Kapitel 30
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Kapitel 30
das Arrangement
Robert Mitchell sortierte, nachdem seine Mutter sehr eindringlich mit ihm geredet hatte, seine Gedanken und überdachte seine Einstellung grundlegend.
Er kehrte ins Großlabor ein, sah seine Mutter und die anderen Wissenschaftler an, dann zum Hybriden und nickte leicht.
„Nun gut, sei es drum“, hub er an. „Wir werden es nicht töten und neugierig wie wir nun mal sind, beobachten wie er sich entwickelt. „
„Sehr gute Entscheidung, Robert“, lobte seine Mutter und lächelte ihn freundlich an.
„Und wenn wir schon alle hier sind... sollten wir die Gelegenheit nutzen und versuchen ihm zu vermitteln, dass wir keine Gefahr darstellen und wir ihn mal untersuchen. Mich würde jetzt interessieren, was er ist und was er alles an Überraschungen zu bieten hat“, verkündete Mitchell und fuchtelte auffordernd mit dem linken Zeigefinger.
Die erste echte Kontaktaufnahme mit dem Hybriden war geprägt von skurrilen Missverständnissen.
O'Connor ging einen Schritt auf ihn zu, zeigte auf sich, tippte sich dabei vor die Brust und nannte seinen Namen. Das Wesen sah ihn fragend an, verstand ihn definitiv nicht und runzelte etwas die Stirn, sofern man diese unter der mittlerweile getrockneten und üppig gewordenen Löwenmähne, sehen konnte.
Er wiederholte den Vorgang nochmals, aber das Ergebnis blieb das Gleiche. Schließlich nahm er sich ein Herz, tippte sich nochmals vor die Brust, nannte wieder seinen Namen, kam sich dabei vor wie in der Urzeit, drehte die Hand und den Zeigefinger in Richtung des Hybriden und wollte ihm vor die Brust tippen, aber beim Versuch blieb es.
Ohne Vorwarnung, packte dieser die Hand des Wissenschaftlers, hielt sie fest, sah sie sich an. O'Connor erstarrte unter Schock, rührte sich nicht mehr, hatte die Befürchtung, dass er geliefert wäre. Allerdings geschah etwas ganz anderes, denn der Hybrid hielt seine Hand zwar weiterhin gepackt, entblößte jedoch seine rechte Brust, sah wieder auf O'Connors Hand, dann auf seinen rechten Bu-sen, hob diesen plötzlich an, ließ ihn wieder los, strich kurz darüber und fuchtelte eindeutig ablehnend mit seinem Zeigefinger vor dessen Gesicht. Danach ließ er O'Connors Hand wieder los und schüttelte den Kopf.
„Damit wäre eine Frage beantwortet“, sagte Haddad.
„Ja. Es lässt sich nicht gerne an die Titten fassen“, entglitt es O'Connor ungebührlich.
Dafür erntete er auch sogleich mehrere böse Blicke und zuckte in sich zusammen. „Na ja. Immerhin war die Reaktion mehr als deutlich.“
„Immerhin wissen jetzt aber auf jeden Fall, dass unser Hybrid ein Selbstbewusstsein hat und scheinbar genau zwischen gebührlichen und ungebührlichen Berührungen unterscheiden kann“, intonierte Mitchell. „Wir sollten ihn trotzdem untersuchen und versuchen ihn auf einen Untersuchungstisch zu be-kommen.“
„Warum? Unsere ersten Tests können wir auch im Stehen machen. Allerdings sollten wir einige Körperpartien auslassen“, gab Dupont zu bedenken.
„Hmmm... du hast recht. Nachdem er sehr eindeutig angezeigt hat, dass er Berührungen an seinen sekundären Geschlechtsmerkmalen nicht duldet, sollten wir die primären ganz vergessen“, bestätigte Mitchell.
„Eben und dahingehend müssen wir uns keine Sorgen machen.“
„Ich wäre soweit“, verkündete Natascha Winewska und hatte sich bereits mit mehreren Messinstrumenten bewaffnet.
„Gut!“, stimmte Mitchell zu, „Aber sieh' zu, dass er sie zuerst ansehen und untersuchen kann.“
„Geht klar, Chef“, kam die saloppe Antwort und sie schritt zur Tat.
Zwanzig Minuten später war der Hybrid zufrieden und gab der Wissenschaftlerin ihre Gerätschaften unversehrt zurück.
„Faszinierend! Der Hybrid erkennt, dass keine Gefahr besteht und zerstört auch keinerlei Instrumentarium. Bei einem gerade frisch geschlüpften Klon hätte ich da eher eine Art der Unbedarftheit und eines kindlichen Forscher- und Zerstörungsdrang erwartet“, gab Mitchell seine Gedanken preis.
„War die Entscheidung ihn nicht zu töten wohl doch richtig?“, fragte Dupont an ihren Sohn gewandt.
„Zweifelsohne!“, gab er zu und lächelte. „Der Kerl fasziniert mich jetzt doch immer mehr.“
In der Zwischenzeit hatten die Winowska-Zwillinge den Hybriden umrundet und alle möglichen Werte genommen, machten auf sich aufmerksam.
„Ja bitte!“, lenkte Dupont die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf das Duo, ebenso drehte der Hybrid seinen Kopf in deren Richtung.
„Die oberflächlichen Werte sind mehr als optimal. Puls, Blutdruck, allgemeine Bewegungs- und Reaktionswerte sind ausgezeichnet. Er reagiert schneller als schnell und ist für die momentane Situation mehr als gelassen.“
„Ist das alles?“, fragte O'Connor.
„Mehr ist nicht möglich, aber sollte einstweilen reichen.“
„Na schön. Wir werden es überleben“, seufzte Dupont. „Für alles andere müssten wir ihn auf den Tisch bekommen.“
In diesem Stil vergingen Tage, Wochen, Monate. Die Werte waren fast immer die gleichen, es gab keinerlei dramatische Abweichungen, lediglich der Puls war etwas variabel, aber hielt sich in Grenzen.
„Ich habe etwas vor“, verkündete Mitchell am 01.04.2301. „Ich werde ihn mit-nehmen und durch die Station führen. Wer kommt mit?“
„Alles klar, Chef“, entgegnete Waters und Nala Haddad nickte begeistert.
„Zunächst prüfe ich aber noch seine Vitalfunktionen“, verkündete Haddad und griff nach den entsprechenden Messgeräten.
Die Wissenschaftlerin umkreiste den Hybriden und stellte fest, dass sich alles im normalen Bereich befand. Es wäre auch so geblieben, wenn sich nicht Waters genähert hätte, um auch einen Blick auf die Anzeigen zu werfen.
Haddads Augen weiteten sich, als der Puls des Klons plötzlich deutlich anstieg und er die junge Helena Waters mit den Augen verfolgte.
„Uih!“, entfuhr es Nala. „Da scheint sich jemand in dich verguckt zu haben.“
„Ach was. Das ist nur Zufall.“
„Ja klar und die rote Spitze weiter unten ist wahrscheinlich ein kleinerer Schnupfen. Die Klimaanlage ist aber auch sowas von kalt eingestellt. Da holt man sich schnell mal was weg.“
„So ein Quatsch!“, entfuhr es Waters. „Dafür ist er noch viel zu jung.“
„Für mich sieht das anders aus“, stichelte Haddad weiter.
Waters schaute der arabischen Kollegin tief in die Augen, schüttelte den Kopf und ließ dann flüchtig ihren Blick seitwärts schweifen und verharrte damit an der entsprechenden Stelle. „Okay, okay. Du hast gewonnen. Er hat sich einen dicken fetten Schnupfen eingefangen. Und jetzt lasst uns gehen, damit er wie-der auf andere Gedanken kommt.“
Doktor Mitchell, Nala Haddad, Helena Waters und nicht zuletzt der namenlose Hybrid durchsteiften die Basis, hielten hier und dort, machten an verschiedenen Stellen halt und unterhielten sich mit dem ihnen begegnenden Personal.
„Wer ist denn euer Riesenfreund?“, fragte ein Mitglied des Sicherheitspersonals.
„Er ist ein Hybrid-Klon und wie man sieht ein ganz prächtiges Exemplar noch dazu“, intonierte Waters stolz.
„Ah ja. Ich bin der Leiter unserer Sicherheitsabteilung und wusste bisher nicht Bescheid, dass ihr hier mit diesem Sicherheitsrisiko spazieren geht.“
„Er ist kein Sicherheitsrisiko“, betonte Haddad.
„Das sagt ihr, noch. Aber was ist, wenn dieser knapp drei Meter Kampfkoloss plötzlich übermütig wird?“
„Das wird er nicht“, knurrte Waters. „Er ist sehr lieb.“
„Das glaube ich nicht, zumindest macht er auf mich einen bedrohlichen Eindruck.“
Plötzlich geschah etwas mit dem keiner rechnen konnte, denn der Hybrid war gerade erst wenige Monate alt und hatte sich bisher mehr als nur im Hintergrund gehalten.
Jetzt jedoch trat er hervor, baute sich vor dem Sicherheitsmann auf, stützte die Arme in die Hüften und schaute auf ihn herab. Damit aber noch nicht genug, öffnete er den Mund, spitzte kurz die Lippen, schien etwas zu überlegen und sagte dann laut und deutlich: „Vertrau' mir, ich bin wirklich keine Gefahr.“
Mit den folgenden Reaktionen hatte er dann seinerseits nicht gerechnet, denn Haddad schrie vor Schreck auf, Waters musste sich an der Wand abstützen, verlor den Halt und ging an die Wand gelehnt zu Boden. Der Wachmann starrte vor sich hin und war wie abgeschaltet und Mitchell biss sich in die linke Hand, um sich zu überzeugen, dass er nicht träumt.
„Wie ist das möglich?“, fragte Mitchell an den Hybriden gewandt, nachdem er die Hand aus dem Mund genommen hatte.
„Reine Beobachtung und gutes Zuhören“, antwortete der.
„Das heißt, dass du weißt was du bist und wer wir sind?“, fragte der Sicherheitsmann, welcher den leicht irreführenden Namen Ronny Freigang trug und nunmehr wieder in der glücklichen Lage war seine Stimme zu benutzen.
„Ich existiere seit mehr als einem halben Jahr und bin euer Kind. Ihr habt mich aus der Kombination aus Löwe und Rind erzeugt.“
„Was?“, kreischte Mitchell gedämpft. „Woher weißt du das alles?“
„Habt ihr gedacht, dass ich des Nachts nur schlafe? Eure Bibliothek ist sehr in-formativ.“
Freigang schaute betroffen drein. „Ich sollte dringend mit meinen Leuten reden. Dass sich ein Hybrid-Klon einfach so in der Station bewegt und das auch noch unbemerkt, geht gar nicht.“
„Bleiben sie ruhig. Es ist nichts passiert und ihre zwei Mitarbeiter haben erstklassige Arbeit geleistet. Waren stets in meiner Nähe“, erklärte der Hybrid.
„Soll das heißen, dass beide mit ihnen durch die Station marschiert sind?“
„Ja!“
„Ich bin im Irrenhaus“, seufzte Ronny.
„Das Gefühl kenne ich“, entfuhr es Helena Waters.
„Ach ja? Danach sehen aber nicht aus.“
„Glauben sie mir, ich habe vor einer knappen Stunde etwas erlebt, was ich nicht gerne weitergebe.“
Der Hybrid sah die junge Frau an und begann zweideutig zu grinsen. „Sie riechen aber auch sehr betörend, wenn ich das so ausdrücken darf.“
„Das darf nicht wahr sein“, jammerte Waters.
„Miss Waters! Mein Name ist Ronny Freigang und wenn sie jemanden zum Reden suchen, dann bin ich für sie bestimmt der richtige Zuhörer.“
Die Wissenschaftlerin schaute den leitenden Wachmann etwas merkwürdig an, fing dann an zu lächeln und nickte schließlich. „Ich nehme das Angebot sehr gerne an. Wollen sie uns denn nicht begleiten?“
„Im Moment scheint alles ruhig zu sein und ich wäre einem kleinen Spaziergang an ihrer Seite nicht abgeneigt“, flötete er.
Der Hybrid schüttelte den Kopf und ließ dabei die Löwenmähne fliegen.
„Sehr beeindruckend“, gab Freigang zu und schaute dann zu Waters und den anderen.
„Na schön. Welche Ecke haben sie denn noch nicht gesehen?“, fragte Mitchell an den Hybrid gewandt.
„Also die Flure der Ebenen -6 und -7 kenne ich bereits. Aber ich weiß auch, dass diese Station noch einige Ebenen mehr besitzt.“
„Das ist richtig“, setzte Mitchell fort, „also lasst uns alle auch noch den Rest anschauen.“
Vier Stunden später war die Station quasi abgegrast, alle Bewohner der Station hatten den Klon begutachtet und teilweise für wirklich ansehenswert befunden, wenige warfen ihm sogar respektvolle oder abschätzende Blicke hinterher.
Da er sehr feine Ohren hatte, wusste der Klon natürlich, dass man ihm einiges zu traute, aber bestimmt keine Aggressionen. Eher war es bei einer Handvoll von weiblichen Bewohnern der Fall, dass sie leicht begehrliche Gedanken äußerten.
Während ihm selbst, diese Anspielungen gefielen, gefiel sich Mitchell in der Rolle des ruhmreichen Erschaffers. So stolzierte er pfauengleich neben seinem Hybrid einher und hatte ein Grinsen im Gesicht, welches nicht beschreibbar war.
Zurück auf Ebene -6 gab Mitchell an Freigang die Anweisung, dass er dafür zu sorgen hatte, dass sein persönliches Prachtexemplar ein eigenes Quartier und freien Zugang zur kompletten Station, vor allem die Bibliothek, erhielt.
Innerhalb von Minuten war alles in die Wege geleitet und der Klon bezog sein eigenes Reich, bekam vom Wachdienst noch ein Tablet ins Zimmer und konnte ab sofort sein Wissen unbegrenzt erweitern.
Mitchell unterdessen, machte an seinem eigenen Zimmer halt, betrat dieses und setzte sich zufrieden an seinen Schreibtisch, gab dem Computer den pas-senden Befehl und begann mit einer weiteren Aufzeichnung.
„Leitender Wissenschaftler, Doktor Robert Mitchell, Datum 10.04.2302.
Das Wesen ist echt der Knüller in unserer Station geworden. Es ist nicht nur interessant mitzuerleben wie sich sein Geist entwickelt, sondern auch wie sich sein Charakter ausprägt. Mit seiner Lernschnelligkeit und seiner überdurchschnittlichen Auffassungsgabe stellt es mich schon fast in den Schatten.
Manche bekommen es langsam mit der Angst zu tun und ziehen Zweifel an der Richtigkeit unseres Tun’s in Betracht.“
'Ich hoffe, dass wir das Richtige machen', dachte er noch bei sich und verließ sein Quartier.
An anderer Stelle, genauer gesagt auf dem genroischen Mond Attria/Cyndra machte man sich auch so seine Gedanken.
„Wie sind unsere Fortschritte?“, fragte Isis an Seth gewandt.
Der saß da und reagierte nicht.
„Commander! Ich rede mit ihnen!“
Abrupt drehte sich Seth zur Administratorin um und starrte sie durchdringend an. „Was fragten sie gerade?“
„Ich fragte ganz einfach nach unseren Fortschritten?“
„Die machen das was sie sollen und schreiten planmäßig voran.“
„Danke für die ausführliche Berichterstattung“, zynelte Isis.
„Ich bitte sie, Gnädigste! Was soll ich groß berichten? Ich hätte da lediglich die Tatsachen, die sie eh schon kennen.“
„Sie meinen den Friedensvertrag, welcher mehr als brüchig ist und von beiden Seiten mehr als angezweifelt wird?“
„Genau den meine ich, allerdings ist da noch etwas anderes.“
„Informieren sie mich“, mahnte Isis.
„Auf Genro ist die Artenvielfalt extrem angewachsen und so wie es aussieht wollen die Menschen es wohl auch dabei belassen. Was mich lediglich beunruhigt ist die Tatsache, dass sie ein sogenanntes Meisterwerk erzeugt haben. Jedenfalls hat der gerade amtierende wissenschaftlicher Leiter einige Berichte in den Computer gespeist, die vermuten lassen, dass sie einen extrem hochentwickelten Hybrid-Klon erzeugt haben und dieser sich in der Station frei bewegen darf.“
„Klingt faszinierend. Was ist er?“
„Er weiß was er ist und wie er entstand. Einen Namen hat er noch nicht, aber so wie es in den Unterlagen steht, ist er wohl ein Hybrid aus Rind und Löwe.“
„Leckere Mischung“ entglitt es Isis.
Seth schaute die Administratorin kritisch an, überlegte einen Augenblick und schlug auf den Tisch. „Und er ist ein Hermaphrodit. Ob lecker oder nicht. Er lebt, entwickelt sich sehr schnell und ist überdurchschnittlich intelligent. Er wird der Schlüssel sein. Sollten die Menschen weitere Versuche starten, dann greifen wir ein und pfuschen ihnen ins Handwerk. Dieser Anthro muss ein Einzelstück bleiben und wird dafür sorgen, dass die Menschheit von Genro verschwindet, ein Gleichgewicht entsteht und alles so kommt wie es kommen soll.“
„Inwiefern greifen wir ein?“
„Wir speisen nur fehlerhafte Daten in die Analyser, ist also nichts Dramatisches.“
„Das klingt gut. Machen sie es so, Commander.“
Auf der Erde war man einstweilen untätig, waren den Zuständigen durch die Öffentlichkeit die Hände gebunden. Der CIA hielt sich bedeckt, hatte mit mehreren Personalwechseln zu kämpfen, ebenso das FBI, vom Amt des Präsidenten ganz zu schweigen.
Lediglich Krondal war stinksauer und polterte in seiner Bibliothek herum, ließ seinem Unmut Luft und rief nach seinem Assistenten. „ANDERSON! Kommen sie her, sofort!“, schrie er durch den Raum.
Wenig später stand der Gerufene schon neben seinem cholerischen Brötchengeber. „Sie haben mich gerufen, Monsieur?“
„Ja, das habe ich. Setzen sie sich bitte mit unserer Basis auf Genro in Verbindung. Ich will wissen was die da machen und was einige von denen geritten hat.“
„Sehr wohl, Monsieur. Ich informiere sie, sobald die Verbindung hergestellt ist.“
„Danke, Anderson!“
Der schwarz gekleidete Adjutant verließ den Raum und Krondal setzte sich missmutig in seinen Sessel. „Was haben die Verrückten vor?“