Once upon a Fairytale Kapitel 1: Von Drachen und Rittern

Story by Highlight on SoFurry

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#1 of Once upon a Fairytale

Märchen sind etwas schönes, nicht wahr? Fremde Länder, so weit entfernt das kein Gedanke der Logik und Verstand sie jemals erreichen könnte. Tief verborgen im Nebel der Vorstellungskraft blühen sie zu ungeahnter Schönheit heran. Eine ganz besondere Magie umgibt sie, lässt ihr Äußeres von Kopf zu Kopf anders wirken, gibt ihnen endlose Formen und Farben. Nutzt so viele Worte um zu beschreiben und doch baut sie dem illustren Geist keine Grenzen auf, lässt ihn frei walten auf einem doch schon beschriebenem Blatt. In den seltsamsten Landen, umgeben von exotischen Pflanzen leben sie, die Könige, die Prinzessinnen, die Bestien und die wichtigsten, die Helden. In strahlender Rüstung, frei von Makel und Zweifel treten sie furchtlos ein für alles was gut und recht ist. Mit poliertem Schwert stellen sie sich der Gefahr um die holde Jungfer aus den Fängen von immer wieder neuen Ausgeburten der Hölle zu retten. Wölfe, Zyklopen, Riesen, Schlangen, Lindwürmer und Drachen, sie alle stellen die scheinbar unüberwindbare Barriere die kein Sterblicher jemals zu überwinden vermochte nur um am Ende doch bezwungen zu werden. Nach langem Kampf, aussichtsloser Schlacht und keuchend vor Anstrengung stehen sie dann vor der zu rettenden Prinzessin. Egal wie hart der Kampf, wie schwer die Mühen und Prüfungen, am Ende erwartet den strahlenden Helden immer der Kuss der holden Prinzessin. Auf immer und ewig und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.


Mit einem verträumten Seufzen schlossen die schuppigen Klauen das Buch und strichen sanft über den ramponierten, ledernen Einband. Es war schon alt und viele hätten dieses Märchenbuch schon vor Jahrzehnten im Ofen entsorgt, doch er hegte es wie einen Schatz. Im Grunde war es das auch. Kein Gold, keine Juwelen oder edle Stoffe türmten sich in seiner Höhle. Es waren Bücherregale, laienhaft zusammengezimmert aus Trümmern die er gefunden hatte in denen sein echter Schatz lag. Nichts machte ihm eine solche Freude, wie seine Märchenbücher. Er liebte sie einfach. Die fernen Welten, die Abenteuer, die Helden. Mit einem breiter werdenden Grinsen griff er nach einem bestimmten Stock am Boden und mit einer schwungvollen Bewegung hob er ihn auf und streckte sein improvisiertes Schwert gen Decke.

"Fürchtet Euch nicht, edelste Brunhilde, ich, Siegfried bin hier um Euch zu retten!", hallte es in tief theatralischer Stimme durch die Höhle bevor ein erbitterter Kampf mit einem unsichtbaren Gegner entbrannte. Der Stock war sein Schwert und die Fantasie sein Gegner. Immer schneller wurden seine Hiebe, ein jeder Meister der Fechtkunst wäre vor Neid erblasst beim Anblick seiner katzenhaften Reflexe und seiner Präzision die einem Habicht in nichts nach stand. Treu hielt seine Klinge den Angriffen seines Gegners stand und focht erbittert um die Oberkralle in diesem so entscheidenden letzten Kampf. Das Leben der Prinzessin stand auf dem Spiel und niemals würde der Held einen solchen Kampf verlieren. Minutenlang focht er um Ehre und Gerechtigkeit bevor er mit einem lauten Aufschrei und einem letzten beherzten Stoß die Luft vor ihm durchbohrte und seinen Gegner in die Knie zwang.

Kichernd legte er den Stock beiseite und ging wieder tiefer in seine Höhle zurück. Nach einem solch harten Kampf hatte er sich auf jeden Fall eine Erfrischung verdient. Mit seinen Krallen begann er an der Höhlenwand ein kleines Stück empor zu klettern und verschwand in einem kleinen Loch zwischen den Felsen. Es war groß genug um hindurch zu schlüpfen doch seine Rückenstacheln streiften leicht am Stein über ihm. Es störte ihn nicht groß, es fühlte sich sogar ganz entspannend an, als würde der Berg um ihn seine Granithand ausstrecken um ihm über den Rücken zu streicheln. Am anderen Ende des schmalen Tunnels wurde die Höhle wieder größer so dass er wieder aufrecht stehen konnte. Mit gewohnter Routine griff er nach dem Bambusrohr, welches schon seit Jahren als sein Trinkbecher fungierte und stellte es unter den kleinen Bachlauf, der sich hier in äonenlanger Arbeit durch den Felsen gefräst hatte. Mit einem Summen auf den Lippen wartete er geduldig, bis sich das Rohr füllte. Es war nicht sehr geräumig hier aber durch die Dunkelheit und das Wasser war es angenehm kühl.

Während er wartete drifteten seine Gedanken erneut ab in die Welt seiner Bücher. Es war schon immer sein Traum gewesen selbst einmal eines dieser Abenteuer zu erleben, doch auch wenn er noch sehr jung war, so wusste er schon gut genug, was Fiktion und was Realität war. Leider. Viel lieber wäre er gänzlich abgetaucht, hätte sie alle geglaubt und in ewig herrlicher Naivität in seiner Höhle gelebt. Doch es gab Dinge die ihn gezwungen hatten schneller erwachsen zu werden, als er dies eigentlich gewollt hätte. Vier Jahre war es nun schon her, das er ihn verlassen hatte und nur einmal im Jahr kam er ihn besuchen. Ob er dieses Jahr wieder kommen würde? Kopfschüttelnd verbannte er die Gedanken wieder in die dunkle Truhe, aus der sie gekommen waren. Angestrengt pfeifend setzte er ein besonders breites Grinsen auf und sah auf seinen Becher. Halb leer. Nein! Halb voll! Schnell korrigierte er sich selbst und begann etwas auf der Stelle zu gehen. Es war genug, entschied er schnell und nahm sich seinen Becher. In einem Schluck leerte er den Becher und ließ das kühle Nass seine Kehle hinab gleiten. Der Becher landete wieder an seinem Platz und wurde erneut seiner Einsamkeit überlassen. Die Dunkelheit mochte vielen Kreaturen ein Freund sein, ihm jedoch war sie noch nie so wirklich geheuer gewesen. Ihr Wesen war ihm ein Buch mit sieben Siegeln und so war er nicht unglücklich, als er erneut die Hand des Berges spürte, die seine Stacheln streichelte und schon kurz darauf das helle Sonnenlicht wieder auf seinen Schuppen landete.

"Ich muss noch Holz holen!", erinnerte er sich selbst mit einem Blick auf den kümmerlichen Rest seines Feuerholzstapels. Die Sonne schien noch, doch war sie bereits auf der zweiten Hälfte ihrer täglichen Reise und nur noch wenige Stunden Licht würden ihm bis zur Dämmerung bleiben. Der Wald konnte gefährlich sein bei Nacht. Viele Raubtiere durchkämmten ihn in den Stunden des Zwielichts auf der Suche nach Futter und bald schon wäre er eines davon. Das Bedrückendste daran war, dass er das schlimmste Raubtier sein würde. Nichts und niemand im Wald würde sich in seine Nähe wagen. Es war ein Zweifelhafter Thron auf dem er saß und es war auch kein Platz, den er sonderlich gemütlich fand. Im Gegenteil. Kopfschüttelnd nahm er sich zwei ramponierte Lederriemen und schlang sie um seinen schuppigen Hals. Etwas Arbeit würde ihn sicher ablenken. Seine Augen protestierten zwar gegen das grelle Sonnenlicht, wurden jedoch durch festes Zwinkern wieder in ihre Schranken gewiesen. Pfeifend stieg er den kleinen Hang hinab, der seine Höhle mit dem Wald verband und schon bevor er den Waldrand erreichte, fand er schon die ersten Stöcke die er einsammeln konnte.

Die beruhigende Stille des Waldes empfing ihn mit offenen Armen. Es war ein paradoxes Phänomen, dass man es trotz der vielen Geräusche dennoch als Stille empfinden konnte, in einem Wald zu stehen. Vögel, kleine Tiere und der Wind lieferten sich einen Wettstreit um die lauteste Melodie und auch kleine Bäche und Frösche schienen mit einzustimmen. Tatsächlich war es genau der richtige Tenor um ihm zu helfen wieder ein Lächeln auf die Lippen zu bekommen. Er hatte Glück, ein Sturm hatte vor einigen Tagen viele Äste zu Boden geworfen und durch das heiße Wetter waren sie allesamt schön ausgedörrt. Schon nach einer Stunde nur, hatte er ein dickes Bündel Äste mit den beiden Lederriemen verschnürt und auf seinen Rücken gebunden. Ein bisschen Licht war ihm noch geblieben und so entschloss er sich für die etwas längere Route zurück zu seiner Höhle. Es war ein sommerlich warmer Tag, kein Grund für unnötige Eile wie er empfand. Vielleicht würde er ja sogar etwas finden. Die Straße die durch den Wald führte hatte ihm schon so manchen kleinen Schatz beschert. Ein zerbrochenes Wagenrad, ein simples Brett oder ein Stück Metall. Abfall war es in vielen Augen doch für ihn waren es Dinge die es wert waren gesammelt zu werden. Alles hatte einen Wert, wenn man nur die richtigen Augen besaß um ihn zu sehen. Vorsichtig pirschte er sich an die Böschung an, hinter der die Straße verlief. Es war ein primitiver Feldweg den die Menschen nur sehr ungern nahmen. Nichts desto trotz war es der schnellste Weg durch den Wald. Geduckt kroch er auf allen Vieren zur Kante und lugte vorsichtig hinüber. Niemand zu sehen. Erleichtert atmete er aus und stand wieder auf. Direkt auf die Straße traute er sich nicht, doch am Rande, immer tief genug im Wald um schnell verschwinden zu können, ging er neben ihr entlang. Sein Glück war ihm heute nicht hold. Kaum hatte er die Straße erreicht, kam auch schon der Punkt, wo er sich wieder von ihr trennen musste. Nicht jeder Tag konnte ein erfolgreicher sein, erinnerte er sich wieder und setzte eine gute Mine zum bösen Spiel auf. Wenigstens war es noch einigermaßen hell und auch warm auf seinem Weg zurück zu seiner Höhle.

Während die Wölfe im Wald ihr nächtliches Konzert begannen, knisterte im inneren seiner Höhle bereits ein gemütliches Feuer. Am Rande saß er mit seinem neuesten Schatz in der Klaue. Vor einem Monat hatte er ihn gefunden, ein Stück flaches Metall mit einer scharfen Kante. Es schien ein Beschlag eines Karrens gewesen zu sein, doch in seinen Klauen wurde es zu einem Messer mit dem man schnitzen konnte. Drei ganze Wochen hatte er nun an seinem ersten Stück gearbeitet. Immer wieder hatte er neu anfangen müssen, weil es ihm gebrochen war, doch nun näherte es sich tatsächlich der Vollendung. Mit stolzem Grinsen hielt er es vor den Schein des Feuers. Zwischen zwei Fingernägel hielt er es und betrachtete es grinsend. Es war alles andere als perfekt und Künstler war er bei Leibe nicht, doch die abstrakte Form einer etwas unrunden Sonne war dennoch zu erkennen. Eilig lief er zu seiner Truhe wo er die meisten seiner Funde aufbewahrte und holte ein Stück Schnur hervor. Binnen weniger Augenblicke prangte sein neues Amulett auf seiner stolz geschwellten Brust. Aufgeregt und stolz kramte er nach dem Stück Blech, welches er immer als Spiegel benutzte um sich darin zu betrachten. Als er sein Antlitz dann sah schwoll seine Brust vor Stolz noch weiter an. Nur eine Sekunde jedoch, bevor seine Züge sich verfinsterten und die ausgestreckte Hand mit dem Blech sich langsam senkte. Laut scheppernd fiel es auf den steinigen Boden. Alle Selbstbeherrschung und positives Denken war binnen eines Augenaufschlags verpufft. Mit hängendem Kopf ließ er sich vor seinem Lagerfeuer nieder und sah den tanzenden Flammen zu. Niemand war da, dem er es hätte zeigen können. So stolz er auch auf seine Leistung war, sich selbst im Spiegel anzusehen hatte ihm erneut klar gemacht, dass es schon zu lange her war, dass er da war. Was nutzte das schönste Amulett, der größte Schatz, Königreich oder Prestige wenn es niemanden gab, dem man es zeigen konnte? Einsamkeit war eine siechende Krankheit. Einsamkeit hatte Geduld. Von einem Tag auf den anderen merkt man keinen Unterschied und doch nagt sie ohne Pause an der Seele. Jeden Tag ein winziger, unmöglich zu bemerkendes Stückchen und doch war die Zeit unbarmherzig. Sie allein war es, die aus diesen winzigen Bröseln am Ende eines Monats, eines Jahres, dann einen ganzen Brocken machte. Wie viel war noch da? Jahr für Jahr spürte er den eisigen Griff der Einsamkeit mehr und irgendwann würde die gespenstische Hand um sein Herz zu stark werden, würde es zerdrücken.

Ein Geräusch ließ ihn hochschrecken. Irritiert sprang er auf und lauschte angestrengt in die Schwärze der Nacht. Stimmen. Es waren auf jeden Fall Stimmen! Ein Schlucken wanderte seinen Hals hinab als er näher zum Ausgang seiner Höhle ging um sich umzusehen. Von weitem schon sah er die Fackeln die auf der finsteren Leinwand der Nacht wie Glühwürmchen hervor stachen. Sie marschierten im Dutzend einen alten Wanderweg entlang der zu seiner Höhle führte. Sein Herz setzte aus. War es schon wieder so weit? War ein Jahr schon wieder vergangen? Wo blieb Daros? Die fragen rasten durch seinen Kopf während er zurück in seine Höhle lief und hastig seine Truhen durchsuchte. Seine kostbaren Fundsachen wurden sorglos aus den Truhen geschmissen auf der verzweifelten Suche nach dem Stein der Gewissheit bringen könnte. Es dauerte etwas, doch schlussendlich fand er ihn und sofort lief er wieder zum Höhlenausgang und hielt den unscheinbaren, apfelgroßen Stein ins Mondlicht. Für einen Moment geschah nichts, dann jedoch begann er schwach zu glühen. Blau! Es war so weit. Seine Augen sahen die Farbe deutlich, doch sein Verstand wollte es nicht glauben. Unmissverständlich signalisierte ihm der Stein, dass heute die Sommersonnenwende war, doch es wollte nicht in seinen schuppigen Kopf. Wo war Daros? Wieso war er nicht hier? Was sollte er jetzt tun?

Die Stimmen wurden lauter, sie waren bereits nahe an seiner Höhle. Bis zu seinem Hort würden sie nicht kommen, ihr Ziel war der kleine Platz etwa hundert Meter neben dem Eingang. Es war wieder so weit. Sie würden wieder jemanden hier lassen und Daros war nicht hier um ihm zu helfen. Dies konnte doch alles gar nicht wahr sein, wieso ausgerechnet jetzt? Wieso konnten sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Lautes Geschrei hallte durch die Nacht und verstummte schnell wieder. Nur ein gedämpftes Wimmern drang noch an seine Ohren. Zusammen mit dem Geräusch von sich wieder entfernenden Menschen war es alles, was übrig geblieben war von dem kurzen Besuch. Doch die Probleme fingen damit erst an. Er hatte versprochen, dass er sich darum kümmern würde. Das er jedes Jahr kommen würde! Er hatte es versprochen! Wo zum Teufel war er nur? Panisch ging er auf und ab. Was sollte er nur tun? Was wenn er nicht kommen würde? Er konnte sie noch immer hören, die Schreie, auch wenn sie scheinbar durch einen Knebel gedämpft waren. Zum gefühlt Hundersten Mal ging er nun schon zum Ausgang seiner Höhle nur um kurz vor der Schwelle doch wieder um zu drehen und zurück zu gehen. Er müsste nachsehen gehen, aber was würde es schon ändern? Ohne Daros könnte er es nicht. Neugier und Angst lieferten sich ein erbittertes Duell in seinem ohnehin schon viel zu beschäftigten Herzen während er vergeblich versuchte seine zitternden Klauen zu beruhigen. Wie lange er nun schon gezögert hatte wusste er nicht, doch ohne Vorwarnung, verstummten die Geräusche vor seiner Höhle. Seine Angst wich für einen kurzen Moment der Verwunderung und dieser kurze Fehler war genug für seine Neugierde die Überhand zu gewinnen. Wieder machte er sich auf zum Ausgang seiner Höhle und doch zögerte er wieder, als er an der Schwelle stand. Mit zusammengekniffenen Augen machte er einenSchritt nach vorne und entließ ein langes Seufzen. Er hatte keine andere Wahl. Daros hatte ihn im Stich gelassen.

Vorsichtig lugte er um die Felsen vor seiner Höhle um sicher zu gehen, dass keiner mehr hier war. Der Wind wehte günstig für ihn und so konnte er sofort riechen, dass nur noch ein Mensch hier war. Wie jedes Mal, dachte betrübt. Mit etwas mehr Selbstbewusstsein als er eigentlich hatte, ging er aufrecht zu dem Platz auf dem die Menschen gerade eben noch waren. Es war ein kleiner Platz vor einer Steilwand des Berges, keine dreißig Meter im Durchmesser und nur ein alter, blattloser Baumstamm ragte am Ende des Platzes aus der Erde. Als er es sah, starb auch der letzte kaum noch vorhandene Funke von Hoffnung in ihm. Warum hätte es dieses Jahr auch anders sein sollen? An den Baumstamm gebunden hing eine junge Frau, kraftlos und gefesselt schien sie ihre ganze Energie mit Schreien nach Hilfe verbraucht zu haben. Das Stofftuch, dass man ihr als Knebel in den Mund gebunden hatte, war durchtränkt von Spucke und bezeugte ihr stundenlanges Flehen nach Gnade. Sein Gesicht erwärmte sich etwas, als er genauer zu der jungen Frau sah und schnell wandte er seinen Blick peinlich berührt ab. Wieso mussten sie immer nackt sein? War es nicht schon schlimm genug, dass sie überhaupt hier sein musste, aber wieso dann auch noch nackt? Sie schien ihn noch nicht bemerkt zu haben. Noch immer stand er vor dem Problem, dass er nicht wusste was er nun machen sollte. Daros hatte sich immer darum gekümmert, hatte ihn in der Höhle warten lassen, bis es vorbei war und er war glücklich darüber gewesen. Wieso konnte die Welt nicht so sein, wie in seinen Märchenbüchern? Auf eine gewisse Art und Weise war sie es sogar, wie er gestehen musste. Nur war er nicht der strahlende Held in glänzender Rüstung. Wie ein Dolch spürte er die Worte in sein Herz stechen. Er war die Bestie. Mit hängendem Kopf ergab er sich seinem Schicksal. Er durfte sie nicht hier angebunden lassen. Daros hatte ihm erklärt was passieren würde, wenn die Menschen sie nicht mehr fürchteten. Sie würden sie angreifen. Es war das älteste Gesetzt der Natur. Fressen oder gefressen werden. Niemals zuvor hatte er es selbst tun müssen, doch da Daros ihn im Stich gelassen hatte, blieb ihm keine andere Wahl. Die Augen der jungen Frau sprangen auf als sie ihn bemerkte. Panisch strampelte sie in ihren Fesseln und Schrie aus voller Kehle in den Knebel in ihrem Mund doch er ging stur weiter auf sie zu. Er wollte sie nicht ansehen, starrte stur auf den Boden und konzentrierte sich nur auf das was getan werden musste. Es dauerte eine Ewigkeit bis er die wenigen Meter hinter sich hatte. Das junge Mädchen war wie gelähmt vor Angst. Er war nicht einmal so viel größer als sie und doch stand in ihren Augen ein Monster vor ihr. Bis zur Brust reichte sie ihm gerade einmal. Ohne sie anzusehen, packte er mit einer Klaue ihre Hände während er mit der anderen das Seil lockerte. Sie strampelte, wehrte sich, versuchte ihn zu treten, doch Drachenschuppen waren überraschend widerstandsfähig. Er spürte es nicht einmal. Mit beiden Händen packte er sie um die Hüfte und hievte sie auf seine Schulter um sie in seine Höhle zu bringen. Es war eine grauenhafte Arbeit. Er wollte nicht das Monster sein. Jede Faser in ihm sträubte sich dagegen, doch gehen lassen konnte er sie nicht. Sie würde sofort ins Dorf zurück laufen und vermutlich würden schon Morgen die Ritter des Königs mit gezückten Schwertern auf ihn lauern. Zeige niemals Schwäche vor den Menschen! Sie werden keine Sekunde zögern dich zu töten! Daros Worte echoten noch immer durch seinen Kopf.

Die Gefesselte Frau legte er behutsam auf das Strohbett, auf dem er selbst immer schlief. Sofort danach wandte er sich ab und ging zu dem Stapel Feuerholz, dass er heute erst gesammelt hatte. Der Tag hatte doch so gut angefangen, wieso musste er nur so enden? Befreien konnte er sie nicht, sie war als Opfer auserwählt worden und würde sie ins Dorf zurück kommen, dann würden die Menschen wieder anfangen ihn zu jagen. Auf keinen Fall dürfte es so weit kommen. Sie in der Höhle als Gefangene zu halten ging ebenso nicht. Es würde niemals funktionieren und wenn Daros doch zurück kommen würde, dann würde er sicher gewaltige Probleme bekommen. Es gab nur eine Möglichkeit, wenn er es sich genau überlegte. Resignierend nahm er ein paar Äste und ging zum Feuer zurück. Das trockene Holz landete unzeremoniell im Glutnest und sofort griffen die Flammen hungrig nach dem neuen Brennstoff. Er müsste sie töten. Das war es doch, was man von ihm erwartete und weswegen sie überhaupt zu ihm gebracht worden war. Sie war ein Opfer, sie alle hatten ihren Frieden damit gefunden. Sie alle bis auf ihn. Und vermutlich die Frau die noch immer weinend hinter ihm lag. Ein lautes Seufzen echote durch die Höhle. Wem wollte er schon etwas vor machen, es war nur eine Frage der Zeit gewesen. Er hatte tief in seinem Herzen immer schon gewusst, dass er sich nicht ewig davor drücken könnte selbst jemanden zu töten. Daros hatte ihm diese Aufgabe lange genug abgenommen und nun war es an der Zeit für ihn selbst aufzuwachen und erwachsen zu werden. Auch wenn er es nicht wollte, so blieb ihm keine andere Wahl. Irgendwie bereute er nun, dass er Daros nie dabei zugesehen hatte. Wie tötete man am schnellsten? So wie ein Reh oder einen Hasen mit einem Biss ins Genick? Es würde bei Menschen vermutlich auch so am besten funktionieren. Leiden lassen wollte er sie auf keinen Fall. Sein Gesicht landete in seinen Handflächen für einen Moment versuchte er den ganzen Schlamassel um ihn herum zu vergessen. So sehr er es auch versuchte, es gelang ihm nicht. Dies war kein Märchen, es gab keinen strahlenden Helden hier, kein glückliches Ende. Er sollte es besser schnell zu ende zu bringen, sie würde vermutlich jede Minute mehr leiden, in der er sie ihrer Todesangst überließ. Ihre Augen waren bereits jetzt blutrot vom vielen Weinen und ihr Gesicht von Tränen verschmiert. Wenn sie doch wenigstens etwas an gehabt hätte. Er selbst trug zwar auch keine Kleidung, doch als Drache war dies auch nicht wirklich notwendig. Die Menschen jedoch liefen niemals nackt umher. Irgendwie fühlte er sich unwohl in der Nähe eines nackten Menschen. Es fühlte sich nicht richtig an.

Wie sollte er es am besten anstellen? Einfach zu ihr gehen und ihr ins Genick beißen? Sollte er vorher noch etwas zu ihr sagen? Sich vielleicht entschuldigen?

"AUAHA! Was zum ...?", schrie er plötzlich ob des stechenden Schmerzes in seiner Schulter. Mit einer Klaue packte er instinktiv den Pfeil und riss ihn aus seiner blutenden Schulter. Durch die dicken Schuppen war er nicht allzu tief eingedrungen, weh tat es dennoch gewaltig. Der Anblick seines eigenen Blutes lähmte ihn für einen Moment. Es war das erste Mal, dass er es sah. Seine Verwunderung riss jedoch schnell ab als sich der Situation bewusst wurde. Blitzartig riss er seinen Kopf hoch und sah auf den Ritter, der am Eingang der Höhle stand und gerade seinen Bogen fallen ließ. Mit einer Hand packte er seinen Schild und einen mehr als gefährlich aussehenden Morgenstern in der anderen. Ohne zu zögern stürmte er auf ihn zu nur in letzter Sekunde zwang sein Instinkt ihn zu einer Hechtrolle zur Seite. Mit lautem Krachen schlug der Morgenstern auf den Felsen auf, wo einen Moment zuvor noch sein Körper saß. Was ging hier vor? Am Boden rutschte er rückwärts von dem Ritter weg bis er hinter sich die Wand der Höhle spürte und sich daran hoch zog. Nie zuvor hatte er sein Herz so laut in seiner Brust schlagen hören. Wieso war ein Ritter hier? Es ergab keinen Sinn! Mit laut scheppernder Rüstung preschte der Ritter erneut auf ihn zu und schwang seinen Morgenstern nach ihm. Mit einem beherztem Sprung zur Seite wich er aus, doch schien der Ritter dieses Mal damit gerechnet zu haben. Mit seiner Schildhand verpasste er ihm noch einen Stoß bevor er sich in Sicherheit bringen konnte. So furchteinflößend das plötzliche erscheinen dieses Ritters auch war, so stimmte irgendetwas nicht. Er konnte seine Kralle nicht darauf legen, aber irgendetwas war komisch an diesem Mensch. Zum Überlegen blieb nicht viel Zeit. Schnell griff er ins Feuer und holte einen der Äste heraus, die er eben erst hinein geworfen hatte. Die Spitze war von roter Glut überzogen, doch der Ast selbst schien noch stabil zu sein. Schon einen Herzschlag später musste dieser zeigen, aus welchem Holz er war. Nur mühsam konnte er die Hiebe des Morgensterns abwehren, doch zumindest reichte es für eine rudimentäre Verteidigung. Nun fiel es ihm auch auf, was nicht stimmte. Der Ritter hatte kaum Kraft. Ihm gelang es lediglich den Morgenstern mit dem Holz abzuwehren, weil dieser mit kaum Schwung auf ihn geschlagen wurde. Ein Mensch würde niemals an die Kraft eines Drachen heran kommen, doch dieser Ritter schien schon Mühe damit zu haben, seine Waffe überhaupt zu heben. Selbst ohne jeglicher Kampferfahrung hatte sich das Blatt binnen weniger Momente gewendet und der Ritter schien nahezu verzweifelt auf ihn ein zu dreschen. Mühelos wehrte er die Schläge ab während der Ritter mehr und mehr Puste verlor. Es gab ihm die Zeit ihn etwas genauer zu studieren. Es passte einfach nicht. Ritter waren Helden. Sie waren groß und stark, kannte weder Angst noch Zweifel. Dieser jedoch schien kaum seine Rüstung auszufüllen und vermochte es kaum noch seine Waffe überhaupt zu heben.

Es dauerte nur noch ein paar Minuten, bevor sein Schild scheppernd zu Boden fiel und auch der Ritter auf die Knie absank. Verwirrt stand er vor ihm und hielt weiter seinen Ast in der Hand. Mehr noch als vorher fragte er sich, was er nun tun sollte. Wo war Daros nur? Er wüsste was zu tun wäre. Kurz sah er zu der gefesselten Frau auf seinem Bett. Diese schien während des Kampfes wieder zu sich gekommen zu sein und wand sich nun heftiger als je zuvor während sie ihn flehend ansah und aus voller Kehle schrie. Es schien mehr als nur sinnloses Schreien zu sein. Sie schrie Worte. Neugierig ließ er den Ritter am Boden zurück und ging zu ihr. Kaum einen Schritt hatte er gemacht, da spürte er kaltes Eisen um seinen Fußknöchel. Der Ritter, der kaum noch stehen konnte, hatte sich mit letzter Kraft an ihn geklammert und versuchte zu verhindern, dass er zu ihr ging. Es machte ihn nur noch neugieriger. Er riss seinen Fuss los und ging weiter zu der gefesselten Frau. Diese verstummte augenblicklich als sie sah, dass sie nun im Zentrum des Interesses stand. Mit seiner Kralle durchtrennte er den Stoff der ihren Mund blockierte und sah sie neugierig an. Stille legte sich über die Höhle. Für den Moment schien die junge Frau verwirrt zu sein, sah schnell ihre Chance.

"Lauf! Lauf weg! Du kannst keinen Drachen besiegen! Rette dich!", schrie sie den Ritter verzweifelt an. Frische Tränen wellten in ihren Augen auf während sie aus voller Kehle den Ritter anschrie. Sein Blick landete ebenso auf dem Ritter. Was ging hier nur vor? Wieso wollte sie nicht gerettet werden? Der Ritter war so erschöpft, dass er kaum seine Waffe halten konnte und doch kämpfte er sich langsam wieder auf seine Beine hoch. Den Schild ließ er liegen und umschloss den Griff des Morgensterns nun mit beiden Händen. In einem scheinbaren letzten Aufbäumen lief er auf ihn zu und riss die todbringende Keule hoch in die Luft. Mit schädelzertrümmernder Wucht fuhr er auf seinen Kopf hernieder und doch reichte eine Hand alleine aus, um die Metallkugel festzuhalten. Durch die schmalen Schlitze des Visiers sah er den Schock in den Augen des Ritters. Mühelos hatte er seinen Hieb mit nur einer Hand aufgehalten und langsam wurde es Zeit diese Farce zu beenden. Auch wenn der Ritter ein schlechter Scherz war und hier einiges sehr sehr komisch war, seine blutende Schulter war alles andere als ein Witz. Er müsste sie sauber machen, sie desinfizieren und verbinden und das ginge nicht wenn dieser Ritter hier war. Mit einem beherzten Tritt entledigte er sich dem nervigen Blechmannes. Die Brustplatte seiner Rüstung tat zwar etwas weh auf der Ferse, aber dem Ritter tat es mit Sicherheit mehr weh von dem Tritt mehrere Meter nach hinten geschleudert zu werden. Sich rückwärts überschlagend verlor er seinen Helm und blieb erst kurz vor dem Ausgang der Höhle stehen.

"Aufhören!", schrie die junge Frau hinter ihm unter Tränen.

"Aufhören, ich flehe dich an, bitte hör auf!", beschwor sie ihn mit kratziger Stimme. Sie hatte sich schon lange heiser geschrien und jedes Wort musste bereits eine Qual für sie sein. Umso mehr verwunderte es ihn, dass sie für den Ritter so laut schrie.

"Mach mit mir was du willst, doch bitte lass sie am Leben, ich flehe dich an!", schrie sie schluchzend und erwischte ihn damit eiskalt. Nicht ihre Tränen waren es, nicht ihr Flehen sondern ein einziges Wort war es, was ihn gefangen hatte.

"Sie?", murmelte er leise und drehte sich zu dem Ritter um, der sich röchelnd auf alle Viere aufgerichtet hatte. Seinen Helm hatte er verloren und anstelle von nacktem Stahl, blickten ihn nun blaue Augen an.

"Eine ... eine Frau?", fragte er verwundert. Langsam aber sicher wurde ihm alles zu viel. Was war nur mit diesem Tag los? Wieso konnte es nicht einfach einfach sein? Frauen durften doch gar keine Ritter sein. Wieso setzte sich die geopferte so für ihre vermeintliche Retterin ein? Das Scheppern einer Ritterrüstung zwang ihn sich wieder kampfbereit zu machen. Die junge Frau in der Rüstung jedoch lief einfach an ihm vorbei und kniete sich vor das Opfer. Mit ausgebreiteten Armen kniete sie vor ihr und sah ihm entschlossen in die Augen.

"Verschone sie! Nimm mein Leben an ihrer statt, doch verschone sie!", flehte sie ihn an. Dies war der Punkt, wo ihm alles zu viel wurde. Sie war ein Ritter, ein Held. Helden ergaben sich doch nicht, sie kämpften immer weiter egal wie hoffnungslos die Chance auf Sieg auch war. Sie würden lieber im Stehen sterben als jemals auf die Knie zu fallen.

"Alyssa! Was in Drei Teufels Namen soll dass? Willst du von dem Biest gefressen werden?", keifte die gefesselte die Ritterin an.

"Ich wurde noch nie von einem Mann berührt, wenn es eine Jungfrau ist, nach der es Eurem unheiligem Appetit gelüstet, so nehmt mich, aber verschont sie!", fuhr die Frau in Rüstung fort. Ihre Augen brannten vor Entschlossenheit und machten es ihm noch schwerer herauszufinden was hier vor sich ging.

"Alyssa! Verschwinde endlich von ihr, bist du lebensmüde? Hast du eigentlich komplett den Verstand verloren dich mit dem Drachen anzulegen? Ich will nicht, dass du dich für mich opferst!", schrie die gefesselte ihre Retterin an.

"Ich lasse dich sicher nicht in den dreckigen Klauen dieser Bestie!", schnauzte die Ritterin zurück. Irritiert sah er auf seine Klauen während sich die beiden Frauen stritten. Gut, sie waren alles andere als sauber, doch er hatte auch vorhin Holz gesammelt und noch keine Zeit gehabt sie zu waschen. Vor dem Essen hätte er sie sich auf jeden Fall noch gewaschen!

Mit einem Rumps ließ sich der junge Drache auf den Hintern fallen und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Es war zu viel. Es war einfach zu viel. Selbst einen Menschen zu töten war bereits mehr gewesen, als er jemals tun wollte. Doch danach gleich angegriffen zu werden, verletzt zu werden, kämpfen zu müssen und jetzt diese Streiterei. Er konnte es nicht mehr hören. Was war nur los mit dieser verrückten Welt?

"Dieser Drache wird uns noch beide umbringen wenn du nicht endlich verschwindest!"

"SEID ENDLICH STILL!", donnerte seine Stimme durch die Höhle bevor sein Gesicht wieder in seinen Händen landete. Er machte sich nicht einmal die Mühe die beiden anzusehen. Unbemerkt von seinem Blick sahen sich die beiden Frauen ungläubig an und die Arme der Ritterin fielen schlaff an ihre Seiten hinab. Der Blick des Drachen verschwamm als die ersten Tränen sich in seinen Augen sammelten. Er wollte doch nie jemanden töten. Wieso war Daros nicht hier? Die beiden Frauen fanden keine Worte für den Anblick der sich ihnen bot. Das Monster dem sie beide schon den sicheren Tod zugeschrieben hatten, saß weinend vor ihnen.

"Seid einfach nur still", wiederholte er in deutlich leiserem und verzweifeltem Tonfall. Während er versuchte die Situation zu begreifen, sah die Ritterin ihre Chance. Aus einer kleinen Seitentasche holte sie einen kleinen Dolch hervor und durchtrennte schnell die Fesseln der Anderen. Sofort schlang diese ihre Arme um ihre Freundin und drückte deren kalte Stahlrüstung so fest an sich wie sie konnte. So erleichtert sie auch beide waren, sich in den Armen zu halten, so standen sie immer noch vor dem Problem, dass ein Drache denAusgang blockierte.

"Du bist nicht der schwarze Drache, Daros, der hier früher gelebt hat", begann eine der Frauen, welche konnte er nicht genau sagen. Er weigerte sich sie anzusehen. Es verwirrte ihn nur noch mehr. Außerdem war eine von ihnen noch immer nackt.

"Mein Bruder ist vor einigen Jahren schon weg", erklärte er kurz.

"Warum weinst du?", fragte die andere und auch wenn er es nicht genau hören konnte, so bekam er genug mit um zu wissen, dass sie andere sie für diese Frage sofort angeblafft hatte den Mund zu halten.

"Ich weiß nicht mehr was ich tun soll", gab er zu.

"Nun, was willst du den tun?", fragte die Blonde weiter.

"Ich will doch nur in Ruhe und Frieden hier leben."

"Dann lass uns bitte gehen, ich schwöre dir, dass wir dich niemals wieder behelligen werden!"

Kopfschüttelnd verneinte er und erhob sich langsam wieder.

"Das geht nicht. Wenn ich jemanden gehen lasse, dann machen sie wieder Jagd auf mich. Daros hat mich davor gewarnt. Menschen darf man nicht vertrauen!"

Mit jedem Wort festigte sich seine Stimme und seine Fäuste schlossen sich angespannt. Diese beiden Frauen hatten schon viel zu viel gesehen. Sie dürften nicht einfach gehen. Das blecherne Aufschlagen von Stahl auf Stein schreckte ihn auf und zwang ihn zu den beiden Frauen zu blicken.

"Was tust du da? Hast du den Verstand verloren?"

"Vertrau mir!"

Schnalle um Schnalle löste die Ritterin von ihrer Rüstung und binnen weniger Momente stand sie nur noch mit einem dünnen Leinenhemd und Leinenhose vor ihm. Das Gewand schien ihr mehrere Nummern zu Groß zu sein und hing lose von ihrer grazilen Figur. Nur zwei Schnüre, eine am Hosenbund und eine am Kragen schienen den Stoff an ihrem Körper zu halten. Nun wusste er auch, warum sie den Morgenstern kaum halten konnte. Ihre Figur war schlank und ihre Oberarme so dünn, dass er sie mit einer Hand hätte brechen können. Langes Blondes Haar fiel bis zu ihren Schulterblättern hinab und auch wenn er sich nicht gut mit Menschen auskannte. So sah sie doch sehr ähnlich aus, wie die Bilder in seinen Märchenbüchern. Wie eine Prinzessin. Sie musste unter den Menschen wohl als sehr hübsch angesehen werden. Ihre Freundin stand ihr jedoch in nichts nach. Kurzes braunes Haar wie bei einem Knaben wuchs auf ihrem Kopf und graue Augen starrten ihn an.

"Du hättest mich vorhin mit nur einem Wimpernschlag töten können, warum hast du es nicht getan?", fragte sie den Drachen. Bis auf einen Meter kam sie auf ihn zu. Trotz seiner größeren Form schien sie keine Angst mehr vor ihm zu haben. Mit festem Blick sah sie ihn an und wartete auf eine Antwort.

"Ich ... ich", begann er stotternd, schaffte jedoch kein Wort aus seinem Mund zu bringen.

"Ich verstehe", nickte sie und sah kurz gen Boden bevor sie den Blick wieder fest auf ihn richtete. Mit ihrer Hand öffnete sie die Schleife die den Kragen ihres Hemdes zusammen hielt und ließ das Leinenhemd zu Boden gleiten. Ihre Stoffhose folgte sofort. Wie Gott sie schuf stand sie vor ihm.

"Wenn es eine Braut ist, die du suchst, dann nimm mich! Ich schwöre dir, dass ich deine ergebenste Dienerin sein werde, doch verschone Katherina. Sie hat dieses Schicksal nicht verdient!"

Geschockt sah er für einen Moment auf den Körper der jungen Frau, bevor er sich hastig abwendete. Was war nur los mit diesen Kreaturen und ihrer Obsession ständig nackt zu sein?

"Zieh dich wieder an!", befahl er.

"In der Truhe da hinten liegt eine Decke, gib sie deiner Freundin!", befahl er weiter und zeigte rückwärts in die Richtung seiner Truhe.

"Ich will keine Braut und ich will auch nichts zu Essen, ich will nur meine Ruhe haben!"

Mit hochroten Wangen zog sich die Blonde schnell wieder an und sorgte auch dafür, dass ihre Freundin nicht mehr unbekleidet war. Auch wenn es nur eine Decke war die sie umhüllte. Ihr Plan schien ihr im Nachhinein mehr als nur peinlich zu sein. Mit brennenden Wangen setzte sie sich neben ihre Freundin und vermied den Blickkontakt zu ihm.

"Ich verstehe das nicht, du willst uns nicht fressen und du willst auch nicht mit uns ... also du weißt schon. Was machst du dann mit den Frauen die jedes Jahr geopfert werden?", fragte die Brünette neugierig.

"Ich mache gar nichts mit ihnen!", verteidigte er sich mit einer verneinenden Handbewegung.

"Daros hat sich immer darum gekümmert. Selbst als er fort gegangen ist, ist er immer zur Sonnenwende wieder her gekommen und hat das Opfer mitgenommen. Was er mit ihnen macht weiß ich nicht", erklärte er wahrheitsgemäß.

"Also willst du uns am Leben lassen?", fragte sie weiter und kassierte dafür einen Hieb mit dem Ellbogen der anderen in die Rippen.

"Ich würde nichts lieber tun, aber wenn ich es tue, dann glauben die Menschen dass ich schwach bin und dann kommen sie um mich zu töten! Das passiert mit allen Drachen die schwach sind", erzählte er bitter. Mit einer Hand hielt er sich seine schmerzende Schulter als wäre sie ein Mahnmal seiner eigenen Schwäche. Als würde sie verdeutlichen, dass er selbst nur ein Gefangener in einem viel zu alten Kreislauf war.

"Wir können beide nie wieder ins Dorf zurück, mach dir da mal keine Sorgen", beichtete die Blonde mit niedergeschlagener Stimme und weckte damit das Interesse des Drachen. Neugierig sah er sie an und urgierte sie weiterzusprechen.

"Ich wurde nicht nur zum Opfer auserwählt weil ich noch Jungfrau bin", fuhr ihre Freundin fort.

"Sie haben mich gewählt weil ich gegen das Gesetz verstoßen habe und Alyssa ebenso."

"Ihr seid Verbrecher?", wunderte sich der Drache.

"Was habt ihr getan?"

"Unserem Herzen folgen", antwortete die Blonde melancholisch. Irritiert sah der Drache zu den beiden jungen Frauen und versuchte einen Sinn aus dieser Aussage zu filtern. Sie beiden sahen von der anderen weg, hatten beide einen roten Schimmer auf den Wangen und rieben sich mit einer Hand den Oberarm. Tunlichst vermieden sie es sich gegenseitig in die Augen zu blicken und es hätte eines Blinden bedurft um zu verkennen, wovon sie sprachen.

"Ihr zwei ... ihr seid ... ", begann er und ein Nicken der beiden jungen Frauen bestätigte seine These. Nun ergab alles zumindest etwas Sinn. Warum eine solch hübsche Frau noch Jungfrau war, warum man sie opfern würde und warum ihre ebenso hübsche Freundin auch meinte, dass sie noch Jungfrau war. Viel wusste er nicht über die Kultur der Menschen, nur was Daros ihm erzählt hatte, doch ein Gleichgeschlechtliches Paar würden die Menschen niemals akzeptieren. Es war etwas was die Warmblüter par tu nicht tolerieren konnten. Sie hatten recht, ins Dorf könnten sie niemals wieder zurück kehren.

"Wenn wir ins Dorf zurück gehen würden, dann würde man uns vermutlich noch Hexerei vorwerfen, weil wir dem Drachen des Berges entkommen sind. Wir wären schneller auf einem Scheiterhaufen als du Inquisition sagen kannst."

Die Blonde Frau, Alyssa, wenn er es vorhin richtig verstanden hatte, stand auf und ging ein paar Schritte auf ihn zu. Als sie erneut vor ihm stand sah verbeugte sie sich vor ihm.

"Ich möchte mich bei dir entschuldigen. Ich habe dich angegriffen und verletzt. Es tut mir aufrichtig Leid und du hast jedes Recht meine Bitte abzuschlagen, Drache, doch wenn es deine Güte zulässt, dann möchte ich dich fragen, ob wir heute Nacht bei dir in dieser Höhle bleiben dürfen? Wenn du es wünscht, dann kannst du uns Morgen immer noch töten, doch gewähre mir zumindest noch eine letzte Nacht in den Armen meiner geliebten Katharina."

"Alyssa ..."

War es wirklich so einfach? Könnte er sie einfach hier behalten oder würden sie die erste Gelegenheit nutzen um sich davon zu machen, wenn er eingeschlafen wäre? Nein, vertrauen konnte er ihnen nicht. Aber es würde ihm noch etwas Zeit zum Nachdenken geben. Er müsste ja nicht schlafen heute, er könnte einfach wach bleiben, wenn sie versuchen würden zu fliehen, dann hätte er allen Grund und jedes Recht sie zu töten. Wenn sie hier blieben, dann hätte er morgen wenigstens die nötige Ruhe um zu entscheiden was er tun sollte. Deutlich schneller als die Komplexität der Situation es eigentlich diktierte, traf er seine Entscheidung.

"Hannibal", sprach der Drache.

"Mein Name ist Hannibal."

Ein ungläubiger Blick lag auf den Gesichtern der beiden Frauen doch nur für einen Moment den schon einen Augenblick später fielen sie sich freudig in die Arme. Er hoffte nur, dass Daros nicht doch noch kommen würde. Es wäre unmöglich ihm zu erklären warum die beiden Frauen noch am Leben waren. Wenn er außerdem sehen würde, dass er verwundet war, Hannibal wollte sich gar nicht vorstellen was sein Bruder dann tun würde. Das Dorf wäre nur noch ein Häufchen Asche.

"Vielen Dank, Hannibal!"

"Vielen vielen Dank!"

Überglücklich lagen sich die beiden in den Armen und zelebrierten ihren etwas aufgeschobenen Todestag. Allzu lange jedoch hielt ihre Freude nicht und Alyssas Blick trübte sich etwas, als sie Hannibal erneut ansah.

"Ich bitte vielmals um Verzeihung wegen deiner Schulter. Bitte, lass mich dir helfen, es ist das mindeste was ich tun kann."

Hannibal setzte sich erneut an sein Lagerfeuer und nickte. Was war heute nur für ein Tag gewesen. Es waren nur wenige Stunden und doch war alles anders als zuvor. Zum ersten Mal in seinem Leben musste er sich einem Opfer alleine stellen. Zum ersten Mal wurde er angegriffen. Zum ersten Mal hatte er einen Ritter bezwungen und nun, nun hatte er zum ersten Mal Gäste in seiner Höhle. Mit einer Hand umschloss er seinen geschnitzten Anhänger, den er noch immer um den Hals trug. Ob er den beiden gefallen würde? Ein Lächeln zog sich über sein Gesicht. Er war neugierig was diese Entscheidung noch so für ihn bereit hielt. Eines wusste er auf jeden Fall jetzt schon. Es würde nie mehr so wie früher werden.