Drachenauge - Kapitel 13: Gefangen
Kapitel 13 von 24
Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und freue mich über jede Art von Kommentaren und Kritik
Gruß
Turmalon
„Das vor uns, sollte der Berg sein, zu dem wir wollten!“, meinte Karl und sah von seiner Karte auf.
„Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass wir Rianna dort finden werden“, erwiderte Aaron zweifelnd. „Mir erschließt sich einfach der Grund nicht, wieso sie ausgerechnet hier sein sollten. Nur weil hier einst vor fast einhundert Jahren zwei Drachen lebten, die vielleicht die Eltern des Drachens waren, mit dem Rianna mitgegangen ist. Zumal sie wahrscheinlich schon ebenso lange tot sind. Tabea selbst sagte, dass der Drache, den sie sah, etwa ein Jahr alt war. Ich finde es zwar beeindruckend, dass sie in so kurzer Zeit schon so groß werden aber widerspricht sein Alter nicht der Möglichkeit, dass die hier lebenden Drachen seine Eltern waren?“
„Vielleicht dauert es ja gut ein Jahrhundert, bis ein Drache aus seinem Ei Schlüpft“, überlegte Friedrich achselzuckend, „Das Ei war in dieser Zeit einfach nur gut versteckt, sodass es niemand fand.“
„Das halte ich gar nicht mal für so unwahrscheinlich!“, stimmte Lucia zu. „Früher soll es Drachen gegeben haben, die mehrere tausend Jahre alt waren. Was sollte also dagegen sprechen, dass die Jungen sich so lange Zeit mit dem Schlüpfen lassen?“
„Es macht keinen Unterschied! Ob es nun so ist wie ihr vermutet oder nicht. Es ist nun mal der einzige Anhaltspunkt den wir haben, und diesem gehen wir eben nach!“, erklärte Karl und hoffte so die Diskussion zu beenden. „Denn wenn wir sie dort oben nicht finden, oder wenigstens etwas, dass auf ihren Aufenthaltsort schließt, haben wir ein Problem. Weil wir dann wieder genau so viel wissen, wie zum Zeitpunkt, bevor wir mit Tabea redeten!“
„Und was machen wir, wenn wir tatsächlich nichts finden?“, fragte Lucia.
Karl überlegte eine Weile und meinte dann: „Ich habe mir noch die Standorte der anderen Drachenhorte aus Tabeas Karte markiert. Diese könnten wir ebenfalls aufsuchen. Außerdem sollten wir uns nach Gerüchten über Drachen umhören. Da es davon ja nicht mehr allzu viele geben sollte, dürften wir schnell auf die richtige Fährte stoßen.
„Nicht mehr viele?“ murrte Aaron. „Bis vor wenigen Tagen glaubte ich, dass es keine mehr von ihnen gibt!“
„Vielleicht sollten wir uns dort drüben bei dem Bauernhof nach einer Übernachtungsmöglichkeit erkundigen! Ich bezweifele, dass wir vor Einbruch der Nacht, den Hort finden werden!“, gab Friedrich zu bedenken. „Außerdem können wir uns direkt nach ein paar Gerüchten umhören.“
„Das wäre tatsächlich vernünftiger“, stimmte Karl zu, „Im dunklen auf einen Berg zu steigen wäre zu gefährlich! Vor allem, da sich von uns keiner hier auskennt.“
Umgehend trieben die vier ihre Pferde an und erreichten schnell den Hof. Jedoch stoppten sie in einiger Entfernung, als sie den Zustand bemerkten, in dem er sich befand.
„Das sieht ja furchterregend aus! Was ist hier passiert?“, wollte Lucia entsetzt wissen und vergrub ihr Gesicht unter einem Tuch, das sie um den Hals trug.
„Eine Gruppe Banditen!?“, vermutete Friedrich und hielt sich, wegen der verwesenden Tierkadaver die überall lagen, ebenfalls etwas vor das Gesicht.
„Ich will es zwar nicht völlig ausschließen, aber Banditen bevorzugen normalerweise fahrende Händler und Reisende. Daher kann ich es mir kaum vorstellen“, erwiderte Karl, und betrachtete die zum Teil abgebrannten Gebäude. „Abgesehen von dem Vieh oder den Felderträgen, welches sie stehlen, haben solche Bauern nur sehr selten etwas von Wert für Banditen. Bei Höfen, die so weit von der nächsten Stadt entfernt liegen, kommt es sogar häufig zu Arrangements zwischen beiden Gruppen.“
„Es ist doch egal was hier passiert ist!“, entgegnete Aaron, „Ändern können wir hier dran eh nichts mehr. Außerdem ist es ausgeschlossen, dass ich hier übernachten werde!“
„Nicht weit von hier soll an Fuße des Berges noch ein Dorf an der Küste liegen“, meinte Karl während er wieder auf seine Karte schaute. „Dort wird es mit Sicherheit auch ein Gasthaus geben.“
„Dann können wir nur hoffen, dass diese Dorf nicht ebenfalls so zugerichtet wurde“, zeterte Aaron und verzog das Gesicht.
„Aaron, dein Optimismus ist heute mal wieder nicht auszuhalten!“, erwiderte Karl genervt und wandte sich von dem zerstörten Hof ab. „Kommt jetzt. Ich möchte noch vor Einbruch der Nacht das Dorf erreichen!“
Schnell ließ die Gruppe den halb zerstörten Bauernhof hinter sich und erreichte kurz vor der Abenddämmerung das Dorf.
„Offenbar geht hier mit dem Untergang der Sonne, auch der ganze Ort ins Bett“, meint Aaron als ihm die leeren Straßen vor ihnen auffielen. „Wenn nicht wenigstens in einigen Häusern eine Kerze oder das Kaminfeuer brennen würde, könnte man es für eine Geisterstadt halten!“
„Für solch eine kleine Siedlung außerhalb der Handelswege ist das normal. Die Arbeit wird während des Tages verrichtet und am Abend geht man früh schlafen um am nächsten Morgen wieder mit den ersten Sonnenstrahlen aufzustehen“, erklärte Karl und stieg dann von seinem Pferd. Er übergab die Zügel an Friedrich, der ebenfalls abgestiegen war. „Ich erkundige mich, wo wir hier übernachten können. Denn etwas wie eine Herberge habe ich noch nicht entdeckt und so groß ist das Dorf nicht, als dass man hier etwas übersehen könnte. Ihr wartet hier bitte solange!“
Lucia und Aaron bestätigten Karls Bitte mit einem Nicken und der Späher ging zu der ersten Hütte, von der er glaubte, dass die Bewohner noch wach seien. Gut hörbar aber nicht aufdringlich klopfte er an die Tür und trat dann einige Schritte von ihr zurück. Einige Momente später erlosch der Schein einer Kerze, welchen man bisher in einem Fenster rechts neben der Tür sehen konnte und kurz darauf war dahinter eine Bewegung zu sehen.
„Verschwindet!“, erklang plötzlich eine gedämpfte, raue Männerstimme hinter der Tür.
Karl ließ sich jedoch nicht davon beirren und sagte: „Entschuldigt bitte die späte Störung. Aber meine Begleiter und ich sind nur auf der Durchreise und suchen lediglich einen Platz an dem wir Übernachten können.“
Abermals erklang die Stimme und meinte unfreundlich: „So etwas findet ihr hier nicht. Also verschwindet endlich!“
Karl zeigte Einsicht und trat von dem Haus weg, ging aber ohne Umschweife direkt zum Nächsten. Doch auch dort zeigten die Bewohner ein ähnliches Verhalten. Überall wo er es versuchte, wies man ihn entweder ab, oder reagierte erst gar nicht auf ihn. Gerade als Karl sich von einem Haus abwendete an dem er ebenfalls abgewiesen wurde, öffnete sich die Tür einen Spalt weit.
„Gehen sie doch zu Viktor! Der hilft doch sowieso jedem!“, meinte eine Frau spöttisch. Dabei streckte sie den Arm durch den Spalt und zeigte auf ein Haus, das auf der gegenüberliegenden Straßenseite lag. Trotz des gehässigen Ton der Frau, bedankte sich Karl bei ihr und ging zu dem, ihm gewiesenen Haus.
Ein weiteres, und wie Karl hoffte, letztes Mal klopfte er an eine Tür und trat dann einen Schritt davon zurück. Es dauerte einen Moment bis sich etwas regte, dann aber wurde der Späher zum ersten Mal nicht unfreundlich abgewiesen, sondern höflich gefragt: „Ja bitte? Was wollt ihr?“
Nochmals wiederholte Karl die Worte, die er nun schon einige Male aufgesagt hatte: „Entschuldigt die späte Störung, doch meine Gefährten und ich sind nur auf der Durchreise und suchen nach einer Bleibe für die Nacht. Dabei hat man uns zu euch geschickt!“
„Wie kommt ihr dann auf uns? Dies ist keine Herberge!“, erwiderte die Frau leise.
„Ich bitte um Verzeihung, aber einer ihre Nachbarn meinte, dass man uns hier weiterhelfen würde“, erwiderte Karl entschuldigend. „Womöglich habe ich mich aber auch im Haus geirrt. Die Richtungsangabe war nicht allzu präzise.“
„Nein ich bin mir sicher, dass man euch zu uns geschickt hat“, widersprach die alte Frau, frustriert seufzend. „Alles nur weil mein Mann dem verletzten Mädchen helfen wollte. Und was hat es ihm eingebracht? Er liegt nun selbst schwer verletzt im Bett und keiner hier ist dazu bereit ihm zu helfen! Nicht einmal dieser Quacksalber von einem Möchtegern-Medikus. Alle glauben sie, dass mein Mann Schuld daran trägt, dass Hotrik tot ist. Und nun verhöhnen sie mich auch noch.“
Die Frau hielt kurz inne. Dann schloss sie langsam die Tür und sagte: „Entschuldigt bitte, dass ich euch mit meinen Problemen behellige, aber ich muss mich jetzt wieder um meinen Man kümmern. Bitte geht jetzt!“
„Wartet einen Moment! Vielleicht kann eine Begleiterin von mir euch weiterhelfen!“, schlug Karl vor, „Sie beherrscht einige heilende Fähigkeiten und wäre mit Sicherheit dazu bereit euch zu helfen!“
„Nun, dieses Angebot kann ich wohl kaum ausschlagen“, sagte die Frau nachdenklich, fügte dann aber noch misstrauisch hinzu: „Aber wenn das alles nur ein Trick sein soll, sage ich euch gleich, dass es hier nichts wertvolles zu holen gibt!“
„Fremden scheint man in diesem Dorf allgemein sehr misstrauisch gegenüber zu sein!“, sagte Karl resignierend und rief die anderen mit einer Handbewegung herbei.
„Endlich fündig geworden?“, wollte Aaron wissen, als er Karl erreichte.
„Nicht unbedingt“, erwiderte dieser, woraufhin man ihn fragend ansah. „Lucia! Der Mann dieser Frau ist verletzt. Hättest du die Güte, nachzusehen ob du ihm helfen kannst?“
„Selbstverständlich!“, antwortete Lucia knapp und stieg eilig von ihrem Pferd ab. Auch sie wurde zunächst von der Frau durchdringend gemustert, bat aber dann ihr zu folgen.
„Wartet bitte hier draußen und versorgt die Pferde“, wies Karl Friedrich und Aaron an. „Ich möchte erst klären ob Lucia überhaupt helfen kann. Ob wir hier übernachten können ist noch gar nicht geklärt. Richtet euch daher schon mal darauf ein, dass wir ein Lager aufschlagen müssen!“
Murrend nahm Aaron diese Anweisung hin und ging Friedrich zur Hand.
Indes folgte Karl den beiden Frauen ins Haus. Lucia stand neben einem, im Bett liegenden Mann, von dem der Späher annahm, dass es Viktor sei. Dieser war schweißgebadet und zitterte dennoch am ganzen Körper.
„Was ist passiert?“, wollte Lucia wissen.
„Er hat eine Stichwunde im Bauch!“, antwortete die alte Frau, „ich denke von einem Schwert. Leider kenne ich mit so etwas nicht aus und konnte ihm auch nur behelfsmäßig den Verband anlegen. Viktor kannte sich damit besser aus, da er früher einmal Soldat war und daher oftmals seine Wunden nach einem Kampf selbst versorgen musste. Und aus dem Dorf wollte mir wie gesagt niemand helfen.“
Während der Erläuterung hatte Lucia bereits die Decke und das Hemd, welches Viktor trug, beiseite gezogen. Dann entfernte sie den Verband um seinen Bauch mit einem Messer. Darunter kam die Wunde zum Vorschein aus der Blut und Eiter trat. Umgehend begann Lucia damit alles zu reinigen.
„Die Wunde hat sich bereits entzündet!“, meinte Lucia, wirkte dabei aber gelassen. „Allerdings sorge ich mich mehr um Verletzungen im Inneren.“
Sie legte das Tuch, mit der sie die Wunde säuberte, beiseite und kniete sich dann neben Viktor ans Bett.“
„Ich würde jetzt gerne damit beginnen, die Wunde zu schließen!“, sagte Lucia an Karl gerichtet und legte ihre Hände auf die Wunde. „Allerdings könnte es sein, dass er versucht sich dagegen zu wehren. Würdest du ihn daher bitte festhalten?“
„Geht in Ordnung“, erwiderte der Späher und ging auf die gegenüberliegende Seite des Bettes. Er kniete sich mit einem Bein auf Viktors Beine und drückte dessen Arme, zunächst noch leicht, auf das Bett. Karl wollte darauf warten, dass Lucia anfing, um den Verletzten nicht unnötig zu belasten.
Umso mehr überraschte es ihn, als sie ihre Hände wieder von Viktors Bauch nahm und die Wunde, die darunter klaffte, bereits verschwunden war. Lediglich eine kaum sichtbare Narbe war noch auf der stark geröteten Haut zu sehen.
Karl hatte eigentlich angenommen, dass Lucia sich zunächst noch auf das Kommende vorbereite und deswegen nichts sagte. Aber dass sie bereits mit der Heilung begonnen hatte, war ihm entgangen. Zumal Viktor auch keinerlei Anstalten gemacht hatte sich zu rühren.
„Es ist alles in Ordnung!“, versicherte Lucia und sah lächelnd zu Viktors Frau auf. „Die Klinge hatte keine ernstzunehmenden Verletzungen im Inneren angerichtet. Das Fieber dürfte nun schnell wieder abklingen. Jedoch sollte er sich wenigstens zwei oder drei Tage ausruhen, bis er wieder bei Kräften ist.“
Ungläubig sah die alte Frau Lucia an, ging dann vor ihr in die Knie und griff nach ihren Händen. Die Frau umschloss sie mit ihren eigenen und sagte: „Ich danke euch vielmals! Wie kann ich das nur jemals wieder gutmachen? Sagtet ihr nicht, dass ihr nach einem Platz für die Nacht sucht? Es wäre zwar ein wenig eng, aber es wäre das mindeste was ich euch anbieten könnte.“
„Vielen Dank für das Angebot. Aber euer Mann benötigt jetzt viel Ruhe, die er nicht bekommen würde, wenn vier weitere Personen im Haus wären“, entgegnete Karl ihr und Lucia pflichtete dem kopfnickend bei. „Außerdem habe ich meine anderen beiden Begleiter bereits darum gebeten ein Lager zu errichten.“
„Dann bleibt mir nur übrig, mich nochmals bei euch zu bedanken!“, widerholte die Frau den Tränen nahe und stand gemeinsam mit Lucia wieder auf. Diese verabschiedete sich dann zusammen mit Karl und beide verließen dann die Hütte. Nicht unweit des Dorfes fanden sie Aaron und Friedrich, die nicht untätig waren und bereits das Lager errichtet hatte.
«Wir sind bald da!», teilte Turmalons „innere Stimme“, wie Rianna sie mittlerweile nannte, mit und unterbrach damit das Schweigen, das seit dem Morgen herrschte. In den letzten Tagen hatte sie kaum etwas gesagt und falls doch, dann nur wenn sie sich sicher war, dass Rak'Zunaih sie nicht hören würde. Zwar konnte sich der Drache ohne Schwierigkeiten weiter mit ihr unterhalten, da der Lyzarie, wie Turmalon versicherte, nicht einmal wusste, dass er dazu in der Lage war. Und selbst wenn, hätte Rak'Zunaih es nicht unterbinden können. Jedoch fehlte Rianna die Fähigkeit dazu ihm zu antworten.
Ohne Zweifel hätte ihr unter anderen Umständen auch der Anblick des Waldes gefallen, der seit einer geraumen Zeit dem felsigen Gestein des Gebirges gewichen war und sich weiter erstreckte als das Auge reichte. Da sie nun aber eine Gefangene von Rak'Zunaih war, und es unklar war, ob sich daran jemals wieder etwas ändern würde, schenkte sie dem Wald nur einen gleichgültigen Blick. Sie vermochte es nicht, ihm in ihrer Situation, etwas Schönes zu entlocken.
Als dann jedoch immer wieder etwas zwischen dem dichten Blätterwerk aufblitzte, war Rianna Aufmerksamkeit geweckt. Irgendwann ging ihr dann auf, dass dies die Sonne war, die sich dort unten im Wasser spiegelte. Es schien als wären große Teile des Waldes überflutet.
„Ein Sumpf?“, murmelte Rianna schließlich leise vor sich hin. Sie rief sich die Karte ihre Vaters in Erinnerung, die in dessen Laden an der Wand hing. Obwohl sie nur wenige Details kannte, gab es eines, an das sie sich sehr genau erinnern konnte. Denn schon oft hatte sie sich gefragt, was es mit dem großen leeren Flecken auf sich hatte, der sich südlich von Calay befand. Irgendwann fragte sie ihren Vater nach dem Ort, der einerseits als „Bruchwald“ aber auch „Sumpf der Verlorenen“ genannt wurde. Otwin antwortete ihr darauf mit: „Dieser Sumpf ist ein riesiger Wald. Alle die es gewagt haben zu tief in ihn hinein zu dringen, um ihn zu erkunden oder zu besiedeln, wurden niemals wieder gesehen!“
Zwar konnte Rianna nicht mit Sicherheit sagen, dass sie sich tatsächlich über diesem Sumpf befanden, so gab es doch auch kaum eine andere Möglichkeit. Da Turmalon fast den gesamten Flug über in südöstliche Richtung flog und somit ziemlich genau auf diesen Punkt.
Sie würde nun also herausfinden müssen, wie viel Wahrheit in der Erklärung ihres Vaters lag. Was ihre Zuversicht, hier jemals wieder wegzukommen nur noch mehr schmälerte. Immer mehr musste sie darauf vertrauen, das Turmalon einen Ausweg fand. Zwar hatte sie keinerlei Zweifel daran, dass er dies bewerkstelligen konnte, doch hatte sie zumindest gehofft, selbst eine Lösung zu finden oder jemand der ihr hilft. Hier draußen schien dies jedoch sehr unwahrscheinlich zu sein.
Plötzlich vernahm Rianna ein entferntes Brüllen zu ihrer Rechten, dass sie stark an Turmalons Schreie erinnerte. Fieberhaft hielt sie nach der Quelle des Schreis Ausschau. Doch erst als er ein weiteres Mal erschallte, dieses Mal viel näher, erblickte sie über sich einen Schatten, der sich neben ihnen herabsenkte.
Gleichermaßen erstaunt und erschrocken beobachtete sie einen anderen Drachen, der neben ihnen herflog und auf dem ebenfalls ein Lyzarie im Sattel saß. Dieser schlug seine Faust zweimal auf die Brust und hob sie dann zum Gruß. Rak'Zunaih schien ihm dies gleich zu tun, gab ihm daraufhin aber zusätzlich einige Handzeichen. Der Lyzarie auf dem zweiten Drachen nickte kurz, ließ sich ein wenig zurückfallen und folgte dann an Turmalons rechter Seite.
«Das ist Kobala», erklärte Turmalon, «und auf ihr reitet Ksatol. Einer von Rak'Zunaihs engsten Untergebenen!»
„Auf Ihr?“, überlegte Rianna kurz und merkte sich die Namen. Sie konnte sich von Kobalas Anblick nicht mehr losreißen. Bis auf die schneeweißen Schuppen am Bauch, erstrahlte der Drache in einem Himmelblau. Und ähnlich wie bei Turmalon prangten am Ende ihres schmalen Kopfes vier weiße Hörner. Zwar war sich Rianna nicht ganz sicher, aber sie hatte den Eindruck gewonnen, dass Kobala fast eine halbe Körperlänge größer war als Turmalon. Dies zeigte sich auch an der Spannweite der Flügel. Dennoch wirkten ihre Bewegungen sehr anmutig.
Erschreckend fand Rianna allerdings, was sie in den tiefblauen Augen des Drachens zu erkennen glaubte. Sie wirkten leer und völlig emotionslos.
Lange sah Rianna ihr in diese Augen, bis die Drachin den Blick erwiderte. Beinahe sofort änderte sich der Ausdruck von einem teilnahmslosen, zu einem verzweifelten. Dabei öffnete sie leicht ihr Maul und Rianna glaubte ein leises Wimmern zu hören. Vermutlich war es aber auch nur der Wind, der ihr um die Ohren blies.
Da Rianna den hilfesuchenden Blick von Kobala nicht mehr ertrug, wandte sie sich von ihr ab und fragte sich, ob es das war, was Rak'Zunaih meinte. Er sagte, dass er mit Turmalon damals besser dasselbe getan hätte wie mit seinen Geschwistern. Dann schaute Rianna doch nochmal zurück zu der blauen Drachin. Jedoch war Kobala wieder ihrer Lethargie verfallen und starrte stur nach vorne.
„Wir sind gleich da!“, sagte nun auch Rak'Zunaih, weswegen Rianna ebenfalls wieder nach vorne sah.
Vor ihnen tat sich jedoch etwas auf, was sie hier nicht erwartet hätte. Oder zumindest nicht in dieser Größe. Eine Stadt, die innerhalb einer kreisrunden Felsformation oder einem Krater gebaut wurde. Diese Felsen wirkten dabei wie eine dicke, hohe Mauer, die um die Stadt errichtet wurde und den umgebenden Sumpf fern hielt.
Im Zentrum der Stadt überragte ein steinernes Gebäude die unzähligen, wesentlich kleineren Häuser, von denen es umringt war. Von diesem großen Bau aus, führten in alle vier Himmelsrichtungen je eine breite Straße zu einem kleineren Abbild des Zentralgebäudes, die ebenfalls von einer kleineren Stadt umgeben war. Die restliche Fläche des Kraters war von einem lichten Wald bedeckt, dessen Boden nur wenig mit dem Morast außerhalb der Felsmauern gemein hatte.
Da sie offenbar ihr Ziel erreicht hatten, wurde Turmalon langsamer und flog auf eine der äußeren Stadtteile zu. Um genauer zu sein auf eine riesige, menschenähnliche Statue, die in die Felswand gehauen war und eine Plattform über ihrem fehlenden Kopf trug. Zwischen den Gebäuden, in den Straßen und Gassen der Stadt tummelten sich Unmengen von Lyzarie. Einige sahen auf als der Drache über sie hinwegflog. Doch störte sich offensichtlich niemand am Auftauchen der beiden Drachen.
Wäre der Anblick der ganzen Lyzarie für Rianna nicht so befremdlich gewesen, hätte sie ihr Treiben mit dem alltäglichen Verhalten der Menschen in ihrer Heimat verwechselt. Aber vielleicht gerade deswegen keimte in ihr die Hoffnung, dass nicht alle Mitglieder dieser Rasse so wie Rak'Zunaih sein. Doch wusste sie nicht, wie die Lyzarie auf einen Menschen reagieren würde.
Turmalon hatte derweilen damit begonnen, einen weiten Kreis um den Platz zu ziehen, den die Statue stützte. Und als wäre der Anblick dieser Stadt und von Kobala nicht schon genug für Rianna gewesen, befanden sich auf ihm zwei weitere Drachen, die sich gegenseitig belauerten.
Der eine, ein steingrauer Drache schlich in einer ähnlich geduckten Haltung, wie Rianna sie von Turmalon kannte, um einen etwas größeren, Grün-braunen, der ebenfalls in dieser Haltung verharrte. Aber außer ihrer Schuppenfarbe und dem Größenunterschied glichen sie Kobala und Turmalon.
Plötzlich gab Turmalon ein ohrenbetäubendes Brüllen von sich. Augenblicklich brachen die beiden Drachen ihren Kampf ab und schauten, ebenfalls wie einige der anwesenden Lyzarie, in den Himmel. Turmalon wollte wohl, das die Beiden aus dem Weg gingen, damit er genügend Platz hatte zum Landen. Stattdessen zogen sich die Drachen aber, fast schon panisch, wie geschlagene Hunde zurück. Zwar versuchten einige der Lyzarie sie daran zu hindern, doch verzogen sie sich schnell durch einen gemauerten Eingang, der in den Berg führte.
„Beeindruckend!“, meinte Rak'Zunaih doch bereits der Klang seiner Stimme strafte seine Aussage lügen. „Trotz dass sich die Beiden immer wieder gegenseitig beweisen müssen wer von ihnen der Stärkere ist, wissen sie ganz genau wer von euch Dreien der Stärkste ist!“
Ein verachtendes Schnauben war das Einzige, was Turmalon dieser Bemerkung abgewinnen konnte und setzte dann auf den Steinplatten der Plattform auf. Kurz darauf landete auch die Drachin neben ihm und Rianna konnte nun den tatsächlichen Größenunterschied der beiden erkennen. Während Turmalon in etwa dieselbe Schulterhöhe wie Rianna hatte, so überragte Kobala sogar ihren Kopf. Und zu seiner Körperlänge kam bei ihr noch einmal drei bis vier Schritt hinzu.
Ksatol stieg genau wie Rak'Zunaih ab, doch sagte er noch etwas zu dem blauen Drachen, woraufhin sie es ihren beiden Artgenossen gleich tat und durch den Eingang verschwand. Die beiden Lyzarie gingen hingegen zu einer kleineren Gruppe die etwas abseits der anderen standen.
Rianna konnte nur abwarten, was als nächstes geschehen würde, da sie noch immer mit Händen und Füßen an den Sattel gefesselt war. Aber auch so hätte sie Turmalon Nähe bevorzugt.
«Die beiden Lyzarie, die nun bei Rak'Zunaih und Ksatol stehen, sind ebenfalls enge Vertraute von ihm», begann Turmalon abermals zu erklären. «Zariah, die Frau zu seiner Rechten ist die Reiterin von Skir dem grünen Drachen. Derjenige, der ihm gegenüber steht heißt Nandris. Er reitet auf Taron dem grauen Drachen. Mehr weiß ich leider nicht über sie, außer, dass sie alle drei Untergebene von Rak'Zunaih sind. Genau wie die meisten, der hier in diesem Teil der Stadt lebenden und als Krieger bezeichneten Lyzarie.»
Leise bedankte sich Rianna für diese Erklärung. Allerdings wusste sie nicht viel damit anzufangen. Zumal es ihr sehr schwer fiel die Lyzarie voneinander zu unterscheiden. Hätte Turmalon nicht erwähnt, welche von ihnen die Frau war, hätte sie nicht auf Anhieb erkennen können, wen er meinte. Wobei ihr bei längerer Betrachtung klare Unterschiede auffielen.
Nach einer Weile kam ein völlig außer Atem geratener Lyzarie durch die Pforte herbei gerannt und sah sich kurz um. Als er Rak'Zunaih entdeckte, eilte er zu ihm und grüßte ihn mit der gleichen Geste, wie es zuvor auch all die anderen taten. Während er noch nach Luft schnappte, versuchte er etwas zu sagen, was ihm aber erst nach einigen Anläufen gelang.
«Die japsende Gestallt ist Yamis, Rak'Zunaih Diener oder Laufbursch. So ganz sicher bin ich mir nicht was seine eigentliche Aufgabe ist. Allerdings spielt er sich gerne auf und glaubt hier das sagen zu haben. Die meisten lassen sich jedoch nur dann von ihm herumscheuchen, wenn Rak'Zunaih anwesend ist.»
Mehrfach deutete Rak'Zunaih auf Rianna und Turmalon während die beiden Lyzarie sich miteinander unterhielten. Dann winkte Yamis einen der Umstehenden Kämpfer herbei und selbst ohne dass Rianna die Sprache verstand, wusste sie, dass er einige Anweisungen weitergab. Da Yamis nun ebenfalls in ihre Richtung gestikulierte, war für sie klar, dass es etwas mit ihr zu tun haben musste.
Wie erwartet kam kurz darauf der herbeigerufene Lyzarie auf die Beiden zugelaufen. Doch blieb er abrupt stehen, als Turmalon ihn zähnefletschend anknurrte. Mit nach vorne gerichteten Armen, so als wollte er den Drachen beruhigen, näherte er sich nun wesentlich langsamer, bis er neben dem Sattel stand. Dann begann er das Seil an Riannas linkem Bein und das, mit dem ihre Hände am Sattel festgebunden waren zu lösen. Als er damit fertig war sagte er etwas zu ihr, was sie jedoch verstand und deutete dabei auf den Boden.
„Wenn du willst, dass ich absteige, solltest du auch mein anderes Bein losbinden!“, erwiderte Rianna und zeigte auf ihr rechtes Bein. Wie sie sich aber auch hätte denken können, verstand der Lyzarie offensichtlich kein Wort von dem was sie sagte, da er sie nur fragend ansah und immer noch auf den Boden zeigte. Daraufhin zerrte Rianna an dem Seil, sodass die Lederriemen samt dem Sattel zu verrutschen begannen.
Dies schien der Lyzarie nun endlich zu begreifen und wechselte murrend auf die andere Seite. Da Turmalon aber klar gemacht hatte, dass der Lyzarie ihm nicht zu nah kommen sollte, ging dieser hinter dem Drachen vorbei.
Wie rein zufällig ließ Turmalon seinen Schwanz von der einen zur anderen Seite schnellen. Der Lyzarie sah ihn jedoch auf sich zu kommen, reagierte rechtzeitig und sprang einfach über ihn drüber.
Der Hohn, der in dem lag was er daraufhin sagte, war für Rianna kaum zu überhören. Aber auch Turmalon erkannte dies, quittierte seine Bemerkung mit einem verachtenden Schnauben und wandte sich von ihm ab.
Noch immer spottend führte der Lyzarie seinen Weg fort. Wurde dann aber, zu Belustigung aller Anwesenden, doch noch von den Füßen gerissen, als Turmalons Schwanz wieder zurück peitschte.
Ächzend lag der Lyzarie nun mit dem Rücken auf den Steinplatten, die den Boden bedeckten. Er brauchte einen Moment, bis er realisierte was geschehen war und raffte sich dann langsam wieder auf die Beine.
Begleitet von dem Gelächter der anderen, taumelte der Lyzarie einige Schritt von dem Drachen weg. Selbst Turmalon hatte ihm seinen Kopf wieder zugewandt und feixte ihn triumphierend an.
Das Gelächter im Hintergrund verstummte jedoch als der Lyzarie seine Wut dem Drachen entgegen brüllte. Allerdings genügte es, dass sich Turmalon einen Schritt in seine Richtung drehte und ihn erneut anknurrte. Vor Schreck stolperte der Lyzarie zurück und lag wieder am Boden.
Ein weiteres Mal erntete er den Spot der Anwesenden, was seine Gesichtsfarbe deutlich von hell- zu dunkelgrün wechseln ließ. Ob aus Scham oder Zorn, vermocht Rianna nicht zu sagen.
Jedoch wurde es rasch wieder still, als Yamis das Wort erhob. Offenbar wurde ihm das Spektakel, welches Turmalon und der Lyzarie veranstaltete zu viel. Die harschen Worte von Yamis zeigten bei dem Lyzarie Wirkung. Ohne weiter auf Turmalon zu achten, ging er an den Drachen heran und löste nun auch das Seil an Riannas rechtem Bein.
Um nicht unnötigerweise ebenfalls den Zorn des Lyzarie auf sich zu ziehen, stieg Rianna ab ohne dass er sie ein weiteres Mal darum bitten musste. Doch kaum stand sie auf festem Boden, stieß er sie in Richtung des Durchgangs und zischte etwas in seiner Sprache.
Verunsichert dadurch, nicht zu wissen wohin sie gebracht wird und was sie dort erwarten würde, zögerte Rianna. Auch wenn Rak'Zunaih sie schon seit einigen Tagen in seiner Gewalt hatte, so war Turmalon doch immer in ihrer Nähe. Nun aber wurden die Beiden voneinander getrennt, wodurch der jungen Frau diese Situation erst so richtig bewusst wurde. Ein weiteres Mal drängte der Lyzarie Rianna zum Gehen und stieß sie abermals. Nun aber Knickte Rianna um und fiel, mit einem kurzen Aufschrei, zu Boden.
Dadurch alarmiert, schritt Turmalon sofort ein. Begleitet von einem wutentbrannten Schrei, schleuderte er den Lyzarie mit einem kräftigen Hieb seiner Vorderpranke Richtung der Felswand, wo er auf halbem Weg liegen blieb. Dies schien aber keiner der Anderen mehr witzig zu finden, denn alle zogen ihre Äxte oder Schwerter. Nur ein Befehl von Rak'Zunaih hielt sie noch davon ab, den Drachen anzugreifen. Nach einem weiteren Befehl, steckten zwei der Lyzarie ihre Waffen wieder weg und gingen auf Rianna zu. Doch um Rianna zu schützen stellte Turmalon sich auch ihnen in den Weg und hielt sie mit einem Knurren auf Abstand.
„Was glaubst du eigentlich, was das werden soll?“, fragte Rak'Zunaih erzürnt „Du scheinst es noch immer nicht verstanden zu haben. Ich werde sie ohne zu zögern töten, wenn du nicht endlich tust was ich von dir verlange! Und bevor du wieder mit deinen lächerlichen Drohungen anfängst, sage ich dir gleich, dass sie mir egal sind. Es gibt genügend Mittel um dich auf anderem Wege gefügig zu machen. Für was also Entscheidest du dich?“
Turmalon warf einen besorgten Blick zu Rianna und anschließend einen Hasserfüllten zu Rak'Zunaih. Verabscheuend schnaubend ging er nun ebenfalls durch die Pforte in der Mauer. Jeder der dem Drachen dabei im Weg stand wurde mit einem zähnefletschenden Knurren davon überzeugt, zur Seite zu gehen.
Nachdem der Drache im Inneren verschwunden war, erinnerten sich die beiden Lyzarie wieder an ihre Anweisung und gingen zu Rianna. Einer packte das Seil mit dem ihre Hände gefesselt waren und zerrte sie daran auf die Füße. Dann ging er voraus, zog sie hinter sich her und folgte dem Drachen, während der Zweite hinter ihr blieb.
Der Raum den sie nun betraten erinnerte Rianna stark an die große Höhle, tief im Berg des Drachenhortes. Wie dort gab es auch hier einige Nischen in den Wänden, jedoch nur zwei Ebenen hoch. Ebenfalls war anders, dass man die obere Ebene an der ein breiter Gang entlanglief, durch zwei Treppen erreichen konnte. Die meisten der oberen Wandvertiefungen waren jedoch mit Holzwänden zu gebaut, in denen sich jeweils eine Tür befand.
Skir und Taron lagen auf der linken Seite, nebeneinander, jeweils in einer der Nischen, in die sie sich so tief es ging verkrochen. Die Beiden hielten dabei Turmalon die ganze Zeit im Auge, der ihnen gegenüber auf der rechten Seite lag. Dieser hatte jedoch keinerlei Interesse an den zwei Drachen, sondern verfolgte nur wohin die Lyzarie Rianna brachten. Kobala schien dies alles nicht zu interessieren. Sie lag dösend in ihrem Abteil gegenüber des Eingang.
Rianna wurde zu einer schmalen, in den Fels geschlagene Treppe geführt, die sich kreisförmig nach unten durch den Berg wandte. Damit man sah wo man hintrat hingen alle paar Stufen Fackeln an der Wand, von denen einige bereits erloschen waren.
Unzählige Stufen später erreichten sie endlich das Ende des Ganges und kamen zwischen den Füßen der Statue wieder ans Tageslicht.
Vor ihnen lag nun, in einigen hundert Schritt Entfernung, eines der äußeren Stadtviertel, dass sie über einen gepflasterten Weg erreichten. Ab da ging es durch ein wirr angelegtes Netzt aus Straßen und Gassen, die zwischen den eng an eng stehenden Häusern lagen. Diese bestanden alle aus glattem Stein, der von den Felsen stammen musste, von denen sie umringt waren.
Irgendwann kam der große Bau, der das Zentrum des Stadtviertels ausmachte, in Sicht. Nur wenige Momente später verließen die beiden Lyzarie mit Rianna das Wirr der Gassen und erreichten den Rand eines Platzes, der das Gebäude umringte. Dieser war unverkennbar ein Markt. Überall waren Lyzarie und priesen ihre Waren an oder standen davor und begutachteten diese.
Der Anblick eines Menschen ließ sie jedoch all ihre Geschäfte vergessen und jeder versuchte einen Blick auf das Mädchen zu erhaschen. Dies und das Tuscheln der Lyzarie, an denen Rianna vorbei kam, lasteten nun zusätzlich auf ihr und machten ihr umso mehr zu schaffen. Sie kam sich vor wie ein exotisch aussehendes Tier, das man durch die Stadt trieb und zur Schau stellte. Wobei dies der Wahrheit gar nicht mal so fern kam. Vermutlich war sie der einzige Mensch in dieser Stadt und dessen Bewohner wollten wissen wer oder was sie war. Daher beschleunigte Rianna ihren Schritt, rempelte dabei aber ihre vor ihr gehende Wache an, da sie mehr mit der Umgebung beschäftigt war, als darauf zu achten wohin sie lief.
Umgehend drehte sich der Lyzarie zu ihr um, verpasste ihr eine Ohrfeige und zischte ihr etwas zu. Ein Raunen ging durch die Menge, wodurch Rianna klar wurde, das sie nur noch mehr Aufmerksamkeit erzeugt hatte. Sie hielt sich mit den gefesselten Händen die Wange und sah ihre Wache überrascht an. Diese wandte sich jedoch wieder ab und ging weiter. Ein kräftiger Ruck am Seil riss Rianna wieder aus ihrem Schock und erinnerte sie daran weiter zu gehen.
Ihr Weg führte sie direkt an dem zentralen Gebäude vorbei, als einige in edel aussehende Roben gekleidete Lyzarie heraus kamen. Einige der Umstehenden gingen sofort vor ihnen auf die Knie, sodass der Eindruck entstand, dass es sich hier um Adelige handelte oder sie einer Gottheit dienten. Da das Bauwerk aus dem sie traten eher einem Tempel nahe kam, war wohl letzteres am Wahrscheinlichsten.
Für Rianna ging es weiter über die breite Straße, die diesen Stadtteil mit den anderen verband, verließen ihn jedoch nicht. Etwa auf der Hälfte des Weges hielt der Lyzarie, der sie am Seil hinter sich her zog, auf ein Haus zu. Über dessen Tür war ein Schild oder Wappen in den Stein gehauen auf dem drei Wellenlinien zu sehen waren.
Viel Zeit hatte Rianna nicht sich Gedanken darum zu machen, was dieses Zeichen bedeuten konnte. Der Lyzarie öffnete die Tür und ging hindurch. Sie standen nun in einem schmalen, fensterlosen Gang, der von einigen Fackeln erhellt wurde und an dessen Ende eine Falltür in den Boden eingelassen war. Beunruhigender fand Rianna aber die kreisrunden und zum Teil vergitterten Öffnungen, die mit einigem Abstand voneinander in der abgeschrägten Wand klafften, und in denen nur Dunkelheit herrschte.
In einigen der Öffnungen hingen Seile nach unten, während sie bei den anderen davor lagen.
Der Lyzarie, der bisher immer hinter Rianna war ging nun voraus. Er nahm sich eine der Fackel und hielt sie nacheinander in die Luken, um einen Blick hineinzuwerfen.
Eiskalt lief es Rianna den Rücken hinunter als dabei aus einer der Löcher ein gequältes Stöhnen erklang. Ein gehässiges Lachen und einige vor Spot triefende Bemerkungen kamen von dem Lyzarie mit der Fackel, bis er sich der nächsten Öffnung zuwandte. Ein weiter prüfender Blick folgte. Dann trat er das vor ihm liegende Seil in das Loch, machte zwei Schritte davon weg, und zeigte mit einer zischenden Bemerkung darauf. Der zweite Lyzarie entfernte Rianna die Handfesseln, und gab ihr einen Stoß in Richtung des anderen.
Ungläubig starrte Rianna in die Dunkelheit als sie vor der Öffnung stand. Kopfschüttelnd trat sie einen Schritt zurück. Dort wollte sie unter keinen Umständen rein. Dabei wäre sie beinahe, zur Belustigung der beiden Lyzarie, in das Loch gestolpert welches sich hinter ihr befand. Doch verstummten sie schnell wieder und einer der Beiden zeigte abermals, während er drohend etwas knurrte, auf die vor ihr liegende Lucke. Nur zögerlich hockte sich Rianna auf den Rand der Öffnung und kletterte am Seil hinab in die Dunkelheit. Als sie unten ankam, stolperte sie vor Schreck einige Schritt zurück und rutschte dabei beinahe auf dem glitschigen Untergrund aus. Fast knietief stand Wasser in dem, was wohl nun ihre Zelle sein würde. Zumindest hoffte sie, dass es Wasser war. Denn nach dem Geruch zu urteilen, der hier herrschte, waren es wohl eher irgendwelche Ausscheidungen.
Mit vor dem Mund und Nase gehaltener Hand unterdrückte Rianna ihre Übelkeit. Ihr Magen war aber sowieso leer, da sie seit Tagen nur die Reste bekommen hatte, die Rak'Zunaih ihr, wie einem Hund, zugeworfen hatte.
Kurz wurde der Raum in dem sich Rianna nun befand, durch die Fackel erhellt, als der Lyzarie einen weiteren Blick hinein warf. Zu kurz und nicht gut genug, damit sie sich einen Überblick verschaffen konnte. Ihr blieb nur noch übrig mit anzusehen, wie das Seil wieder nach oben gezogen und der Zugang ebenfalls mit einem Gitter verschlossen wurde. Hörbar amüsiert verließen die beiden Lyzarie schließlich den Gang.
„Ah, ein Glück. Ihr seid noch nicht weitergezogen!“, bemerkte Viktors Frau Maria erfreut, als sie die Gruppe am nächsten Morgen dabei vorfand, wie sie ihr Lager abbrach.
„Ist etwas passiert?“, fragte Lucia besorgt, „geht es eurem Mann nicht gut?“
Maria lachte kurz euphorisch auf und meinte dann: „Dem geht es schon wieder viel zu gut. Glaubt ihr es würde seiner Gesundheit schaden, wenn ich ihn ans Bett fessele, damit er darin liegen bleibt?“
„Wenn ihr nicht zu grob dabei seid, sollte eigentlich nichts passieren“, erwiderte Lucia amüsiert, „Es ist schön zu hören, dass es ihm wieder gut geht. Aber was führt euch dann du uns?“
„Nun, Viktor will es sich nicht nehmen lassen, euch persönlich zu danken“, erklärte Maria, „Außerdem habe ich mir erlaub eine Stärkung für euch zuzubereiten!“
„Vielen Dank. Wir sind gerade fertig geworden und kommen der Einladung gerne nach“, sagte Karl und reichte Friedrich eine Decke, die er zuvor zusammen gefaltet hatte. Während dieser sich noch darum kümmerte, dass alles verstaut wurde, folgten Lucia, Karl und Aaron Viktors Frau zurück in ihre Hütte.
Vorsichtig klopfte Maria an eine Tür und öffnete sie als von drinnen ein leises „Ja?“ erklang. Umgehend richtete Viktor sich aus seinem Bett auf als alle das Zimmer betraten.
„Wie ich sehe, geht es euch schon deutlich besser“, bemerkte Lucia erfreut.
„Ich fühle mich zwar noch sehr schwach und bin so müde, dass ich zwei Tage am Stück schlafen könnte“, erwiderte Viktor mit heiserer Stimme, „aber ihr habt recht! Im Vergleich zu gestern geht es mir bedeutend besser. Ich nehme an, dass ich dies euch zu verdanken habe, werte Dame?“
„Das ist richtig!“, bestätigte Lucia nickend.
„Auch wenn meine Frau es bestimmt schon in meinem Namen getan hat, möchte ich mich dafür bedanken. Auch dafür, dass ihr bescheidener weise keine Gegenleistung verlangt. Es sollte mehr Menschen wie euch geben!“
„Wenn man eure Mitmenschen in diesem Dorf als Vergleich nimmt, kann ich diesen Wunsch sehr gut nachvollziehen!“, sagte Karl daraufhin verachtend.
„Bitte nehmt ihnen ihr Verhalten nicht übel. Im Grunde sind es alles gute Leute!“, widersprach Viktor. „Aber nach dem was hier in den letzten Tagen vorgefallen ist, kann man ihnen ihr Misstrauen Fremden gegenüber nicht verübeln.“
„Was auch immer passiert sein mag, rechtfertigt das, einen der eigenen Leute im Stich zu lassen?“, hakte Lucia energisch nach.
„Eigentlich war das erst der Fall, als man Hotrik fand“, erklärte Maria woraufhin Viktor sie überrascht ansah. Ihm zugewandt fuhr sie fort: „Als man dich gefunden hatte, sollst du zum Teil wirres Zeug von dir gegeben haben. Unteranderem aber auch, das Hotrik …“
„… tot ist!“ vervollständigte Viktor der Satz und sah niedergeschlagen zu Boden. „Als ich den Beiden gefolgt bin, fand ich ihn leider schon tot auf dem halben Weg den Berg hinauf. Ich bin mir sicher, dass es der fremde Mann war …“ Nach dem er dies sagte, lachte er kurz verbittert auf, und erzählte dann weiter: „Ein Mann. Ich bin mir nicht einmal sicher was er war. Aber auf keinen Fall war er ein Mensch. So jemanden habe ich noch nie zuvor gesehen. Ihm habe ich auch die meine Verletzung zu verdanke! Hätte ihn Turmalon nicht mit über die Klippe gezerrt, wäre es mir nicht besser als Hotrik ergangen.“
Nun waren es Aaron und Karl, die den alten Mann überrascht ansahen als dieser Name fiel. Obwohl er sich die Antwort auch denken konnte fragte der Späher: „Ihr meint nicht zufällig einen schwarzen Drachen, der euch zur Hilfe geeilt ist?“
Augenblicklich begann Viktor den Späher misstrauisch zu mustern und verlangte seinerseits zu erfahren: „Weswegen wollt ihr das wissen? Seid ihr etwa auch auf der Jagd nach ihm, weil er angeblich irgendwelche Städte zerstört haben soll?“
„Nein, keines weg!“, beteuerte Karl. „Aber wisst ihr ob ihn eine junge Frau begleitet hat?“
Viktor beäugte Karl noch immer argwöhnisch, nickte jedoch auf seine Frage.
„Wo ist sie? Geht es ihr gut?“, wollte nun Aaron lautstark wissen und machte dabei einige Schritt auf Viktor zu.
„Immer mit der Ruhe mein Junge. Aber deiner lebhaften Reaktion entnehme ich, dass dir an ihrem Wohlbefinden tatsächlich etwas liegt!“, meinte Viktor überzeugt und erzählte dann, was alles geschah seit Turmalon Rianna zu ihm gebracht hatte.
„Das letzte was ich von den Beiden gesehen habe, war, wie sie davonflogen und sie mir, wie gesagt, das Leben retteten. Wo hin sie sind und wie es ihnen geht weiß ich leider nicht. Ich hoffe nur, sie konnten diesem Echsen-Mensch entkommen. Er fiel nur wenige Augenblicke, nachdem Turmalon ihn mit sich gerissen hatte wieder zu Boden. Ich sah jedoch nicht wohin. Vielleicht liegt er ja sogar noch irgendwo oben am Berg.“
„Da wir ohnehin vor hatten auf den Berg zu steigen, können wir nach diesem Wesen Ausschau halten“, versprach Karl und überlegte kurz. „Ihr erwähntet vorhin einen Pfad, der zu dem Hort führt. Könntet ihr mir erklären, wo wir diesen finden können?“
„Ich kann euch auch genauso gut zeigen wo er ist!“, schlug Maria vor. „Es ist nicht weit von hier.“
Ohne Probleme erreichten die vier den Hort nach dem Maria ihnen den Pfad zeigte. Einen Echsen-Mensch wie Viktor ihn beschrieben hatte, oder etwas ähnliches, endeckten sie allerdings nicht.
Im Inneren des Hortes fanden sie ein wüstes Durcheinander von allerlei Gebrauchsgegenständen vor, die überall in der Höhle verteilt lagen. Sie sahen sich um und suchten nach allem was ihnen irgendwie weiterhelfen könnte Rianna zu finden.
„Hast du etwas gefunden?“, fragte Lucia, als sie bemerkte dass Aaron bereits eine ganze Weile auf einen Gegenstand in seinen Händen starrte.
„Ja! … naja eigentlich nicht …“ antwortete er nachdenklich, und hielt ihr dann eine Kette entgegen, an der eine zerbrochen Muschel hing und mit vielen Kleinigkeiten behangen war, die man im Wald oder an Gewässern fand. Zu seinen Füßen lagen die anderen Reste der Muschel. „Diese Kette habe ich Rianna geschenkt als wir noch Kinder waren. Sie war viel zu schwer als dass man sie hatte tragen können. Dennoch hatte Rianna sich sehr über dieses Geschenk gefreut. Ich wusste gar nicht, dass sie die Kette noch besitzt …“