Karibische Nächte
In der Karibik des 17. Jahrhunderts waren Freibeuter und Piraten nicht nur gefährliche Seeleute, sondern manchmal auch einfach nur Menschen...
Es war eine dieser seltenen, lauen Nächte in der Karibik, die nicht unerträglich warm waren. Die See war ruhig, die Winde waren flau. Das beruhigende Rauschen der Wellen die am nahen Strand anlandeten war ziemlich das einzige Geräusch, abgesehen von dem fernen Lärm der Hafentavernen.
Der Mond stand hoch am Himmel und tauchte die Szenerie in sein fahles, blaues Licht. Die Laternen des Schiffs warfen ihr Licht nicht bis zu ihm hinauf. Es saß im Krähen-Nest, wie er es gerne in solchen Nächten tat und dachte nach. Seine Gedanken drifteten ungelenkt von einem Thema zum Nächsten und wieder zurück.
Sie waren diesen Hafen angelaufen, um Proviant zu fassen und um zu feiern.
Der alte Kapitän hatte sich endlich entschieden seinen Mantel an den nächsten abzugeben. Es wurde Zeit, er war bereits über siebzig Jahre alt. Es war selten, dass ein Kapitän in diesen Zeiten so lange überlebte, und die Mannschaft hatte darauf bestanden, den Abschied des Kapitäns gehörig zu feiern.
Er hatte gelacht und hatte ihnen zugesehen, wie sie die Beiboote zu Wasser gelassen und das Schiff verlassen hatten. Als sie dem Hafen entgegen gerudert waren, hatte er ihnen nachgewunken, denn er war zurückgeblieben, der Trubel in den Tavernen war nichts für ihn. Zu laut, zu stickig, zu viele Menschen.
Er hatte mit seinem Kapitän bereits in der vorherigen Nacht gefeiert.
Sehnsüchtig sah er auf die offene See hinaus und erinnerte sich zurück.
Er war jetzt 45 Jahre alt. Er hatte weit mehr als die Hälfte seines Lebens auf diesem Schiff verbracht. Die Flying Seagull war sein zu Hause, mehr als das, sie war sein sicherer Hafen, sie war dort wo seine Seele Frieden fand.
Es war nicht immer so gewesen.
Er erinnerte sich an die Anfänge, als er mit nicht einmal zwölf Jahren als Kabinenjunge des Kapitäns an Bord gekommen war. Er war aufgeregt gewesen damals, das Abenteuer die Weltmeere zu befahren, fremde Länder zu sehen, hatte damals über die Gefahren hinweg getäuscht, die mit dem Segeln einhergingen. Sehr zum Leidwesen seiner Mutter, die verzweifelt versucht hatte ihm die Flausen auszureden, und ihn am Ende sogar in seinem Zimmer eingesperrt hatte, war her schließlich heimlich davongelaufen und hatte beim erstbesten Schiff im Hafen angeheuert. Im Nachgang betrachtet hatte er verdammt viel Glück gehabt, bei der Flying Seagull an Bord gegangen zu sein. Er hätte es unendlich viel schlimmer treffen können.
Schnell hatte er gelernt, dass das Leben an Bord eines großen Schiffes kein Zuckerschlecken war. Wenigstens war er als Kabinenjunge des Kapitäns von den Übergriffen der Mannschaft geschützt gewesen, anders als die anderen Schiffsjungen, die ihm teilweise schlimme Dinge berichtet hatten. Die Rituale, die die jungen Matrosen über sich ergehen lassen mussten um von der übrigen Crew als würdig anerkannt zu werden blieben ihm zum größten Teil erspart, nur ein paar der Mutproben hatte auch er bewältigen müssen; und das erste Mal in den Rahen bis ganz nach oben zu klettern und ganz außen die Reffbändseln zu lösen war eine Herausforderung gewesen die ihm alles abverlangt hatte. Das Tauchen unter dem Kiel der Flying Seagull war dagegen ein Klacks gewesen.
Gut, dass sie ihm erst danach gesagt hatten, dass sie in Hai verseuchten Gewässern unterwegs gewesen waren.
Heute sah er mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück auf diese Zeit. Sie war schön gewesen, aber auch fordernd; und nicht alles hatte er in guter Erinnerung gehalten.
Der Kapitän war ein waschechter Seebär gewesen, schon damals. Groß, breite Brust, Bart, Holzbein, das volle Programm. Sein Bein, so prahlte er immer, habe er im heroischen Zweikampf mit einem großen Weißen verloren, dem er sein Entermesser bis zur Parierstange ins Auge gestoßen hatte. Nur wenige wussten, was wirklich geschehen war, dass er einem jungen Matrosen das Leben gerettet hatte, als ein Segel sich im Sturm vom Mast losgerissen hatte und Teile der Takelage auf das Deck stürzte. Der Kapitän hatte den Jungen weggestoßen und die Trümmer hatten sein Bein zertrümmert. Sie hatten es abnehmen müssen. Dieser junge Matrose war heute der erste Maat auf der Flying Seagull und wahrscheinlich die treueste Seele auf dem ganzen Schiff.
Die Stimme des Kapitäns war wie Donnerhall und er trieb seine Crew und sein Schiff immer zu Höchstleistungen an. Selbst im tosen der Stürme, wenn sich Wellen zu dunkelgrünen Bergen auftürmen und sich mit lautem Donner gegen die Flanken des Schiffs warfen, die Winde heulten, die Taue sangen und der Rumpf der Flying Seagull unter der Gewalt des Sturms ächzte, konnte jeder auf dem Schiff seine Befehle klar und deutlich verstehen.
Er blieb stoisch und ruhig, ein Fels in der Brandung, immer.
Seine Crew liebte und hasste ihn gleichermaßen deswegen. Das Leben an Bord der flying Seagull war hart, aber die Heuer war beachtlich. Es gab nur wenige Handelsschiffe, die so gut bezahlten.
Als er damals an Bord gekommen war, hatte der Kapitän ihn damals unter seine Fittiche genommen und ihn langsam in die Pflichten eines Kabinenjungen eingeführt. Anfangs war es verstörend gewesen, dem Kapitän bei seinen täglichen Routinen zuzusehen, dann war es verstörend gewesen, ihm dabei zu helfen und später war es verstörend gewesen, Teile dieser Pflichten ganz zu übernehmen. An manche dieser Pflichten hatte er sich auch nach dreißig Jahren nicht gewöhnt, andere waren ihm in Fleisch und Blut übergegangen, wieder andere… er hatte Gefallen an manchen Pflichten gefunden.
Wo die Mannschaft sich unter Deck mit allerlei, teils makabren Aktivitäten bei Laune hielt und in jedem Hafen die Bordelle unsicher machten, hatte er sich mit dem Kapitän zurückgezogen. Sie hatten ihre eigene Form der Regeneration gefunden, mit der sie beide glücklich waren. Anfangs waren es Kartenspiele gewesen, oder sie hatten zusammen die Waffen des Kapitäns gesäubert, an einem neuen Holzbein geschnitzt, später waren andere Spiele hinzugekommen. Aus Tee wurde später Rum, und anstelle des Holzbeins, polierte er andere Dinge… Sie fanden immer Wege sich zu beschäftigen und die Zeit lohnend zu verbringen. Über die vielen Jahre war ihre Beziehung weit über die eines Vorgesetzten zu seinem Untergebenen hinausgewachsen.
Mit der Zeit waren Matrosen gekommen und gegangen, Schiffsjungen gekommen, manche waren geblieben, andere waren auf See geblieben, wieder andere waren wieder von Bord gegangen. Die meisten Matrosen blieben selten für mehr als eine Tour. Man verpflichtete sich für eine gewisse Zeit und bekam eine entsprechende Entlohnung. Wenn der Vertrag abgegolten war, blieb es einem selbst überlassen, ob man erneute anheuern oder ob man sich andere Möglichkeiten suchte. Bei einem Schiff wie der Flying Seagull, die in aller Regel immer wieder den Atlantik überquerte, gab es viele Matrosen, die die Möglichkeit nutzten, selbst von einem Kontinent zum anderen zu gelangen.
Die einzigen Konstanten auf der Flying Seagull waren der Kapitän, der erste Maat und er gewesen. Und nun würde der Kapitän sein Amt an einen Nachfolger abgeben.
Er hatte ihn gefragt, ob er sich mit ihm zur Ruhe setzen wollte, aber er hatte verneint. Er hatte seine Seele der See versprochen. Die Flying Seagull war sein zu Hause, es gab keinen Heimathafen zu dem er zurückkehren konnte.
Und was für ein feines zu Hause dieses Schiff war. Die Flying Seagull war kein allzu großes Schiff, dafür war sie schnell. Sie war in Holland als eine Fleute vom Stapel gelaufen und segelten seit jeher unter der holländischen Hoheitsflagge. Sie transportierten in der Regel Gewürze, Zucker und Baumwolle aus der Karibik nach Europa und allerlei anderes Handelsgut wieder über den Atlantik zurück in die neue Welt.
Die Überfahrt war nicht ganz ungefährlich, denn der Atlantik konnte unberechenbar sein, und selbst wenn man die Tücken des großen Teiches überstanden hatte, so waren die Gewässer der Karibik aus anderen Gründen gefährlich. Freibeuter, Piraten und nicht zuletzt auch Einheimische konnten ganz schön aufdringlich werden.
Die Flying Seagull war kein Kriegsschiff und die eher dürftige Bewaffnung des Handelsschiffs würde keinem längeren Gefecht standhalten. Aber in den dreißig Jahren, die er bereits an Bord verbracht hatte, waren die Kanonen noch nicht ein einziges Mal in Feindschaft abgefeuert worden. Manchmal fragte er sich, ob in den Pulverfässern wirklich Pulver war, oder ob der Kapitän dort nicht doch andere Ware schmuggelte.
Der Kapitän war auch der Grund, warum keine der Piraten sie jemals angegriffen hatten. Jedes Mal, wenn eines der kleinen, schnellen Schiffe am Horizont aufgetaucht war, hatte er direkt darauf zugehalten und die Parlamentärsflagge hissen lassen. Nachdem die Piraten an Bord gekommen waren, hatte man sich herzlich begrüßt, wie alte Freunde, man hatte zusammen getrunken und dann wurde die Ware, die der Kapitän extra für diese Fälle hatte beiseite legen lassen, übergeben und die Piraten waren ihrer Wege gegangen. Kein Blutvergießen, keine Geiseln.
Die ersten paar Mal war es sehr nervenaufreibend gewesen, aber mit der Zeit hatte man sich daran gewöhnt, und er hatte sogar gelernt, dass einige der Piraten tatsächlich wirklich umgängliche Leute waren.
Er starrte auf die ruhige See, deren seichte Wellen das Schiff nur leicht bewegten. Seine Gedanken wandten sich wieder in die Zukunft, einer Zukunft die nicht ganz gewiss war.
Wie der neue Kapitän wohl sein mochte? Er war sich nicht sicher, ob er weiter Kabinen”junge” sein mochte, wenn der neue Kapitän anders war als der alte.
Natürlich würde er anders sein als der alte Kapitän, niemand würde genauso sein wie er es gewesen war.
Die Pflichten seiner Position würden sich ändern, daran gab es keinen Zweifel, und das war auch gar nicht weiter schlimm, es waren die Benefizien, die mit seiner Position einhergegangen waren, die ihm mehr Sorgen bereiteten.
Als Junge waren es gerade diese Pflichten und Benefizien, die ihn besonders verstört hatten, später, als er gefallen daran gefunden hatte und noch später, waren sie ein großer Bestandteil ihrer ganz eigenen Beziehung geworden, ein Bestandteil den er nicht missen wollte, der aber einen Kapitän voraussetzte, der die gleiche Inklination besaß wie sein alter Kapitän und das war doch eher unwahrscheinlich.
Er lehnte sich gegen den Mast und atmete tief durch. Er hatte keinen direkten Einfluss darauf, wer der neue Kapitän sein würde. Genau genommen hatte er gar keinen Einfluss.
Er war in den letzten dreissig Jahren rein theoretisch zu so etwas wie dem zweiten Maat aufgestiegen. Natürlich hatte es nie offizielle Beförderungen oder Belobigungen gegeben. Das wäre undenkbar gewesen, ein Kabinenjunge konnte nicht so weit aufsteigen, selbst nach so vielen Dienstjahren; aber im Grunde war es so, er hatte mit der Zeit diese Aufgaben übernommen, ganz automatisch; und die Crew hatte es akzeptiert. Viele der neueren Matrosen wussten schon gar nicht mehr, dass er einmal der Kabinenjunge gewesen war. Das würde sich jetzt wahrscheinlich auch ändern.
Langsam drehte er sich um und sah in Richtung des Hafens. Der Rest der Crew würde mit Sicherheit noch bis in die Morgenstunden feiern. Es war selten, dass sie von einer solchen Feierlichkeit vor Sonnenaufgang wieder zurückkamen, und dann waren sie in der Regel für mindestens einen weiteren Tag nicht zu gebrauchen. Er musste lächeln. Wie viele Male sie Mitglieder der Crew erst wieder aus der Haft auslösen mussten, nachdem sie sich im Rausch daneben benommen hatten, konnte er nicht sagen, aber es waren viele gewesen in den letzten dreißig Jahren. Genauso hatten sie viele betrunkene Crewmitglieder wieder aus dem Hafenbecken ziehen müssen, wenn sie schwankend aus der Taverne getorkelt waren. Er musste schmunzeln bei dem Gedanken, welches Gelächter dies jedes Mal hervorrief.
Er sah nach unten auf das vom Laternenlicht erleuchtete Deck der Flying Seagull und alles war ruhig. Sie lagen etwa dreihundert Meter vor dem Hafen vor Anker, da das Hafenbecken nicht tief genug war für ihr Schiff.
Manche Häfen in der Karibik waren noch nicht weit genug ausgebaut, um Schiffe wie die Flying Seagull am Key festzumachen. Das war zwar ein wenig umständlich, besonders wenn es darum ging, größere Mengen an Transportgut zu be- und entladen, aber es gab schlimmeres. Da sie nur zum Proviant fassen, hier vor Anker lagen und um den Kapitän zu verabschieden, war es kein größeres Problem. Sobald die Crew wieder zurück war und ihren Rausch ausgeschlafen hatte, würden sie wieder in See stechen. Sie würden Kurs auf die alte Welt nehmen.
Eine letzte große Überfahrt unter dem alten Kapitän.
Er würde das Schiff in Rotterdam an einen neuen Kapitän übergeben und sich in seiner Heimat zur Ruhe setzen. Zumindest lautete so der Plan des Kapitäns.
Irgendwie glaubte er noch nicht wirklich daran. Er war noch immer der Auffassung, der Kapitän würde irgendwann auf See sterben. Er würde bis zuletzt auf der Brücke stehen, sein Fernrohr in der Hand, den Blick fest auf den Horizont gerichtet, irgendein fernes Ziel betrachtend, das nur er sieht… und dann einfach irgendwann umfallen.
Er konnte sich den “Alten”, wie die Crew ihn nannte, nicht in einem Schaukelstuhl auf der Veranda eines kleinen Hauses irgendwo in Holland vorstellen. Womöglich noch mit Tulpen vor den Fenstern und irgendwelchem Kitsch. Nein, der Kapitän war ein Seebär, seine Haut war von der See gegerbt, er hatte sein Herz an die See verloren. Niemals würde er sich damit zufrieden geben, einfach an Land zu sitzen und auf den Tod zu warten.
Er lehnte sich wieder zurück gegen den Mast und schloss die Augen. Vielleicht sollte er ein wenig schlafen. Wenn die Crew später wieder an Bord kam, würden sie den Kapitän wahrscheinlich in seine Kajüte tragen müssen und es würde seine Aufgabe sein, ihn irgendwie ins Bett zu bekommen. Nicht dass es ihn störte, ganz im Gegenteil, aber er würde es bevorzugen, einen nicht völlig bewusstlosen Kapitän vorzufinden.
Als er die Augen wieder öffnete, geweckt durch das laute Singen seiner Crew, blinzelte er in das Morgenrot, das sich über den Horizont schob. Noch bevor er ganz bei Sinnen war drehte er sich um und blickte in das Hafenbecken, wo er die drei Beiboote sah, die langsam auf die Flying Seagull zu steuerten und bis zum letzten Platz mit lärmenden Matrosen gefüllt waren. Sie alle waren sturzbetrunken, daran gab es gar keinen Zweifel. Sie sangen alte Lieder und trafen nicht einen Ton.
Er schüttelte den Kopf und streckte sich. Es würde noch ein wenig dauern, bis sie am Schiff ankommen würden, mehr als genug Zeit, um in aller Ruhe von seinem Aussichtspunkt hinabzusteigen. Während er sich in die Rahen schwang und langsam hinunter zum Deck der Flying Seagull kletterte, konnte er die johlenden Rufe seiner Kameraden hören, die ihn einmal mehr als Affen schimpften, weil er so behände klettern konnte.
Mehr als einmal hatten die Matrosen ihn gefragt, ob er nicht lieber einen ihrer Posten einnehmen würde, als Kammerzofe für den Kapitän zu spielen, schließlich könne er sich so schnell und sicher in den Rahen bewegen, während einige der neuen Matrosen des öfteren stürzten.
Er hatte immer abgelehnt. Sie verstanden nicht, dass an seiner Tätigkeit so viel mehr hing, als dem Kapitän zur Hand zu gehen, wobei dies in mehrerlei Hinsicht schon zutraf. Mittlerweile begnügten sie sich damit, ihn zu verhöhnen. Er wusste, dass sie es nicht ernst meinten, aber hin und wieder schmerzten die Sticheleien trotzdem. Er hätte mehr als ausreichend Gelegenheit, es ihnen auf irgendeine Art heimzuzahlen, aber er tat es nie.
Es gehörte zum Leben auf einem Schiff, vollgepackt mit ausgehungerten Seebären, dazu, dass es hin und wieder mal etwas rauer zuging und man durfte definitiv nicht zart besaitet sein um in dieser rohen und nur von Männern bevölkerten Situation zu bestehen.
Als seine Füße auf dem Deck landeten, waren die Beiboote schon fast längsseits der Flying Seagull. Seine Kameraden sangen gerade “Fünfzehn Männer auf des toten Mannes Kiste” und jedes Boot versuchte lauter zu singen als die anderen. Es war ein herrliches, wenngleich bizarres Gekrächze, da die meisten der Matrosen mittlerweile schon ziemlich heiser waren. Wieder schüttelte er den Kopf und trat langsam an die Reling heran. Unter ihm kamen die Beiboote längsseits und johlten laut. Einige der Matrosen warfen ihm Seile zu, die er fleissig befestigte und danach die Leitern herunterließ. Seine Kumpanen lobten ihn für seine Umsicht an Bord geblieben zu sein, aber bedauerten ihn auch, da er all den Spaß verpasst hatte.
Langsam und zeitweise mit ordentlich Schlagseite kletterten die Seemänner einer nach dem anderen die aus Holzbalken und Seil gefertigten Leitern hoch. Auf dem Deck angekommen ging der lustige Singsang um die Männer auf des toten Mannes Kiste weiter und der Wunsch nach mehr Rum wurde lauthals über die Bay gerufen.
Während sich das Deck langsam mit Leben füllte, leerten sich die Beiboote in gleichem Maße. Als letzter kam der Kapitän die Leiter empor geklettert. Die Nacht steckte ihm in den Kleidern und er sah müde aus. Das charakteristische Pochen seines Holzbeines auf den Planken des Decks untermalte wie ein langsamer Rhythmus den Gesang seiner Mannschaft. Langsam schritt er zwischen seinen Matrosen umher und dirigierte sie wie seinen persönlichen Chor. Trotz seiner Müdigkeit wirkte er glücklich und ausgelassen, aber als sie die letzte Strophe des Liedes beendeten, hob er schließlich seine Hände und brachte die wilde Meute zur Ruhe. Es dauerte einen Moment, aber nach und nach kehrte Ruhe ein und zum Ende hin war wieder nur noch das Plätschern der See zu hören.
Der Kapitän nickte und presste die Lippen zusammen. Es war eine denkwürdige Nacht gewesen, um einen denkwürdigen Anlass zu feiern. Sie würden die letzte Überfahrt antreten und er konnte sich keine bessere Mannschaft für diese, seine letzte, Reise als Kapitän vorstellen. Er versammelte seine Mannschaft vor sich und nickte nochmals.
Als er seine Stimme erhob klang Traurigkeit aber auch Erwartung in ihr mit, während er sich bei seiner Mannschaft für ihren treuen Dienst bedankte und für eine Nacht, von der er für den Rest seiner Tage zehren würde.
Es war eine kurze Rede, voll des Lobes und der kleinen Seitenhiebe, aber als er zum Ende kam, rief er ihnen alle in Erinnerung, dass er ein alter Mann war, und das seine Schlafenszeit bereits weit überschritten war und auch sie alle in die Kojen gehörten. Er würde beim nächsten Sonnenaufgang aufbrechen, bis dahin würden sie ruhen und das Schiff auf Vordermann bringen.
Damit wandte er sich an seinen Kabinenjungen, den einzigen, der noch halbwegs nüchtern zu sein schien und wies ihn an, jedem seiner Matrosen seine Ration Rum zu geben, sie hätten es sich verdient und ihm danach zu helfen seinen geschundenen Körper in seine Koje zu bringen.
Als alles gesagt und getan war, folgte der Kabinenjunge dem Kapitän in seine Kajüte. Seine Nacht war noch nicht vorbei…
…
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