur einige der Großen Drachen haben."

Es gibt also eine einfache Möglichkeit meine Familie über mein Fernbleiben zu informieren. Dass ich jetzt in einer Parallelwelt als Drache lebe, sollten sie wohl besser nicht erfahren. Und es gibt sogar eine Möglichkeit sie noch einmal zu sehen, mich persönlich zu verabschieden. Dass ich es nur in Begleitung von Fjörgyn und Eldflóð kann, ist zwar einerseits ärgerlich, aber vielleicht ist es auch gut so, wenn ich dann nicht alleine bin.

„Bei allem was ich hier schon erhalten habe, wäre es wohl zu viel verlangt, das auch noch zu wollen. Und vermutlich ist es auch gut so, wenn ihr mich begleitet. - Hat es einen Grund, dass es nicht so bald geht?" -

„Ja, wir benötigen dazu auch Deine Kraft um die Illusion aufrecht zu erhalten. Und dazu solltest Du sie voll nutzen können - es wäre sicher nicht so gut, wenn da plötzlich ein Drache sitzt, weil Du versehentlich die Konzentration verlierst." -

„Ich verstehe. Ihr entscheidet, ich vertraue euch." -

Eldflóð erkennt offenbar meine leichte Enttäuschung und fasst mich an beiden Schultern.

„Du wirst Deine Familie wenigstens einmal noch sehen, das verspreche ich Dir, notfalls holen wir sie zu einem Besuch hierher, auch wenn das Probleme machen wird." Leise fügt er hinzu: „Vielleicht gewährt Erce Dir in ein- oder zweihundert Jahren ja auch noch diese Fähigkeit - auch wenn es dann für Deine Familie leider zu spät sein wird. Aber Du hättest die Möglichkeit, ihre Nachfahren zu verfolgen. Allerdings fürchte ich, dass Du dann bald das Interesse verlierst - das Los von uns Langlebigen. Irgendwann werden die Sterblichen beliebig, Du verlierst den Bezug zu ihnen.

Ob der König der Menschen dort nun Harald, Wilhelm, Karl oder Friedrich heißt, macht für mich keinen Unterschied. Einzig die Position hat eine gewisse Bedeutung für mich, da diese langlebiger ist, nicht der Mensch darauf.

Und auch für Dich wird die Prinzessin zwar eine Bedeutung behalten, aber bereits ihre Kinder, spätestens ihre Enkel werden Dir nichts mehr bedeuten.

Das gilt auch für Deine menschliche Familie. Du wirst sie ja nur sehr selten sehen, da werden bereits die Kinder derjenigen die Du heute kennst, Dir fremd werden und deren Kinder schon werden Dir kaum näher stehen, als irgendein anderer Mensch.

Es tut mir leid, dass ich Dir das ausgerechnet jetzt so hart sage, aber auch Du bist jetzt einer von uns wirklich Langlebigen. Vor Dir liegen viele hundert, sogar viele tausend Sommer. Und irgendwann müssen wir es Dir ja klarmachen.

Besser Du befasst Dich schon jetzt damit, bevor Dir irgendwann plötzlich klar wird, dass alle Sterblichen um Dich herum Dich verlassen, auch deren Kinder und Kindeskinder. Das stellt selbst uns als Langlebig geborene manchmal vor Probleme, das darfst Du einem Drachen mit über sechzehntausend Sommern glauben." -

Muss er mich gerade jetzt so runterholen, wo ich eben noch froh darüber war, meine Angehörigen nicht ganz im Unklaren zurücklassen zu müssen. Auch wenn er sicher recht hat - wenn er das schon aus eigener Anschauung kennt. Ich seufze.

„Du kannst einen Neudrachen ganz schön fertigmachen... da verliert man ja fast die Lust. -

Hey, guck nicht so erschreckt. Ich bin Dir ja dankbar, dass Du Dir Gedanken um mich machst - ich werde das schon packen. Und recht betrachtet, wäre ich in 30 oder 40 Jahren am Alter gestorben. Vermutlich sollte ich mich spätestens dann auch endgültig von meiner alten Welt trennen. Auch wenn mir der Gedanke daran jetzt doch noch schwer fällt. Aber ich habe ja noch ein wenig Zeit, mich daran zu gewöhnen."

Jetzt erst wird mir bewusst, was er zum Schluss seiner ungewöhnlich langen Rede gesagt hat.

„Entschuldige - sechzehntausend Sommer? Du bist sechzehntausend Jahre alt? Holla, die Waldfee - das ist eine Ansage." Er sieht mich mit schiefgelegtem Kopf fragend an.

„Das mit der Waldfee ist nur so ein Ausdruck des Erstaunens, ohne Bezug auf die ursprüngliche Bedeutung, es klingt eben gut."

Er schüttelt den Kopf.

„Ihr Menschen habt schon merkwürdige Gedankengänge. - Ja ich bin so alt, noch vier- oder fünfhundert und ein paar Sommer mehr, es hat mich nie so genau interessiert.

Ich bin auch noch nicht der älteste lebende Drache, aber ich hatte mich bereits dazu entschlossen, mich zurückzuziehen und auf den Übergang in die Kraft vorzubereiten. Nicht weil das Alter mich geschwächt hat, es war zunehmendes Desinteresse an dieser Welt. Mit den Drachen verband mich nichts mehr - einzig Fjörgyn ist eine Ausnahme - mit den Menschen bekam ich keinen richtigen Kontakt, nichts hielt mich. Bis Fjörgyn bei mir erschien und mir von dem Menschen aus der anderen Welt berichtete, den sie tödlich verletzt hatte und den sie jetzt retten wollte, wofür sie meine Hilfe brauchte. Ich entschied mich, mir den Menschen anzusehen und stand wenig später vor einem sehr ungewöhnlichen Drachen. Du hast meinen Entschluss aufgehoben, ich bin jetzt bereit, Dich für die nächste Zeit zu begleiten. Es können also gut noch ein paar Sommer dazukommen. -

Zur Erklärung: manchmal stirbt ein Drache im Kampf, aber normalerweise verliert irgendwann das Leben seinen Sinn für ihn. Er entscheidet sich dann eines Tages, sein Leben verlöschen zu lassen und seine Seele zu Erce zurückkehren zu lassen. Wenn sich ein Drache dazu entschließt, dann vergehen normalerweise noch viele hundert Sommer, ehe es dann wirklich geschieht. Und manch einer hat sich in der Zeit noch einmal dieser Welt wieder zugewandt. Ich hatte diesen Entschluss gerade erst gefasst, also bilde Dir nicht zuviel darauf ein." -

„Na denn bist Du ja selber schuld, mich ertragen zu müssen. Aber mit der Erfahrung wirst Du es sicher schaffen, Dich an meine menschlichen Gedankengänge und Humor zu gewöhnen, die hast Du jetzt die nächsten paar tausend Jahre am Hals."

Ich muss schon wieder grinsen bei dem Gedanken. Eldflóð schüttelt verwundert den Kopf.

„Wie schaffst Du das eigentlich, gefühlsmäßig und mit den Gedanken so hin und her zu springen." -

„Na, vor drei Tagen war ich noch sterblich, wir haben keine Zeit, lange trübe Gedanken zu wälzen, sonst sterben wir versehentlich noch vorher."

An meinem breiten Grinsen merkt er, dass ich das mit dem Sterben nicht ganz so ernst meine.

„Aber ernsthaft. Im Moment stürzt so viel neues auf mich ein, dass ich das erst einmal einfach so einstecken muss um das dann später zu sortieren. Und da hilft ein bisschen schräger Humor manchmal sehr. Und wirklich Grund für Sorgen habe ich eigentlich ja nicht.

Wenn ich so an die letzte Zeit zurückdenke, geht es mir sogar sehr gut hier. Neue Aufgaben, eine Zukunft - vor einer Woche sah das für mich da drüben sehr viel schlechter aus. Worüber soll ich mir also Sorgen machen?"

Ich sehe, dass er überlegt, ob er mich darauf weiter ansprechen soll. Also erläutere ich ein wenig.

„Mir ist da ziemlich der Boden unter den Füßen weggebrochen und die Zukunft sah nicht so besonders gut aus. Meine Familie hat mich zwar nach Kräften aufgefangen, aber viel machen konnten sie auch nicht. Mir ist sogar schon der Gedanke gekommen, mit 200 vor die Wand zu fahren...

Der Urlaub im Kaukasus, wo Manvinkona mich aufgegabelt hat, sollte mich davon ein wenig ablenken. Konnte ich mir eigentlich nicht wirklich leisten, aber etwas hat mich dahingetrieben. - Und nun habe ich wieder eine Zukunft - und was für eine."

Er sieht mich nachdenklich an.

„Ich habe zwar nicht alles verstanden, das war etwas speziell aus der anderen Welt. Aber dass Du da Probleme hattest und keine Lösung, das ist mir schon klar geworden. Entschuldige dass ich daran gerührt habe."

„Alles in Ordnung. Das ist Geschichte und in zwei- oder dreihundert Jahren lachen wir gemeinsam darüber. - Was anderes: Was ist das eigentlich für eine Schrift und Sprache?"

Eldflóð sieht mich wieder etwas verwundert an.

„An Deine Sprünge muss ich mich wirklich erst gewöhnen. - Das ist eine uralte Schrift der Menschen, die wir Drachen übernommen und angepasst haben. Heute können nur wir die noch lesen, aber das lernst Du mit der Zeit. - Wenn Du möchtest, können wir ein wenig über Deine Zukunft hier sprechen, das wäre mir noch wichtig." -

Ich nicke.

„Klar, gerne." -

„Du hast ja selber schon angesprochen, wo Du Einen Wohnsitz nehmen könntest. Sicher würde Fjörgyn Dich bei sich aufnehmen, ihr Gebiet wäre auch groß genug und Manvinkona würde sich sicher darüber freuen.

Aber seit ein paar Sommern ist ein interessantes Reich unbesetzt. Der Große Drache dort, auch ein Blitzdrache übrigens, lag im Dauerstreit mit seinen Nachbarn - und hat am Ende einen Zweikampf gegen Lord Kyrin verloren. Danach ist er in irgendeine Parallelwelt verschwunden und da es keinen geeigneten Nachwuchs gab, ist dort seither kein Hüter.

Ein wenig haben die umliegenden Hüter, Lord Kyrin, Lady Tyria, Lord Garak und Lady Alissia dort nach dem Notwendigsten geschaut, aber sie wären froh, wenn das Reich wieder einen eigenen Hüter hätte. Und etwas sagt mir, Dir dieses Reich zu übergeben. Es ist auch recht groß, dem Paladin also durchaus angemessen."

Er grinst mich an.

„Menschen leben dort allerdings etwas weniger als hier in meinem Reich, sie sind dort aber auch recht erfinderisch, wie mir scheint. Übrigens grenzt es auch an das Reich Fjörgyns."

Er zeigt auf ein Gebiet auf der Karte. - Indien!

Meine Herren. Der gesamte Indische Subkontinent, einschließlich Tibet. Der gesamte Himalaya von der Grenze zum Hindukusch bis nach Sichuan hinein. Vom Indus bis zum Irrawaddy, vom Kunlun bis Ceylon.

„Ehrlich Eldflóð, ist das nicht sehr groß für einen unerfahrenen Hüter, wie mich?"

Er winkt ab.

„Ach was. Lady Tyria und Lord Kyrin haben eine gute Organisation mit den kleinen Drachen dort aufgebaut, die kannst Du komplett übernehmen und bist so umfangreich informiert. Und Valarinn hatte sich um sehr wenig dort gekümmert, nur gelegentlich die Menschen geärgert. Das war auch der Grund, warum seine Nachbarn froh waren, als er verschwand. Nutze die bestehende Organisation und kümmere Dich um das Notwendige, was die Kleinen Drachen nicht können. Und alle, insbesondere die Kleinen Drachen dort sind zufrieden, weil sie eine sinnvolle Aufgabe haben und mit den Großen zusammenarbeiten.

Der Rest kommt von alleine und bei Deiner menschlichen Einstellung kann es nur gut werden, besonders auch für die Menschen dort. -

Lady Tyria hat sich übrigens schon über Dich informiert, weil Sie ahnte, dass Du in Frage kommen wirst und würde sich über Deine Nachbarschaft freuen. Fjörgyn hat wohl gute Werbung für Dich gemacht." -

So langsam gewöhne ich mich schon an den Gedanken dort zu leben.

„Sie, also Lady Tyria, Lord Kyrin und die anderen Nachbarn, wissen dass ich ein Mensch bin - oder war?" -

„Natürlich, alle Großen Drachen wissen es - die Kleinen müssen es nicht wissen, die einzige Ausnahme ist Vortigern und der wird es keinem erzählen. Und die Großen akzeptieren Dich alle, da brauchst Du Dir keine Sorgen machen - schließlich wissen alle von unserem Zweikampf."

Ich atme tief durch.

„Gut, dann kann ich den anderen Hütern gegenüber mit offenen Karten spielen."

Eldflóð legt wieder mal seinen Kopf schief.

„Das bedeutet, dass ich nichts verheimlichen brauche. - Wenn es also Euer Wunsch ist, mein Lord, habe ich als Euer Paladin zu gehorchen. - Aber ich freue mich über Dein Vertrauen." ergänze ich grinsend.

Einen Moment dauert es, bis Eldflóð begriffen hat, dass ich die offizielle Sprachform und den Spruch scherzhaft gemeint habe und ich es gerne annehme. Er verdreht die Augen.

„Menschen..." -

ich hebe die Hände.

„Ich kann da nichts für..." -

Jetzt bricht das Lachen aus ihm raus. So furchtbar anders als ich, ist ein Drache offenbar auch wieder nicht - nur zeigen sie es nicht so.

„Oh Eldingar, was machst Du mit uns... - Gut - dann wäre Dein Status hier ja sicher. Wie gesagt, ich habe so im Gefühl, dass Du genau dort richtig bist."

Er zeigt mir noch, wo einige andere Drachen ihre Gebiete haben, insbesondere meine zukünftigen Nachbarn. Mir fällt auf, dass die Gebiete alle recht groß sind, sehr viele Große Drachen scheint es nicht zu geben.

„Lass uns doch gleich morgen aufbrechen. Wir machen einen kleinen Zwischenstopp bei Fjörgyn, da kannst Du Dich dann noch kurz persönlich verabschieden. Du wirst dann sicher einige Zeit erstmal mit dem nötigsten da beschäftigt sein und nicht viel Zeit haben, lange Reisen zu machen. Und Fjörgyn wird Dich sicher auch nicht so schnell besuchen, damit Du Dich dort ein wenig organisieren kannst. - Denke auch daran, dass Du jetzt viel mehr Zeit hast. Denke nicht immer nur in Tagen, sondern mehr in Mondläufen und Sommern, wenn Du vorausdenkst." -

Ich zucke mit den Schultern.

„Du weißt besser, was auf mich zukommen wird. Ich lasse mich überraschen. Allerdings denke ich auch, dass ich wohl vorerst mit den anderen Hütern dort sprechen sollte, damit ich auf einen aktuellen Kenntnisstand komme. Dazu muss ich mir ja auch erst einmal eine Wohnstätte suchen." -

„Die Wohnstätte wird vermutlich kein großes Problem sein. Valarinn war zwar nicht gerade ein gutes Beispiel als Hüter, aber er hatte einige sehr angenehme Wohnstätten eingerichtet, die auch noch in gutem Zustand sein sollten."

Immerhin ein Problem weniger, ich muss nicht unbedingt im Freien schlafen. Zumal gerade Monsunzeit dort ist. Und Eldflóð hält mich auf Trab - wo bleibt da jetzt die Ruhe...?

„Du könntest schnell etwas aufschreiben, was ich dann in den nächsten Tagen nach drüben bringen kann. Ein paar Adressen, Anweisungen, vielleicht ein Brief an Deine Familie, damit sie etwas von Dir hören - die Menschen sind ja stärker miteinander verbunden." -

Ich zucke mit den Schultern.

„Nunja, die Familienbande sind schon recht stark normalerweise, aber sonst können sich Menschen auch sehr gut gegenseitig ignorieren."

Er holt Papier und Schreibzeug. Ich muss mich zwar erstmal an das Schreiben mit Tinte und Feder und an meine krallenbewehrten Hände gewöhnen, aber das geht dann recht schnell - die einziehbaren Krallen helfen mir da sehr.

Ich schreibe einige Adressen auf, dazu Infos was in der nächsten Zeit erledigt werden müsste und wo was zu finden ist. Und dann einen Brief an meine Familie, in dem ich meine Legende ausbreite, die ich mir schon überlegt habe. Natürlich nicht, dass ich hier in einem Paralleluniversum sitze, ein Drache geworden bin und daher nie mehr zurückkehren kann, wenn ich nicht untersucht, seziert und ausgestopft werden will.

Also erzähle ich, dass ich im Kaukasus jemanden beim Wandern getroffen habe, der mir einen interessanten, gut bezahlten Job angeboten hat, nachdem er meine Geschichte gehört hatte und das ich das einfach mal ausprobieren möchte. Daher bin ich erstmal eine Zeit länger unterwegs und sie möchten sich um meine Sachen soweit kümmern.

Damit habe ich vorerst ein paar Wochen gewonnen und kann in der Zeit in Ruhe meinen Abgang drüben vorbereiten. Hoffentlich kommen die nicht auf die Idee, ich soll sie anrufen...

Eldflóð legt meine fertigen Schreiben in ein Fach. Ich habe ihm kurz erläutert, was ich aufgeschrieben habe, damit er ein paar Infos weitergeben kann.

„Gut, die Schreiben werde ich in zwei oder drei Tagen nach drüben geben, dann sind sie bald am Ziel." Erläutert er mir.

„Das wäre dann auch erstmal erledigt. Deine Familie bekommt ein paar Nachrichten und Du kannst Dich auf diese Welt konzentrieren. - Dann könnten wir jetzt ja ein wenig auf die Jagd gehen."

Wieso kommt er jetzt darauf? Und er beschwert sich über meine Gedankensprünge.

„Auf die Jagd?" frage ich etwas verständnislos.

Obwohl es eigentlich ja normal ist. Er hat sicher nichts im Gefrierschrank liegen... - Eldflóð lacht.

„Du tust ja so, als ob Du bisher noch nichts davon gehört hättest." -

„Ja, irgendwie war ich gerade vernagelt, ich war wohl etwas in meiner alten Welt drin. Klar können wir etwas jagen."

Ich recke mich erst mal ordentlich, und ignoriere den schiefgelegten Kopf von Eldflóð, der sich wohl fragt, was 'vernagelt' bedeuten soll. Ich hatte zwar keine Probleme zu schreiben, aber mit Drachenhänden ist es doch etwas ungewohnt.

Und Eldflóð hat mit mir etwas vor.

„Ich denke, wir machen das heute mal richtig." -

„Ja, gut - was war bisher falsch dabei?" frage ich ihn zweifelnd.

„Falsch eigentlich nichts, aber gejagt hast Du ja überhaupt erst einmal. Und da ist Dir ja der verletzte Hirsch dazwischengekommen und hat das bisschen Jagd kaputtgemacht. Ja, ich weiß, Du hast noch den anderen, aber das war Fliegenklatschen und keine Jagd mehr."

Er hat schon recht, die Jagdlust, die mich ergriffen hatte, war da schon lange weg. -

„Und gestern hattest Du wieder eine Führung. Also hat Du bisher eigentlich noch gar nicht richtig gejagt. - Ich schlage vor, wir machen das heute mal richtig intensiv. Als Anthro, zu Fuß und richtig mit Krallen und Zähnen. Allerdings musst Du Dir klar darüber sein, dass es eine sehr intensive Erfahrung sein wird, wenn Du Deine Zähne in ein lebendes Tier schlägst - absolut nicht vergleichbar mit dem, was Du bisher erlebt hast."

Wenn er mich so vorbereitet, muss da wohl einiges auf mich zukommen.

„Mach mir jetzt keine Angst vor der Jagd." -

„Große Erce, nein. Habe keine Angst. Sei nur auf ein sehr intensives Erlebnis gefasst."

Na, wenn es nur das ist.

„Intensive Erlebnisse habe ich in den letzten Tagen schon so einige gehabt, das werde ich schon schaffen. Und das die Jagd sehr intensiv ist, habe ich ja schon ein wenig erlebt."

So ganz überzeugt habe ich Eldflóð damit wohl nicht, er sieht durchaus ein wenig besorgt aus, sagt aber nichts weiter.

Nach einem Blick aus dem Fenster entscheidet er dann:

„Lass uns aufbrechen, dann haben wir noch reichlich Zeit, bis es dunkel wird. Auf Deiner ersten Jagd auf diese Art, sollten wir nicht unbedingt bei Dunkelheit jagen."

Wir machen uns auf den Weg und durchqueren die große Höhle. Jetzt als Anthros haben wir vor der Höhle natürlich ausreichend Platz und wir sehen uns noch ein wenig um. Eldflóð lässt mir ein wenig Zeit, die Schönheit des Tales zu genießen.

„Wo wollen wir anfangen?" frage ich ihn.

Er zeigt zum unteren See, der von hier aus hinter dem oberen zu sehen ist.

„Dort am Nordufer des unteren Sees können wir am besten die Fährten aufnehmen. Dort in den Wäldern gibt es viel Wild und auf den Lichtungen finden sich immer Hirschrudel." -

„Dann los."

Kaum gesagt und meine Schwingen ausgebreitet, spüre ich den leichten Aufwind unter meinen Schwingen und bin schon in der Luft. Ich jage wie ein Basejumper im Wingsuit in schnellem geraden Flug die 450 Höhenmeter zum angegebenen Ziel - den Bergrücken, der den oberen See aufstaut, haarscharf passierend.

Es ist einfach genial so wie irrsinnig zu fliegen - nur kann ich genauer steuern, engere Kurven fliegen und notfalls auch steigen - und mein Fallschirm ist angewachsen.

Die zweieinhalb Kilometer Strecke sind schnell zurückgelegt und nach der Vollbremsung stehe ich mit drei Schwingenschlägen am Ufer. Noch kenne ich meine Flugfähigkeiten als Anthro nicht genau genug um eine Punktlandung zu wagen. Eldflóð ist noch ein Stück zurück, also sehe ich mich noch ein wenig um.

Er hat recht, hier ist reichlich Wild zu finden, ich kann es wittern, ein guter Geruch - das und der leichte Adrenalinkick vom Flug, weckt auch schon die Jagdlust in mir.

Als Eldflóð landet, findet er mich suchend - die Augen geschlossen, alle anderen Sinne offen. Die Luft tief einatmend, rieche, höre, spüre ich das Wild in den umgehenden Wäldern - orte es und suche eine passende Beute.

Er stellt sich neben mich und stellt fest:

„Na, der Jagdtrieb ist geweckt? Gleich hier oder etwas weiter das Tal runter?" -

Ich öffne die Augen.

„Lass uns noch ein Stück das Tal runter fliegen. Ich habe so das Gefühl, da wird die Jagd interessanter. Mich treibt irgendetwas, das mehr will, als einfach nur eine schnelle Beute."

Er nickt und wir heben wieder ab. Knapp über den Bäumen fliegen wir etwa anderthalb Kilometer das Tal entlang und landen am Rand einer Lichtung. Ein Rudel Hirsche verschwindet schnell im Wald, als es uns kommen sieht.

Ich hocke mich hin und sehe Eldflóð an.

„Hier möchte ich es gerne versuchen." -

Er nickt bestätigend.

„Gut. Da uns heute ein Hirsch reichen sollte, überlasse ich Dir den Schlag. Lasse ruhig dem Drachen freien Lauf. - Gute Jagd." -

„Danke."

Ich habe seine Warnung noch im Kopf, trotz der Jagdlust.

„Pass bitte auf mich auf - wenn..."

Eldflóð versteht und nickt.

Ich aber lasse mich jetzt einfach von meinem Jagdtrieb leiten. Nehme wieder die Witterung auf, höre die Bewegungen im Wald, fühle die Tritte des Wildes im Boden. Nun weiß ich, wo ich Beute finde und sprinte los. Über die Lichtung und drüben in den Wald, blitzschnell den Bäumen ausweichend, folge ich der Witterung. Ab und zu stoppe ich kurz, um auch mit den anderen Sinnen die Beute zu suchen, mich neu zu orientieren.

Und sprinte dann weiter. Meine Schritte sind kaum zu hören, obwohl ich mich nicht darauf konzentriere, leise zu sein. Kurz bin ich selber darüber verwundert, wie leise ich mich bewegen kann. Jeder menschliche Jäger würde mich darum beneiden.

Am Rand einer kleinen Lichtung stoppe ich. Hier ist ein kleines Rudel Hirschkühe mit ihren Jungen versammelt. Aber die interessieren mich nicht, ich suche ein Männchen. Und ich wittere welche! Also weiter - wieder sprinte ich zwischen den Bäumen hindurch und finde zwischen den Bäumen ein Rudel junger Hirsche. Das wäre was, ich suche mir eine Beute aus, nehme es ins Visier und mache mich zum Sprung bereit. -

Und bleibe hocken. Nein, das ist zu einfach - ich will nicht nur Beute machen - ich will auch Spaß dabei haben, das jagen voll erleben. Das bisher war nur ein Spielchen. Eldflóð, der inzwischen herangekommen ist, sieht mich fragend an. Ich sehe ihn an und schüttele den Kopf, er sieht die wilde Jagdlust in meinen Augen leuchten und nickt nur. -

Weiter geht es, quer durch das Hirschrudel, das vor Schreck auseinander stiebt. Ein Stück weiter komme ich wieder an eine große Lichtung, stoppe und sehe meine Beute: einen großen, kräftigen Rothirsch, der schon jetzt im Sommer ein großes Geweih im Bast hat. Eigentlich nicht die typische Beute eines Prädatoren, aber heute will ich ihn, den Platzhirsch.

Er hat mich nicht bemerkt, ich schleiche mich vorsichtig, leise an ihn an. Er hat die Unruhe im Wald registriert, die ich bei meiner Jagd verursacht hat, aber ich komme jetzt von der anderen Seite. Er hört mich nicht, so leise schleiche ich mich an, der Wind kommt mir entgegen, selbst wenn er mich riechen könnte, steht er auf der falschen Seite und seine Aufmerksamkeit ist von mir weg gerichtet.

Bald stehe ich direkt hinter ihm, könnte ihn anfassen, einfach ergreifen, aber ich will mehr.

Ein kurzes Zischen von mir, lässt ihn herumfahren - er sieht mich an, sieht mich einfach nur erschreckt an, zwei, drei, vier Sekunden lang. Dann leuchtet die Angst in seinen Augen auf, ich kann sie riechen, er begreift die Gefahr, wendet sich und stürmt los.

Mit einem Jagdschrei springe ich hinter ihm her, kann seine Geschwindigkeit leicht mithalten und treibe ihn. Der Duft des Adrenalin in seinem Blut, seiner Angst, erregt mich, ich sauge diesen Duft ein, genieße ihn.

Ein paar mal gelingt es dem Hirsch, mit einem schnellen Haken etwas Abstand zu gewinnen, aber entkommen kann er mir nicht, ich bin mit wenigen Schritten immer wieder dran. Und je länger es dauert, je länger ich den Duft seiner Todesangst atme, desto mehr regt es mich an, erregt meine Jagdgier, steigert den Wunsch in mir, zu töten - und es zu genießen.

Auf dieser wilden Jagd sind wir wieder auf dem Weg das Tal hoch, fegen über Lichtungen und brechen durch Gehölze. Dieser Hirsch hat eine enorme Ausdauer, aber auch ich lasse nicht nach. Und dann auf einer Lichtung macht er einen Fehler: er schlägt wieder einen Haken, diesmal aber zur falschen Seite, er läuft von rechts genau in meinen Sprung hinein.

Ich schlage die Krallen meiner Hände in seinen Körper, meine rechte auf seiner linken Seite, die linke umgreift seine Brust vorne. Mit meinem Schwung reiße ich ihn zu Boden und ehe er versuchen kann, sich zu befreien, schnappt mein Kiefer schon zu, treibt meine Fangzähne in seinen Hals und presst seine Luftröhre zusammen.

Sein warmes, lebendes Blut strömt in meinen Mund, ergießt sich über meine Zunge. Der Geschmack des Leben dieses Hirsches erregt mich weiter, treibt meine Sinne an und löscht den letzten Gedanken in mir aus. Ich bin nur noch Instinkt - der Tod für alles, was als Beute in Frage kommt. Mit meinen Zehen kralle ich mich in seinem Hinterleib fest und halte jetzt mit meiner linken Hand seinen Kopf am Boden fest. Er kann mich jetzt nicht mehr abschütteln, sein Leben gehört mir.

In seinen Augen sehe ich jetzt die Todesangst leuchten, ich höre das erstickte Gurgeln mit dem er verzweifelt versucht Luft in seine Lungen zu bekommen, aber das lasse ich nicht zu. Ich höre und fühle sein Herz rasen vor Angst und in dem Versuch, seinen Körper mit Sauerstoff zu versorgen. Aber er gibt noch nicht auf, ein zäher Kämpfer um sein Leben - er tritt nach mir, versucht mich mit seinen scharfen Hufen zu verletzen, gleitet aber an meinen Schuppen einfach ab.

Langsam wird er schwächer, ihm geht die Luft aus, ich schmecke es in seinem Blut. - Aber ich will das noch nicht, das geht mir viel zu schnell, ich habe noch nicht genug. Ich lockere meinen Biss etwas, lasse ihn wieder Luft bekommen, sich wieder erholen - erst als ich den Sauerstoff in seinem Blut schmecke, beiße ich wieder fester zu und drücke ihm die Luft wieder ab.

Jetzt leuchtet reine Panik in seinen Augen, ich schmecke einen Adrenalinschub in seinem Blut und er beginnt noch einmal mit großer Kraft zu kämpfen - tritt nach mir, windet sich, bäumt sich auf. Ich muss noch einmal fester zupacken, mich fester krallen, damit er sich nicht losreißt - was für ein Kämpfer! - Ja! Das ist gut! Kämpfe um Dein Leben, auch wenn es aussichtslos ist, gib mir die Erregung, die ich haben will, lass mich Dein Sterben bis zum Ende genießen.

Ich breite meine Schwingen über uns aus, decke meine Beute wie ein Adler und koste seine Todesangst und die erregenden Gefühle, die es in mir auslöst in vollen Zügen aus.

Langsam werden seine Bewegungen wieder schwächer, sein vergebliches Ringen um Luft immer verzweifelter. Das Herz rast so schnell, dass ich die einzelnen Schläge fast nicht mehr unterscheiden kann. Ich widerstehe dem Drängen, ihn noch einmal atmen zu lassen, etwas sagt mir, dass es falsch wäre. - Jetzt werden die Herzschläge plötzlich unregelmäßig, sein Körper zuckt nur noch, er kann keine kontrollierten Bewegungen mehr ausführen und seine Augen beginnen zu flattern. Noch ein letzter krampfhafter, doch vergeblicher Versuch zu atmen, seine Augen brechen, werden stumpf - der Sauerstoffmangel hat sein Gehirn ausgeschaltet - dann stolpert sein Herz ein, zwei mal und setzt dann endgültig aus.

Der Hirsch ist tot.

Trotzdem halte ich den Griff noch eine Minute, aber da ist nichts mehr - kein Versuch zu atmen, kein Zucken, kein Herzschlag - auch sein nur noch langsam sickerndes Blut verliert langsam den Geschmack des Lebens.

Ich lasse ihn los. Löse meine Zähne aus seinem Hals, meine Krallen aus seinem Körper und hocke mich neben ihn, meine Beute immer noch mit den Schwingen deckend. Dann stoße ich einen kurzen triumphierenden Ruf aus.

Aber meine Erregung lässt noch nicht nach, ich bin immer noch im Rausch, im Blutrausch. Ich will sein Fleisch, solange es noch lebenswarm ist. Solange noch der Geschmack des Lebens in ihm ist. Blitzschnell reiße ich mit meinen Krallen seinen Körper auf, schlage meine Zähne in sein warmes Fleisch, beiße mir große Stücke heraus, die ich verschlinge. Was für ein herrlicher Geschmack, so frisch, noch so voller Leben - dazu das Wissen, dass es meine Beute ist - Meine!

Ein anderer Drache nähert sich mir - will er mir meine Beute streitig machen? Ich fauche ihn an, kampfbereit - ich werde mir meine Beute nicht nehmen lassen. Aber er kommt nicht näher, wartet ab, lässt mich fressen.

Mir wird langsam klar, dass ich meine Beute nicht alleine auffressen kann, dass mehr als genug auch für zwei Drachen da ist. Ich lege meine Schwingen an und rücke etwas beiseite, damit auch er an die Beute kann. Langsam nähert er sich, hockt sich mir gegenüber und nimmt sich einen Anteil. Wir fressen uns beide satt.

Nach und nach legt sich meine Erregung wieder, hinterlässt aber ein gutes, sehr befriedigendes Gefühl in mir. Je mehr ich esse, je satter ich werde, desto ruhiger werde ich wieder und das bewusste Denken dringt wieder in den Vordergrund.

Schließlich bin ich satt. Ich schüttele kurz meinen Kopf und die Hände, ein wenig Blut, das an ihnen noch ist, perlt ab. Eldflóð hockt mir gegenüber und nagt an einer Keule, beobachtet mich aber. Ich grinse ihn an und denke über die Jagd und die Erfahrungen nach. Es war wirklich ein sehr intensives Erlebnis, dass mich mitgerissen hat.

Und das fassen der Beute, der Würgebiss und das alles, ich habe es wie automatisch ausgeführt, aber deswegen auch in fast völliger Perfektion - es ist ein vorher nie gekanntes Erlebnis, das mich immer noch tief bewegt. Aber ich habe merkwürdigerweise kein Problem damit, dabei ist so ein direktes Töten für einen Menschen doch eine eigentlich sehr fremde Sache. Kaum ein Mensch beißt etwas so großes direkt tot, wenigstens ein Messer, oder ein Speer ist dann noch dazwischen.

Und doch stört es mich nicht, im Gegenteil, ich habe mich an den Gefühlen, den Empfindungen so berauscht, dass ich es sofort wiederholen könnte.

Und bei diesen Gedanken kommt mir eine Erkenntnis - etwas, was mich erschreckt, verstört, das ich nicht zulassen will. Ich will es verdrängen, etwas anderes glauben, aber es geht nicht. Ich stehe auf, komme nur mühsam auf die Beine, ein Zittern läuft durch meinen Körper, es ist keine Erschöpfung, es ist der Schock über diese Erkenntnis, die ich einfach nicht wahrhaben will. Leicht wankend gehe ich zum See, den wir fast wieder erreicht hatten während der Jagd. Ich habe das Gefühl jetzt dringend in das Wasser tauchen zu müssen - nicht um mir das Blut abzuwaschen, ich will versuchen einen klaren Kopf zu bekommen, in der Hoffnung, dass ich falsch liege, dass sich diese Erkenntnis als Fehlinterpretation herausstellt.

Am Ufer angekommen gehe ich in das Wasser und tauche unter - tauche in den See hinaus. Irgendwann komme ich wieder an die Oberfläche. Die Gedanken bleiben, haben sich gefestigt - es ist also wahr. Ich schüttele den Kopf, damit muss ich wohl oder übel leben, ich kann mich nicht selbst belügen.

Und Manvinkona hat es wohl auch bemerkt, sie ist weg - ich spüre das mittlerweile vertraute Gefühl ihrer Anwesenheit in mir nicht mehr. Irgendwann während der Jagd hat sie sich zurückgezogen, ich habe anscheinend meine unbewusste Sperre ihr gegenüber nicht halten können und sie mit meinen Gefühlen überrannt. Hoffentlich bekomme ich das wieder hin.

Eldflóð steht am Ufer und sieht mich jetzt besorgt an. Mit einigen schnellen Zügen meiner Schwingen bin ich wieder am Ufer und steige aus dem Wasser. Er sagt nichts, fragt auch nicht, aber ich weiß, dass ich es ihm erklären sollte.

Also setze ich mich auf einen der großen Felsen, die am Ufer liegen und fange an.

„Diese Jagd war ein intensives Erlebnis, noch mehr, als ich nach Deiner Erklärung zuvor vermutet hatte. Ein angenehmes Erlebnis - und das ist es, was mich gerade so erschreckt hat: ich habe es wirklich in vollen Zügen genossen.

Es hat mich so erregt, war ein so fantastisches Gefühl, dass ich es wieder machen will! Am liebsten jetzt sofort..." -

Er ist zwar ein wenig verwundert, aber auch etwas beruhigt.

„Ja, ein Drache ist da schon etwas anders, als ..." -

Ich unterbreche ihn.

„Nein, ich habe es genossen - nicht der Drache in mir. Ich, der Mensch. -

Der Drache hätte gleich beim Rudel einen Hirsch gerissen und ihm mit einem schnellen Hieb das Genick gebrochen. -

Aber ich wollte mehr, wollte den Jagdtrieb ausleben. Und als ich dann die Angst des Hirsches gerochen habe, diese Todesangst spürte, da wollte ich diese voll auskosten. Deshalb habe ich auch einen Kehlbiss gesetzt und den Hirsch langsam erwürgt.

Schlimmer: ich habe den Todeskampf sogar absichtlich noch verlängert... -

Und das war alles der Mensch, der Drache lieferte nur das Können und die Waffen, ansonsten musste er hilflos zusehen.

Es war reine Blutgier, die Lust am Töten, etwas das wohl nur die Menschen kennen - und ich werde es wieder machen..."

Diese Erkenntnis hat mich so verstört - wäre es der Drache in mir gewesen, der diese Lust am Töten hat, damit wäre ich schon fertig geworden, aber ich bin es selber. Und das ist nicht so leicht zu verkraften. -

Eldflóð ist ratlos.

„Ich hätte nicht gedacht, dass Menschen so..." er verstummt. -

„Du kennst uns anscheinend nicht - die Menschen meiner Welt. Wir sind die größten Raubtiere unserer Welt - schlimmer, wir töten aus reiner Freude am töten - und nicht nur Tiere, auch uns gegenseitig.

Ich hatte bisher gedacht, dass ich vielleicht weniger schlimm wäre, keine Freude am töten hätte und es nur zum Überleben machen würde - heute musste ich lernen, dass ich nicht besser bin als die schlimmsten meiner Art - habe ich die Gelegenheit dazu, morde auch ich ohne Reue, ja sogar mit Freude daran. - Habe ich das Recht, ein Drache zu sein, ein Hüter Erces? Wenn ich bereit bin, schon morgen wieder mit größter Freude zu töten?"

Eldflóð zuckt mit den Schultern und legt mir seine Hand auf die Schulter.

„Ich weiß es nicht, wirklich - und ich bin wirklich erstaunt dass Du solche Empfindungen dabei hast und so darüber denkst. -

Aber Du bist Dir dessen zumindest bewusst und Du denkst auch darüber nach, bist darüber besorgt. Das wird Dir sicher helfen, Dich irgendwann besser in den Griff zu bekommen, diese Lust am töten nicht gewinnen zu lassen. Und eines ist sicher: Erce wusste was sie tat, als sie Dich zum Drachen gewandelt hat. Vielleicht brauchst Du eines Tages genau diese Eigenschaften - oder Deine Fähigkeiten diese zu bekämpfen."

Er beginnt zu grinsen und schüttelt mich an der Schulter.

„Eldingar, Mensch...Drache... weißt Du, dass ich darüber eigentlich sogar froh bin? Ich hatte befürchtet, dass Du an einem Beuteriss zusammenbrechen würdest, dass Du nicht damit fertig wirst, so direkt, mit den eigenen Händen und Zähnen zu töten. Und nun muss ich Dich davon abhalten, gleich weiterzumachen..."

Mein Grinsen ist zwar etwas gequält, aber dass Eldflóð mich dafür nicht verurteilt hilft mir schon ein Stück. - Offenbar bemerkt er es.

„Falls es Dich beruhigt, sein Sterben hat nicht so lange gedauert, wie es Dir vielleicht vorgekommen ist." fährt er fort.

„Ich hoffe nur, ich habe Manvinkona nicht völlig verschreckt, ich hatte meine sonst unbewusste Sperre, mit der ich sie von solchen Gefühlen und Gedanken sonst fernhalte, leider fallengelassen. Sie hat sich während der Jagd aus mir zurückgezogen und ist noch nicht wieder da. Darüber mache ich mir auch noch Sorgen." -

„Ich glaube nicht, dass Sie das so bemerkt hat. Sie wird sicher etwas von der Jagd mitbekommen haben und ist jetzt wohl etwas erschreckt. Sie hat schließlich noch nie eine Jagd mitgemacht. Das bekommt ihr morgen sicher wieder hin." Er überlegt kurz.

„Ich nehme den Rest vom Hirsch mit, Vortigern wird auch bald wieder zurück sein, vielleicht ist er schon da. Dann hat er auch etwas zu essen. Und etwas Menschenwein habe ich auch noch, das ist vielleicht jetzt gar nicht so verkehrt. Fliegst Du voraus?"

Ich nicke und hebe ab, während Eldflóð den Rest der Beute holt.

Ich bin kurz vor ihm an der Höhle, da Eldflóð sich zum Feral transformiert hat um die Beute leichter transportieren zu können. Vortigern ist tatsächlich schon da und kommt uns entgegen.

„Da seit ihr ja. Oh, Ihr habt mir etwas übriggelassen, das ist schön."

Wir gehen in die Wohnhöhle und während Vortigern etwas isst, holt Eldflóð einen großen Krug und drei Becher. Es ist ein trockener Rotwein, der recht gut schmeckt.

Vortigerns Frage nach der Jagd beantworte ich etwas einsilbig, aber er hakt nicht weiter nach. Wir unterhalten uns noch über dies und das, insbesondere beantworte ich Vortigern und Eldflóð einige Fragen, die über die Menschen und ihr Verhalten - zumindest soweit ich das aus meinen eigenen Erfahrungen kann und erzähle ihnen ein wenig von mir und dem Leben drüben in meiner alten Welt.

Draußen ist es schon längst dunkel geworden - Vortigern hatte zwischenzeitlich Oellampen angezündet - als wir uns entschließen, uns schlafen zu legen. Vortigern hat ein Zimmer weiter hinten, mir weist Eldflóð ein Lager direkt neben seinem Schlafraum zu. Nachdem er mir noch ausdrücklich gesagt hat, dass ich ihn notfalls wecken soll, wenn es mir nicht gut gehen sollte, wünschen wir uns eine gute Nacht.

Das Bett ist ausgesprochen bequem und eine angenehme und mir sehr willkommene Alternative zu meinen bisherigen Nächten. Gedanken über die Jagd kommen vor dem Schlaf nicht mehr auf, so schnell bin ich auch eingeschlafen.