Das geringere Übel -Revisited-
Der Krieg zwischen den Fleisch- und den Pflanzenfressern tobt schon seit Jahren und ganz langsam kristallisiert es sich heraus, dass die Fleischfresser ihn wahrscheinlich gewinnen werden, aber zu welchem Preis?
Weite Teile des Dschungels sind verwüstet, viele der Spiezies haben den Krieg nicht überlebt und wenn die Fleischfresser ihre Gegner endgültig besiegen, was sollen sie dann noch fressen? Der Große Khan, Anführer der Tiger, schmiedet einen Plan, der den Frieden ziwschen beiden Parteien langfristig sichern soll und gleichzeitig ihre Vormachtstellung festigen.
Wird sein Plan, der alles auf eine Karte setzt erfolgreich sein, oder wird sein tollkühes Vorhaben sie alle ins Verderben stürzen?
Dies ist die erste Geschichte des ersten Buches aus dem Zyklus: Das Gesetz des Dschungels.
Die komplette Überarbeitung dieses ersten Buches wird im Laufe der nächsten Monate auf dieser Platform erscheinen.
Das Original kann hier nachgelesen werden: https://sofurry.com/s/eNb5kVMe
Der Kampf zwischen den Pflanzenfressern und den Fleischfressern war so alt wie die Zeit selbst. Beide Parteien hatten sich schon immer bekämpft, es lag in der Natur der Sache, dass der eine den anderen fressen wollte. Im Laufe der Zeit wurde dieser Kampf mit immer härteren Mitteln geführt und schließlich wurde aus dem Kampf ums Überleben ein Kampf um die Vorherrschaft im Dschungel.
Das Gesetz des Stärkeren besagt: Der Starke frisst den Schwachen. Es überleben nur die Stärksten.
Dies war das einfachste Naturgesetz und die meisten Tiere lebten danach. Es gab zwar ein paar wenige Ausnahmen, aber die fielen nicht weiter ins Gewicht.
Doch als sich schließlich zuerst die Gejagten und kurz darauf auch die Jäger zusammenschlossen und sich gegen die jeweils andere Fraktion organisierten, wurde aus einem Kampf ums Überleben ein Krieg um die Vorherrschaft im Dschungel, der schlussendlich alles verändern sollte.
Dieser Krieg, dessen Ziel auf beiden Seiten die totale Vernichtung des Gegners war, wütete nun schon viele Jahre und nur die hohen Geburtenraten und die Fähigkeit der einzelnen Spezies, ihre Differenzen untereinander beizulegen und zusammen gegen den gemeinsamen Feind vorzugehen, hatten dafür gesorgt, dass bisher keine der Parteien den Sieg für sich verbuchen konnte. Und doch kippte das Gleichgewicht der Kräfte ganz langsam zugunsten der Fleischfresser.
Viele der Fleischfresser jagten schon seit Ewigkeiten in Gruppen und konnten so ihre Taktiken mit den anderen Jägern koordinieren. Und damit nicht genug, die Möglichkeit, aus jedem getöteten Feind direkt auf dem Schlachtfeld Nahrung und Kraft zu schöpfen, war ein großer Vorteil, den die Pflanzenfresser nicht teilen konnten. Nicht zuletzt war auch die Wirkung auf die Moral der Gegner, die mit ansehen mussten, wie ihre Kampfgefährten manchmal noch während der Schlacht und vor ihren Augen gefressen wurden, nicht zu unterschätzen.
Auf der anderen Seite standen die Pflanzenfresser, die schon immer eine zahlenmäßige Überlegenheit gehabt hatten. Ihre schiere Überzahl hatte in manchen Schlachten eine erdrückende Wirkung und insbesondere ihre teils deutlich größeren und schwereren Krieger hatten die Fleischfresser einfach überrannt. Dennoch konnten sie nur selten aus einem Sieg wirklich Kraft schöpfen, denn jede Schlacht verwüstete auch Teile des Dschungels und damit ihre Lebensgrundlage, während die Krieger des Feindes ihre Gefallenen als Nahrung in ihre Lager schleppten.
Die Anführer beider Lager waren sich bewusst, dass ein solcher Krieg früher oder später von den Fleischfressern gewonnen werden würde. Aber zu welchem Preis? Und was würden die Raubtiere dann tun?
Die Schlacht war endlich vorbei. Über mehrere Stunden hinweg hatten die beiden Kriegsparteien gewütet. Das Feld der Ehre, wie die poetischeren unter ihnen die Schlachtfelder nannten, war ein völlig verwüstetes Dschungelgebiet, das jetzt eher einem aufgewühlten Acker glich, als der grünen Lichtung, die es einst war. Es war kein Grün mehr zu sehen, brau war jetzt die vorherrschende Farbe und es war übersät mit Pfützen voller Blut, Gruben gefüllt mit Eingeweiden und den leblosen Körpern der Gefallenen, deren zerschundene und verdreckte Leiber oftmals nicht einmal mehr als Nahrung dienten. Es waren einfach zu viele, als dass man sie wirklich nutzen konnte. Zumindest nicht, wenn es noch andere Möglichkeiten gab. Die einsamen Schreie der noch nicht Gestorbenen wurden schnell von den Marodeuren zum Schweigen gebracht, die auf der Suche nach einer schnellen Mahlzeit durch die Felder zogen. Der Gestank von Blut, beginnender Verwesung und Tod erfüllte die schwül-heiße Luft zusammen mit den Geräuschen der Aasfresser, die sich an den Toten labten.
Der Große Khan, der Herrscher über die Tiger dieses Dschungels, hockte hoch oben in einem Baum und überblickte das Schlachtfeld, oder vielmehr das, was davon übrig war, mit einem versteinerten Gesichtsausdruck. Seine Krieger hatten zusammen mit den Jaguaren und Wölfen eine große Armee von Pflanzenfressern in die Flucht geschlagen. Es war ein Massaker gewesen, bei dem die Verluste auf beiden Seiten beträchtlich gewesen waren, aber am Ende konnte es dennoch als Sieg für die Fleischfresser angesehen werden.
Überall auf dem Schlachtfeld lagen die Kadaver der Pflanzenfresser-Krieger, deren Körper teilweise bereits verzehrt waren, an anderen labten sich die Krieger der Fleischfresser noch. Grimmig stellte der Große Khan fest, dass dies die glücklicheren waren, denn die Überlebenden wurden schreiend und um sich schlagend fortgeschleppt. Sie würden später den Nachkommen der Fleischfresser in den Trainingslagern als Trainingsmaterial und Nahrung dienen.
„Mein Khan, die Pflanzenfresser haben sich über den Fluss zurückgezogen. Wir erwarten einen Gegenangriff nicht vor dem Morgengrauen.“
Einer seiner fähigsten Offiziere saß ein paar Äste weiter unten und gab die Informationen der Späher an ihn weiter. Der Große Khan nickte nur stumm. Er ließ seinen Blick weiter über die Landschaft schweifen, bevor er schließlich von seinem Ausguck herabstieg.
„Seht euch diese Verschwendung an.“
sagte er leise in einem angewiderten Tonfall und wandte sich ab. Seine Offiziere verstanden nicht ganz, was er meinte. Die Schlacht, obwohl teuer erkauft, war ein Sieg über den Feind. Ein Feind, der zunehmend mit dem Rücken zur Wand stand und den Krieg im Grunde schon verloren hatte.
„Versammelt die Truppen, sobald alle versorgt sind, ziehen wir uns in den Tempel zurück. Ich will meine Berater und Offiziere sehen. Und holt mir den Spion.“
Befahl der Große Khan in einem Tonfall, der seine Müdigkeit nur spärlich verbarg und zog sich in den Dschungel zurück. Einer der Offiziere folgte ihm dicht auf den Fersen.
„Mein Khan, wir bleiben nicht hier?“
„Nein, Shani, hier gibt es für uns nichts zu tun. Die Schlacht ist geschlagen. Wir ziehen uns zurück und überdenken unsere Strategie.“
Shani sah sich unsicher um und beobachtete die Fleischfresser der anderen Rassen auf dem Schlachtfeld, die sich immer noch schmatzend an den Gefallenen gütlich taten.
„Aber die anderen?“
Der Große Khan blieb stehen und wandte sich kopfschüttelnd zu ihr um.
„Nein, sieh sie dir an. Sie sind nicht besser als die Hyänen auf der Prärie. Sie ernähren sich von Aas. Nicht mehr lange und sie werden in ihrer Gier sogar ihre eigenen Gefallenen verschlingen.“
Er spuckte einen Mund voll Blut auf den Boden und verlieh der Abscheu und dem Hass in seiner Stimme damit mehr Ausdruck.
„Der Krieg dauert schon zu lange. Wir verlieren unseren Stolz und unsere Manieren.“
fügte er hinzu, während er sich wieder zum Gehen wandte. Shani blickte beschämt zu Boden. Natürlich hatte auch sie von den Gefallenen des Feindes gegessen. Was hätte sie auch sonst essen sollen. Jagen? Keiner von ihnen hatte das seit Jahren getan. Es gab nichts zu jagen. Die Beute war der Feind, jeder Versuch zu jagen war ein Angriff und jeder Kampf ein Kampf um Leben und Tod.
„Aber mein Khan, wie wollt Ihr den Krieg beenden? Wenn wir uns zurückziehen, was sollen wir dann essen?“
Er drehte sich wieder um und sah ihr tief in die Augen. Seine eigenen brannten vor Wut, seine blutverschmierten Zähne waren gefletscht.
„Und wenn wir siegen? Was wirst du dann essen?“
blaffte er und machte eine ausladende Bewegung, die den ganzen Dschungel umfasste.
„Wenn wir, das heißt die Fleischfresser, gewinnen und alle Pflanzenfresser vertreiben oder auffressen, was bleibt dann übrig? Wollt ihr Wölfe essen? Und was werden die dann fressen?“
In seinem Zorn schrie der Große Khan seinen Offizier an und schüttelte dann ungläubig den Kopf.
„Nein, wir müssen eine andere Lösung für diesen Krieg finden.“
Sie hob ihre Hand.
„Wir könnten sie fangen und sie züchten.“
Das Lächeln auf seinem Gesicht spiegelte die Verzweiflung wider, die er empfand. Seine Stimme klang in diesem Moment eher müde als wütend.
„Und wie wollt ihr das machen? Wie wollt ihr genug Pflanzenfresser in Gefangenschaft halten, von denen wir uns ernähren können? Sie sind uns gegenüber bereits zehn zu eins in der Überzahl, und ihre Zahl reicht damit geradeso aus, um uns davon abzuhalten, mehr zu essen, als sie ersetzen können.“
Damit wandte er sich wieder zum Gehen, ohne auf ihre Reaktion zu warten.
„Sie würden uns überrennen, sie würden sich auflehnen ... und dann, ja dann, würden wir sie doch töten müssen.“
fügte er über seine Schulter und ließ sie einfach dort stehen.
…
Der Tempel der Tiger, ein Gebäudekomplex, dessen Herzstück ein großes pyramidenförmiges Bauwerk war, das höher über die Wipfel der Bäume ragte als alle anderen Bauten im Dschungel. Niemand wusste genau, wer ihn einst gebaut hatte, er stand schon seit einer Ewigkeit. Sicher war nur, dass seit undenklichen Zeiten die Tiger darin lebten und dass seit mindestens genauso langer Zeit der Tod in diesem Tempel zu Hause war. In dem Gebäude gab es unzählige Kammern, die für rituelle Opferungen aller Art bestimmt waren und der Geruch von Blut und Tod war allgegenwärtig. Umringt wurde diese Pyramide von vier großen Höfen, die ursprünglich einmal für große Zusammenkünfte und Festivitäten genutzt worden waren. Jetzt, während des Krieges, wurden in ihnen die Jünglinge für den Kampf gegen die Pflanzenfresser ausgebildet. In der Regel wurden ihnen die Gefangenen und Verwundeten der letzten Schlacht einfach vorgeworfen, auf dass sie ihre Technik an ihnen verfeinern konnten. So wurde die Nahrungsversorgung in einem geregelt. Der Tod ereilte diese armen Seelen nicht immer schnell. Die Schreie der Opfer waren mitunter weithin zu hören und sorgten dafür, dass die Pflanzenfresser immer einen großen Bogen um den Tempel machten. Von allen Fleischfressern galten die Tiger als die blutrünstigsten und rücksichtslosesten Schlächter. Ein Gefangener der Tiger zu sein, versprach einen langsamen und qualvollen Tod.
Auch an diesem Tag waren die gequälten Schreie der Gefangenen schon aus der Ferne zu hören, als der Große Khan und sein Gefolge aus der Schlacht heimkehrten. Während die Wachen das Knie beugten, als ihr Oberhaupt in Sicht kam, blieb die Hohepriesterin regungslos am Haupttor stehen. Sie erwartete die Rückkunft ihres Clanchefs und als er endlich vor ihr stand sprach sie:
„Mein Khan, Ihr seid zurückgekehrt.“
Es war keine Frage, sondern eine Feststellung, die mit einer Selbstverständlichkeit ausgesprochen wurde, die keinen Zweifel daran ließ, dass der Große Khan immer nach Hause zurückkehrte. Sie verbeugte sich tief, und er erwiderte die respektvolle Geste.
„Lasst uns einen Kriegsrat abhalten. Schickt alle in die große Halle.“
sagte er ruhig und die Hohepriesterin nickte. Weitere Begrüßungsfloskeln waren nicht nötig.
„Eure Wunden?“
Inquirierte die Tigerin, wobei sie sich Mühe gab ihre Sorge nicht zu sehr zu zeigen. Er sah an sich hinunter und konnte nicht mit Sicherheit sagen, wie viel von dem Blut, das sein Fell verklebte und seine Rüstung befleckte, sein eigenes war. Die meisten seiner Wunden waren oberflächlich und hatten schon vor einiger Zeit aufgehört zu bluten, und der Rest würde nicht viel ausmachen, zumindest im Moment. Als er seinen Blick wieder hob, schüttelte er den Kopf.
„Zuerst der Kriegsrat.“
entschied er mit ruhigem, aber bestimmtem Ton. Die Priesterin nickte und gab ihm den Weg frei, woraufhin der Khan mit ihr zusammen den Tempel betrat. Die Offiziere seiner Entourage folgten ihm durch das Tor und machten sich sogleich auf den Weg zu den großen Hallen, um dort den Rat vorzubereiten. Der Große Khan hingegen begab sich zuerst zu einem der großen Innenhöfe.
Der große Hof war einmal ein großer offener Platz innerhalb des Tempels gewesen. Heutzutage wurde er beherrscht von mehrere Kampfgruben, die sie eingerichtet hatten, damit in ihnen je nach Tageszeit und Anzahl der Anwesenden bis zu fünfzig Jünglinge trainierten. Der Khan ging den Säulengang entlang, der die äußeren Bereiche des Tempels mit dem Haupttempel verband und ließ seinen Blick über den Hof schweifen. Im Moment war jedoch nur eine der Gruben besetzt. Dort war eine Gruppe von jungen Tigern damit beschäftigt, einen kürzlich verstorbenen Wasserbüffel in Stücke zu reißen. Sie sahen aus und benahmen sich wie wilde Tiere. Traurig schüttelte der Große Khan den Kopf.
*Nein, es SIND wilde Tiere.*
Die Hohepriesterin näherte sich ihm leise von hinten.
„Traurig, nicht wahr? Ich sehe ihre ungeheure Kraft und ihren Mut, aber ich vermisse ihre Demut und Anmut.“
sagte sie leise, wobei der Wehmut in ihrer Stimme deutlich zu vernehmen war. Der Große Khan nickte stumm. Das hatte nicht mehr viel mit dem Herrscher des Dschungels, wie sein Stamm einst genannt worden war, gemein. Von allen Fleischfressern in diesem Dschungel waren sie bei weitem die stärksten. Selbst die Jaguare konnten in diesem Gebiet nicht mit ihnen mithalten. Aber Stärke allein machte noch keinen Herrscher.
„Ja, wir sind bereits auf einem Tiefpunkt angelangt, und dieser Krieg wird noch mehr von uns fordern. Wir müssen ihn beenden.“
Die Hohepriesterin legte ihm eine Hand auf die Schulter und nickte.
„Aber wie wollt ihr das anstellen?“
Bereits das zweite Mal an diesem Tag fragte man ihn, wie er einen Kampf beenden wollte, den man nicht so ohne weiteres beenden konnte, denn Tiger würden nicht zu Pflanzenfressern werden, ebensowenig Jaguare und Wölfe, welche die beiden anderen großen Gruppen an Fleischfressern darstellten. Er war noch tief in seinen Gedanken versunken, als im Hof ein Kampf zwischen den einzelnen Tigern um ein Stück Fleisch entbrannte, auf das mehrere von ihnen Anspruch erhoben. Vom Lärm aus seinem Grübeln gerissen, rollte der Große Khan mit den Augen, richtete sich auf und atmete schwer, bevor er wütend den Hof betrat.
Sein Gebrüll war ohrenbetäubend.
„Genug!“
brüllte er, und die Jugendlichen fielen reflexartig vor ihrem Anführer auf die Knie.
„Wie tief seid ihr gesunken. Eine Schande vor den Ahnen. Nicht nur, dass ihr die alten Riten nicht mehr beachtet und keinen Respekt mehr vor eurer Beute habt. Ihr bekämpft euch gegenseitig um Nahrung, obwohl mehr als genug für euch alle da ist. Erklärt euch, oder so wahr ich hier vor euch stehe, ich schicke euch persönlich zu euren Ahnen. Dann könnt ihr es ihnen erklären.“
schrie er und war völlig außer sich. Es fehlte nicht viel, und er würde sie wahrscheinlich wirklich auf der Stelle umbringen. Einer von ihnen, der größte und wahrscheinlich älteste der Gruppe, stand auf. Er war über und über mit dem Blut des Büffels bedeckt und man sah ihm an, wie sehr er mit seinem Stolz kämpfte. In seinen Augen stand der Trotz.
„Das ist der Feind. Wir töten den Feind, damit wir… “
Weiter kam er nicht, bevor er durch die Wucht des Aufpralls nach hinten geschleudert wurde und zwei weitere seiner Kumpane mit sich riss. Noch während er seine Faust wieder zurück zog und sich wieder aufrichtete, begann der Große Khan mit seiner Tirade:
„Das...“
Er deutete auf den Kadaver zu seiner Rechten, während er schrie. Spucke und Blutstropfen flogen aus seinem weit aufgerissenen Mund, während er die Jünglinge weiter beschimpfte.
„… Das ist nicht der Feind. Das ist Beute. Er war alt und schwach. Keine Gefahr. Er diente dazu, euch zu lehren, wie man sie tötet. Der Feind. Der Feind ist da draußen. Der wahre Feind ist der, den man nicht kommen sieht.“
Er war an diesem Punkt jenseits der Wut, während er sich dem Kadaver zuwandte und tief durchatmete. Es sprach für seine Fähigkeit, innerhalb kürzester Zeit seinen Gemütszustand unter Kontrolle zu bringen, dass er mit einem Mal völlig gelassen wirkte, als er dessen leblose Augen schloss und in absoluter Ruhe die alten Riten sprach. Er bedankte sich für sein Opfer und wünschte ihm eine gute Reise. Die alten Riten beendet, wandte er sich wieder an die Jünglinge. Sein Zorn war verblasst, aber seine Schnurrhaare zitterten immer noch.
„In der Schlacht können wir die Riten nicht vollziehen, dafür ist dann keine Zeit. Aber hier, wo nach seinem Tod keine Gefahr mehr besteht. Dort vollzieht ihr die Riten. Nur durch sein Opfer könnt ihr leben. Sein Tod sichert euch euer Mahl. Seid gefälligst dankbar und zeigt etwas Ehrfurcht!“
Der junge Tiger, den er nur Moment zuvor zu Boden geschickt hatte, stand auf und wollte gerade antworten.
„Aber ...“
Seine Kumpane hielten ihn jedoch zurück und verbeugten sich tief.
„Vergebt ihm, Großer Khan, er ist noch jung.“
Diese Entschuldigung brachte den Großen Khan fast noch mehr in Rage, doch er schluckte seinen Zorn hinunter.
„Wenn ich jemals wieder so etwas sehe ...“
Er ließ die Drohung unausgesprochen in der Luft hängen und wandte sich um.
Mit schweren Schritten verließ er den Hof, die Schultern gesenkt. Noch ehe er den Säulengang wieder erreichte, spuckte er einen weiteren Mund voll Blut aus.
Als er an der Hohepriesterin vorbeiging, klang seine Stimme kalt wie Eis.
„Sieh zu, dass ihnen jemand Manieren beibringt, sonst werde ich es tun.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, stampfte er den Gang entlang Richtung der großen Halle. Unterwegs blickte er auf seine Hand. Er hatte dem Jüngling mindestens drei oder vier Rippen gebrochen. Es war ein Wunder, dass er überhaupt hatte aufstehen können. Die Nachkommen seines Stammes waren zweifellos zäh im Nehmen.
Endlich in der großen Halle angekommen, wurde er bereits erwartet. Die große Halle war einer der größeren Räume des Tempels. Die Großen Khans der Vergangenheit hatten diesen Raum zu ihrem Thronsaal erkoren, in dem sie ihr Volk versammelten, Feste abhielten oder, wie heute, Kriegsrat. In Friedenszeiten war der Saal mit Tischen und Bänken gefüllt, damit große Bankette abgehalten werden konnten, aber jetzt war der Raum leer, bis auf einen großen Tisch in der Mitte und den riesigen Steinthron an der hinteren Wand des Raumes.
Seine Berater, seine Offiziere und sein Spion warteten bereits auf ihn. Sie waren am großen Tisch in der Mitte des Raumes versammelt und ließen sich gerade auf einer großen Karte die neuesten Informationen über die Bewegungen des Feindes zeigen.
„Die Wölfe sind mit zwei Regimentern bis zu den Wasserfällen vorgedrungen. Die Jaguare haben eine Pflanzenfresser-Stellung angegriffen und wurden entscheidend besiegt. Das war hier im Tiefland. Unsere Schlacht hier auf den Feldern war ein hart erkämpfter Sieg. Die Armee der Wasserbüffel und Tapire wurde aufgerieben und zog sich über den Fluss zurück. Mit einem Gegenangriff rechnen wir nicht vor dem Morgen.“
erklärte einer der Offiziere und deutete mit einem Stab auf die verschiedenen Punkte auf der Karte. Ein anderer schob einige Statuen herum, die die verschiedenen Truppen und Regimenter darstellten. Noch bevor der Große Khan sich dem Tisch näherte, trat sein Spion zu ihm und hielt ihn auf.
„Mein Khan, es gibt Neuigkeiten aus den Bergen. Die Pflanzenfresser werden den Winter nicht überleben. Der Krieg ist vorbei.“
flüsterte der Spion und grinste verschmitzt, dann hob er eine kleine Phiole vor die Augen des Großen Khans und fuhr fort:
„Und der Anführer der Wasserbüffel wird morgen ein böses Erwachen erleben, oder besser gesagt, sein Kalb wird morgen nicht erwachen.“
Bei dem Seitenblick, den der Große Khan ihm zuwarf, verschwand das Grinsen wieder aus dem Gesicht des Spions. Jeder der Anwesenden wusste, dass der Große Khan ein Traditionalist war. Kämpfe auf dem Feld der Ehre waren ein notwendiges Übel, das sich nicht vermeiden ließ und es war eine Ehre für jeden Krieger, während dieser Kämpfe zu sterben. Diese hinterhältigen Attentate, insbesondere auf die nicht kämpfenden Elemente des Feindes, widersprachen seinem Ehrgefühl. Er wusste allerdings auch, dass es notwendig war, die Moral des Feindes zu brechen, um den Krieg so schnell wie möglich zu beenden. Grimmig ging er am Spion vorbei in Richtung der Anderen und rief ihnen bereits aus der Entfernung zu:
„Ich weiß. Wenn man einen Krieg schnell und auf möglichst „humane“ Weise beenden will, muss man ihn so brutal wie möglich führen. Aber die Kälber unserer Feinde? In ihrem Schlaf?“
Er war nicht so sehr wütend, als vielmehr enttäuscht. Ein Berater wollte gerade eine Erklärung abgeben, aber einer der Offiziere hielt ihn zurück.
„Wir werden diesen Krieg beenden.“
Das war ein Befehl, keine Bitte. Der Tonfall des Großen Khans ließ keine Widerrede zu. Während er sich der Karte näherte, sah er sich um und warf jedem der Anwesenden einen durchdringenden Blick zu.
„Wir degenerieren. Unsere Krieger sind nicht mehr als wilde Tiere. Wir sind nicht mehr besser als diese Aasfresser aus der Prärie. Und wenn wir nicht aufpassen, werden wir bald, genau wie diese Aasfresser darauf angewiesen sein, sogar unsere eigenen Toten zu essen.“
eröffnete der Khan und trat an den Tisch heran. Schwer atmend stützte er sich auf dem Tisch ab, wobei er blutige Handabdrücke verteilte.
„Wenn wir hier in irgendeiner Weise siegreich hervorgehen und noch ein Reich haben wollen, das es wert ist, regiert zu werden, dann müssen wir die einzigen Fleischfresser sein, die aus diesem Krieg hervorgehen.“
Er ließ den Anwesenden Zeit, damit seine Aussage einsickern konnte und ihnen bewusst wurde, was sie bedeutete. Als er sah, dass alle verstanden hatten, sprach er aus, was die Anderen nicht auszusprechen wagten. Seine Stimme war leise, aber in ihr lag so viel kaltblütiger Hass, dass die Temperatur im Raum deutlich zu sinken schien.
„Wir werden die Wölfe, die Jaguare und alle anderen Fleischfresser töten oder vertreiben. Wir werden den ganzen Dschungel für uns beanspruchen. Die Wölfe sind uns zahlenmäßig überlegen, aber sie sind schwach. Ihre Jagdtaktik erlaubt es ihnen, selbst große Beutetiere zu erlegen, aber sie sind gegen Hinterhalte machtlos, und in einer direkten Konfrontation sind wir ihnen haushoch überlegen. Und die Jaguare sind zwar stark und schnell, aber ihre Zahl ist gering. Der Rest der kleineren Stämme wird keinen nennenswerten Widerstand leisten.“
Er hob eine der Statuen von der Karte, die einen Wolf darstellte. Er betrachtete sie und drehte sie in seiner Hand hin und her. Er blickte zu seinen Offizieren und brach mit dem Daumen den Kopf des Wolfes ab. Der mit dem Blut ihres Anführers beschmierte Kopf fiel klappernd auf den Tisch und der Khan lächelte grausam.
„Wir werden zuerst die Wölfe beseitigen. Die Jaguare werden uns helfen. Wir werden dafür plädieren, dass wir als Feline zusammenhalten müssen und dass diese Hunde unserer nicht würdig sind. In ihrem Stolz, sich gegen uns zu beweisen, werden diese Fleckenträger dumm genug sein, darauf hereinzufallen.“
erklärte er und wandte sich an seinen Spion.
„Du wirst dafür sorgen, dass die Wölfe auf einen Hinterhalt hereinfallen, und dann wirst du dafür sorgen, dass sie ...“
Er reichte seinem Spion das zerbrochene Figürchen.
„... ein wenig kopflos sind.“
Der Spion witterte seine Chance, die Missbilligung seines Anführers wieder wettzumachen und nickte, bevor er sich lautlos zurückzog. Dann blickte der Khan zu seinen Beratern.
„Ihr werdet genau herausfinden, wie viele Jaguare in diesem Moment kampfbereit sind und wie viele Truppen wir bereitstellen können.“
Mit diesen Worten wandte er seinen Blick zu seinen Offizieren.
„Die Späher werden uns sagen, wo wir die nächsten Angriffe der Pflanzenfresser erwarten müssen. Ich will die Jaguare in der Schlacht überraschen. Dann, wenn sie es am wenigsten erwarten.“
Einer der Offiziere hob die Hand.
„Aber der Krieg, was ist mit den Pflanzenfressern. Was ist, wenn sie angreifen?“
fragte er besorgt und der Große Khan fixierte ihn mit seinem Blick, seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.
„Dann werden sie zusammen mit den Jaguaren sterben. Aber dazu wird es nicht kommen.“
Er richtete sich auf und betrachtete die kleine Blutlache, die sich um seinen rechten Fuß gebildet hatte. Schwer atmend wandte er sich vom Tisch ab und ging zu seinem Thron. Er ließ sich schwer auf den Stein fallen.
„Ich schätze, ich brauche doch einen Heiler. Und schickt Pequeña Franja zu mir. Ich habe eine Aufgabe für sie.“
sagte er und schnappte erschöpft nach Luft. Die Anwesenden blickten zu ihrem Anführer, und er blickte zu ihnen zurück.
„Ihr habt eure Aufgaben. Wegtreten.“
Seine Stimme klang müde und verärgert, während er sich nach hinten gegen die Lehne seines Throns fallen ließ. Seine Berater und Offiziere verbeugten sich und verließen dann wortlos die große Halle. Endlich allein, schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen.
*Nur einen Moment ... einen Moment der Ruhe ...*
Als er die Augen wieder öffnete, war einer seiner Heiler mit der Versorgung seiner Wunden beschäftigt. Er war nicht wirklich überrascht, vielmehr war er über sich selbst verärgert, er atmete tief durch und betrachtete seine Arme und die verschiedenen Verbände, die bereits angelegt worden waren.
„Wie lange ...?“
Der Heiler blickte nicht auf, sondern kümmerte sich weiter um eine der Wunden an seinem Bein. Er klang hoch konzentriert als er antwortete:
„Nun, ich weiß es nicht genau, aber ich bin schon seit mindestens einer Stunde bei der Arbeit, mein Khan.“
Das Stöhnen des Khans klang genervt und während er seinen Kopf gegen die Lehne seines Throns lehnte, nahm er eine weitere Bewegung aus den Augenwinkeln wahr.
„Komm her, Pequeña Franja.“
flüsterte er leise, ohne seinen Kopf in ihre Richtung zu drehen. Auf sein Geheiß hin trat die zierliche Gestalt aus dem Schatten eines Vorhangs hervor und näherte sich vollkommen lautlos seinem Thron. Elegant kniete sie einige Schritte von ihm entfernt nieder und wartete auf Anweisungen.
„Ich habe eine Aufgabe für dich.“
Sie nickte nur leicht, gab aber keinen Laut von sich, während der Große Khan fortfuhr:
„Du wirst zum Hauptquartier der Pflanzenfresser gehen. Und ihrem Anführer eine Nachricht überbringen.“
Jetzt blickte sie auf und ihre dunkelblauen Augen funkelten.
„Nein, nicht diese Art von Nachricht. Das kommt vielleicht später.“
flüsterte das Oberhaupt der Tiger und in seiner Stimme schwang eine unmissverständliche Zuneigung mit. Sie senkte ihren Blick wieder.
„Ich möchte, dass du ihnen sagst, dass wir diesen Krieg beenden werden. Und dass wir ihre Kapitulation akzeptieren werden. Vorausgesetzt ... ja, vorausgesetzt, sie unterwerfen sich uns ...“
Er unterbrach sich mitten im Satz und blickte gequält zu seinem Heiler hinunter. Dieser hielt jedoch nicht inne, sondern nähte schweigend weiter. Mit einem Seufzer wandte sich der Große Khan wieder seiner besten Attentäterin zu. Sie war deutlich kleiner als die anderen Tiger in seinem Clan und im Gegensatz zu ihren Stammesgenossen schmückten nur wenige orangefarbene Streifen ihr Fell. Schon in jungen Jahren war sie durch ihre Fähigkeit aufgefallen, sich zu verstecken und anderen aufzulauern. Jetzt nutzte sie ihre Talente, um hochrangige Ziele auszuschalten oder wenn es darum ging, unmögliche Aufgaben für den Großen Khan zuverlässig zu erledigen.
„... Wir werden uns zuerst um die Wölfe kümmern, werden sie aus dem Spiel nehmen, und dann werden sie uns bei einem Hinterhalt gegen die Jaguare helfen. Es wird ein blutiger Kampf werden, aber danach werden alle anderen Fleischfresser verschwunden sein. Nur wir und die Pflanzenfresser werden übrig sein... Und dann wird Frieden herrschen.“
Er winkte sie zu sich heran. Ihre Bewegungen, als sie sich erhob und die letzten Schritte auf ihn zu ging, waren unglaublich elegant. Sie schien zu schweben, und obwohl sie bekleidet war, war nicht das geringste Geräusch zu hören. Nicht einmal ihr Atem. Nur ihr gleichmäßiger Herzschlag, dieses rhythmische Pochen in ihrer Brust, verriet, dass sie überhaupt lebte. Er legte seine Hand auf ihre Taille.
„Sei vorsichtig. Sie werden dir keinen leichten Zugang gewähren. Sie werden dir nicht glauben. Sie wissen, wer du bist und wozu du fähig bist. Ich will dich nicht verlieren, aber du bist die Einzige, die dazu in der Lage ist.“
Seine Stimme war voller Sorge und sein gequältes Lächeln spiegelte diese Emotion, als er ihr zu nickte. Sie betrachtete ihn für einen unendlich lang wirkenden Augenblick, ihre Gefühle so unergründlich wie ihre Absichten, einzig ihre Augen hielten als Fenster in ihre Seele her, aber auch ihr dunkles Blau blieb ungerührt. Sie nickte schließlich schweigend, und genauso leise, wie sie gekommen war, verschwand sie wieder in den Schatten.
„Sie verursacht mir eine Gänsehaut.“
sagte der Heiler schaudernd, während er die nun vernähte Wunde am Bein des Großen Khans verband.
„Ja, sie ist schon etwas Besonderes. Aber niemand sonst wäre der Aufgabe gewachsen. Und selbst mit ihr bin ich mir nicht sicher, ob sie in einem Stück zurückkommen wird.“
Der Heiler nickte. Der Anführer der Pflanzenfresser war ein wahrhaft gewalttätiger Stier. Er stand den Tigern in Sachen Wildheit in nichts nach. Wann immer er in einen Kampf verwickelt war, waren die Verluste auf Seiten der Fleischfresser erschreckend. Bislang war es ihnen nicht gelungen, ihn auszuschalten. Aber nach den jüngsten Ereignissen und mit der Nachricht, dass er in dieser Nacht wahrscheinlich sein Kalb verlieren würde, würde sich das vielleicht ändern.
Der Große Khan holte tief Luft. Vielleicht konnte er es so drehen, dass die Jaguare für den Tod seines Kalbes verantwortlich gemacht wurden, das würde sich wunderbar nutzen lassen, um die Konkurrenz auszuschalten.
„Fertig, mein Khan.“
verkündete der Heiler und stand auf. Er war einer der älteren Tiger. Sein Fell war struppig und stumpf und seine Augen hatten ihren Glanz verloren. Er hatte in den letzten Jahren zu viel gearbeitet, aber das ließ sich nicht vermeiden. Mit dem Krieg waren die Verletzten gekommen. Auch vor dem Krieg hatte die Lebensweise der Fleischfresser immer wieder dafür gesorgt, dass sich die Krieger des Stammes auf der Jagd verletzt hatten und auch bei den Trainingskämpfen war es immer wieder zu Verletzungen gekommen, doch seit Beginn des Krieges waren er und die Seinen praktisch rund um die Uhr im Einsatz gewesen. Oft waren die Wunden der Krieger noch nicht ganz verheilt, da lagen sie schon wieder auf seinem Tisch. Es hatte nie einen Waffenstillstand gegeben, der lang genug gewesen wäre, damit sich die Kämpfer der einzelnen Fraktionen hätten vollständig erholen können, diesen Luxus wollte man dem Gegner nicht gönnen.
Der Große Khan nickte müde. Er war seinem Heiler dankbar, aber zu mehr als einem müden Nicken und einem dünnen Lächeln war er im Moment nicht fähig. Der Heiler verbeugte sich knapp und zog sich zurück. Er ließ den Herrscher mit seinen schwierigen Gedanken allein. Und gedankenverloren glitt der Große Khan zurück in einen erschöpften Schlaf.
Die folgenden Tage waren von hektischer Betriebsamkeit geprägt.
Der große Gegenangriff der Pflanzenfresser hatte wider erwarten nicht stattgefunden. Der Schock über den Verlust seines Kalbes hatte den Anführer der Wasserbüffel härter getroffen, als die Fleischfresser erwartet hatten. Seine Krieger waren in ihren Lagern geblieben und trauerten. Ohne die Unterstützung der großen und starken Kämpfer der Wasserbüffel waren die anderen Pflanzenfresser kühn genug, allein einen Angriff zu wagen. An verschiedenen Stellen kam es zu kleineren Scharmützeln zwischen den Kriegsparteien, die je nach Gelände und Truppenzusammensetzung mal zugunsten der Fleischfresser, mal zu der der Pflanzenfresser ausgingen, aber keine der Seiten konnte einen wirklichen Vorteil für sich verzeichnen.
Hinter den Fronten, in den Lagern der Fleischfressern ging es ähnlich zu.
Auch wenn sich der Krieg insgesamt zu ihren Gunsten entwickelte, sah es für die Fleischfresser alles andere als rosig aus. Die Spione der Tiger konnten Informationen einbringen, dass die Truppenstärke der Jaguare wesentlich geringer war, als sie bisher angenommen hatten. Die Umstände der letzten Jahre hatten dazu geführt, dass die Geburtenrate erheblich zurückgegangen war und ohne genügend Nachwuchs war es nicht möglich, die Reihen der gefallenen Krieger wieder aufzufüllen. Die Großkatzen würden auch in den nächsten Jahren nicht wesentlich an Truppenstärke zulegen. Sie würden einer Entscheidungsschlacht bei der sie zusammen mit den Tigern als Sieger hervorgehen würden sicherlich zustimmen.
Die Wölfe, wenn auch deutlich zahlreicher, waren auf eine viel zu große Frontlinie verteilt und würden einem konzentrierten Angriff der Pflanzenfresser niemals standhalten können. Ihr Alpha war sich dessen sehr wohl bewusst, konnte daran jedoch nichts ändern. Über kurz oder lang würde der Krieg ihre Reihen empfindlich überstrecken und dann wären ihre Flanken ungeschützt. Also würden auch sie einem Ende des Krieges, bei dem die Fleischfresser als Sieger hervorgehen, nicht im Wege stehen.
Doch auch bei den Tigern war nicht alles eitel Sonnenschein. Auch wenn die Tiger auf dem Papier eine mächtige Streitmacht waren, und ihre Kämpfer deutlich zahlreicher waren als die der Jaguare, so waren es doch noch immer weniger als die der Wölfe. Weswegen die Auslöschung der Wölfe die höchste Priorität hatte. Weiterhin war eine nicht zu unterschätzende Anzahl ihrer Krieger verletzt, einige von ihnen würden wahrscheinlich nie wieder kämpfen oder jagen können und die Jünglinge waren noch nicht bereit, an der Front eingesetzt zu werden. Der Plan des Großen Khan war äußerst riskant und wenn auch nur eine Kleinigkeit schief ging, würde die ganze Sache nach hinten losgehen.
Nichtsdestotrotz wurden Boten ausgesandt, um mit den anderen Fleischfressern zu verhandeln und die nächsten Schritte zu planen. Die Tiger wussten, dass auch diese Fraktionen, genauso wie die Pflanzenfresser ihre Spione hatten und äußerst wahrscheinlich über die Situation in den anderen Lagern Bescheid wussten.
Es war fast eine Überraschung, als sowohl die Jaguare als auch die Wölfe den Plan akzeptierten, den der Große Khan vorgeschlagen hatte. Die Falle, die dahinter steckte, war so offensichtlich, dass keine der anderen Parteien sie bemerkte.
Sie würden die Pflanzenfresser zu einem großen Angriff provozieren und die Wölfe als Lockvögel benutzen. Sie würden sich gestaffelt zurückziehen und so den Feind aus seiner Reserve locken. Wenn die Pflanzenfresser sich dann zu weit vorgewagt hätten, würden die Tiger und Jaguare in ihre Flanken fallen und eine große Zahl von Feinden einkesseln. Alles, was danach käme, wäre ein einziges Gemetzel, bei dem der Feind vollständig aufgerieben würde, inklusive seiner Anführer. Dieser Sieg würde das Ende des Krieges besiegeln.
So weit, so einfach. Das war der Plan, den die Wölfe kannten. Die Jaguare kannten den folgenden Plan:
Sobald die Wölfe sich zurückzogen, würden auch die Jaguare zurückfallen. Wenn die Wölfe, die normalerweise auf Sturmangriffe spezialisiert und mit der Technik des Rückzugs nicht vertraut waren, in Unordnung gerieten, würden die Jaguare zuschlagen und die Tiger würden den Wölfen in den Rücken fallen. Wenn die Wölfe aus dem Rennen waren, würden die Raubkatzen mit den Pflanzenfressern aufräumen. Der Krieg war im Grunde ohnehin schon gewonnen.
Die Jaguare waren nur zu froh, einen Konkurrenten im Kampf um die schwindenden Nahrungsressourcen loszuwerden. Was sie nicht wussten, war, dass der Große Khan nur zu gerne auch sie ausmanövrieren würde.
Der Plan hatte nur einen entscheidenden Haken, damit er überhaupt funktionieren konnte, mussten die Pflanzenfresser mitspielen, und das war alles andere als sicher. Wenn die Informationen, die seine Spione gesammelt hatten, auch nur zur Hälfte stimmten, war das Kräfteverhältnis zwischen ihnen und den Fleischfressern gar nicht so eindeutig, wie es den Anschein hatte. Wenn die Pflanzenfresser warteten, bis die Raubkatzen die Wölfe ausgeschaltet hatten, was mit Sicherheit auch noch einmal zu Verlusten auf ihrer Seite führen würde, dann wäre es für sie durchaus möglich, die Tiger und Jaguare einfach zu überrennen. Der Große Khan setzte mit seinem Plan alles auf eine Karte und hoffte, dass der Zorn des Stiers ganz und gar auf die Jaguare ausgerichtet war.
Noch wusste er allerdings nicht, ob die Pflanzenfresser überhaupt mitspielen würden, denn er hatte noch keine Nachricht von Pequeña Franja erhalten. Dafür gab es mehrere Möglichkeiten, von denen keine ein gutes Gefühl bei dem Stammesoberhaupt hinterließ.
...
Ein paar Tage zuvor im Lager der Pflanzenfresser:
Das Hauptlager der Pflanzenfresser befand sich an einem Berghang, an dem es sich vom Fuße eines Berges fast bis zum Gipfel hinaufzog. Ursprünglich war es die größte Siedlung der Wasserbüffel gewesen, aber als der Krieg zwischen den Pflanzenfressern und den Fleischfressern ausbrach und es sehr schnell klar wurde, dass die Wasserbüffel die stärksten unter ihnen waren, begann eine regelrechte Massenmigration. Aus der anfangs weitläufigen Siedlung, mit ihren großen, grünen Freiflächen, wurde über die Jahre ein dicht gepacktes Ghetto, in dem sich eine kleine Hütte an die nächste schmiegte. Wo früher Kräuter und Futterpflanzen kultiviert wurden, standen nun die Baracken der Kämpfer und dort, wo früher Besucher willkommen geheißen wurden, waren Meterhohe Palisaden errichtet worden, deren verstärkte Tore jedem Fremden den Zugang verwehrten.
Selbst wenn ein Angreifer diese Tore durchdringen würde, so sähe er sich einem Labyrinth aus kleinen, verwinkelten Gassen gegenüber, in dem sich selbst die Bewohner manchmal verliefen. Tiefer im Inneren des Lagers gab es dann noch weitere Befestigungsanlagen, die einen Angriff auf die oberen Bezirke der Siedlung weiter erschwerten. Dies waren entscheidende Vorteile, wenn es darum ging, das Lager vor Angreifern zu verteidigen, und bisher hatte auch noch keine Attacke zum Erfolg geführt.
Gleichzeitig hatte der ständige Zustrom neuer Bewohner dazu geführt, dass die vielen Grünflächen, die bisher den größten Teil des Nahrungsbedarfs gedeckt hatten, vollständig verschwunden waren. Innerhalb der Siedlung gab es praktisch keinerlei Nahrung mehr und für jede einzelne Mahlzeit mussten die Pflanzenfresser ihr sicheres Lager verlassen.
Jede dieser Expeditionen in die Wildnis war von dem sehr realen Risiko begleitet, einem der Fleischfresser zum Opfer zu fallen, die sich dieses Umstands sehr wohl bewusst waren. Fast täglich kam es zu Angriffen durch die Wölfe, die im nahen Dickischt warteten, dass sie der ein oder andere Pflanzenfresser auch nur einen Schritt zu weit von den Wachen entfernte, die die Sammler der Siedlung in der Regel begleiteten, in der Hoffnung die Verluste so gering wie möglich zu halten.
Im Lager selbst deuteten derweil alle Zeichen auf eine nahende Katastrophe hin.
Gordito Torro, der mächtige Anführer der Wasserbüffel, größter, schwerster und stärkster der Pflanzenfresser, saß zusammengesunken auf seinem Thron. Nach dem Tod seines einzigen Nachkommens hatte er seit mehreren Tagen weder gegessen noch getrunken und war in seiner Trauer versunken. Mehrere seiner Untergebenen, die versucht hatten, ihn dazu zu ermutigen, zumindest etwas zu essen oder zu trinken, waren buchstäblich aus seinen Gemächern geflogen. Seitdem wagte es niemand mehr, sich ihm zu nähern, aus Angst, den Zorn des Stiers auf sich zu ziehen.
Eine gewisse Zeit lang war dies kein größeres Problem gewesen, da die Fleischfresser sich auch ruhig verhalten hatten, aber nun hatten sich die Dinge geändert, und die letzten Ereignisse erforderten dringend die Aufmerksamkeit des Bullen. Ihre Spione hatten von reger Betriebsamkeit in den Lagern des Feindes und von großen Truppenbewegungen berichtet, und alles ließ nur einen Schluss zu: Die Fleischfresser bereiteten sich auf eine entscheidende Schlacht vor. Sie, also die Pflanzenfresser, würden sich entscheiden müssen, wie sie mit diesen neuen Umständen umgehen wollten, denn wenn sie ihren Gegnern zu viel Zeit für die Vorbereitungen ließen, würden sie ins Hintertreffen geraten. Die Wasserbüffel, ihre stärksten Krieger, würden jedoch ohne einen direkten Befehl ihres Oberhauptes nicht in den Kampf ziehen.
Und dann war da noch diese andere Sache …
Vor der Tür zu seinen Gemächern stand einer der Berater des Stiers. Ein nervöser, ausgezehrter Okapi, dem der Stress der letzten Wochen und Monate an den dunklen Augenringen anzusehen war. Er wurde begleitet von zwei Wachen, große, stolze Wasserbüffel, in deren Mitte eine Gefangene stand. Sie waren den ganzen Weg vom unteren Lager bis zu den Gemächern des Stiers gekommen und nun zögerte der Berater, dessen Hand zwar erhoben war, der sich aber nicht getraute an die Tür seines Anführers zu klopfen. Sein Atem bebte und er sah sich Hilfesuchend zu seinen Begleitern um, aber die Wachen rührten sich nicht und die Gefangene sah ihn nur stumm an, mit ihrem beunruhigenden Lächeln, das nie ihre Lippen verließ.
Da ihm die Hilfe versagt blieb, wandte er sich wieder der Tür zu, schluckte schwer und schickte sich an …
„Tritt ein ...“
Die Stimme von drinnen klang rau und müde. Erschrocken wich der Berater einen Schritt zurück, wobei er fast mit einer der Wachen zusammenstieß, die ihn daran hinderte, weiter zurückzuweichen. Er wurde unsanft wieder zur Tür geschoben und für einen Moment hatte er das Gefühl, dass es den Wachen eine diebische Freude bereitete, ihn leiden zu sehen. Der Berater schluckte erneut und hob seine feingliedrige Hand zum Türgriff. Als er die Tür vorsichtig öffnete, immer bereit, einem geworfenen Gegenstand auszuweichen, eröffnete sich ihm ein Bild der Verwüstung. Die Kammer seines Anführers lag im Halbdunkel, denn die Läden an den Fenstern waren geschlossen und ließen nur spärlich Licht in den Raum sickern. Staub tanzte im Schein des Lichts, das von der Tür her hineinflutete und sein langer Schatten reichte fast bis zu den Trümmern, die den Raum beherrschten. Das gesamte Mobiliar war völlig zerlegt worden und war im ganzen Raum verstreut. Tief in den Schatten, die kein Licht durchdrang, stand der Thron des Bullen, das einzige Möbelstück, das den Zorn ihres Anführers überstanden hatte. Er war aus einem massiven Baumstamm geschnitten worden und stand noch aufrecht und auf ihm saß, oder eher kauerte Gordito Torro, die Ellbogen auf die Knie gestützt, den Rücken, den kein Feind je zu brechen in der Lage gewesen war, gebeugt und sein Kopf hing tief.
„Was wollt ihr … ?“
fragte der Stier, ohne sich aufzurichten, er klang heiser und über die Maßen erschöpft. Der Angesprochene machte einen Schritt zur Seite und gab den Blick auf die Gefangene frei.
„W … wir haben diesen Spion gefangen nehmen können … und es gibt besorgniserregende Neuigkeiten von der Front.“
Der Okapi war aufgeregt und stotterte, während er sein Anliegen vortrug, woraufhin der Stier langsam den Kopf hob und seine blutunterlaufenen Augen auf die Gefangene richtete.
„Was geht mich die Front an?“
Seine Antwort war mehr eine Feststellung, eine Anerkennung der Gesamtsituation, als eine Frage, dennoch schnappte der Berater nach Luft. Er wagte es jedoch nicht, seinem Anführer zu widersprechen, der sich einzig und allein auf die Gefangene zu konzentrieren schien. Sie war eindeutig eine Raubkatze und auch wenn sie recht zierlich war, so war ihr Geschlecht eindeutig zu erkennen. Die spärliche Kleidung, die sie trug, setzte ihre schlanke, ihrer Rasse typische Figur schön in Szene und ihre tiefblauen Augen funkelten wie Saphire in ihrem ansonsten pechschwarzen Gesicht. Für eine Kriegsgefangene, die sich inmitten ihrer Feinde befand, hielt sie sich erstaunlich entspannt, es wirkte fast so, als ob sie sich in ihrer Position wohl fühlte. Sie hatte ihre Hände hinter dem Rücken und ihr Schwanz schweifte gelassen hin und her.
Nach einem Moment der Stille, in dem sie und der Stier sich gegenseitig in die Augen blickten, sah sie lächelnd zu einer der beiden Wachen auf. Die beiden Wasserbüffel waren fast doppelt so groß wie sie. Muskelbepackte, kampferprobte Krieger, die eine kleine Feline wie sie leicht – wie einen Strohhalm – zerbrechen konnten. Die Wache reagierte schwerfällig und sah auf die Gefangene herab, die sich elegant zu ihm umdrehte und ihm die Fesseln reichte, die sie ihr unten am Tor angelegt hatten. Völlig auf dem falschen Fuß erwischt, nahm der Krieger die Fesseln und sah verdutzt auf sie, während die Gefangene sich genüsslich streckte und sich wieder in Richtung des Bullen drehte. Sie hob die Hände und machte einen Schritt auf ihn zu.
Weiter kam sie nicht, denn der Schock der Wachen über ihre nonchalante “Flucht” währte nur kurz. Der Wächter zu ihrer Linken griff nach ihr, während der zu ihrer Rechten die Fesseln fallen ließ und nach seiner Keule griff. Es geschah alles so schnell und doch fühlte es sich an, als würden die riesigen Krieger sich in Zeitlupe bewegen. Die Raubkatze bewegte sich so fließend und so schnell, dass sie allen Angriffen und Versuchen, sie wieder festzunageln, einfach auswich. Sie versuchte dabei nicht einmal, die beiden Wachen anzugreifen, sondern blieb einfach außerhalb ihrer Reichweite. Grunzend und schnaufend drehten sich die Wachen um ihre eigene Achse, um mit den elfengleichen Bewegungen der Gefangenen mitzuhalten, die auch weiterhin keinen Laut von sich gab, sondern einfach nur still grinsend um die beiden herumtanzte. Sie schien dabei nicht zu ermüden, oder sich auch nur anzustrengen, während ihre Gegner bereits deutliche Anzeichen der Erschöpfung zeigten.
„Genug!“
brüllte der Stier aus seinen Gemächern und rettete damit die Ehre seiner Krieger, die nicht in der Lage waren, die wendige Katze wieder zu fangen. Als sie seinen donnernden Schrei vernahmen, blieben der Berater, die Wachen und die nun nicht mehr Gefangene wie angewurzelt stehen. Mühsam erhob sich Gordito Torro von seinem Thron und blickte auf die noch immer grinsende, völlig ruhige Raubkatze.
Bist du hier, um mich zu töten?“
fragte er mit einer unheimlichen Ruhe in seiner Stimme, die erahnen ließ, dass er sich mit dieser Möglichkeit bereits abgefunden hatte, während er langsam auf sie zukam. Mit einer Handbewegung gab er seinen Untergebenen zu verstehen, dass sie zurücktreten sollten, und mit einem Mal stand sie allein vor dem Oberhaupt der Pflanzenfresser und blickte zu ihm auf. Vor seinem massigen Körper wirkte die kleine Tigerin wie ein Zwerg.
„Ich weiß, wer du bist. Kleiner Streifen. Bist du hier, um zu beenden, was deine Komplizen begonnen haben?“
fragte er leise, wobei keine wirkliche Feindseligkeit in seiner Stimme lag, es war eher die Resignation vor dem Unausweichlichen. Sie hörte ihm aufmerksam zu, spitzte die Ohren und legte dann den Kopf schief, als würde sie nachdenken, schließlich öffnete sie die Hände, zuckte mit den Schultern und machte eine vage Geste mit den Händen.
„Sie spricht nicht. Wir haben alles versucht ...“
gab der Berater zu, was ihm nur einen müden Seitenblick von seinem Anführer einbrachte.
„Natürlich spricht sie nicht. Sie ist stumm. Selbst wenn sie es wollte, könnte sie nicht sprechen.“
erklärte der Bulle, und in seine Stimme schlich sich ein Hauch von Frust. Als er wieder zu der Meuchelmörderin vor ihm hinunterblickte, lächelte sie breit an und ihre großen blauen Augen leuchteten förmlich.
Gordito Torro holte tief Luft und blickte zu seinen Untergebenen.
„Ihr könnt gehen. Wenn sie mich hätte töten wollen, wärt ihr alle schon tot.”
befahl er knapp und wandte sich an Pequeña Franja.
“Also, kleiner Streifen, was machst du hier? Warum hat der Große Khan dich geschickt?“
fragte der Bulle müde. Sie sah sich kurz um und deutete dann auf die Kammern des Stiers. Woraufhin er nickte und ihr den Weg frei machte. Derweil rang der Berater nach Luft, um sich zu beschweren, sie würden ihren Anführer nicht mit einer Attentäterin des Feindes allein lassen, während die Wachen nur stumm nickten. Die Raubkatze aber passierte den Stier mit einem entspannten Lächeln auf den Lippen und betrat die Gemächer des Stiers, nur um kaum fünf Schritte im Raum vor dem völlig zertrümmerten Tisch stehen zu bleiben.
„Jetzt geht schon. Ich komme schon zurecht.“
befahl Gordito Torro wütend und schob den Berater zur Seite.
„A … aber ...“
Weiter kam der Berater nicht, bevor die Tür vor seiner Nase zuschlug.
Als er die Türe schloss, sperrte er auch die Welt außerhalb seiner Gemächer aus. Auch wenn die Tür alles andere als schalldicht war, so dämpfte sie die Geräusche des Lagers doch deutlich und hinterließ eine seltsam laute Stille, in der das Atmen des Stiers für einen Moment das einzig hörbare war. Er stand noch immer bei der Tür und betrachtete seinen Gast, die regungslos vor den Überresten seines Tisches stand. Das Einzige, was sich bewegte, waren die Staubpartikel, die durch die wenigen schmalen Lichtkegel tanzten, die durch die Rillen in den Fensterläden hinein schienen. Sie stand keine drei Schritte von ihm entfernt und die Tatsache, dass sie dort völlig regungslos und absolut lautlos verweilte, ließ ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen.
Der Bulle war sich sicher, dass der Große Khan seine beste Meuchelmörderin nicht ohne Grund geschickt hatte und er würde diesen Grund nicht erfahren, wenn er sie nicht fragen würde, also gab er sich einen Ruck und näherte sich vorsichtig. Als er direkt hinter ihr stand, konnte er ihr über die Schulter blicken und sah, dass sie sich eine kleine, filigrane Holzfigur betrachtete, die sie zweifelsohne aus den Trümmern geklaubt hatte. Seine Augen weiteten sich und mit einer Sanftheit, die man diesem massigen Krieger nicht zugetraut hätte, nahm er ihr die kleine Figur aus der Hand.
„Sie gehörte meiner Tochter.“
sagte er leise, während sich seine massiven Finger zärtlich um die Figur schlossen.
„Meiner einzigen Tochter.“
fügte er hinzu, und obwohl die Traurigkeit in seiner Stimme absolut unüberhörbar war, war dort noch etwas anderes, Zorn und Abscheu rangen in den Untertönen seiner Stimme um die Vorherrschaft. Langsam und schwerfällig ging er an der Attentäterin vorbei und als er ihr ins Gesicht sah, konnte er sehr wohl erkennen, dass auch sie mit dieser Situation zu schaffen hatte.
„Ich sehe, du bist mit dem Konzept von Trauer und Verlust vertraut. Ich war mir nach dieser Tat nicht ganz sicher, ob ihr Fleischfresser so etwas überhaupt empfinden könnt.“
stellte er müde fest, bevor er die kleine Figur vorsichtig auf der Armlehne seines Throns ablegte und sich wieder Pequeña zuwandte, die noch immer ungerührt vor ihm im Raum stand. Er seufzte und begann damit die größten Trümmer seines Tisches und eines Stuhls zusammen zu suchen und so aufzuschichten, dass man sie zumindest notdürftig verwenden konnte. Als er damit fertig war, ließ er sich mit einem Stöhnen auf seinen Thron fallen und deutete auf den Quasi-Stuhl, den er ihr zusammengeschustert hatte.
„Und jetzt erklär’ mir, warum du hier bist, wenn du mich schon nicht umbringen willst.“
Seiner Aufforderung nachkommend, setzte sich Pequeña Franja den improvisierten Stuhl und lehnte sich gegen das Konstrukt, das eigentlich ein Tisch sein sollte. Es wirkte so, als suchte sie etwas am Boden, bevor sie offensichtlich fündig wurde und mehrere Trümmerteile aufhob und sie auf den Tisch legte. Gordito Torro beobachtete die kleine Tigerin genau, wie sie die vier Holzstücke auf der Tischplatte aufreihte. Nachdem sie die Scheite mehrmals ausgetauscht hatte, nahm sie das erste Stück, hielt es hoch und zeigte auf sich selbst. Der Bulle nickte, dieses Stück stellte die Tiger dar. Pequeña nickte ebenfalls und legte das Holz wieder an seinen Platz, bevor sie das zweite Stück nahm und es ihm zeigte. Sie zeigte auf ihn und machte eine Geste, die das ganze Lager einschloss. Der Stier nickte wieder, dieses Stück sollte die Pflanzenfresser darstellen. Nachdem sie dieses auch wieder abgelegt hatte, nahm sie ein drittes Stück und hielt es hoch. Sie zog ihre Schnauze lang und imitierte spitze Ohren. Auch dieses Mal war die Bedeutung klar: Wölfe. Mit dem letzten Stück verfuhr sie noch einmal genauso, nur dieses Mal blähte sie sich auf und machte eine brüllende Geste. Der Stier konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen. Ja, die Jaguare prahlten gerne.
Jetzt, da alle Darsteller bekannt waren, stellte die Attentäterin die „Figuren“ auf dem Tisch auf. Die Pflanzenfresser auf der einen Seite, die Fleischfresser auf der anderen, so wie man es erwarten würde. Der Stier hob daraufhin eine Augenbraue, aber Pequeña Franja verneinte dies und nahm anschließend die Figur des Tigers aus der Gruppe der Fleischfresser heraus. Dies weckte die Neugierde des großen Wasserbüffels, der nun seinen Kopf schief legte. Dann nahm sie die Figur der Wölfe und stellte sie in die Mitte des Tisches und zog die Pflanzenfresser zu ihnen heran.
“Eine Schlacht?”
fragte der Stier, aber die kleine Tigerin schüttelte langsam den Kopf. Während sie die Figur der Pflanzenfresser an die Wölfe heranführte, zog sie die Figur der Wölfe langsam zurück in Richtung der Jaguare und ließ die Pflanzenfresser ihnen folgen.
„Ein Hinterhalt.“
stellte der Stier trocken fest und Pequeña Franja widersprach ihm dieses Mal nicht, aber sie hob einen Finger, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Als sie die Wölfe ein Stück zurückgezogen hatte, nahm sie die Jaguare und griff mit ihnen die Flanke der Wölfe an.
„Ooooohhh...“
Der Bulle beugte sich vor, nun wurde die Sache wirklich interessant. Auf dem Tisch waren die Jaguare in ein Scharmützel mit den Wölfen verwickelt, dann nahm sie die Tiger und fiel mit ihnen den Wölfen in den Rücken. Für einen Moment passierte nichts, aber schließlich blickte sie langsam zu ihm auf. Ihre Augen leuchteten im Halbdunkel seiner Gemächer, bevor sie mit einem grimmigen Lächeln die Wolfsstatue umwarf. Die Schraubstock-artigen Pranken des Stiers spannten sich um die Armlehnen seines Throns, als er das sah.
„Ich verstehe ... und dann.“
Ehrliche Neugierde schwang in seiner Stimme, während er zusah, wie sie die Statue der Jaguare über die der Wölfe stellte. Sie standen nun zwischen den Pflanzenfressern und den Tigern, dann schob die kleine Attentäterin sie von beiden Seiten zu den Jaguaren. Dies ließ den Stier aufhorschen und er hob die Augenbrauen. Pequeña sah zu ihm hinüber und ihr Grinsen war beängstigend, als sie schließlich auch die Jaguare zu Fall brachte. Das dumpfe „Klock“, als das Holz umfiel, unterstrich das Blitzen ihrer Reißzähne in den wenigen Lichtstrahlen, die sie durch die Jalousien an den Fenstern erreichten. Nun waren nur noch die Tiger und die Pflanzenfresser übrig geblieben. Nun nahm sie beide, stellte sie in die Mitte und sah erneut zu dem Stier hinüber, während ihr Finger auf dem Kopf des Pflanzenfressers ruhte.
„Ihr wollt es also beenden ...“
stellte der Bulle fest und lehnte sich auf seinem Thron wieder zurück. Sie legte die Ohren an und sah die beiden Gestalten und dann den Stier an.
„Wir werden uns nicht kampflos ergeben.“
Es lag eine trügerische Ruhe in seiner Stimme und die Tigerin nickte wissend. Dann nahm sie ihren Finger von der Figur der Pflanzenfresser und hob die Figur auf, die die Jaguare dargestellt hatte und erhob sich fließend von ihrem improvisierten Stuhl. Sie umkreiste den Tisch und bewegte sich mit einer unnatürlichen Eleganz auf ihn zu. Ihre absolut lautlosen Bewegungen hatten etwas hypnotisches, als sie mit jedem Schritt, den sie auf ihn zukam, ihre Hüften ondulierte und ihren Schwanz hinter sich schwingen ließ. Sie war nur noch zwei oder drei ihrer kleinen Schritte entfernt, da verschwand ihr Grinsen und sie legte ihre Ohren so eng an den Kopf, dass es fast aussah, als hätte sie gar keine. Der Stier beobachtete jede ihrer Bewegungen und spannte sich an. Was würde sie tun? Erwartete sie wirklich, dass sie kampflos aufgeben würden? Und wenn sie es nicht taten, würde sie ihn nun doch töten?
Die kleine schwarze Tigerin blieb schließlich vor ihm stehen. Selbst im Sitzen war er noch größer als sie und blickte auf ihre zierliche Figur herab.
*Wenn ich schnell genug bin, kann ich sie vielleicht…*
Aber sein Gedankengang wurde unterbrochen, als sie ihm das Stück Holz präsentierte, das die Jaguare darstellte. Der Stier sah auf ihre kleinen Hände und schluckte. Dann griff sie langsam nach der Figur seiner Tochter, während er ihr wie hypnotisiert zusah. Er wehrte sich nicht, als sie seine riesige Hand nahm und die Figur seiner Tochter hinein legte, nachdem sie sie ihm erneut gezeigt hatte. Der Atem des Wasserbüffels beschleunigte sich etwas und dann nahm sie die Jaguar-Figur und zeigte sie ihm. Nun spannte der Gordito Torro sich an und seine Augen weiteten sich, und als sie die Figur in ihrer Hand mit geschlossenen Augen zu der seiner Tochter legte und seine Hand schloss, stiegen dem Stier Tränen in die Augen.
Noch während er mit seinen Emotionen kämpfte, zog sich Pequeña Franja langsam zurück und ging um den Tisch herum, zurück zu ihrem Platz. Die Eleganz ihrer Bewegungen fand dieses Mal jedoch keinen Zuschauer, denn der Stier starrte nur auf die Faust, die die kleine Attentäterin mit einer Implikation gefüllt hatte, die ihn zu zerreißen drohte.
Die Trauer drohte ihn zu überwältigen, aber die Wut auf die Räuber, die ihm seine Tochter weggenommen hatten, hielt ihn davon ab, einfach zusammenzubrechen. Er würde sich nicht erlauben, sich ganz seiner Trauer hinzugeben, bevor er nicht den Verantwortlichen für den Tod seiner Tochter zur Strecke gebracht hatte und mit ihm seinen ganzen verdammten Clan.
Langsam hob er seinen Kopf und durch den Schleier seiner Tränen hindurch, sah er zu Pequeña Franja hinüber, die die beiden verbliebenen Figuren der Tiger und der Pflanzenfresser hielt. Als sie bemerkte, dass sie seine Aufmerksamkeit hatte, führte sie sie zusammen, wie Kinder mit Puppen spielten, wenn sie miteinander kämpften. Es war, was er erwartet hatte, aber sie zeigte ihm nicht, wie der Kampf endete, sondern stellte sie zurück auf den Tisch und verneinte mit einem wackelnden Zeigefinger den Kampf. Stattdessen stand sie wieder auf und kam erneut auf ihn zu. Er konnte seine Augen nicht von ihr losreißen, ihre sanften, wiegenden Bewegungen hielten ihn in ihrem Bann, während sie einen Fuß vor den anderen setzte. Sein Kiefer zitterte vor Anspannung und er versteifte sich, als sie dieses Mal ganz an ihn herantrat. Dieses Mal legte sie ihre Ohren nicht an und in ihren blauen Augen spiegelte sich seine Trauer. Vorsichtig, geradezu sanft, legte sie ihre Hände auf seine, die im Vergleich zu ihren so unglaublich riesig wirkten. Ihre Hände fühlten sich an wie Seide, glatt, anschmiegsam, weich, aber auch flüchtig, unhaltbar und erstaunlich kalt, während seine rau waren, von Kämpfen und harter Landarbeit gezeichnet, sie waren stark und unnachgiebig, aber trotz aller Narben und Schwielen, die seine ledrige Haut zierten, waren sie warm und auf eine Art weich, die nicht ganz zu ihn zu passen schien. Sie nahm eine seiner Hände und führte sie an ihre Brust. Dort öffnete sie seine Hand und legte sie auf ihr Brustbein. Sie tat dasselbe bei ihm.
Einen Moment lang verharrte sie so, spürte seinen Herzschlag, fühlte, wie er sich mit ihrem synchronisierte, dann schaute sie ihm tief in die Augen und formte mit ihren Lippen die Worte:
„Kein Krieg mehr.“
Als sie ihre Hand von seiner Brust nahm und sie an seine Wange legte, sackte der Stier schließlich in sich zusammen.
Pequeña Franja blieb einfach stehen, hielt seine Hand auf ihrer Brust und ihre Hand an seiner Wange als die einzige Stütze, die der Anführer der Pflanzenfresser für den Moment hatte. Alle Dämme brachen und der große Stier schluchzte zitternd, während er die Hand mit der Figur seiner Tochter an seine Brust legte. Sein Kopf lastete schwer auf ihrer Hand und die Tränen, die er nun nicht mehr zurückhielt, tränkten ihr Fell, aber sie blieb regungslos, blieb stark, wo er es nicht konnte und gab ihm, wozu keiner der seinen bis jetzt fähig gewesen war: Frieden.
Es dauerte über eine Stunde, bis er sich beruhigt hatte. Als er schließlich den Kopf hob und ihr mit seinen geschwollenen, blutunterlaufenen Augen in die Augen blickte, wiederholte er ihre Worte.
„Kein Krieg mehr.“
Sie klangen hart und es lag so viel Hass in ihnen, dass sie ihm nicht ganz glaubte, dennoch zog sie langsam und vorsichtig ihre Hand von seiner Wange, bedacht darauf, ihn nicht zu verletzen, und ließ seine Hand weiter auf ihrer Brust los. Sie nickte leicht und bestätigte stumm.
„Kein Krieg mehr.“
Die Kiefer des Stiers knirschten als er seine Hand langsam zurückzog, seine Finger aneinander rieb und schließlich zu seinem Gesicht hob. Er lehnte sich zurück, atmete tief durch und wischte sich die Tränen aus den Augen, danach betrachtete er zuerst seine nasse Hand und danach fiel sein Blick auf Faust, die noch immer die Jaguar-Statue und die kleine Figur seiner Tochter hielt. Zitternd nahm er einen tiefen Atemzug und öffnete die Hand. Als er hineinschaute, spiegelten sich unbändiger Hass, zügellose Wut, aber auch unendliche Trauer und eine Müdigkeit auf seinem Gesicht wider, die Pequeña nur zu gut nachvollziehen konnte.
„Wir können diesen Krieg nur beenden, wenn die Fleischfresser verschwinden.“
Sagte er leise und seine Stimme war rau und tränenerstickt, dann sah der Bulle langsam zu ihr auf. Die kleine Attentäterin stand immer noch still vor ihm und legte den Kopf leicht schief. Ihre Augen wirkten so unendlich ruhig, man wollte sich in ihnen verlieren, aber sie zog eine ihrer Brauen hoch, als wollte sie fragen: „Alle?“
„Zumindest einige von ihnen müssen verschwinden ...“
korrigierte er, bevor er die Jaguar-Figur nahm und in seiner anderen Hand einfach zerdrückte. Selbst Pequeña musste zugeben, dass dieser beiläufig erbrachte Beweis seiner schieren, körperlichen Kraft beeindruckend war. Das Knirschen und Knacken des Holzes in seiner Hand war in dem ansonsten stillen Raum unheimlich. Erst als das nun völlig zerstörte Stück Holz schließlich zu Boden fiel, sah er sie wieder an. Er hatte die Lippen so fest aufeinander gepresst, dass sie fast weiß waren.
„... und die Wölfe auch.“
fügte er schließlich hinzu, nachdem auch die letzten Splitter des Jaguars ihren Weg auf den Boden gefunden hatten. Die Tigerin nickte stumm.
„Ist sich der Große Khan seiner Sache sicher? Wird der Plan gelingen?“
fragte der Stier und seine dunklen Augen funkelten unter seinen wuchtigen Brauen. Sie machte eine vage Geste, nickte aber schließlich.
„Und dieser Plan wird nur funktionieren, wenn wir mitspielen.“
Es war eine Feststellung, keine Frage. Er blickte auf die verbliebene Figur in seiner Hand und drehte sie langsam hin und her, während er seine Gedanken ordnete.
Eigentlich wollte er sich einfach in seinen Gemächern verkriechen. Er hatte seine Trauer noch lange nicht abgeschlossen, und sein Herz verlangte, dass er dem nachgab, gleichzeitig schrie es nach Rache und trieb ihn dazu seine besten Krieger zu nehmen und das Lager der Jaguars zu stürmen, um diesem König der Klingen zur Strecke zu bringen. Sein Verstand allerdings hielt dagegen, dass es völlig sinnlos war, jetzt allein loszuziehen, wenn es die Möglichkeit gab, den Krieg vielleicht im Ganzen zu beenden.
Schließlich sah er wieder auf.
„Hoffentlich weiß er, dass es bei so etwas nur einen Versuch gibt, und wenn es schiefgeht, ist es nicht nur er ...“
Wieder nickte die Attentäterin vor ihm.
„Was haben wir davon, wenn es nach dem Krieg noch einen Clan von Raubtieren im Dschungel gibt? Es ist ja nicht so, dass die Tiger aufhören würden, Fleisch zu fressen.“
Sein Tonfall war erfüllt mit Resignation, trotzdem sah er sie hoffnungsvoll an, es geschahen schließlich Zeichen und Wunder, warum also nicht. Seine Hoffnung wurde jedoch enttäuscht, als sie die Augenbrauen hob, tief Luft holte und mit zusammengepressten Lippen den Kopf schüttelte.
„Dachte ich mir schon.“
gab der Bulle zu und massierte sich ein wenig die Augen, bevor er seufzte.
„Es wäre ja auch zu schön gewesen, nicht wahr?“
fragte er, wobei die Frage nicht direkt an die Tigerin vor ihm gerichtet war. Mühsam erhob er sich von seinem Thron, wobei die Armlehnen unter der Last knarrten. Pequeña wich einen Schritt vor ihm zurück, blieb aber vor ihm stehen.
„Ich glaube ...“
brummte er und richtete sich ganz langsam zu seiner vollen Größe auf. Nun, da er zum ersten Mal wirklich aufrecht vor ihr stand, wirkte die kleine Attentäterin fast schon wie ein kleines Kind vor seinem wirklich enormen Körper. Er legte ihr eine schwere Hand auf die Schulter und drückte sie sanft, bevor er fortfuhr:
„... es ist die Wahl des geringeren Übels. Ein Clan von Fleischfressern ist besser als drei Clans voller blutrünstiger Tötungsmaschinen.“
Sie legte ihre Hand auf seine und lächelte sanft, dann nickte sie langsam.
„Das geringere Übel wählen ...“
murmelte Gordito Torro mehr zu sich selbst als zu ihr, während er auf sie herabblickte.
„Wir werden euch helfen, aber nur unter einer Bedingung.“
mahnte er eindringlich mit erhobenem Zeigefinger, woraufhin die kleine Tigerin den Kopf schief legte und wartete.
„Du wirst mir einen Gefallen tun, wenn das alles hier vorbei ist ...“
Was er dann sagte, ließ sie die Augen aufreißen.
...
Die Tage bis zur Entscheidungsschlacht vergingen schnell und sowohl die Pflanzenfresser als auch die Fleischfresser mobilisierten alle verfügbaren Reserven für dieses letzte Gefecht. Als sie sich schließlich am Tag der Schlacht für die Musterung auf einer Lichtung mitten im Dschungel versammelte, war die Streitmacht der Fleischfresser gewaltig. Der Große Khan überblickte gemeinsam mit dem König der Klingen und dem Alpha, wie sich ihre Krieger aufstellten und Stolz durchflutete die Anführer. Die Wölfe hatten wie erwartet die meisten Kämpfer bereitgestellt, gefolgt von den Tigern, die jeden, der auf nur halbwegs einsatzbereit war aufmarschieren ließen, und schließlich kamen die Jaguare, zahlenmäßig die schwächsten unter den Raubtieren, aber man durfte sie nie unterschätzen.
Der Anblick war atemberaubend und trotzdem hegte der Khan noch immer Zweifel, ob sein Plan am Ende wirklich aufging und ob die Pflanzenfresser sich wirklich an den Plan hielten. Noch immer hatte er keine Nachricht von Pequeña Franja bekommen und so langsam befürchtete er das Schlimmste. Allerdings würde er keine Zeit haben, um allzu sehr in seinen Gedanken zu verweilen, es galt die Fassade zu wahren und einen Schlachtplan zu schmieden.
Die anderen beiden Anführer, sowie eine kleine Schar ihrer treuesten Offiziere standen bereits um den großen Tisch, auf dem sie eine Karte der Umgebung ausgebreitet hatten und auf der einige der Offiziere bereits fleißig Marker verteilten.
Während der Große Khan sich sammelte, begab er sich die wenigen Schritte hinüber zu seinen Verbündeten um sich die letzten Nachrichten ihrer Späher und Spione anzuhören und dann den Plan ins Rollen zu bringen. Als er am Tisch ankam, war gerade einer der Tiger dabei, die Markierung für die Armee der Pflanzenfresser auf der Karte zu platzieren.
„Die Späher haben die Pflanzenfresser-Armee ungefähr hier ausgemacht.“
erklärte der Krieger, dessen Rüstung die Markierungen der Elitegarde des Khans trug. Seine krallenbewehrte Hand schon den großen Marker auf einen Berghang nördlich ihrer Position.
„Etwa zwei Stunden bei normalem Marschtempo, wobei wir eher damit rechnen, dass sie langsamer unterwegs sein werden. Die Armee ist wirklich gewaltig, wir vermuten, dass sie wirklich alles mobilisiert haben, was sie noch haben.“
fügte der Tiger hinzu und richtete sich wieder auf. Der Alpha betrachtete die Karte und nickte, während der König der Krallen auf ein anderes Gebiet der Karte deutete.
„Dann werden sie wahrscheinlich von dort kommen und angreifen. Das wäre ideal für das, was wir vorhaben. Wenn wir sie nur hierher locken könnten ...“
erläuterte er und zeichnete einen Weg zu einem kleinen Tal in der Nähe.
„... dann sind sie in dem Tal gefangen und wir können sie von allen Seiten angreifen.“
Die Anführer betrachteten den Talkessel auf der Karte, den sie genau deswegen ausgesucht hatten. Nun fing der Alpha an zu hecheln, etwas, das er immer tat, wenn die Aufregung von ihm Besitz ergriff.
„Meine Vorhut ist bereits auf dem Weg. Wir werden sie dazu verleiten, uns dorthin zu folgen. Haltet euch dort bereit, damit wir sie von drei Seiten angreifen können. Heute endet dieser Krieg, und wir werden siegreich sein.“
Die Aufregung ließ ihn fast schrill klingen, während er seinen Schwanz nur bedingt kontrollieren konnte. Er war bereit für den Kampf und sehnte sich danach, seine Fänge in die Beute zu schlagen, aber er würde sich gedulden müssen, denn wenn er zu früh zuschlug, würde der Plan fehlschlagen und die Pflanzenfresser würden ihn und seine Armee überrennen. Der König der Krallen nickte stumm, während der Große Khan lächelte.
*Eingebildet wie immer, dumme Hunde ...*
„Meine Krieger werden in Position sein. Ich habe Attentäter positioniert, sie werden die Anführer der Pflanzenfresser ausschalten, sobald unser Angriff beginnt.“
deutete der Große Khan an und zeigte einige Stellen auf der Karte, die auf dem Weg zu dem vom König der Krallen markierten Ort lagen. Dieser nickte zufrieden und brachte seinerseits seine Hand zur Karte.
„Wir werden von hier, hier und hier angreifen.“
erläuterte er und zeigte auf einige Stellen am Eingang des Talkessels.
„Die Wasserbüffel werden zweifellos an der Spitze er Armee sein und werden dann vom Rest der Armee abgeschnitten sein, und wenn eure Attentäter ihre Anführer ausgeschaltet haben, werden sie nicht wissen, wie sie reagieren sollen. Wenn wir ihre Krieger vernichtet haben, werden sie nichts mehr haben, was sich uns entgegenstellen könnte. Wir werden sie im wahrsten Sinne des Wortes abschlachten.“
stellte der Anführer der Jaguare fest und fuhr sich mit der Klaue über die Kehle. Der Große Khan nickte und lächelte.
*Oh, wenn du wüsstest, wie recht du damit hast...*
Er verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete den Schlachtplan erneut, hob dann aber ermahnend den Finger.
„Das ist richtig, aber unterschätzt Pflanzenfresser nicht, der Stier wird bei ihnen sein. Er scheint den Kummer überwunden zu haben und ist auf Rache aus. Sie haben nichts mehr zu verlieren, denn sie wissen, dass dies die letzte Schlacht ist. Sie werden nicht aufgeben, bis wir sie vernichtet haben. Wir werden ihnen in den Rücken fallen. Nutzt die Unruhe in ihren Reihen, aber konzentriert euch nicht aufs Töten, sondern macht sie handlungsunfähig. Es reicht, wenn sie sich nicht mehr wehren können, wir können sie nach der Schlacht töten. Arbeitet schnell und präzise, macht keine Fehler. Auch wenn sie schwere Verluste erlitten haben, sind sie uns immer noch zehn zu eins überlegen.“
Er klang ruhig, konzentriert und was er sagte entsprach der Wahrheit, was half über die innere Unruhe und die Anspannung hinweg zu täuschen, die in ihm herrschte. Sie kauften ihm seine Rede ab, sie nickten. Sie alle waren sich der Situation durchaus bewusst, der Plan war riskant. Eine Entscheidungsschlacht mit einem in vielerlei Hinsicht schwächeren, aber zahlenmäßig weit überlegenen Gegner zu fordern, war immer eine Gefahr. Selbst wenn alles nach Plan laufen würde, so würden sie ihre Kräfte schonen müssen, sonst würden die Pflanzenfresser diese Schlacht durch Zermürbung gewinnen. Es wäre kein Sieg im eigentlichen Sinne, denn die Verluste auf beiden Seiten wären verheerend, aber sie hätten trotzdem gewonnen. Der Sieg musste schnell und mit einem präzisen Schlag errungen werden.
Der Große Khan beobachtete seine Verbündeten mit Argus’ Augen, selbst wenn der Verrat an ihnen vollkommen nach Plan verlaufen würde, würde auch sein Clan aus dieser Schlacht geschwächt hervorgehen. Sie würden Verluste erleiden, das war unumgänglich. Sie würden aufpassen müssen, dass die Pflanzenfresser sie nach der Schlacht nicht einfach überrannten. Bereits jetzt war ihre Zahl nicht übermäßig hoch und am Ende des Tages würde sie noch geringer sein. Die Wenigen, die sie im Tempel zurückgelassen hatten, würden im Nachgang keinen signifikanten Widerstand leisten können, sollten sich die Pflanzenfresser dafür entscheiden, doch alle Fleischfresser zu vernichten. Es würde eine ganze Weile dauern, bis sie ihre Reihen wieder aufgefüllt hatten, im Gegensatz zu ihren Feinden, die es schon immer leichter gehabt hatten, ihre Verluste wieder wettzumachen. Insgeheim hoffte er, dass er diese Tatsache vor seinen „Verbündeten“, aber insbesondere auch vor seinen Feinden geheim halten konnte. Ihre einzige Chance, aus diesem Konflikt als wirkliche Sieger hervorzugehen, bestand darin, die Pflanzenfresser auch weiterhin in dem Glauben zu lassen, dass sie immer noch eine Bedrohung darstellten.
Während der Alpha und der König der Klingen weiter die Strategie der Schlacht diskutierten, warf er einen unauffälligen Blick zu ihnen hinüber.
Die Wölfe würden kein Problem sein, ihre Krieger waren kleiner, schwächer und nach der heutigen Schlacht würden kaum mehr welche übrig sein. Es würde ein Leichtes sein, sie jetzt zu besiegen und die Überreste nach dem Kampf aus dem Dschungel zu vertreiben. Die Jaguare waren da schon ein härteres Brot, Jaguare waren ausgezeichnete Einzelkämpfer und immer eine Gefahr. Selbst wenn sie es schafften, sie jetzt zu vertreiben, so war die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Jaguare zurückbleiben und allein durch den Dschungel streiften, immer noch sehr hoch. Sie würde über Jahre hinweg mit Guerilla-Aktionen rechnen.
Er wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als ein weiterer seiner Offiziere zu der Gruppe hinzu trat und nieder kniete.
„Mein Khan, die Pflanzenfresser sind auf dem Vormarsch.“
berichtete der Tiger mit gesenktem Haupt, woraufhin der Anführer der Tiger nickte und ihm seine Hand auf die Schulter legte.
„Gut, erhebe dich.“
befahl er leise und wandte sich an seine Verbündeten.
„Der Feind ist in Bewegung, es geht los. Wir sollten unsere Posten einnehmen. Gute Jagd.“
Seine Stimme war fest und sein Tonfall grimmig. Der Alpha und der König der Klingen nickten stumm und wandten sich zum Gehen. Die Tiger blieben am Kartentisch stehen und sahen zu, wie die anderen abzogen. Die Wölfe heulten ihre Befehle und sprinteten davon, um die Armee des Gegners abzufangen, während die Jaguare sich auf den Weg zum Hinterhalt machten. Am Ende blieben allein die gestreiften Krieger des Khans auf der Lichtung zurück und warteten auf die Befehle ihres Anfuhrers.
Der Große Khan wartete noch einen Moment länger, bevor er sich an seinen Offizier wandte.
„Sind die Truppen bereit?“
fragte er ruhig und ging ein letztes Mal an die Karte.
„Ja, mein Khan. Wir sind bereit.“
bestätigte der Offizier.
„Gut. Haben wir eine Rückmeldung von den Spähern, dass die Pflanzenfresser mitspielen?“
Die Stimme des Khan verriet nicht, wie angespannt er war, aber seine Haltung sprach Bände. Der Offizier bestätigte schweigend. Woraufhin der Große Khan grimmig vor sich hin lächelte.
*Dann lasst die Spiele beginnen ...*
…
Die Vorhut der Wölfe stellte die Armee der Pflanzenfresser am Fuße einer Anhöhe, wo die großen Krieger des Wasserbüffel im vollen Lauf aus dem Dikischt brachen und die erste Verteidigungslinie der Fleischfresser regelrecht niedertrampelten.
Angeführt von Gordito Torro selbst, glich ihr Angriff einem Rammbock, dessen schiere Wucht jeden Widerstand zunichte machte. Der Boden bebte unter ihren Hufen, während ihr ohrenbetäubendes Gebrüll den Wölfen in den Ohren dröhnte. Der Aufprall auf die Hauptstreitmacht der Wölfe, die gerade hinter der Vorhut eintraf, schleuderte einige der Wölfe mehrere Meter durch die Luft, andere wurden unter den Füßen der riesigen Krieger zerquetscht. Der Alpha, der mit seinen Kriegern am Ort des Geschehens ankam, hatte mit einer großen und starken Armee gerechnet, aber was er und seine Streitmacht vorfanden, war weit mehr als das. Es war eine unaufhaltsame Welle, die über sie hereinbrach.
Schnell wurde ihm bewusst, dass der Rückzug, den sie eigentlich nur andeuten sollten, um die Pflanzenfresser in eine Falle zu locken, alles andere als angedeutet sein würde. Die Wölfe, die es gewohnt waren, ihre Beute zu jagen, waren auf einmal die Gejagten. Während die Pflanzenfresser im vollen Lauf die Verfolgung aufnahmen, hetzten die Wölfe über die Ebene.
Eigentlich waren die Wölfe schnelle und ausdauernde Läufer, und eigentlich würden die Pflanzenfresser sie nie einholen können, aber der Plan sah vor, dass die Pflanzenfresser nicht zurückbleiben durften. Es war notwendig, dass die Gegner immer in Kontakt blieben, da sie sonst nicht an den Ort des Hinterhalts gelenkt werden konnten. Dies hatte zur Folge, dass die Wölfe, die nun die Nachhut bildeten, sich immer in Reichweite der Pflanzenfresser befanden und diese nutzten jede sich ihnen bietende Gelegenheit, um den Feind weiter zu dezimieren. Einer nach dem anderen fielen sie dem wütenden Mob zum Opfer.
Der Alpha, der beim Ansturm in der vordersten Reihe gestanden hatte, war dem Feind nun gefährlich nahe. Mehr als einmal hatte er das Gefühl, dass nach ihm gegriffen wurde, aber er schaffte es immer, seinen Häschern zu entwichen. Langsam kam ihm der Gedanke, dass der Plan vielleicht doch keine so gute Idee war, denn bisher hatten nur sie zahlreiche Verluste erlitten, während die Krieger des Stiers bisher noch nicht einen Gefallenen zu beklagen hatten und wenn diese Hetzjagd zu ihren Ungunsten noch viel länger andauerte, dann würden sie ihnen auch nichts mehr entgegenstellen können.
Es war wie eine Erlösung, als dann wenig später das Heulen eines seiner Krieger die nahende Schlucht ankündigte, die sie in den Talkessel führen würde, wo sie endlich Verstärkung bekommen würden. Der Alpha stimmte in das Heulen ein und trieb seine Krieger weiter an, sie hatten es fast geschafft und bald würde diese Schlacht geschlagen sein.
*Nur noch durch diese Engstelle ... wenn die Pflanzenfresser da drin sind ... *.
In der Tat erreichten seine ersten Krieger den Eingang zur Schlucht bereits kurze Zeit später. Sie eilten die Klamm, getrieben von dem Gedanken, diesem Krieg nun endlich ein Ende zu setzen und bemerkten selbst nicht, dass die Pflanzenfresser sich langsam zurückfallen ließen. Einzig der Alpha, dessen geschärfte Sinne ihm ein übers andere Mal das Leben gerettet hatten, bemerkte, dass etwas nicht stimmte, und als er sich wagte zurückzublicken, erkannte er, dass der Abstand zu seinen Verfolgern deutlich gewachsen war. Für einen Moment kamen Zweifel in ihm auf, aber er zwang sie beiseite, sie waren zu weit gekommen, um jetzt zu Zweifeln, wahrscheinlich ließ die Ausdauer des Feindes einen so langen Sprint nicht zu. Mit einem letzten Kraftakt folgte er seinen Kriegern in die Schlucht und machte sich bereit, wieder kehrt zu machen und den Kampf gegen die Pflanzenfresser wieder aufzunehmen.
Die Erkenntnis, dass er seinen Instinkten hätte trauen sollen, kam erst, als die Jaguare seinen Kriegern und nicht den Wasserbüffeln in die Flanke fielen. Die mächtigen Krieger des Königs der Klingen kamen über die steilen Seiten der Schlucht und griffen ohne jede Vorwarnung oder Zurückhaltung an. Noch ehe die Wölfe den Verrat ganz realisiert hatten, waren die Raubkatzen bereits mitten unter ihnen. Der Alpha, der den Verrat als das erkannte, was er war, konnte nichts mehr tun, um seinen Kriegern noch zu helfen. Die Falle hatte zugeschnappt und sie waren mittendrin.
Katzen waren seit jeher Lauerjäger. Ihre Strategie hatte immer darin bestanden einem Gegner aus einer überlegenen Position heraus aufzulauern und im entscheidenden Moment zuzuschlagen, weswegen der Plan des Khans so wunderbar auf sie zugeschnitten war. Die Jaguare hatten den Moment für den Hinterhalt genau abgepasst. Die ersten Wölfe waren gerade am anderen Ende der Schlucht angekommen, und die letzten Wölfe waren gerade dabei, die Schlucht zu betreten, als sie sich brüllend auf die Krieger des Alphas stürzten.
Obwohl die Wölfe ausdauernde Läufer und erfahrene Krieger waren, wurden sie von diesem Angriff so überrascht, dass kein koordinierter Gegenangriff der erschöpften Wölfe möglich war. Der Alpha heulte seine Befehle und verfluchte diese verräterischen Katzen. Er sah keine Tiger unter den Verrätern, aber es war ihm sofort klar, dass dies das Werk des Großen Khans sein musste.
Und so war sein letzter Schrei, bevor sich einer der Jaguare auf ihn stürzte:
„KKHHAAAAAAAN!“
Sein Schrei erlosch schnell, genauso wie sein Leben und als der Jaguar wieder aufstand, war sein Maul blutverschmiert und seine Krallen und Unterarme waren rot vom Lebenssaft des Alphas. Triumphierend brüllte der Jaguar seinen Sieg heraus, während um ihn herum noch immer die Schlacht wütete und sowohl Freund als auch Feind gleichermaßen fiel.
Während mitten in der Schlucht das Schicksal der Wölfe entschieden wurde, tauchten die Tiger aus dem Talkessel auf und trieben die restlichen Wölfe, die es bis zu ihrem Ende geschafft hatten, vor sich her, zurück in die Schlucht. Der Große Khan führte seine Krieger in den Kampf und so dauerte es nicht lange, bis er sein erstes Opfer fand und auch seine Klauen und Lippen mit dem Blut seiner ehemaligen Verbündeten benetzt waren.
Die Wölfe, ihres Anführers und jeglicher Fluchtmöglichkeit beraubt, gerieten in Unordnung und wurden schnell zwischen den Jaguaren und Tigern aufgerieben. Es war ein Gemetzel, schlicht und einfach. Die Verluste bei den Raubkatzen waren derweil gering. Auch der zweite Teil des Plans hatte hervorragend funktioniert, nun galt es den letzten Teil in die Tat umzusetzen.
Die Pflanzenfresser, die bisher vor der Schlucht geblieben waren und die Fleischfresser sich gegenseitig hatten umbringen lassen, begannen nun ihren Angriff. Mit einem ohrenbetäubenden Kriegsgeschrei stürmten die Krieger des Stiers nach vorne und ließen abermals die Erde unter ihre Hufen erbeben, als sie in die Schlucht strömten. Gordito Torro hatte sie angewiesen, keine Gefangenen zu machen. Alle Jaguare würden sterben, und wenn dabei der ein oder andere Tiger umkam, so war das eine Konsequenz, die der Stier nur zu gerne auf seine Schultern nahm.
Als der Lärm der herannahenden Wasserbüffel die Raubtiere erreichte, wandten sie sich der neuen Gefahr zu, und ganz im Sinne seines Plans befanden sich die letzten Verbündeten des Großen Khans, einschließlich ihres Anführers, zwischen seinen Kriegern und den Pflanzenfressern. Die letzte Schlacht musste geschlagen werden, koste es was es wollte, und so gingen die Krieger der Fleischfresser zum Gegenangriff über.
„Für den Khan …!“
brüllten die Tiger, und die Jaguare stimmten mit ein, als sie auf die Krieger des Stiers zu stürmten. Noch trunken vom kürzlichen Sieg über die Wölfe bemerkten die Krieger des Königs der Klingen nicht, wie die Tiger sich unmerklich zurückfallen ließen und erlaubten den Jaguaren so den ersten Angriff zu führen.
Es war, als ob ein unaufhaltsame Masse auf ein unbewegliches Objekt prallte. Der dumpfe Aufprall der Jaguare auf die deutlich größeren und schwereren Krieger des Stiers verlangsamte den Vormarsch der Pflanzenfresser nur für einen Moment, bevor die ersten Raubkatzen bereits durch die Schlucht geschleudert wurden, solche Wucht steckte hinter der unbändigen Wut der Wasserbüffel. Doch auch die Jaguare waren grausam effiziente Kämpfer und so ging der Angriff auch an ihnen nicht spurlos vorüber, denn die meisten Krieger an vorderster Front fielen bei dem Angriff, die übrigen erlitten schreckliche Wunden.
Einer dieser Krieger stach besonders hervor. Er war sogar noch größer als die anderen Büffel, die um ihn herum kämpften, und seine Arme waren wie Baumstämme. Seine Hörner waren mit Bändern umwickelt worden und er trug eine Kette um seinen Hals, an der eine kleine hölzerne Figur hing. Der Hammer, den er in seinen Händen hielt, war größer als die Brust eines Tigers, und wenn er ihn kreisen ließ, mähte er die Katzen vor sich nieder. Sein ständiges Gebrüll versetzte die anderen Krieger seines Stammes in Raserei und trieb sie dazu, ihre Schmerzen und Wunden zu ignorieren. Es war Gordito Torro, der Anführer der Wasserbüffel, der beste und stärkste unter ihnen und er war hier, um seine Krieger ein letztes Mal in die Schlacht zu führen.
Nachdem der erste Schlagabtausch beendet war, brachen die Schlachtreihen auf, jeder Kämpfer suchte sich seinen eigenen Gegner. Ein heilloses Durcheinander, in dem jeder gegen jeden kämpfte und niemand mehr den Überblick behielt. Die Schreie der Verwundeten vermischten sich mit den gebrüllten Befehlen der Offiziere, die verzweifelt versuchten, ihre Truppen zu koordinieren.
Mitten im Getümmel stand der König der Klingen und genoss das Gemetzel um sich herum. Er hatte gerade einem der Wasserbüffel die Kehle herausgerissen, als er den Schrei des Stiers hörte.
„DUUUU ... KOMM’ HER, ICH WERDE DICH IN DEN BODEN STAMPFEN, DU WURM!“
Er drehte sich um, und keine fünfzehn Schritte von ihm entfernt stand der Stier, blutüberströmt und wild schnaubend. Das Heft seines Hammer war im Laufe der Kämpfe auf halber Höhe zerbrochen und der Hammerkopf war auf einer Seite geborsten und mit dem Blut seiner Feinde getränkt. Der Anführer der Jaguare grinste in sich hinein.
„Endlich ein würdiger Gegner.“
murmelte er und ließ das blutige Stück Fleisch aus seinen Klauen fallen, bevor er langsam auf den Stier zuging. Den Anführer der Pflanzenfresser zu töten brachte enormen Prestige mit sich und würde die Schlacht augenblicklich zu ihren Gunsten drehen.
Der Stier, dessen ultimatives Ziel der Tod des Königs der Klingen war, hatte nur auf diese Gelegenheit gewartet. Schwer atmend ging auch er auf seinen Gegner zu. Langsam näherten sie sich einander, während um sie herum der Kampf tobte.
Es schien fast so, als ob sie sich in ihrem eigenen kleinen Mikrokosmos befänden, in dem es nur noch den König der Klingen und Gordito Torro gab, sonst gab es nichts mehr. Jede Ablenkung wurde von vornherein ausgeblendet, denn beide hatten nur noch Augen für den jeweils anderen.
Sie waren schon fast beieinander, als einer der Jaguare zwischen sie sprang und etwas über Khan brüllte, aber noch bevor der Krieger seinen Satz fertig aussprechen konnte, hatte der Stier ihm mit seinem Hammer den Schädel eingeschlagen. Niemand würde ihm die Befriedigung verwehren, denjenigen zur Strecke zu bringen, der für den Tod seiner einzigen Tochter verantwortlich war.
Er warf den tödlich verwundeten Jaguar mitsamt seinem Hammer zur Seite und stand nur wenige Schritte vom Anführer der Jaguare entfernt. Er hatte die Arme ausgestreckt und blutete aus einer Vielzahl kleiner, oberflächlicher Wunden. Sein Widersacher war selbst auch zum Angriff bereit, aber er zögerte. Das, was sein Krieger gerufen hatte, ergab einfach keinen Sinn, aber den Luxus, sich darüber Gedanken zu machen, ließ Gordito ihm nicht. Der mächtige Wasserbüffel stieß einen donnernden Schlachtruf aus und stürmte auf den deutlich kleineren Jaguar zu, bereit diesen Kampf ein und für alle Mal zu beenden.
Doch der Zusammenstoß, den der Stier erwartet hatte, fand nicht statt, die Raubkatze war eindeutig schneller und beweglicher als der viel größere, schwerere Krieger und wich jedem seiner schwerfälligen Angriffe mühelos aus. Jedes Mal, wenn er einer der Attacken auswich, verpasste er dem wütenden Büffel einen Schlag mit seinen krallenbewehrten Händen. Keine dieser Riposten allein würde einen Krieger wie Gordito Torro zu Fall bringen, aber mit jedem weiteren Angriff erhöhte sich deren Anzahl.
„Du wirst den Tod der tausend Schnitte sterben, Stier. Und wofür? Damit du mir deine Spezies auf dem Silbertablett servierst.“
verspottete der König der Klingen seinen Gegner und war sich seines Sieges bereits sicher. Ihm gegenüber spürte Gordito Torro in seiner Rage den Schmerz seiner Wunden nicht, aber er spürte sehr wohl den Blutverlust, der mit ihnen einherging. Ihm war schmerzlich bewusst, dass er den Jaguar schnell töten musste, sonst würde der Sieg an das Raubtier gehen. Er fühlte sich bereits ein wenig benommen, und seine Kräfte wurden mit jedem verstreichenden Augenblick schwächer. Gerade wollte er zu einer erneuten Attacke ansetzen, als ein weiterer Jaguar ihr Duell störte.
„Verrat, die Tiger haben uns verraten!“
Der schmerzerfüllte Schrei, ausgestoßen von einem seiner Krieger, ließ den Anführer der Jaguare für einen Moment zögern. Ungläubig riss er seine Augen in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war und sah, wie einer der seinen von einem ihrer Verbündeten niedergestreckt wurde.
*Also haben sie es doch getan...*
Schoss es dem König der Klingen durch den Kopf.
Das war die kleine Lücke, auf die der Stier gewartet hatte. Er nutzte seine Chance und rammte seinen massiven Arm in einem brutalen Schlag bis zum Ellbogen in die Magengrube seines Gegners. Die Reaktion seines Gegners kam nicht sofort, es war fast so, als müsse der Jaguar die neue Situation erst noch verarbeiten. Erst als der Stier seinen Arm ruckartig wieder zurückzog und dabei dessen Eingeweide mit herausriss, trafen sich ihre Blicke wieder. Der Anführer der Jaguare griff noch einmal nach dem Stier, aber dieser trat ihn einfach nieder.
Die Genugtuung, die der Stier empfand, als er seinen Widersacher auf dem aufgewühlten Boden des Schlachfeldes liegen sah und Zeuge davon wurde, wie das Licht in den Augen des stolzen Kriegers langsam erloschen, ließ sich kaum in Worte fassen.
In seinen letzten Momenten konnte der Jaguar sehen, wie der Große Khan blutüberströmt den leblosen Körper eines seiner Krieger hinter sich her schleppte und sich dem Stier näherte.
*Verraten...*
Dann wurde alles Schwarz.
Der Große Khan blieb ein paar Schritte vor dem Stier stehen und ließ den Kadaver seines letzten Opfers fallen. Schwer atmend standen sich die beiden Anführer der letzten Kriegsparteien gegenüber. Keiner war dem Anderen je direkt begegnet, sie hatten immer nur von einander gehört und die Untergebenen des jeweils anderen im Kampf bezwungen. Beide empfanden einen gewissen, fast instinktiven Respekt für ihr Gegenüber, einen Respekt, den sie nicht gegenüber anderen empfanden.
Die Versuchung, den Gegner jetzt zu töten, war bei beiden fast unwiderstehlich, dennoch wussten sie, dass wenn sie dieser Begierde jetzt nachgaben, dann würde der Krieg wahrscheinlich einfach weitergehen, bis keine der beiden Seiten mehr einen wirklichen Sieg davontragen würde. Der Frieden musste JETZT geschlossen werden.
Der Große Khan war der erste, der die Worte sprach.
„Kein Krieg mehr.“
Seine Stimme war leicht gepresst und sein Atem stank nach Kupfer, aber sein Blick war hart wie Stein. Gordito Torro antwortete mit:
„Kein Krieg mehr.“
Es war fast wie ein Eingeständnis einer Niederlage, aber er blieb standhaft gegenüber dem Raubtier. Dies war das Zeichen für den Großen Khan und er hob triumphierend seine Faust und brüllte, woraufhin seine Krieger von ihren Gegnern abließen und sich ihm anschlossen. Die wenigen Jaguare, die das Gemetzel überlebt hatten, nutzten ihre Chance und flohen Hals über Kopf.
Währenddessen versammelten sich die Krieger des Stiers hinter ihrem Anführer, unsicher, ob der Kampf wirklich vorbei war, oder ob es nur eine Finte war, um sie in Sicherheit zu wiegen, bevor der finale Angriff kam. Beide Parteien waren schwer von den Kämpfen gezeichnet, keiner der Krieger war unversehrt geblieben, wobei es nicht immer ersichtlich war, ob es das eigene Blut oder das des Feindes war, das Rüstungen und Fell besudelte.
Die Streitkräfte standen sich gegenüber, auf einem Schlachtfeld, dessen Boden von einem kurzen, aber heftigen Kampf aufgewühlt und mit Körpern und Blut übersättigt, unsicher ob und wenn ja, wie lange der Waffenstillstand halten würde. Jahre des Kriegs und uralte Instinkte ließen sich nicht einfach hinwegfegen und vergessen. Es dauerte mehrere quälende Minuten, aber bevor die Unruhe in ihren Reihen Überhand nahm, trat der Große Khan schließlich vor und präsentierte seinem Gegenüber eine blutige, krallenbewehrte Hand.
„Für den Frieden. Kein unnötiges Blutvergießen mehr.“
Nun, da er seinen Atem wieder beruhigt hatte und das Meiste des Blutes entweder ausgespuckt oder heruntergeschluckt hatte, wirkte der Tiger wieder völlig souverän und in seinem Element. Der Stier hingegen atmete schwer, er spürte seine Wunden und den Blutverlust, jede Bewegung und jeder Atemzug wurde einem Körper abgerungen, der sich einfach nur hinlegen und schlafen wollte, aber er wusste auch, dass er jetzt durchhalten musste.
Mit schweren Schritten trat er vor und nahm die Pranke des Tigers in seine riesige Hand. Sie verschwand regelrecht in der Faust des Stiers, dessen Händedruck einem Schraubstock glich, fest und unnachgiebig.
„Für den Frieden.“
knurrte er und drückte die Hand des Tigers so fest, dass dieser tatsächlich leicht die Miene verzog.
„Über das Blutvergießen werden wir später sprechen.“
fügte er eindringlich hinzu, bevor er die Hand des Großen Khans wieder aus seinem Griff löste. Der Große Khan nickte, während er unbewusst seine Hand rieb, bevor er sich zu seinen Kriegern umwandte, beide Arme in die Höhe riss und den versammelten Tigern zurief:
„Frieden…!“
woraufhin seine Krieger in Jubel ausbrachen. Den Moment genießend, auf den sie nun so lange hingearbeitet und für den sie die anderen Fleischfresser verraten und getötet hatten, blickte der Anführer der Tiger zufrieden über seine feiernden Krieger. Als er sich schließlich wieder umdrehte, war der Stier bereits in den Reihen seiner Krieger verschwunden, und an seiner Stelle stand ein Tapir, dessen kümmerliche Rüstung zerfetzt war und dessen Körper zahlreiche oberflächliche Wunden zierten.
„Der Stier zieht sich zurück. Dringende Angelegenheiten warten auf seine Aufmerksamkeit. Wir gehen davon aus, dass ihr euch um die verbleibenden Fleischfresser kümmern werdet.“
Es war eine Aufforderung, keine Frage oder Bitte, die der deutlich kleinere Krieger trocken, aber nicht ohne Respekt vortrug, während er sich unsicher umsah.
„Genug Fleisch, um euch für die nächsten Tage zu versorgen, sollte jetzt vorhanden sein.“
fuhr der Stellvertreter der Pflanzenfresser fort und als der Große Khan ihm nicht sofort widersprach, schien er selbstsicherer zu werden.
“Auch wenn wir den Frieden akzeptiert haben, wird es noch einigen Verhandlungsbedarf geben. Wir gehen davon aus, dass ihr euch bei uns melden werdet. Schließlich wollt ihr doch euren kleinen Spion zurückhaben, nicht wahr?“
Beim letzten Satz des Tapirs weiteten sich für einen kurzen Moment die Pupillen des Großen Khans und seine Lippen zuckten, aber dann war es wieder vorbei. Dann lächelte er leicht und nickte. Als er schließlich antwortete, strotze seine Stimme vor gespieltem Wohlwollen.
„In der Tat. Wir werden die letzten Wölfe, Jaguare und was sich sonst noch im Dschungel herumtreibt, verjagen. Auch Nahrung wird in den nächsten Tagen kein Problem sein. Was das weitere Vorgehen und die Versorgung mit Lebensmitteln angeht, werden wir uns natürlich bei euch melden. Seid sicher, ihr werdet es erfahren, wenn wir hungrig sind.“
Beim letzten Satz ließ der Große Khan seine blutverschmierten Zähne aufblitzen und genoss die Panik in den Augen des Tapirs, dann beugte er sich nach vorne, näher an sein Gegenüber und als er fortfuhr, senkte er seine Stimme zu einem eindringlichen Flüstern, das dem Stellvertreter einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen ließ.
„Was den kleinen Spion angeht, dem du diesen Frieden verdankst. Wenn auch nur ein einziges Haar auf ihrem Kopf gekrümmt wurde, bete, dass die Ahnen deiner Seele gnädig sind, denn meine Krieger und ich werden es nicht sein.“
Mit diesen Worten ließ der Große Khan den Tapir stehen, wandte sich ab und ging langsam zu seinen Kriegern, die im Moment noch ihren Sieg feierten.
Die nächsten Tage sollten große Veränderungen bringen.
In der Tat brachten die nächsten Tage einige Veränderungen mit sich, die das Gesicht des Dschungels auf lange Sicht verändern sollten.
Die Folgen der Entscheidungsschlacht zeigten sich bei allen beteiligten Fraktionen. Die Tiger hatten sich nach der Schlacht in ihren Tempel zurückgezogen und nach einer kurzen Verschnaufpause begannen sie ihre Jagd auf die restlichen Fleischfresser, die sich noch im Dschungel aufhielten. Sie gingen dabei mit einer Brutalität vor, die es so vorher noch nie gegeben hatte, während sie die letzten Lager der Wölfe und Jaguare dem Erdboden gleich machten.
Wer nicht vorher floh, wurde gnadenlos gejagt und zur Strecke gebracht. Das Morden dauerte Tage an, bis die Tiger auch den letzten Jaguar erlegt und seine Überreste als Warnung für die anderen an der Grenze ihres Territoriums zur Schau gestellt hatten.
Im größten Lager der Pflanzenfresser ging es dagegen deutlich ruhiger zu.
Die Überlebenden der Schlacht waren nach Hause gekommen und hatten berichtet, dass die Tiger sich tatsächlich an die Abmachung halten wollten und dass der Krieg vorbei sei, doch anstelle des erwarteten Jubels, trat eine ruhige Akzeptanz. Man würde zuerst die Verletzten versorgen und der Toten gedenken, die in einem völlig sinnlosen Krieg ihr Leben gelassen hatten.
Pequeña Franja saß derweil in einer Zelle und wartete darauf, dass man sie rief. Die Pflanzenfresser hatten sie nach ihrer Unterredung mit Gordito Torro hierher gebracht und eingesperrt. Es war nicht so, dass sie nicht jederzeit aus ihr hätte ausbrechen können, es würde in diesem Lager nichts geben, was sie auch nur einen Moment aufhalten könnte ... außer vielleicht ...
Doch bevor sie diesen Gedanken zu Ende führen konnte, erschien ein Schatten vor der Tür ihrer Zelle und erregte ihre Aufmerksamkeit. Es war noch zu früh für ihre Mahlzeit, wobei man den Fraß, den sie ihr servierten, nur schwerlich als Mahlzeit bezeichnen konnte. Es musste also einen anderen Grund für ihren Besuch geben.
Sie hatte mitbekommen, dass die Armee nach der Schlacht wieder zurückgekehrt war, und dass die Verluste erheblich gewesen waren. Vielleicht war der Stier umgekommen und nun hatte man keine Verwendung mehr für sie. Eine Attentäterin des Feindes würde man nicht einfach laufen lassen, man würde das Problem aus der Welt schaffen. Sie würde nicht auf ihre Henker warten, so viel war sicher.
Sie stand langsam und absolut lautlos auf und zog sich in eine der Ecken zurück. In der Zelle war es ziemlich dunkel und so verschmolz sie mit den tiefen Schatten in der Ecke. Sie blieb vollkommen entspannt und wartete darauf, dass die Person vor der Tür das Schloss öffnete.
Der Riegel wurde zurückgezogen und die Tür schwang nach innen auf. Im Lichtschein, der von draußen herein fiel, stand eine junge Tapirin. Sie wirkte unsicher, trug normale Kleidung, war unbewaffnet und trug einen Krug vor der Brust. Nach einem Moment der Stille erklang ihre Stimme.
„Kleiner Streifen?“
Es war ein leichtes Zittern in ihrer Stimme zu hören. Pequeña Franja rührte sich nicht und wartete erst einmal ab. Als sie keine Antwort bekam, betrat ihre Besucherin vorsichtig die Zelle und sah sich um.
„Kleiner Streifen?“
Sie wiederholte die Frage, wobei nun auch eine gewisse Besorgnis in ihrer jungen Stimme mitschwang. Sie war nun fast bis in die Mitte der Zelle gekommen und sah sich noch einmal nach der Gefangenen um, konnte die kleine Tigerin aber nirgends sehen. Pequeña Franja löste sich derweil lautlos aus den Schatten und trat hinter die Tapirin. Sie konnte den aufgeregten Herzschlag der Pflanzenfresserin in ihrer Halsschlagader pulsieren sehen und hob ihre krallenbewehrte Hand zum tödlichen Schlag, als …
„Gordito Torro hat mich geschickt. Er sagte, es sei an der Zeit, dein Versprechen einzulösen.“
Augenblicklich stockte Pequeña Franja und ihre Augen weiteten sich, ihre Hand zuckte zurück. Ihre Gedanken rasten und sie zögerte unsicher, doch schließlich, kurz bevor sich die Tapirin umdrehte, legte sie ihr die Hand auf die Schulter. Erschrocken zuckte ihre Besucherin zusammen und ließ das Gefäß in ihren Händen fallen. Das dumpfe Klirren in dem sonst so ruhigen Raum war erschreckend laut. Die Tapirin drehte sich um und stolperte zurück gegen die Koje, die die Rückwand der kleinen Zelle beherrschte, aber noch bevor sie schreien konnte, legte die Attentäterin sanft einen Finger an ihre Lippen und sah ihr tief in die Augen, aus denen die schiere Panik sprach. Pequeña Franja schüttelte ganz langsam den Kopf, ohne je den Augenkontakt mit ihrem Gegenüber abreißen zu lassen und legte dann ebenfalls einen Finger auf ihre eigenen Lippen.
„Schhhh ...“
Die Augen der jungen Pflanzenfresserin waren weit aufgerissen und ihr Atem ging in schnellen, unregelmäßigen Stößen, sie war so verkrampft, dass sie am ganzen Körper unkontrolliert zitterte, aber sie gab keinen Laut von sich. Dann hörte die Attentäterin das Geräusch und schnupperte in der Luft, schloss kurz die Augen und sah schließlich zu Boden. Sie ließ ihre Schultern sinken und nahm den Finger von den Lippen ihrer Besucherin und als sie wieder zu ihr aufblickte, war ihr Blick voller Mitgefühl. Langsam richtete sie sich wieder auf und trat einen Schritt zurück, um der, sich rasch ausbreitenden, Pfütze auszuweichen. Noch immer hielt sie den Blickkontakt zu ihrem vermeintlichen Opfer aufrecht, aber ihre Ohren zuckten und ein Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus, bevor sie sich wieder in die Schatten zurückzog. Nur die schwache Reflektion des Lichtscheins in ihren Pupillen war noch zu sehen, bevor auch dieser verschwand. Der Mund der Tapirin klappte auf, dann erschien einer der riesigen Wasserbüffelkrieger in der Tür.
„Was ist hier los?“
fragte er mit lauter und ungestümer Stimme, während er seinen Streitkolben umklammerte. Seine Augen zuckten in der Zelle hin und her, bevor er die junge Pflanzenfresserin auf dem Boden vor der Koje kauern sah. Die Zornesröte stieg in seine Wangen bevor er sie anblaffte:
„Lima, wo ist der Gefangene?“
Ihre Augen waren noch immer weit aufgerissen und panisch sah sie sich um, während der Krieger genervt ausschnaubte. Zitternd hob Lima schließlich die Hand und deutete auf die Schatten neben dem Wasserbüffel. Doch bevor der Krieger auch nur reagieren konnte, spürte er eine samtweiche Hand, die auf seiner eigenen, gegerbten Hand ruhte. Sie war schwarz wie die Nacht und ihre Berührung war so sanft, dass er sie zuerst gar nicht bemerkt hatte. Die Attentäterin bewegte sich absolut lautlos und so fließend, dass er sie eine Moment lang für eine Illusion hielt, bis sie ihn anlächelte und ihre Reißzähne im Halbdunkel seines eigenen Schattens aufblitzten.
„Du machst mir keine Angst.“
knurrte der Krieger kalt und blickte auf die kleine Tigerin herab, die ihm so gerade bis zur Brust reichte. Ihr Grinsen wurde breiter und sie legte den Kopf schief, so als wollte sie ihm sagen: “Ach, wirklich?”, dann zog sie ganz langsam ihre Hand von der seinen und brachte sie hinter ihren Rücken. Für einen Moment lang passierte gar nichts und der Krieger fühlte sich in seiner Haltung der bösen und gefährlichen Meuchelmörderin gegenüber bestätigt, aber dann spaltete sich seine Haut genau dort, wo sie zuvor ihre rasiermesserscharfen Krallen entlang gezogen hatte. Es tat nicht einmal weh. Seine Haut teilte sich einfach nur und fing an zu bluten. Er betrachtete die vier schmalen Risse in seiner dicken Haut, auf der einen Seite beeindruckt, dass sie es fertig gebracht hatte, seine Haut so präzise zu ritzen, ohne dass er es bemerkt hatte, auf der anderen Seite belustigt darüber, dass sie anscheinend glaubte, es würde ihn beeinträchtigen oder gar verängstigen. Er lächelte verschmitzt.
„Jetzt hör auf mit deinen Spielchen, der Stier erwartet dich.“
brummte er schließlich, wobei seine Stimme diesen väterlich genervten Ton annahm, den man benutzte, um unhöhrige Kinder wieder in Griff zu bekommen. Pequeña Franja behielt derweil ihr Lächeln bei, zog eine Augenbraue hoch und sah betont auf seine Hand. Ihrem Hinweis folgend sah er auch noch einmal auf die angeritzte Hand und bemerkte, dass die Blutung mit der Zeit immer stärker wurde und seine Augen weiteten sich. Langsam dämmerte ihm, dass diese Wunden wahrscheinlich doch nicht nur einfache Kratzer waren, sondern vielleicht doch ordentlich versorgt werden mussten. Zornig wandte er sich wieder an Lima, die noch immer vor dem einfachen Bett kauerte und hektisch zwischen der Tigerin und der Wache hin und her blickte.
„Verdammt, Lima, reiß dich zusammen, bring dieses Biest zu Gordito Torro, ich muss zum Heiler, das hört nicht auf zu bluten.“
grunzte der Krieger und drückte mit seiner anderen Hand auf die Wunden, bevor er sich an Pequeña vorbei drückte und schnell entfernte. Die kleine Attentäterin sah dem Wasserbüffel hinterher und verbeugte sich tief, bevor sie sich mit einem Lächeln, das ihre Zähne zeigte und die Tapirin unruhig werden ließ, wieder zu ihr umdrehte. Das Lächeln, das auf den ersten Blick herzlich und wohlwollend wirkte, war umso verunsichernder, wenn man wusste zu was die kleine schwarze Raubkatze fähig war, und nun beugte sie sich zu Lima vor und streckte ihr nonchalante dieselbe Hand entgegen, mit der sie eben gerade einen Krieger der Wasserbüffel verletzt hatte. Die jungen Tapirin behielt jedoch demonstrativ ihre Hände bei sich, während sie sich mühsam auf rappelte und für einen Moment vor dem Bett stehen. Pequeña Franja schaute auf ihre Hand, dann auf Lima und schließlich wieder auf ihre Hand, bevor sie sie grinsend wieder zurückzog und langsam den Kopf zur Seite legte.
Als sich ihr Gegenüber dann jedoch nicht bewegte, trat sie einen Schritt von der Tür weg und gab damit den Weg nach draußen frei. Nun da ihr Fluchtweg offen war, drückte sich die junge Tapirin schnell an Pequeña Franja vorbei und als sie endlich auf dem Gang vor der Zelle stand, atmete sie hörbar auf. Das leise Geräusch aus dem Verließ, das einem Kichern gleichkam, hörte sie nicht. Es dauerte einen weiteren Augenblick, bevor die kleine, schwarzpelzige Tigerin auch aus dem dunklen Raum trat und mehrmals blinzelte, bis sich ihre Augen an das helle Tageslicht gewöhnt hatten. Sie blieb mitten auf dem Gang stehen, schloss die Augen und genoss das Gefühl der Sonne auf ihrem Fell. Lima, die einige Schritte abseits stand, beobachtete sie und wartete verwirrt.
Wie konnte eine Attentäterin, die dafür bekannt war, keinerlei Gewissen oder Skrupel zu haben, so in der Sonne stehen und das Leben genießen?
Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, öffnete Pequeña ihre Augen wieder und sah zu Lima hinüber. Sie deutete mit der Hand auf den Weg, der zwischen den Hütten den Hang hinauf und zur Behausung des Stiers führte. Die junge Tapirin, die als ihre Führerin auserkoren worden war, folgte mit ihrem Blick dem Fingerzeig der Tigerin und nickte leicht, woraufhin diese eine einladende Geste machte und sich leicht vor ihr verbeugte.
Lima schluckte, aber der Kloß in ihrem Hals wollte nicht so recht herunterrutschen. Als sich ihr Gegenüber aber nicht weiter rührte, fasste sie sich endlich ein Herz und ging an ihr vorbei und den Pfad entlang, der sie schließlich zu ihrem Ziel führen würde. Die Attentäterin folgte ihr, schweigend wie immer und mit einem breiten Lächeln auf den Lippen.
Während sie durch das Lager der Pflanzenfresser gingen, wich jeder, der sie sah, einen oder zwei Schritte zurück. Kinder wurden in die Häuser geschleppt, und die Türen wurden geschlossen. Es war ein Fest für Pequeña, dass sie eine solche Panik unter den Pflanzenfressern verbreiten konnte, ohne sich auch nur anzustrengen.
Das Lager der Pflanzenfresser war groß und selbst nach den schlimmen Verlusten der letzten Schlachten lebten in dieser einen Siedlung wahrscheinlich mehr von ihnen als es jemals Fleischfresser im Dschungel gegeben hatte. Die schiere Vielfalt an Spezies und deren verschiedene Kulturen kämpften hier auf engstem Raum um Platz und Geltung. Gerne wäre sie noch viele Stunden durch die Siedlung geschlichen, um sich alles anzusehen, aber sie hatte eine Verabredung. Eine Verabredung, die sie nicht sausen lassen konnte. Sie hatte es versprochen, sie hatte es ihm versprochen.
Als sie schließlich am Fuß der Treppe standen, die den steilen Hang hinauf zur Hütte von Gordito Torro führte, blickte sie die steilen Stufen hinauf und ganz langsam verschwand ihr Lächeln. Ein Lächeln, das ihre Lippen seit dem Moment geschmückt hatte, als sie erfahren hatte, dass es an der Zeit war, ihr Versprechen einzulösen. Lima bekam von dieser Wandlung nichts mit, sie war die ganze Zeit steif vor ihrer „Gefangenen“ hergelaufen, zu angespannt, zu aufgeregt, um sich nach ihr umzusehen.
Jetzt stiegen sie den letzten Teil des Weges hinauf zum Stier, hinauf zu der Stelle, an der sie ein Versprechen einlösen würde, das sie vor wenigen Tagen gegeben hatte und das sie gedachte zu halten. Als sie schließlich die letzten Stufen erklommen, hatte sich Pequeñas Gesichtsausdruck versteinert und ihre Ohren waren komplett nach hinten gelegt. Ihre ganze Haltung und Aura hatte sich im Vergleich zu vorher völlig verändert.
Am Fuße der Treppe hatte sie wie ein kleines Kind auf dem Weg zu einer Geburtstagsparty ausgesehen, jetzt sah sie aus wie die Verkörperung des Todes, die sie war. Als Lima sich auf dem Treppenabsatz herumdrehte, um ihr zu sagen, dass sie angekommen waren, verstummte sie augenblicklich und verschluckte fast ihre Zunge.
Vor ihr stand kein Tiger mehr, das Wesen, das nun vor ihr stand, strahlte eine Kälte aus, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ, dessen Blicke töten konnten und dessen bloße Anwesenheit die anderen im Raum um Jahre altern ließ. Sie sah die Tapirin direkt vor ihr nicht an, sie sah durch sie hindurch, ihre Augen stur auf ihr Ziel gerichtet, trat Pequeña einfach vor und Lima, die willens nicht in der Lage war, sich zu bewegen, tat es trotzdem, da ihr Körper instinktiv der Gefahr vor ihr ausweichen wollte.
Als Pequeña Franja die Gemächer von Gordito Torro betrat und die Tür hinter sich verriegelte, fand sie sich im altbekannten Halbdunkel wieder. Die Läden vor den Fenstern waren geschlossen worden und es herrschte eine angespannte Stille. Das einzige Geräusch, das die Ruhe des Raumes zu durchdringen vermochte, war der rasselnde Atem seines Bewohners. Der Stier lag auf seinem Bett und sein ganzer Körper war mit Verbänden bedeckt. Die kleine Tigerin musste keine Attentäterin oder Heilerin sein, um bereit von der Tür aus zu sehen, dass der mächtige Anführer der Wasserbüffel dem Tod näher war als dem Leben.
Die vielen Verletzungen, die er im Kampf erlitten hatte, waren selbst für einen Krieger wie ihn zu viel. Es war offensichtlich, dass der Bulle diesen, seinen letzten Kampf verlieren würde. Ihre Augen verengten sich bei dem Gedanken, ihr Versprechen vielleicht nicht mehr einlösen zu können, aber sie gab sich dennoch einen Ruck und kam auf lautlosen Pfoten näher. Seine Untergebenen hatten die Trümmer seiner Einrichtung zwischenzeitlich entfernt, und so stand nur der riesige Thron des Stiers zwischen ihr und seinem Bett. Sie ließ ihre Hand über das glatt polierte Holz streichen, als sie den Amtssitz des Anführers umrundete und schließlich vor seinem Bett stand.
Sie war nicht viel mehr als ein Schatten, als sie neben dem Koloss stand und als er sie endlich wahrnahm, drehte er seinen Kopf schwerfällig zu ihr. Er lächelte nur schwach, aber es erreichte seine Augen.
„Kleiner Streifen … bist du gekommen, um dein Versprechen einzulösen?“
Seine einst so feste Stimme, die selbst bei einem Flüstern ein Volumen hatte, das Banketthallen hätte füllen können, war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Pequeña Franja rührte sich nicht. Sie blickte aus halb geschlossenen Augen auf den Stier herab, der völlig hilflos vor ihr lag.
„Ja, ich hatte mir die Einlösung deines Versprechens auch anders vorgestellt ... es sollte ein letzter glorreicher Kampf werden ...“
Seine Worte waren ein heiseres Flüstern, die von flachen Atemzügen unterbrochen wurden. Sie nickte knapp, so hatte er es sich von ihr gewünscht, als er sich mit dem Plan des Khans einverstanden erklärt hatte.
„Die Jaguare haben mir mein Kind genommen. Meine Zukunft. In einem Dschungel ohne Krieg, ist kein Platz für einen alten Krieger, der einem Feind seine Taten nicht verzeihen kann. Wenn dass alles hier vorbei ist, dann wirst du mich in einem fairen Kampf messen, und du wirst mich zu meiner Tochter schicken. Versprich mir das!“
Das waren seine Worte gewesen. Der Tod eines Kriegers, nicht der eines Feiglings, der einem Frieden zugestimmt hatte, der keiner war.
Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen, als den letzten Schritt näher kam und wie bei ihrem ersten Treffen ihre kleine, zierliche Hand auf seine breite Brust legte.
„Sie wiegt schwer, die Verantwortung in deiner Hand. Ich kann es spüren.“
flüsterte er und schloss die Augen. Sein Atem rasselte bei jedem seiner flachen Züge und sie konnte seinen Herzschlag unter ihrer Hand spüren, er war bereits sehr langsam und schwach. Sein Körper hatte schon akzeptiert, was sein Geist noch nicht wahrhaben wollte.
Vorsichtig nahm sie seine Hand und legte sie, wie schon vor ein paar Tagen, auf ihre Brust. So konnte er auch ihren Herzschlag spüren, der im Gegensatz zu seinem stark und regelmäßig war. Sie ließ seine Hand eine Zeit lang auf ihrer Brust, es gab keinen Grund zur Eile, nicht mehr. Es würde hier enden, auf die eine oder eine andere Art. Als er die Augen nach einer kleinen Weile wieder öffnete, war ein wenig Kraft in seinen Blick zurückgekehrt.
„Lass es nicht so enden. Tu das, weswegen du gekommen bist. Was du mir versprochen hast.“
Auch wenn seine Stimme nicht die Kraft hatte, seinen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen, den sie sich gewünscht hätte, so war sie trotzdem bereit, ihr Versprechen einzulösen. Sie nickte leicht und beugte sich langsam zu ihm hinunter und küsste ihn sanft auf die Stirn. Als sie sich wieder aufrichtete, nahm sie seine große, schwere Hand von ihrer Brust und legte sie vorsichtig neben ihm ab. Der Stier schloss seine Augen, atmete ein letztes Mal tief durch, entspannte sich und reckte seinen Hals.
Ihre Bewegung war so schnell, dass es fast unmöglich war, sie zu sehen.
Pequeña drehte sich um und machte den ersten Schritt weg vom Bett, bevor es passierte. Tränen sammelten sich in ihren Augen, als sich die Wunden am Hals des Stiers öffneten und die Blutfontäne die Wände und die Decke hinter ihr rot färbte. Es gab keinen Kampf, kein Zucken, kein letztes Aufbäumen. Der Körper des Stiers, des Anführers der Pflanzenfresser, erschlaffte einfach und mit dem letzten Hauch entwich auch das Leben aus Gordito Torro.
Sie umrundete den Thron erneut, aber getraute sich nicht mehr, ihn zu berühren. Ihre Schritte, klein, wohlbedacht und so lautlos wie immer, trugen sie durch den kleinen Raum, der auf einmal so eng wirkte, und während sie sich der Tür näherte, sah sie sich noch einmal um.
Als sie die Gemächer des Stiers verließ, waren ihre Tränen schon wieder verschwunden, aber im grellen Sonnenlicht, das so gar nicht zu dem passte, was sie gerade getan hatte, musste sie trotzdem ihre Augen zusammenkneifen.
Sie ging wortlos an Lima vorbei, die noch immer wie versteinert auf dem Treppenabsatz stand.
Irgendwo zwischen den Hütten verschmolz sie wieder mit den Schatten und verschwand einfach.
Der Schrei der jungen Tapirin, als sie den Stier fand, hallte noch lange durch das Lager.
...
Es dauerte noch einige Tage, bis endlich wieder Ruhe in den Dschungel einkehrte und eine gewisse Normalität in das Leben der Überlebenden einzog, aber nichts war mehr so, wie es einmal gewesen war. Alles hatte sich in den letzten Tagen und Wochen verändert. Nicht nur die Anzahl der Fleischfresser hatte sich durch den Verrat der Tiger deutlich verringert, sondern auch die Artenvielfalt insgesamt. Der Krieg hatte im laufe der Jahre einige Arten in die völlig Ausrottung getrieben, andere waren diesem Schicksal zwar entkommen, hatten sich aber aus diesem Abschnitt des Dschungels zurückgezogen.
Auch der Dschungel selbst hatte unter den heftigen Kämpfen gelitten und weite Gebiete des einst undurchdringlichen Dickichts waren völlig verwüstet worden. Die Natur würde lange Jahre brauchen, um die angerichteten Schäden wieder zu beheben und manche Landstriche würden wahrscheinlich dauerhaft verändert bleiben.
Keine der überlebenden Spezies konnte vorhersehen, welche langfristigen Veränderungen und Probleme dies mit sich bringen würde. Allerdings kümmerte das tatsächlich auch niemanden. Für den Moment war das einzige, was für die meisten unter ihnen zählte, dass sie den Krieg überlebt und beendet hatten, alles andere würde zu einem späteren Zeitpunkt in Augenschein genommen werden.
Als die Boten des Großen Khans schließlich in den Lagern der Pflanzenfresser eintrafen und siene Aufforderung überbrachten, an einem Treffen im Tempel der Tiger teilzunehmen, waren die meisten Pflanzenfresser skeptisch.
Die Tiger waren die letzten verbliebenen Fleischfresser, sie waren es gewesen, die den Waffenstillstand angeboten, den Plan zur Vertreibung der anderen Fleischfresser ausgearbeitet und damit den Krieg beendet hatten.
Technisch gesehen hatten sie den Krieg nicht gewonnen, aber wenn sie ihn nicht beendet hätten, hätten die Pflanzenfresser ihn mit Sicherheit verloren.
Nun, da Gordito Torro, der nominelle Anführer der Pflanzenfresser, tot war, herrschte wieder Uneinigkeit unter den Pflanzenfressern. Der Krieg war vorbei, es gab keinen Grund mehr, den gemeinsamen Feind auch gemeinsam zu bekämpfen. Die anderen Pflanzenfresser waren nun wieder Konkurrenten, wenn es um die besten Futterplätze und die besten Gebiete zur Aufzucht ihrer Nachkommen ging.
Der Große Khan wusste dies und nutzte es zu seinem Vorteil, als er ihnen „seine“ Bedingungen für einen dauerhaften Frieden unterbreitete. Alles im Namen ...
des höheren Wohls.
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