Drachenauge - Kapitel 16: Al’Askahra

Story by Turmalon on SoFurry

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Kapitel 16 von 24

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und freue mich über jede Art von Kommentaren und Kritik

Gruß

Turmalon


Nyrn war sich sicher, dass einer der letzten noch passierbaren Zugänge zum Zwergenreich, hier irgendwo zwischen den höchsten Gipfeln des Beohgebirges versteckt sein musste. Er wusste dass es ihn gab. Da er ihn vor vielen Jahren zufällig entdeckt hatte. Noch lange bevor die Zwerge sich wegen des Verrates, den sie den Menschen vorwarfen, in ihre Mienenstadt Kaz’Maerun zurückgezogen und alle Zugänge verschüttet hatten. Seither mieden sie jeden Kontakt.

Da dieser unscheinbare Schacht aber in einem kleinen Tal lag, das man nur erreichte wenn man wie eine Bergziege klettern oder eben wie ein Vogel fliegen konnte, hatte Nyrn berechtigte Hoffnung, dass dieser weg noch frei war. Jedoch lagen die Erinnerungen an den genauen Standort soweit zurück, dass sie verblasen konnten.

Viel Zeit verging in der er einen Berg nach dem anderen absuchte ehe er eine kleinere Bergkette überflog und endlich das Tal unter ihm auftauchte. Zielstrebig hielt er auf ein kleines Steinhaus zu, dessen Bauweise ihn an die der Zwerge erinnerte und Typisch für sie war. Es Stand an jener Stelle, an der er den Schacht vermutete und wozu es diente, würde er wohl bald herausfinden.

Erhaben landete Nyrn auf dem Flachdach des Hauses. Dabei kippte ein Zwerg, der dort ebenfalls saß und eingenickt war, vor Schreck beinahe mit seinem Stuhl um.

Verblüfft sah der schwarzbärtige, gedrungene Mann den vor ihm gelandeten Falken mit großen Augen an. Langsam griff er nach einer, schwer aussehenden, doppelschneidigen Streitaxt die hinter ihm an seinem Stuhl lehnte. Zusammen mit der schweren Lederrüstung die er trug, war er wohl als Wache eingeteilt, die diesen Zugang schützen sollten. Doch war es auch offensichtlich, dass ihm diese Tätigkeit nicht viel Aufmerksamkeit abverlangte.

Ein lautes Klopfen entstand als der Zwerg ein paar Mal mit seiner Axt auf eine Falltür schlug, die ebenfalls hinter ihm in den Boden eingelassen war und legte die Waffe anschließend wieder bei Seite. Wie ein Raubvogel seinen Beute, musterte Nyrn amüsiert den Zwerg, wie dieser aufstand und sich behutsam dem Falken näherte bis er wenige Schritt vor ihm stehen blieb.

Polternde Geräusche drangen aus dem Innern des Hauses nach außen, die allmählich in ein unverständliches aber immer besser zu verstehendes Gemurmel übergingen.

Unsanft, sodass der vor dem Falken stehende Zwerg vor Schreck zusammenzuckte, öffnete einer seiner Artgenosse die Falltür und ließ sie mit lautem Getöse auf dem Boden des Daches knallen.

„Was ist los?“, wollte der zweite Zwerg, welcher nun in der Lucke erschien, mit rauer Stimme wissen. „Hast du wieder einen zu großgeratenen Vogel entdeckt? … Oh ha, beim Barte meiner Großmutter…“

Erst halb durch die Öffnung geklettert sah er nun ebenfalls verblüfft zu dem Greifvogel. „Ich will verdammt sein wenn es den Heute Abend nicht als Festmahl gibt!“

Vor den Augen der beiden erstarten Zwergen nahm Nyrn schließlich wieder die Gestalt des alten Mannes an, an die er sich in den letzten Jahren so sehr gewöhnt hatte und sagte in fließendem Zwergisch: „Der Drache Nyrn Wächter des Siegels von Drakora erbittet eine Audienz beim Rat!“

Der erstaunte Gesichtsausdruck der Beiden wechselte schlagartig zu einem ungläubigen. Denn offenkundig wussten sie nicht mit der Situation umzugehen. Erst die Stimme eines weiteren Zwerges löste die Starre desjenigen, der noch immer in der Luke stand.

„Warte einen Moment!“, rief er hinab und dann zu jenem, der vor Nyrn stand: „Pass du darauf auf, dass er bleibt wo er jetzt ist!“ Anschließend verschwand wieder nach unten.

Ein kurzes Gespräch war zu hören, bis schließlich der Kopf des dritten Zwerges in der Luke erschien.

Das wenige seines Gesichtes, das nicht von seinem grauen Bart verdeckt war, zeugte davon, dass er der älteste der Dreien war. Somit lag die Entscheidung bei ihm, ob Nyrn Einlass erhalten würde. Doch selbst wenn er sich dagegen entscheiden sollte, würde dies den Drachen nicht daran hindern den Rat aufzusuchen. Dazu war sein Anliegen zu wichtig.

Der graue Zwerg musterte Nyrn eine Weile und verschwand dann wieder in der Luke.

Es entflammte eine kurze aber heftige Diskussion, von der allerdings nur einzelne Wortfetzen zu verstehen waren, bis schließlich ein gut hörbarer Pfiff folgte.

Dies ließ den Zwerg, der mit Nyrn auf dem Dach wartete aufmerken und er bat den Mann, mit einer verunsicherten Geste, voranzugehen.

Dankend nahm Nyrn die Einladung an und stieg eine Leiter hinab, die sich unter der Falltür befand.

„Habt dank, dass ihr meiner Bitte nachkommt. Denn es ist von äußerster Wichtigkeit!“, erklärte Nyrn den beiden Zwergen die ihn am ende der Leiter in empfang nahmen.

„Das wird sich zeigen!“, erwiderte der Graubärtige schroff, „Wenn ihr Wirklich das seid was ihr behauptet, steht es mir nicht zu eure Person und euer Anliegen in frage zu stellen. Darüber werden andere entscheiden. Sollte sich aber herausstellen, dass ihr nicht der Wächter seid, könnt ihr euch sicher sein, dass eine Axt schneller euren Schädel spalten wird als dass ihr euren Tittels aussprechen könnt!“

„Ich bin davon überzeugt, dass man mich anhören wird!“, beteuerte Nyrn zuversichtlich.

„Ja ja, was auch immer“, meinte der Grau abwinkend. Er zwängte sich an Nyrn vorbei und stieg eine kurze Treppe hinunter, die an einer Tür endete. „Kommt mit! Gramil wird euch den Weg zeigen. Ich hoffe ihr seid zu Fuß ebenso gut unterwegs wie in der Luft. Denn es wird ein weiter weg bis nach Kaz’Maerun.“ Er öffnete die Tür und dort hinter lag ein langer Stollen, der direkt in den nackten Fels geschlagen wurde. Der Gang war in völlige Dunkelheit gehüllt. Das einzig zu erkennende licht trat durch die offene Tür und erhellte gerade einmal die ersten paar Schritt.

„Folgt mir!“, forderte der schwarzbärtige Zwerg auf, den Nyrn auf dem Dach aus seinem Mittagsschlaf gerissen hatte. Er machte sich an einer Laterne, die auf einer Ablage neben der Tür stand, zu schaffen. Er drehte an einem kleinen Rädchen, das an der Seite der Laterne angebracht war bis ein leises zischen zu hören war und entzündete dann eine Flamme. Nach dem er das Feuer sicher verschlossen hatte nahm er die Laterne und ging voraus. „Bleibt dicht bei mir! Denn ich werde nicht nach euch suchen falls ihr euch verlauft!“

Der alte Zwerg sollte Recht behalten, was den Lauf weg anging. Die beiden waren bereits eine ganze Weile unterwegs als Gramil plötzlich zu fluchen begann.

„Verdammt ich habe vergessen zu überprüfen, ob auch ausreichend Gas in der Lampe ist!“

Kaum hatte er dies ausgesprochen, begann die Flamme merklich an Helligkeit zu verlieren.

„Naja was für ein Zwerg wäre ich wenn mich eine solche Lappalie von meiner Aufgabe abhalten könnte“, sagte der Zwerg zuversichtlich und stellte die Laterne an die Wand.

„Die nehme ich auf dem Rückweg wieder mit. Jetzt würde sie mich nur stören.“

Nur einen Augenblick später erlosch das Licht und ließ die beiden im dunklen zurück.

„Kommt zu mir, ich werde euch auch so hier durchführen.“

„Das wird nicht notwendig sein!“, meinte Nyrn gelassen und erschuf eine Lichtsphäre vor sich, die den Tunnel nun in einem schwachen Orange erhellte.

„Ist zwar nicht so hell wie meine Laterne, aber besser als sich durch die Gänge tasten zu müssen“, gab Gramil erstaunt zu. Neugierig untersuchte er die Kugel und stupste sie mit einem Finger an, wodurch sie zu flackern begann, bis sie sich schließlich ein Stück von ihm entfernte.

Verfolgt von den beeindruckten blicken des Zwerges ließ Nyrn die Sphäre, einige Schritt vor sich, zur Tunneldecke schweben. Gramil nahm wieder seine Laterne und führte seinen Weg fort.

Beinahe noch einmal solange dauerte es, bis man in der Ferne einen anderen Lichtschein erkennen konnte. Er stammte von einigen metallenen Fackeln die links und rechts einer geschlossenen Pforte hingen und ebenfalls ein leises Zischen von sich gaben.

Gramil zog an einem Eisenring des, zu Nyrns Überraschung, unverschlossenen Steintores. Mit Leichtigkeit und fast geräuschlos schwang das massiv wirkende Tor auf und gab den Blick auf die dahinter liegende Höhle frei. Oder zumindest das, was man davon erkennen konnte. Denn auch sie lag in völliger Dunkelheit.

Beide traten ein und während der Zwerg das Tor wieder schloss, tauchten im schein der Lichtsphäre die ersten, zum Teil aus dem Fels geschlagenen Wohnhäuser auf. Keines von ihnen sah aus als würde jemand darin leben. Viel mehr schien es sogar so, dass sie bereits seit Jahren verlassen waren.

Nyrn nahm zunächst an, dass dies eine aufgegebene Arbeitersiedlung war, die zu einer erschöpften Mine gehörte. Doch je tiefer sie in die Höhle drangen, umso mehr und größere Gebäude kamen in Sicht.

Mit einem unguten Gefühl sandte Nyrn die Lichtkugel quer durch das Gewölbe. Allein die höhe der Decke bewies, dass dies kein abgelegene Siedlung sein konnte.

Plötzlich erstrahlte die Kugel in einem gleißenden Licht und schälte so eine ganze Stadt aus der Dunkelheit. Schnell erkannte Nyrn sie als eines der Stadtteile von Kaz’Maerun und fragte irritiert: „Was ist hier geschehen? Als ich das letzte Mal hier zu besuch war, war dies eine Blühende Stadt!“

Verbittert begann der Zwerg zu lachen und fragte: „Vor wieviel Jahrhunderten soll das gewesen sein?“

Nyrn musste überlegen, da seit seinem letzten Besuch tatsächlich sehr viel Zeit vergangen war.

„Kurz nach dem der euer Rat Beschlossen hatte sich von der Außenwelt zu isolieren!“, antwortete Nyrn nachdenklich. „Zu dieser Zeit waren die Tunnel nach Calay und Eboria noch nicht verschüttet! Damals versuchte ich ihn noch einmal umzustimmen wie man sieht, jedoch erfolglos.“

„Ist das euer Ernst?“ wollte Gramil verwundert wissen, „Das ist über 500 Jahre her!“

„Aber selbst verständlich meine ich das ernst!“, erwiderte Nyrn, „was überrascht euch daran sosehr?“

„Nichts … ich habe nur vergessen, dass ihr euch als Drachen vorgestellt habt“, gab der Zwerg zu und sah sich dann verstohlen um. „Aber um eurer Frage zu beantworten, unsere selbst aufgelegte Isolation ist hier geschehen!“

„Was genau wollt ihr damit sagen?“, hakte Nyrn nach.

„Die Stadt war damals viel zu groß, um sich selbst versorgen zu können!“, antwortete Gramil flüsternd. „Und sowohl der Rat als auch die meisten Zwerge waren zu störrisch um dies einzusehen. Es kam wie es kommen musste. Eine Hungersnot brach aus. Aber auch dies änderte nicht einmal die Meinung derer, die nichts mehr zu essen hatten.

Schließlich kamen mit dem Hunger auch die Krankheiten. Für die meisten von ihnen waren sogar Heilmittel bekannt. Doch da es natürlich keinen Nachschub gab, waren die Vorräte ebenso schnell aufgebraucht wie es neue Erkrankte gab.

Wegen ihres, durch den Hunger, geschwächten Zustandes erlagen viele dieser Epidemie. Da man dem Ganzen mit der Zeit aber nicht mehr Herr wurde, sperrte man alle jene, die auch nur das geringste Anzeichen einer Krankheit aufwiesen, in das Nordviertel der Stadt. Dort überließ man sie dann sich selbst.

Man erzählt sich, dass auch noch über einhundert Jahre nach dem die Tore verschlossen wurden, Stimmen und Geräusche aus dem Stadtviertel zu hören waren. Aber es hat seit dem niemand gewagt den Nordteil zu betreten um nachzusehen was geschehen war.“

„Ihr wirkt auf mich nicht so alt, als dass ihr dies selbst erlebt habt!“, bemerkter Nyrn nüchtern und musterte den Zwerg eingehend.

„Ihr habt vollkommen recht“, gab Gramil offen zu, „Aber jeder Zwerg kennt die Geschichten die man sich seither erzählt. Auch wenn viele davon so vermutlich nie geschehen sind, entspring deren Kern dennoch einer Wahrheit, über die nie jemand offen reden würde!“

„Ihr redet gerade darüber!“

„Wir sind hier ja auch alleine!“, murrte der Zwerg, „womöglich habe ich auch schon zu viel erzählt.“

„Und wie viele Zwerge leben noch hier in Kaz’Maerun?“, wollte Nyrn nun wissen.

„Ich glaube nicht einmal mehr ein Drittel von dem, was hier einst lebte!“, erwiderte Gramil und strich nachdenklich mit seiner Hand über den Bart. „die Meisten verteilt auf das Westviertel und den Kern. Die genaue Zahl kenne ich jedoch nicht.“

Nach einer Weile erreichten die Beiden ein weiteres, weit aus größeres Steintor. Auch war es, im Gegensatz zu dem schlichten Tor durch dass sie in diesen verlassenen Stadtteil gelangten, kunstvoll mit geschwungenen Linien verziert.

Nyrn erinnerte sich, dass dies eines der Tore sein musste, die zwei der äußeren Viertel mit dem Kern verbanden.

Kaum hatten sie den Schein der auch hier vorhandenen Fackeln erreicht, öffnete sich langsam eine der Türhälften nach außen.

Beide blieben sie auf der Stelle stehen und Gramil war sichtlich verwundert über das was gerade vorging. Ein halbes duzend, gut gerüsteter Zwerge kam aus dem Tor marschiert und ging vor den Beiden in Stellung.

„Seid ihr für dieses Lichtspektakel verantwortlich Mensch?“, fragte einer von ihnen mir stark gebrochenem Akzent und erkundigte sich anschließend auf Zwergisch bei Gramil: „Aus welchem Grund bringst du ihn hier herunter?“

„Weil ich mit eurem Rat sprechen muss!“, erwiderte Nyrn auf Zwergisch, bevor Gramil Gelegenheit dazu hatte. Er ließ die Lichtsphäre wieder in ihrer ursprünglichen Helligkeit leuchten und rief sie zu sich zurück. Rasend bewegte sie sich zu ihm, sodass sich einige der Zwerge bereits nervös an ihre Waffen klammerten, bis die Kugel schließlich neben ihm abrupt zum Stehen kam. „Der Drachen Nyrn bittet um eine Audienz!“

„Und wieso bittet er nicht persönlich darum?“, fragte der Zwerg unbeeindruckt.

„Weil es keinen Weg mehr nach hier unten gibt, der groß genug für ihn wäre!“, entgegnete Nyrn amüsiert worauf ihn Gramil verwundet ansah.

„Dennoch wird der Drache selbst herkommen müssen um sein Anliegen vorzutragen!“, stellte der Zwerg klar.

„Verzeiht Herr Zwerg, aber ihr habt mich scheinbar missverstanden. Ich bin Nyrn!“, erklärte der alte Mann.

Argwöhnisch betrachtete der Zwerg ihn und meinte dann verstimmt: „Wir mögen zwar schon seit langer Zeit keinen Drachen mehr in unserer Mitte begrüßt haben, so wissen wir dennoch wie sie aussehen! Und einen überheblichen, alten Mann, der glaubt uns zum narren hallten zu können erkennen wir alle male.“ Dann zog er seine Waffe. „Ich hoffe dieser Spaß war es euch wert, denn es war euer Letzter!“

Bevor der Zwerg allerdings seine Drohung in die tat umsetzen konnte, verschwamm Nyrns Gestalt. Rasch nahmen die Ausmaße seiner Erscheinung zu, bis sie ein Vielfaches der ursprünglichen Größe erreicht hatten. Die um ihn herumstehenden Zwerge, die ohnehin schon vor staunen ihre Waffen gesenkt hatten, mussten nun einige Schritt von ihm zurückweichen. Schließlich begann sein Körper wieder Form anzunehmen bis ein ausgewachsener Drache vor den Zwergen stand.

Langsam senkte sich Nyrns Haupt etwa auf Augenhöhe der Zwerge herab und fragte knurrend: „Reicht euch dies um meinen Worten glauben zu schenken oder braucht ihr auch noch einen Beweis dafür, dass mein anliegen von höchster Dringlichkeit ist?“

„Nein das wird nicht notwendig sein!“, erwiderte ein entgeisterter Zwerg mit zittriger Stimme. Dies war ihm aber offenbar unangenehm, weswegen er sich räusperte und gefasst fortfuhr: „Ich werde den Rat sofort informieren. Es kann jedoch einige Zeit in Anspruch nehmen bis er zusammen kommt!“

„Gut!“, brummte der Drache zufrieden, „Es wird hoffentlich nicht zu lange dauern!“

„Wir werden sehen“, meinte der Zwerg mit zweifelnder Miene und wurde abermals Zeuge, wie Nyrn seine Gestalt änderte, zurück zu dem alten Mann.

Mit schmerz verzerrtem Gesicht sackte Nyrn auf die Knie und viel nach vorne. Er fing sich mit einer Hand ab während die andere nach seiner Brust griff.

„Ist alles in Ordnung mit euch?“, fragte Gramil besorgt, der sofort zu ihm gestürmt kam.

„Ja, es geht schon wieder!“, keuchte Nyrn und versuchte wieder aufzustehen. „Die Reise hier her hatte wohl mehr Kraft gekostet als ich dachte. Ich war die letzten Tage ohne Unterbrechung unterwegs und habe mich wohl nur etwas überansträngt.“

Gramil half ihm wieder auf die Beine zu kommen, was Nyrn dankend annahm.

„In Ordnung, ich bringe euch zu einer Unterkunft, in der ihr euch ausruhen könnt. Es wird, wie bereits erwähnt, ohnehin einige Zeit dauern bis der Rat euch empfangen wird!“, meinte der Zwerg, der bereits die ganze Zeit gesprochen hatte, „Folgt mir Bitte!“

Auf Gramil gestützt, folgte Nyrn dem Zwerg durch das Tor in den Kern der Stadt.

Lyzarie, überall wo Rianna hinsah. In diesem Stadtteil schienen sie noch viel geschäftiger zu sein und doch gingen sie auch hier nur ihrem Alltag nach. Trotzdem bahnte sich Tar’Aknaris und seine Gefolgschaft, ohne Mühe einen Weg durch die Menge. Viel mehr bereiteten die umstehenden Lyzarie bereits weit vor ihnen eine breite Gasse und keiner wagte es dann noch ihren Weg zu kreuzen.

Schließlich erreichten sie den Platz, der sich vor dem Zentralgebäude der Stadt erstreckte. Dieses war von nahem noch viel beeindruckender als es von Turmalon Rücken aus den Anschein machte. Weiterhin gingen sie direkt darauf zu und stiegen kurze Zeit später die Stufen hinauf, die zum Eingang des Gebäudes führte.

Auf halbem Weg hinauf, erblickte Rianna etwas, dass sie zum Schluss kommen ließ, dass dies ein Tempel oder dergleichen für die Lyzarie darstellen musste. Viele von ihnen knieten vor einer Empore, die sich unweit, rechts und links der Treppe befanden.

Während auf der einen Seite ein Art Priester zu ihnen sprach, lehnte der auf der anderen Seite lediglich an eine der weißen Säulen, die das Dach der Empore trugen. Nur hin und wieder wanderten seine Blicke, herablassend über die unter ihm versammelte Menge, während er sich mit einem zweiten Priester unterhielt.

Auch auf dem Rundgang und dem Inneren, das sie nun betraten, begegneten ihnen einige der edel gekleideten Lyzarie. Doch wirkten sie alle weit weniger in eile, als ihre Artgenossen unten auf der Straße.

Am ende des Korridors, in dem sie sich befanden, teilte sich die Gruppe auf. Der größte Teil wandte sich nach links und verschwand auf einer geschwungenen Treppe, die in einen höhergelegenen Abschnitt der Gebäude führte.

Tar’Aknaris und ein Lyzarie der Rianna führte, gingen hingegen ein weitere Treppe auf der rechten Seite hinunter. Sie führte zu einem steinernen Tor, welches sich wie von selbst öffnete, als sie die letzten Stufen erreichten.

Während der Priester mit Rianna vor dem Tor wartete, betrat Tar‘Aknaris die dahinter liegende Halle.

Auf halbem Weg zu etwas das ein Altar sein könnte, der sich in der Mitte befand, kniete sich der Lyzarie auf dem Boden. Mit geschlossenen Augen senkte er sein Haupt und verharrte dort stumm.

Erleichtert versuchte sie den brennenden Schmerz, den das Seil an ihren Handgelenken und Schultern hinterlassen hatte, weg zu reiben, nachdem sie von den Fesseln befreit hatte.

Als sie wieder aufsah, hatte auch Tar‘Aknaris sich aufgerichtet und war bereits auf dem Rückweg.

Der Lyzarie hinter Rianna gab ihr einen leichten Stoß, woraufhin sie dem Hohepriester entgegen stolperte. Er ignorierte sie jedoch und schritt einfach an ihr vorbei.

Ohne ein Wort zu verlieren, trat er wieder durch das Tor und verschwand um die Ecke, die Treppe hinauf.

Kaum dass er die Halle verlassen hatte, schwangen die Flügel des Tores wieder zu und schlossen Rianna ein. Doch gaben sie zugleich den Blick auf ein Relief frei, das in deren Rückseite geschlagen war. Es ging nahtlos auf die Wände über, sodass man das Tor nur noch erahnen konnte, vorausgesetzt man wusste wo es sich befand, und durchzog so den gesamten Raum.

Erstaunt über den Detailreichtum begann Rianna damit die Bilder zu deuten, die auf dem Relief dargestellt waren.

Auf dem ersten, welches sie betrachtete und sich auf dem eigentlichen Tor befand, war ein Berg abgebildet, in dessen inneren sich eine groteske Kreatur befand. Doch trotz der Größe und des erstaunliche guten Zustand, konnte Rianna nicht erkennen was sie darstellte. Es wirkte aber so, als sei sie in diesem Berg eingesperrt.

Dies verdeutlichte auch das nächste Bild. Auf diesem war der Berg wie ein Vulkan ausgebrochen und die Kreatur flog darüber hinweg.

Dann kämpfte sie, auf einer Reihe von Abbildungen, entweder gegen einzelne oder kleiner Gruppen von Drachen. Bis es Schließlich so aussah, als würde die Kreatur einen ganzen Hort attackieren.

Triumphierend stand sie auf dem nächsten Bild zwischen den erschlagenen Körpern einiger Drachen. Unter ihnen waren auch kleiner, vermutlich Jungtiere, und sogar Zerbrochene Eier zu sehen.

Bewegt von diesen furchtbaren Bildern musste Rianna erst einmal tief durchatmen, bevor sie es wagte, die Geschichte weiter zu betrachten.

Es folgte aber etwas weniger schreckliches. Einige sehr verschieden aussehende Drachen saßen zusammen im Kreis. Rianna vermutete das sie sich zur Beratung versammelt hatten, um etwas gegen diese Kreatur zu unternehmen.

Als nächstes standen zwei der Drachen vor einer Reihe kleiner aber breiter Männer mit langen Bärten, während im Hintergrund eine Stadt zu sehen war. Rianna war sich sicher, dass dies Zwerge sein mussten und erinnerte sich an die eine oder andere Geschichte die man sich über dieses Volk erzählte. Sie sollten wahre Meister im Umgang mit Metall und Stein gewesen sein und bauten daraus angeblich sogar Konstrukte, die ihnen die Arbeit erleichterten.

In einer der Ecken dieses Reliefs, entdeckte sie noch die kleine Abbildung einer Stadt die scheinbar im inneren eines Berges lag.

Während Rianna sich dem nächsten Relief zuwenden wollte, bemerkte sie, wie es im Raum langsam begann heller zu werden. Die Ursache dafür war ein bläulich schimmerndes Leuchten, das scheinbar vom Altar ausging, dem sie sich nun näherte. Nach der Quelle des Lichtes suchend, umkreiste sie das steinerne Podest. Doch schien die Luft über dem Altar selbst der Ursprung zu sein. Denn sie konnte weder eine Fackel noch etwas Vergleichbares ausmachen, das dieses Licht erklären konnte.

Rianna starrte auf die Erscheinung und je länger sie diese betrachtete, desto mehr glaubte sie klare Umrisse zu erkennen, die sie entfernt an die Gestalt einer Person erinnerte. Aber es waren wie bei einem Schatten keinerlei Details zu sehen sondern nur dessen Konturen.

Vorsichtig streckte Rianna ihre Hand nach der Gestallt aus, konnte sie allerdings nicht berühren. Ohne jeglichen Wiederstand glitt sie hindurch und ließ, mit einem leichten Kribbeln auf der Haut, lediglich die Umrisse verschwimmen.

Dann löste sich die Gestallt schwebend vom Altar und umkreister ihrerseits Rianna, die erschrocken ihre Hand zurückgezogen hatte und einige Schritte nach hinten gegangen war.

„Fast könnte man meinen, du wüsstest nicht wer ich bin!“, meinte eine klare, sanfte Stimme die gleichzeitig an Riannas Gehör drang, als auch in ihrem Kopf erklang. „Hat dir der, von dem ich gehofft habe er sei wieder zurückgekehrt, denn nicht von mir erzählt?“

„Nein!“, antwortete Rianna ängstlich, „Ich weiß nicht wer oder was du bist und auch nicht wen du meinst, der mir dies erzählt haben soll!“

„Ich kenne seinen Namen nicht. Weiß nur was er ist!“, meinte die Gestalt und verharrte in ihrer Bewegung als sie sich vor Rianna befand. Schnell schoss sie auf das Mädchen zu und stoppte unmittelbar vor ihr, sodass Rianna vor Schreck die Luft anhielt.

„Nein, ich habe mich nicht geirrt!“, sagte die Gestalt nach einem kurzen Moment der Stille und entfernte sich wieder. „Und dennoch weist du nicht wer ich bin?“

Rianna schüttelte verneinend den Kopf.

Die Gestalt schwebte einige Zeit, scheinbar ziellos umher und ließ sich dann wieder auf dem Altar nieder. Es hatte den Anschein als säße sie auf dessen Kante und würde nun die Beine baumeln lassen, als sie mit sanfter Stimme fragte: „Wie nennst du dich?“

„Rianna!“

„Und weiter? Trägst du keine Titel?“, wollte sie nun wissen.

Abermals schüttelte Rianna verneinend den Kopf.

„Hast du schon einmal vom ‚Wächter des Siegels von Drakora‘ gehört?“,

„Nein, auch das ist mir kein Begriff“, erwiderte Rianna entschuldigend und fügte hastig hinzu, „darf ich auch deinen Namen erfahren?“

„Man nennt mich hier Al‘Askahra!“, antwortete die Gestalt und machte dabei den Anschein sich zu verbeugen. „Ich war sehr erfreut als ich von deiner Anwesenheit in dieser Stadt erfuhr und habe sofort nach dir schicken lassen.“

Es dauerte einen Augenblick, bis Rianna die Bedeutung der Worte erfasst hatte und vergas dann sämtliche Ehrfurcht die sie bis eben noch vor dem Wesen hatte. Aufgebracht verlangte sie zu erfahren: „Ist das der Grund, wieso ich durch das ganze Königreich hierher verschleppt und Tagelang gefangen gehalten wurde?“

„Oh nein, meine Sinne reichen nicht viel weiter als über die Grenzen der Stadt hinaus. Der Grund deines Aufenthaltes entzieht sich meiner Kenntnis“, erklärte die Gestalt beschwichtigend.

Rianna beruhigte sich wieder. Sie erinnerte sich, dass Rak’Zunaih es war der sie her brachte und das eigentlich nur um ein Druckmittel für Turmalon zu haben. Bei dem Gedanken daran knurrte Ihr plötzlich der Magen und sie legte eine Hand auf ihren Bauch um ihn zu beruhigen.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte die Gestalt besorgt und schwebte langsam wieder auf Rianna zu.

Rianna zuckte zusammen als sie aufsah und bemerkte, dass Al‘Askahra unmittelbar vor ihr stand.

„Es ist nichts!“, verharmloste sie verlegen, „nur habe ich seit Tagen nichts richtiges mehr gegessen und kaum geschlafen.“

„Ich verstehe!“, beteuerte die Gestalt, „Es ist nur schwer zu entschuldigen was dir widerfahren ist. Ich denke es ist besser wenn wir uns Morgen weiter unterhalten. Ein wenig ruhe wird dir mit Sicherheit gut tun und eventuell deine Erinnerungen wieder auffrischen.“

Nur einen Moment später öffnete sich hinter ihnen das Tor, durch das Rianna eingetreten war. Tar‘Aknaris und zwei weiter Lyzarie traten ein und blieben etwa auf halben Weg zum Altar stehen.

„Gebt unserem Gast einen Raum in dem sie sich ausruhen kann und bringt ihr auch etwas zu essen!“, orderte Al‘Askahra die Lyzarie an. Tar‘Aknaris verbeugte sich und wandte sich zu seinen Begleitern, denen er etwas in ihrer Sprache sagte. Schließlich bat er Rianna, in ihrer Sprache, den beiden zu folgen.

Die plötzliche Freundlichkeit, die man ihr nun entgegen bot ließ Rianna misstrauisch werden. Doch war die Aussicht, endlich wieder etwas in den Magen zu bekommen und möglicherweise sogar in einem Bett schlafen zu können, Grund genug es sich zumindest einmal anzusehen. Also folgte sie den beiden Lyzarie. Doch bevor sie das Tor erreichte, drehte sie noch einmal um und fragte: „Was ist mit Turmalon?“

„Wer soll das sein?“, erkundigte sich Al’Askahra.

Schnell überlegte Rianna, wie sie es bewerkstelligen sollte, dass auch Turmalon nicht länger unter Rak’Zunaih leiden musste. Denn das war es, was sie befürchtete, wenn sie an das zurückdachte was der Drache ihr über den Lyzarie erzählte hatte und dessen Drohungen, deren sie selbst Zeuge wurde. „Er ist ein guter Freund, der mit mir zusammen hier her gebracht wurde. Es würde mich sehr freuen ihn wieder zusehen und zu wissen, dass es ihm gut geht“, erklärte Rianna schließlich und setzte alles auf das Wohlwollen der Erscheinung.

„In Ordnung. Wir werden sehen ob wir ihn finden können und bringen ihn ebenfalls hier her“, sicherte Al‘Askahra zu.

„Rak’Zunaih sollte wissen wo er sich aufhält!“, ergänzte Rianna daraufhin.

„Dann wird es mir ein Vergnügen sein, mich Persönlich darum zu kümmern!“, erklärte sich Tar‘Aknaris mit einem Lächeln dazu bereit, dass Rianna daran zweifeln ließ ob dies eine gute Idee von ihr war. Andererseits konnte sie es jetzt nicht mehr rückgängig machen und hoffte so auf das Beste. Mit einem Freundlichen Lächeln, das ihr Unbehagen überspielen sollte, bedankte sie sich und folgte nun den Beiden Lyzarie, die noch immer auf sie warteten.

Es war kein weiter weg bis zu dem Zimmer, das sich im oberen Teil des Tempels befand. Die Lyzarie stiegen lediglich einige Stufen empor und wiesen Rianna einer der Ersten Räume zu, die sie erreichten.

Es war ein kleines, zu Riannas Überraschung aber gemütlich eingerichtetes Zimmer, in das durch ein kleines vergittertes Fenster etwas Licht einfiel. Sie saß auf einem von zwei Stühlen der an einem kleinen Tisch direkt an der Wand unterhalb des Fensters stand. Direkt hinter ihr befand sich in einer Ecke des Raumes, ein kleiner Ofen, der wohl für kältere Tage gedacht war. An der gegenüberliegenden Wand stand ein Schrank, in den Rianna auch bereits einen Blick reingeworfen hatte. Darin befanden sich einige Gewänder, ähnlich derer wie sie die Lyzarie in diesem Tempel trugen nur nicht so reich verziert. Direkt neben dem Schrank stand das, worauf sie sich aber mit Abstand am meisten freute und zugleich auch ziemlich überraschte. Ein Bett. Doch was hatte sie eigentlich erwarte? Das die Lyzarie wie Tiere auf dem Boden schliefen? Rianna wusste nicht was sie erwartet hatte. Allerdings hätte sie auch nichts dagegen eingewendet, auf dem mit Fellen ausgelegten Steinboden zu liegen. Selbst dies war allemal gemütlicher als der feuchte Boden ihres Verließe. So verdreckt wie sie war, wollte sie sich allerdings nicht dort hineinlegen.

Sie malte sich bereits seit geraumer Zeit aus wie sie den beiden Lyzarie, die vor ihrer Tür wache standen und vermutlich keine ihrer Worte verstanden, begreiflich machen sollte, dass sie sich gerne waschen würde.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihre Überlegungen und eine Lyzarie, wie Rianna an den weichen Gesichtskonturen zu erkennen glaubte, trat ein. Sie trug einen großen Teller mit einer ordentlichen Portion Fleisch, Gemüse und einem Haufen kleiner länglichen weißen Körner, in ihren Händen und stellte ihn auf dem Tisch ab. Nichts von dem auf dem Teller hatte Rianna je zuvor schon einmal gesehen. Aber bereits der Geruch ließ ihr das Wasser im Mund zusammen laufen und auch ihr ausgehungerter Magen meldete sich wieder zu Wort. Es musste einfach gut schmecken, auch wenn sie es von der Menge wohl nicht alles schaffen konnte.

Fast hätte Rianna angefangen das Essen mit bloßen Händen in sich hereinzuschaufeln, als die Lyzarie ihr Besteck entgegenreichte. Wieder etwas, dass Rianna nicht erwartet hätte. Vielleicht sollte sie, so dachte Rianna, auch einfach akzeptieren, dass die Lyzarie keine Wilden sind.

In dem Glauben, dass die Lyzarie sie nicht verstehen würde, zeigte sich Rianna dennoch mit einem Danke erkenntlich und nahm das Besteck entgegen.

„Gern geschehen“, erwiderte die Lyzarie mit deutlichem Akzent, zu Riannas Überraschung. „Falls du sonst noch etwas wünschst, ich stehe dir jederzeit zur Verfügung!“

„Dank, im Moment nicht“, entgegneter ihr Rianna und versuchte ihre Verwunderung zu überspielen, in dem sie von dem Mahl probierte. Sie spießte einen der mundgerecht zugeschnittenen Fleischstücke mit der Gabel auf und schob noch einige der weißen Körner mit etwas Soße, mit Hilfe des Messers, dazu. Kurz vor ihrem Mund stoppte sie und roch zur Vorsicht noch einmal an dem Happen. Der Geruch erinnerte sie jedoch umso mehr daran, wie viel Hunger sie hatte, weswegen die Portion auch augenblicklich in ihrem Mund verschwand.

„Das schmeckt hervorragend!“, bestätigte Rianna mit noch vollem Mund und schob bereits den nächsten Happen hinterher. Die Lyzarie nahm dies mit einem freundlichen Lächeln schweigend zur Kenntnis.

Nachdem sie etwas mehr als die Hälfte, der sehr großzügig gemeinten Portion, mehr oder weniger verschlungen hatte, war Rianna satt. Sie legte das Besteck beiseite und lehnte sich auf dem Stuhl zurück und musste dabei plötzlich aufstoßen.

„Entschuldigung!“, sagte sie mit hochrotem Kopf beschämt und blickte zu Boden. Als sich ihre Verlegenheit wieder gelegt hatte sah sie wieder auf zur Lyzarie, die noch immer neben ihr vor dem Tisch stand und fragte: „Wie heißt du eigentlich?“

„Sirah!“, antwortete die Lyzarie und machte dabei einen Knicks.

„Gibt es eine Möglichkeit, dass ich mich hier irgendwo waschen kann?“, fragte Rianna, „so verdreckt wie ich bin, möchte ich mich nicht in das Bett legen!“

„Natürlich. Ich werde alles Nötige besorgen“, sicherte Sirah umgehend zu und verließ mit diesen Worten den Raum.

Es dauerte einige Zeit, bis sie zurückkam. Als Sirah wieder eintrat hatte sie einige Tücher und verschiedene Fläschchen in den Händen. Ihr folgte ein kräftig gebauter Lyzarie, der eine metallene Wanne mit Dampfendem Wasser trug. Und obwohl sie fast bis an den Rand gefüllt war, gelang es ihm, sie ohne einen Tropfen zu verschütten in der Mitte des Raumes Abzustellen. Anschließend verließ er mit den Resten von Riannas Mahl in der Hand den Raum und schloss hinter sich die Tür.

Während Sirah die mitgebrachten Utensilien auf dem Tisch ausbreitete, nahm Rianna die Wanne in Augenschein. Die Wanne war zwar groß genug, dass sie sich bequem hinein setzen oder knien konnte, wenn sie sich jedoch hinein legen wollte, müssten die Beine über den Rand baumeln.

Vorsichtig tauchte Rianna ihre Hand ins Wasser und zog sie erschrocken wieder zurück. Für ihren Geschmack war das Wasser zu heiß. Jedoch nicht so heiß, dass sie sich daran verbrennen würde.

Schließlich versuchte Rianna ihre lederne Rüstung abzulegen. Doch war sie noch immer feucht, durch den Aufenthalt im Verließ, weswegen sich die Lederriemen nur schwer lösen ließen.

„Sirah, würdest du mir bitte helfen die Schnallen zu öffnen?“, fragte Rianna nach dem sie dran gescheitert war. Die Lyzarie nicke kurz und kam auf Rianna zu. Mit wenigen, geschickten Handgriffen löste sie die restlichen Riemen, sodass Rianna nun das Oberteil ablegen konnte. Angewidert von dem Geruch und froh es endlich los zu sein, warf sie es in eine freie Ecke des Raumes. Als nächstes folgten ihre Stiefel. Der Gürtel der Hose ließ sich auch ohne Probleme öffnen. Nur aus dieser herauszuschlüpfen machte einige, mittels sanfter Gewalt überwindbare, Schwierigkeiten. Anschließend landete die Hose in derselben Ecke und Rianna stand nur noch mit Nachthemd bekleidet da.

Irritiert betrachtete Rianna das Kleidungsstück und erinnerte sich dann, dass ihr dieses ein Mann namens Viktor angezogen haben soll, nach dem er ihre Wunden durch den Spinnenangriff versorgt hatte. Zumindest behauptete Turmalon dies.

Achselzuckend wandte sich Rianna den Gegenständen auf dem Tisch zu. Sie nahm eines der Kleineren Tücher und fragte: „Wo ist die Seife?“ Nach dem sie einige Zeit zwischen den Fläschchen gesucht hatte aber nicht fündig wurde.

Sirah griff nach einem Tiegel, öffnete ihn und reichte ihn Rianna. Ein blumiger süßer Duft stieg ihr in die Nase als sie das Gefäß, in dem sich eine dickflüssige gelbliche Masse befand, entgegennahm. Sie tauchte Zeige und Mittelfinger in die Seife und verrieb es auf ihrem Unterarm. Erfreut stellte sie fest, dass sich der Schmutz an dieser Stelle zu lösen begann und bedankte sich bei Sirah mit einem Lächeln.

Mit dem Tuch und der Seife in der Hand kehrte Rianna zur Wanne zurück und legte beides daneben ab. Dann griff sie nach ihrem Zopf und löste das kaum noch wiederzuerkennende Band, welches ihn zusammenhielt. Sie schüttelte wild den Kopf und strich anschließende mit den Händen durch ihr Haar, bis es halbwegs entwirrt war und frei an ihrem Rücken herunterhing.

Von der Lyzarie abgewandt öffnete Rianna die obersten Knöpfe des Nachthemdes, bis es ihr an den Schultern herab und zu Boden glitt. Mit den Zehenspitzen voran stieg sie nun erst mit dem rechten Fuß in die Wanne und ließ den linken gleich darauf folgen. Dann ging sie in die Hocke, um sich, mit den Händen auf dem Rand gestützt, in das noch immer sehr warme Wasser zu setzen.

Wegen der begrenzten Größe saß Rianna mit angewinkelten Beinen in der Wanne. Mit geschlossenen Augen lehnte sie sich nach vorne, umklammerte ihre Oberschenkel und stützte den Kopf auf ihre Knie.

Rianna versuchte sich zu entspannen und ließ das warme Wasser auf sich wirken. Am liebsten würde sie alles vergessen was in den letzten Tagen geschehen war. Doch war sie sich auch sicher, dass es noch nicht vorbei war. Zwar wurde sie nun wesentlich besser behandelt, aber sie kam sich immer noch wie eine Gefangene vor. Die zwei Lyzarie vor der Tür machten dies mehr als deutlich.

Überrascht zuckte Rianna zusammen, als sie Sirahs Hand auf ihrem Rücken spürte. Die Lyzarie war nahezu lautlos an sie herangetreten und strich ihr nun die Haare zur Seite über die linke Schulter. Mit einer Schale schöpfte sie etwas Wasser ab und ließ es über den Rücken des Mädchens fließen. Dies wiederholte sie noch einige Male, bis sie nach der Seife griff. Davon gab sie etwas auf ein Tuch, welches sie zuvor ins Wasser getaucht und ausgewrungen hatte. Mit sanftem Druck befreite sie nun Riannas Rückseite von dem grau-schwarzen Schmutz, der sich wie ein Schleier fast über ihren gesamten Körper gelegt hatte. Nachdem Nacken und Schultern wieder sauber waren wanderte sie langsam nach unten und ging dabei sehr gründlich vor.

Nun löste sich Rianna wieder aus ihrer Umklammerung, lehnte sich etwas nach hinten und beugte den Kopf vor, damit ihr Haar vollends nach vorne fiel. Sie nahm die Schale welche Sirah zuvor verwendet hatte und goss sich das Wasser über Kopf und Haare. Dann nahm sie sich eine Handvoll der flüssigen Seife und massierte sie gründlich in die Haare ein. Abermals stieg ihr der liebliche Duft der Seife in die Nase und hielt für einen Moment inne. Mit einem wehmütigen Seufzer dachte Rianna an die Badetage mit ihren beiden jüngeren Brüdern Zuhause zurück. Fast jedes Mal mussten sie erst lange dazu überredet werden, nur um anschließend quietschfidel in der Wanne herumzutollen und erst dann wieder herauszusteigen, wenn das gesamte Wasser auf dem Boden der Küche verteilt war.

Zu guter Letzt tobten sie dann noch klatschnass durch das gesamte Haus und Rianna musste ihnen hinterherjagen, damit sie nicht überall das Wasser verteilten.

„Alles in Ordnung?“, wollte Sirah wissen und berührte Rianna am Arm. Das Mädchen sah zu der Lyzarie auf und nickte ihr leicht lächelnd zu.

„Ich habe nur gerade an Zuhause gedacht“, erklärte Rianna. Nun nahm sie abermals die Schale, die vor ihr im Wasser schwamm, und spülte sich mit deren Hilfe die Seife aus dem Haar. Das überschüssige Wasser strich sie mit den Händen aus ihrem Schopf und ließ ihn anschließend wieder über ihre linke Schulter hängen. Dann suchte Rianna nach dem Tuch, das noch immer neben der Wanne auf dem Boden lag. Doch als Sie es in Händen hielt, nahm Sirah es ihr wieder ab und mahnte kopfschüttelnd: „Lass mich das machen!“

Die Lyzarie fuhr an dem rechten Arm fort, den sie eben noch gepackt hatte um Rianna das Tuch abzuholen. Dabei ging sie weiterhin sehr gründlich vor und tauchte es häufiger als es nötig gewesen wäre ins Wasser ein, um es von dem aufgenommenen Schmutz zu befreien.

Als Sirah mit dem Oberkörper fertig war, bat sie Rianna darum aufzustehen. Dies ließ Rianna vor Scham rot werden. Dann aber wurde ihr klar, dass sie der Lyzarie vermutlich schon alles gezeigt hatte und kam daher der Bitte nach. Dennoch zögerte sie, was Sirah mit einem flüchtigen schmunzeln kommentierte.

Nach dem die Lyzarie auch mit dem Unterkörper fertig war, reichte sie Rianna eines der größeren Tücher mit dem sie sich abtrocknen konnte und forderte sie auf an den Tisch zu treten. Sirah bat sie an einem der Fläschchen zu riechen, die sie ebenfalls mitgebracht hatte und erklärte: „Darin befindet sich ein Öl das eigentlich dazu dient die Schuppen geschmeidig zu halten und ihnen Glanz zu verleihen. Ich dachte mir dass es dir nicht schaden würde, wenn ich dich ebenfalls damit einreibe. Alle enthalten das Gleiche Öl. Der einzige Unterschied ist der Duft, der beigemischt wurde. Du solltest den wählen, der dir am meisten zusagt.“

Nacheinander gingen Rianna die fünf Fläschchen durch und entschied sich für einen Duft, der sie an Blumen erinnerte und ihr gleichzeitig nicht ganz so aufdringlich vorkam. Dieses Öl überreichte sie dann Sirah, die derweil ein weiteres Tuch auf dem Bett ausbreitete.

„Leg dich hin“, bat die Lyzarie. Rianna kam diesem Wunsch gerne nach und legte sich mit dem Bauch auf das Bett. Sirah setzte sich direkt neben sie auf die Kannte und befreite Rianna von dem Tuch, in das sie sich eingehüllt hatte.

„Das brauchen wir jetzt nicht mehr“, sagte die Lyzarie und warf es achtlos es auf den Boden. Dann träufelte sie etwas des Öls auf Riannas Rücken und verteilte es. Schließlich begann sie am Nacken, es mit kräftigen Bewegungen einzumassieren.