Flora Lightningfate Der Feldzug 5
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Flora Lightningfate: Der Feldzug 5
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Autor: Gendori Kabashi
20.08.2016 – 14.01.2017
Vorwort
Hallo werter Leser,
Was bisher geschah.
Floras Feldzug gegen Klaus und Karem, die nun Klara und Karla genannt werden, neigt sich dem Ende zu. Nach der Behandlung durch Dr. van Furr in einer neuen Form und mit neuem Wissen ausgestattet, ist noch ein Schritt notwendig, um sie ihrer finalen Bestimmung zuzuführen. Erst jetzt startet wahrhaftig Floras persönlicher Feldzug.
Diese Geschichte verdankt ihr Unicron Regenbogen. Ihm habt ihr Flora zu verdanken. Die Thematik ist dieses mal … ach lest doch selber! ^^
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Floras Feldzug
Flora stürzte in die Dunkelheit. Jedes mal war es dasselbe. Der Sturz des Geistes in die Virtuelle Welt, die Bilder die an ihr vorbeirauschten, alte Erinnerungen von Holger und Flora und auch neuere Erfahrungen von ihr selber. Eine außergewöhnliche Erfahrung, schließlich verging das Gefühl des Stürzens und die Welt um Sie herum baute sich auf. Punkte erschienen um sie herum. Die Punkte verbanden sich zu Linien und durchkreuzten sich, bildeten Flächen und bekamen Struktur. Farben und Licht erhellten ihre Umgebung. Flora erkannte die Architektur, es war japanisch, spätes siebzehntes oder frühes achtzehntes Jahrhundert. Es war ein Schrein der sich um sie herum aufbaute, derselbe Schrein, wie bei ihrem ersten Aufenthalt in der virtuellen Welt. Da war sie noch in der Gestalt von Holger gewesen. Flora sah an sich herab, denn etwas fühlte sich seltsam, ungewohnt an. Sie erkannte schnell was so anders war. Sie stand auf zwei Beinen, ihr vierbeiniger Fuchskörper war verschwunden, sie war nun ein Zweibeiner. Und der Boden war sehr viel weiter weg, sie musste größer sein, als in der realen Welt, viel größer. Ein Spiegel, sie brauchte einen Spiegel!
„Spieglein, Spieglein an der Wand!“ es waren die ersten Worte, die ihr einfielen.
Es gab keinen Knall, kein Rauchwölkchen und auch keinen Blitz. Der gewünschte Spiegel war einfach „da“, wie aus dem nichts erschien vor ihr ein mannshoher Spiegel. Es war ein riesiges Möbelstück mit einem massiven bronzenen Rahmen, der mit Jagdszenen verziert war. Sie betrachtete eingehend Ihr Spiegelbild und nahm jedes Detail in sich auf. Sie war immer noch eine blaue Füchsin, allerdings um einiges Größer als in ihrer taurischen Form, größer noch als Dr van Furr schätzte sie. Ihr Gesicht war viel kantiger, ihre Schnauze spitzer, das Gebiss zeigte eindrucksvolle Beißerchen. Ihre verschiedenfarbigen Augen blitzten und glänzten, ihr dickes schwarzes Haar war zu einem Zopf geflochten und reichte nun bis an ihre ausladenden Hüften. Kräftige, lange, endlos lange Beine, die in kräftigen Pfoten endeten. Ausgesprochen weibliche Kurven und Titten. Donner was für Melonen sie hier hatte. Sie konnte nicht anders, sie hob ihre Brüste an und ließ sie fallen. Die Melonen, die einem Pornosternchen alle Ehre machen würden, wabbelten und wogten wie Wackelpudding und kamen schließlich zur Ruhe. Sie war ganz und gar wie ein japanischer Fuchsgeist, eine Kitsune gebaut, so wie man sie aus Mangas kannte, und damit meinte sie nicht die Mangas für Kinder, sondern die der schmutzigeren Sorte, Ecchi Mangas. Und sie war splitterfasernackt, wenn man von ihrem Fell mal absah. Sie fühlte sich etwas unbehaglich,, besonders wenn man den heiligen Ort bedachte, an dem sie sich befand. Eine angemessene Kleidung für den Schrein fehlte noch, Flora wollte nicht unbekleidet hier verbleiben, auch wenn es nur ein virtuelles Bild war, so war es immerhin ein heiliger Ort. Sie schloss die Augen um ihre Kleidung zu visualisieren, so wie es ihr Karolus erklärt hatte, und als diese wieder aufmachte, trug sie die Robe einer Miko. Ein weißes Oberteil mit weiten langen Ärmeln und ein langer roter Rock Ihre fünf Schwänze hatten dank einer Öffnung im Rock genügend Freiraum und an ihren Pfoten trug sie weiße Socken.
„Wundervoll!“
Flora lachte und drehte sich um die eigene Achse.
„Sieh mal einer an, wen haben wir denn hier?“
Flora erstarrte in ihrer Bewegung, diese Stimme, die Stimme war ihr bekannt. War es doch viele Jahre ihre eigene gewesen.
„Holger?“
Sie sah in die Richtung, aus der die Stimme kam und aus der Dunkelheit trat ihr ein junger Mann entgegen. Der Mann trug die Robe eines Shinto-Priesters. Es war tatsächlich Holger und neben ihm stand eine Frau, die auch wie Flora als Miko eingekleidet war. Diese Miko war ohne jeden Zweifel auch Holger, Flora korrigierte sich, das war Flora. Holgers weibliche Seite, die Frau, die das Bindeglied zwischen Holger dem Mann und ihr selber, Flora der Kitsune, bildete. Vergangenheit und Gegenwart. Diese menschliche Flora, sah wie die idealisierte weibliche Form Holgers aus, wie seine Zwillingsschwester, ihre ältere Schwester.
„Holger! Flora!“
Flora stürmte auf die beiden virtuellen Geschwister zu und umarmte sie überschwänglich. Dass der Mann auf seinen beiden Beinen stand und nicht in einem Rollstuhl saß, wunderte sie kein bisschen, immerhin war dies eine virtuelle Welt und Karolus konnte mit den Einstellungen spielen wie er wollte, als er diese Umgebung erschaffen hatte.
„Langsam, langsam kleine Schwester.“ japste Holger „Flora und ich mögen zwar jetzt virtuell existieren, aber du erdrückst uns trotzdem!“
„Was? Wie? Du, ihr?“ Flora ließ von Holger und Flora ab und blickte vom ihm zu ihrer beider Schwester und wieder zurück. Sie war fassungslos. „Ihr seid euch bewusst?“
Holger und Flora lachten.
„Natürlich kleine Schwester. Wir sind alle Teil von Dir, so wie du ein Teil von uns bist. Du warst nie allein, wir waren nur nicht gewillt uns Bemerkbar zu machen.“ sagte Holger.
„Du solltest dich erst eingewöhnen und mit deinem Körper vertraut sein, bevor wir uns dir offenbaren.“ fügte Flora hinzu.
„Aber nun?“
„Ja nun hast Du etwas sehr Wichtiges zu tun. Karem und Klaus, ihre Umwandlung muss vollendet werden und wir werden dir Beistehen, Schwesterherz.“
„Und ich hatte nicht die geringste Ahnung, dass Ihr beide in mir seid.“
„Du hast unser Leben gut in den Griff bekommen, kleine Schwester. Warum sollten wir dich dann mit unserer Anwesenheit übermäßig ablenken.“
„Einen klitzekleinen Hinweis auf euer Vorhandensein hätte ich schon gerne gehabt.“ schmollte Flora.
„Oh Flora, hat es dir nicht gereicht ein Taur zu werden, auszuwandern und dann auch noch eine eigene Apotheke mit Versand aufzubauen? Außerdem ist jeder von uns ein Teil der Persönlichkeit von Flora dem Taur.“
Flora sah zu ihren Geschwistern im Geiste. Jede von Ihnen bildete einen Teilaspekt von Flora, so wie die einzelnen Facetten eines Edelsteines, die erst in der Kombination das Feuer entstehen ließen, das erklärte vieles. Sie seufzte, dann musste es wohl so sein, die Aufgabe, die vor ihr, nein, ihnen stand war ziemlich anspruchsvoll. Sie konnte jede Hilfe gebrauchen die verfügbar war, um den beiden die letzte endgültige Abreibung zu verpassen und ihrem neuen Zweck zuzuführen.
„Holger, Flora, werdet ihr mir gleich beistehen? Werdet Ihr mir helfen?“
„Du Dummerchen, habe ich das nicht eben schon gesagt, das wir das werden.“
„Dazu sind doch Geschwister da! Kleine Schwester“ antworteten beide gemeinsam und lächelten.
Flora war erleichtert. Diese virtuelle Realität hatte ihr schon jetzt sehr geholfen. Van Furr, Katti und Karolus, ja auch Jorge. Danke! Sie lächelte und ihre Augen funkelten.
„Wir drei sind alle Teil von Flora Lightningfate. Du, Holger von Rottenbach, der Mann, der nicht sein sollte und doch war. Du, Flora von Rottenbach, die Frau die sein sollte und es doch nicht war und ich Flora, die Kitsune die geschaffen wurde und nun ist. Nur gemeinsam sind wir vollständig, eins, Flora Lightningfate der Fuchstaur. Und gemeinsam werden wir unseren Feldzug führen und gewinnen.“
Flora holte tief Luft und atmete mit geschlossenen Augen aus. Hatte sie eben eine Ansprache gehalten?
„Gut gesprochen Schwester!“
„Einverstanden!“
„Sollen wir gleich anfangen?“
„Je eher um so besser, doch nicht hier, wir dürfen nicht diesen Schrein besudeln. Und auch nicht diese Kleidung, das wäre ein Sakrileg.“
Ihre älteren Geschwister nickten zustimmend. Ob nun real oder virtuell, der Schrein der sie zur Zeit umgab war ein heiliger Ort, doch was getan werden musste wäre eine unverzeihliche Beleidigung gewesen. Van Furr und Karolus mussten doch etwas vorbereitet haben.
„Doktor van Furr? Haben Sie vielleicht einen passenderen Ort im Angebot?“ fragte Holger in der Hoffnung das Ihr Gespräch verfolgt worden war.
Vor den dreien erschien wieder wie schon zuvor ein Lautsprecher aus dem Nichts und die heitere Stimme von Doktor van Furr erklang.
„Hallo ihr drei, es freut mich euch zu sehen. Macht euch keine Gedanken darüber, dass ich nur mit euch spreche und nicht auch zu sehen bin, aber die Systeme arbeiten bereits auf Hochtouren, um einen passenden Raum für diese Aufgabe zu schaffen. Wir hatten uns schon so etwas gedacht und Karolus hatte bereits ein passenderes Ambiente erstellt. Genau das richtige um die beiden Maids anzulernen. Es dauert nur noch einen Augenblick, dann sollte sich die Umgebung anpassen.“
„Das ist eine gute Nachricht, wann können wir mit der Manifestation rechnen und haben Sie auch was passenderes an Kleidung für uns in petto?“
„Einen Moment noch. Wie weit ist es? … Danke Karolus. Tausch das Ambiente aus in 3, 2, 1, jetzt.“
Flora spürte wieder dieselbe Übelkeit, wie schon beim ersten Eintritt in die VR. Der Schrein um die drei herum verschwand und kurz war es stockdunkel und nur die drei schienen die einzigen Lichtquellen zu sein. Floras Robe verschwand und wurde durch moderne Kleidung ersetzt. Für Flora bedeutete das ein durchbrochenes dunkelblaues Kleid aus Leder mit eingeprägtem hellblauem Rosenmuster. Ihre Schwester trug einen hautengen dunkelblauen Lederoverall, der ihre Figur betonte und an den richtigen Stellen unterstützte. Auch Holger trug Lederkleidung, Hose und ein T-Shirt, darüber eine Lederjacke, alles in hellblau. Nach einem Augenblick, Flora konnte nicht sagen wie lange dieser Augenblick dauerte, ob nun eine Sekunde oder eine Stunde, baute sich ein kleines Wohnzimmer auf. Die Einrichtung sah billig aus, die einfachen Möbel stammten wohl von einem Discounter. Und es herrschte ein grauenvolles durcheinander. Wessen Wohnung war das nur?
„Wo sind wir den nun gelandet?“ fragte sich Holger halblaut.
Aus dem Lautsprecher einer ebenso billigen HiFi-Anlage erklang van Furrs Stimme.
„Könnt Ihr es euch nicht denken? Dies ist die Wohnung von Klaus und Karem.“
„Was für ein Chaos!“ staunte Flora (die Kitsune).
„Iiihhh!“ Flora (der Mensch)quietschte plötzlich, „Da is‘ne Kakerlake!“ Sie warf sich an Ihren Bruder. „Widerlich, widerlich, widerlich! Ich hasse Kakerlaken!“ Ihre Stimme hätte schrill geklungen, wurde aber von Holgers Brust gedämpft.
Holger lachte. „Karolus hat wohl sehr genau recherchiert.“
„Du gemeiner Kerl, mach die Kakerlake weg! Mach sie weg!“
„Schwester, nur die Ruhe, die garstige kleine Kakerlake ist ja schon fort.“
„Sicher?“
„Sicher, Schwesterchen. Oh man, ich kann mich nicht daran erinnern jemals Angst vor Kakerlaken gehabt zu haben?“
„Du bist ja auch ein Mann! Mädchen dürfen das und ich habe keine Angst vor den Viechern. Ich ekle mich vor ihnen.“
„Hehehe. Ich und ein Mann? Das bin ich nur meinen Genen nach!“ Holger strich seinem weiblichen Selbst tröstend über das seidige Haar. „Hast du dich wieder beruhigt?“ Er gab ihr ein Taschentuch.
„Ja!“ Sie schnüffelte und putzte sich lautstark die Nase. „Danke.“
Flora grinste. Ihre ältere Schwester ekelte sich vor virtuellen Kakerlaken.
„In diesem Müllhaufen haben die beiden also gelebt?“
„Ich würde sagen sie haben hier gehaust! Uuuahh“ sagte Flora (die Kitsune) mit unüberhörbarem Ekel in der Stimme. Sie strich über den Tisch und rieb den Staub zwischen ihren Fingern. „Hier muss aufgeräumt werden“
„Und zwar dringend. Ich wette mit euch, hier gibt es noch mehr Ungeziefer!“
„Holger hör sofort auf von Ungeziefer zu sprechen!“ Flora (der Mensch) schüttelte sich.
„Schwesterherz, nichts hiervon ist real!“
„Im Augenblick ist das hier die Welt in der wir existieren. Es ist jetzt REAL! Also ist auch der Schmutz und das Ungeziefer REAL! Und ich mag kein Ungeziefer!“
Die junge Frau schüttelte sich.
„Ich werde mit Karolus später ein Wörtchen zu reden haben. Er hat es vielleicht etwas übertrieben, als er dieses Szenario entworfen hat.“
Das Wohnzimmer.
Währenddessen hatten es sich Miku, Angela und Katti im Wohnzimmer bequem gemacht. Sie hatten eine Flasche Rotwein geköpft und Popcorn zubereitet. Die beiden Hausmaids starrten wie gebannt auf den Bildschirm und verfolgten das Geschehen in der virtuellen Welt, gelegentlich griffen sie nach dem Popcorn und nippten am Rotwein. Katti kannte das meiste bereits, ihr waren die Reaktionen der beiden Frauen wichtiger, die sie eingehend beobachtete. Sie nahm beiläufig wahr, das Flora nicht alleine war. Holger und sein weibliches selbst waren zu ihr gestoßen.
„Wer sind die beiden?“
„Das sind Holger von Rottenbach und sein alter Ego, Flora. So wie sie hätten sein können.“
„Ein hübscher Bursche, wo ist er jetzt?“
„Er ist dort wo er schon immer war, in Floras Kopf. Er hat sein wahres ich gefunden. So wie wir ihn dort sehen war er Floras menschliche Gestalt, so wie sie vor der Behandlung gewesen war, allerdings ohne Rollstuhl und die Frau, die ist sein feminines selbst.“
„Transgender?“
„So ist es. Hat Flora nie über sich erzählt?“
„Ähm, nein, jedenfalls nie über ihr altes Leben, wenn es das ist was Sie meinen.“
„Das ist schade. Sie sollte Ihnen beiden ihre Geschichte unbedingt einmal erzählen. Wenn das hier beendet ist, dann werdet Ihr sicher die Beweggründe für die Show, die wir hier sehen, besser verstehen können.“
„Ihr altes selbst also? Wir leben in einer aufregenden Zeit.“
Miku und Angela verfolgten dann etwas nachdenklicher die weiteren Geschehnisse auf dem Bildschirm.
Wieder in der virtuellen Welt.
„Wie geht es jetzt weiter?“ fragte Flora.
„Dafür habt ihr doch eigentlich das Script erstellt, oder?“
„Natürlich das Script. Moment, was wisst Ihr von dem Script?“
„Alles was auch du weißt!“ Holger tippte sich an seine Stirn. „Schließlich sind wir ja immer zusammen!“
„Das hatte ich fast schon vergessen.“
Flora hätte sich am liebsten in einen der Sessel geworfen, wenn die Polster nicht so dreckig gewesen wären.
„Dr. van Furr?“ rief sie in den Raum.
„Ich höre!“ kam die prompte Antwort aus der Stereoanlage.
„Wir wollen endlich anfangen.“
„Ihr habt recht. Wir hier draußen sind auch schon begierig das Ergebnis unserer Bemühungen zu sehen. Wir laden die beiden in ihrer ursprünglichen Gestalt hoch, also keine Panik, wenn da zwei Männer auftauchen. Sie können euch nichts tun. Und Kaa sollte auch gleich bereit sein.“
„Kaa?“
„So heißt die konstruierte Persönlichkeit, für die beiden. Das steht doch im Script? … Wie bitte? Aha, Danke. … Karolus hat mir gerade gesagt, dass er diese Info nicht mehr ins Skript einbringen konnte. Wie dem auch sei, die drei sollten gleich bei euch sein.“
„Wo denn? Etwa in diesem winzigen Dreckloch? Hier ist doch kaum genug Platz für uns drei!“ warf Holger ein
„Zu wenig Platz? Ei verdammt! Daran hätten wir vorher denken sollen, aber ich glaube das können wir ändern … Karolus würdest du bitte die Wohnung vergrößern! … Ja ich weiß auch, dass die Systeme bereits auf vollen Touren laufen, mach es einfach.“
Das winzige Wohnzimmer, in dem die drei sich befanden, fing an zu flimmern und die Konturen der Möbel, soweit man diese unter dem Müll erkennen konnte, verschwammen für einige Momente. Dann schwoll der Raum an und aus dem kleinen Wohnzimmer wurde fast schon ein Saal, ein unglaublich schmutziger und vermüllter Saal. Das Übelkeit erregende Flimmern stoppte und die drei konnten alles wieder klar erkennen. Dann flimmerte die Luft an zwei Stellen im Raum.
„Was kommt denn nun?“ fragte Flora (die Kitsune).
„Ich glaube, da kommen unsere beiden Ehrengäste.“ knurrte Holger.
„Oder was von ihrem Geist noch übrig ist. Sie haben eine ziemlich heftige Gehirnwäsche erhalten.“ warf Flora ein.
„Sollte uns das etwa Kümmern? Wenn der Doktor alles richtig gemacht hat, dann sollten sie zumindest mich gerade noch erkennen können!“
Flora (der Mensch) trat auf das Flimmern zu. Die beiden sollten sie als erste erblicken. Das stand zwar so nicht im Script, aber woher sollte Karolus gewusst haben, das Flora nicht alleine der Herausforderung gegenübertreten musste. Improvisation tat jedem Plan ganz gut, wenn man sich nur an festgelegten Regeln halten wollte, dann könnte man auch eine Runde „Mensch ärgere dich nicht“ spielen.
Als erstes erschienen die beiden umgebauten Stühle, als die beiden Möbelstücke vollständig waren begann die Luft wieder zu flimmern an. Und vor Flora manifestierten sich die beiden Körper, aber es waren nicht die, die sie schon aus der realen Welt kannte. Nicht Klara und Karla, sondern Klaus und Karem. Sie waren in der virtuellen Welt als die Männer materialisiert, die Sie wenige Tage zuvor noch gewesen waren. Mit breiten Schultern, kantigen Gesichtern und ihrem Gemächt, auch wenn es faltig und zusammengeschrumpft aussah. Sie trugen bereits ihre Korsagen und auch sonst entsprachen sie der drastisch veränderten Anatomie, das die Behandlung ergeben sollte. Ihre Nasenflügel bebten und die beiden zusätzliche Öffnungen am Hals öffneten und schlossen sich gleichmäßig. Kein Kehlkopf störte mehr den Eindruck, dass vor ihr zwei Männer saßen. Die beiden vor ihr waren auf dem besten Wege eine neue Geschlechterrolle einzunehmen. Eine Rolle die weder männlich noch voll weiblich sein würde. Flora hatte noch nie zuvor solch eine Anatomie gesehen, zumindest nicht im realen Leben. Die beiden Männer vor ihr waren drauf und dran einmalige Geschöpfe zu werden. Noch hatten Sie Ihre Augen geschlossen und ruhten und wussten nichts von ihrem Glück.
Flora trat noch näher heran und auch die andere Flora und Holger traten näher.
„Sie können wirklich nicht sprechen?“ fragte Holger.
„Nein, das können Sie nicht mehr. Die Kehlköpfe sind fort und die Atemwege sind auch umgeleitet worden.“
„Verdammt. Zu schade.“
„Schade? Warum findest du das Schade?“
„Die beiden sollten sich bei uns entschuldigen.“
„Das ist so aber nicht im Script hinterlegt. Ich sollte nur Zeugin sein …“
„Vergessen wir das Script! Als wir beide aufgetaucht sind, da war das Script bereits unwichtig geworden.“
„Was ist denn los?“ fragte van Furr.
„Doktor van Furr, ich weiß, Sie, Karolus und Flora haben sich viel Mühe gegeben und haben das Script erstellt, mit dem Flora die Umwandlung der beiden abschließen sollte. Doch nun sind wir dazugekommen“, er deutete auf sein weibliches Ego und sich selber, „Das hat doch alles geändert?“
„Ganz unzweifelhaft, ihr beide wart nicht eingeplant.“ gab van Furr zu.
„Doktor, ich …“, er sah seine beiden Schwestern an, die ihm zunickten, „nein, wir, wir wollen dass die beiden sich bei uns zumindest entschuldigen und wenn möglich aus deren eigenen Mund, dass sollte doch möglich sein.“
„Ihr wollt, dass sie sprechen können? Hmm, was machen wir denn da?“ van Furr verstummte. Wenige Augenblicke war er wieder zu hören.
„Also, Kinder, das war eigentlich so nicht vorgesehen. Karolus hatte deshalb in diese Simulation auch keine Halsbänder eingebaut, aber er hat schon eine Lösung parat, die eigentlich sehr einfach umzusetzen sein sollte. Das bekommt ihr hin. Holger, auf dem Couchtisch neben der Stereoanlage liegt ein Kopfhörer. Nimm ihn und hol die Lautsprecher heraus und nimm auch zwei der Hosenknöpfe an dich!“
Holgers Blick fiel auf den angesprochenen Kopfhörer. „Das könnte hier wirklich funktionieren!“ Er ging zu dem Tisch schnappte sich den Kopfhörer und riss die Ohrmuscheln ab. Ein paar Handgriffe waren nur notwendig und er hatte die kleinen Lautsprecher aus ihren Gehäusen befreit und hielt sie nun in seiner Hand. Dann nahm er auch noch zwei Hosenknöpfe an sich, die in einer Schale lagen. Wofür er die allerdings benutzen sollte, das war ihm noch ein Rätsel.
„Was soll ich nun tun?“
„Nichts einfacher als das. Drück den beiden je einen der Lautsprecher auf die Stirn.“
„Und die Knöpfe? Wofür sollen die dienen?“
„Das ist Improvisation. Wir brauchen doch Lautstärkeregler! Steck jeweils einen davon einfach neben den Lautsprecher auf die Stirn. Es muss ja nicht hübsch aussehen.“
„Okay.“
Ohne weitere Worte zu verlieren trat Holger an Karems Stuhl heran und drückte ihm einen der Lautsprecher auf die Stirn. Er fühlte eine plötzliche Wärme und der Widerstand schwand, als der Lautsprecher in ihre Stirn einsank. Als er seine Hand von Karems Stirn fortnahm war der Lautsprecher verschwunden. Stattdessen sah man einen großen schwarzen Kreis. Dann nahm Holger einen der Knöpfe und platzierte diesen neben die Schwarze Fläche. Wieder spürte er die Wärme und der einfache Knopf sank in Karems Stirn, wie der schon der Lautsprecher. Er nahm seine Hand von ihrer Stirn, doch anstelle einer schwarzen Fläche konnte man einen linsenförmigen schwarzen Buckel erkennen.
„Was ist das?“ fragte Flora.
„Hm, das sieht aus, …, das sieht aus wie ein Infrarot Empfänger!“
„Meinst du es funktioniert mit der Fernbedienung der Stereoanlage?“
„Werden wir gleich sehen, doch erst mal den zweiten versorgen, nicht?“
Die Prozedur wiederholte er bei Klaus und als er von ihnen wegtrat beäugten die beiden Floras sein Werk.
„Also hübsch ist es nicht gerade.“
„Muss es auch nicht!“ sagte Holger, er trat neben Flora. „Wollen doch mal hören, ob sie etwas zu sagen haben.“
Er hatte sich die Fernbedienung geschnappt und richtete diese auf Karem und Klaus. Er drückte auf den „Ein“-Schalter. Die beiden Linsen fingen an rot zu leuchten.
„Wenn der Doktor recht hat, dann wird es funktionieren.“
„Flora, du hast die Ehre, in gewisser Hinsicht kennst du die beiden besser als wir.“
„Als wenn ich mir etwas darauf einbilden könnte.“ knurrte die Frau.
Sie atmete tief durch, sammelte sich und stellte sich vor die beiden sitzenden Gestalten.
Im Wohnzimmer.
„Und das wird alles in Echtzeit berechnet?“ fragte Miku, und nahm sich eine Handvoll Popcorn.
„So ist es. Ich bin nicht der Technikspezialist im Team, das ist mein liebster Karolus. Zumindest kenne ich die grundlegenden Prinzipien, die dahinterstehen. Es ist keine Aufnahme, sondern Live. Und wie Ihr es mitbekommen habt, kann die reale Welt mit der virtuellen Welt interagieren.“
„Ich würde liebend gerne einmal das selber ausprobieren!“
„Die Möglichkeiten mit dieser virtuellen Welt müssen unbegrenzt sein. Liveshows, Spiele, Filme. Damit könnte man Millionen, ach was sage ich, Milliarden verdienen!“
„Das wird nicht so bald geschehen.“ Katti erntete ungläubige Blicke von den beiden Frauen. „Wir haben nicht vor, das für die breite Masse zugänglich zu machen. Es funktioniert nur zusammen mit den Naniten. Sollte diese Technik für jeden verfügbar sein, dann müsste jeder, der sich in diese virtuelle Welt begeben will, vorher mit Naniten impfen und von uns behandeln lassen. Das Gehirn wird dabei zu einem gewissen Grad umgewandelt und angepasst, um mit den Naniten harmonieren zu können, die als Schnittstelle dienen.“
Sie schwieg einen Moment und ließ ihre Worte auf die beiden Frauen einwirken.
„Wollen Sie sich umwandeln lassen? Ich kann Doktor van Furr gerne Bescheid geben, der wird mit Ihnen die Vertragsbedingungen für die Behandlung aushandeln. Wenn es Ihnen ernst damit ist!“
Katti grinste die beiden Frauen an. Eine ganz und gar nicht so unschuldige Frage. Sie hatte ihren Schwanz in die Hände genommen und streichelte über die silberne Spitze, wie um zu demonstrieren was umwandeln bedeuten konnte.
Miku erblasste und auch Angelas schokoladenbraune Haut nahm einen helleren Ton an. Die Gesichter der beiden Frauen verrieten alles. Nein, unter keinen Umständen würden sie sich behandeln lassen.
„I … ich glaube, da passe ich!“
„Das ist nichts für meiner einer!“
„Ich habe diese Antwort erwartet. Es hat seine Vorteile. Und nicht jeder endet so wie diese beiden! Die sind etwas ganz besonderes, einmaliges!“
Die beiden Hausangestellten, sahen sich kurz an und dann wieder Katti, die wieder mit ihrem Schwanz spielte und sich auf den Bildschirm konzentrierte. Miku und Angela nahmen jede einen großen Schluck Wein. Es brachte nichts sich um so etwas zu kümmern. Sollten doch die Gäste des Ressorts sich mit den Furrs vergnügen, oder selber zu Furrs werden, wenn sie es wollten um sich in einer virtuellen Welt zu vergnügen. Für die beiden Maids war das nichts, zumindest noch nicht. Miku griff sich Popcorn und Angela trank noch einen weiteren Schluck von dem Wein. Sie bemerkten wie sich die Szenerie auf dem Bildschirm veränderte und betrachteten wieder gebannt das Schauspiel.
In der virtuellen Welt.
„Wacht auf!“ befahl Flora mit fester Stimme.
Die rot leuchtenden Linsen wechselten die Farbe zu einem satten Grün. Vier Augenlider flatterten und zwei Augenpaare starrten sie an. Der Ausdruck in den Augen war erst schläfrig, doch die Müdigkeit wich einem panischen Ausdruck, als sie auch Holger und ganz besonders die einschüchternde Gestalt von Flora (der Kitsune) erblickten. Die beiden bewegten ihre Münder, doch kein Ton entkam ihren Lippen. Stattdessen hörte man ihre Worte aus den Lautsprechern.
„Scheiße man was soll der Fuck! Warum sind wir gefesselt“
„Fuck. Lasst uns frei! Und, und …“
„Wer zum Teufel seid ihr überhaupt?“
„Haltet den Rand, Ihr Flachpfeifen, oder ich fresse euch.“ knurrte Flora (die Kitsune) und fletschte ihre Zähne. Innerlich lachte Flora, knurren und Zähne zu fletschen wie ein Tier hatte etwas für sich, es schien befreiend.
Entsetzen verzerrte die hübschen Gesichter. Sie zerrten an ihren Armfesseln. Dieses Monster würde sie eins zwei drei verschlingen können. Ihre Zähne sahen nicht wie Plastikzähne aus. Groß und scharf, wie geschaffen um Kehlen zu zerreißen und blutige Fleischstücke aus der toten Beute zu reißen.
Flora lachte. „Die Fesseln werdet Ihr mit eurem sinnlosen Gezappel auch nicht los bekommen!“
Karem und Klaus schlossen die Münder und saßen regungslos in den unbequemen Stühlen. Ihre Augen wanderten hin und her, schweiften über die drei Personen vor sich und über die Ausstattung des Raumes. Flora konnte sehen, das die beiden zumindest ihr verdrecktes Refugium erkannten. Sie trat noch näher an die beiden heran, etwas dass ihr ziemliche Überwindung abverlangte, aber dieses mal war sie im Vorteil. Sie beugte sich vor und nahm das Gesichtsfeldfeld von Klaus ein.
„Erkennst Du mich? Weißt Du schon wer ich, …, wer wir sind?“
Er schüttelte seinen Kopf.
„Nö, nicht die Bohne!“
„Und du? Was ist mit Dir?“ Sie trat vor Karem.
„Ich kenne dich nicht! Keinen von euch! Lasst uns Frei!“
„Also auch nicht. Wie schade. Ich, wir haben euch erkannt, jeder von uns, hat euch erkannt! Eure Visagen haben sich in unseren Gehirnen eingebrannt.“
Flora trat noch dichter heran und sah den beiden nacheinander ins Gesicht. Konnten die beiden nicht mehr eins und eins zusammenzählen? Waren ihre Hirne bereits so leer?
„Seit eurem Attentat auf uns sind einige Jahre vergangen und ihr erinnert euch wirklich nicht einmal daran? Euer Lachen haben wir nicht vergessen, als ihr uns im Autowrack zurückgelassen habt.“
Was war das? Ein Funke des Erkennens? Karems Augen wurden größer. Sein Mund formte ein stummes „DU?“.
„Dir ist also ein Licht aufgegangen? Ja ganz offensichtlich.“
„Die Transe vom Club!“
Klatsch. Karems Schädel flog zu Seite und seine Backe wurde rot und zeigte deutlich Floras Handabdruck. Karem heulte vor Schmerz. Floras Augen funkelten und blitzten.
„Wage es nie wieder dieses Wort so zu gebrauchen, du dummes Schwein!“ zischte sie.
Sie wandte sich Klaus zu.
„Und wie steht es mit dir? Schlampe. Haben deine grauen Zellen auch ein Erfolgserlebnis gehabt? Hast du mich auch erkannt?“
Klaus blickte kurz zu seinem Freund und wechselte wieder zu Flora. Sie war es! Ja er erkannte sie. Gott, er wünschte sich das Monster nicht erkannt zu haben. Er nickte heftig und hütete sich ein Wort zu sagen. Die Tra.., er brach seinen Gedanken ab. Die Frau sah ihm so konzentriert ins Gesicht, als ob sie seine Gedanken lesen wollte oder gar konnte.
„Nah, nah komm! Du bist ein offenes Buch für mich, du hast an das Wort gedacht! Strafe muss sein!“
Klatsch. Klaus sah Sterne und seine Backe brannte wie Feuer.
„Dann dürft ihr euch jetzt beide mal genau ansehen. Gefällt euch der Anblick.“
Sie ließ die beiden einen Augenblick um sich genauer anzusehen.
„Ich will noch hinzufügen, dass Ihr euren Augen wirklich trauen könnt.“
Sie bekam als Antwort nur gellende Schreie. Holger drückte die Stumm-Taste und es wurde still. Es war wohl etwas zu viel für die beiden geworden. Er grinste.
Das Wohnzimmer.
Katti lachte und deutete auf den Bildschirm, auf dem die drei und ihre beiden Gäste zu sehen waren. Holger hatte gerade Klara und Karla auf stumm geschaltet.
„Ha, ihnen wurde der Saft abgedreht!“
„Seltsam.“ sagte Angela.
„Was ist seltsam?“
„Es war seltsam. Die beiden hatten sich bereits sehen können und doch reagierten sie erst dann auf ihr Erscheinungsbild, als sie von Flora aufgefordert worden waren sich anzusehen.“
„Da dürfte es sich um eine Art visueller Blockade gehandelt haben. Sie haben ihr Aussehen sicherlich bemerkt, aber ihr Verstand hat sich geweigert die Tatsache zu akzeptieren.“
„Auch wenn es nur eine Simulation ist, kann man seine Wahrnehmung so blockieren?“
„Die beiden wissen doch gar nicht, dass es sich um eine virtuelle Realität handelt. Oder, …, oder haben sie etwas bemerkt?“
„Bestimmt nicht! Ihre letzte bewusste Erinnerung hatten sie an dem Abend, an dem wir sie uns geschnappt haben. Seitdem standen sie unter dem Einfluss von Drogen und wurden geprägt. Und auch jetzt sind sie sich nur ihrer bewusst, weil wir es zulassen und dass auch nur bis zu einem gewissen Grad.“
„Das muss sehr schwierig sein, oder?“ fragte Angela.
„Mhm! Sollte man meinen, doch mit den Naniten ist es ein Kinderspiel jemanden zu kontrollieren.“ antwortete Katti.
„Wurden Sie auch kontrolliert?“
Katti blinzelte überrascht von dieser direkten Frage.
„Eine Zeit lang ja, doch das hat sich gegeben.“ So war es ja schließlich auch gewesen, „Ich bin jetzt die, die ich bin. Und ich liebe es!“ und das war die Wahrheit.
„Die beiden haben eigentlich noch Glück gehabt. Über kurz oder lang hätten sie sich in eine noch viel üblere Situation hineinmanövriert. Eine gegen die ihre jetzige wie ein Sonntagsspaziergang wirkt. Aber das ist etwas, um das wir uns jetzt wirklich keine Gedanken machen sollten. Es bereitet nur Kopfschmerzen.“ Katti blies auf die Haare ihrer Schwanzspitze und lächelte.
Miku sah nachdenklich zu Katti und blickte dann zu ihrer älteren Kollegin herüber, die auch zu überlegen schien. Was sollten sie sich zu viele Gedanken machen, immerhin arbeiteten sie für ein Ressort, in dem die Gäste ihre höchst eigenen Fetische und Perversionen ausleben konnten, ohne das sie Gefahr liefen am nächsten Tag in den Online-Medien dafür verurteilt zu werden. Was im Ressort geschah, blieb im Ressort. Punktum und Schluss. Jedermann auf dieser Insel wusste das und lebte danach. Nicht nur die Mitarbeiter, auch die Gäste. Ob nun Angestellter oder Milliardär das Ressort war ein Ort mit eigenen Regeln.
„Sie haben recht, und das dort“, Angela deutete auf den Bildschirm, „ist einfach zu interessant!“
Miku wollte sich ein weiteres Glas Wein einschenken, doch die Flasche war leer. Sie griff hinter die Couch und hielt die nächste Flasche in Händen. Schnell war diese geöffnet und sie schenkte sich ein weiteres Glas Rotwein ein. Sie würde am nächsten Tag einen schönen Kater haben. Und damit meinte sie nicht Jorge, der sich wohl den Rest des Tages freigenommen hatte.
Der Medienraum.
Juri saß auf dem Podest und hatte Floras Kopf in seinem Schoß gelagert. Ihr Gesicht war von dem Visier des Helms bedeckt. Juri konnte nicht erkennen, ob es ihr gut oder schlecht ging, doch ihre Brust hob und senkte sich gleichmäßig und ihr Herz schlug seines Erachtens ganz normal, als er seine Hand auf ihre Brust legte um den Herzschlag zu prüfen. Er achtete nicht auf die Geschehnisse, die der Bildschirm zeigte, für ihn war nur Flora wichtig. Seine Flora!
„Ist mit Ihr alles in Ordnung?“ fragte Karolus.
Juri nickte.
„Sie ist etwas ganz besonderes, ihr wird nichts geschehen. Sie ist in guten Händen!“
Die virtuelle Realität.
Flora lachte laut, als Holger den beiden Männern die Stimmen nahm, sie konnte die plötzliche Panik auf den Gesichtern der Männer sehen, die sich wanden und zu befreien versuchten. Ihre vor Schreck geweiteten Augen, die immer größer zu werden schienen, nein, Flora korrigierte sich, es schien nicht nur so, die Augen der beiden wurden wirklich größer! Karolus musste das Script gestartet haben. Vor den Augen des anderen begannen sie sich langsam aber sicher in ihre reale Form zu verwandeln, in das jeweils perfekte Ebenbild, wie es nur eineiige Zwillinge sein konnten, aber noch viel perfekter, jede einzelne Pore schien sich zu duplizieren, der Anblick war ein Augenschmaus. Der Schrecken, den die beiden erfuhren, als ihre Oberweite sich aufbaute und die Korsagen ausfüllte, war ihr eine Genugtuung. Das Geräusch des Leders, als das Fleisch darunter sich vermehrte und die Korsage weiter und weiter dehnte, klang Flora süß in den Ohren. Weiter und weiter schritt die Wandlung voran. Die Taille schrumpfte und ihre Hüften weiteten sich. Die beiden glichen sich immer mehr, ganz so wie es sich Flora vorgestellt hatte. Und auch ihren beiden Geschwistern im Geiste schien es nur Recht zu sein.
„Holger schalte ihre Stimmen wieder ein, aber nicht wieder voll aufdrehen!“
„Gerne doch.“
Er drückte den Knopf und erhöhte langsam die Lautstärke und nach und nach konnten die drei wieder Worte verstehen. Das Schreien hatte aufgehört. Immerhin.
„Da, da, das ist nicht real.“ stotterte Klaus leise, „Es kann nicht real sein! Ugh.“
„Der kleine Schleimfinger hält es für eine Illusion!“ Flora (der Mensch) grinste.
„Glaubst du, das ist ein Traum? Ein schlechter Trip von den Knockout-Tropfen?“ fragte Flora (die Kitsune)
Karems Augen hielten Flora im Blick, er nickte langsam, obwohl, die Frage an Klaus gerichtet war. Das Fuchsmonster trat zu Klara und kniff ihi in die linke Brust. Klaus schrie vor Schmerz und auch Karem heulte auf, obwohl Flora ihn nicht einmal berührt hatte. Es konnte kein Traum sein, der Schmerz war zu real.
„Wie hat sich das angefühlt? Wie ein Traum oder doch mehr wie ein Tritt in die Eier? Mädels sind da oben sehr empfindlich.“
„Auhhhhh! Hör auf, hör auf! B… bitte!“
Tränen rannen seine Bäckchen hinab. Flora blinzelte erstaunt, das kam von Karem, nein korrigierte sich Flora, von Karla. Sie sah nicht mehr wie Karem aus. Floras blick fiel auf ihre Brust, wo eine deutliche Rötung sich genau dort ab zeichnete, wo sie ihre Klara gekniffen hatte. Aber sie begriff schnell was vor sich ging. Das Skript, dem sie nun wieder folgen mussten, tat seine Wirkung.
„Wir haben nicht mehr viel Zeit, wenn du noch deine Entschuldigung haben willst, müssen wir uns beeilen! Ihre Sinne und Körper synchronisieren sich bereits!“ wisperte Flora (der Mensch), Holger nickte.
Im Medienraum.
„Doktor sehen Sie, Klaras linke Brust!“
Van Furr sah auch das rote Mal, das sich dort deutlich abzeichnete, und auch auf Karlas Brust erschien ein identisches Mal.
„Sehr gut! Das Skript läuft so wie geplant, auch wenn wir etwas improvisieren mussten. Gute Arbeit! Steigere die Synchronisierung um weitere 10 Prozent. Ich will in 10 Minuten auf volle Leistung gehen können, um Kaa einzuspeisen und die Übertragung zu starten!“
„Wird gemacht.“
Die virtuelle Realität.
„Hört auf! Das ist doch verrückt!“
„Aufhören? Wir sind doch gerade erst angefangen und es ist nicht gerade so, dass Ihr auch nur eine klitze klitzekleine Spur von einer Wahl habt.“
„Dies, kann trotz alledem nicht real sein!“
„Hah und das sagt gerade jemand, dessen Tränen noch nicht getrocknet sind, die er vor Schmerz vergossen hatte.“ höhnte Holger leise, doch Flora knuffte ihn in die Seite und er hielt dann seinen Mund.
Flora (die Kitsune) baute sich vor den beiden auf und stemmte ihre Arme auf die Hüften.
„Nun hört ihr beiden mal gut zu. Dieses hier ist eine Realität und kein Traum oder eine Halluzination! Es ist eine virtuelle Realität, das dürftet auch Ihr beiden Schwachköpfe mittlerweile begriffen haben. Und bevor einer von euch auf die Idee kommt, dass wir hier nur spielen, sei es euch gesagt, dass Ihr in der wahren Welt längst nicht mehr so ausseht, wie Ihr einmal wart. Und das ist mein, …, unser voller Ernst.“
Klara und Karla blinzelten verwirrt, sie sahen sich an. Sahen sich genau an, ließen ihren Blick über jede Kurve, über jeden Aspekt ihres Gegenübers gleiten und schüttelten den Kopf, in perfektem Gleichklang.
„NEIN!“ riefen beide aus und blinzelten.
„Doch!“
Flora trat zur Seite. Neben ihr begann die Luft zu flimmern und die Konturen einer weiteren Gestalt wurde sichtbar, doch zugleich war im Zentrum des Flimmerns ein Licht erschienen, dass immer stärker wurde und intensiver. Klara und Karla schlossen ihre Augen, sie wurden geblendet. Flora und ihre beiden Begleiter dagegen schienen von der strahlenden Intensität des Lichtes nicht beeinflusst zu werden.
„Sie kommt!“ flüsterte Flora (der Mensch).
„Zu früh, Doc, zu früh! Sie haben sich noch nicht entschuldigt!“ Holger knirschte mit den Zähnen.
Der Medienraum.
„Es ist soweit Doc. Wir haben die beiden auf 95% Synchronisation gebracht. Ihre Herzen schlagen mit demselben Takt. Und die Gehirne haben sich zu 80% angeglichen“
„Gut, dann weiter. Lade Kaa in das System, so dass die Übertragung von uns gestartet werden kann, auch wenn Flora etwas dagegen haben könnte.“
Van Furr blickte zu Flora, die weiterhin liebevoll von Juri behütet wurde. Die Art und Weise wie der kleine drahtige Mann Flora ansah, wärmte sein Herz. Anatolis Entscheidung seinen Fahrer ziehen zu lassen und mit Flora zu verkuppeln war großartig gewesen. Juri hatte bereits erste Anzeichen von Skrupel gezeigt, als er mitgeholfen hatte Klaus und Karem einzukassieren. Vielleicht war er schon zu lang in dem Milieu gewesen und Skrupel zu haben war gefährlich. Mit Flora als Partnerin, müsste er sich wieder berappeln und würde somit für Anatolis Geschäfte kein Risiko mehr darstellen, und auch für Flora würde es von Nutzen sein, wenn er bei ihr bliebe. Juri würde ihr eine Stütze sein und mit der Zeit, ja mit der Zeit …, ach was, berichtigte sich van Furr, Juri war schon jetzt von ihr ganz hin und weg. Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. Großartig, wenn ein Plan so gut aufging. Nun noch die beiden auf die Spur bringen und dann ein wenig Urlaub machen, die letzten Wochen waren anstrengend gewesen und alle aus seinem Team konnten einen Urlaub gebrauchen.
„Doktor?“
„Wie? Was?“
„Ich sagte, dass ich bereit bin Kaa in das System einzuspielen.“
„Ja gut, entschuldige, ich war mit meinen Gedanken nicht bei der Sache.“
„Das wäre jetzt aber nicht so gut.“
„Ist ja schon gut ich habe es verstanden.“
Doktor van Furr sah auf den Monitor, Karolus hatte recht. Es war soweit.
„Also gut, Karolus, starte das Programm, je eher wir damit anfangen, umso besser. Auch wenn Flora nicht damit einverstanden sein sollte, je länger wir warten, umso komplizierter wird es sein Kaa einzufügen. Die Persönlichkeiten der beiden könnten zu aktiv werden.“
Die Virtuelle Realität.
Während Kaa sich materialisierte standen Holger und seine Schwester abseits und unterhielten sich leise.
„Ohne Entschuldigung gebe ich den beiden keine Absolution.“ zischte er.
Holgers Augen blitzten, er war sauer, nicht auf Doktor van Furr oder Karolus, die beiden folgten nur dem Skript, er war auf sich selber wütend, denn er hatte diese Chance verpasst. Seine Schwestern, die beiden Floras, verstanden dieses sehr gut. Ihnen beiden wäre es auch viel lieber gewesen, wenn Klaus und Karem ihre Schuld eingestanden und um Vergebung gebettelt hätten. Es wäre einfacher geworden zu akzeptieren, dass die beiden weiterleben durften, wenn auch nur auf eine verzwickte Art und Weise. Ohne die Naniten, die sie so umgewandelt haben, dass nicht einmal ihre Mütter sie wieder erkennen könnten, hätten nur ziemlich aufwendige Operationen ein auch nur ansatzweise vergleichbares Ergebnis erbracht.
Das umfasste die Kastration und vollständige Entmannung, durch Entfernen des Hodensacks, des Gliedes und der inneren männlichen Organe und natürlich die darauffolgende notwendige massive Verabreichung weiblicher Sexualhormone bis ans Lebensende.
Die obligatorischen Brustvergrößerungen mit immer mächtigeren Brustimplantaten, doch das Ergebnis hätte nur Faketitten ergeben.
Operative Verkürzung der Gliedmaßen, das Brechen und anschließende neu ausrichten der Beckenknochen. All das wäre nur ein weiterer Hinweis auf Fake gewesen und das Ergebnis hätte bizarr deformiert ausgesehen.
Hinzu die umfassendsten Gesichtsoperationen, um die Gesichter vollkommen neu zu gestalten.
Und als Meisterstück das Entfernen des Kehlkopfes und umleiten der Atemwege, ohne ein verstörendes Loch im Hals zurückzulassen.
Hatte er Prozeduren vergessen? Die Haare, ja die Haare hätten alle weg müssen und dann? Kunststoffimplantate? Perücken? Oder Glatze?
Allein diese Prozeduren hätten Jahre beansprucht und eine Garantie für den Erfolg hätte es nicht gegeben. Ganz zu schweigen von der psychologischen Seite des Problems. Bewusstseins verändernde Drogen, Hypnose und unterschwellige Programmierung hätten ihren Geist wahrscheinlich auch brechen können, doch es hätte immer die Gefahr bestanden, dass dann irgendetwas von Klaus oder Karem übrig geblieben wäre. Doch dank der Naniten war ihnen dieses grausige Schicksal jahrelanger Tortur erspart geblieben. Ganz nach dem Muster, das eine Strafe nicht unangemessen grausam sein sollte. Oder vielleicht doch nicht? Für Holgers Geschmack kamen die beiden immer noch zu einfach, viel zu einfach davon, doch sein Anteil an Floras Persönlichkeit war mittlerweile so gering. Die reale Flora war weicher als er oder seine jüngeren Schwestern hier.
Flora (der Mensch) sah ihrem älteren geistigen ich unumwunden ins Gesicht.
„Ich weiß ganz genau was du denkst!“ flüsterte sie. „Es liegt zurzeit nicht in unserer Hand. Das Schicksal der beiden ist bereits längst besiegelt. Ob sie sich nun bei uns entschuldigen oder nicht! Kaa wird die beiden übernehmen. Oder wolltest du sie dann etwa begnadigen? Das, was wir den beiden bereits angetan haben ist nicht reversibel, es ist bereits endgültig. Sie sind jetzt Freaks, genauso wie wir.“
„Freaks, wir sind keine Freaks, wir sind Teil von Flora Lightningfate von Rottenbach!“
„Das weiß ich doch, mein lieber. Aber auch nur Flora, du und ich. Für den Rest der Menschheit sind wir ein Freak, eine Phantasiegestalt, schlimstenfalls eine Missgeburt, auf jeden Fall ein künstliches Lebewesen das es so nicht geben kann. Und das sind die beiden jetzt auch! Ob wir es wollen oder nicht, die beiden sind jetzt in gewissrer unsere Schwestern und werden es auf ewig sein. Und ich will das Kaa sie besitzt. Die beiden haben damals nur mit ihren Pimmeln gedacht und das können sie in Zukunft auch weiterhin!“
Holger lachte leise und das Lachen klang ganz und gar nicht belustigt, eher wie das Lachen eines irren Wissenschaftlers aus einem billigen Film. Eine Entschuldigung war vielleicht gar nicht notwendig.
Flora (die Kitsune) trat zur Seite um Karla und Klara die Sicht auf ihre Zukunft freizugeben. Die Intensität des Lichtes nahm ab und langsam wurde eine kleine Gestalt sichtbar. Der Größe nach hätte es ein Teenager sein können, doch je schwächer das Licht wurde, desto deutlicher zeichneten sich die Konturen einer erwachsenen Frau ab. Breite Hüften, eine Wespen-Taille und eine vergleichsweise eindrucksvollen Oberweite straften den ersten Eindruck von jugend. Die Arme hingen entspannt an den Seiten herunter. Die Beine waren lang und wohlgeformt und vollkommen harmlos, so wie der Rest des Körpers. Der Kopf war größer als es die menschlichen Proportionen normalerweise zuließen. Eine kecke Stupsnase, nicht zu groß und nicht zu klein, saß mitten im Gesicht. Die geradezu riesigen Augen waren Gras Grün, und die Pupillen von golden blitzenden Sprenkeln umgeben. Die Augenbrauen waren silbern, so wie ihr Haar. Die Frisur schien von einem Verrückten gemacht worden zu sein. Links fiel ihr das silberne Haar bis zur Taille hinab, rechts trug sie einen streng gebundenen Zopf. Zwei lange silberne Strähnen, die bis zum Kinn reichten, rahmten ihr Gesicht ein.
Die Frau war nackt gewesen, als sie erschien, doch bevor man viel erkennen konnte erschien ihre Kleidung, ein schwarz rotes Korsett, das die Oberweite wunderbar unterstützte, ein schwarzer Petticoat mit 4 weißen Unterröcken, eine kurze schwarze Jacke mit langen Ärmeln, aus denen weißen Spitzen hervorlugten bedeckte die Träger einer weißen mit Spitzen besetzten Schürze. Ein breites schwarzes Halsband mit einer großen roten Schleife schlang sich um ihren Hals. An ihren Beinen erschienen lange schwarze Strümpfe und kniehohe schwarze-rote Stiefel und zu guter Letzt, wie das Tüpfelchen auf dem i, erschien eine blaue Haarspange in Form eines Fuchsgesichtes genau oberhalb des Zopfes.
Bis auf die Haare, Augen und der vollständigen Bekleidung war sie das absolute Ebenbild von Klara und Karla. Oder waren die beiden nicht eher ihrem Ebenbild nachempfunden.
Die Maid sah sich der Reihe nach die Anwesenden an, wandte sich dann zu Flora und zeigte einen formvollendeten tiefen Knicks. Den Kopf hatte sie zu Boden geneigt, als ob sie den Augenkontakt zu Flora meiden wollte.
„Wie darf ich Ihnen dienen?“ fragte sie demütig.
Die Worte waren leise und monoton gesprochen, aber deutlich artikuliert. Die Maid hatte ohne auch nur den Mund ansatzweise zu öffnen gesprochen, die Worte waren aus unauffälligen Lautsprechern in ihrem Halsband erklungen. Flora hatte so etwas Ähnliches schon gesehen, Jorge trug auch so ein Halsband. Doch seine Stimme war lebhaft und voller Gefühl, etwas, was der Frau vor ihr fehlte. Was aber auch nicht verwunderlich war, denn soweit Flora wusste, hatte Karolus die Persönlichkeit erst vor kurzem fertiggestellt. Und jetzt war diese künstliche Persönlichkeit hier vor ihr.
„Wie sollen wir dich nennen?“
„Mein Name ist Kaa, Herrin!“
„Ist das dein Vorname oder dein Nachname?“
Die Maid blinzelte und schien einen Augenblick in sich selbst zu gehen, dann antwortete sie.
„Mein Name ist Kaa, Herrin! Soll Kaa mein Vorname oder mein Nachname sein? Es steht mir nicht an dieses zu entscheiden.“
Flora überlegte. Dienstbar bis ins Extreme und entschied sich.
„Ob Vor- oder Nachname, auch mir steht es nicht zu, das zu entscheiden, das soll deine zukünftige Herrschaft machen. Für mich bist du also Kaa.“
„Wie Sie wünschen Herrin. Wie darf ich Ihnen dienen?“
„Die beiden dort“, Flora deutete auf Klara und Karla, „sind Neulinge und sollen zukünftig als Maid dienen. Überprüfe ihre Leistungen.“
„Wie sie wünschen.“
Die Maid, Kaa, erhob sich.
„Darf ich nach eigenem Ermessen handeln?“ fragte sie.
Flora sah zu ihren beiden Geschwistern, die zustimmend nickten. Was sollte schon passieren.
„Nur zu!“
Kaa trat zu den beiden Stühlen und öffnete die Riemen, die Karla und Klara hielten. Die beiden spannten sich an, um aus den Stühlen zu springen, doch Kaa starrte sie nur kurz an und aller Elan zu entfliehen erstarb in ihren Ebenbildern.
„Steht auf und tretet vor!“ befahl sie.
Karla und Klara gehorchten, auch wenn ihre Gesichter den Widerwillen, Kaa zu gehorchen, offen zeigten.
„Das muss zukünftig schneller gehen! Steht gerade, Brust raus, Bauch rein, Hände vor dem Bauch verschränken, Kopf hoch und die Augen zu Boden gesenkt! Na, geht doch!“
Sie trat auf die beiden zu und kontrollierte das Erscheinungsbild der beiden, es schien ihr nicht zu gefallen, dass sie unvollständig bekleidet waren. Kaa seufzte.
„Das Ausgangsmaterial ist ja ganz annehmbar. Aber was sollen die Knöpfe und die Lautsprecher auf der Stirn?“
Kaa strich den beiden über den Kopf und die vor kurzem angebrachten Gerätschaften fielen zu Boden.
„Diesen Müll braucht ihr nicht mehr.“
Erschrocken hoben die beiden ihre Hände vor ihre Münder, doch nur wenige Augenblicke später standen sie wieder genau so in der von Kaa befohlenen Haltung. Kaa schritt vor den beiden her und ließ wie beiläufig ihre Finger über einen nahen Sessel gleiten. Sie hob ihre Hand und zerrieb den Staub. Es schien ihr deutlich zu missfallen
„Bäh, was für ein Saustall ist das hier. Eure Aufgabe, bringt den Raum auf Vordermann, ich will hier in fünfzehn Minuten einen ordentlich aufgeräumten und sauberen Raum vorfinden. Los jetzt!“
Sie protestierten beide, jedenfalls schienen sie zu protestieren, ihre Münder bewegten sich zwar, doch natürlich war kein Ton zu hören. Sie gaben keine Widerworte wegen des Befehls an sich. Die Prägung hatte voll eingeschlagen.
„Vierzehn Minuten und 55 Sekunden! Husch, Husch, von selber räumt es sich nicht auf.“
Die beiden Maids in spe gaben keine weiteren Widerworte, sondern machten sich an ihr Werk. Die tagelange Programmierung zahlte sich aus, besonders wenn man den ungläubigen Gesichtsausdruck der beiden sah, die nichts davon bewusst mitbekommen hatten und nun anfingen klar Schiff zu machen.
„Ihr seid zu langsam, macht schneller!“
Flora, Flora und Holger waren zur Seite getreten, um nicht im Wege zu sein und beobachteten mit steigendem Interesse, wie die beiden wirklich schneller wurden.
„So langsam! Macht schneller.“
„Schneller!“
„Schneller! Ihr habt noch 9 Minuten!“
Mit jeder Anfeuerung bewegten sich die beiden Maids schneller und schneller. Der Staub und Unrat wurde in die Luft gerissen. Die drei Beobachter konnten zuletzt nur noch Reflexe und Schemen erkennen. Die Geschwindigkeit, mit der sich Karla und Klara bewegten, lag weit außerhalb der physikalischen Möglichkeiten der realen Welt. Kaa dagegen schien jede einzelne Bewegung der beiden genauestens zu überwachen, jeder Wisch, jedes entfernte Staubkörnchen, jede Unsicherheit.
Im Medienraum.
„Sehen Sie sich das an Doktor. Die Systeme kommen langsam an ihre Grenzen.“
„Die Beschleunigung der Prozesse sollte doch noch im Rahmen liegen. Wie schnell bewegen sie sich denn?“
„Sie haben die zehn-, nein, die dreizehnfache Geschwindigkeit erreicht. Die G-Werte will ich lieber nicht nennen, jedenfalls wären sie tödlich.“
„Wie lange kannst du das System stabil halten?“
„Bei der jetzigen Auflösung? Etwa 7 Minuten.“
„Verringere die Auflösung um 10 Prozent, das sollte das System stabil halten und die Aufgabe der beiden nicht zu einfach gestalten.“
„Ja, eine gute Idee! Das sollte es bringen!“
Karolus korrigierte die Einstellungen der Systeme und betrachtete neugierig den Systemmonitor. Die außer Kontrolle geratenen Werte pendelten sich wieder ein. Karolus blickte auf seinen Monitor und wurde zusehends zufriedener. Jetzt könnten die beiden sogar auf das zwanzigfache beschleunigen und das System würde dennoch stabil bleiben.
Doktor van Furr beobachtete derweil die Monitore, die die Vitalwerte von Flora und den beiden Maids überwachten. Während es Flora gut ging, waren die Werte von Karla und Klara ziemlich grenzwertig. Das simulierte Tempo, das sie in der virtuellen Realität vorlegten, wirkte sich offensichtlich auch auf ihren Metabolismus in der echten Welt aus. Ihr Blutdruck sprengte die Skala für einen gesunden Menschen, die Herzen schlugen wie wild, die Lungen pumpten sich mit Sauerstoff voll und alle Muskeln vibrierten geradezu. Das dürfte einen heftigen Muskelkater geben, wenn sie wieder erwachten. Van Furr hatte aber wegen ihrer Gesundheit keine Sorgen. Die Naniten reparierten die auftretenden Mikroverletzungen fast augenblicklich und optimierten die Körper dabei gleich mit, so dass sie immer widerstandsfähiger und stärker wurden.
Das Wohnzimmer.
Miku starrte auf den Bildschirm und betrachtete das rasante Schauspiel, das die beiden Maids darboten. Sie schluckte und sah zu Angela und Katti.
„Ich nehme doch mal stark an, dass dieses Tempo von uns nicht auch erwartet wird?“ fragte sie etwas nuschelnd.
Katti und Angela schauten sich an und brachen in lautes Gelächter aus.
Die virtuelle Realität.
„Noch eine Minute!“ rief Kaa.
Die beiden Maids wirbelten durch den Raum wie Irrwische. Der Staub lichtete sich langsam, was wohl an dem Staubsauger lag, der auf voller Leistung lief. In einer Ecke des vergrößerten Wohnzimmers stapelten sich bereits einige Müllsäcke und Kartons, die irgendwie aus dem nichts erschienen waren und dann von Karla und Klara in Windeseile befüllt worden sind.
„Stopp! Die Zeit ist um. Bleibt sofort stehen!“
Die beiden Maids kamen abrupt zu Halt. Sie waren in der Bewegung erstarrt und rührten sich nicht. Nur ihre Gesichter und Augen zeigten Zeichen von Verwirrung und Panik. Sie waren verschwitzt und glühten förmlich und selbst aus einigen Metern Entfernung konnte Flora die Hitze spüren, die von den beiden ausging. Sie waren wie Maschinen, die aus voller Geschwindigkeit auf Null abgebremst waren und dabei die gesamte Bewegungsenergie in Wärme umgewandelt hatten. Das musste an der Simulation liegen, die möglicherweise die Daten der realen Körper als mechanische Komponenten ansah und ihnen dadurch diese Eigenschaften verliehen hatte. Flora fragte sich, wie der Computer sie und ihre beiden Geschwister in dieser Welt sah.
Kaa schritt derweil den Raum ab und prüfte die Arbeit der beiden. Der Raum selber war nicht wiederzuerkennen. Vorher war es ein Saustall gewesen, zwar wollte man immer noch nicht vom Fußboden essen, doch zumindest war das widerliche Chaos verschwunden. Das Durcheinander von verstreuten Magazinen, Büchern, Geschirr und Unrat war verschwunden, der Fußboden war wieder zu erkennen, die Möbel abgestaubt und, soweit sie aus echtem Holz bestanden, hatten sie sogar Kontakt mit Holzpolitur gehabt. Die vorhandenen Glasflächen blitzten und blinkten nun. Kaa ließ keinen Quadratzentimeter aus, manchmal schüttelte sie den Kopf, manchmal nickte sie zufrieden. Schließlich beendete sie ihren Kontrollgang und begab sich zu Flora.
„Kommt her und stellt euch auf!“ befahl sie den beiden Maids.
Karla und Klara lösten sich aus der Erstarrung und mit demselben wirren Blick und ausdruckslosem Gesicht, das sie schon bei den Aufräumarbeiten gezeigt hatten, stellten sie sich hinter Kaa auf.
„Zeigt euren Respekt!“
Die beiden verbeugten sich und verharrten in dieser Position bis auch Kaa sich vor den drei Geschwistern verneigte, dann richteten sich die drei Maids gemeinsam wieder auf.
„Ich muss mich für die inadäquate Ausführung der Aufgabe entschuldigen! Die beiden sind noch nicht voll ausgebildet, doch darum werde ich mich noch kümmern.“
Holger meldete sich zu Wort.
„Das wirst du ganz sicher!“ er lächelte und blickte zu Karla und Klara. „Ihr beiden wisst immer noch nicht was euch erwartet, oder?“
Beide schüttelten ihre Köpfe.
Sein weibliches selbst führte fort.
„Erinnert euch zurück, der Club, in dem Ihr mich als erstes gesehen habt. Als Männer habt Ihr mit eurem Schwanz gedacht! Ihr habt mich damals im Club angemacht, Ihr habt mich gesehen und eure Schwänze haben für euch gedacht -Wow, geile Schnecke, die legen wir flach!- und Ihr wart so dumm euren Schwänzen zu glauben. Wollt Ihr etwa selbst jetzt noch behaupten damals nicht gewusst zu haben wer die Gäste des Clubs waren? Schwule, Lesben, Transmänner und Transfrauen, so wie ich es war, und wir alle wollten nur feiern, tanzen, eine gute Zeit verbringen und dann, dann …“
Flora legte ihre Pranke auf die Schulter ihrer älteren Schwester im Geiste, die von der Erinnerung an dieses traumatische Erlebnis gebeutelt wurde und fuhr für sie fort.
„Dann kamt Ihr beiden. Ihr habt mich damals geschaffen, nein natürlich nicht direkt, aber jedenfalls habt Ihr die Vorbedingungen geschaffen! Ihr habt damals mit eurem feigen Anschlage meine Schwester beinahe umgebracht und meinen Bruder zum Krüppel gemacht. Nun das werden, nein, ich muss mich korrigieren, das haben wir bereits mit euch getan. In der realen Welt seid Ihr beiden bereits tot und was das Verkrüppeln angeht …“, sie fletschte ihre Zähne zu einem Grinsen, „Seht euch noch einmal an! Erinnert Ihr euch? Ihr habt in der realen Welt die Körper der süßesten Maids bekommen, die man sich vorstellen kann. Klein, schwach und hilflos seht Ihr aus, Ihr habt eine sexy Figur und auf Männer, die so wie Ihr nur mit dem Schwanz denken, …, nun ja, Ihr wisst ja welche Wirkung das hat. Nur fehlt euch beiden das entscheidende gewisse etwas zwischen euren Beinen, jenes Ding, auf das Schwänze in der Regel abfahren. Aber euch muss das nicht belasten, wir geben sie euch bald schon wieder zurück. Aber erwartet nicht zu viel.“
Flora grinste noch breiter und Klara und Karla konnten es nicht verhindern zu erschauern. Holger sah ihre Reaktion mit großer Befriedigung. Er übernahm die Stafette von Flora.
„Wie ich sehe seid Ihr beide so richtig in Stimmung gekommen. Doch das beste habt Ihr noch gar nicht gehört. Also, dann will ich euch mal Kaa vorstellen. Ihr beide habt Ihr eben ja bereits wunderbar gehorcht. Kaa ist kein Mensch aus Fleisch und Blut, jedenfalls noch nicht. Sie ist ein Computerprogramm, das hier in dieser Welt existiert. Sie ist nicht nur einfach eine x-beliebige AI oder künstliche Intelligenz wie aus einem billigen Sciencefiction Roman eine synthetische Persönlichkeit,. Kaa ist die perfekte Dienerin, Chauffeurin und Bodyguard. Sie ist eine Person und diese Person wird in eure realen Köpfe hochgeladen und übernimmt euch dann.“
Die Augen der beiden Maids wurden größer und größer. Kaa‘s Gesicht blieb dagegen Ausdruckslos und doch meinte Flora einen Funken von, …, von Vorfreude zu sehen. Freute Sie sich darauf, bald in der realen, in der Menschen-Welt zu leben?
„Ich brauche eure Fragen nicht zu hören, ja, das ist möglich und ja, das ist verrückt und zum dritten mal ja, Sie wird euch vollständig ausfüllen. Sie wird zu euch und Ihr werdet zu Ihr. Irgendwann werdet ihr drei soweit verschmolzen sein, dass es keinen Unterschied macht wer oder was Ihr mal gewesen wart. Dann gibt es nur noch Kaa. Keine Karla, keine Klara, nur noch Kaa.“
Holger breitete seine Arme aus und umfasste die Hüften seiner Schwestern, die neben ihn getreten waren, und zog sie an sich. So standen sie sich gegenüber, die drei Maids und die drei von Rottenbachs. Was für eine seltsame Zusammenkunft. Da waren sie nun. Sechs Persönlichkeiten durch ein bizarres Schicksal miteinander verbunden waren. Zum einen die drei Maids, die über zwei Körper in der realen Welt verfügen würden, aber nur eine gemeinsame Persönlichkeit und zum anderen die drei von Rottenbachs, die gemeinsam nur über einen Körper verfügten und sich diesen teilten. Die drei schmiegten sich aneinander und sie lächelten.
Kaa trat einen Schritt vor und verbeugte sich förmlich.
„Es ist mir eine Ehre euch kennengelernt zu haben. Bitte behandelt mich auch zukünftig gut!“
Sie wandte sich zu ihren Ebenbildern.
„Ihr beide werdet nun eins mit mir werden. Es ist euer vorbestimmtes Schicksal, meine Bestimmung. Und dafür muss ich euch danken, denn ohne eure Torheit gäbe es mich nicht.“
Klara und Karla versagte die Kraft in den Beinen, sie gingen in die Knie, die Köpfe gesenkt. Sie begannen zu weinen, ob diese Tränen aus Scham, Angst, Wut oder Verzweiflung auf den Boden tropften, war nicht zu erkennen. Kaa legte ihnen die Hände auf die Köpfe, als ob sie die beiden segnen wollte und schloss ihre Augen. Da waren sie nun, die ihr versprochenen Körper, die sie beherbergen würden. Ihre zukünftigen Schwestern, denn das waren die beiden schließlich. Sie spürte die entstehende und stärker werdende Verbindung zwischen sich und ihnen. In der realen Welt musste von Master Karolus der Uploadvorgang gestartet worden sein. Es war wie ein Kribbeln in der Nase, dass einfach nicht verschwinden wollte, woher wusste sie das nur? Sie hatte in der realen Welt bislang nur als Programm existiert und hatte keine Nase gehabt, doch mit jeder weiteren Sekunde die verstrich, änderte sich das bereits mehr und mehr. Wissen strömte in die künstliche Persönlichkeit oder besser sie strömte in das Wissen der beiden. Wissen über das Leben zweier Männer. Klaus und Karem hießen diese beiden noch vor wenigen Tagen, doch nun waren sie Klara und Karla. Kaa schüttelte sich. Vieles was sie erfuhr war ganz und gar verwirrend, schien doppelt vorhanden zu sein, anderes wieder war ganz und gar gegensätzlich. – Karolus registrierte eine erhöhte Spitze in der Prozessorlast, der Upload von Kaas Persönlichkeit schien davon aber nicht betroffen zu sein. Also weiter im Text. – Kaa gestattete sich ein stilles Lächeln. Sie erfuhr alles! Alles, selbst die unbewusstesten Sehnsüchte der beiden. Da war etwas? Ja ganz tief drinnen, bei beiden. Sie hatten also ihre Gründe gehabt all die vergangenen Jahre in einer Wohngemeinschaft zu leben. So war es viel einfacher als gedacht eine stabile Verbindung beizubehalten.
Flora (die Kitsune), Flora (der Mensch) und Holger bekamen von diesen speziellen Erkenntnissen der synthetischen Persönlichkeit nichts mit. Sie sahen nur eins, und zwar wie Kaas virtuelles Abbild vor ihren Augen zu Flimmern begann und anfing langsam zu verschwinden. Und auch der Raum um sie herum verschwamm, das Licht, das den Raum durchflutete wurde stärker und stärker. Die drei klammerten sich instinktiv aneinander und wurden aus der virtuellen Welt herausgeschleudert. Flora spürte plötzlich wie die beiden an Substanz verloren.
„Nicht! Verlasst mich nicht!“ rief sie.
„Keine Sorge!“ hörte sie die Stimmen der beiden in ihrem Kopf, „Schwesterchen, wir werden immer zusammen sein!“ Flora wusste, dass es die Wahrheit war. Sie würde niemals allein sein. Ihre Geschwister, Holger und Flora würden immer ein Teil von ihr sein.
Alles um sie herum wurde weiß!
Einen Augenblick blieb es so, dann umgab sie tiefschwarze Dunkelheit. Aber es war nicht die Art Dunkelheit, die einen in Angst und Schrecken versetzte, ganz und gar nicht Flora fühlte sich geborgen, geschützt, zufrieden. Wie schon beim Eintritt in die virtuelle Welt sausten an ihr Bilder aus ihrer Erinnerung vorbei. Es war jedes mal ein erstaunliches Spektakel, wenn das geschah.
„Holger, Flora?“ rief sie.
Sie erwartete sehnlichst auf die Antwort, die nicht kam, stattdessen spürte sie die beruhigende Präsenz ihrer Geschwister. Und sie spürte, das ihr Körper gehalten wurde, ihr realer Körper. Die Session musste beendet worden sein und nun war sie wieder zurück. Flora öffnete ihre Augen und blinzelte. Es war hell, nicht blendend hell, aber doch hell genug, dass ihre Augen sich erst wieder einrichten mussten, wie nach einem langen Schlaf. Sie nahm eine Form wahr und aus der Form wurde langsam ein Gesicht. Es war Juris hübsches Gesicht, der sie von oben herab besorgt anblickte doch seine Besorgnis wich schnell Erleichterung, als sich ihre Blicke trafen.
„Du bist wieder zurück!“ sagte er. (Er sprach dabei unbewusst in seiner Muttersprache)
„Juri? Küss mich!“ antwortete sie ihm
„Äh, wie?“
Flora schlang ihre Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich herab. Ihre Schnauze und sein Mund trafen sich zu einem langen Kuss. Nach schier endlosen Sekunden ließ sie von ihm ab und strahlte ihn glücklich an. Dr. van Furr trat an das Podest heran und untersuchte Flora kurz. Er wollte sichergehen, dass es seiner Kundin nach dem Ausflug in die virtuelle Welt auch wirklich gut ging. Man konnte nie wissen, ob eine so extreme Erfahrung unvorhergesehene Auswirkungen auf die Physiologie des Probanden haben könnte.
„Karolus! Doktor van Furr! Was geschieht mit Kaa? Sie wurde plötzlich unscharf und, und dann verschwand sie. Und dann war ich plötzlich hier! Und Flora und Holger, sind Sie fort?. Läuft da etwas schief?“ sprudelte es aus ihr hervor.
„Ruhig, ruhig.“ sagte Dr. van Furr.
Flora ging es soweit gut stellte van Furr zufrieden fest. Ein leicht erhöhter Blutdruck und schneller Puls, das war nach so einem Erlebnis zu erwarten. Er begann damit ihren Kopf von der Sensorkappe zu befreien. Er ging dabei vorsichtig vor, damit sich ihr Haar nicht darin verfing. Juri hielt sie trotz allem noch und drückte sie an sich.
„Du musst dir um Kaa keine Sorgen machen. Mit ihr ist alles in Ordnung. Der Uploadvorgang, mit dem Kaa gerade jetzt in den beiden implementiert wird, ist schon fast abgeschlossen. Der Effekt, den du gesehen hast, muss eine virtuelle Darstellung dieses Vorganges gewesen.“
„Dann …, dann ist meine Aufgabe erledigt?“ fragte Flora.
„Deine jetzige Aufgabe hast du abgeschlossen! Und meiner Meinung hast du es bravourös gelöst.“
„Aber wir …, die beiden …, sie, sie haben …“ stammelte Flora sichtlich aufgebracht.
„Noch lange nicht deine Vergebung verdient.“ vollendete van Furr den Satz, „Ja, Du hast recht. Weder haben sie ganz begriffen, was sie dir angetan haben, noch sich bei dir entschuldigt oder gar um Vergebung gebeten!“
Darauf gab Flora keine Antwort, sie nickte nur.
„Dies war ja auch nur der Anfang. Hast du etwa geglaubt mit einer Sitzung wäre es getan? Die beiden haben gerade mal die erste Stufe erreicht. Du wirst noch genügend Zeit haben dich mit den beiden zu befassen. Fürs Erste muss das hier reichen.“
Flora überlegte. Der Doktor hatte recht. Die beiden waren noch lange nicht bereit dazu gewesen um Vergebung zu bitten. Sie waren umgewandelt worden und sahen nun aus wie Hausmädchen, die aus einem perversen Manga entsprungen waren. Sie waren geprägt worden und hatten sogar eine synthetische Persönlichkeit eingepflanzt bekommen. Sie waren dazu verdammt worden nur noch Gäste im eigenen Körper zu sein. Vielleicht würde es ihnen genügend Zeit geben sich Gedanken über ihre Untaten zu machen.
„Doktor van Furr, haben Sie gewusst, das Flora und Holger noch hier drin waren.“ Flora tippte sich an ihren Kopf.
„Daran hatte ich nie gezweifelt. Und die beiden sind immer noch in dir! Doch wir sollten uns später weiter darüber unterhalten. Wollen doch mal sehen, ob Kaa gut angekommen ist.“
„Ich will es auch sehen!“
„Wie Du willst. Juri. Hilfst Du ihr bitte!“
„Da!“
Flora erhob sich mit Hilfe von Juri vom Podest. Sie war von ihrem Ausflug in die virtuelle Realität doch erschöpfter als gedacht und nahm die Hilfe des drahtigen Mannes gerne an. Die drei gingen zu den gruseligen Stühlen auf denen Karla und Klara saßen.
„Wie sieht es aus?“
„So gut wie abgeschlossen! Aber ich habe hier noch ein paar Anzeigen, die … unerwartet sind.“
„Lass mich Raten. Die Naniten sind wieder aktiv geworden? Und ich meine jetzt nicht die Naniten in ihren Gehirnen.“
Karolus nickte.
„Interessant! Sehr interessant.“
„Wieso ist es interessant? Sind die Naniten denn nicht immer aktiv?“ fragte Flora.
Sie konnte keine offensichtliche Änderung der Erscheinung der beiden erkennen. Sie saßen noch genauso auf den Stühlen, wie zu Anfang des Rituals. Bewegungslos, die Augen geschlossen, doch jetzt um einiges verschwitzter. Flora rümpfte ihre Nase. Die beiden stanken nach altem Schweiß und Schmutz, als ob sie tagelang weder Wasser noch Seife benutzt hätten. Wo kam nur der Schmutz her? Sie waren doch sauber gewesen, als sie in die Stühle gesetzt worden waren.
„Wenn die Naniten ihre Arbeit vollendet haben, dann gehen sie in eine Art Schlafmodus über. Sie halten dann den Status Quo aufrecht und reparieren Verletzungen und so weiter. Ihr seid dadurch wesentlich widerstandsfähiger.“
„Aber, die Naniten, die verändern uns dann doch nicht weiter, jedenfalls solange Sie es nicht wollen. Ist doch so, oder?“
„Genau“, stimmte van Furr zu, „so sollte es eigentlich sein.“
Er beugte sich über Klara und tastete sie ab. Nichts Auffälliges, aber etwas musste geschehen sein. Karolus würde die Daten nicht missverständlich deuten. Er hob Klaras linkes Augenlid und fand was er suchte, die Veränderung. Er musste sich vergewissern.
„Doktor?“
Van Furr reagierte nicht auf Karolus‘s Frage. Er wandte sich nun Klara zu. Eine Untersuchung wie bei Karla ersparte er sich und hob direkt eines ihrer Augenlider. Ihn blitzte ein grün goldener Schimmer entgegen. Dieselbe neue Augenfarbe wie bei Karla, dieselbe Farbe wie sie Kaa in der virtuellen Realität gehabt hatte. Wie konnte das geschehen? Was war anders? Warum waren die Naniten aktiviert worden
„Doktor! Haben die Naniten wirklich was verändert?“
„Oh ja! Aber da ist noch mehr.“
Van Furr stürzte zum nächstgelegenen Monitor.
„Zeig mir die Logs der letzten sechs Minuten!“
Karolus tippte einen Befehl ein und auf van Furrs Monitor erschien ein Fenster, in dem Zeile um Zeile erschien. Es waren zu viele Einträge, als dass van Furr sie sinnvoll interpretieren konnte. Er setzte ein paar Filter und hatte dann nur noch eine Seite mit den größten Anomalien vor sich, die aufgetreten waren.
„Ich hab‘s gefunden!“ er tippte auf eine der Zeilen und darunter erschienen weitere Meldungen.„Hier! In der Zeile 438, da ist bei der Sicherung ein Fehler geschehen, der…“ Van Furr stockte.
„Was denn? Was denn?“ fragte Karolus aufgeregt.
„Wie hoch war da die Synchronisation?“
„Moment, …, Zeile 438 war das? … Also die Synchronisation zwischen den beiden war da, …, uh, 105,3 %! Doc, dieser Wert sollte eigentlich nicht möglich sein.“
„Sollte nicht möglich sein, ist aber möglich. Wie ist der Verlauf der Werte?“
„Hier bitte!“
Auf dem Bildschirm vor van Furr erschien eine ewig lange Liste.
„Karolus, mach mir bitte ein Diagramm! Die Zahlen verschwimmen mir ja vor den Augen.“
„Wie? Oh ja, sofort.“
Karolus brauchte nicht allzu lange um ein passables Diagramm zu erstellen, das sich alle paar Sekunden aktualisieren konnte.
„Hier bitte!“
Van Furr murmelte ein „Danke“ und besah sich das Diagramm.
Das Diagramm war wirklich einfach aufgebaut, aber für van Furrs Zweck mehr als ausreichend. Der Graph für die Synchronisation stieg durchgehend an. So wie es notwendig war, um Kaa erfolgreich zu integrieren. Soweit so gut. Doch an genau der bezeichneten Position des von ihm gefundenen Fehlers in der Zeile 483, trat der erste Peak auf, von 95 % schnellte der Wert hoch auf über 105 % und danach sank der Wert nicht mehr unter 99 % und immer wieder gab es weitere Ausschläge, die noch weiter über die 100 % Marke reichten. Van Furr überlegte, welche Auswirkungen dieser hohe Grad an Synchronisation haben könnte und kam auch zu einem Ergebnis, doch ob sein Ergebnis auch der Wirklichkeit entsprach, das musste sich erst noch erweisen. Er stand auf und ging zu einem der Regale und nahm zwei Schwarze Halsbänder an sich, die dort bereit lagen.
„Doktor?“ fragte Flora, „Was ist denn nun mit den beiden geschehen?“
„Murphys Gesetz!“ sagte van Furr.
Flora hob eine Braue und sah Karolus fragend an, der zuckte nur mit den Achseln.
Van Furr ging zu den Stühlen und legte Karla eines der Halsbänder an. Er achtete dabei sorgfältig darauf, ihre Atemlöcher am Hals freizuhalten. Flora sah ihm dabei neugierig zu. Sie hatte so etwas schon gesehen mal. Kaa hatte in der Simulation so eines getragen.
„Ist das nicht gefährlich?“ fragte Flora, „Ich meine, so ein Halsband, das kann doch verrutschen und die Atemöffnungen verdecken?“
„Diese Gefahr bestände durchaus“, stimmte van Furr zu, „bei den alten Modellen! Diese sind eine Neuentwicklung und sieh her.“
Van Furr hielt Flora und Juri das zweite Halsband hin.
„Siehst du die kleinen Krallen auf der Innenseite?“ Flora nickte. „Diese Krallen graben sich in den Hals ein und verwachsen dann mit der Haut. Nichts und niemand kann das Halsband dann verschieben oder entfernen.“
„Verwachsen?
„ Ja verwachsen. Seht noch mal genauer hin. Das Material sieht doch auch für euch wie Leder aus, oder nicht?“
Flora und Juri nickten zustimmend. Ein Lederhalsband, ganz offensichtlich. Es war schwarz gefärbt und hatte sogar eine fein gearbeitete silberne Schnalle. Auf der Vorderseite war eine silbern schimmernde Scheibe eingelassen, der Lautsprecher.
„Es ist eigentlich ein Webriemen mit einer Beschichtung aus polymeren Naniten. Sieht aus und fühlt sich an wie echtes Leder. Zudem ersetzen die Naniten auch die bisher verwendeten Elektronikbausteine vollständig. Dadurch wird die Datenübertragung für Sprache und Kurzstreckensignale verbessert und sind es sind auch keine Batterien mehr notwendig, die notwendige Energie bezieht das Halsband direkt von den Verbindungen, die es mit dem Nervensystem des Trägers hat.“
Van Furr legte dann Klara das zweite Halsband an und als er die Schnalle geschlossen hatte, konnten Juri und Flora sehen, wie sich das Material des Halsbandes tatsächlich mit ihrem Körper verband.
„Polymere Naniten?“
„Im Gegensatz zu den Naniten, die für die Umwandlung genutzt werden, können sich diese polymeren Naniten viel stärker miteinander vernetzen und so ein Material bilden, das viele Oberflächen nachbilden kann.“
Während er sprach, löste er eine der Fesseln nach der anderen, die die beiden Maids an die Stühle banden. Diese waren nicht mehr notwendig, die Gefahr, die von den ursprünglichen Persönlichkeiten von Klaus und Karem hätte ausgegehn können war so gut wie gebannt.
„Wirklich interessant.“
„Möchtet Ihr noch mehr erfahren? Ich kann euch genau erklären, wie es funktioniert. …“
Klara hatte er von ihren Fesseln befreit, nun wandte er sich Karla zu.
„Nein! Bitte nicht!“ unterbrach ihn Flora, die ihre Arme abwehrend gehoben hatte.
Karolus lachte in seiner Ecke, während seine Finger über die Tastatur tanzten, um die letzten Schritte des Backups zu optimieren.
„Was denn! Was denn!“ sagte van Furr mit unschuldiger Miene. „Das ist gar nicht so kompliziert! Also, wir haben …“
„Aber nicht jetzt!“ warf Karolus ein und unterbrach so seinen Chef
Er tippte ein letztes mal auf die Enter-Taste und der Bildschirm vor ihm wurde dunkel. Flora und auch Juri atmeten erleichtert auf. Sie waren gerettet. Van Furr hatte währenddessen auch Karla von ihren Fesseln befreit.
„Das Backup ist fertig und die Überprüfung hat ergeben, dass 98 % der Daten fehlerfrei sind. Alles unter 95 % wäre nutzlos gewesen. Doc, ich glaube wir haben Glück gehabt. Kaa sollte gleich erwachen.“
„Dann eben später! Komm Flora, du wolltest doch nah dabei sein?“
Flora war sich jetzt nicht mehr ganz so sicher, ob sie nicht doch einen Vortrag über Naniten anhören sollte, aber es brachte nichts also, trat sie neben van Furr. Zumindest Juri war bei ihr und hielt ihre Hand, das machte alles besser.
„Ähm, ja.“
Währenddessen hatte van Furr Karolus ein Zeichen gegeben, der ihm verstehend zunickte und ein weiteres Programm startete.
„Aufwachsequenz wird gestartet in 3 … 2 … 1 … jetzt!“
Alle Augen waren nun voller Erwartung auf die beiden Personen gerichtet, die in den Stühlen saßen. Anfangs schien nichts zu geschehen, sie saßen in den Stühlen, die Augen geschlossen, das Gesicht vollständig entspannt. Da, Karlas rechtes Augenlid zuckte.
„Seht doch! Klara linkes Auge hat auch gezuckt!“ rief Flora erstaunt.
„Wie hoch ist die Synchronisation?“ fragte van Furr, der es auch bemerkt hatte.
„Wir haben …, huh, 126,589 %! So hoch wie nie zuvor und das nicht mal als Peak.“ antwortete Karolus.
Van Furr hob eine Augenbraue, dann wandte er sich wieder den beiden Sitzenden zu. Ihn bewegte nun eine Frage, wie weit die beiden miteinander verbunden waren. War es nur ein vorübergehender Effekt des Persönlichkeitsupload von Kaa, oder war es ein permanenter Zustand. Waren Sie nun Karla und Klara oder waren beide zu Kaa geworden? Langsam kam jedenfalls wieder Leben in die beiden. Die Augen waren noch geschlossen, doch die Augäpfel bewegten sich heftig. Auch die Muskeln in ihren Armen und Beinen zuckten, wie um den Blutfluss anzuregen. Immerhin hatten beide stundenlang fast reglos in den Stühlen gesessen. Dann erstarrten plötzlich ihre Bewegungen und sie öffneten gleichzeitig ihre Augen, ihre Iriden waren leuchtend grün und hatten goldene Sprenkel, die wie Speichen eines Rades um die Pupillen herum angeordnet waren. Die Augen waren vollkommen identisch. Vor dem Upload hatte es noch Unterschiede gegeben, doch waren diese während des Uploadvorganges verschwunden. Karla und Klara waren nun perfekte Zwillinge, hatte er es erreicht? Nicht einfach Klone, auch keine Kopien. Sie waren identisch, mussten es sein. Tief in ihrem Inneren gab es sicherlich Unterschiede, hier ein Wassermolekül weniger, dort ein Sauerstoffatom mehr, das war unvermeidlich. Die Effekte der Quantenmechanik kann niemand überlisten, aber soweit es die Genetik betraf und ihr Erscheinungsbild, waren sie identisch. Van Furr war jedenfalls mit den bisher erreichten Ergebnissen sehr zufrieden. Was den Geist betraf, dass musste sich noch erweisen.
Während van Furr in seinen Gedanken vertieft war, hatten Karla und Klara sich neugierig umgesehen und jeden Anwesenden im Raum mehr oder weniger neugierig gemustert. Am längsten verweilten ihre Blicke auf Flora. Dann richteten sie ihre Aufmerksamkeit auf van Furr, der sie ansprach
„Du bist erwacht!“ stellte van Furr fest. Er hatte die Worte bewusst ausgewählt, er wollte die Reaktion darauf prüfen.
Van Furr hatte sofort ihre volle Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
„Master?“ „Master?“
Die Worte waren vollkommen Synchron und hatten denselben Klang und Tonfall. Perfekte Synchronisation.
„Wie darf ich Ihnen Dienen, Master?“ „Wie darf ich Ihnen Dienen, Master?“
„Wie ist dein Name?“
„Unser Name? Wir sind Kaa!“ „Unser Name? Wir sind Kaa!“
„Was bist du?“
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„Das Ergebnis unserer Taten. Geschaffen um zu dienen, um eine Schuld abzugelten!“
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„Das Ergebnis unserer Taten. Geschaffen um zu dienen, um eine Schuld abzugelten!“
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„Ja so ist es! Du hast tief in dich gesehen. Du hast die Abgründe erblickt, die in den beiden schlummern. Ist es nicht so?“
„So ist es! Doch nun sind wir Kaa.“ „So ist es! Doch nun sind wir Kaa.“
„Kaa, was ist deine Aufgabe?“
„Dienen!“ „Dienen!“
„Und wem wirst du dienen?“
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„Unserer Herrin und denen die Sie uns anbefiehlt!"
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„Unserer Herrin und denen die Sie uns anbefiehlt!
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„Du sprichst von deiner Herrin.“ Van Furr trat näher an Klara heran, beugte sich vor und flüsterte in ihr Ohr, so dass Karla es nicht hören konnte. „Wer ist deine Herrin? Sag es mir.“
„Lady Flora! Sie ist meine Herrin!“ „Lady Flora! Sie ist meine Herrin!“
Flora hob erstaunt ihre Augenbrauen. Sie, die Herrin der beiden? Was war denn das. Auf Master-Slave-Rollenspiele stand sie so gar nicht.
Van Furr hingegen war mit der Antwort sehr zufrieden. Beide hatten auf seine Frage geantwortet, die nur eine gehört hatte. Der Geist in ihnen war nicht einfach eine Kopie von Kaa, sondern bildete eine Einheit. Vor sich hatte er zwei Körper, aber nur eine Persönlichkeit. Und das war Kaa. Er winkte Flora zu sich.
„Flora, ich übergebe dir hiermit Kaa. Sie wird dir dienen um die Schuld abzugelten, die Klaus und Karem tragen. Du hast es selber gehört. Sie sieht dich bereits als Herrin an und wird dir bedingungslos gehorchen.“
„Und wenn ich es noch nicht ertragen kann, Sie um mich zu haben?“
„Dann leihe Sie aus, gib Sie fort!“
„An wen?“
„Wir sind wieder daaaa!“
Maika, Anatoli und Vladim standen in der Tür. Es war mehr als offensichtlich, das Maika in einen Kaufrausch geraten sein musste. Maika trug eine neue Handtasche und Vladim war überladen mit Paketen und es waren keine billigen Markennamen, die auf den Paketen prangten. Anatoli hatte sich wohl wirklich nicht lumpen lassen.
„Was haben wir verpasst?“
„Ich glaube ich weiß die Lösung!“ van Furr zwinkerte Flora zu und sie erwiderte die Geste mit einem Lächeln.
Floras Wille
„Was haben wir verpasst?“ fragte Maika neugierig.
„Doktor van Furr, wie ich sehe haben Sie heute auch viel vollbracht.“ Anatoli beäugte unverhohlen Karla und Klara. „Sind das die beiden? Junge, junge, die sind ja nicht wiederzuerkennen.“
„Sie haben recht.“
„Wer war denn wer? Ich kann sie nicht mehr unterscheiden.“
„Das ist unwichtig. Jetzt sind sie ein und dieselbe.“
Van Furr wandte sich direkt an Klara und Karla.
„Kaa, steht auf und nehmt euch das Paket dort. Geht dann in euer Zimmer, säubert euch, zieht euch um und kommt dann in die Küche. Ihr wisst wo Ihr hinmüsst?“
„Jawohl Herr Doktor!“
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren erhoben sich beide, verbeugten sich vor den Anwesenden und taten wie es ihnen von van Furr aufgetragen worden war.
„Wir alle sollten uns auch erfrischen, und dann in der Küche wieder zusammenkommen.“
Dem konnten nur alle zustimmen. Anatoli, Maika und Vladim gingen schnell zu ihrer Unterkunft, um sich der Einkäufe zu entledigen und sich wie besprochen frisch zu machen und umzuziehen.. Van Furr schickte Karolus los, um die.beiden Hausdamen und Katti zu holen. Doch der fand die drei im Wohnzimmer fest schlafend vor. Sie lagen eng aneinander gekuschelt auf dem Sofa, das unter dem Gewicht der drei ächzte. Nach einem Grund musste er nicht suchen, die leeren Weinflaschen auf dem Tisch sprachen für sich allein. Karolus hatte eine Decke über sie ausgebreitet, damit sie sich nicht verkühlten. Dann hatte er den Monitor noch abgeschaltet und das Licht gelöscht und sie so zurückgelassen. Also verpassten Katti, Miku und Angela die kleine Zusammenkunft die noch folgen sollte und schliefen stattdessen ihren Rausch aus.
Als Karolus in die Küche zurückkehrte, saßen Juri und Flora bereits am Tisch, tranken Tee, und tuschelten verliebt miteinander.
„Nun wo sind die drei?“ fragte van Furr.
Karolus berichtete seinem Chef und als er damit fertig war, konnte sich der Doktor ein schelmisches Grinsen nicht verkneifen.
„Dann müssen wir eben ohne sie auskommen.“ stellte er immer noch grinsend fest.
„Ich kann die drei auch wecken. Würde denen recht geschehen, sich volllaufen lassen, und dann einfach einpennen.“
„Lass mal. Um so besser werden sich Miku und Angela in Zukunft in Acht nehmen und nicht mehr über die Stränge schlagen.“
„Wenn Sie es sagen, dann geht es wohl in Ordnung.“
„Hatten Sie das etwa so geplant?“ fragte Flora, die das Gespräch mitbekommen hatte. Sie und Juri hatten ihr Getuschel eingestellt und mitgehört
„Flora, nicht alles was hier geschieht, kann von mir geplant werden, manchmal muss man die Dinge eben laufen lassen. Das müsstest du doch eigentlich mittlerweile auch wissen?“ Van Furr zwinkerte ihr verschmitzt zu. „Komm Karolus, setzen wir uns zu den beiden Turteltäubchen.“
Juri errötete und Floras Nasenspitze wurde ein, zwei Nuancen dunkler. Van Furr und Karolus setzten sich zu Flora und Juri und schenkten sich auch Tee ein. Zwischen den Vieren entwickelte sich ein Gespräch über die virtuelle Welt und den Möglichkeiten die diese bieten könnte.
Klara und Karla oder besser Kaa, wie sie beide nun genannt werden sollten, kehrten auch bald wieder zurück. Sie hatten sich gewaschen, frisiert und angekleidet. Sie trugen nun die Hausmädchen-Uniformen, die sie von van Furr bekommen hatten. Das Set bestand aus einem schwarz-roten, knielangen Rock mit zwei weißen Unterröcken und einer weißen Schürze, eine kurze offen getragene schwarz rote Jacke mit weißem Rüschen besetztem Innenfutter. Dazu kamen noch kniehohe Stiefel, die Schäfte waren durchbrochen und das Leder war ebenfalls schwarz rot gefärbt. Mehr war nicht nötig, alles ergänzte sich und schien wie aus einem Guss. Es waren zwar Hausmädchen-Uniformen, aber sie schauten aus wie aus einem Fetisch-Katalog entsprungen.
Ohne auf eine Anweisung zu warten machten sich die beiden daran eine Mahlzeit zusammenzustellen. Sie verschafften sich als Erstes einen schnellen Überblick darüber was die Küchenschränke alles zu bieten hatten, danach fingen Sie an die Zutaten zu ordnen und vorzubereiten. Und all das unter den neugierigen Blicken von Flora, Juri, Karolus und van Furr.
Wenig später wehte der verlockende Duft der Mahlzeit durch das Gebäude und wie eine Motte vom Licht angezogen wurde, so tauchte Jorge in der Küche auf, der die letzten Stunden mit wer weiß was verbracht haben mochte. Auf die neugierigen Fragen Floras antwortete er recht Wortkarg und murmelte etwas von Buchhaltung, Rechnungen irgendwelchen Nachrichten und einem Besucher in Deutschland, wer auch immer des sein konnte. Flora wurde daraus nicht schlau. Sie bemerkte aber den fragenden Blick des Doktors, den er seinem wohl ungewöhnlichsten Mitarbeiter zuwarf und beließ es dabei und hakte nicht weiter nach. Der schwarze Jaguar, der so wie sie selber mal ein Mensch gewesen ist, war ihr keine Rechenschaft schuldig und fiel in van Furrs Verantwortung. Jorge machte es sich in seiner Ecke bequem. Ein paar Minuten später stießen Anatoli, Maika und Vladim zu der kleinen Gesellschaft. Die drei beäugten nochmals Kaa und mussten von van Furr tatsächlich ermahnt werden sich zu setzen und den beiden frischgebackenen Dienstboten Raum zu lassen.
„Wie ich schon bemerkte habe haben Sie ja viel zustande gebracht. Was haben wir denn so alles verpasst?“ fragte Anatoli, „Sagen Sie schon, bitte.“
„Ja erzählen Sie.“
„Wir haben doch noch etwas Zeit bis zum Essen.“
Und van Furr begann zu erzählen. Gebannt lauschten die drei Russen und Jorge seiner Erzählung. Dann setzte Flora ein und beschrieb ihre Eindrücke und war selber verblüfft darüber, das sie das erlebte in der virtuellen Welt aus drei Blickwinkeln schildern konnte. Wahrhaftig sie war wirklich nicht allein. Ihre Wortwahl, der Klang ihrer Stimme, ja selbst ihre Körpersprache änderte sich zudem mit jedem Blickwinkel aus dessen Sicht sie erzählte. Sie war Holger von Rottenbach. Sie war Flora von Rottenbach. Sie war die Kitsune Flora Lightningfate und sie war Flora Lightningfate von Rottenbach. Schließlich beendete Flora ihren Bericht. Sie lehnte
„Wow! Wären wir doch hiergeblieben!“ rief Maika aus und biss in einen Apfel.
Van Furr wandte sich an Maika.
„Wir hatten wirklich einen interessanten Tag, auch wenn es hart klingen mag. Doch Ihr hattet sicherlich auch einen schönen Tag gehabt?“
„Und ob!“ Maika strahlte über ihr ganzes Gesicht. „Wir waren einkaufen!“
„Maika, nicht doch.“ Anatoli schien aus einem unbekannten Grund verlegen zu sein. „Wir haben eine Rundtour gemacht und dann auch mit Al Bhawri gesprochen und ja wir waren auch Einkaufen.“
„Und, wenn ich mal so fragen darf, was habt ihr gekauft? Du bist ziemlich aufgedreht. Ein hübsches Kleid wird es wohl nicht gewesen sein, oder?“
Maika streckte ihre linke Hand aus und an ihrem Ringfinger glitzerte ein fein gearbeiteter Diamantring. Das glitzern und funkeln des Steines zog sofort die Blicke auf sich. Der Ring war so fein und aufwendig gearbeitet, es konnte nur ein echter Diamant sein, der in seiner Fassung blitzte. Alles andere wäre nur ein Hohn gewesen.
„Diesen hier und ein paar Kleider hab ich auch bekommen. Die Schneider hier verstehen ihr Geschäft. Eine Braut kann doch ohne ein Hochzeitskleid nicht bei ihrer Trauung erscheinen, oder?“
„Braut?“ „Hochzeitskleid?“ „Trauung?“
„Anatoli hat mich heute gefragt und ich habe Ja gesagt!“
Einen Moment herrschte Stille in der Küche alle waren erstarrt, selbst beide Kaa hatten kurz innegehalten. Dann brach das große Hallo los. Hände wurden geschüttelt. Auf Anatolis Schulter wurde geklopft und Maika wurde umarmt und geherzt, bis es Anatoli reichte und er seine Braut an sich riss und leidenschaftlich küsste.
„Sie ist meine Braut!“ knurrte er danach eifersüchtig, aber mit einem stolzen Lächeln auf seinem Gesicht. Maika lachte überglücklich und drückte sich an ihren Bräutigam.
„Das sind ja wunderbare Neuigkeiten. Ich freue mich für euch beide, von ganzem Herzen. Und ich will euer Glück nicht kleinreden, doch wir haben da ja noch etwas zu besprechen, wisst Ihr …“
„Verzeihen Sie die Unterbrechung Master van Furr.“
„Was ist denn Kaa?“
„Das Essen ist gleich fertig, wo wünschen Sie zu speisen?“
„Sollen wir im Speisezimmer auftischen?“
„Hier ist es doch auch gemütlich oder? Wir essen heute in der Küche!“
„Wie Sie es wünschen Master van Furr.“
Ehe es sich van Furr und seine Gäste versahen, begannen die beiden Kaas den Tisch zu decken und die Speisen aufzutischen. Van Furr wandte sich wieder Maika, Anatoli und Flora zu.
„Dann verschieben wir das Gespräch eben bis nach dem Essen! Kommt Ihr beide dann bitte in mein Arbeitszimmer! Flora, du bitte auch! Doch jetzt lasst uns alle essen, wollen doch mal sehen, was die beiden da zusammengebraut haben.“
Das ließen sich die Anwesenden nicht zweimal sagen. Und wie es sich herausstellte verstanden sie was vom Kochen.
Später im Arbeitszimmer von Dr. van Furr.
Das Arbeitszimmer war ähnlich eingerichtet wie in der heimatlichen Praxis. An den Wänden waren unzählige Regale nebeneinander aufgestellt, jedes von ihnen mit unzähligen Büchern bestückt. Auch hier befand sich ein massiver Schreibtisch, der das gesamte Büro dominierte. Van Furr hatte natürlich am Schreibtisch Platz genommen. Anatoli und Maika saßen nebeneinader in zwei Sesseln und Flora hatte es ich auf der Couch bequem gemacht, die zur Sitzgruppe gehörte.
„Also Doktor van Furr, über was wollten Sie mit uns besprechen?“
„Eure Bezahlung! Wir müssen da eine kleine Änderung machen.“
„Eine Änderung der Bezahlung? Das war doch schon geregelt, wenn ich mich nicht irre?“
„Maikas Behandlung…“
„Steht ganz außer Frage! Da wird nichts geändert. Meine Frau wird vollständig sein, so wie sie es verdient hat, so wie sie es will, so wie sein sollte!“ Anatoli ergriff Maikas Hand und hielt sie fest.
„Anatoli, beruhigen Sie sich. Das haben Sie missverstanden. Maika wird behandelt werden, so wie es vereinbart wurde. Nennen wir es eine Erweiterung der Entlohnung für Ihre Dienste, wenn auch an eine Bedingung geknüpft.“
„Was meinen Sie damit?“
„Es betrifft Kaa!“
„Kaa?“
„Sie sollen Kaa in Ihre Dienste nehmen.“
„In meine Dienste nehmen, Ihre Schöpfungen? Als was, sollen sie etwa als Huren in einem meiner Bordelle arbeiten? Nun sie sind nicht schlecht gebaut und würden sicherlich ihre Verehrer finden, die auf Titten und Arsch gepaart mit kindlicher Unschuld stehen und dafür gut bezahlen würden sich Ihrer bedienen zu dürfen.“
„Anatoli! Sie kennen mich zu gut, als dass ich das in diesem Fall zulassen würde.“
„Schon gut, schon gut Doktor. Keine Angst. Nur sagen Sie mir bitte, warum sollte ich die beiden aufnehmen?“
„Das …, das ist meine Bitte!“ meldete sich Flora zu Wort.
Sie sprach leise und mit den Augen zum Boden gerichtet.
„Wissen Sie Anatoli, es ist so. Die beiden sind auf mich geprägt, ob es eine Absicht von Dr. van Furr oder die Schuldgefühle von Klaus und Karem gewesen waren, die dafür sorgten, kann ich nicht sagen. Jedenfalls wollen sie mir dienen, mir, deren altem selbst, die beiden, nein, die verfluchten Männer, die sie einst waren, so viel Leid zugefügt hatten. Sie würden jetzt alles für mich tun, wirklich alles. Doch ich, ich weiß nur eines, in nächster Zeit könnte ich ihre Anwesenheit nicht ertragen, nein, ich will Ihre Anwesenheit nicht ertragen müssen. Die Wunden die Holger …, nein, die wir davongetragen haben …, die sind immer noch zu frisch. Das mag sich vielleicht in ein paar Jahren geändert haben, doch bis dahin, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich es überwunden habe, bitte ich Sie für die beiden zu sorgen.“
Flora richtete ihre Augen auf Anatoli und Maika.
„Wie könnte Anatoli einem so entzückenden Wesen wie Ihnen eine solche Bitte verweigern. Wir werden sie natürlich aufnehmen, die beiden werden das machen wofür sie geschaffen wurden. Und sie können so lange bei uns bleiben, wie Sie es wünschen.“
Maika knuffte Anatoli in die Seite.
„Das ist doch so, Liebling?“
„Na … natürlich. Du hast meiner Antwort nur vorgegriffen. Flora, es wird uns, wie Maika schon sagte, eine Freude sein Ihnen damit helfen zu dürfen.“
„Ich danke Ihnen, Ihnen beiden.“ Flora verbeugte sich so gut es ging vor den beiden. Was nicht einfach war, wenn man auf einer Couch hockte.
„Gut, da das geregelt ist, werde ich einen entsprechenden Vertrag aufsetzen. Sie kennen ja meine Bedingungen.“
„Ich kenne sie und akzeptiere die Bedingungen.“
„Ich habe von Ihnen nichts anderes erwartet. Morgen werden wir die gute Nachricht bekanntgeben. Und dann werden wir uns mit Ihnen beschäftigen, verehrte Maika. Sie werden eine wunderbare Braut werden.“
„Ich kann es kaum erwarten Dr. van Furr!“
Epilog
Ein paar Monate später. Ein Vorort von Moskau.
„Bist du dir Sicher?“ Anatolis Frage ließ Maika innehalten.
„Ich bin mir dessen zu hundert Prozent sicher!“
Maika strich sich über ihren gewaltigen Bauch, in dem die Zwillinge wuchsen und gediehen.
„Immerhin ist sie meine Mutter! Und ich will ihr schließlich ihren Schwiegersohn vorstellen und ihre ungeborenen Enkelkinder!“
„Ich werde der beste Schwiegersohn aller Zeiten sein!“
„Genau das wirst du sein, mein Liebster.“
Sie wandte sich zu ihrer Limousine, in der Vladim und eine Verkörperung von Kaa saßen. Die andere bereitete bereits ein Festmahl zu.
„Ihre bleibt hier unten im Wagen und wartet auf das Signal, habt ihr das verstanden?“
„Geht klar! Wir werden kommen sobald du uns rufst.“
„Wie sie wünschen, Madame!“
„Komm Anatoli, Liebster, so wie es hier aussieht wird der Fahrstuhl sicher immer kaputt sein.“
Maika hakte sich bei Anatoli ein und gemeinsam betraten sie das heruntergekommene Gebäude. Der alte Plattenbau stammte aus den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts und sollte eigentlich über einen Fahrstuhl verfügen, doch wie Maika es vorausgesehen hatte, hing wirklich ein Schild vor der Tür des Aufzuges. „Defekt, Reparatur im Auftrag“ doch dieser Auftrag musste schon ziemlich lange in Bearbeitung sein, denn die vergilbte Schrift war kaum mehr erkennbar. Seufzend machten sich Maika und Anatoli auf dem Weg zum Treppenhaus. Drei Stockwerke höher und fünf Minuten später standen sie vor der kleinen Wohnungstür. Auf dem Namensschild stand „Ramanawov“
„Bist du dir wirklich sicher?“ fragte Anatoli erneut.
„Wir sind jetzt so weit gekommen, dann werde ich doch jetzt keinen Rückzieher machen!“
Maika atmete tief durch und drückte auf den Klingelknopf. Sie warteten, doch nichts geschah. Maika drückte erneut den Klingelknopf. War das wirklich die richtige Wohnung? War ihre Mutter wirklich zu Hause? Die Zeiten waren nicht einfach und die Einwohnermeldeämter waren auch nicht mehr das was sie mal waren. Sie könnte umgezogen sein? Maika wollte bereits ein drittes Mal schellen, als sich etwas in der Wohnung zu regen began.
„Ich komme ja schon.“
Die Stimme war gedämpft, doch Maika erschauerte, sie waren richtig, es war die Stimme ihrer Mamuschka. Sie schmiegte sich an ihren Gatten, der sie fest an sich drückte. Anatoli war nicht minder aufgeregt und selbst durch den dichten Pelz des Mantels, spürte er, dass Maika zitterte.
Ein Hospital in Deutschland. Mitten in der Nacht.
Nachtschwester Charlotte Ehmels liebte die Nachtschichten auf der Station für Komapatienten. Keine nervigen Ärzte, keine sorgenvollen Angehörigen, keine plärrenden Kinder, keine schrillenden Telefone, nur Ruhe. Das einschläfernd regelmäßige Summen und Piepen der Überwachungsmonitore nahm sie kaum noch bewusst wahr. Sie las ein Buch und gelegentlich blickte sie auf die Uhr, um zu prüfen wann der nächste Rundgang fällig war. Komapatienten waren wirklich angenehme Gäste. Doch ihre friedliche Schicht wurde von erst einem Schrei gestört. Zugleich blinkte und flimmerte einer der Monitore von 225.
Das war das Zimmer vom Ehepaar von Rottenbach. Die beiden waren seit sieben Monaten auf der Station untergebracht. Die Ärzte konnten sich nicht erklären, warum sie sich noch immer im Koma befanden. Der Unfall konnte nicht der Grund gewesen sein, dafür waren die Verletzungen zu leicht und oberflächlich gewesen. Andere Patienten wären schon längst in ein Pflegeheim abgeschoben worden, doch da die Rechnungen pünktlich bezahlt wurden, hatte man die beiden dort gelassen und da sogar noch etwas mehr gezahlt wurde, hatte man das Zimmer auch nicht gewechselt.
Das Buch war vergessen und landete auf dem Fußboden. Charlotte drückte den Notrufknopf und meldete dem Operator einen Notfall auf der Station, damit dieser Ärzte und Pfleger zur Verstärkung rufen konnte, dann eilte sie zu 225, aus dem die gellenden Schreie klangen. Keine Schmerzensschreie, diese klangen ganz anders. Es waren verängstigte Schreie, panische Schreie. Sie gelangte an einen Wagen, der die Notfallausrüstung enthielt. Mit eine Schlüsselkarte entriegelte sie den Wagen und entnahm einen kleinen Koffer, dann schloss sie das Fach und verriegelte es wieder. Ein weiterer Schrei gellte aus 225. Charlotte riss die Tür auf und schaltete das Licht ein. Frau von Rottenbach saß in ihrem Bett und hatte sich den Pyjama vom Leib gerissen.
„Frau von Rottenbach!“
„Christian von Rottenbach, ich bin Christian von Rottenbach!“ schrie die Frau.
„Frau von Rottenbach beruhigen Sie sich!“ rief Charlotte, „Sie hatten einen Unfall, Sie sind im Krankenhaus!“
„Ich bin ein Mann! Keine Frau, ein Mann!“
Hatte die Frau sie überhaupt bemerkt? Was schrie sie da? Sie sein Mann? Christian von Rottenbach lag doch in seinem Bett? Sie musste einen Nervenzusammenbruch erlitten haben, der Schock, das plötzliche erwachen in einer fremden Umgebung. Charlotte reagierte wie es ihr für solche Fälle eingebläut worden war, wenn ein Patient ausflippte. Das kam bei ihrer jetzigen Arbeit zwar nicht vor, aber zuvor hatte sie in Nervenheilanstalten gearbeitet und der kleine Koffer enthielt genau das was sie jetzt brauchte. Sie durfte keine Zeit verlieren. Mangels dessen landete der Koffer auf dem Boden und sprang fast schon von selber auf. Sauber aufgereiht waren mehre Spritzen darin, die bereits fix und fertig vorbereitet waren. Charlotte griff sich eine blau markierte Spritze, riss die Versiegelung auf und entfernte die Kappe von der Kanüle. Ihr Blick wechselte von der Frau zu der Spritze und wieder zurück. Charlotte seufzte. In diesem Zustand konnte sie die Frau nicht ruhigstellen.
„Tut mir leid Lady, aber das wird mir vielleicht mehr weh tun als Ihnen!“
Charlotte holte mit der Rechten aus und verpasste der hysterischen Patientin einen Haken. Ihr Kopf flog zurück ins Kissen und Charlotte hatte nun Gelegenheit ihr das Beruhigungsmittel zu geben. Etwas, dass ihr nicht besonders leicht fiel.
„Ich bin ein Mann! … Ich bin … Chri…stian von … Rotte…nbach! … Mann, ich...“
Endlich hatte das Beruhigungsmittel gewirkt. Frau von Rottenbach lag wieder in ihrem Bett, Sie war nicht bewusstlos, doch jeder Wille sich zu bewegen war aus ihr gewichen. Sie lag nur da, starrte an die Decke und murmelte immer wieder dieselben Worte. Charlottes Hand schmerzte, möglicherweise ein Bruch, oder zumindest eine Verstauchung, doch das musste warten, denn Christian von Rottenbach regte sich auch. Charlotte hantierte am Koffer herum und entnahm diesem eine zweite Spritze, nur zur Sicherheit.
„Dieses mal nicht! Bursche, dich leg ich sofort flach, und wenn du nur einen Furz quer gehen lässt!“ zischte sie.
Der Mann öffnete seine Augen, blinzelte und kniff sie wieder zusammen, dass Licht musste ihn geblendet haben.
„Wo bin ich?“
„Herr von Rottenbach, Sie hatten einen Unfall und sind im Krankenhaus!“
„Herr? Ich bin Cynthia von Rottenbach! Und was ist überhaupt mit meiner Stimme?“
Charlotte wusste das es falsch war, was sie vorhatte zu tun.
„Mit der ist alles bestens, wirklich! Und gleich werden Sie sich wieder sehr gut fühlen Herr von Rottenbach, versprochen. Bitte jetzt nicht bewegen. Vielen Dank, sie sind ein Schatz!“
Er hatte ihr keine Wahl gelassen. Sie verpasste dem Mann sofort eine Dosis des Beruhigungsmittels, bevor dieser auch noch ausflippen konnte. Sie wartete noch ein paar Minuten, bis das angeforderte Team eingetroffen war. Kurz erklärte sie Doktor Almak die Situation, dann verkrümelte sie sich zur Notaufnahme. Ihre Hand war wahrscheinlich nur verstaucht, doch Arbeiten würde nicht möglich sein. Auf dem Weg dorthin kam Sie zu dem Schluss, dass sie ein paar freie Tage wirklich gut gebrauchen konnte.