Drachenauge - Kapitel 17: Zwergenrat
Kapitel 17 von 24
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Gruß
Turmalon
Nyrn fühlte sich wie gerädert, als er seine Augen aufschlug und in einem, ihm unbekannten Raum aufwachte. Er war zu schwach um sich auf seinem Lager aufzurichten und erkundete daher erst einmal die fremde Umgebung.
Es war eine sehr geräumige Unterkunft in die man ihn gebracht hatte. Die Wände waren mit edlen Wandteppichen und seltenen Jagdtrophäen bestückt. Ein stattlicher Kronleuchter hing in der Mitte des Raumes von der Decke und erhellte ihn. Direkt darunter stand ein runder, auf hochglanzpolierter, schwarzer Marmortisch, um den acht Stühle standen. Jedoch hätten auch ohne weiteres doppelt so viele Personen daran Platz nehmen können.
Auf dem Tisch entdeckte er einige Speisen. Auch standen dort Getränke in Karaffen und die dazu passenden Becher, alles aus Gold und reich verziert.
Ein leises Knacken ließ Nyrns Aufmerksamkeit zu einem Kamin wandern, in dem ein wärmendes Feuer brannte. Dabei entdeckte er auch Gramil, der vor einem Bücherregal auf der anderen Seite des Raumes, in einem bequem aussehenden Sessel saß. Er hatte ein Buch in der Hand, in welches er aber eher fragend hineinstarte, als es zu lesen.
„Sagt nicht, dass ihr nicht lesen könnt!“, meinte Nyrn, als er dies bemerkte.
Überrascht blickte der Zwerg zu ihm auf und stellte erfreut fest: „Ihr seid Wach!“
„Ja, es sieht ganz so aus“, erwiderte der alte Mann amüsiert über diese offensichtliche Erkenntnis. „Ihr habt aber meine Frage damit nicht beantwortet!“
Für einen Moment überlegte Gramil, was man von ihm wissen wollte. Dann aber fiel es ihm ein und er sah verlegen auf das Buch in seiner Hand.
„Selbstverständlich kann ich lesen!“, versicherte er nun selbstbewusst, „Nur ist mir die Sprache, in der dieses Buch verfasst wurde, nicht bekannt!“
„Zeigt her!“, forderte Nyrn den Zwerg auf, das Buch zu überreichen und streckte ihm die Hand entgegen.
Augenblicklich sprang Gramil aus dem Sessel, eilte zum Bett und übergab den Wälzer.
„Im Schatten der Sonne“, las Nyrn laut den Tittel vom Buchrücken vor und schlug es anschließen auf. Er blätterte durch die Seiten und meinte schließlich: „Es ist in der Sprache der Menschen geschrieben!“
„Aha“, erwiderte Gramil und schien schnell das Interesse daran zu verlieren. Dann wandte er sich der Eingangstür zu, die dem Kamin gegenüber lag. „Wenigstens waren einige interessante Bilder dabei.“
Ohne dass sie ein Geräusch von sich gab öffnete er die Tür einen Spalt breit und sagte zu jemandem, der offensichtlich davor zu warten schien: „Er ist wieder wach!“ Daraufhin fiel die Tür zurück ins Schloss und Gramil ging zu den, auf dem Tisch stehenden Speisen.
„Möchtet ihr etwas essen?“, fragte er und hob einen der Teller an.
„Ja bitte, etwas Wasser“, antwortete Nyrn.
Der Zwerg stellte den Teller wieder ab, griff nach einer der goldenen Karaffen und schenkte den Inhalt in einen der Becher.
Schwerfällig richtete sich Nyrn auf seinem Bett auf und ließ sich den Becher reichen. Vorsichtig nahm er ein paar Schluck und gab dann das Gefäß zurück.
„Was ist passiert?“, wollte der alte Mann nun wissen. Das letzte an das er sich erinnerte war das er die Stadt erreicht hatte.
„Kurz nachdem wir das Tor zur Innenstadt durchschritten, seid ihr zusammengebrochen!“, antwortete Gramil und stellte den Becher wieder auf den Tisch. „Wir befinden uns in der Nähe des Ratssitzes, in einer Unterkunft, die einmal für höchste Vertreter anderer Völker diente. Ihr seid der Erste, der es seit sehr langer Zeit bezieht.“
„Der Rat!“, fiel es Nyrn plötzlich wieder ein.
„Ist über eure Ankunft informiert und hatte sich gestern bereits wegen euch zusammengefunden. Man hat einstimmig beschlossen, das man euch anhört!“, berichtete Gramil, „Euer Erscheinen hat für einige Aufregung gesorgt. Mir ist nicht bekannt, dass der Rat jemals so schnell zu einer Entscheidung gekommen war. Ich weiß es klingt banal. Aber man hat für weitaus einfachere Entscheidungen schon bedeutend länger gebraucht.
„Daran hat sich also nicht viel geänderte“, bestätigte Nyrn seufzend, „aber ihr sagtet Gestern! Wie lange war ich denn nicht bei Bewusstsein?“
„Fast zwei Tage“, antwortete Gramil, nachdem er kurz überlegen musste.
„Dann muss ich sofort mit dem Rat sprechen!“, drängte Nyrn und versuchte aus dem Bett zu steigen. Als er jedoch drohte erneut zusammenzubrechen, war der Zwerg sofort zur Stelle um ihn zu stützen. Gramil führte den alten Mann zum Tisch und ließ ihn auf einem der Stühle nieder.
„Ich habe den Rat informieren lassen. Man wird euch Bescheid geben, sobald er bereit ist euch zu empfangen“, erklärte Gramil und reichte Nyrn dann eine Stück Brot und Schinken. „Bis dahin solltet ihr etwas essen, um wieder zu Kräften zu kommen.“
Dankend nahm Nyrn die Speisen entgegen.
„Als wir auf dem Weg hierher waren, wirktet ihr nicht so geschwächt auf mich!“, bemerkte Gramil und musterte den alten Mann, während dieser zaghaft von dem Stück Brot abbiss.
Da Nyrn auf dieses Thema nicht eingehen wollte, ließ er sich viel Zeit zum kauen, bis er schließlich antwortete: „Ich bin nun einmal Alt und schon lange nicht mehr im Vollbesitz meiner Kräfte!“
Dann betrachtete er das Brot, welches er noch in der Hand hielt und fragte verwundert: „Wie kommt ihr eigentlich an das Getreide für das Brot? Ich kann mir kaum vorstellen, dass es hier Untertage sonderlich gut gedeiht.“
Der rasche Themenwechsel schien Gramil zu überrumpeln weswegen er den alten Mann irritiert ansah. Er musst einen Moment überlegen und antwortete: „Es gibt einige Talkessel im Gebirge über uns. Fast alle von ihnen sind Besiedelt und versorgen die Stadt mit allem möglichen, was auf den Höfen dort angebaut wird.“
„Die gab es aber früher aber nicht und ihr seht mir nicht wie ein Bauer aus!“, stellte Nyrn anhand der Ausrüstung des Zwerges fest. „Ebenso wenig wie eure Kameraden.“
„Nein, sind wir auch nicht!“, erwiderte Gramil stolz. „Wir bewachen den Zugang und schützen die beiden Höfe in der Nähe. Aber es ist zugegebenermaßen nicht viel zu tun. Ohne die Höfe würden wir wohl verhungern außerdem gibt es sie solange ich mich zurückerinnern kann.“
Ihr Gespräch fand ein abruptes Ende als es plötzlich an der Tür klopfte. Bevor einer der_Beiden etwas sagen konnte trat ein Zwerg ein und kam auf sie zu. Er hatte einen, zu zwei Zöpfen geflochtenen, roten Bart. Auf dem Kopf trug er eine Stoffkappe die farblich zu seiner Robe passte. Beides sah jedoch so aus, als hätten sie die besten Zeiten bereits hinter sich. Denn so edel sie einst einmal gewesen sein mussten, waren sie nun überall abgewetzt und an vielen Stellen ausgebessert.
„Seid gegrüßt werter Drache. Mein Name ist Trann“, stellte der Zwerg sich vor und verbeugte sich dabei vor Nyrn. Der Drache nahm dies mit einem Kopfnicken zu Kenntnis und erwiderte: „Seid gegrüßt Trann, bitte nennt mich Nyrn!“
„Wie ihr Wünscht“, bestätigte Trann mit einer weiteren Verbeugung. „Ich soll euch mitteilen, dass der sich Rat in kürze zusammenfinden wird. Wenn ihr möchtet, werde ich euch dorthin geleiten.“
„Dann sollten wir uns auf den Weg machen“, schlug Nyrn vor und erhob sich ächzend von seinem Stuhl. „Schließlich will ich die Herrschaften nicht unnötig warten lassen.“
Augenblicklich eilte Trann voraus und öffnete die Tür, an der er wartete. Gramil blieb bei Nyrn und schien darauf zu achten das er nicht wieder zusammenbrach.
Auf der Straße angekommen, glaubte Nyrn zunächst in eine klare Sternennacht zu blicken. Doch dann ging ihm auf, dass dies keine Sterne waren sondern Lichtkristalle, die ein schwaches Leuchten von sich gaben, um genau diesen Effekt zu erzeugen.
„Wie spät ist es?“, wollte der alte Mann daraufhin wissen.
„Früher Nachmittag!“, antwortete Trann.
Nyrn hatte mehr den Eindruck, als wäre es später Abend. Denn außer ihnen waren kaum eine Handvoll Zwerge auf der, von Laternen, gut ausgeleuchteten Straße zu sehen.
Wie Gramil behauptet hatte, befanden sie sich in der Nähe des Ratssitzes. Denn sie waren nur an einigen wenigen Gebäuden vorbeigegangen als sie den Platz erreichten, an dem sich der Sitz befand.
Aber auch hier tummelten sich nur vereinzelt Zwerge, deren Blicke aber interessiert den dreien folgten.
Als sie den Vorraum betraten, bat Trann die Anderen einen Moment zu warten. Er warf einen kurzen Blick in die Ratskamme und kehrte kurz darauf entschuldigend zurück: „Ich bitte um etwas Geduld. Es sind noch nicht alle Ratsmitglieder anwesend.“
„Trann, würdet ihm mir bitte verraten, durch wen die einzelnen Clans vertreten werden?“, wünschte Nyrn zu erfahren.
„Selbstverständlich werde ich das!“, sicherte der Zwerg zu. Er überlegte einen Augenblick und fuhr dann fort. „Vorsitz hat natürlich König Torim vom Clan der Goldschmiede. Was immer ihr vortragen wollt, es sollte nicht gegen unsere Bräuche verstoßen, denn sonst hab ihr von vornherein keine Chance. Denn egal wie der Rest des Rates entscheidet, letztlich gilt sein Wort.
Als sein vertrete und rechte Hand ist Ferrgat Doppelfaust vom Eisenhauer Clan, dem größten der vertretenen Clans. Es geschieht nur selten, dass es und Tormi nicht einer Meinung sind und selbst wenn nicht hört sich der König seine Meinung immer sehr genau an.
Die nächst wäre Andele Rubinblick vom gleichen Clan wie Torim, da er selbst seinen Clan ja nicht vertreten darf. Sie ist meist sehr aufgeschlossen wenn ein vorgebrachter Vorschlag dem wohl der Zwerge nutzt. Und nein, auch wenn man meinen könnte das dies für alle gelten sollte, so beharren die anderen Ratsmitglieder auf veraltete Traditionen und früher getroffene Entscheidungen.
Als viertes Ratsmitglied ist Olmeg Basaltader Vertreter der Steinmetze. Er scheint meist aus dem Bauch heraus zu entscheiden weswegen es meist schwer ist, bereits vorher einzuschätzen wie er zu einem Thema steht. Da er bei ähnlichen anliegen oft unterschiedlich entscheidet.
Dann ist da noch Teran Kupfermünze vom kleinsten aber wohl am mächtigsten Clan der Händler. Er stellt sich häufig gegen Torim und hat meist nur seine eigenen Interessen, beziehungsweise die seines Clans im Sinn.“
„Und weiter?“, bat Nyrn den Zwerg fortzufahren.
„Das waren alle!“, erklärte Trann.
„Es sind nur noch vier Clans im Rat vertreten?“, fragte Nyrn erstaunt, „einst waren es Dreizehn!“
Nyrns Hoffnung bei den Zwergen Unterstützung zu finden verringerte sich mit jedem Augenblick in dem er mehr von dem Zustand des einst so großen Volkes erfuhr. Doch bevor er sich weiter Gedanken darum machen konnte, ertönte das leise Schellen einer Glocke, worauf Trann meinte: „Kommt, sie sind nun soweit!“
Wieder ging der Zwerg voraus und nacheinander betraten sie die Ratskammer.
Es war ein für zwergische Verhältnisse, sehr schlicht eingerichteter Raum. Lediglich einige einfache Verzierungen prägten die Wände. In der Mitte stand ein ringförmiger Steintisch, vom Aussehen ähnlich dem, aus der Nyrn zur Verfügung gestellten Unterkunft. Zu der Tür hin, durch die Nyrn getreten war, war der Ring an zwei Stellen unterbrochen, sodass man in den Inneren Bereich und somit in die Mitte des Rates treten konnte.
Trann führte Nyrn zu dem, durch die beiden Lücken entstandenen, separaten Tisch und bat ihn dort Platz zu nehmen. Ihm gegenüber saß nun, auf einem deutlich hervorstechenden allerdings nicht viel bequemer aussehenden, steinernen Stuhl, König Torim und links und rechts jeweils die übrigen Mitglieder des Rates.
„Der Drache Nyrn! Wächter von Drakoras Siegel“, gab Trann mit erhobener Stimme gekannt und trat anschließen in den Hintergrund.
„Nun, es ist uns eine Ehre euch zu empfangen und heißen euch in unserer Mitte willkommen!“, verkündete Torim förmlich. „Aber was könnte nach all den Jahren, in denen niemand von eurer Art etwas von sich hören hat lassen, plötzlich so dringlich sein, dass es unserer Hilfe benötigt?“
„Die Lyzarie!“, antwortete Nyrn und erfuhr sehr unterschiedliche Reaktionen bei den Zwergen. Während bei den Ratsmitglieder alle Gefühle von Angst über Verärgerung bis hin zu Hass zu sehen waren, verzog Torim keine Miene und schien auf eine ausführlichere Erläuterung zu warten. „Mein Schützling ist in ihre Fänge geraten und wurde vermutlich nach Kaz'Mordan gebracht!“
„Das klingt natürlich wenig erfreulich!“, bekannte Teran wenig mitfühlend, „aber was haben wir damit zu tun?“
„Ich habe die letzten Jahrzehnte damit verbracht, einen Nachfolger für mich zu finden“, begann Nyrn zu erklären. „Die Gründe dafür sind wohl offenkundig, weswegen ich nicht mehr lange in der Lage sein werde, meine Aufgabe erfüllen zu können. Ich weiß nicht wieviel ihr hierunten davon mitbekommen habt. Doch durch einen Zwischenfall verfeindeten sich Drachen und Menschen, wodurch die wenigen meiner zu dieser Zeit noch lebenden Artgenossen auch verschwanden. Meine anfänglichen Hoffnungen doch noch einen zu finden schwanden jedoch mit jedem Jahr. Vermutlich hatten jene, die nicht von den Menschen getötet wurden, ihr Heil in der Flucht über die Ozeane gesucht.
Ich jedoch konnte nicht das Risiko eingehen, ihnen auf diesem Weg zu folgen. Denn auch für mich sind die Gefahren, die in diesen Gewässern lauern, nicht einschätzbar.
Zum Glück aber fand ich einen potentiellen Nachfolger in Form einer jungen Menschen Frau. Ich bemerkte an ihr eine ungewöhnlich hohes magisches Potential. In den darauf folgenden Wochen, in denen ich die Frau in Augenschein nahm um zu ergründen ob sie für die Aufgabe geeignet war, wurde deutlich, dass sie Schwanger war. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass das Kind über ein noch sehr viel ausgeprägteres Talent für Magie besaß, weswegen ich meine Entscheidung zu dessen Gunsten änderte.
Doch wie ich schon öfter erkennen musste, birgt die Ausprägung eines Sinnes die Gefahr, dass ein anderer Verkümmert. So war es auch bei diesem Kind der Fall, denn es war Blind.
Nach der Geburt korrigierte ich diesen Fehler und übertrug zugleich einen Großteil meine Fähigkeiten und das dazu notwendige Wissen aus der Angst heraus, dass es bei meinem ableben für immer verloren ginge. Dieses Wissen bannte ich jedoch in ihr Unterbewusstsein, sodass sie erst darauf zugreifen könne, wenn der rechte Zeitpunkt dazu erreicht wäre.
Sie ist es auch, die den Lyzarie in die Hände geraten ist! Versteht ihr nun meine Notlage? Ich bitte darum, mir dabei zu helfen sie aus der ehemalige Stadt eurer Brüder und Schwestern zu befreien!“
Höhnisch begann Torim zu lachen und sagte schließlich festentschlossen: „Nein!“
Zunächst sprachlos von dieser Antwort, erhob sich Nyrn nun von seinem Platz, stemmte seine Hände auf den Tisch, über den er sich beugte, und fragte: „Wieso nicht?“
„Wie stellt ihr euch diese Unterfangen vor?“, wollte der König seinerseits wissen. „In der Vergangenheit haben wir mehrfach versucht Kas'Mordan zurück zu Erobern. Jedes Mal mit einem Heer, dass seines Gleichen suchte.
Wo soll ich heute die Kämpfer dafür finden?
Selbst wenn ich jeden einzelnen Zwerg, der in der Lage wäre eine Waffe zu halten, dazu verpflichten würde, wäre dies nur ein schwacher Vergleich mit der damaligen Truppenstärke. Ganz davon abgesehen, dass vermutlich nicht einmal die Hälfte von ihnen weiß wie man mit einer Waffe richtig umgeht.
Wir würden gar nicht erst in die Nähe der Stadt kommen. Ebenso wie es uns Damals schon nicht gelang. Der Sumpf den Kas'Mordan umgibt, war schon immer das Terrain der Lyzarie. Wir hatten dort nie eine Chance gegen sie!
Aber selbst wenn all dies kein Problem wär, würde es mindestens einen Monat dauern, bis wir allein die Vorbereitungen getroffen hätten, die Tunnel wieder freizulegen. Und dann müssten wir immer noch dort hinunter marschieren.
Glaubt ihr nicht, dass es bis dahin zu spät sein wird?
Außerdem gibt es immer noch die Runen, die Drakora daran hindern aus seinem Gefängnis zu entfliehen. Auch ohne das Siegel!“
„Ihr irrt euch wenn ihr das wirklich glaubt!“, mahnte Nyrn wütend. „Drakora konnte nur solange eingesperrt bleiben, weil stetig sowohl die Runen als auch das Siegel vorhanden war. Sobald das Siegel bricht, wird sie sich wieder an den magischen Energieströmen laben können, die ihr dadurch verwehrt waren. Die Lyzarie werden eine mehr als ausreichende Mahlzeit für sie darstellen, um wieder zu Kräften kommen zu können. Schließ wäre es nur noch eine kurze Frage der Zeit, bis sie auch die letzte Barriere ihres Gefängnisses durchbrechen würde!“
„Dann soll es ebenso sein!“, erwiderte Torim das Interesse verlierend. „Für uns ändert es nichts!“
„Sobald Drakora wieder frei ist, wird sie mit dem weiter machen, an dem wir sie damals nur mit not und unter Aufwendung großer Verluste aufhalten konnten. Dieses Mal wird sie aber niemand daran hindern können, alle magische Energie die sie finden kann in sich aufzunehmen. Und da es von ihrer bevorzugten Jagdbeute, uns Drachen, nahezu keine mehr gibt, wird sie ihren unersättlichen Hunger an allen Lebewesen stillen die sie findet.
Dabei wird sie keinen Unterschied zwischen denen, die ihr halfen zu entkommen und allen anderen machen. Oder glaubt ihr, dass sie jene verschonen wird, die mit zu ihrer Gefangenschaft beitrugen?“
„Ihr wollt uns also mitteilen, dass wir alle dem Untergang geweiht sind, nur weil ihr nicht in der Lage wart auf ein Kind acht zu geben“, fasste Ferrgat zusammen.
„Ich glaubte sie in guten Händen!“, rechtfertigte sich Nyrn. „Sie hatte die für ihr Alter wohl typisch naive Idee von Zuhause auszureißen, weil ihr etwas nicht passte. Da der Drache, den sie begleiteten wollte, bewiesen hatte dass er sie schützen würde, ließ ich sie ziehen. Früher oder später hätte sich ihr Abenteuerdrang von selbst gelegt und sie wäre Heim gekehrt.“
„Wartet!“, unterbrach Torim Nyrns Ausführung, „sagtet ihr nicht eben noch, dass es keine Drachen mehr auf diesem Kontinent gibt. Mit Ausnahme von euch. Wieso habt ihr nicht ihn zu eurem Nachfolger ernannt?“
„Dieser Drache ist nicht älter als zwei Jahre. Selbstverständlich wäre meine Wahl auf ihn gefallen, doch traf ich meine Entscheidung für das Menschenmädchen schon sehr viel früher“, erklärte Nyrn, „Das wenige, dass ich von ihm in Erfahrung bringen konnte war, dass die Lyzarie ihn aufgezogen und ihn für ihre Zwecke abrichten wollten. Da er sich ihnen aber nicht unterwerfen wollte, war er geflüchtet.“
„Klingt für mich eher so, als sollte dieser Drache euer Vertrauen und das des Mädchens erlangen, um sie dann zu den Lyzarie zu bringen!“, schlussfolgerte Olmeg sehr davon überzeugt. „Was, wenn ich bemerken darf, ja auch vorzüglich funktioniert hat.“
„Das halte ich für sehr unwahrscheinlich“, erwiderte Nyrn.
„Dies wäre aber auch nicht eure erste Fehleinschätzung!“, konterte Andele.
„Nur die Mutter und Ich wussten über das Mädchen Bescheid“, versicherte Nyrn, nicht einmal sie selbst weiß über die ihr bevorstehende Aufgabe Bescheid. Viel eher ging es den Lyzarie darum, den Drachen wieder einzufangen. Darauf beruht auch meine Hoffnung, dass es noch nicht zu spät ist. Den Lyzarie dürfte gar nicht bewusst sein, was sie dort gefunden haben!“
„In diesem Fall sollte die Lösung doch ganz einfach sein!“, erkannte Torim zuversichtlich und Nyrn hoffte, dass dem König etwas eingefallen sei, dass er nicht bedacht hatte. „Wir warten einfach ab! Wenn die Lyzarie nicht wissen wer dieses Mädchen ist und es auch nicht herausfinden, wird sie den Echsen nicht von Nutzen sein. Nach unseren Erfahrungen übersteht niemand über längere Zeit gesehen eine Gefangenschaft der Lyzarie. Und gerade ein zierliches Menschenmädchen wird dort keine Ausnahme bilden.
Ihr habt mein aufrichtiges Beileid für euren Verlust. Aber ich sehe genügend Gründe dafür, hier nicht einzugreifen.“
Daraufhin sah Torim zu Ferrgat. Dieser fuhr sich mit der Hand durch den Bart und sagte dann, nach einem kurzen Moment des Überlegens: „Ich stimme dem zu!“ Nacheinander wanderte Torimss Blick von einem Ratsmitglied zum nächsten und jeder von ihnen bestätigte verbal oder mit einem einfachen Kopfnicken.
„Somit wäre dies einstimmig beschlossen!“, verdeutlichte der Zwergenkönig noch einmal unmissverständlich. „Ich hoffe ihr habt schnell Erfolg bei der erneuten Suche eines Nachfolgers. Wenn es euch dabei hilft, könnt ihr auch in unseren Reihen nach so jemandem suchen. Falls ihr fündig werdet und der Zwerg es wünscht euch zu begleiten, werden wir nichts dagegen einwenden. Doch wenn ich mich recht erinnere, gibt es doch noch die Mutter des Kindes. Vielleicht solltet ihr zu eurer ursprünglichen Entscheidung zurückkehren und sie wieder in Betracht ziehen. Wie auch immer ihr euch entscheiden werdet, erweist uns und auch euch selbst den Gefallen und gebt dieses Mal mehr Acht auf euren Lehrling!“
Nyrn, der noch immer über den Tisch gebeugt stand, ließ seufzend seinen Kopf hängen. Dann richtete er sich auf und signalisierte mit eine knappen Verbeugung, dass er die Entscheidung akzeptierte.
Um aber auch seinen Widerwillen Ausdruck zu verleihen, wandte er sich der Tür zu und wollte bereits, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, gehen. Allerdings vielen ihm vorher noch die leise geflüsterten Worte von Teran ins Ohr: „Wäre der Wächter von Anfang an in einer von uns gewesen, wäre es nicht so weit gekommen.“
Auf der Stelle kehrte Nyrn um und ging wutentbrannt, zwischen den Tischen vorbei, direkt auf Teran zu. Er schlug mit beiden Fäusten auf dem Tisch und beugte sich so weit wie möglich zu dem Zwerg vor: „Meint ihr etwa genauso, wie es in eurer Obhut nicht dazu gekommen wäre, dass einige der Runen für einen halben Tag entkräftet wurden weil jemand meinte mit deren Steuerung herumspielen zu müssen? Ich will daran erinnern, dass es Drakora in diesem Zeitraum gelungen ist, einen nur noch notdürftig zu reparierenden Schaden anzurichten.
Seit dem war es ihr möglich ihren Geist überall wo sie wollte zu manifestieren. Was im Übrigen auch viel zu spät erkannt wurde und die darauf folgenden Ereignisse nicht mehr verhindert werden konnten.
Oder wie erklärt ihr euch, dass die Stadt nur ein paar Jahre Später von den Lyzarie eingenommen wurde? Ein bis dahin wildes Volk Eingeborener, die meist damit beschäftigt waren Stammesfehden untereinander auszufechten, war plötzlich geeint und überrannt spielend jede Verteidigung.
Meine Gemahlin ist bei diesem Angriff ums Leben gekommen, als sie eine Gruppe Zwerge schützte, um ihnen die Fluch zu ermöglichen. Sie fing einen Hagel aus Speeren ab, der ihr einen Flügel zerfetzte. An den Boden gebunden hatte sie keine Chance gegen die Horde an über sie herfallenden Lyzarie.
Und schließlich sind die „Schlüssel“, um die Runen zu steuern und die sich eigentlich hier in dieser Stadt befinden sollten, spurlos verschwunden. Es grenzt an ein Wunder, dass sie ihren Weg bis heute nicht nach Kaz'Mordan gefunden haben.
Ja Teran Kupfermünze, ich muss euch vollkommen Recht geben! Wäre der Wächter von Anfang an aus euren Reihen gestellt worden, wäre es nie so weit gekommen. Weil dann Drakora bereits vor hunderten Jahren frei gekommen wäre und wir uns heut um solche Nichtigkeiten nicht sorgen müssten. Da es uns längst nicht mehr gäbe“.
Nun wandte sich Nyrn endgültig vom Rat ab und ließ ihn mit offenen Mündern sprachlos zurück. Wütend stieß er die Tür zum Vorraum auf und weckte unsanft Gramil, der es sich auf einer Bank bequem gemacht hatte.
„Und?“, fragte der Zwerg neugierig, „werden sie euch helfen?“
Doch Nyrn schritt wortlos weiter und ignorierten den, nun verdutzt dreinschauenden Zwerg.
„Wartet Nyrn!“, rief er und eilte dem alten Mann nach. „Ihr geht in die falsche Richtung! Eure Unterkunft liegt in dieser Straße!“ Dabei zeigte er, als er zu Nyrn aufgeholt hatte, in die entgegengesetzte Richtung.
„Ich habe nicht vor, dorthin zurückzukehren!“, stellte der Drache unmissverständlich klar und führte seinen Weg fort. „Da man hier wegen meines Anliegens keinen Grund zum Handeln sieht, gibt es für mich keinen Anlass, auch nur einen Moment länger hier zu bleiben. Es war reine Zeitverschwendung hier herzukommen!“
„In Ordnung. Aber wenn ihr die Stadt wieder verlassen wollt, ist dies ebenfalls nicht der rechte Weg!“, erklärte der Zwerg vorsichtig.
Resignierend blieb Nyrn stehen. Da er die Stadt nur von früher kannte, war er einfach dem Weg gefolgt, den er in seiner Erinnerung glaubte.
„Also gut. Geht voraus, ich werde euch folgen!“, meinte Nyrn schließlich woraufhin Gramil ihm erleichtert zu nickte. Das Ziel des Zwerges war jedoch nicht die Stadtgrenze, sondern, entgegen Nyrns Wunsch, dessen Unterkunft.
„Habt ihr noch etwas vergessen, oder weswegen sind wir hier?“, fragte der alte Mann verärgert.
„Ihr erinnert euch vielleicht noch, dass ihr heute Morgen noch für fast zwei Tage, bewusstlos in einem Bett gelegen habt“, mahnte Gramil besorgt. „Und wenn ich euch so betrachte, seht ihr so aus, als würdet ihr jeden Moment abermals zusammenbrechen! Also stärk euch, und schlaft noch eine Nacht. Morgenfrüh werde ich euch umgehend wieder an die Oberfläche bringen!“
„Dafür bleibt keine Zeit mehr!“, protestierte Nyrn aufgebracht, „Davon habe ich hier, wie gesagt, schon zu viel verschwendet. Mir bleibt keine andere Wahl, als einen Weg zu finden sie alleine aus Kaz'Mordan herauszuholen!“
„Wer auch immer so dringend eurer Hilfe benötigt. Wenn ihr entkräftet irgendwo am Boden liegt, werdet ihr keine große Hilfe mehr sein. Für niemanden!“, entgegnete Gramil und versuchte an Nyrns Vernunft zu appellieren. Der alte Mann wollte dem Zwerg widersprechen, musste sich aber eingestehen, dass er Recht hatte und betrat die Räumlichkeiten.
Am Morgen des nächsten Tages brachen die beiden bereits sehr früh auf. Während des gesamten Weges zurück an die Oberfläche, wechselten die beiden kein Wort miteinander. Nyrn bemerkte wie Gramil lautlos mit sich selbst zu reden schien. Mehrfach wollte der Zwerg auch zu einem Gespräch ansetzen, überlegte es sich dann aber anders und begann abermals stillschweigend zu gestikulieren. Erst kurz vor Ende schaffte er es sein Wort zu erheben und sagte: „Ich habe mich gestern noch mit Trann unterhalten. Er erzählte mir was ihr mit dem Rat besprochen habt.“ Der Zwerg machte eine lange Pause ehe er fortfuhr. „Er erwähnte unteranderem, dass wenn ihr einen Zwerg als euren Nachfolger ernennen möchtet, könne dieser mit euch mitkommen!“
„Ich habe Rianna noch nicht aufgegeben!“, erklärte Nyrn ablehnend, „Daher hatte ich nicht vor, dies in Betracht zu ziehen!“
„Das habe ich mir schon gedacht“, erwiderte Gramil entschuldigend, „Es geht mir lediglich darum, diesen Ort zu verlassen. Selbstverständlich würde ich euch auch helfen dieses Mädchen zu befreien. Sofern ihr dies wünscht.“
„Warum möchtet ihr eure Heimat verlassen?“, wollte Nyrn wissen.
„Heimat?“, Gramil lachte verbittert auf, „'Unser aller Grab' wäre die bessere Bezeichnung! Ich erzählte euch ja bereits was mit dem größten Teil der damaligen Bevölkerung geschehen ist. Glaubt aber nicht, dass sich daran viel geändert hat. Es reicht wenn eine Ernte ausfällt, weil die Täler auch im Sommer von Schnee bedeckt sind, und eine weitere Hungersnot bricht aus.
Wenn Torim und der Rat endlich einlenken würden und die Zugänge öffnen lassen würde, wäre dass alles kein Problem. Jeder Händler, der uns die fehlenden Lebensmittel brächte, könnte fürstlich entlohnt werden. Die Schatzkammern sind bis unter die Decke mit Gold, Silber und Edelsteinen gefüllt und in den Waffenkammern war nur noch Platz für die besten Meisterstücke. Deswegen hat man auch alle Minen stillgelegt. Niemand brauch mehr was daraus gewonnen wurde und essen kann man es ebenfalls nicht. Aber erst wenn Torim und der Rat abdanken und jemand ihre Nachfolge antreten würde, hätten wir die Chance dass sich daran etwas ändert.“
„Ihr überrascht mich“, gab Nyrn zu, „Ich war bisher davon überzeugt, dass die Störrigkeit der Zwerge an ihren Entscheidungen festzuhalten sogar noch über viel Generationen hinweg bestehen bleibt.“
„Viele in meinem Alter denken so!“, erklärte Gramil, „Doch haben die Meisten berechtigte Angst vor den Konsequenzen. Denn wer es versucht, dem droht, dass er und seine gesamte Familie aus dem Clan verbannt wird. Dazu gehört auch, dass sämtlicher besitz enteignet wird.
Diese Behandlung muten selbstverständlich nur die wenigsten ihren Verwandten zu. Und so vegetieren sie von einem Tag in den nächsten. Auch weil es für viele keine Beschäftigung gibt. Sogar wir, die die Höfe beschützen sollen, wissen oft nichts mit der Zeit anzufangen. Es gibt in den Bergen einfach nichts, womit ein Zwerg nicht auch alleine fertig wird.
Wisst ihr, was das Aufregendste für mich im letzten Monat war?“
Nyrn schüttelte den Kopf.
„Ich durfte in einem Stall eine Box ausmisten, weil ich sie brauchte! Von dem Monat davor wollen wir gar nicht erst reden. Die älteren können sich ja meinetwegen mit den immer wieder selben Geschichten über die Heldentaten ihrer Ahnen rühmen und bei Laune halten …“
„Aber ihr wollt eure eigenen Abenteuer erleben?“, vermutete Nyrn zweifelnd.
„Nein das nicht unbedingt gerade“, wiedersprach Gramil kopfschüttelnd, „wobei ich aber auch da nichts gegen einzuwenden habe. Ein wenig mehr Trubel würde mir aber schon reichen. Und mit euch bietet sich mir eine Gelegenheit die sogar vom Rat abgesegnet wurde. Weswegen ich keine nachteiligen Folgen für mich oder meine Verwandten befürchten muss.“
„Na gut“, lenkte Nyrn ein. „Ich habe nichts dagegen. Aber wie wollt ihr von hier wegkommen? Ich bin nicht dazu in der Lage euch von hier wegzutragen!“
„Seid ihr nicht?“, fragte Gramil verwundert. Doch bevor ihm Nyrn darauf antworten konnte, fügte er noch erheitert hinzu: „Aber keine Sorge. Ich hatte sowieso etwas anderes im Sinn als auf eurem Rücken hier raus zu fliegen!“
Nur wenig später erreichten sie den Wachposten und bevor der Zwerg die Tür öffnete, hakte er noch einmal nach: „Wenn ich also eine Möglichkeit finde, von hier weg zu kommen, kann ich mit euch mit?“
Nyrn nickte lediglich, fragte sich jedoch, wie der Zwerg es bewerkstelligen wollte, mit ihm Schritt zu halten. Zumal er dies auch erst einmal „finden“ musste. Für den Drachen war klar, dass er auf Gramil keine Rücksicht nehmen durfte. Auch wenn er anbot zu helfen, würde er so nur eine Last sein.
„Dann werden wir das Brian und Tareg mitteilen, damit sie es entsprechend weitergeben können“, meinte Gramil und öffnete schließlich die Tür.
Am Ende der dahinter liegenden Treppe stand der Graubärtige Zwerg und sah die beiden erstaunt an.
„Ach du bist es nur. Und wie ich sehe ist der Herr Drache auch mit dabei“, meinte er weniger überrascht. „Und? Ist man eurer Bitte nachgekommen?“
„Nicht so, wie ich es mir erhofft hatte“, gestand Nyrn, worauf der Zwerg gleich losprustete: „Ha! Das hätte ich euch auch gleich sagen können!“
„Man gestattet mir aber, dass ein Zwerg meiner Wahl mich begleitet, so es denn auch sein Wunsch ist!“, erklärte Nyrn, während der die Stufen empor klomm. „Bis ich Kaz'Maerun verlassen hatte, wollte ich dieses Angebot eigentlich nicht annehmen …“
„Kluge Entscheidung. Es hätte euch sowieso niemand freiwillig begleitet“, wandte der Graue, fest von seinen Worten überzeugt, ein und viel Nyrn dabei ins Wort. Dieser ließ sich davon aber nicht beirren und sagte weiter: „Auf dem Weg hierher zurück, viel meine Entscheidung jedoch auf Gramil, der sich dazu auch direkt bereit erklärt hatte.“
„Ist das war?“, wollte der Zwerg ungläubig von Gramil wissen.
Dieser bestätigte mit einem Nicken und sagte: „Bis zum letzten Wort! Es muss aber einer von euch zurück nach Kaz'Maerun um dort Nyrns Wahl dem Rat mitzuteilen und um Ersatz für mich zu bitten, da man dort, wie bereits gesagt, von dieser Entscheidung noch nichts weiß.“
„Hättet ihr das nicht selbst erledigen können, als ihr noch dort unten wart?“, grummelte Brian missmutig vor sich hin und verschwand durch die Tür vor die er stand.
„Wartet bitte draußen auf mich“, sagte Gramil zu Nyrn und zeigt auf eine weitere Tür. „Ich werde noch einige Sachen packen müssen, bevor wir los können!“
Nyrn folge der Bitte und begab sich nach draußen. Er freute sich endlich wieder unter freiem Himmel zu stehen und die wärmenden Sonnenstrahlen in sich aufnehmen zu können. Auch wenn diese nur vereinzelt ihren Weg durch die Wolken fanden.
Es dauerte nicht lange, bis auch Gramil am Eingang erschien. Er hatte sich einen schwer aussehenden Rucksack auf den Rücken geschnallt und schien ebenfalls froh zu sein, wieder das Tageslicht zu sehen.
„Kommt, ich werde euch etwas zeigen!“, meinte er voller Tatendrang und ging los.
„Ihr … Du hast mir immer noch nicht erklärt, wie du mir eigentlich folgen willst!“, erinnerte Nyrn den Zwerg.
„Nur Geduld! Es ist nicht weit von hier!“, erwiderte Gramil grinsend.
Nach einem kurzen Fußmarsch, in dem Nyrn fieberhaft darüber nachdachte, was der Zwerg ihm zeigen wollte, erreichten sie scheinbar ihr Ziel. Es war ein weiteres, für Zwerge typisches, steinernes Gebäude, welches sich bei genauerer Betrachtung, und wegen des Geruches, als Stall erwies.
Sie traten an eine Schmale Tür an dessen Rückseite. Doch bevor Gramil sie öffnete fragte er aufgeregt: „Erinnerst du dich daran, als du auf dem Dach landetest, wie Tareg fragte, ob ich wieder einen zu groß geratenen Vogel gesehen hätte und er dann ungläubig dich erblickt hatte?“
„Nein!“, antwortete Nyrn nach kurzem Überlegen kopfschüttelnd.
Augenblicklich änderte sich Gramils Gesichtsausdruck von aufgeregter Vorfreude zu enttäuschter Gefasstheit. „Der Grund dafür, wieso er immer wieder glaubt mich damit aufziehen zu könne, habe ich hinter dieser Tür versteckt!“
Mit diesen Worten öffnete der Zwerg die Tür und trat ein. Er stellte sich vor eine der Boxen und zeigte Stolz auf das was er meinte. Nyrn, der nun wirklich nicht mehr leicht zu beeindrucken war, fing nun doch an zu staunen.
„Ein Greif!“, wunderte er sich, als er das Tier mit dem Kopf und den Schwingen eines Vogels und dem Körper einer Großkatze erkannte. „Aber wie kommt er hier her? Greifen sind doch normalerweise nur auf dem nördlichen Kontinent Norour anzutreffen!“
„Ich fand ihn etwa vor einem Monat. Damals war nachts ein heftiger Sturm über uns hinweggefegt. Am Morgen darauf sah ich ihn tief über das Tal fliegen und wie er schließlich, keine Dreihundert Schritt von hier, zwischen einigen Bäumen nieder ging. Er war schwer in Mitleidenschaft gezogen und es hatte einiges an Zwergen- und Überzeugungskraft in Form von Futter gekostet, ihn hierher zu bringen. Mittlerweile sieht er ja wieder ganz gesund aus. Nur wie du siehst schläft er recht gern und vor allem sehr lang.“
Gramil öffnete die Box und ging zu dem Greifen hinein, der dadurch aufwachte und jeden seiner Schritte aufmerksam beobachtete. Der Zwerg nahm einen an der Wand hängenden Sattel und trug in zu Nyrn.
„Den hatte er auf als ich ihn fand“, erklärte Gramil und öffnete eine der Taschen, die am Sattel befestigt waren. Darin befand sich neben einem Buch und einigen Karten auch ein versiegelter Brief.
„Wenn er einen Sattel trug, muss es folglich auch einen Reiter gegeben haben!“, stellte Nyrn fest und nahm den Brief aus der Tasche.
„Wir haben niemanden gefunden! Weder hier noch in den umliegenden Tälern“, erwiderte Gramil schulterzuckend. „Während unseres Aufenthalt in Kaz'Maerun habe ich mich auch umgehört, ob vielleicht sonst irgendwo ein Fremder aufgetaucht sei. Allerdings hat niemand etwas gehört.“
Nyrn betrachtet das Siegel aus grünem Wachs. Darauf war das Wappentier von Norour abgebildet. Treffenderweise handelte es sich dabei um einen Greifen.
Mit Entsetzen beobachtete Gramil, wie einige der Stücke des Siegels achtlos zu Boden vielen als Nyrn es, ohne dass der Zwerg es verhindern konnte, brach und begann den Inhalt des Briefes zu lesen.
„Und, welche Neuigkeiten gibt es?“, fragte Gramil resignierend.
„Nichts von Belangen für uns!“, erwiderte Nyrn nachdenklich. Daraufhin riss der Zwerg ihm den Brief aus der Hand um selbst einen Blick hineinwerfen zu können. Jedoch musste er schnell feststellen, dass er auch diese Sprache nicht beherrschte. „Er ist an die Herrscherin von Eboria, Königin Katharina, gerichtet. Wenn es dich beruhigt, können wir ihn dort abgeben, nach dem ich Rianna in Sicherheit weiß.“
Nickend gab sich Gramil mit dem Vorschlag einverstanden und verstaute den Brief wieder in der Tasche.
„Wo wir gerade davon reden“, erinnerte Nyrn wieder an ihre eigentliche Aufgabe. „Wir sollten jetzt los!“
Abermals stimmte ihm der Zwerg mit einem Nicken zu und wandte sich mit dem Sattel dem Greifen zu. Dieser schien sofort zu verstehen und erhob sich von seinem Lager. Gramil brauchte, aufgrund der fehlenden Routine sehr lange, bis der Sattel richtig angelegt war. Etwas geschickter stellte er sich mit dem Zaumzeug an. Diese hatte er mit wenigen Handgriffen am Kopf des Tieres befestigt. Sichtlich zufrieden, betrachtete er sein Werk und nahm schließlich die Zügel des Greifens, um ihn aus seiner Box und zum großen Tor auf der anderen Seite des Stalls zu führen.
Kaum hatten sie den Stall verlassen, begann der Greif seine Flügel auszubreiten und schlug einige Male probeweise mit ihnen.
„Da freut sich aber Jemand, dass er sich wieder in die Lüfte erhaben kann!“, stellte Gramil vergnügt fest und strich dem Tier beruhigend über dem Kopf.
«Sitz auf und Folge mir!», forderte Nyrn den Zwerg auf, welcher sich erschrocken zu ihm umdrehte. Der alte Mann hatte bereits die Gestalt eines Falken angenommen und war somit bereit zum Aufbruch. «Oder hast du noch etwas vergessen?»
„Nein nein, ich habe alle bei mir!“, erwiderte Gramil verunsichert. An diesen Anblick würde der Zwerg sich in nächster Zeit wohl gewöhnen müssen. Dann tat er aber wie ihm gehießen wurde und stieg auf den Greif. Dieser kam ihm auch entgegen, in dem er sich niederlegte und der Zwerg so leichter im Sattel Platz nehmen konnte.
Als Gramil sicher saß und der Greif sich wieder erhoben hatte, schwang Nyrn sich mit einigen kräftigen Flügelschlägen in die Luft. Von dort oben konnte er, in einiger Entfernung, auch zwei weitere Zwerge ausmachen, die damit beschäftigt waren eine Herde Ziegen zu hüten. Es dauerte nur einen Moment und die beiden Bemerkten mit großer Sorge den riesigen Falken, der seine Kreise über ihren Stall zog.
Nyrns Aufmerksamkeit wanderte zurück zu Gramil, der noch immer am Boden war und offensichtlich nicht wusste, wie er den Greif zum Abheben bewegen sollte.
Nyrn seufzte innerlich auf. Wie konnte er auch nur einen Augenblick daran glauben, dass er Zwerg etwas vom Greifenreiten verstand.
«Folge mir!», wies er diesmal den Greifen an. Jedoch weniger in Worten, als in einer Bildlichen Sprache, von der Nyrn annahm, dass das Tier sie richtig deuten würde. Und Tatsächlich. Kurz darauf hob der Greif ab und schloss zu Nyrn auf.
Gramil schien jedoch nicht davon begeistert zu sein. Er klammerte sich verkrampft an die Zügel und wusste nicht wie der sich verhalten sollte.
«Bleib ruhig», sagte Nyrn zu dem Zwerg, um ihm etwas die Angst zu nehmen. «Der Greif wird mir folgen. Du musst also nichts weiter machen als dich im Sattel zu halten und nicht herunter zu fallen.»