Versteckspiel -Revisited-
Die Lage spitzt sich langsam aber sicher zu, die Nea-Phi-Lim kommen immer näher und drohen die Gesellschaft wie die Tiger sie kennen zu vernichten. Ein Plan wird geschmiedet, um dieser Bedrohung zu begegnen, aber damit dieser Plan funktionieren kann, müssen die Pflanzenfresser dem erst zustimmen, aber da der Khan erst vor kurzem die Regeln geändert hat, sind die Pflanzenfresser nicht bereit es den Tigern so einfach zu machen. Zu alle dem hat der Khan noch mit persönlichen Problemen zu kämpfen, die für einigen Wirbel sorgen.
Versteckspiel ist die fünfte von sechs Geschichten in diesem Erzählbogen und die zweite in diesem Buch. Sie geht genauer auf die inneren Konflikte der Tiger ein und bringt die Geschichte deutlich voran. Die Überarbeitung hat noch einmal mehr Hintergründe und Lore hinzugefügt und ist die Vorbereitung für das Grand Finale in der sechsten Geschichte.
Die komplete Überarbeitung dieses Buches wird in den nächsten Monaten auf dieser Plattform erscheinen.
Das Original kann hier nachgelesen werden:
Es war still geworden in der großen Halle.
Es war diese schwere Form von Stille, in der man wusste, dass es eigentlich noch hunderte Dinge zu besprechen gab, es eigentlich wichtig war, miteinander zu reden, aber man gerade weder die richtigen Worte fand, noch in der richtigen mentalen Verfassung dazu war.
Nachdem die Pflanzenfresser die große Halle verlassen hatten und die größte Wut verflogen war, war der Große Khan mit einem tiefen Seufzen auf seinem Thron zusammengesunken. Er hatte die anderen zurück an ihre jeweilige Arbeit geschickt, um einen Moment der Ruhe zu haben.
Pecada hatte sich in den Harem zurückgezogen und würde sich dort mit den anderen Konkubinen ein paar Neckereien ausdenken, womit sie ihn später ablenken konnten. Er freute sich irgendwie darauf herauszufinden, was seine Frauen sich für ihn hatten einfallen lassen, aber das würde noch ein wenig warten müssen.
Seine Töchter hatten versprochen, sich ihren Studien zu widmen. Es gab noch so viel für die beiden zu lernen, und bald würde für sie die Zeit kommen, wenn sie sich einen Gefährten aussuchen mussten. Der Gedanke daran bereitete ihm einigen Unbehagen, denn nur ungern würde er seine Lieblinge einem anderen Tiger anvertrauen, selbst wenn es einer seiner Krieger war. Es war nicht so, dass er seinen Kriegern nicht ohne zu zögern sein Leben anvertrauen würde, sie waren allesamt fähige und zuverlässige Männer, aber ihnen eine seiner Töchter anzuvertrauen, war eine ganz andere Geschichte. Die Krieger würden sich dieses Recht erst einmal verdienen müssen …
Wobei er zugeben musste, dass je länger er darüber nachdachte, desto weniger sicher war er, ob seine Krieger überhaupt in der Lage waren seinen Töchter zu zähmen. Zumindest bei Amelia war er sich da nicht so sicher. Seine Älteste war eine wirklich willensstarke junge Tigerin und sie konnte mitunter sehr stur sein. Emily hingegen war seiner Meinung nach eine hoffnungslose Romantikerin, der Tiger, der ihr Herz gewinnen wollte, musste schon ein Prinz aus einem Märchen sein … oder zumindest ein strahlender Held, der irgendeine Art von Monster erschlagen hatte
„Nun, das mit dem Monster könnte sich vielleicht ganz von alleine erledigen …“
murmelte er vor sich hin und sah zu der großen Doppeltür, die zum Rest des Tempels führte, und durch die auch die Hohepriesterin gegangen war, als sie sich in die Gemächer der Priesterschaft verabschiedet hatte. Sie hatte angegeben, sich noch ein wenig mehr mit den Akolythen des Clans und den alten Schriften befassen zu wollen, außerdem verlangten die Pflichten ihres Amtes nach ihrer Aufmerksamkeit.
So war er in seinem Thronsaal allein zurückgeblieben. Allein mit seiner Wut, seinen Ängsten, den Gedanken und seinen Bedürfnissen. Im Moment wusste er nicht was schlimmer war, seine Wut auf sich selbst, weil er es ein weiteres Mal nicht geschafft hatte eine Versammlung mit den Pflanzenfressern in geordnete Bahnen zu lenken und dort zu halten, die Wut auf eben jene Grasfresser, die auf der einen Seite zwar recht hatten, auf der anderen Seite jedoch das große Ganze nicht sehen konnten, die Bedrohung nicht begriffen, die damit drohte sie alle in den Untergang zu reißen, oder die Angst vor genau dieser Bedrohung, die er noch nicht einschätzen konnte und von der er noch nicht wusste, ob sie überhaupt Existierte.
Und wieder drehten sich die Gedanken in seinem Kopf, drohten sich in eine Todesspirale zu verwandeln, die sein ganzes Selbst für sich beanspruchte und ihn zu verschlingen versuchte. Er kochte regelrecht innerlich, während er versuchte, seine Gedanken und all seine Ängste in Wut zu kanalisieren, weil mit ihr konnte er wenigstens umgehen. Nun musste er sie nur irgendwie aus sich herausholen. Er musste seiner Wut erlauben, sich ihren Weg aus sich heraus zu bahnen, sonst würde am Ende noch etwas Schlimmeres passieren. Leise knurrend erhob er sich von seinem Thron und verließ die große Halle. Er würde einen der Innenhöfe aufsuchen, wo seine Truppen normalerweise ihre Trainingseinheiten abhielten. Um diese Tageszeit würde jedoch kaum jemand dort sein und trainieren, zumal sowieso nur noch wenige Tiger der Wache im Tempel waren. Die meisten, fast alle von ihnen, waren draußen im Dschungel und sicherten ihr Gebiet. Die wenigen die noch hier waren, waren entweder noch viel zu jung oder schon zu alt für den Militärdienst, und natürlich waren seine Priesterinnen noch im Tempel.
Still und heimlich schlich er durch die Gänge des Tempels, bis er zu einem der Säulengänge kam, der ihn zu seinem Ziel führen würde. Die späte Nachmittagssonne schien zwischen den Säulen in den Gang und badete ihn in goldenem Licht. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als der Große Khan zwischen den Säulen hindurch den Innenhof betrat. Es war einer der kleineren Innenhöfe, dessen Mauern mit Regalen und Waffenständern, Rüstungsständern und Übungsdummies gesäumt waren. Die Regale und Waffenständer waren mit allerlei Trainingswaffen bestückt, von Schwertern über Streitkolben und Keulen, von Sperren über Lanzen, bis hin zu Schilden und Rüstungen. Ihr ganzes Arsenal, das sie im Kampf gegen ihre Gegner einsetzten, fand sie hier wieder. Zugegeben, es waren Übungswaffen aus Holz, deren Klingen und Spitzen stumpf geschliffen worden waren, um die Trainierenden nicht unnötig zu verletzen; wobei der Treffer eines dieser Schwerter selbst durch die Übungsrüstungen hindurch durchaus schmerzhaft war.
Der Große Khan näherte sie einem dieser Ständer und begutachtete die Auswahl an Waffen. Er hatte schon immer die Stachelkeulen bevorzugt, sie kamen dem Prankenhieb eines Tigers am nächsten und erhöhten dabei die Reichweite des Trägers um fast einen Meter, aber er war mit allen Waffen seines Clans vertraut und konnte bestens damit umgehen. Er ließ seine krallenbewehrte Hand über die Waffen gleiten und blieb schließlich bei einem der Schwerter stehen. Er betrachtete die elegante Waffe. Die Handwerker des Clan hatten sich selbst mit der Übungswaffe große Mühe gegeben. Sie war aus einem Stück Mahagoni geschnitzt worden und in die Klinge hatten sie kleine, runde Steine eingearbeitet und das Gewicht der richtigen Waffe zu simulieren. Er nahm die Klinge vom Ständer und schwang sie ein paar Mal, um ein Gefühl für ihre Balance zu bekommen, während er sich langsam vom Waffenständer entfernte und dem Übungsplatz näherte. Normalerweise trainierten die Tiger miteinander und gegeneinander, da ein Gegner im Dschungel sich schließlich auch wehren würde, da er aber allein auf diesem Hof war, musste er mit einer der Übungspuppen vorlieb nehmen, die sie an Gestellen aufhängten, die Galgen ähnelten. Diese Attrappen waren den typischen Gegnern des Clans nachempfunden: Wasserbüffel, Okapis, Tapire, aber auch Jaguare, Wölfe und sogar andere Tiger. Sie dienten den Frischlingen für ihre ersten Übungen, damit man ihnen die grundlegenden Techniken beibringen konnte. Sie waren in aller Regel aus Holz gefertigt und ihr Rumpf sowie die Extremitäten waren mit einer dünnen Lage Stroh gepolstert, damit die Rekruten sich nicht die Handgelenke verletzten, wenn sie auf sie eindroschen.
Der Anführer der Tiger suchte sich eine Jaguar-Attrappe aus und stellte sich vor sie. Er musterte die grobschlächtige Puppe und kam zu dem Schluss, dass sie Garra noch nicht einmal im Ansatz ähnlich sah, aber das würde für den Moment ausreichen müssen. Sich konzentrierend nahm der Tiger die Ausgangsposition ein, die er in der Vergangenheit unzählige Male geübt hatte, auch wenn sie alle wussten, dass ihnen in einem echten Kampf kein Gegner jemals die Zeit geben würde, die perfekte Haltung einzunehmen. Für Trainingszwecke und um die Technik zu perfektionieren, bis sie einem so in Fleisch und Blut übergegangen war, dass man nicht mehr darüber nachzudenken brauchte, war dies jedoch eine gängige und akzeptierte Vorgehensweise.
Er hielt seine Hiebwaffe tief, verlagerte sein Gewicht auf das vordere Bein und konzentrierte sich auf die Schlagfolge, die er ausführen wollte. Es war eine klassische Dreier-Kombination, die, sofern sie korrekt ausgeführt wurde und alle Schläge trafen, den jeweiligen Gegner mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus dem Kampf nehmen würde, wenn nicht sogar noch mehr.
Ein leises Knurren entfuhr ihm, als er sich bereit machte, dann ging alles ganz schnell. Das Schwert zischte durch die Luft, traf die Puppe am Galgen dreimal in schneller Folge und versetzte sie in Schwingung, während das laute Pochen der Treffer noch von den Wänden des Innenhofs widerhallte. Der erste Hieb, ausgeführt von unten links, mit der Rückhand geführt, quer über den Oberkörper des Gegners, war dafür gedacht, dessen Waffe aus dem Weg zu schlagen und möglichst den ersten Schaden am Torso des Feindes zu verursachen. Der zweite Schlag, der aus dem ersten heraus, unterhalb des Brustkorbs von recht nach links geführt wurde, sollte die nun freigelegte Rüstung des Gegners in der Mitte teilen und damit den Weg zum verwundbaren Bauch frei machen. Der dritte und letzte Teil der Kombination war ein schneller Stoß in die Eingeweide, der den Gegner in aller Regel kampfunfähig machen, wenn nicht sogar töten würde.
Der Große Khan war nicht ganz zufrieden mit seiner Ausführung, auch wenn die Schnitte schnell und der Stoß kraftvoll gewesen war. Er fing die Puppe wieder, ließ sie wieder still hängen und wiederholte die Übung. Schneller, stärker, sauberer in der Ausführung; er ließ seine Wut an dem leblosen Objekt aus, so lange, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war. Nach der letzten Serie ließ er die Puppe schaukeln und betrachtete die Klinge seines Übungsschwertes. Eine ganze Reihe neuer Scharten hatte er in das harte Holz geschlagen. Lächelnd fuhr er mit dem Finger über die raue Oberfläche und kam zu dem Schluss, dass wenn dies eines der richtigen Schwerter gewesen wäre, hätte er eine ganze Menge neuer Klingen fertigen müssen. Die meisten ihrer Waffen hatten Klingen aus Obsidian, denn dieses steinartige Glas ließ sich wunderbar zu kleinen Klingen verarbeiten, die unglaublich scharf waren und selbst dem dickhäutigsten Gegner tiefe Wunden zufügen konnten. Das einzige Problem dabei war, dass diese Klingen extrem brüchig waren und nicht selten die ganze Klinge nach einem Kampf erneuert werden musste. Für die meisten Mitglieder der Truppe war es eine Art unfreiwilliges Hobby, in ihrer Freizeit neue Klingen herzustellen.
Langsam ging der Große Khan zurück zum Waffenständer und legte das Schwert zurück an seinen Platz, bevor er eine der Keulen nahm. Auch diese wurden in aller Regel aus demselben rötlichen Hartholz geschnitzt wie die Schwerter. Er prüfte das Exemplar in seinen Händen, drehte es hin und her, suchte den Schwerpunkt und schwang es ein paar Mal. Es war eine sehr einfach gearbeitete Keule, deren schwerer, runder Kopf einen heftigen Aufschlag generieren würde. Die Kriegsvarianten, die die Garde verwendete, waren meist deutlich aufwändiger gestaltet. Oftmals wurden die Vier Krallen der Tigerpranke in das Holz selbst geschnitzt, oder aber mit eingesetzten Klingen aus Obsidian nachempfunden. Manche Keulen hatten große runde Steine am oberen Ende eingefasst, um die Durchschlagskraft zu erhöhen. Es waren einfache, primitive, aber auch wahrlich schreckliche Waffen, die Knochen zertrümmerten und Wunden rissen, die schlecht heilten.
Wieder näherte er sich der Übungspuppe, die mittlerweile wieder aufgehört hatte, hin und her zu schwingen. Das Kämpfen mit der Keule war grundlegend anders als das Kämpfen mit einem Schwert. Es brauchte nicht viel Finesse um mit einer Keule kämpfen zu können und einen beträchtlichen Schaden bei einem Gegner anzurichten, das wichtigste war, dass man traf und dass man, sollte man das Ziel verfehlen, den Schwung der Waffe nicht verpuffen ließ, sondern ihn für den nächsten Schlag nutzte. Vor der Puppe stehend, ließ der Tiger die Waffe noch ein paar Mal schwingen, bevor er sich in Positur brachte und zu seinem ersten Schlag ausholte. Es war pure Absicht, dass der Schlag ganz knapp am Ziel vorbei zischte, so konnte er den Schwung nutzen und aus einer Drehung heraus seine Keule mit vernichtender Wucht auf die Puppe niedergehen lassen. Der Aufprall der simplen Waffe war derart heftig, dass das Seil, an dem die Attrappe aufgehängt war, riss und sie laut polternd zu Boden fiel.
Nicht ohne eine gewisse Befriedigung sah er auf das Ergebnis seines Schlages herab. Es war eine Demonstration seiner schieren Kraft, die ihm auf einem echten Schlachtfeld wahrscheinlich teuer zu stehen gekommen wäre. Seinen Rücken so derart schamlos während der Drehung zu präsentieren, würde jeden Gegner herausfordern, ihn anzugreifen, selbst wenn die Rüstung ihn dort natürlich schützen würde. Nun, dies war kein echtes Schlachtfeld und eine Holzattrappe kein echter Gegner, aber es war gerade gut genug, um ein wenig Dampf abzulassen und sein Gemüt zu beruhigen. Mit einem Grinsen hob er die Keule und betrachtete deren Kopf. Er wies bereits eine Vielzahl von tiefen Schrammen und Dellen auf, wo die Tiger mit ihrer immensen Kraft das harte Holz malträtiert hatten, und nun zierte eine weitere Kerbe das obere Ende des Schafts. Das Gefühl der Zufriedenheit breitete sich langsam weiter in ihm aus, er hatte noch immer was es brauchte, um einem Gegner den Schädel einzuschlagen und seine Wut hatte sich auch zumindest zum größten Teil gelegt.
Langsam kehrte der Große Khan an den Waffenständer zurück und wog dabei die schwere Waffe in seinen Händen. Er zögerte noch einen Moment, aber dann legte er sie wieder an ihren Platz und sah zurück zum Tempel, dessen dunkle Fassade sich gen Himmel streckte und dessen langsam länger werdende Schatten das Ende eines weiteren Tages ankündigte.
Jetzt wo seine Wut abebbte, kamen seine Sorgen und Gedanken wieder in den Vordergrund. Er hatte den Pflanzenfressern versprochen, weitere Informationen zu besorgen, das bedeutete, er würde zumindest einen Teil seiner Truppen aussenden müssen, um diese Informationen zu besorgen. Sie ins Feindesland zu schicken war riskant, keines der Tiere außerhalb ihres Territoriums würde sich freuen einen der ihren zu sehen. Eigentlich wollte er das Leben seiner Krieger nicht unnötig aufs Spiel setzen, aber sie brauchten die Informationen. Es war eine moralische Zwickmühle, die ihn beschäftigte.
Seine Kiefer mahlend entschied er sich zu tun, was er schon immer getan hatte, wenn eine Entscheidungshilfe brauchte, er würde die Hohepriesterin um Rat fragen. Er wollte seine Entscheidung nicht nur auf sein Wissen und seinen Zorn stützen, sondern sich den Segen der spirituellen Führerin seines Clans sichern, und so machte er kehrt und begab sich wieder zum Säulengang, der ihn zurück in den Tempel führen würde. Es war nicht weit von diesem Innenhof zu den Gemächern der Priesterinnen.
Wenn man einmal die Logik der Gänge im Inneren des Tempels verstanden hatte, war die Navigation durch diesen Irrgarten einfach, aber bis dahin konnte man sich heillos verlaufen und immer wieder an den selben Ecken des Komplexes herauskommen. Natürlich war der Große Khan, der den größten Teil seines Lebens innerhalb dieser Mauern verbracht hatte, über jeden Zweifel erhaben, was dies anging, und so stand er schon wenig später vor der ihm wohlbekannten Doppeltür, die zu den Gemächern der Priesterinnen führte. Als die beiden Wachen ihren sich nähernden Anführer sahen, knieten sie respektvoll nieder und senkten ihre Häupter. Mit einem wohlwollenden Lächeln trat der Große Khan an die beiden Tiger heran und legte ihnen je eine Hand auf die Schulter.
„Erhebt euch. Ich bitte um eine Audienz bei der Hohepriesterin.“
forderte er leise und trat wieder einen Schritt zurück, damit die Wachen sich wieder erheben konnten. Nachdem sie sich wieder an ihre Positionen gestellt hatten, klopfte einer von ihnen an die Tür. Es verging ein Moment der angespannten Stille, bis die Tür langsam von innen geöffnet wurde und eine der jüngeren Priesterinnen sich durch den Spalt in der Tür drückte und sich vor dem Khan verbeugte.
„Was können die Priesterinnen für den Großen Khan tun?“
fragte die Tigerin, die nur mit einem knappen Lendenschurz bekleidet war und ihre Arme hinter ihrem Rücken verschränkte. Ihr Anführer ließ es sich nicht nehmen, die Priesterin erst einmal ganz genau zu betrachten. Sie war außergewöhnlich hübsch, und das wusste sie auch ganz genau, so wie sie sich vor ihm in Szene setzte. Er konnte die Reaktion seines Körpers auf die Zurschaustellung ihrer Reize nicht unterdrücken, hoffte aber, dass man sie nicht direkt erkannte.
„Ich erbitte eine Audienz bei der Hohepriesterin. Ich muss mit ihr in einer dringenden Angelegenheit sprechen.“
erklärte er mit einem sanften Lächeln und deutete eine ganz leichte Verbeugung an, um seine Bitte zu unterstreichen. Man merkte seiner Stimme die Erregung nicht an, aber sein Körper verriet ihn.
„Nun gut, ich werde der Hohepriesterin euer Anliegen mitteilen, bitte wartet im Garten, sie wird euch dort empfangen.“
antwortete die junge Priesterin leise, und als sie sich umdrehte, verblieben ihre Augen noch einen Moment länger auf seiner Körpermitte haften, was dem Großen Khan natürlich nicht entging. Es war schade, dass weder er noch sie in der Lage waren, diesen kleinen Gelüsten jetzt nachzugehen.
„Oh vergiss es, alter Mann, was würde die Kleine mit dir schon wollen …“
flüsterte er zu sich selbst, während sich sein sanftes Lächeln zu einem Grinsen Auswuchs und er noch einen klitzekleinen Moment auf die geschlossene Tür starrte, bevor er sich umwandte, um sich zum Innenhof zu begeben, wo sie ihn schon das letzte Mal empfangen hatte.
Auf dem Weg dorthin schmunzelte er und schüttelte seinen Kopf. Es schmeichelte ihm schon, dass dieses junge Ding sich so intensiv für ihn interessiert hatte, wobei er sich nicht sicher war, ob es wirklich an ihm oder an seinem Rang lag, dass eine Tigerin, die gut und gerne seine Tochter sein konnte, so reagierte. Seine Laune war zwar bedeutend besser, als er durch den Säulengang schlenderte, der ihn schließlich in den großen Innenhof führte, wo sie jede zweite Woche die Tribute und wo die Hohepriesterin in aller Regel ihn empfing, aber irgendwo ging es ihm trotzdem ein wenig gegen den Strich, dass er nicht einfach in die Gemächer der Priesterinnen durfte. Es war eine alte Tradition, die darin fußte, dass ihr Clan das Spirituelle vom Weltlichen trennen wollte, und so durfte der Große Khan nicht in die Ritualkammern und die Priesterinnen durften seine Gemächer nicht betreten. Natürlich hatte es schon immer Ausnahmen gegeben, und es gab Rituale, für die die Priesterinnen in die Gemächer des Khans mussten, aber in aller Regel hielten sie sich voneinander fern. Er würde sich auch heute an diese Traditionen halten, so wie die Hohepriesterin, auch wenn das hieß, dass alles ein wenig länger dauerte.
Wenigstens konnte er in einer schönen, ruhigen und friedlichen Umgebung warten.
In den Gemächern der Hohepriesterin ging es unterdessen entspannt, ja fast ausgelassen zu. Die spirituelle Führerin der Tiger lag völlig entblößt auf einer leicht gepolsterten Liege und ein ganzer Trupp ihrer Untergebenen war damit beschäftigt, ihre Krallen und ihr Fell zu pflegen, während eine weitere Priesterin ihr einen Kelch reichte, dessen vergorener Inhalt bereits Wirkung gezeigt hatte. Ihre Krallen wurden geschärft und poliert, ihr Fell gekämmt und gebürstet; an der ein oder anderen Stelle waren die Priesterinnen dabei, ihr Fell mit extrem scharfen Messern zu trimmen. Sie war dabei vollkommen entspannt und genoss es sichtlich, auf diese Weise umsorgt und gepampert zu werden. Sie schnurrte leise und lobte ihre Priesterinnen immer wieder für ihre exzellente Arbeit, während sie hin und wieder an dem ihr dargebotenen Kelch nippte.
Als die junge Priesterin, die damit beauftragt war ihren Intimbereich zu trimmen, mit ihrer delikaten Arbeit fertig war, streichelte sie sanft über den nun kurzen, seidig weichen, Flaum zwischen den Beinen der Hohepriesterin und wurde damit belohnt, dass ein Schaudern den Körper ihrer Vorgesetzten durchfuhr. Das leise, unterdrückte Stöhnen, das der Tigerin in ihrer Mitte entfuhr, zeugte von der Erregung, die diese Behandlung in ihr ausgelöst hatte. Es war nur ein Moment, dann war es wieder vorbei und die Hohepriesterin sah mit einem sehnsüchtigen Lächeln zu der Jüngeren hinunter.
„Es ist eine Schande, dass es keinem Tiger jemals erlaubt sein wird, mit diesem Körper zu spielen …“
murmelte die junge Priesterin, woraufhin die Anführerin ein weiteres leises Stöhnen hören ließ.
„Mmmhmmm … das ist der Preis, den wir zahlen, wenn wir uns den Ahnen widmen, mein Kind.“
erklärte sie leise und ahmte dabei den Tonfall und die Ausdrucksweise ihrer Vorgängerin nach, was den anderen Priesterinnen, die teilweise deutlich älter waren als die Hohepriesterin selbst, ein Schmunzeln entlockte. Sie streichelte zärtlich über die Wange einer Tigerin, die gerade mit ihren Krallen fertig geworden war.
„Aber zu eurem Glück, betrifft das ja nur die Hohepriesterin, ihr dürft euch also auch weiterhin vergnügen … und wehe ihr tut das nicht!“
fügte sie mit einem vielsagenden Lächeln hinzu, während sie mit ihren rasiermesserscharfen Krallen durch das kurze, glänzende Fell der jungen Priesterin fuhr, die diesen Beweis der Zuneigung sichtlich genoss und leise schnurrte.
Sie war gerade im Begriff, ihre Hand über den Hals der jungen Priesterin nach unten gleiten zu lassen, als von der Tür her ein Klopfen ertönte und ihre Hingabe jäh unterbrach. Fast genervt drehte sie ihren Kopf zur Tür und starrte den Raumtrenner an, als könnte sie durch das Holz hindurchsehen.
„Ehrenwerte Herrin, der Große Khan erbittet eine Audienz.“
Drang eine gedämpfte Stimme durch die Tür, woraufhin die Hohepriesterin - in einem Lapsus - mit ihren Augen rollte und tief Luft holte. Es war nur ein kurzer Augenblick, in dem sie sich erlaubte eine ganz normale junge Frau zu sein, bevor ihr Pflichtbewusstsein sie wieder einholte und sie ihre ruhige, gelassene Haltung annahm und die Priesterinnen, die sie umgaben, eine nach der anderen ansah. Es lag so etwas wie eine Entschuldigung in ihrem Blick, für ihren versehentlichen Ausbruch, aber auch dafür, dass sie ihre Spa-Session abbrechen mussten.
„In Ordnung, meine Lieben, genug Wellness, die Arbeit ruft.“
sagte sie schließlich mit einem Seufzen und wartete, bis die Priesterinnen von ihr abließen, bevor sie sich langsam aber elegant aufsetzte.
„Kann der Khan nicht einmal warten?“
fragte eine der jüngeren Tigerinnen, die mit der Pflege ihrer Füße beschäftigt gewesen war und wurde dafür mit einem wohlwollenden Lächeln bedacht.
„Nun, der Khan kann warten, das tut er immer, aber je länger er wartet, desto schlechter wird seine Laune. Auch wenn er sich immer große Mühe gibt, seinen Gram und seine Wut uns gegenüber zu verstecken, so ist sie doch immer da und es wäre nicht nur unhöflich ihn warten zu lassen, sondern würde das Zusammentreffen mit ihm doch deutlich unangenehmer machen. Also nein, der Khan kann nicht warten, zumindest nicht länger als nötig.“
erklärte die Hohepriesterin leise, aber auch sie hoffte, dass sie ihren Anführer schnell abspeisen konnte, damit sie wieder zu angenehmeren Dingen übergehen konnte. Vorsichtig stand sie auf, nahm einen der langen, fließenden Umhänge und zog ihn an. Sie ließ ihn offen, sodass ihr frisch gestriegelter Pelz und ihre gerade neu in Szene gesetzten Reize voll zur Geltung kamen, bevor sie selbst die Tür öffnete.
Es war eine der Novizinnen, die vor der Tür stand, die Hand noch immer zum Klopfen erhoben. Der jungen Tigerin vor ihr schoss die Schamesröte in die Ohren, als sie ihre spirituelle Anführerin quasi nackt, mit einem breiten, wohlwollenden Lächeln vor sich stehen sah. Sie hatte augenscheinlich nicht damit gerechnet, dass die Hohepriesterin selbst, und in diesem Aufzug, die Tür öffnen würde. Ihr Mund hing ihr offen und sie war unfähig ihre Augen von der schlanken Figur der Hohepriesterin zu nehmen.
„Hat der Große Khan erwähnt, weswegen er meine Routinen unterbricht?“
fragte sie schließlich, wobei Amüsement und Irritation in ihrer Stimme miteinander konkurrierten. Es dauerte einen Moment, bis die Jüngere endlich ihren Blick von ihr losreißen konnte und dann verschämt den Kopf schüttelte.
„Er … er hat nur gesagt, dass es sich um eine äußerst dringende Angelegenheit handele. Ich habe ihn in den Garten geschickt, er wird dort auf euch warten.“
Sie stotterte ein wenig bei ihrer Antwort, wirkte ein wenig unsicher, ob sie nicht vielleicht einen Fehler gemacht hatte, aber die Hohepriesterin nickte nur sanft und machte den letzten Schritt zur Tür. Es ging so schnell, dass die junge Tigerin Uhr gegenüber gar nicht reagieren konnte, als sie ihr ihre Hand auf die Wange legte, mit ihrem Daumen sanft über ihre Lippen fuhr und sie anschließend zärtlich küsste. Es war vorbei, noch bevor die junge Priesterin realisierte, was überhaupt geschehen war und die Hohepriesterin sich an ihr vorbei in den Korridor gedrückt hatte.
Mit einem geflüsterten: „Hab dank für deine Mühe …“ ließ sie sie einfach stehen und ging mit lasziven Schritten den Gang entlang. Währenddessen blieb die Jüngere wie angewurzelt stehen und hob völlig entgeistert die Hand an ihre Lippen. Im Raum kicherten derweil die anderen Priesterinnen, denn sie kannten diese freche und durchtriebene Seite der Hohepriesterin bereits. Diese kleinen, unschuldigen Küsse waren so ziemlich die einzige Möglichkeit, die ihr, nachdem sie ihr Keuschheitsgelübde abgelegt hatte, noch blieb, um ihren körperlichen Gelüsten nachgehen zu können. Die meisten von ihnen waren ihr schon das ein oder andere Mal zum Opfer gefallen und waren es somit schon gewohnt, aber für die junge Novizin war es das erste Mal gewesen.
Noch während sich die anderen Priesterinnen um die Novizin kümmerten, ging die Hohepriesterin grinsend und vor sich hin kichernd durch die dunklen Gänge des Ritualtraktes. Sie liebte es, ihre kleinen Streiche zu spielen, es waren kleine Ausflüchte aus ihrem sonst so ernsten und drögen Alltag. Es waren kleine, unschuldige Küsse, nichts von Bedeutung, sie freute sich nur jedes Mal, wenn sie eine ihrer Priesterinnen damit überraschen konnte und sie ihre total perplexen Gesichter sah. Bisher hatte nur Rayas schnell genug reagiert, um aus einem beiläufigen Lippenbekenntnis etwas zu machen, das die Bezeichnung Kuss auch wirklich verdient hätte; aber selbst mit ihr hatte sie sich dem nicht wirklich hingeben können oder dürfen. Es blieb ein netter, wenn auch frecher Zeitvertreib.
Sie bog in den Säulengang, der sie zum Innenhof führte, wo der Große Khan auf sie warten würde und dachte einen Moment lang darüber nach, ob sie ihr Gewand schließen sollte, entschied sich aber schließlich dagegen. Sie würde dem Khan offen zeigen, wobei er sie gestört hatte, und das nun zum wiederholten Male.
„Strafe muss sein …“
murmelte sie leise und grinste in sich hinein, wobei sie sich nicht ganz sicher war, ob es wirklich eine Bestrafung für den Anführer der Tiger war, wenn seine junge, attraktive Hohepriesterin quasi nackt vor ihm stand. Wenig später betrat sie den Innenhof und schlenderte durch die gepflegten Hochbeete auf der Suche nach ihrem Gesprächspartner. Sie musste nicht lange suchen, denn der Große Khan stand mitten auf dem Hof mit dem Rücken zu ihr und starrte in den Himmel. Er wirkte völlig ruhig, aber sie wusste, dass dieser Eindruck oftmals trog.
Leise näherte sie sich ihm von hinten und blieb schließlich ein paar Schritte von ihm entfernt stehen.
„Sieh nicht zu lange in die Sonne, Khan, sonst wirst du blind.“
Sagte sie und konnte das Grinsen nicht ganz aus ihrer Stimme heraushalten, aber sie konnte sehen, wie auch der Große Khan vor ihr zu lächeln begann, bevor er langsam seinen Blick senkte und sich zu ihr umwandte. Er hatte sich noch nicht ganz gedreht, da ging er schon, wie es die Traditionen und der Abstand verlangten, vor ihr auf die Knie und senkte sein Haupt. Er war eine Geste des Respekts, die er ihr, wie auch ihrer Vorgängerin ohne zu zögern entgegenbrachte; allerdings waren seine Nase und seine Augen jetzt direkt auf der Höhe ihres Schrittes und ihr offenes Gewand tat wenig, um ihm den Einblick zu verhindern. Ihr ganz eigener Duft, gepaart mit ihrem frisch gestutzten Pelz, der nicht mehr viel der Fantasie überließ, verfehlte die gewünschte Wirkung nicht.
„Erhebe dich Khan, du entwickelst ein Talent mich bei wichtigen Ritualen und den wenigen Momenten der Entspannung zu stören, die mir in meinem Amt geblieben sind. Was ist es diesmal, das dich zu mir führt?“
Sie klang weniger irritiert oder genervt, als vielmehr müde, als sie aufforderte, sich wieder zu erheben, eine Bitte, der er nicht sofort nachkam. Es wurde nicht direkt als beschämend angesehen, oder als ein Fehlen an Beherrschung, einer Tigerin gegenüber seine Erregung zu zeigen, schon gar nicht, wenn diese ihre Reize so offen zur Schau stellte. Die meisten Tiger des Clans liefen während der Paarungszeit praktisch mit einer Dauererektion im Tempel herum, insbesondere auch, weil die Tigerinnen in dieser Zeit oftmals nicht geizig waren mit ihren Reizen. Es wurde als normal, fast schon als eine Voraussetzung angesehen, um überhaupt für eine der wenigen geduldeten Paarungen ausgewählt zu werden.
Nichts desto trotz war es etwas ganz anderes, wenn die betreffende Tigerin die Hohepriesterin war, eine der wenigen im Clan, die von Amts wegen ein Keuschheitsgelübde abgelegt hatte. Natürlich war ihr das sehr wohl bewusst und sie hatte ein diebisches Vergnügen daran zuzusehen, wie ihr Anführer sich wand. Es half nichts, er konnte nicht ewig auf den Knien bleiben, und so holte er tief Luft und erhob sich. Es war offensichtlich, dass er mit sich und seinem Körper kämpfte, aber uralte Instinkte konnte selbst der Große Khan mit all seiner Kraft nicht besiegen, was zur Folge hatte, dass sein kleiner Khan stolz und aufrecht vor der Hohepriesterin stand. Sie lächelte und war durchaus beeindruckt von der Darbietung seiner Manneskraft, ihr kleiner Streich hatte funktioniert und sie war zufrieden. Ihr Gegenüber schloss kurz die Augen und schluckte seine Scham herunter, bevor er das Wort an sie richtete.
„Ich brauche deinen Rat. Ich habe lange darüber nachgedacht, habe meine Wut, so gut es geht heruntergeschluckt und versucht mich nicht meinem Jähzorn hinzugeben, aber ich weiß trotzdem nicht genau was ich tun soll. Ich kann nicht den Großteil der Wache als Späher in die Territorien außerhalb unserer Grenzen schicken, das würde uns angreifbar und wehrlos zurücklassen. Wenn ich allerdings nur ein paar losschicke, dann werden sie wahrscheinlich nicht genug Fläche abdecken können und deshalb nichts finden, oder was noch schlimmer wäre, selbst den Nea-Phi-Lim zum Opfer fallen.“
erklärte er, während langsam seine Contenance wieder zurückgewann, die Hohepriesterin nickte derweil. Es war eine knifflige Frage, daran bestand kein Zweifel und sie war sich der moralischen Zwickmühle der Situation bewusst, aber gleichzeitig war sie kein Feldherr, dies gehörte eindeutig nicht in ihr Ressort und die fehlende Erfahrung half ihr auch nicht gerade.
Sie hatten Vereinbarungen mit den Pflanzenfressern getroffen, die sie verpflichteten mehr Informationen einzuholen, damit diese im Gegenzug einer Aufstockung ihrer Truppen zustimmen würden. Dies verlangte jedoch, dass sie auch tatsächlich Späher ausschickten, um die umliegenden, insbesondere die östlichen Territorien zu durchkämmen und mit neuen Erkenntnissen zurückzukehren. Dies war unumgänglich, gleichzeitig musste sie ihm jedoch zustimmen, dass sie nicht zu viele ihrer Truppen ins Feindesland befehlen konnten, da sonst ihre eigene Verteidigung auf dem Spiel stand. Die Katze biss sich also sprichwörtlich in den eigenen Schwanz.
Die Hohepriesterin schloss die Augen und dachte über die wenigen Möglichkeiten nach, die sich ihnen boten, in der Hoffnung auf eine Idee zu kommen, wie sie die begrenzten Ressourcen, die ihnen zur Verfügung standen, am sinnvollsten nutzen konnten.
„Vielleicht solltest du noch einmal mit Garra sprechen. Finde heraus, wie weit die Nea-Phi-Lim bereits aus den Bergen vorgedrungen sind und konzentriere deine Bemühungen auf eben dieses Gebiet. Ich denke, sie werden in der kurzen Zeit nicht so viel mehr Fortschritt erzielt haben. Das gibt dir zumindest die Möglichkeit, das Maximum mit den wenigen Tigern die wir entbehren können … bei den Ahnen … entbehren hört sich in diesem Zusammenhang so falsch an … auf jeden Fall, denke ich dass du so das meiste herausholen kannst.“
schlug sie vor, wobei ihre Augen immer wieder kurz nach unten wanderten, nur um dann schlagartig wieder auf die Augen des Kans gerichtet zu werden. Natürlich blieb ihm das nicht verschlossen und er grinste in sich hinein. Er war beileibe nicht der größte Tiger im Tempel, aber sein kleiner Khan, vor allem wenn er sich so stolz präsentierte, war schon ein beeindruckender Anblick. Über die letzten Minuten hatte sich seine Scham fast vollständig gelegt und er hatte mitangesehen, wie sich die Ohren der Hohepriesterin ganz allmählich rosa verfärbten. Sie durfte ihn betrachten, sie durfte nach ihm lechzen, aber sie durfte ihn nicht anfassen oder sonst irgendwie mit ihm interagieren, ihr Gelübde verbot ihr das. Ihr kleiner Streich war nach hinten losgegangen, denn nun war der ständige anblick seiner Lanze genausoviel Folter für sie, wie der Anblick ihres innersten, geheimsten Tempels eine für ihn war.
Der Rat hingegen, den sie ihm gegeben hatte, war derweil absolut korrekt, er würde noch einmal mit Garra sprechen und herausfinden, wie weit die Nea-Phi-Lim bereits vorgedrungen waren und dann würde er mit dem Hauptmann der Wache sprechen und sie würde die wenigen Späher, die sie schicken konnten, genau in diesen Gebieten einsetzen und hoffen, dass alles gut ging.
„Wieder einmal beweist du, dass du weiser bist, als deine Jahre es vermuten lassen, ehrenwerte Hohepriesterin.“
antwortete er schließlich mit einer respektvollen Verbeugung, woraufhin die junge Tigerin lächelnd nickte.
„Aber ich würde dir empfehlen, deine Robe zu schließen.“
fügte er hinzu und grinste, wobei seine Augen noch einen Moment länger auf der Scham der Hohepriesterin verweilten.
„Ein geringerer Tiger hätte sich vielleicht nicht beherrschen können.“
Daraufhin zog sie ihr Gewand lasziv enger um sich und verknotete den Gürtel, womit der Blick auf ihre Reize verdeckt war, aber ihr Grinsen konnte sie nicht verstecken. Auch wenn ihr kleiner Streich ein wenig nach hinten losgegangen war, so hatte er seinen Zweck erfüllt.
„Nun, Großer Khan, da dein Wissensdurst für den Moment gestillt ist, würde ich mich jetzt gerne wieder zurückziehen, es gibt noch viel für mich zu tun, und du hast einen Gefangenen zu befragen.“
gab sie schmunzelnd zu verstehen und scheuchte ihn schon fast aus ihrem Garten, was ihr mit einem wissenden Grinsen gedankt wurde, aber schließlich gab der Anführer der Tiger nach. Er verabschiedete sich, verbeugte sich abermals und wandte sich zum Gehen. Während er sich von ihr entfernte, lief er noch ein wenig seltsam, es würde noch einen Moment dauern, bis sein kleiner Khan sich vollständig entspannt hatte, aber das war es wert gewesen.
Hinter ihm sah die Hohepriesterin ihm noch einen Augenblick länger nach, bis er schließlich im Säulengang verschwand und wünschte sich einmal mehr, dass sie das Gelübde nicht abgelegt hätte. Alles in ihr schrie danach, sich Befriedigung zu verschaffen, egal wie …
Der Große Khan bewegte sich mit schnellen, aber nicht gehetzten Schritten durch den Tempel. Dieses Bauwerk, das er in- und auswendig kannte, hielt keine Geheimnisse mehr für ihn bereit. Jeder Gang, jede Nische war ihm genauso bekannt wie all die kleinen und geheimen Abkürzungen, die man nehmen konnte, wenn man bereit war, um die Ecke zu denken. Schon als kleiner Welpe war er über die Wände geklettert und hatte die breiten Simse der Außenfassade genutzt, um nicht den langen Weg von einem Ende des Tempels zum anderen nehmen zu müssen.
Dieses Mal war sein Ziel die Kaserne der Wache, wo er sich eine Karte der umgebenden Gebiete zu „borgen“, damit Garra ihm zeigen konnte, wo er seine Späher einsetzen musste. Er hoffte inständig, dass der Hauptmann nicht alles mitgenommen hatte, denn sonst müsste sein Tete-a-Tete mit dem Jaguar noch eine Weile länger warten.
Die Kaserne war am hinteren Ende der Tempelanlage und normalerweise musste man um den Tempel herumlaufen, um sie zu erreichen, aber der Große Khan war bereit, die Regeln ein wenig zu beugen, und so fand er seinen Weg dorthin deutlich schneller und kürzer.
Die Räumlichkeiten der Kaserne waren still und verlassen, nun da praktisch alle Tiger im Einsatz waren und die wenigen, die im Tempel zurück geblieben waren, teilten sich den Wachdienst am Haupttor und den wenigen inneren Kontrollpunkten des Tempels auf. Es fühlte sich falsch an, dass hier kein Tiger zu sehen oder zu hören war. Die Luft schmeckte schal und der sonst allgegenwärtige … Gestank … den über einhundert Tiger in einem viel zu kleinen Gehege produzierten, war doch deutlich abgeschwächt, nachdem die Krieger des Khans diese Räumlichkeiten nun schon vor einiger Zeit praktisch verlassen hatten.
Mit einem Seufzen und einem Gefühl, dass diese Leere vielleicht schon viel zu bald aus anderen Gründen eine Realität werden könnte, schlich der Anführer der Tiger durch den breiten Gang, der mitten durch das Truppenquartier seiner Garde führte, hin zu der Kammer, die der Hauptmann normalerweise sein Eigen nannte.
Tatsächlich war das organisierte Chaos, das sonst das Gemach des Hauptmanns war, fast schon ordentlich aufgeräumt. Der Anführer seiner Truppen hatte den größten Teil seiner Ausrüstung und einen signifikanten Teil der restlichen Unterlagen mit zum Kommandoposten genommen, aber es bleiben immer noch einige zusammengerollte Pergamente in den einzelnen Ablagen zurück. Vorsichtig begann der Große Khan damit, die einzelnen Dokumente zu sichten, bis er schließlich eine Karte fand, die zwar nicht wirklich detailliert aussah, aber zumindest das Areal zeigte, welches er suchte. Zufrieden rollte er sie wieder ein und verstaute die anderen Pergamente wieder dort, wo er sie gefunden hatte.
„Man nennt es organisiertes Chaos … ich finde keine Organisation hier drin …“
murmelte er vor sich hin, während er vorsichtig die empfindlichen Rollen wieder in die Ablage stopfte, aber er hatte, was er wollte und zog sich wieder aus dem Refugium des Hauptmanns zurück. Die aufgerollte Karte in der Hand, folgte er seinem eigenen Pfad zurück zum Hauptgebäude des Tempels, wo er in den Kerker hinunter steigen würde, um dem gefangenen Jaguar einen weiteren Besuch abzustatten.
In der Tat dauerte es nicht lange, bis sich der Große Khan auf der Treppe hinunter in den Kerker fand. Die schmale Treppe, die in das Untergeschoss des Tempels, wurde nur vom Schein einer einzelnen Öllampe erhellt, die im Gang unter ihr platziert worden war. Als er unten angekommen war, konnte er den einzelnen Tiger sehen, der vor der einzigen besetzten Zelle Wache hielt. Er war gerade dabei, Liegestütze zu machen und zählte dabei laut vor sich hin, während aus der Zelle die Stimme des Jaguars drang, der mit dem Tiger zählte. Der Große Khan schüttelte amüsiert den Kopf und kam näher.
„Amüsiert ihr beide euch gut?“
fragte er, als er fast bei der Zelle war und erschreckte dabei seinen Untertan so sehr, dass dieser sich beim Aufspringen komplett verhaspelte. Es dauerte einen unangenehm peinlichen Moment, bis der Tiger sich sortiert hatte und dann vor dem Großen Khan niederkniete.
„Erhebe dich.“
forderte er und die Wache richtete sich wieder auf, allerdings weniger elegant, als der Anführer es gewohnt war.
„Wie ich sehe, gibst du dir große Mühe in Form zu bleiben und gehe davon aus, dass dies auch für unseren Gefangenen gilt?“
fragte der Große Khan und deutete dabei auf die Zellentür. Die Wache nickte eifrig.
„In der Tat war es Garras Idee ein wenig zusammen zu trainieren, es ist uns ein liebgewonnener Zeitvertreib geworden, der uns beiden gegen die Langeweile hilft.“
gab der Tiger zu und hoffte, dass sein Anführer nichts dagegen einzuwenden hatte. Dieser nickte nur leicht.
„Nun, solange es hilft, soll es mir Recht sein. Öffne die Tür, ich muss mit ihm reden.“
befahl der Khan ruhig und die Wache kam seiner Forderung, ohne zu zögern nach. Es war mittlerweile nicht mehr nötig Garras jedesmal zu erinnern, dass er von der Tür zurück zu treten hatte, wenn sie geöffnet wurde, er hatte sich bisher immer kooperativ gezeigt, so dass die Wachen davon absahen.
Als der Khan sich durch die Tür duckte, stand Garra vor seiner Koje und erwartete ihn bereits. Die beiden mächtigen Katzen starrten sich für einen Moment lang an, testeten die Willensstärke des jeweils anderen, bevor beide respektvoll nickten. Keiner würde dem anderen den Sieg gönnen, jedenfalls nicht so einfach. Schließlich trat der Große Khan vor und zog die Zellentür hinter sich zu, wobei er den Blickkontakt willentlich unterbrach, es fühlte sich zwar nicht richtig an, als erster dem Blick des anderen auszuweichen, aber er wollte auch nicht ewig mit diesen kleinen Machtkämpfen beschäftigt sein. Als er sich wieder dem Jaguar zuwandte, lächelte er dünn, deutete auf die Koje an der Wand und lud sein Gegenüber damit ein, sich zu setzen. Garra kam dem nach und nahm Platz, während der Khan sich wieder den Schemel nahm.
„Sei mir gegrüßt, Garra. Wie du sicherlich schon gehört hast, sind die Gespräche mit den Pflanzenfressern nicht gerade … hmmm … vorteilhaft verlaufen.“
eröffnete der Tiger das Gespräch, und der Jaguar nickte knapp, wobei er davon ausging, dass sie nicht allzu katastrophal verlaufen sein konnten, schließlich hatten sie ihn nicht sofort nach, oder sogar noch während der Versammlung aus seiner Zelle gezerrt und hingerichtet.
„Nun, ich kann mir denken, dass diese Vegetarier nicht ganz glücklich darüber sind, dass ich noch hier bin.“
erwiderte Garra leise und schielte zur Zellentür, die dieses Mal nicht abgeschlossen war. Der Große Khan neigte seinen Kopf leicht und verzog die Miene grimmig.
„Um ganz ehrlich zu sein, sie wollen deinen Kopf … und meinen am liebsten gleich dazu.“
gab er wahrheitsgemäß zu und stützte sich mit seinen Ellbogen auf seine Knie, während er das zusammengerollte Pergament in seinen Händen hin und her rollte. Sein Gegenüber nickte stumm, er hatte sich so etwas schon fast gedacht.
„Da du die Zellentür nicht hast verriegeln lassen, gehe ich davon aus, dass meine … unsere Hinrichtung allerdings noch nicht terminiert ist?“
fragte Garra schließlich und wurde mit einem geschnaubten Schmunzeln und einem Kopfschütteln belohnt.
„Noch nicht, allerdings haben sie uns in gewisser Weise ein Ultimatum gestellt. Sie sind nicht dumm, sie wissen, dass sie keinerlei Chance in einem Kampf gegen diese Nea-Phi-Lim haben. Sie brauchen uns, aber sie müssen natürlich ihren Standpunkt, der nicht ganz falsch ist, verteidigen. Sie wollen mehr Informationen, Beweise für deine Geschichte, sonst ziehen sie uns das Fell über die Ohren.“
erklärte der Große Khan und zog den niedrigen Tisch, den Garra für sein Training an die Wand geschoben hatte, in die Mitte zwischen sie, bevor er die Karte darauf platzierte. Er entrollte das Pergament und eine blasse, aber farbige Karte des Dschungels kam zum Vorschein, in deren Mitte ein Gebiet mit einer roten Linie eingerahmt war.
„Dies ist eine ungefähre Karte unseres Territorium und der umliegenden Gebiete …“
begann der Tiger und zeigte auf den eingekreiste Bereich der Karte.
„… die östlichen Gebirge, von denen aus sich die Nea-Phi-Lim ausbreiten, sind hier. Ich muss ungefähr wissen, bis wohin sich diese feigen Bastarde bereits vorgewagt haben, damit ich meine Späher effizient einsetzen und möglichst schnell Beweise für all das finden kann.“
erklärte der Große Khan und sah über den Tisch hinweg zu Garra, der pflichtbewusst die Karte studierte. Sie war in der Tat nicht sehr genau, was ihn aber nicht wirklich wunderte, immerhin waren die Tiger nicht dafür bekannt, ihr Gebiet zu verlassen und sich die Gegend außerhalb anzusehen. Er bezweifelte, dass auch nur ein Tiger in den letzten 200 Jahren ihr Territorium verlassen hatte, um Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen. Dies bedeutete im Umkehrschluss, dass ihr Wissen um die Geographie auf schrecklich veralteten Daten basierte, wenn sie überhaupt eine Ahnung hatten, was es da draußen alles gab. Auf der Karte waren einige Fixpunkte verzeichnet, die jedoch eine Orientierung ermöglichten und Garra nutzte sie, um dem Khan die Lage zu erklären. Seine Klauen kratzen vorsichtig über das alte Pergament, während er zu dem Anführer der Tiger sprach.
„Diese Karte ist wirklich nicht sehr genau, aber sie ist alles, was wir im Moment haben. In den letzten Jahrzehnten hat dieser Fluss sein Bett verlassen und sich hier ein neues geschaffen. Hier, hier und hier gibt es größere Pflanzenfresser-Siedlungen, größtenteils Wasserbüffel und Okapis, die ich an eurer Stelle meiden würde. Die Pflanzenfresser außerhalb dieses Gebiets sind etwas … hmm, wie soll ich es ausdrücken …“
begann der Jaguar und der Große Khan vollendete für ihn:
„… weniger unterwürfig? Verhandlungsbereit? Nachsichtig?“
„Ich dachte eher an wehrhaft, aber ja, du verstehst, was ich meine. Gut, wir haben die ersten Leichen hier und hier gefunden, aber uns Jaguare zieht es nicht so in die Berge, es ist also durchaus möglich, dass es auch in den Gebieten weiter östlich Fälle gab.“
berichtete Garra und markierte die Stellen auf der Karte, indem er kleine Steine vom Boden aufhob und sie auf die jeweiligen Bereiche der Karte legte, während der Khan sich die Veränderungen auf der Karte einprägte und nickte.
„Mhm, ich werde dies an meine Späher weitergeben. Wo habt ihr die letzten Opfer gefunden?“
entgegnete der Khan und sah zu seinem Gefangenen auf, der sich auf die Karte konzentrierte und überlegte, wo er und seine Begleiter die Grenze überquert hatten. Vorsichtig zog er eine Linie mit seiner Kralle über die Karte.
„Ich glaube, etwa in diesem Bereich. Es ist schwer zu sagen, da diese Nea-Phi-Lim, wie du sie nennst, eigentlich immer in Bewegung sind, und natürlich könnte es sein, dass sie inzwischen noch näher gekommen sind.“
Seine Klaue umkreiste ein Gebiet nicht weit von einer der Siedlungen, die er zuvor markiert hatte, woraufhin der Große Khan bedächtig nickte. Das brachte sie natürlich in mehrerlei Hinsicht in Gefahr. Nicht nur, dass sie auf feindlichem Gebiet unterwegs waren, wo alles und jeder ihnen ans Leder wollte, sie würde sich in unmittelbarer Nähe einer der großen Siedlungen aufhalten und die Pflanzenfresser würde sowieso schon in Hab-Acht Stellung sein und sich und ihr Gebiet mit Argusaugen überwachen, und sie würden ein begehrenswertes Ziel für die Nea-Phi-Lim abgeben. All das gefiel dem Anführer der Tiger überhaupt nicht, aber was für eine Wahl hatte er?
„Ich muss zugeben, das alles ist ganz schön riskant, aber wir werden eine Handvoll Späher aussenden, in der Hoffnung, mehr Informationen zu sammeln und unsere Verbündeten, wenn man sie so nennen kann, zur Zusammenarbeit zu bewegen. Es wäre kontraproduktiv, wenn wir Gewalt anwenden müssten um eine Kooperation zu erzwingen.“
erklärte der Große Khan schließlich und blicke noch einmal auf die Karte und dann zu Garra, der ruhig nickte. Er konnte verstehen, dass der Tiger sein Bündnis mit den Pflanzenfressern nicht aufs Spiel setzen wollte, es war schließlich eine Win-Win-Situation, in der sie sich befanden, und jede Abweichung davon würde unweigerlich dazu führen, dass sie ihre Kräfte aufteilen und weniger effizient vorgehen müssten.
„Ich würde gerne helfen. Ich könnte deine Späher führen, oder wir könnten versuchen, mit den anderen Jaguaren Kontakt aufzunehmen, um deren Unterstützung bitten.“
bot Garra an und der Große Khan war wirklich versucht sein Angebot anzunehmen, aber zumindest für den Moment war das noch keine Option. Die Pflanzenfresser würde dies als den ultimativen Verrat ansehen, also schüttelte er schließlich den Kopf.
„Ich kann dich noch nicht aus dieser Zelle entlassen. Noch nicht. Ich brauche erst mehr Beweise, damit ich die Pflanzenfresser von der Bedrohung und der Notwendigkeit, unsere Truppenstärke zu erhöhen, überzeugen kann. Ich kann im Moment keinen Aufstand gebrauchen.“
erwiderte er und Garra konnte ihm tatsächlich nur zustimmen, auch wenn das bedeutete, dass er noch länger in dieser Zelle feststeckte, die ihn langsam aller Sinne beraubte. Der Große Khan rollte indes vorsichtig die Karte zusammen und nahm sie wieder an sich, bevor er sich erhob. Garra blieb sitzen, blickte aber zu seinem Wärter auf und lächelte dünn.
„Gut, ich werde mich dann vorerst verabschieden, es gibt viel zu tun.“
Garra atmete tief durch und nickte.
„Ich wünschte, ich hätte ein bisschen mehr zu tun, als mich mit dem Wächter vor der Tür zu messen.“
entgegnete der Jaguar und beide mussten kurz schmunzeln, aber schließlich nickte auch der Khan und wandte sich zur Tür, es gab nichts, was er im Moment für den Jaguar tun konnte. Er schob die Tür auf und verließ die Zelle.
Als sich die Tür hinter dem Großen Khan wieder schloss, war Garras wieder allein mit sich selbst. Für einen Moment blieb er auf der Koje sitzen und dachte über sein Gespräch mit dem Khan nach. Er hoffte inständig, dass die Späher genügend Beweise finden und auch heranschaffen konnten, dass die Pflanzenfresser sich von der Bedrohung überzeugen ließen. Er war noch nicht bereit, sich zum Schafott führen zu lassen.
Er mahlte mit den Kiefern, sah zur Tür und überlegte, ob er seinen Wächter zu einem weiteren Training motivieren sollte, entschied sich schließlich aber dagegen und beschloss, sich bis zu seiner nächsten Mahlzeit hinzulegen.
Während der Jaguar noch mit seinem Los haderte, war der Große Khan unterwegs zu seinen Gemächern. Er würde seine Töchter und seine Frauen über das Ergebnis seiner Unterhaltung mit Garras berichten und ihnen gleichzeitig mitteilen, dass er kurzfristig den Tempel verlassen würde, um dem Hauptmann der Wache die neuen Befehle persönlich zu überbringen. Auf der einen Seite freute er sich, den Tempel verlassen zu können, auf der anderen Seite war ihm ein wenig mulmig zumute, da er seine Truppen ins Ungewisse schicken würde. Er versuchte diese Gedanken zu verdrängen, denn es war einmal ein notwendiges Übel und er wollte sich den Abend mit seinen Konkubinen nicht damit verderben, aber es war nicht einfach.
Unwillkürlich beschleunigte er seinen Schritt und eilte durch die Gänge ins Herz des Tempels, wo sich seine in ständige Dunkelheit verhüllten Gemächer befanden. Die Verlockungen dessen, was ihn dort erwartete, hatten doch eine stärkere Wirkung auf ihn, als er es offen zugeben wollte. Als er schließlich um die letzte Ecke bog fand er die Tür unbewacht vor, die Wachen waren schon vor einigen Tagen abgezogen worden, weil man sie an anderer Stelle dringender benötigte. Außerden war ein Harem voller kampferprobter Tigerinnen durchaus in der Lage sich selbst zu verteidigen. Lächelnd näherte er sich der großen Tür und zog sie auf, wobei der typische Geruch vieler Großkatzen auf engem Raum ihm entgegenschlug. Was andere vielleicht abschrecken würde, ließ sein Herz höher schlagen, seine Konkubinen warteten auf ihn und die Dunkelheit lockte ihn mit dem Versprechen die Anspannung des Tages in Wohlgefallen aufzulösen. Langsam überschritt er die Schwelle und ließ sich selbst von den Schatten verschlingen, während er die Tür hinter sich zu zog. Noch während er sich durch den Vorraum bewegte, konnte er bereits das ungestüme Treiben seiner Frauen hören, die sich bereits prächtig zu vergnügen schienen. Er bemerkte wie er sich langsam zu entspannen begann und wie der Druck in seinem Nacken nachließ. Mit jedem Schritt, den er tat wurden seine Bewegungen wieder geschmeidiger und ein Lächeln malte sich auf seine Lippen, eines das tatsächlich auch seine Augen erreichte. Er liebte seine Konkubinen … alle … und sie liebten ihn.
Als er sich der ersten Tür näherte, konnte er im Schein der Öllampen, die hektischen Schatten dessen sehen, was sich im Harem abspielte. Das laute Gelächter würde gelegentlich unterbrochen, aber konnte nicht ganz verstehen, was seine Geliebten da miteinander tuschelten, aber als als schallte das Gelächter wieder in den Gang. Er grinste und ging zur Tür, Griff nach der Klinke und wartete noch einen Moment, dann riss er die Tür schwungvoll auf und Stand direkt mitten unter ihnen.
„Was für ein Verrat wird hier ausgeheckt?!“
rief er laut und wich instinktiv dem ersten Kissen aus, das nach ihm geworfen wurde. Einige der Konkubinen kreischten und zeterten, während sie fast übereinander herfielen, während Pecada, die auf einem der bequemen Lager fläzte und ihn nur amüsiert ansah. Ihr langsames, laszives Zwinkern sagte mehr als tausend Worte.
„Was hat die Hohepriesterin gesagt?“
fragte sie gerade laut genug, um den Tumult im Raum zu übertönen, während die anderen Tigerinnen weiterhin laut lachten und mit Kissen um sich warfen, denen der Khan gekonnt auswich, oder sie auffing und zurück warf. Nach und nach, warfen sie sich in Pose und präsentierten ihre Reize, in der Hoffnung, dass der Khan sie gegenüber den anderen bevorzugte. Langsam bahnte der Große Khan sich seinen Weg durch die kichernden, jauchzenden Konkubinen und verteilte kleine Streicheleinheiten und Küsse, während er zielstrebig auf Pecada zuhielt.
„Sie hat mir eine Strategie vorgeschlagen, die ich bereits mit Garra abgesprochen habe und die ich umzusetzen gedenke. Dies verlangt jedoch, dass ich mich zum Kommandoposten begebe und ich möchte, dass du und Amelia mich begleiten.“
erklärte er, als er etwa zwei Drittel des Wegs geschafft hatte, und als er die enttäuschten Gesichter seiner Geliebten sah, zogen sich seine Mundwinkel zu einem diebischen Lächeln zurück.
„Aber noch haben wir Zeit, schließlich kann ich meine Pflichten hier ja nicht vernachlässigen.“
fügte er fröhlich hinzu und mit einem leisen Knurren packte er den Schwanz einer der Tigerinnen und zog sie sachte, aber mit Nachdruck zu sich heran.
Das laute Lachen und Kreischen seiner Konkubinen wurde von seinem Knurren untermalt und schnell von anderen Geräuschen abgelöst, während Pecada leise den Raum verließ. Sie würde noch genug Zeit haben, um ihren Spaß mit ihm zu haben, wenn sie erst auf dem Weg zum Außenposten waren. Sie hatten beide den Tempel schon seit einer langen Zeit nicht mehr verlassen und sie würde diese Gelegenheit zu nutzen wissen, aber für den Moment gab es andere Dinge zu erledigen. Sie ging den dunklen Gang hinunter, in Richtung des Zimmers ihrer Töchter, um Amelia wissen zu lassen, dass sie ihren Vater und sie auf einen Ausflug begleiten würde. Emily würde im Tempel verbleiben, auch wenn es sich unfair anfühlte, die Jüngere nicht mitzunehmen.
aber nicht nur im Harem ging es hoch her, auch im Zimmer der beiden jungen Tigerinnen herrschte eine ausgelassene Stimmung, denn die Beiden saßen sich auf ihren Betten gegenüber und diskutierten angeregt darüber, welcher Tiger unter den Kriegern ihres Vaters vielleicht einen geeigneten Partner abgeben würde.
Im Moment war es Amelia, die versuchte ihre Wahl vor ihrer Schwester zu verteidigen:
„Oh, ich mag Ramirez. Er ist nicht nur groß, er ist auch stark und er hat sogar was in seinem großen Kopf.“
schlug sie überzeugt vor, aber ihre jüngere Schwester schüttelte ihren Kopf heftig.
„Du hast da was falsch verstanden, Schwesterchen, es heißt auf den Kopf. Er hat etwas auf den Kopf gekommen, nicht in den Kopf. Dieser, zugegebenermaßen, große und starke Idiot ist im Training schon zu oft mit einer Keule zusammengestoßen, aber ich muss trotzdem zugeben, da ich ihn schon nackt gesehen habe, nicht nur seine Muskeln sind groß.“
erwiderte Emily und gestikulierte mit ihren Händen, um die Größe von Ramirez’ bestem Stück zu zeigen, woraufhin beide in wildes Gelächter ausbrachen und Kissen ihre Besitzer wechselten.
„Er ist nicht dumm, nur ein bisschen … langsam!“
verteidigte Amelia ihren Kandidaten, aber Emily, einmal Blut geleckt, ließ nicht locker.
„Hör zu, Schwesterherz, er wird versuchen, sein wirklich enormes Ding in deinen Bauchnabel zu stecken, SO dumm ist er.“
erwiderte die Jüngere und wurde prompt von einem Kissen mitten ins Gesicht getroffen, bevor Amelia erneut Partei für ihren Auserwählten ergriff.
„Das ist nicht wahr, ich … ich habe gesehen, dass er weiß wo es hingehört!“
Es klang fast schon trotzig und sie verschränkte ihre Arme vor ihrer Brust, während sie Emily anstarrte, die ganz langsam das Kissen von ihrem Gesicht nahm und sie ungläubig über dessen Rand ansah.
„Hast du nicht … du hast ihn nicht wirklich mit einer anderen gesehen …“
entgegente sie geradezu entrüstet, aber Amelia grinste nur von Ohr zu Ohr und nickte langsam.
„Doch, doch habe ich … er hat es mit einer der Priesterinnen getrieben, in einer der Nischen im dritten Innenhof. Bei den Ahnen, du hättest sie hören sollen, bei den Stimmen, die sie gemacht hat, muss es ein unglückliches Gefühl gewesen sein.“
erzählte die Ältere und die Sehnsucht und Erregung in ihrer Stimme waren deutlich zu erkennen, während sie verträumt ihre Augen rollte. Als sie das hörte, war es mit Emilys Zurückhaltung zu Ende und sie sprang hinüber auf Amelias Bett und riss ihre Schwester dabei um. Nach einem kurzen Gerangel, musste sich die ältere der beiden geschlagen geben und Emily kauerte schwer atmend über ihrer Schwester und starrte sie mit einem mörderischen Grinsen an, während die Besiegte mit einem beschämten Lächeln zu ihr aufsah.
„Du musst mir alles erzählen und wehe, du lässt auch nur ein Detail aus!“
forderte die jüngere Tigerin, woraufhin Amelia laut lachte und noch einmal versuchte, sich von ihr zu befreien, hatte aber keine Chance gegen ihre Schwester, die sich in der taktisch überlegenen Position befand. Als Amelia schließlich aufgab, sah sie Emily tief in die Augen und beide spürten die Anspannung zwischen sich, aber noch bevor eine von ihnen handeln konnte, durchdrang eine Stimme die Stille des Raumes.
„Was soll sie dir denn erzählen, mein Schatz?“
Der Stimme folgend sahen beide Mädchen zur Tür ihres Zimmers und dort lehnte ihre Mutter am Türrahmen und grinste. Das Entsetzen war beiden regelrecht ins Gesicht geschrieben und Emily sprang förmlich von ihrer Schwester herunter und setzte sich brav an die Bettkante. Pecada schüttelte sanft ihren Kopf, betrat das Zimmer und ging zu Emilys Bett, wo sie sich hinsetzte und zu ihren beiden Mädchen hinüber sah. Amelia setzte sich auf, während Emily unruhig auf der Bettkante hin und her rutschte. Mit einem amüsierten Schmunzeln legte Pecada ihren Kopf zur Seite und zog die Brauen hoch.
„Also, raus damit, was habt ihr zwei schon wieder angestellt?“
fragte sie noch einmal und wartete ab, bis eine ihrer Töchter endlich mit der Sprache herausrückte. Emily brodelte bereits vor Aufregung, aber sie wusste, dass es nicht an ihr war, Amelias kleines Abenteuer zu verraten. Die ältere er Beiden presste derweil die Lippen zusammen, unwillig ihr kleines Geheimnis so einfach zu verraten, aber als ihre Mutter schließlich langsam blinzelte und fast unmerklich nickte, wusste sie, dass sie nicht ohne eine Offenbarung davon kommen würde.
„Ich … ich habe gesehen, wie Ramirez es mit einer der Priesterinnen … gemacht hat.“
platzte es schließlich aus Amelia hervor und sie hörte sich dabei deutlich aufgeregter an, als sie es eigentlich wollte, während neben ihr Emily aufgeregt auf und ab hüpfte. Pecada atmete tief durch, rollte mit den Augen und schüttelte ungläubig den Kopf.
„Kinder, Kinder, Kinder … und das ist so eine große Sache? Ihr werdet euch noch früh genug damit auseinandersetzen müssen. Es ist eine wunderschöne Sache, aber so aufregend ist es auch nicht. Lasst euch noch ein bisschen Zeit damit.“
erklärte die erste Konkubine des Khans mit einem mütterlichen Lächeln, bevor sie sich auf der Bettkante noch einmal aufrichtete und ein wenig ernster zu ihren Töchtern hinüber schaute.
„Aber lassen wir das für den Moment, euer Vater schickt mich. Er, ich und du Amelia, werden einen kleinen Ausflug machen. Emily, du bleibst derweil hier und gibst darauf acht, dass hier im Tempel alles mit rechten Dingen zugeht. Ich zähle darauf, dass hier alles in bester Ordnung ist, wenn ich wieder zurückkomme.“
Sie blieb ruhig und ernst, als sie ihren Töchtern von den Plänen ihres Geliebten erzählte und während Amelias Augen förmlich zu leuchten begannen, bei der Aussicht, den Tempel für einen Exkurs verlassen zu dürfen, sah Emily eher enttäuscht aus. Wieder wurde ihre Schwester bevorzugt behandelt, und auch wenn sie natürlich wusste, dass dies in erster Linie damit zu tun hatte, dass ihre Eltern Amelia für die Thronfolge vorbereiten wollten, stieß ihr das sauer auf. Ja, es war eine gute Gelegenheit, ihrer Schwester Einblick in die nicht so alltäglichen Geschäfte ihres Vaters zu gewähren, aber warum sollte sie denn da nicht auch dabei sein? Würde ihr diese Einsicht nicht auch für späteres Leben helfen? Sie fühlte sich zurückgelassen, als dieser Aufgabe nicht geeignet abgestempelt, als das sprichwörtliche fünfte Rad am Wagen. Pecada entging das nicht. Sie wartete einen Moment und suchte dann den Augenkontakt mit ihrer jüngeren Tochter.
„Emily, Schatz, ich weiß, dass du dich ausgeschlossen fühlst, ich kann das auch vollkommen verstehen, aber die Gründe dafür sind vielleicht anders, als du und Amelia denken. Euer Vater und auch ich machen uns Sorgen, es ist im Moment sehr gefährlich, auch in unserem Dschungel. Viel gefährlicher als sonst. Wir können nicht ausschließen, dass uns, während wir da draußen sind, etwas zustößt. Wir haben zwar ein Kontingent an Leibwächtern dabei, aber wenn auch nur die Hälfte von dem, was wir bisher herausgefunden haben, wahr ist, werden uns auch die Leibwächter dabei nicht viel nutzen.“
erklärte sie ruhig, während sie Emily mit einer erhobenen Hand davon abhielt, sie zu unterbrechen.
„Dein Vater und ich wollen nur sichergehen, dass, in dem unwahrscheinlichen Fall, dass uns etwas zustößt, wenigstens du hier in Sicherheit bist und das Zepter übernehmen kannst. Ich weiß, mein Schatz, es ist eine große Bürde und ich wünschte, wir müssten es nicht tun. Wenn alles halbwegs nach Plan läuft, dann werden wir am Ende darüber lachen, wie übervorsichtig wir doch waren, aber wir alle wissen, wie das mit den Plänen manchmal ist, und ich habe lieber einmal zu viel, zu vorsichtig gehandelt, als dass wir am Ende da stehen und alles ist verloren.“
fügte sie leise, aber ernst hinzu und Emily nickte. Es war eine kleine, fast unmerkliche Bewegung und sowohl Amelia als auch Pecada wussten, dass die junge Tigerin die Entscheidung zwar akzeptieren würde, sie wusste es besser, als ihrem Vater bei so etwas zu widersprechen, aber damit nicht glücklich sein würde. Als sie schließlich zu ihrer Mutter aufsah, bebten ihre Lippen.
„Wenn es so gefährlich ist, wäre es dann nicht besser, Amelia hier zu lassen? Immerhin ist sie die rechtmäßige Thronfolgerin und für diese Aufgabe auch deutlich besser geeignet als ich. Was ist, wenn ihr etwas zustößt?“
Es war kein Protest, es war eine ernstgemeinte Frage, die Emily leise und zögerlich vortrug, woraufhin Amelia sich an sie anlehnte und ihr den Arm um die Schultern legte. Pecada nickte ruhig.
„Ja, im Grunde wäre das die bessere Alternative, aber dein Vater hat es entschieden und er möchte, dass Amelia uns begleitet, weil es etwas zu lernen gibt. Er ist sich sicher, dass Amelia von der Erfahrung im Feld profitieren wird.“
antwortete ihre Mutter und hob den Zeigefinger.
„Aber, ich werde dafür sorgen, dass du beim nächsten Ausflug mitkommen darfst, während Amelia hier bleibt. Ausgleichende Gerechtigkeit. Einverstanden?“
fragte sie schließlich mit einem sanften, aufmunternden Lächeln, während Amelia ihre Schwester in eine Umarmung zog. Emily nickte, aber sie war definitiv nicht einverstanden, nicht im geringsten, aber sie würde nicht widersprechen, stattdessen erwiderte sie die Umarmung und drückte ihre Schwester fest an sich.
„Bitte, bitte, pass auf dich auf.“
flüsterte sie leise in Amelias Ohr und hielt sie fest an sich gedrückt, bis sich ihre Schwester schließlich von ihr befreite. Auf der anderen Seite des Zimmers war Pecada stolz auf ihre Mädchen. Ihr Zusammenhalt, selbst unter diesen schwierigen Bedingungen, war stark und sie setzten sich offen füreinander ein, das war beileibe keine Selbstverständlichkeit. Normalerweise gab es starke Rivalitäten zwischen Geschwistern, die nicht selten in Blut und Tränen endeten, selbst unter den Tigern. Sie lächelte.
„Aber, wir haben noch etwas Zeit, euer Vater ist noch … beschäftigt.“
merkte Pecada an und die Art, wie sie es sagte, gepaart mit dem diebischen Lächeln, das ihre Lippe zierte, brachte ihre Töchter zum Kichern. Die beiden wussten sehr wohl, wie ihr Vater sich mit seinen Konkubinen vergnügte, es war kein Geheimnis. Auf eine gewisse Weise waren sie alle drei sogar froh darüber, denn es würde dafür sorgen, dass zumindest ein paar seiner aufgestauten Emotionen und Teile seines Stresses verarbeitet und abgebaut würden. Wahrscheinlich würde er für die nächsten Tage deutlich umgänglicher sein.
Es war Amelia sie als erste ihre Stimme wieder fand und fragte:
„Wer ist diesmal die Glückliche?“
Woraufhin ihre Mutter mit den Schultern zuckte.
„Es ist durchaus im Bereich des Möglichen, dass sie heute alle Glück haben werden … er war vorhin nicht gerade wählerisch.“
antwortete Pecada beiläufig und sah amüsiert zu, wie ihren Töchtern die Kinnlade herunterfiel und Amelia an ihren Fingern abzählte welche der Frauen ihres Vaters zur Zeit im Tempel waren.
„A … alle?“
fragte sie sichtlich schockiert und hielt ihrer Mutter ihre abgezählten Finger hin, die die Aufzählung abnickte.
„Oh … oh je …“
fügte Emily zu.
„Respekt vor unserem alten Herrn.“
schloss Amelia und nickte respektvoll, während ihre Mutter laut lachte.
„Oh mein süßes Kind, unterschätze deinen Vater nicht. Seine Ausdauer und sein Standvermögen sind immer noch durchaus bemerkenswert.“
antwortete Pecada süffisant und beobachtete mit diebischer Freude, wie die Ohren beider Mädchen tiefrot anliefen. Sie schüttelte langsam den Kopf, während sie sich von Emilys Bett erhob und sich genüsslich streckte, bevor sie sich zur Tür wandte.
„Also, ich erwarte dich dann zum Morgengrauen am Haupttor, Amelia. Du solltest dich auf eine etwa zweitägige Reise vorbereiten und nimm deine Rüstung und Waffen mit.“
merkte sie an und verließ den Raum. Als sie die Tür hinter sich schloss, waren die beiden jungen Tigerinnen wieder allein mit sich selbst und es legte sich eine unangenehme Stille über sie. Beide saßen noch für eine Weile schweigend auf dem Bett der älteren, während Emily noch immer die Hände ihrer Schwester umfasst hielt. Es war nicht direkt Angst, was die beiden fühlten, aber die Tatsache, dass es nun langsam ernst zu werden schien und sie das erste Mal überhaupt länger als nur ein paar Stunden voneinander getrennt sein würden, lastete dennoch auf ihnen.
Schließlich war es Emily, die sich vorbeugte und ihre Stirn an die ihrer Schwester drückte, in dieser uralten, universellen Geste inniger Zuneigung. Sie atmete tief durch und sah in die Augen ihrer älteren Schwester.
„Bitte pass gut auf dich auf. Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen soll …“
flüsterte sie so leise, dass die Worte nur geradeso Amelias Ohren erreichten. Die Angesprochene erwiderte die Geste und drückte ihre Stirn leicht gegen die der anderen Tigerin, bevor sie fast unmerklich nickte.
„Werde ich, und ich passe auf Mama und Papa auf, ich verspreche es.“
antwortete sie genauso leise und hob vorsichtig ihre Hände an die Wangen ihrer Schwester. Sie blieben noch einen Moment so, genossen den intensiven Kontakt, bevor Amelia ihren Kopf vorsichtig von Emilys Stirn hob und ihr einen kleinen Kuss auf eben diese Stirn gab.
„Wirst du mir beim Packen helfen?“
fragte sie schließlich und Emily nickte.
Es war noch dunkel, als sie sich alle am Haupttor des Tempels versammelten. Im Schein der Fackeln, die von den Leibwächtern getragen wurden, standen der Große Khan, Pecada, Amelia und Emily zusammen mit der Hohepriesterin und tauschten letzte Worte aus, bevor die kleine Delegation sich auf den Weg zum Außenposten der Wache machen würde.
Der Große Khan trug seine Kriegsrüstung und war mit seinem Speer und seiner Keule bewaffnet. Er sah so aus, als würde er sofort in den Krieg ziehen. Natürlich war das nicht der Fall, aber es gehörte zu den Ritualen, die es einzuhalten galt, wenn der Khan den Tempel verließ, vor allem, wenn die Situation so unsicher war wie jetzt. Pecada und Amelia trugen jeweils eine leichte Rüstung und hatten ihre persönlichen Waffen dabei, während die vier Mitglieder der Leibwache ihre Rüstungen unter grünen Kaputzenmänteln trugen und mit Sperren bewaffnet waren.
Die Hohepriesterin war noch damit beschäftigt, Schutzrunen für die Reise zu verteilen, während Emily wie auf heißen Kohlen von einem Bein auf das andere trat. Erst als die Hohepriesterin sich mit einer respektvollen Verbeugung, die von allen erwidert wurde zurückzog, hielt es Emily nicht mehr an ihrem Platz und sie sprang regelrecht vor und zerrte ihre Schwester in eine letzte Umarmung, bevor sie wieder einen Schritt zurück trat.
„Pa … passt gut auf euch auf, ja?“
sagte Emily aufgeregt und ihr Vater nickte besonnen, aber lächelnd. Er würde schon dafür sorgen, dass sie alle wieder sicher und wohlbehalten nach Hause kamen. Im Grunde genommen würde nichts passieren, sie waren noch immer tief in ihrem eigenen Territorium und reisten entlang ausgetretener Pfade. Es war nicht nur unwahrscheinlich, es war regelrecht unmöglich, dass ihre Feinde bereits so weit vorgedrungen waren, zumindest solange sie von Feinden von außerhalb sprachen.
„Wir werden wahrscheinlich morgen Abend schon wieder hier sein. Bis dahin lege ich den Tempel und all seine Bewohner in deine Hand.“
erwiderte der Große Khan und seine ruhige, ernste Stimme gab Emily zumindest ein bisschen Sicherheit zurück.
Dann wandten sie sich zum gehen. Einer der Leibwächter ging voraus, während ihre Familie ihm folgte und die anderen drei Wachen schließlich die Nachhut bildeten. Emily blieb am Haupttor stehen, bis der Schein der Fackeln sich im dichten Dschungel verlor.
Zum allerersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich wirklich allein.
Nachdem die anderen ausgezogen waren um die Pläne ihres Vaters in die Tat umzusetzen war Emily allein zurückgeblieben, die Hohepriesterin hatte sich, unter dem Vorwand noch sehr viel zu tun zu haben, recht zügig in ihre Gemäcer zurückgezogen, und so war Emily wirklich allein. Sie atmete tief durch und zog sich ebenfalls in den Tempel zurück. Die anderen würden nur etwa zwei Tage unterwegs sein, und bereits am folgenden Tag gegen Abend wieder im Tempel zurück erwartet, aber für die junge Tigerin fühlte es sich wie eine Ewigkeit an.
Einsam schlich sie durch die Gänge des fast leeren Tempels und wusste nichts mit sich selbst anzufangen. Es war das erste Mal, dass sie und ihre Schwester für mehr als nur ein paar Stunden getrennt waren und bereits jetzt machte sich eine Sehnsucht in ihr breit, die ihr die Luft zum Atmen nahm. Es war ein Gefühl, das sie so noch nie gespürt hatte. Normalerweise war der Tempel wenigstens voller Tiger und man fand immer etwas zu tun, und wenn es nur das Stibitzen von kleinen Naschereien aus der Vorratskammer war, aber nun, da die größte Teil ihrer Artgenossen ausgerückt war um ihr Territorium und ihren Lebensstil zu verteidigen, waren die Gänge verlassen und still.
Die einzigen Tiger, die noch im Tempel waren, waren der größte Teil der Priesterinnen und Priester, die Tiger die mit der Versorgung ihrer Truppen im Feld beauftragt waren, sowie ein kleines Kontingent der persönlichen Garde ihres Vaters und keiner von ihnen würde im Moment eine gute Gesellschaft abgeben, um sie auf andere Gedanken zu bringen.
Sie betrat die große Halle, an deren anderem Ende die drei Throne standen, auf denen sie normalerweise saßen, wenn sie die Audienzen für das Volk abhielten oder andere offizielle Termine anstanden. Normalerweise genoss sie es mit ihrem Vater, ihrer Mutter und Amelia hier zu sein, es war eine der wenigen Aktivitäten, die sie alle gemeinsam unternahmen, aber nun lag eine fast schon erdrückende Stille über der Halle. Die Feuerschalen waren gelöscht worden, es machte wenig Sinn die Feuer brennen zu lassen, wenn niemand da war, und das Licht der Morgensonne war noch nicht stark genug, um den Raum zu erhellen, somit lag der Raum im Halbdunkel. Es war nicht so, dass die Abwesenheit von Licht ihr viel ausmachte, aber die Art wie die Throne im Schatten lagen, ließ es ihr eiskalt den Rücken herunter laufen.
Emily stieg auf das niedrige Podest, auf dem die Throne standen und ihr kamen die Worte ihrer Mutter wieder in den Sinn: „Wenn uns etwas zustößt, dann bist du noch hier und nimmst das Szepter in die Hand …“
Sie stand direkt vor dem aus einem Granitblock gehauenen Stuhl, den ihr Vater als seinen Thron nutzte. Sie hatte bereits unzählige Male darauf gesessen, zum Spaß, als sie und Amelia noch klein gewesen waren und gespielt hatten, auf dem Schoß ihres Vaters, wenn er wieder einmal viel zu lange für die offiziellen Angelegenheiten gebraucht hatte und ihre Mutter sie losgeschickt hatte um ihn an seine Pflichten als Vater zu erinnern. Es waren schöne Erinnerungen, aber jetzt, da sie vor diesem dunklen, steinernen Amtssitz stand, war das Gefühl ein anderes. Noch nie war ihr der Thron ihres Vaters so groß, so kalt, so erdrückend vorgekommen.
Ihre Hand zitterte, als sie sie nach der Armlehne ausstreckte und sich vorsichtig umdrehte. Ihr Herz schlug schneller, während sie ihr Becken nach hinten schob und es kostete sie echte Überwindung, ihren Po schließlich auf die kalte Sitzfläche des Throns abzusenken. Als kleines Kind war es ein erhebendes Gefühl gewesen, auf dem Sitz des mächtigsten Tiers im ganzen Dschungel zu sitzen und so zu tun, als wäre sie die Königin über das ganze Land, heute fühlte es sich seltsam falsch an. Es war nicht die Kälte des Steins oder seine unnachgiebige Härte, es war die Implikation, die sich daraus ergab, dass sie auf diesem Thron saß. Wenn sie auf diesem Thron sitzen würde, wenn die Sonne am Morgen des übernächsten Tages aufging, dann würden sowohl ihr Vater als auch ihre ältere Schwester nicht mehr am Leben sein. Der Gedanke daran, so unwahrscheinlich dieses Szenario auch sein mochte, schnürte ihr den Atem ab und drehte ihr den Magen um.
Sie schloss die Augen und versuchte, sich zu beruhigen, während ihre Hände sich um die Armlehnen verkrampften.
„Nein … nein, das wird nicht passieren! Ich werde nicht erlauben, dass das passiert!“
murmelte sie, aber sie klang noch nicht mal in ihren eigenen Ohren überzeugt. Schließlich öffnete sie ihre Augen und erhob sich wieder von ihres Vaters Thron. Zitternd machte sie ein paar Schritte weg von den drei Stühlen, bevor sie sich noch einmal umdrehte, um noch einmal einen Blick auf sie zu werfen. Die kurze Zeit, die sie in der großen Halle verbracht hatte, hatte bereits gereicht, dass die Sonne um einiges über den Horizont geklettert war und durch die Lichtschächte sickerten mehr ihrer wärmenden Strahlen bis zu ihr hinab. Es war noch immer nicht hell in der großen Halle, aber die Atmosphäre war bereits deutlich freundlicher als noch vor wenigen Momenten. Es war noch nicht genug, um das mulmige, bedrückende Gefühl aus ihrer Magengegend zu vertreiben, aber es half.
Emily atmete tief durch und sah sich um. Sie war alt genug, um zu wissen, dass es eine schlechte Idee war, sich solchen Gedanken hinzugeben und sich von ihnen in den Abgrund ziehen zu lassen, gleichzeitig wusste sie aber auch, dass es manchmal einfach nicht möglich war, solche Gefühle einfach zu ignorieren. Sie würde sich ablenken müssen, irgendetwas tun, um sich die Zeit zu vertreiben und auf andere Gedanken zu kommen, aber egal was ihr einfiel, jede Idee involvierte ihre Schwester zu einem gewissen Teil.
Training brauchte einen Partner, damit es Spaß machte. Natürlich konnte sie einen der anderen Tiger fragen, aber das war nicht dasselbe.
Spielen ging eigentlich nur, wenn man jemanden hatte, mit dem man spielte. Auch hier wäre die Möglichkeit, einen der anderen noch im Tempel verbliebenen zu fragen, ob denn die Lust dazu bestünde, aber die meisten ihrer Spiele, kannten nur sie und ihre Schwester und die anderen Spiele, die die Tiger so spielten, waren langweilig.
Sie könnte sich ihren Studien widmen, aber der einzige Spaß daran bestand immer darin, mit Amelia Möglichkeiten zu finden, alles mögliche zu tun, außer zu studieren, ohne dass die Priesterinnen es merkten.
Und dann waren da noch die Aktivitäten, die sie ganz sicher mit niemand anderem teilen würde, als mit Amelia … oder vielleicht irgendwann mit einem anderen … männlichen Tiger … irgendwann …
„… und selbst dann wird es nicht dasselbe sein …“
flüsterte sie, während sie sich aus der großen Halle zurückzog und wieder die Gänge entlang durch den Tempel schlich. Gedankenversunken wanderte die junge Tigerin durch die vertrauten Korridore und Räume des uralten Tempels, als sie am Abgang zu den Verließen vorbeikam.
Sie hatte die dunkle Treppe, die in das Untergeschoss führte, bereits hinter sich gelassen, als ihr die Idee kam, die ihr eine gewisse Ablenkung verschaffen könnte. Jetzt, da sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter außer Haus waren und auch Amelia nicht da war, würde sie niemand ausfragen, wenn sie sich in den Kerker schleichen und sie sich mit dem Jaguar unterhalten würde. Ihr Vater würde es nie gutheißen und Pecada würde verlangen, dass sie nicht alleine mit dem Jaguar sprechen würde. Bei Amelia war sie sich nicht sicher, aber auch ihre Schwester würde sie nicht alleine mit dem Gefangenen sprechen lassen.
Vorsichtig drehte sich die junge Tigerin um und sah zu dem Abgang, der sie zu Garras Zelle führen würde. Sie war sich nicht ganz sicher, was sie dorthin zog, aber je länger sie darüber nachdachte, desto mehr wollte sie den Jaguar treffen … allein.
Es war Neugierde, ganz klar, aber nicht nur das.
Sie wollte mehr über ihn erfahren, mehr über sein Leben, mehr über das Land, aus dem er kam, warum er ausgerechnet hierher kam.
Langsam bewegte sich Emily auf die Treppe zu und blickte in das Halbdunkel.
Ja, sie war neugierig, sie wollte mehr über ihn erfahren, aber wenn sie ganz ehrlich war, wollte sie ihn sehen, das Reden, die Unterhaltung war nur Mittel zum Zweck, und der Zweck war ihn zu sehen, zu betrachten… ihr wurde warm und ihre Ohren liefen rot an.
„Nein … nein, so ist es nicht …“
schimpfte sie sich selbst, aber tief in ihrem Inneren wusste sie, dass es eine Lüge war.
Noch ehe Emily sich davon abhalten konnte, hatte ihr Körper die Entscheidung für sie getroffen und die erste Stufe der schmalen Treppe genommen. Leise und heimlich, schlich sie sich die Treppe hinunter, immer an der Wand entlang und immer mit einem Ohr nach hinten gerichtet, damit sich auch ja niemand an sie heranschleichen konnte. Unten angekommen, konnte sie ihr Herz in ihrer Brust hämmern spüren, und das Verlangen, sich über die Lippen zu lecken war fast schon überwältigend. Der Gang, der zu Garras Zelle führte, war nur von einer kleinen Öllampe erhellt, die der Wache das Leben ein bisschen erleichtern sollte, aber dennoch war es nicht sonderlich hell hier unten. Die junge Tigerin presste sich gegen die Wand, wie sie es schon tausende Male getan hatte, wenn sie sich durch den Tempel geschlichen hatte, wenn sie oder Amelia wieder einmal irgendwas ausgeheckt hatten. Mit angelegten Ohren und angehaltenem Atem spähte sie um die Ecke und sah den großen, kräftigen Tiger, der auf dem Hocker vor der Zelle lungerte. Es gab nicht viel für die Wache zu tun, Garra verhielt sich ruhig und war mehr oder weniger zufrieden damit, in seiner Zelle zu warten und sie konnten nicht den ganzen Tag trainieren.
Emily biss sich auf die Lippe und sammelte ihren Mut. Wenn das, was sie vorhatte, funktionieren sollte, würde sie souverän auftreten müssen und durfte sich keine Schwäche erlauben. Sie straffte ihre Haltung und umrundete die Ecke, womit sie fast direkt vor dem dösenden Tiger stand, der sie verwundert ansah, aber Haltung annahm, immerhin war sie die Tochter des Khans.
„Emily, was machst du denn hier unten?“
fragte der Tiger neugierig und sah an ihr vorbei den Gang hinunter, wahrscheinlich in der Hoffnung, die Hohepriesterin oder den Khan zu sehen, aber die junge Tigerin war allein und kam lächelnd auf ihn zu. Ihre Hüften schwangen sanft bei jedem ihrer Schritte und sie ließ ihren Schwanz einladend hinter sich hin- und herpendeln.
„Sei gegrüßt, ich bin hier, um mit dem Gefangenen zu sprechen. Es gibt da ein paar Fragen, die ich gerne klären möchte.“
erwiderte sie und deutete ein Zwinkern an, während sie elegant ihre Hand hob und auf die Zellentür zeigte, Die Lippen ihres Gegenübers zuckten leicht, als er versuchte nicht zu lächeln, die Tochter seines Anführers war hübsch, und sie wusste ihre Reize gut einzusetzen, aber er würde sich davon nicht von seiner Pflicht ablenken lassen. Er trat vor die Tür und versperrte ihr halb den Weg. Noch war sie nur eine Tigerin, noch hatte sie keine Befehlsgewalt über ihn, aber er wusste auch, dass man den Töchtern des Großen Khans nicht grundlos einen Wunsch ausschlug, nicht wenn man nicht für die nächsten Monate Latrinendienst schieben wollte. Er neigte leicht den Kopf und sah sie fragend an.
„Weiß der Große Khan darüber Bescheid?“
fragte er leise, eindeutig unsicher, ob er nicht bereits seine Befugnisse überschritten hatte. Emily blieb vor ihm stehen und schüttelte langsam ihren Kopf, wobei sie den Augenkontakt aufrecht erhielt.
„Nein, mein Vater weiß darüber nicht Bescheid, er befindet sich auf einer Exkursion zum Außenposten und wird erst in den nächsten Tagen wieder hierher zurückkehren. Ich möchte allerdings nicht so lange warten, um meine Neugierde zu befriedigen. Sei beruhigt, ich weiß um die Gefahr, aber ich bin mir sicher, er wird sich benehmen, er weiß, was für ihn auf dem Spiel steht.“
erwiderte Emily ruhig, aber der Wächter hielt sich dennoch zurück und warf ihr einen langen, strengen Blick zu. Sie fühlte sich nicht wohl dabei, hielt dem Starren des anderen Tigers jedoch stand, der schließlich mit den Schultern zuckte und nach dem Riegel der Tür griff.
„Nun gut, aber mach keine Dummheiten da drinnen, ich möchte am Ende keinen Ärger mit dem Großen Khan bekommen.“
sagte er und zog den Riegel zurück, bevor er sich an den Insassen der Zelle wandte.
„Hey Garra, du bekommst hohen Besuch, also benimm dich.“
rief der Tiger durch die Tür, bevor er sie langsam öffnete und der Tochter des Khans den Weg frei machte. Sie bedankte sich mit einem leichten Nicken und sah in die kleine Zelle, wo der angesprochene Jaguar an der hinteren Wand stand und sie ruhig ansah. Als er erkannte, wer vor seiner Zelle stand, breitete sich ein Lächeln auf seinen Lippen aus, während Emily langsam aber mit selbstsicheren Schritten die kleine Kammer betrat.
Während hinter ihr der Wächter die Tür wieder verschloss, sah sich die junge Tigerin dem Gefangenen gegenüber, der nicht nur fast einen Kopf größer war als sie, sondern auch erheblich stärker und deutlich mehr Erfahrung im Nahkampf hatte als sie. Nun, da seine Wunden vollständig verheilt waren und er genügend Zeit gehabt hatte, sich wieder soweit in Form zu bringen, sah Garra wieder beeindruckend aus. Er war ein Krieger, ein Jäger, ein Killer, der nicht unterschätzt werden sollte, groß, stark, schnell und noch dazu intelligent.
Sie war allein mit ihm, in einem kleinen Raum, der keine Möglichkeit zur Flucht bot, und in einem Kampf wäre sie ihm sicherlich unterlegen. Sie war ihm ausgeliefert. Die Wache würde niemals schnell genug in der Zelle sein, sollte sich Garra dazu entscheiden, etwas Dummes zu tun. Emily lief ein Schauer über den Rücken, es war ein unglaublich gutes Gefühl.
Aber der Jaguar machte keine Anstalten, sondern blieb einfach nur stehen und wartete auf ihren nächsten Schritt. Während sie besagten Schritt auf ihn zuging, deutete sie wortlos auf seine Koje. Er kam ihrer Aufforderung nach und nahm auf seinem Bett Platz. Er konnte ihre Erregung spüren, ihre Angst und Unsicherheit, die sie hinter einer dünnen, brüchigen Fassade der Selbstsicherheit verbarg, und sie hatten eine deutliche Wirkung auf ihn, aber Garra konnte sich zurückhalten. Es würde nur Ärger geben, wenn er jetzt etwas Unüberlegtes tat. Währenddessen nahm sich Emily einen der Schemel und setzte sich auf das niedrige Sitzmöbel, ihm direkt gegenüber.
Einen Moment lang herrschte angespannte Stille zwischen den Beiden, während Emily ihren Mut sammelte und sich ihre Worte zurechtlegte.
„Ich bin gekommen, weil ich mehr über dich und dein Leben erfahren möchte.“
sagte sie schließlich und versuchte dabei, ihre Aufregung so weit wie möglich aus ihrer Stimme herauszuhalten, was ihr jedoch nur leidlich gut gelang. Ihr gegenüber stützte sich Garra lächelnd mit den Ellbogen auf seine Knie, in der Hoffnung, seine eigene Erregung besser verbergen zu können, während er Emily nie aus den Augen ließ.
„Nun, was möchtest du wissen, junge Emily?“
erwiderte er mit einer Stimme, die so weich war wie Samt und deren angenehme Tonlage beruhigend, aber auch geheimnisvoll klang. Seine dunkelgrünen Augen glichen Smaragden, die tief in ihre Seele zu blicken vermochten und gepaart mit seinem gewinnenden Lächeln, ließen sie Emily erschaudern. Sie fühlte sich heiß und kalt zugleich und der Drang, sich zu bewegen, drohte sie zu überwältigen. Warum hatte dieser Jaguar solch eine intensive Wirkung auf sie? Sie faltete ihre Hände, um sie ruhig zu halten und leckte sich über die Lippen, während auch sie sich vorbeugte und Garra tief in die Augen zu schauen.
„Erzähle mir vom Leben da draußen, ich bin hier drinnen gefangen. Ich kenne nur den Tempel und den Dschungel, der unsere offizielle Residenz unmittelbar umgibt. Ich möchte mehr erfahren, ich möchte wissen, wie es ist, wenn man um seine Nahrung kämpfen muss, wenn jeder Tag ein Kampf ums nackte Überleben ist.“
erklärte sie leise und ihre Stimme zitterte leicht vor Aufregung, während Emily sich die romantischsten Dinge in ihrem Kopf ausmalte, aber Garra lächelte nur und sah sie einen Moment lang schweigend an, als wolle er Prüfen, ob sie für die Tatsachen, die er mit ihr teilen würde überhaupt bereit war. Sie hielt seinem Blick stand und so nickte er schließlich und atmete tief durch, bevor er sich ein wenig aufrichtete.
„Nun gut, ich werde dich nicht anlügen, es ist ein hartes Leben. Ein Leben, an das wir Jaguare von Geburt an gewöhnt werden. Anders als ihr, haben die meisten Jaguare kein festes Zuhause mehr, die Entfernungen, die wir für die Nahrungssuche zurücklegen müssen, sind einfach zu groß. Wenn wir uns ein Jagdrevier abstecken, können wir dort vielleicht eine Woche lang erfolgreich jagen, bevor wir vertrieben werden.“
begann er und als er ihren skeptischen Blick sah, nickte er sanft.
„Bitte versteh mich nicht falsch, es ist nicht die Furcht vor der Vergeltung, die uns unsere Jagdgründe aufgeben lässt, es ist die schiere Übermacht der Pflanzenfresser, die uns dazu zwingt, das Feld zu räumen. Die Pflanzenfresser außerhalb eures Territoriums sind nicht dumm, sie wissen um ihre zahlenmäßige Überlegenheit. Wenn wir einen von ihnen töten, dann kommen sie am nächsten Tag mit Wachen zurück, oder, wenn es das Terrain erlaubt, meiden sie einfach das Gebiet. Es ist ein ewiges Katz- und Mausspiel. Einige der größeren Pflanzenfresserstämme, wie die Wasserbüffel, die Okapis und die Tapire, haben Milizen gebildet, die in den Gebieten, die sie bewohnen, patrouillieren. Sie sind laut, und in aller Regel kann man ihnen ganz gut aus dem Weg gehen, aber wenn sie einen von uns erwischen, nunja, lass es mich so ausdrücken, sie zahlen uns unsere Aggression mit gleicher Münze zurück.“
fuhr er fort und Emily sah ihn regelrecht entsetzt an. Er lächelte knapp.
„Nun, ich ihnen keine Vorwürfe, sie verteidigen nur ihr Leben, ihre Artgenossen und ihre Reviere. Es ist das Gesetz des Dschungels, das Überleben des Stärkeren. Manchmal sind das halt eben die Pflanzenfresser.“
Während seiner gesamten Erzählung blieb er ruhig, geradezu sachlich, als würde er einfach nur Fakten und Tatsachen aufzählen, selbstverständliche Fakten, die jedem, der dort draußen lebte, wohlbekannt waren und die dessen Leben bestimmten. Währenddessen hing Emily an seinen Lippen und nahm jedes seiner Worte auf, aber gleichzeitig war sie auch entsetzt, wie wild und, in ihren Augen, unzivilisiert die Welt da draußen doch war.
„Habt ihr nicht versucht, etwas Ähnliches zu erschaffen, wie wir? Einen Pakt, der beiden Seiten ein gutes Leben ermöglicht?“
fragte die junge Tigerin schließlich, als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte und Garra zuckte mit den Schultern.
„Was soll ich sagen, ich war nicht dabei, vor 200 Jahren, aber ich möchte glauben, dass die Idee irgendwann einmal aufkam, aber direkt nachdem der große Krieg zu unseren Ungunsten ausgegangen war und unsere Vorfahren aus diesem Teil des Dschungels vertrieben worden waren, gab es nur noch wenige von uns und die Clans waren untereinander zerstritten. Wir haben überhaupt erst sehr viel später erfahren, was der Große Khan damals in diesem Territorium geschaffen hatte, aber zu diesem Zeitpunkt war es bereits zu spät für uns, etwas Vergleichbares zu versuchen. Ganz zu schweigen davon, dass die Pflanzenfresser in diesen Gebieten, in denen der Krieg nicht oder zumindest in diesem Ausmaß gewütet hatte, noch immer kampfeslustig und deutlich in der Überzahl waren. Unsere Zahlen haben sich nie wieder so richtig erholt und die Pflanzenfresser haben immer die Oberhand behalten. Ich glaube nicht, dass sie sich jetzt, da sie wissen, dass sie in einer besseren Position sind, auf ein solches Abkommen einlassen würden.“
erklärte er und nickte leicht dabei, als wollte er sich selbst bestätigen, was er gerade gesagt hatte.
„Ihr Stolz und ihr Hass sitzen zu tief, und ich muss zugeben, dass ich sie verstehe. Außerdem glaube ich nicht, dass, selbst wenn die Pflanzenfresser zu solch einem Abkommen bereit wären, wir Jaguare unsere internen Streitigkeiten einfach so beiseite legen könnten, um ein solches Imperium aufzubauen.“
fügte der Jaguar ruhig hinzu, wobei er auf seine Hände starrte und diese langsam zu Fäusten ballte. Emily nickte, die Tiger waren von Anfang an in einer viel komfortableren Situation gewesen, hatten aus einer Position der Macht heraus den Pakt mit den Pflanzenfressern geschlossen, als diese noch den Tod ihres Anführers betrauerten. Sie waren damals nicht in der Lage gewesen, den Raubkatzen auf nur irgendwas entgegenzustellen und waren froh gewesen, dass der Khan und sein Clan ihnen dieses Angebot unterbreitet hatten und sie sich damit verhältnismäßig einfach die Tiger vom Hals halten konnten. Über die Generationen hinweg war der Pakt dann stärker und stärker geworden und nun konnten sich weder die Tiger, noch die Pflanzenfresser vorstellen, wieder zu den alten Wegen zurückzukehren.
Emily beugte sich näher an Garra heran und sah ihm intensiv in die Augen.
„Was genau ist passiert, dass du und deine Begleiter in unser Gebiet fliehen musstet?“
fragte sie und bemerkte den Blick in Garras Augen, der sie aus den Augenwinkeln heraus ansah. Sie war sich nicht ganz sicher, ob es Wut oder vielleicht doch eher Traurigkeit war, die sie in seinen Augen sah.
„Du willst also wissen, warum wir wider besseres Wissen in diesen Teil des Dschungels geflohen sind. Nun, wie du weißt, war ich nicht allein, als die Grenzpatrouille uns aufgegriffen hat. Ich war in Begleitung eines anderen männlichen Jaguars namens Segador, eines Kriegers aus einem anderen Clan, und seiner Gefährtin Pelaje Sedoso. Schon bevor wir uns trafen und beschlossen, uns zusammenzutun, waren sie bereits vor den Nea-Phi-Lim geflohen. Sie waren nur knapp einem Hinterhalt entkommen und da Pelaje in ihrem Zustand nicht in der Lage war zu kämpfen, waren sie den Patrouillien der Pflanzenfresser wo es nur ging ausgewichen. Als wir uns trafen … wobei, trafen ist nicht das richtige Wort, sie haben mich gefunden … das trifft es eher… als sie mich fanden, hatte ich gerade einen Okapi-Krieger getötet, der mir das Leben schwer gemacht hatte.“
erzählte Garra und sah wieder den skeptischen Blick in Emilys Augen. Er konnte ihren Zweifel durchaus verstehen, denn ihre Pflanzenfresser waren regelrecht handzahm, im Gegensatz zu denen, mit denen er sich hatte herumschlagen müssen.
„Oh, ich sehe deinen Blick und deinen Unglauben, aber lass dir gesagt sein, du darfst deinen Gegner nie unterschätzen, selbst wenn er dir unter normalen Umständen hoffnungslos unterlegen ist. Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits angeschlagen und der Okapi hatte mich überrascht. Wie auch immer, ich hatte ihn erlegt und mich auf ein ordentliches Mahl gefreut, als Segador und Pelaje durch das Dickischt brachen, angelockt von den Kampfgeräuschen und dem Geruch von Blut. Normalerweise hätten die Beiden versucht, mich zu vertreiben und sich meine Beute unter den Nagel zu reißen, aber da beide bereits seit mehreren Tagen nichts mehr gegessen hatten und Pelaje zu diesem Zeitpunkt hochschwanger war, kam es nicht zum Kampf. Wir wussten alle, dass der Okapi mehr als genug Fleisch für jeden von uns bot und selbst wenn unsere Clans nicht sonderlich gut miteinander standen, so wussten wir doch, dass wir mehr zu verlieren hatten, als wir durch einen Streit um Beute gewinnen konnten. Und so teilten wir meinen Fang.“
erklärte Garra leise, während er mit seinen Pranken über seine Arme fühlte. Die Narben seiner Verletzungen waren gut verheilt, und sein Fell verbarg die meisten der kleineren Narben sehr gut, aber er wusste wo sie waren und er spürte jede einzelne von ihnen.
„Wir wussten, dass wir, wenn Segador und Pelaje ihren ungeborenen Nachkommen nicht verlieren wollten, mehr Nahrung finden mussten. Dies zu bewerkstelligen, ohne dabei Gefahr zu laufen, entweder von einem dieser Nea-Phi-Lim aus der Ferne getötet zu werden, oder bei jeder Jagd auf eine der Pflanzenfresser-Patrouillen zu stoßen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Unsere einzige Chance war, in euer Gebiet zu fliehen. Wir wussten, dass es eine furchtbar dumme Idee war, aber dieses Territorium ist so groß, dass wir unsere Chancen, zumindest für eine Weile, unentdeckt zu bleiben, hier größer einschätzten. Ich meine, wir waren nur drei Jaguare, und wenn wir uns nur immer dann einen Pflanzenfresser schnappten, wenn es wirklich nötig war, würden wir schon nicht so auffallen. Wir waren naiv genug zu glauben, dass, wenn wir nur vorsichtig genug waren, unsere Spuren immer verwischten und auf der Hut waren, würde es schon funktionieren. Nur einen Feind zu haben, auf den man achten musste, war immer noch die bessere Alternative gegenüber dem, woher wir kamen.“
erklärte Garra ruhig, während er zu Boden sah. Im Nachgang betrachtet, waren sie wirklich unglaublich naiv gewesen, zu glauben, ihr Plan hätte zumindest mittelfristig funktionieren können.
„Auf dem Weg zur Grenze wurden wir erneut angegriffen. Ich habe die Wasserbüffel aufgehalten, während Segador und Pelaje flohen. Er war nicht so, dass sie nicht auch hätten kämpfen wollen, ich habe ihnen befohlen zu fliehen, es war wichtiger, dass sie überleben. Wir sind an diesem Tag nur um Haaresbreite mit dem Leben davon gekommen. Die meisten meiner Wunden stammen aus diesem Kampf. Die Büffel sind wahrhaft mächtige Gegner, vor allem in der Überzahl. Dass wir später, nachdem wir die Grenze überschritten, direkt aufgegriffen wurden, war schlicht und ergreifend Pech.“
fuhr er fort und sah wieder hinüber zu Emily, die ihn völlig schockiert ansah. Alle Farbe war aus ihren Ohren gewichen und sie sah aus, als wollte sie gleich anfangen zu weinen. Sie wusste bereits, dass Garra die Konfrontation mit den Grenzwächtern der Tiger als Einziger überlebt hatte, was sie jedoch nicht gewusst hatte war, dass seine Begleiterin hochschwanger gewesen war. Sie suchte nach Worten, aber nichts, was sie jetzt sagen konnte, würde ihre Gefühle wirklich zum Ausdruck bringen. Der Jaguar nickte leicht, bevor er fortfuhr.
„Segador und Pelaje hatten versucht zu kämpfen, während ich nach der Konfrontation mit den Büffeln dazu nicht mehr in der Lage war. Wir alle wussten, was uns erwartete, wenn die Tiger des Khans uns erwischten. Jeder in den Territorien außerhalb eures Reiches weiß, was die aufgespießten Köpfe an der Grenze bedeuten. Die beiden haben sich dem tapfer gestellt, aber gegen fünf schwer bewaffnete und gepanzerte Tiger hatten wir nicht den Hauch einer Chance. Es war schnell vorbei und die Tiger waren gnädig. Ich habe nicht einmal versucht mich zu wehren und mich in mein Schicksal gefügt. Ich habe damals auch mit dem Tod gerechnet. Ich muss zugeben, dass ich sehr überrascht war, als der Gruppenführer damals sagte, dass sie mich zum Verhör mitnehmen würden. Und naja, der Rest … der Rest der Geschichte sollte dir ja bekannt vorkommen.“
fügte er hinzu und beobachtete, wie die junge Tigerin ihm gegenüber mit den Tränen kämpfte. Er nickte stumm. Er war sich bewusst, dass dieser Teil seiner Geschichte nicht unbedingt für schwache Nerven geeignet war, aber es war nunmal geschehen und nichts auf dieser Welt würde es jemals ungeschehen machen. Er war den Tigern nicht einmal böse, sie hatten immerhin nur ihr Land und ihr Leben verteidigt. Wenn die Verhältnisse umgekehrt gewesen wären, hätten die Jaguare ganz genauso gehandelt. Vielleicht wäre diese Begegnung in einer anderen Zeit und unter anderen Umständen anders verlaufen. Vielleicht hätten die Tiger sie nicht direkt getötet, wenn Segador und Pelaje sich auch ergeben und um Gnade bettelt hätten. Vielleicht hätte man ihnen erlaubt, ihre Geschichte zu erzählen, und vielleicht, nur vielleicht, wären sie dann noch am Leben, so wie er. Eine ganze Menge Vielleichts und nur wenig Gewissheit. Garra war sich allerdings ziemlich sicher, dass ein Grund dafür, dass er am Leben geblieben war, damit zu tun hatte, dass die Tiger erst nach Pelajes Tod bemerkt hatten, dass sie nicht nur die Jaguarin, sondern mit ihr auch die nächste Generation getötet hatten. Schwangere zu töten war normalerweise etwas, vor dem selbst die blutrünstigsten Raubtiere zurückschreckten.
Emily suchte derweil immer noch nach Worten, um ihrem Beileid und ihrer Scham Ausdruck zu verleihen. Sie lebte ein behütetes Leben in ihrem Elfenbeinturm, abgeschirmt von den meisten Gefahren und das Abkommen mit den Pflanzenfressern sorgte dafür, dass sie alle jederzeit einen vollen Magen hatten. Noch nie hatten Fleischfresser so komfortabel gelebt. Jedem hier war das bewusst, selbst Garra hatte das anerkannt, sie hatte nur nicht gewusst, wie schwer das Leben außerhalb ihres Territoriums wirklich war. Ihre Lippen bebten, als sie zu dem Jaguar hinüber sah. Er war noch immer deutlich größer und er war mit Sicherheit stärker als sie, aber im Moment sah er so verletzlich aus und seine ganze Erscheinung strahlte Demut aus.
„Es … es tut mir leid …“
flüsterte sie schließlich, wobei ihre Stimme ein kaum hörbares Murmeln war. Der Jaguar sah mit einem müden, aber wohlwollenden Lächeln zu ihr hinüber.
„Wofür entschuldigst du dich?“
fragte er leise, öffnete seine Hände und hielt sie ihr einladend hin, während Emilys Lippen weiterhin zitterten und sie immer versuchte, nicht ihren Tränen nachzugeben.
„Du hast so viel verloren, so viel aufgegeben. Dein Leben ist so hart, so ungerecht und dann komme ich … ein verwöhntes Gör, das aufgebracht ist, weil sie nicht mit Papa einen Ausflug machen darf.“
Wut und Trotz bestimmten ihren Tonfall, aber es klangen auch Selbstmitleid und Scham mit, während ihr die Schamesröte in die Ohren stieg und sich ihr Blick in Richtung Boden senkte. Garra hingegen schüttelte seinen Kopf leicht und nahm eine ihrer Hände in seine Pranken. Sie fühlte sie so weich und zart an im Gegensatz zu seinen rauen, kampferprobten Pranken.
„Du kannst … solltest unsere Leben nicht miteinander vergleichen. Wir kommen buchstäblich aus verschiedenen Welten, und ich beneide euch um euren Fortschritt, der uns verwehrt bleibt, weil wir zu stur sind, um unsere Differenzen beiseite zu schieben und uns für eine bessere Zukunft zu entscheiden.“
Seine Stimme war so unendlich sanft und enthielt weder Zorn noch Verachtung, während er versuchte, sie zu trösten. Als Emily daraufhin ihren Kopf wieder hob, um ihm in die Augen sehen zu können, drohte sie sich in ihnen zu verlieren. Ihre Scham und ihr Zorn fielen langsam von ihr ab, je länger sie ihm in die Augen sah. Er hatte etwas an sich, das sie unendlich anziehend fand. Sie konnte nicht genau sagen, was es war. Vielleicht war es die Tatsache, dass er so exotisch war, so geheimnisvoll und fremd, oder vielleicht lag es daran, dass er auf seine eigene, wilde Weise, wirklich verdammt gut aussah, aber vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass es die verbotene Frucht war, die ursprüngliche Sünde.
Letztendlich war es egal, was ihn so attraktiv machte, Emily war im Begriff, sich Hals über Kopf und unwiderruflich in ihn zu verlieben.
Mit diesem Gefühl war sie jedoch nicht allein, Garra selbst fühlte sich zu der jungen Tigerin hingezogen. Sie war anders als die anderen Tiger, die er bisher getroffen hatte, denn auch wenn die Priesterinnen und die Heiler sich um ihn gekümmert hatten, und man ihn mit Nahrung versorgte, so war er für sie nur ein Gefangener, ein Eindringling, ein Ärgernis, dass es am Ende zu entfernen galt. Sie schauten auf ihn herab, wie auf ein niederes Wesen, das ihre Gnade eigentlich nicht verdient hatte. Selbst der Große Khan, der sich des Nutzens und des Wertes eines Verbündeten bewusst war, sah sich selbst als ihm übergeordnet.
Und dann war da Emily, die jüngere Tochter, die nicht auf ihn herab schaute wie auf einen Sklaven, die sich wirklich für ihn interessierte, nicht weil er ein Gefangener war der vielleicht wichtige Informationen hatte, oder schließlich als Druckmittel benutzt werden konnte, nein, sie war an ihm interessiert, an Garra. Das hatte er bereits bei ihrer ersten Begegnung bemerkt, als sie gescholten hatte, ihn aufgefordert hatte Respekt zu zeigen, während die anderen sich nur bedingt für sein Benehmen interessiert hatten.
Die Tatsache, dass sie die Tochter des Großen Khans war, war für ihn nicht von besonderer Bedeutung. Ränge und Status waren bei den Jaguaren seit Generationen nicht mehr als Dekorationen, denn wer kein Königreich hatte, dass er sein eigen nennen konnte, dem galten Ränge nicht viel.
Für ihn war nur wichtig, dass sie wirklich hübsch war und dass sie einen aufgeschlossenen Geist zu haben schien. Er ertappte sich dabei, wie er sie verträumt anlächelte, während sie ihn förmlich mit ihren Blicken zu verschlingen schien. Verstohlen ließ er seinen Blick zur Zellentür wandern, die noch immer verschlossen war und sie in seiner kleinen Zelle einsperrte. Hier drin waren sie abgeschirmt von neugierigen Blicken und wenn sie sich ruhig verhielten, dann würde die Wache vor der Tür vielleicht nicht alles mitbekommen, was sie sagten und taten. Sein Lächeln wurde breiter, als seine Augen ihren Weg zurück zu Emilys fanden.
„Hat dir eigentlich schon einmal jemand gesagt, wie schön du bist?“
fragte er flüsternd, in vollem Bewusstsein, dass dies so ziemlich der älteste Spruch war, den es überhaupt gab, aber er schien seine Wirkung trotzdem nicht zu verfehlen, denn er konnte sehen, wie sich ein schüchternes Lächeln auf dem Gesicht der jungen Tigerin ausbreiten. Sie stellte ihre Ohren auf und lehnte sich näher an ihn heran.
„N … niemand, der es wirklich ernst gemeint hätte.“
erwiderte Emily ebenso leise, woraufhin Garra sie zärtlich näher zu sich zog. Emily gehorchte, stand von ihrem Hocker auf und kam die zwei kleinen Schritte auf den Jaguar zu, der ebenfalls von seiner Koje aufstand und sich langsam zu seiner vollen Größe aufrichtete. Er überragte sie deutlich und seine breite, muskulöse Statur ließ ihre eher athletische Figur regelrecht zierlich erscheinen. Er ließ ihre Hand los und hob seine riesige Pranke vorsichtig an ihre Wange, die er zärtlich streichelte und dabei ihr Kinn anhob, damit er ihr in die Augen sehen konnte.
Sie standen für einen unendlich langen Moment regungslos da und verloren sich in den Augen des jeweils anderen, bevor er seine Stimme wiederfand.
„Du bist wirklich unglaublich hübsch.“
flüsterte er und streichelte seinen Daumen über ihre Wange. Die einzige Antwort, zu der Emily in diesem Moment fähig war, war ein heiseres Keuchen, aber noch bevor sie weiter reagieren konnte, fanden seine Lippen die ihren. Der Kuss kam für sie so überraschend, dass sie sich nicht dagegen wehren konnte, selbst wenn sie es gewollt hätte, stattdessen begrüßte und erwiderte sie ihn.
Es war ein unschuldiger, erster Kuss, aber für Emily steckte so viel mehr in dieser kleinen Geste, das sie Gefahr lief, ihren Halt zu verlieren, aber Garra hielt sie fest und verhinderte, dass sie den Boden unter ihren Füßen verlor. Als sich ihre Lippen schließlich wieder trennten, war die junge Tigerin vollkommen sprachlos. Sie atmete schwer und ihre Augen waren starr auf die seinen fixiert, während der starke Jaguar nur sanft lächelte. Erst als er wirklich sicher war, dass sie nicht einfach umfallen würde, entließ er sie wieder aus seiner Umarmung. Emilys Hände zitterten unterdessen und als sie sie, auf der Suche nach Halt, zögerlich auf seine Brust legte, fuhren ihre Gefühle und Gedanken in ihr Achterbahn.
Es dauerte einen Moment, bis sie den Tumult in ihrem Inneren auch nur ansatzweise unter Kontrolle gebracht hatte.
Ihr Vater würde fuchsteufelswild sein, wenn er davon erfahren würde.
Er durfte nicht davon erfahren, niemals.
Aber das würde auch bedeuten, dass sie ihn nicht wieder treffen durfte, zumindest nicht allein. Vielleicht konnte sie mit Amelia einen Pakt schließen, damit sie ihr den Rücken deckte …
„Du solltest jetzt gehen, junge Emily, bevor die Wache noch auf dumme Gedanken kommt …“
flüsterte Garra schließlich und riss Emily aus ihren Gedanken. Sie sah ihn mit aufgerissenen Augen an, aber so sehr es sie auch schmerzte, er hatte recht. Sie nickte und löste sich von ihm, bevor sie zur Tür blickte. Mehrfach setzte sie an, etwas zu sagen, brach aber jedes Mal wieder ab. Schließlich ging sie wortlos zur Tür und klopfte. Als der Wächter ihr die Tür öffnete, sah sie noch einmal über ihre Schulter zu ihm und in ihrem Blick lag ein Versprechen.
…
Während sich Emily ihrem Stockholm-Syndrom hingab, hatten der Große Khan und sein Gefolge den größten Teil des Weges zum Außenposten hinter sich gebracht. Wie erwartet, war alles ruhig geblieben und sie hatten auf dem Weg keinerlei andere Tiere getroffen. Sowohl für den Großen Khan als auch für Pecada und Amelia war es das erste Mal, dass sie den Tempel wirklich verlassen hatten und sich nicht nur in der relativen Sicherheit der direkten Umgebung des uralten Bauwerks aufgehalten. Hier draußen war der Dschungel dichter, die Vegetation unwegsamer und man konnte nicht allzu weit sehen, bevor die dicht gewachsenen Bäume und Sträucher einem die Sicht versperrten. Die Gardisten, die sie begleiteten, hatten schon vor einer Weile die Fackeln gelöscht und der Tiger, der sie auf dem Weg zum Kommandoposten führte, lief ein gutes Stück vor ihnen, in der Hoffnung, lauernde Gefahren früher erkennen zu können.
Sie waren fast den ganzen Tag unterwegs gewesen, bis sie endlich den ersten vorgeschobenen Wachposten des Lagers erreicht hatten. Zwei Tiger überwachten den ausgetretenen Pfad, auf dem auch der Große Khan und seine Entourage entlangkamen. Sie standen unter einem improvisierten Dach, das den größten Teil des täglichen Regenschauers abhielt, aber ansonsten wenig Schutz bot, und als sie die Karawane ihres Anführers bemerkten, gingen sie sofort respektvoll in die Knie.
Der Gardist blieb bei ihnen stehen, bis auch der Khan bei ihnen war und den Tigern erlaubte, sich wieder zu erheben. Nach den üblichen Begrüßungsfloskeln erkundigte sich der Khan nach der Lage und wurde darüber in Kenntnis gesetzt, dass noch alles ruhig sei und es keine besonderen Vorkommnisse gab. Auf das sanfte Drängen seiner Leibgarde hin, hielt der Große Khan den Zwischenstopp beim Wachposten kurz und seine Karawane zog weiter entlang des Pfads, der sie zum Außenposten des Hauptmanns führte.
Als sie das Lager schließlich erreichten, fanden sie eine Zeltstadt vor, die auf einer Lichtung im Urwald aufgeschlagen worden war, und deren äußere Palisaden, trotz der Eile, mit der sie errichtet worden waren, den meisten Angriffen standhalten würde. Das westliche Tor, dem sie näherten, war offen und wurde von zwei Tigern in voller Rüstung bewacht. Als sie ihren Anführer und seine Begleiter sahen, verbeugten sie sich tief, gingen aber nicht in die Knie, die volle Rüstung machte diese Bewegungen schwieriger. Der Große Khan erkannte ihre Respektsbekundung an und legte jeder der Wachen eine Hand auf die Schulter.
„Seid gegrüßt, Krieger, wo finde ich den Hauptmann?“
fragte der Khan, obwohl er sich schon denken konnte, wo er den ewig cholerischen Tiger finden würde. Eine der Wachen deutete grob in die Mitte des Lagers.
„Folgt einfach den lauten Flüchen, Sire, das Zelt des Kommandanten ist gar nicht zu verfehlen.“
erwiderte der Tiger mit einem amüsierten Lächeln, während der Khan wohl-wissend mit den Augen rollte.
„Dann werden wir ihn sicherlich finden, hab dank.“
gab der Anführer der Tiger zurück und betrat das Lager. Innerhalb der Palisaden fand sie ein gewisses Chaos an Zelten. Mannschaftszelte, Lazarettzelte, Küchenzelte, sowie ein Zelt, in dem der Quartiermeister verzweifelt versuchte, die Ausrüstung seiner Krieger in Ordnung zu halten. Sie alle waren in einer gewissen Ordnung aufgestellt worden, aus der der Große Khan aber nicht ganz schlau wurde. Das Einzige, was offensichtlich war, war, dass sie um einen Zentralen Platz herum ausgebaut worden waren, von dem aus ein ständiger, nicht abreißen wollender Strom an Profanitäten und Flüchen auszugehen schien. Dort würden sie den Hauptmann der Wache finden, dessen war sich der Khan absolut sicher.
Als sie den Platz schließlich betraten, fiel eines der Zelte besonders auf, abgesehen von der Tatsache, dass das ständige Brüllen aus diesem Zelt kam, war es kleiner als die anderen und es stand eine Wache vor dem halboffenen Eingang. Noch ehe der Khan reagieren konnte, sank die Wache auf die Knie und senkte respektvoll ihr Haupt. Während der Khan sich dem Zelt näherte, blieben die Leibwächter mit Amelia und Pecada auf der Mitte des Platzes zurück und warteten auf weitere Befehle.
„Erhebe dich, Krieger.“
forderte der Khan mit einem Lächeln auf den Lippen und übertönte dabei nur gerade den Lärm aus dem Zelt, aber sein Untergebener schien ihn verstanden zu haben und erhob sich wieder.
„Seid gegrüßt, ehrenwerter Khan.“
erwiderte der Tiger und griff nach der Zeltplane, um sie zu öffnen. Der Große Khan nickte anerkennend und drehte sich zu Amelia und Pecada um.
„Du solltest mitkommen, es gibt Dinge zu lernen. Pecada, du wolltest nach Ebano und Golosa sehen, nimm eine der Wachen mit.“
befahl er mit sanfter Stimme, bevor er sich wieder dem Zelt des Hauptmanns zuwandte, während Amelia ihre Mutter noch kurz umarmte und sich dann ihrem Vater anschloss, der sich zu seiner Vollen Größe aufrichtete und mit ihr zusammen das Zelt des Hauptmanns betrat. Pecada wartete noch einen Moment, bis die Wache die Plane wieder hatte zufallen lassen, bevor sie sich eine der Leibwachen krallte, um das Lager nach den beiden Konkubinen ihres Geliebten zu durchsuchen, die sich freiwillig für den Militäreinsatz gemeldet hatten.
Die Luft im Zelt war stickig und das Licht dürftig. Der Kartentisch, hinter dem der Hauptmann der Wache stand, wurde von zwei Öllampen beleuchtet, deren flackernde Flammen jederzeit zu erlischen drohten. Als die Plane des Eingangs kurz geöffnet wurde und ein greller Strahl der Nachmittäglichen Sonne das Innere des Zeltes erhellte, stoppte die nahezu ununterbrochene Tirade des Hauptmanns und er ließ ab von den Figuren, die er überall auf der Karte verteilt hatte und ständig neu anordnete. Er und sein Adjutant, der mit einem Stapel Dokumente bewaffnet war, richteten sich auf und sahen zum Eingang hinüber, wo der Große Khan, gefolgt von Amelia, sich gerade durch den niedrigen Eingang duckte. Der Adjutant sank augenblicklich auf die Knie, während der stämmige Tiger hinter dem Kartentisch Haltung annahm und seinem Anführer respektvoll zunickte.
„Großer Khan, Anführer, was führt dich in mein bescheidenes Quartier?“
fragte er mit vom vielen Schreien heiserer Stimme, während der Angesprochene dem Adjutanten signalisierte, dass er sich wieder erheben durfte, bevor er sich dem Kartentisch näherte.
„Ich bin gekommen, um mich über die Lage an der Front zu erkundigen und herauszufinden, ob wir bereits neue Erkenntnisse gewinnen konnten, fürderhin habe ich neue Informationen, die ich gerne persönlich mit dir teilen möchte.“
antwortete der Große Khan, als er an den Kartentisch herantrat und interessiert auf die große, bildliche Darstellung ihrer östlichen Grenzregion herabblickte. Der Hauptmann der Wache nickte grimmig und stützte sich auf den Tisch, der unter der Last knarrte, während Amelia hinter ihrem Vater blieb und sich erst einmal Umsah.
Das Zelt des Hauptmanns war spartanisch eingerichtet, außer dem Kartentisch, der den größten Teil der freien Fläche einnahm und das Zelt ganz klar dominierte, befanden sich nur eine einfache Koje, eine Waschschüssel, ein Rüstungsständer, auf dem die Kriegsrüstung des Hauptmanns und seine Waffen ausgestellt waren und ein niedriges Regal, das mit Dokumenten und Karten überquoll, in dem Zelt. Es war erstaunlich, dass man es schaffte, mit so wenig so viel Chaos zu erschaffen, aber je länger sie die augenscheinlich wahllosen Stapel aus Pergament und Papyrus betrachtete, desto mehr Sinn ergaben sie. Dort waren die Karten und die dazugehörigen Legenden, denen Kommentare über Ungenauigkeiten und Spezifikationen hinzugefügt worden waren, daneben waren Listen mit den Namen der Krieger, sowie Pläne für die Rotationen der Patrouillen, wiederum daneben lag eine Ansammlung an Protokollen über Grenzüberschreitungen der Handelskarawanen der Pflanzenfresser und deren Ladungen. Es wirkte wie ein heilloses Durcheinander, aber es steckte ein System dahinter und sie wollte wetten, dass wenn sie ihn nach irgendeinem Detail fragte, würde er blind in einen dieser Stapel greifen können und würde das passende Dokument und die richtige Information finden.
Während Amelia sich noch mit der Umgebung vertraut machte, begann der Kampferprobte mit seiner Kralle verschiedene Figuren und Bereiche auf der großen Karte zu zeigen.
„Nun, wir haben in den frühen Morgenstunden mehrere Gruppen der Pflanzenfresser aufgegriffen, die unser Territorium verlassen wollten. Sie haben an, dass sie Kontakt zu ihren Artgenossen aus den anderen Teilen des Dschungels aufnehmen wollen, angeblich um Informationen zu der Situation da draußen zu sammeln. Das war hier und hier.“
erklärte der Hauptmann und zeigte dabei auf zwei der stärker frequentierten Grenzübergänge zu ihrem Reich.
„Ansonsten sind die Grenzen bisher ruhig geblieben. Wir haben keinerlei besondere Vorkommnisse feststellen können, auch sind bis dato keine weiteren Anzeichen für Eindringlinge aus den äußeren Territorien aufgefallen, aber das muss nichts heißen; unsere Grenzen sind lang und wir haben nur sehr begrenzte Ressourcen, mit denen wir sie sichern können. Ich kann unsere Truppen nicht rund um die Uhr im Einsatz halten, sie brauchen Pausen, sie brauchen Schlaf … wir brauchen Verstärkung.“
fuhr er fort und der Große Khan konnte dem nur zustimmen. Es stimmte, sie könnten, wenn überhaupt, nur ein paar wenige Tiger entbehren. Er drehte sich zu Amelia um und ließ sich von ihr die mitgebrachte Karte geben. Während er sich wieder zum Hauptmann umdrehte, entrollte er das Pergament und legte sie vorsichtig auf den nur spärlichen vorhandenen freien Platz, der noch auf dem Kartentisch vorhanden war. Das Interesse des Hauptmanns war sofort geweckt und er beugte sich weiter über den Tisch, um besser sehen zu können.
„Ich habe mir die Freiheit genommen, eine deiner Karten zu nehmen und noch einmal mit Garras zu sprechen.“
begann er und der Hauptmann nickte. Er erkannte die Karte und betrachtete sie genau, noch bevor der Große Khan anfangen konnte, die Änderungen auf ihr zu erklären.
„Ich habe ihn gebeten, mir zu zeigen, bis wohin die Nea-Phi-Lim bereits vorgedrungen sind, und er hat mir dieses Gebiet markiert. Des Weiteren hat er uns auch noch einige der größeren Pflanzenfresser-Siedlungen eingezeichnet, und zwar hier, hier und hier. Ich möchte, dass wir unsere Späher aussenden und dass sie dieses Gebiet erkunden.“
verlangte der Khan und kreiste auf der Karte grob den Bereich ein, der vorher bereits von Garra markiert worden war. Der Hauptmann nickte stumm und der Adjutant machte sich eifrig Notizen.
„Es müssen erfahrene Späher sein, ich will nicht, dass sie Anfängerfehler machen und diesen Nea-Phi-Lim oder den Pflanzenfressern dort draußen zum Opfer fallen. Wir sind eindringlich davor gewarnt worden, dass diese Pflanzenfresser nicht annähernd so zahm sind wie unsere. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass sie auf andere Raubkatzen treffen. Ich würde einen offenen Konflikt gerne vermeiden, wir werden uns wahrscheinlich mit diesen Jaguaren verbünden müssen, zumindest kurzfristig.“
fuhr der Große Khan fort, während der Hauptmann damit beschäftigt war, die verschiedenen Markierungen auf die große Karte zu übertragen. Als er damit fertig war, winkte er seinen Assistenten zu sich heran, sah aber noch nicht von seiner Arbeit auf.
„Wer sind unsere fähigsten Späher?“
fragte er, während er weiterhin die Karte betrachtete und einige Figuren hin und her setzte, um seine Truppen an die neue Situation anzupassen. Derweil blätterte sein Adjutant in seinen Unterlagen.
„Wir haben Pequena Sombra, Sie, sie ist im Moment nicht im Dienst, und Esfuerzo Mudo, er ist derzeit bei der vierten Grenzpatrouille oben im nördlichen Quadranten.“
zählte er schließlich zufrieden auf und sein Vorgesetzter nickte streng.
„Mhm, gut, schick einen Läufer los. Ich will, dass die Patrouillen im östlichen und nördlichen Quadranten verstärkt werden, und Esfuerzo Mudo soll sich hier melden, er hat einen neuen Sonderauftrag; außerdem, bring mir Pequena Sombra und zwei weitere Spähtrupps.“
befahl der Hauptmann, woraufhin sein Adjutant aus dem Zelt eilte, um seine Befehle in die Tat umzusetzen. Als der junge Tiger fort war, sah der Hauptmann zum Großen Khan hinüber und ein grimmiges Lächeln umspielte seine Lippen.
„Wonach sollen die Späher Ausschau halten, wenn sie draußen sind?“
fragte er schließlich.
„Uns sind im Moment die Hände gebunden. Solange wir den Pflanzenfressern nicht beweisen können, dass die Geschichten, die Garra uns erzählt hat, wahr sind, können wir ihn nicht losschicken, um Verstärkung herbeizuschaffen.“
begann der Khan und im Gesicht des Hauptmanns konnte man ablesen, wie sehr ihn das ganze jetzt schon anwiderte. Es war kein Geheimnis, dass er nicht viel auf die Pflanzenfresser hielt, seiner Meinung nach, standen sie auf einer niedrigeren evolutionären Stufe und waren dazu bestimmt, von den Tigern beherrscht zu werden. Dass sie jetzt auf deren Gut-Will angewiesen waren, ging ihm entschieden gegen den Strich.
„Also brauche ich Beweise für die Existenz dieser Nea-Phi-Lim. Sag ihnen, sie sollen nach Leichen suchen. Wenn wir auf Pflanzenfresser stoßen, dann sollen sie sie nach diesen Jägern befragen, am besten wäre es natürlich, wenn sie einen Nea-Phi-Lim fangen oder zumindest seinen Kadaver hierher schleppen könnten. Mit solchen Beweisen in der Hand können selbst die Pflanzenfresser die Bedrohung nicht mehr leugnen.“
fuhr der Große Khan fort und sein Gegenüber konnte dem nur zustimmen, verschränkte aber seine Arme vor der breiten Brust.
„Mhm, es ist eine Schande, dass wir auf deren Zustimmung warten müssen, bevor wir handeln können. Bis sie sich entschieden haben, könnte es schon zu spät sein.“
kommentierte der vernarbte Tiger, wobei er genau wusste, dass es nicht in seiner Gewalt lag, das zu entscheiden, aber er musste seinem Unmut Gehör verschaffen. Der Große Khan atmete tief durch, im Grunde empfand er genauso, aber sie konnten ihr Abkommen mit den Pflanzenfressern nicht aufs Spiel setzen, nicht so. Hinter ihm spannte sich Amelia an, hielt sich aber zurück, da sie keinen Tadel von ihrem Vater riskieren wollte. Am Ende kam der Hauptmann ihrem Vater jedoch mit seiner Antwort zuvor.
„Aber du hast natürlich recht, wir werden unser Abkommen mit diesen Feiglingen nicht gefährden, nicht ohne guten Grund. Wir werden unsere Späher vorsichtshalber mit voller Ausrüstung ins Feld schicken. Ich kann nur hoffen, dass die Pflanzenfresser sie nicht direkt angreifen, noch bevor wir unsere Gründe für die Exkursion nennen können. Es könnte sonst sehr unangenehm werden, wenn wir sie angreifen müssten, zumal sie mit Sicherheit mittlerweile nur noch in größeren Gruppen unterwegs sein werden.“
Die Bedenken, die der Hauptmann äußerte, waren durchaus berechtigt und der Große Khan konnte dem nichts entgegensetzen.
„Wir sollten eine Konfrontation mit ihnen vorerst vermeiden, wenn es sich machen lässt. Garra hat bereits erwähnt, dass die Pflanzenfresser dieses Territoriums ziemlich angriffslustig sind. Sie werden äußerst wahrscheinlich zuerst zuschlagen und danach Fragen stellen. Wir sollten Abstand halten und, sofern wir ihre Hilfe in Anspruch nehmen müssen, unsere Pflanzenfresser die Verhandlungen führen lassen.“
stimmte der Anführer der Tiger zu, aber bevor sie weitersprechen konnte, legte Amelia vorsichtig ihre Hand auf seinen Arm. Der Große Khan stockte und drehte sich zu seiner Tochter um.
„Möchtest du etwas sagen?“
fragte er sanft und sein Tonfall klang tatsächlich interessiert, woraufhin Amelia vorsichtig nickte.
„Sollten wir nicht vielleicht den Pflanzenfressern von unseren Plänen erzählen, damit sie wiederum ihre Botschafter aussenden können, um ihre Clans jenseits der Grenze darüber zu informieren?“
fragte sie unsicher und ihr Vater begann zu lächeln, während er seine große Hand auf ihre legte.
„Dein Einwand ist gut und berechtigt, und wenn wir mehr Zeit hätten wäre dies sicherlich der sinnigere Vorgehensweise, aber ich fürchte, uns fehlt einfach die Zeit. Selbst wenn wir jetzt sofort Boten zu den einzelnen Stämmen aussenden, könnte es Tage dauern, wenn nicht sogar Wochen, bis die Informationen bei den jeweiligen Clans in den äußeren Territorien ankommen. Wir haben schon jetzt zu viel Zeit verloren, wir werden einfach vorsichtig sein müssen.“
antwortete der Große Khan wohlwollend und streichelte die Hand seiner Tochter, während der Hauptmann hinter seinem Tisch nickte. Amelia war nicht wirklich glücklich mit dieser Aussage, aber noch bevor sie ein Gegenargument vorbringen konnte, wurde hinter ihr die Plane des Zeltes geöffnet und einige Tiger, gefolgt vom Adjutanten des Hauptmanns, traten ein. Sie waren noch nicht ganz im Zelt, da sie ihren Anführer sahen und auf die Knie sanken. Zufrieden mit der Respektsbekundung, nickte er und gestikulierte ihnen, sich zu erheben.
„Erhebt euch, meine Krieger, es gibt viel zu tun.“
befahl er, bevor sich der Assistent des Hauptmanns zu Wort meldete.
„Die Läufer sind unterwegs und hier sind die geforderten Spähtrupps, Sir.“
Der Hauptmann nickte anerkennend und winkte seine Späher zu sich an den Tisch.
„Also gut, hört zu. Es gibt neue Befehle. Wir schicken euch aus, um die Territorien jenseits der Grenze auszukundschaften. Wir brauchen Beweise für die Bedrohung, von der der Jaguar berichtet hat. Leichen, zurückgelassene Ausrüstung, Spuren, Zeugenaussagen, einfach alles. Wenn es sich dabei ergäbe, wäre ein Gefangener dieser sogenannten Nea-Phi-Lim natürlich ideal, er muss auch nicht zwingend noch am Leben zu sein.“
erläuterte der Hauptmann im für ihn typischen Befehlston und deutete auf die Karte.
„Diese Jäger wurden zuletzt hier gesehen, aber es ist möglich, dass sie sich bereits weiter vorgedrungen sind. Seid also auf der Hut, und nehmt euch vor den Einheimischen in Acht, sowohl vor den Jaguaren, als auch vor den Pflanzenfressern. Wir wollen keine Konflikte, noch nicht!“
fügte er hinzu, während er die entsprechenden Stellen auf der Karte zeigte und seine Späher übertrugen eifrig die entsprechenden Markierungen auf ihre eigenen Marschkarten, bevor sie salutierten und die Befehle bestätigten. Der Hauptmann erwiderte den Militärgruß und wandte sie noch einmal an Pequena Sombra.
„Sombra, du und dein Trupp werdet die Spuren sichern, ich weiß, dass du dich darauf spezialisiert hast. Ich will wissen, mit welcher Art von Gegnern wir es zu tun haben, und ich will alle Spuren, Pflanzenfresser, Fleischfresser und diese Nea-Phi-Lim. Verstanden?“
vergewisserte er sich noch einmal und Pequena sah ihm fest in die Augen, bevor sie stumm nickte.
Die Späher verbeugten sich noch einmal vor dem Großen Khan und Amelia, die mit einem respektvollen Nicken antworteten, bevor sie das Zelt verließen.
„Jetzt heißt es warten.“
bemerkte der Anführer der Tiger und sein Hauptmann stimmte ihm zu.
„Ja, wir können diesen Prozess nicht beschleunigen, zumindest nicht, ohne unsere Truppen einer noch größeren Gefahr auszusetzen.“
erwiderte der Hauptmann und die anderen konnten ihm nur beipflichten. Nun, da der offizielle Grund ihres Besuches dem Grunde nach erledigt war, drückte sich Amelia an ihrem Vater vorbei und trat an den Kartentisch heran. Sie wirkte noch immer ein wenig schüchtern, aber da ihr Gegenüber gezeigt hatte, dass er sich um seine Truppen bemühte und unter dieser harten Schale ein empathischer Kern zu stecken schien, fühlte sie sich berufen, ihm eine Frage zu stellen.
„Braucht ihr sonst noch etwas? Haben die Truppen alles, was sie brauchen?“
fragte die Thronfolgerin und der Tiger auf der anderen Seite des Kartentischs fing an zu schmunzeln, aber das schiefe, zerklüftete Lächeln auf seinem Gesicht war warm und ehrlich, denn er wusste, sie wusste es nicht besser.
„Oh mein Kind, du stellst die falsche Frage. Eine Militäroperation hat nie genug Personal, nie genug Nachschub, und nie genug Verstärkung und Reserve. Aber verstehe das jetzt bitte nicht falsch, ich bin froh, dass du diese Frage stellst, denn sie zeigt, dass du dir Sorgen um dein Volk machst, aber als zukünftige Oberbefehlshaberin, darfst du diese Frage niemals stellen.“
erklärte der Hauptmann und seine Stimme war überraschend ruhig und sanft, nicht leise, aber die Härte, die ihr sonst immer innewohnte, fehlte. Amelia, die von dieser Antwort völlig überrascht war, blinzelte und sah zu ihrem Vater auf, der ebenfalls wohlwollend lächelte und ihr seine große Pranke auf die Schulter legte.
„Die Frage war nicht per se falsch, aber das konntest du nicht wissen, aber als zukünftige Oberbefehlshaberin solltest du immer wissen, wie viele Tiger du im Einsatz hast und wie sie versorgt werden. Unsere Mittel, insbesondere die Anzahl unserer Krieger, sind begrenzt, und so können wir ihm keine weiteren Truppen zur Verfügung stellen, auch sind die Truppen gut versorgt und ausgerüstet, so wie es immer schon war. Diese Tatsachen machen deine Frage nicht falsch, aber irrelevant, da wir an der Versorgung und der Truppenstärke, zumindest jetzt, nichts ändern können. Später, wenn wir hoffentlich Verstärkung durch die Jaguare und, wenn die Ahnen es so wollen, auch durch die Pflanzenfresser bekommen, dann wird diese Frage noch einmal interessant.“
gab ihr Vater zu verstehen, und strich ihr zärtlich über die Wange.
Bald nach ihrem Gespräch brachen die ersten Spähtrupps auf, während der Hauptmann noch auf die Rückkehr von Esfuerzo Mudo wartete, damit er ihn und den ihm zugeteilten Trupp auch noch einweisen konnte. Als sich schließlich alle Späher auf ihrem Weg ins Feindesland befanden, begann das lange Warten. Sie würden nicht viel mehr tun können, als auf die Rückkehr der Späher zu warten und zu hoffen, dass sie die benötigten Beweise und Informationen beschaffen konnten. Es würde bestenfalls Tage, aber wahrscheinlich eher Wochen dauern, bis sie die nächsten Schritte einleiten konnten.
Der Große Khan und Pecada beschlossen, am folgenden Tag den Weg zurück in den Tempel anzutreten, nicht zuletzt auch, um Emily nicht zu lange allein zu lassen. Amelia hingegen bat darum, vorerst im Feldlager bleiben zu dürfen, da sie gemerkt hatte, dass es hier noch sehr viele Dinge zu lernen gab und sie sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen konnte. Widerwillig hatte der Große Khan zugestimmt, aber die Bedingung gestellt, dass zwei Mitglieder seiner Leibgarde immer an ihrer Seite bleiben würden. Amelia hatte dem, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, zugestimmt.
Pecada, die ihre Chance erkannte, den Großen Khan eine Nacht und einen weiteren Tag ganz für sich allein zu haben, hatte indes beschlossen, ihrem Geliebten noch einmal mit Nachdruck zu zeigen, warum sie die Erste unter den Konkubinen war. Und so hatte der Anführer der Tiger eine sehr kurze Nacht und einen sehr langen Tag hinter sich, deren Strapazen ihm durchaus ins Gesicht geschrieben standen, als sie am Abend des zweiten Tages wieder am Haupttor des Tempels eintrafen. Nicht dass es den mächtigen Tiger störte, dass seine Geliebte ihn forderte, er war vollkommen dafür, dass sie ihren Rang in seinem Harem noch einmal bestätigt sehen wollte.
Nichts desto trotz, war der Große Khan froh, als er sich nach einer stürmischen Begrüßung durch seine Tochter und eine doch deutlich zurückhaltendere durch seine Hohepriesterin erst einmal in die Bäder zurückziehen konnte.
In den darauf folgenden Tagen konnte man Emily immer häufiger die Treppe zum Verlies hinuntersteigen sehen. Auf die Frage ihres Vaters, warum sie sich so sehr um den Jaguar bemühte, hatte sie geantwortet, dass sie von Garra lernen wolle wie das Leben außerhalb ihres Territoriums aussah, und dass sie es für wichtig hielt, die Tiere des restlichen Dschungels besser verstehen zu können. Zum einen wollte sie eine bessere Beraterin für Amelia sein, zum anderen war sie überzeugt, dass es für die Zukunft besser war, die Beziehungen zu den äußeren Territorien zu verbessern. Vielleicht war es möglich, dass die Jaguare mit den Pflanzenfressern ein ähnliches Abkommen schließen konnten wie die Tiger, das würde allen eine Menge Leid ersparen und die Verteidigung des Dschungels gegen Gefahren von außen deutlich vereinfachen.
Gegen diese Argumente hatte der Große Khan nicht viel einwenden können und nachdem auch Pecada dies für eine gute Idee hielt, stimmte der Große Khan diesen häufigen Besuchen zu. Was er nicht wusste, war, dass Pecada sehr wohl wusste, dass es ihrer Tochter nicht ausschließlich um das Lernen ging, aber das würde sie ihrem Geliebten noch nicht sagen.
Es würden einige Tage vergehen, bis die ersten Spähtrupps wieder den Weg ins Feldlager der Tiger fanden und ihre Berichte wurden mit Hochspannung erwartet.
Doch was die Kundschafter am Ende berichteten, war alles andere als das, was sich der Große Khan und der Hauptmann seiner Garde erhofft hatten.
…
In den letzten Tagen hatte Amelia fast jede wache Minute mit dem Hauptmann der Wache verbracht und damit fast schon die Rolle seines Adjutanten angenommen. Sehr zu ihrem Erstaunen, hatte sich der Befehlshaber ihrer Armee sich als ein geduldiger, wenn auch zeitweise sehr aufbrausender Lehrer erwiesen. Er hatte großen Spaß daran, ihr all sein Wissen angedeihen zu lassen, immer in der Hoffnung, dass dieses Wissen nicht nur ihr in Zukunft Entscheidungen vereinfachte, sondern auch dafür sorgte, dass er ihr nicht immer alles haarklein erklären musste, wenn es um militärische Entscheidungen ging. Gleichzeitig hatte sich Amelia als eine lernwillige, neugierige und aufgeschlossene junge Tigerin entpuppt, was es dem vom Kampf gezeichneten Tiger einfacher machte, die Zeit zu rechtfertigen, die er damit verbrachte ihr all dies beizubringen.
Gerade waren sie dabei, zusammen mit dem Adjutanten die Rotation der Grenzpatrouillen zu besprechen, und Amelia schob Truppmarker über die große Karte, während der Hauptmann erklärte, warum er gerade diese Einheiten dort einsetzte. Es war eine mühselige, zeitraubende Aufgabe, weil sie eigentlich zu wenige Tiger hatten um wirklich alle Einsatzgruppen vollständig zu rotieren, und so wurde jeder Trupp einzeln begutachtet, besprochen wie lange er schon im Einsatz war und wie wahrscheinlich ein Angriff an dieser Stelle der Grenze sein würde.
Die Tochter des Khans war gerade dabei, zwei Trupps auszutauschen, als hinter ihr die Zeltplane aufgerissen wurde und eine der Wachen in das Zelt platzte.
„Melde gehorsamst, Spähtrupp zwei ist zurückgekehrt.“
berichtete der Tiger, aber er klang dabei irgendwie verstört und aufgeregt. Für den Moment war das noch nichts außergewöhnliches für den Hauptmann, der kurz nickte und auf die Mitte des Zeltes deutete.
„Sehr gut, sie sollen reinkommen, ich möchte sofort ihren Bericht hören.“
befahl er in dem für ihn so typischen Befehlston, aber die Wache schüttelte energisch den Kopf.
„Das wird nicht möglich sein, Sir, er ist bereits im Lazarettzelt, es sieht nicht gut aus, Sir.“
erwiderte er und zog sich zum Eingang des Zelt zurück um die Plane auszuhalten, gerade noch rechtzeitig, bevor der Hauptmann mit eiligen Schritten an ihm vorbeirauschte, gefolgt von Amelia und seinem Adjutanten, der seine Unterlagen festklammerte.
Der Weg vom Zelt des Befehlshabers hinüber zum Lazarettzelt war nicht weit, aber Amelia hatte Schwierigkeiten, mit den langen, ausholenden Schritten des Hauptmanns Schritt zu halten. Es war erstaunlich, dass der Hauptmann allem Anschein nach schneller gehen konnte, als so manch anderer Tiger zu laufen in der Lage war.
Später hatte Amelia den Adjutanten gefragt, wie der vernarbte Tiger dies bewerkstelligte, aber dieser hatte nur abgewunken und etwas von ein Offizier rennt nunmal nicht, das würde ein falsches Bild bei den Kriegern abgeben, gemurmelt.
Mit einem fast gebrüllten:
„Wo sind sie?“
riss der Hauptmann die Plane des Lazarettzeltes auf, aber er brauchte gar nicht zu suchen, denn sein Spähtrupp, oder vielmehr das, was von ihm noch übrig war, lag direkt vor ihm auf der ersten Trage im Zelt. Der Tiger sah übel zugerichtet aus und der Heiler, der dem Außenposten zugeteilt worden war, arbeitete bereits fieberhaft an den Wunden des Spähers. Er eilte ständig zwischen seinem Patienten und einem Tisch hin und her, auf dem allerlei medizinisches Material bereitgelegt war, während eine Priesterin immer noch mehr Bandagen sowie Nahtmaterial heran schaffte.
Die Wunden des Tiger waren allesamt nicht direkt tödlich, aber die Vielzahl machte sie gefährlich. Es waren größtenteils Schnitt- und Platzwunden, Spuren eines oder mehrerer Kämpfe, die entweder mit Klingen oder Keulen ausgetragen wurden, soviel konnte der Hauptmann direkt erkennen, während er darauf wartete, dass der Heiler seine Arbeit beendete. Neben ihm stand Amelia, die zutiefst erschüttert auf den zerschundenen Leib des Tigers hinab sah. Sie hatte noch nie einen so übel zugerichteten Tiger gesehen. Selbst Garra hatte nicht so ausgesehen, als die Grenzwächter ihn in den Tempel gezerrt hatten. Natürlich wusste sie, dass reale Kämpfe, wenn es um Leben und Tod ging, nicht so sauber ausgetragen wurden, wie die Trainingskämpfe, die sie im Tempel austrugen, aber nie hätte sie sich ein solches Gemetzel vorgestellt. Der Anblick hob ihr den Magen, aber sie konnte sich beherrschen, auch wenn die Krämpfe nicht unbemerkt blieben. Der strenge Blick des Heilers, der mehr sagte als tausend Worte, ließ sie zwei Schritte zurückweichen.
Als der Arzt seine Arbeit endlich beendet hatte und dem Hauptmann bestätigte, dass sein Patient nicht direkt in Lebensgefahr schwebte, dankte dieser ihm und wandte sich an seinen Krieger.
„Nun, mein Sohn, berichte, was ist da draußen passiert, und wo sind die anderen?“
verlangte der Hauptmann zu wissen, obwohl er sich ziemlich sicher war, dass er die Antwort auf beide Fragen bereits kannte. Seine Verletzungen waren eindeutig und das Fehlen der restlichen Späher konnte nur eins bedeuten.
„Wir … wir sind in einen Hinterhalt … geraten …“
keuchte der Kundschafter mit rauer, fast tonloser Stimme. Er leckte sich über die Lippen und schluckte, bevor er fortfahren konnte.
„Wir haben nach drei Tagen der Suche endlich Spuren gefunden … und haben sie verfolgt. Wir … wir haben tatsächlich einen Kadaver gefunden, auf dessen Verletzungen die Beschreibungen des Jaguars passten. Er … Sie war gehäutet, die Zähne und ihr Schwanz als Trophäen genommen … großes Loch, in der linken Brust … Lunge total zerfetzt. Wir waren gerade fertig mit der Untersuchung der Fundstelle und wollten … sie … den Kadaver mitnehmen, als …“
der Späher musste kurz pausieren und Luft zu holen, man konnte sehen, wie schwer es ihm fiel, darüber zu reden. Nicht nur die körperlichen Verletzungen, sondern vor allem auch sein Stolz als Krieger machten es ihm schwer, die Niederlage zu akzeptieren.
„… sie uns überfielen. Sie … sie waren Pflanzenfresser, Okapis, mindestens zehn. Sie haben uns nicht einmal die Chance gegeben, uns zu erklären, sondern haben sofort angegriffen. Noch ehe wir reagieren konnten, haben sie die anderen getötet. Ich … habe die zwei Krieger, die mich angegriffen haben, abwehren können … aber als sie … mit den anderen fertig waren … ich hatte keine Chance gegen acht von ihnen. Sie haben mich überwältigt und niedergerungen, aber wenigstens haben sie mir die Chance gegeben, mich zu erklären. Aber sie wollten mir nicht wirklich glauben, dass wir nicht auf dem Kriegspfad waren … sondern herausfinden wollen, was dort vorgeht. Ich habe dann einen Moment der Unachtsamkeit genutzt, um zu fliehen …“
Es war nicht mehr als ein heiseres, gebrochenes Flüstern, als er fortfuhr, Tränen sammelten sich in seinen Augen, während er den Hauptmann ansah.
„Ich habe … meine Kameraden … die Beweise … ich musste alles zurücklassen.“
fügte er schließlich hinzu, aber der Hauptmann legte ihm eine schwere Pranke auf die Schulter und nickte grimmig.
„Du hast deine Arbeit gut gemacht. Ruh dich jetzt aus und erhole dich. Hoffen wir, dass die anderen Trupps mehr Glück haben.“
Es war ein ernstgemeinter Kommentar, bei dem der Hauptmann seine Trauer und seinen Zorn allerdings nur geradeso hinter einer Fassade des Mitgefühls verstecken konnte. Es war nicht so, dass er kein Mitgefühl für seinen Krieger empfand, oder Trauer für die Gefallenen, ganz im Gegenteil, aber der Zorn gegenüber den Pflanzenfressern, die seiner Meinung nach völlig unprovoziert seine Kundschafter angegriffen hatten und ihn damit um dringend benötigte Beweise gebracht hatten. Des Weiteren war ihm durchaus bewusst, dass er seinen Späher das Ergebnis dieser Expedition nicht zum Vorwurf machen konnte, schließlich hatten sie ihnen befohlen, Konfrontationen nach Möglichkeiten zu vermeiden. Bei einem Hinterhalt waren die Angreifer nunmal im Vorteil und bei einer Überzahl von zehn zu drei, war es selbst für Okapis nicht unmöglich, Tiger zu überwältigen.
Als sie sahen, wie der verletzte Tiger sich zu entspannen versuchte und der Heiler sie beide wütend anfunkelte, mahlte der Hauptmann mit den Kiefern und verließ anschließend stumm das Lazarettzelt. Amelia und sein Adjutant folgten ihm und zogen die Plane wieder zu.
Der Weg zurück zum Zelt des Befehlshabers, den sie zuvor in nur wenigen Sekunden zurückgelegt hatten, zog sich dieses Mal zu einer gefühlten Ewigkeit, in der keiner der drei Tiger es wagte, auch nur ein Wort zu sagen. Der Hauptmann fürchtete, dass er womöglich explodieren würde, wenn er seinem Ärger nun Luft machte, der Adjutant wusste es besser, als seinem Vorgesetzten jetzt mit irgendeinem, noch so gut gemeinten, Kommentar zu kommen und Amelia war einfach noch immer zu geschockt, um auch nur Worte für ihre Gefühle zu finden.
Als sie schließlich in dem stickigen, kleinen Zelt des Hauptmanns ankamen, lehnte sich der von unzähligen Kämpfen gezeichnete Tiger gegen den Kartentisch und sah Amelia lange an. Sie war eindeutig einem Zusammenbruch nahe und war nicht einmal im Ansatz in der Lage, ihre Gefühle so gut zu kaschieren wie der befehlshabende Offizier. Er atmete langsam und tief durch, bevor er nickte.
„Ja, manchmal kann es ganz schnell gehen und es kann auch sehr tragisch enden. Dort draußen herrscht nach wie vor das Gesetz des Dschungels. Ein Leben ist nur so viel wert, wie teuer du es verkaufst. Bei Militäroperationen kommt es zwangsläufig zu Verlusten, und der heutige Tag zeigt uns einmal mehr, dass selbst relativ schwache Pflanzenfresser wie Okapis können, wenn sie zahlenmäßig überlegen sind und aus dem Hinterhalt angreifen, eine ernst zu nehmende Gefahr darstellen. Weshalb wir so sehr darauf bedacht sind, unseren Pakt mit unseren Pflanzenfresser hier aufrechtzuerhalten. Vergiss das nie.“
erklärte der Hauptmann, wobei seine Stimme für seine Verhältnisse erstaunlich sanft und leise klang, aber Amelia reagierte erst einmal gar nicht, sondern war noch immer damit beschäftigt, alles zu verarbeiten. Da er Amelia nicht komplett überfordern wollte, wandte er sich erst einmal an den Adjutanten.
„Kennzeichne diese beiden als gefallen und informiere die Priesterinnen und den Großen Khan. Wir sollten uns darauf vorbereiten, dass dies nicht die letzten Verluste sein werden.“
Er behielt den leisen Ton bei und als der Adjutant mit seinen Notizen fertig war, nickte er stumm und verließ ebenso leise das Zelt. Als er sich anschließend wieder Amelia zuwandte, sah er, wie ihre Lippen zitterten und wie verkrampft sie vor ihm stand. Nochmals nickte der Hauptmann und lächelte sanft, bevor er seine Arme für sie öffnete.
„Nun komm schon her …“
flüsterte er leise und es war, als würde ein Ruck durch Amelia gehen, bevor sie nach vorne und in seine Umarmung trat, woraufhin er seine starken Arme um die junge Tigerin schlang und sie festhielt.
„Ich weiß … beim ersten Mal ist es immer am Schlimmsten.“
murmelte er leise und rieb ihren Rücken, während er ihr schluchzen spürte.
„Es ist in Ordnung, lass es raus …“
fügte er ebenso leise hinzu, während er die Hitze, die von ihrem Gesicht ausging, auf seiner Brust spürte und wie sie sich an ihm festkrallte. Er ließ sie gewähren, sie war noch so jung und man hatte sie direkt in das tiefe Ende des Beckens geworfen. Erst als sie sich langsam zu beruhigen begann, sprach er sie wieder an.
„Schhh … es wird besser werden. I weiß, dass es wehtut, aber es lässt sich nun einmal nicht vermeiden.“
Noch immer klang seine sonst so raue Stimme sanft und er sprach mit ihr, wie ein Vater, der sein Kind zu trösten versuchte.
Es dauerte noch eine Weile, bis Amelia sich wirklich beruhigt hatte und später entschuldigte sie sich förmlich beim Befehlshaber für ihren Gefühlsausbruch, aber der alte Tiger bekräftigte sie sogar in ihren Gefühlen. Zum Einen zeigte es für ihn nur, dass sie sich wirklich mit ihrer Truppe verbunden fühlte und es nicht nur Namen und Nummern auf einem Pergament waren, was wirklich wichtig war, zum Anderen zeigte es, dass die junge Tigerin sehr emphatisch war und im Zweifelsfall wahrscheinlich eher zweimal über einen Befehl nachdachte, als mögliche Konsequenzen einfach zu ignorieren. Beides Eigenschaften, die eine gute Stammesführerin ausmachten. Außerdem, sie durfte ihre Emotionen noch offen zeigen, noch war sie nicht „der Große Khan“, noch war sie einfach Amelia, noch war sie einfach eine junge Tigerin, die sich mit einer Situation konfrontiert sah, die sie sichtlich überforderte.
„Diese Gefühle sind keine Schande, Kind, ganz im Gegenteil, sie sind eine Stärke. Solange jeder Verlust noch weh tut, heißt das, dass du noch immer Mitgefühl für dein Volk hast, sollte es irgendwann einmal so weit kommen, dass dir dieses Mitgefühl verloren geht, dann ist das ein schwarzer Tag für uns alle. Behalte dir dein Mitgefühl, sowohl für dein Volk, als auch für deine Verbündeten, so sehr sie dir vielleicht auch mal auf die Nerven gehen.“
erklärte der Hauptmann und Amelia nickte. Sie verstand was er meinte, aber das machte es nicht einfacher.
Im Laufe der nächsten Tage kehrten die anderen Spähtrupps zurück. Die meisten von ihnen hatten eine ähnliche Erfahrung gemacht, allerdings war es Esfuerzo Mudos Trupp gelungen, friedlichen Kontakt mit einem der Wasserbüffelstämme herzustellen. Im Verlauf der darauf folgenden Gespräche wurde Garras Gesichte von den Büffeln nicht nur bestätigt, sondern um einige neue Informationen erweitert. Die Nea-Phi-Lim kamen wirklich aus den östlichen Bergen und hatten in der ersten Zeit vor allem auf die Fleischfresser Jagd gemacht. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Pflanzenfresser sogar noch die Hoffnung gepflegt, in ihnen einen wertvollen Verbündeten in ihrem immerwährenden Kampf gegen die Raubtiere gefunden zu haben. Als diese Eindringlinge dann allerdings begannen, wahllos auch Pflanzenfresser zu töten, war diese Hoffnung schnell passé. Esfuerzo und seine Gefährten waren dann noch zu einem der Leichname geführt worden, und dort konnten auch die Berichte über die Waffen der Nea-Phi-Lim bestätigt werden. Bei dem Opfer handelte es sich um eine mächtigen Stier, dessen Kadaver nach dem Tod geschändet worden war. Nicht nur hatten die Jäger ihn gehäutet, man hatte seine Hörner sowie seine Testikel entwendet und den Rest einfach dem Verfall überlassen.
Die Tiger hatten den Büffel ihre Bestürzung nicht nur über die feige Art und Weise der Jagd, sondern vor allem auch über die Verschwendung mitgeteilt; und auch wenn die Krieger des Wasserbüffelstammes nicht glücklich darüber waren, so mussten sie anerkennen dass die Jaguare und Tiger wenigstens ihre Beute fraßen und sie somit nicht völlig umsonst starben. Auf die berechtigte Frage hin, ob die Wasserbüffel bereit wären, die Tiger in einer Offensive gegen diese Nea-Phi-Lim zu unterstützen, wurde ihnen jedoch eine Absage erteilt.
Zum ersten Mal war bei in diesem Fall auch ein Projektil geborgen worden, da der Büffel so riesig gewesen war, dass die Waffe den Körper des mächtigen Kriegers nicht vollständig hatte durchschlagen können. Die Späher hatten es mitgebracht und dem Hauptmann übergeben, aber niemand im Außenposten noch im Tempel hatte sich einen Reim darauf machen können. Es war schwer und hart, aber eindeutig nicht aus Stein, und wenn man genug Kraft aufwandte, war man in der Lage es zu verformen, aber keiner wusste was genau es war und wie man es so sehr beschleunigen konnte, dass es einen Körper durchschlug und solch verheerende Wunden verursachte.
Bislang waren noch keine Kundschafter mit den Nea-Phi-Lim in Berührung gekommen, aber das sollte sich alsbald ändern. Einer der Spähtrupps, der ausgesandt worden war, kam schwer verletzt und mit einem Gefallenen zurück. Sie berichteten, dass sie aus einem Hinterhalt heraus angegriffen und dass jener Angriff aus großer Entfernung gestartet worden war. Die Beschreibung, die die Überlebenden abgegeben hatten, stimmte dabei erstaunlich genau mit den bereits bekannten Erzählungen überein. Einer der Späher war von etwas getroffen worden, das ihn praktisch auf der Stelle getötet hatte und gleichzeitig war ein lauter Donnerschlag zu hören gewesen. Als sich die anderen Späher nach dem Geräusch umdrehen, hatten sie in der Ferne eine Rauchwolke ausmachen können, doch noch bevor sie einen Gegenangriff hatten starten können, waren sie erneut angegriffen worden. Schließlich waren sie gezwungen, sich zurückzuziehen und ihren Kameraden im Feindeslang zurückzulassen. Sie waren sich sicher, dass ihn das gleiche Schicksal ereilt hatte, wie all die anderen Opfer der Nea-Phi-Lim.
Als der Große Khan schließlich darüber informiert wurde, war er außer sich vor Wut gewesen. In seinem Zorn über diese Dreistigkeit hatte er eine Strafexpedition in das Gebiet befohlen, in dem seine Krieger angegriffen worden waren, mit dem Ziel, diese Nea-Phi-Lim von dort zu vertreiben. Wohl-wissend, dass dieser Angriff nicht zum Erfolg führen würde, ihm aber die Hände gebunden waren, hatte der Hauptmann eine kleine Einheit auf die Mission geschickt.
Einige Tage später waren es die Krieger eben jenes Wasserbüffelstammes gewesen, die auch schon Esfuerzo Mudo getroffen hatte, die den einzigen Überlebenden der Einheit zurück an die Grenze ihres Territoriums brachten. Der Rest der entsandten Truppe war bei einem Feuergefecht mit dem Feind völlig vernichtet worden.
…
In den Tagen, die auf die gescheiterte Strafexpedition folgten, blieben die Verluste unter den Tigern kein Geheimnis. Die Pflanzenfresser, deren eigene Spione und Kundschafter ein wachsames Auge auf das Feldlager ihrer Verbündeten hielten, wussten sehr wohl Bescheid über die sich akkumulierenden Verluste der Tiger, und je länger dieses langsam Ausbluten ihrer einstigen Gegner andauerte, desto deutlicher wurde auch den Pflanzenfressern klar, dass die Tiger auf sich allein gestellt dieser Bedrohung nicht Herr werden würden.
Gleichzeitig erhielten auch sie natürlich Rückmeldung von den Karawanen und Abgesandten, die sie in die Territorien jenseits der Grenze geschickt hatten. Die Berichte und Geschichten, die diese Botschafter von ihren Artgenossen mitbrachten, malten ein düsteres Bild, dessen Ausmaße sich noch nicht endgültig absehen ließen.
Die Ältesten unter den Pflanzenfressern entschieden zu diesem Zeitpunkt, dass eine Versammlung einberufen werden musste, um das weitere Vorgehen zu beraten. Diese Versammlungen waren schon in der Vergangenheit genutzt worden, um einen gemeinsamen Nenner unter den Pflanzenfressern zu finden, aber dieses Mal war es anders. Während es in früheren Sitzungen vorrangig um die Verteilung von Nutzungsrechten für Weideflächen ging, war das Thema dieser Versammlung die drohende Vernichtung ihrer gesamten Zivilisation durch einen Feind, dem nicht einmal die Tiger gewachsen zu sein schienen.
Die Debatte wurde leidenschaftlich geführt, und auch wenn eine nicht unerhebliche Zahl der eher konservativ eingestellten Stämme sich gegen ein Zugeständnis für die Tiger aussprach, waren es doch die zahlenmäßig größten Stämme, deren Mitglieder eine Entscheidung dafür durchsetzten.
Am Ende wurde der Beschluss gefasst, dass man Boten zu den Tigern aussenden würde, um dem Großen Khan mitzuteilen, dass die Pflanzenfresser dem Plan der Tiger zustimmten.
Die Versammlung der Pflanzenfresser würde es den Tigern erlauben, zumindest vorübergehend, ihre Verluste durch die Rekrutierung anderer Raubtiere auszugleichen und somit ihre Truppenstärke auch über die ursprünglich vereinbarten 300 Tiger hinaus, weiter auszubauen. Natürlich alles im Namen des höheren Wohls.
Fürderhin würden die Pflanzenfresser dafür sorgen, dass es den Fleischfressern während der Dauer dieses Konflikts nicht an Nahrung mangelte. Wobei sie sicherstellen wollten, dass den Tigern bewusst war, welch schwere Bürde dies für die Gemeinschaft darstellte. Dennoch würden die Pflanzenfresser, unter Berücksichtigung der besonderen Umstände und der Tatsache, dass die Gemeinschaft, wenn den Nea-Phi-Lim nicht Einhalt geboten würde, einen noch viel höheren Preis zahlen müsste, diese Last auf ihre Schultern nehmen.
Abschließend wurden die Boten beauftragt, den Tigern mitzuteilen, dass man sich entschlossen hatte, eigene Truppen auszuheben und diese zur Ablösung der Tiger zur Verfügung zu stellen. Den Pflanzenfressern war dabei bewusst, dass sie im Falle eines echten Kampfes keine große Hilfe sein würden, aber sie wären mit Sicherheit in der Lage, einfache Aufgaben wie das Überwachen der Grenzen zu übernehmen.
Im Vergleich zu der schwül-heißen Luft draußen im Dschungel war es in der großen Halle angenehm kühl. Trotzdem schwitzte der Tapir und hatte das Gefühl, in einer Pfütze seiner eigenen Körperflüssigkeiten zu stehen, als er vor dem Podest stand, auf dem sich der Thron des Khans befand. Er war ausgesandt worden, um das Angebot seiner Leute zu den Tigern zu tragen, und sehr zu seiner Verwunderung hatte die Priesterin, die ihn am Haupttor des Tempels empfing, ihn direkt in die große Halle geführt und ihm nicht einfach nur das Dokument abgenommen.
Während der Große Khan das Pergament, das ihm von dem Boten der Pflanzenfresser übergeben worden war, sorgfältig durchlas, trat der Tapir vor seinem Thron nervös von einem Fuß auf den anderen und sah sich regelmäßig um. Der Anführer der Tiger ließ sich absichtlich mehr Zeit mit der Begutachtung der Offerte und genoss die Unsicherheit und Nervosität des Abgesandten. Es war nur eine kleine Befriedigung, nach all der Zeit, die die Pflanzenfresser sie hatten hängen lassen, aber nichtsdestoweniger war es eine Befriedigung und er würde sie sich nicht nehmen lassen.
Es dauerte noch einen unendlich langen Moment, bis er endlich satt war und das Pergament nickend an seine Tochter weiter reichte, die ihn zu seiner Linken flankierte. Emily nahm das Dokument und las es ebenfalls sorgfältig durch. Sie hatte natürlich direkt bemerkt, dass ihr Vater sich absichtlich Zeit gelassen hatte und tat nun dasselbe, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt. Man musste schließlich seine und die Grenzen seiner Gäste kennen. Sie nickte also schließlich anerkennend und flüsterte ihrem Vater etwas in ihrem eigenen Dialekt zu, woraufhin der Große Khan wohlwollend zu lächeln begann und sich wieder an den Abgesandten wandte.
„Wir sind überaus dankbar für das Verständnis, das uns von Seiten der Pflanzenfresser entgegengebracht wird und nehmen dieses Angebot gerne an. Wir werden sofort Vorbereitungen ergreifen, um die Miliz der Pflanzenfresser in unsere Streitkräfte zu integrieren und werden alsbald Boten aussenden, um mit den verbleibenden Fleischfressern der umliegenden Gebiete Kontakt aufzunehmen. Bitte berichte deinen Anführern, sie mögen sich mit dem Hauptmann der Wache in Verbindung setzen, um sich über die Einsatzmöglichkeiten für eure Krieger zu beraten. Wir wollen hoffen, dass es nicht schon zu spät ist.“
erklärte der Große Khan schließlich, wobei er sehr leise, aber mit Nachdruck sprach. Seine Dankbarkeit war deutlich zu hören und es gab selbst für Emily keinen Zweifel, dass er es auch so meinte, wie er es sagte, trotzdem konnte sie von ihrer Position aus seine Anspannung sehen. Derweil nickte der Tapir vor ihm eifrig und verbeugte sich tief und respektvoll.
„Gewiss, gewiss, ich werde den Ältesten Bericht erstatten.“
erwiderte er und wurde mit einem knappen Nicken belohnt.
„Für das höhere Wohl.“
fügte der Anführer der Tiger hinzu und der Tapir nickte erneut, während er sich nervös die Hände rieb.
„Ja, genau, für das höhere Wohl.“
echote der Abgesandte und nickte weiter eifrig, so als müsste er sich selbst davon überzeugen, woraufhin der Große Khan lächelnd auf das große Portal am anderen Ende der Halle wies.
„Nun gut, du kannst dich jetzt zurückziehen. Berichte deinen Ältesten, wir haben hier noch viel zu tun.“
Auch wenn es weiterhin freundlich klang, so war es keine Bitte, sondern ein Befehl, dem man besser folge leistete, wenn einem sein Leben lieb war. Der Tapir war nicht dumm, sondern verbeugte sich erneut tief und zog sich dann zügig zum Portal zurück, bevor er sich schließlich umdrehte und eilig die Halle verließ. Erst als die großen Doppeltüren mit einem lauten Pochen ins Schloss fielen, erlaubte sich der mächtige Tiger zu entspannen. Er seufzte und rollte dramatisch mit den Augen, bevor er sich schwer auf seinen Thron fallen ließ.
„Oooh, wie sehr ich doch solche Speichellecker hasse …“
murmelte er leise und Emily trat mit einem verwirrten Gesichtsausdruck an den Thron heran. Sie konnte es nicht ganz verstehen, war dies nicht genau das, was sie gewollt hatten? Die Pflanzenfresser hatten endlich klein beigegeben und sie waren sogar bereit, eine Miliz, egal wie effizient sie schlussendlich sein mochte, aufzustellen. Ihr Vater sah zu ihr auf und erkannte ihre Verwirrung. Nachdem er noch einmal tief durchgeatmet hatte, setzte er zu einer Erklärung an:
„Dieser Gesandte ist einer von der Sorte, die es ihrem Herrn immer recht machen wollen. Er hat keine eigene Meinung, keinen eigenen Antrieb, kein Selbstwertgefühl und kein Rückgrat. Er wird immer Ja und Amen sagen, ganz gleich, was seine Ältesten von ihm verlangen. Wenn sie sagen: Spring, dann fragt er: Wie hoch?“
begann er und lehnte sich gegen die Rückenlehne seines Throns.
„Aber sei’s drum, wir haben unseren Willen bekommen. Nun können wir Garra aussenden, um die anderen Jaguare zu versammeln, und wir können unsere Armee formieren, um hoffentlich diese Nea-Phi-Lim zu vertreiben.“
fuhr er fort und bemerkte dabei, wie ein Ruck durch seine Tochter ging. Er wurde still und sah sie intensiv an.
„Ist alles in Ordnung, Emily?“
fragte er schließlich, und zog die Augenbrauen hoch, während Emily sich ertappt fühlte und ihn mit einer Mischung aus Entsetzen und Scham ansah.
„Wann wirst du Garra wegschicken?“
fragte sie ihn schließlich leise, darauf bedacht, möglichst ruhig zu klingen, während der Khan mit den Schultern zuckte.
„Das wird sich zeigen, aber sicherlich in den nächsten Tagen. Wir werden erst noch einen Plan ausarbeiten und ein paar Vorbereitungen treffen, aber ich möchte ihn so schnell wie möglich auf seine Mission schicken. Wir haben schon viel zu viel Zeit in dieser Angelegenheit verloren.“
erwiderte er und Emily nickte stumm. Eine bisher unbekannte Angst stieg in ihr auf, ein Gefühl, das sie so noch nie erlebt hatte. Es war nicht so, dass sie keine Angst kannte, denn sie hatte schon so oft Mist gebaut und hatte oft Angst gehabt, dass entweder ihr Vater oder ihre Mutter es herausfinden würden. Diese Angst war Motivator und Bremsklotz zugleich und hatte ihr ein ums andere Mal die Haut gerettet, aber die Angst, die sie jetzt spürte, war anders. Es war eine sehr viel ursprünglichere, primitivere Angst, eine die viel tiefer saß und eine existenzielle Krise heraufzubeschwören drohte. Sie wollte es sich selbst nicht eingestehen und schon gar nicht ihrem Vater gegenüber, aber sie hatte furchtbare Angst, ihn zu verlieren. Was, wenn Garra von dieser Mission nicht zurückkehrte?
Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie sehr sie den Jaguar in ihr Herz geschlossen hatte, und noch mehr, wie sehr sie ihn liebte. Dies war keine kleine Liebelei mehr, oder ein kleiner Flirt, den ein junges Mädchen mit einem stattlichen Tiger hatte, nicht mehr. Es war echte Liebe, die Grenzen überschritt und sich nicht für Traditionen oder gar Rassen interessierte.
Die Angst, ihn zu verlieren, ließ sie fast ersticken.
Dies blieb ihrem Vater nicht verborgen. Er war nicht so sensibel wie Pecada, aber er war nicht dumm, und die Obzession seiner Tochter mit dem Jaguar war in den letzten Tagen mehr als offensichtlich geworden. Er richtete sich auf und sah sie ernst an.
„Emily, in den letzten Tagen ist dein Interesse an Garra doch sehr auffällig und jetzt scheint dich sein baldiger Aufbruch offensichtlich zu schockieren. Möchtest du mir etwas mitteilen?“
fragte er mit ruhiger, aber eindringlicher Stimme und Emily musste an sich halten, nicht voreilig zu reagieren. Sie fühlte sich ertappt, bei einem Streich, der selbst für sie böse enden konnte. Nur geradeso schaffte sie es, ihre Nerven zu wahren und langsam den Kopf zu schütteln.
„Ich unterhalte mich einfach gerne mit ihm, er weiß so viele Dinge über die Außenwelt, von denen ich noch nie etwas gehört habe und ich würde gerne noch so viel mehr von ihm lernen. Ich befürchte, dass wenn du ihn nun auf seine Mission schickst, werde ich nie mehr die Gelegenheit bekommen, so viel über die östlichen Territorien, direkt aus erster Hand zu erfahren.“
erwiderte sie und es klang sogar überzeugend, denn im Grunde genommen war es nicht gelogen, sie hatte nur ein paar Details unterschlagen. Ihr Vater nickte leicht, während er sie lange und intensiv ansah. Schließlich schloss er seine Augen und seufzte.
„Nun, Emily, es tut mir schrecklich leid, aber ich denke, das Überleben der gesamten Gemeinschaft hat eine höhere Priorität als dein Privatunterricht. Wir werden Garra sobald wie möglich auf seine Mission schicken, daran gibt es nichts zu rütteln.“
sagte der Große Khan und seine Entscheidung war endgültig, das wusste auch Emily, und sie konnte ihm ja auch nur zustimmen, trotzdem hatte sie Angst. Sie nickte leicht.
„Natürlich Papa, ich verstehe das vollkommen. Natürlich hat seine Mission Vorrang vor meinen kleinen Gesprächen mit ihm.“
gab sie niedergeschlagen zu, bevor sie sich umsah.
„Darf ich mich zurückziehen?“
fragte Emily schließlich, nichts zuletzt aus Angst, das ihr Vater ihr jetzt die entscheidende Frage stellen würde, aber der lächelte nur sanft und nickte.
„Mhm, natürlich. Ich glaube, im Moment gibt es hier sowieso nichts mehr für dich zu tun.“
antwortete er ruhig und entspannt. Emily nickte und gab das Dokument der Pflanzenfresser zurück an ihren Vater, bevor sie vor ihm nieder kniete und ihr Haupt senkte. Er rollte das Pergament gemütlich zusammen und legte dann ganz zärtlich seine riesige Pranke auf ihren Kopf, um ihr Fell ein wenig durch zu wuscheln.
„Ist schon gut, geh, Kind. Lass deinen alten Herrn mit seiner Arbeit allein.“
befahl er mit einem Schmunzeln und Emily erhob sich wieder. Sie sah ein wenig besser aus, als sie sich dem Portal zuwandte. Der Große Khan sah ihr noch einen Moment lang nach, wie sie mit unendlich eleganten Schritten die Halle durchquerte.
Als sie schließlich die Halle verlassen hatte, widmete er sich wieder seinen Gedanken, aber Emilys Reaktion auf seine Aussage ging ihm nicht aus dem Kopf, er würde später noch einmal mit Pecada über dieses Mutter-Tochter-Geheimnis sprechen müssen. So langsam wurde es zu einem Problem.
Draußen vor der Halle beschleunigte Emily ihre Schritte und eilte zurück in ihre Gemächer. Sie war nur knapp an der Katastrophe vorbeigeschrammt, zu knapp. Sie war sich sicher, dass ihr Vater etwas ahnte, er konnte nur noch nicht ganz eins und eins zusammenzählen. Auf der einen Seite war es gut, dass Garra bald den Tempel verlassen würde, so konnte ihr Vater nicht mehr hinter ihr Geheimnis kommen, zumindest nicht, solange Garra noch in Reichweite war, auf der anderen Seite wollte sie ihn nicht gehen lassen, zumindest nicht ohne ihn noch einmal getroffen zu haben. Sie wusste allerdings, dass sie dem Gefangenen gerade jetzt auf keinen Fall einen Besuch abstatten durfte. Es wäre viel zu auffällig. Sie würde bis zum Einbruch der Nacht warten, erst wenn alle schliefen, würde sie ihn ein weiteres, wahrscheinlich letztes Mal besuchen, bevor ihr Vater ihn auf seine Mission schickte.
Sie rannte fast durch die langen, verworrenen Korridore des Tempels, bis sie schließlich den Harem des Großen Khans erreichte und hinter ihm das Zimmer, das sie sich noch immer mit ihrer Schwester teilte. Vorsichtig öffnete sie die Tür und sah in das in Dunkelheit gehüllte Zimmer. Amelia war noch immer nicht zurück, jetzt wo sie sie wahrscheinlich am nötigsten brauchte.
„Und was willst du ihr sagen, Dummerchen? Willst du ihr beichten, dass du dein Herz an einen dahergelaufenen Jaguar verloren hast und jetzt ihre Hilfe brauchst, um ein letztes Mal die Geduld eures Vaters auf die Probe zu stellen?“
scholt sie sich selbst leise, als ihr bewusst wurde, wie irrsinnig die Idee wirklich war. Wenn ihr kleines, heißes Geheimnis aufflog, dann war dieses Mal wenigstens nur sie in Schwierigkeiten, Amelia war fein raus. Sie ließ sich auf ihr Bett fallen und fühlte sich auf einmal so unglaublich machtlos. Es gab wirklich nichts, was sie tun konnte. Garra musste gehen, es war die einzige Chance vor der großen Schlacht noch Verbündete zu finden, es war unumgänglich, und trotzdem fand sie es so ungerecht. Vielleicht sollte sie doch mit ihrem Vater sprechen, ihm ihre Gefühle für Garra gestehen, vielleicht würde er …
„… nein würde er nicht. Du weißt, dass er es niemals verstehen wird. Selbst wenn er es verstehen würde, würde er es niemals erlauben. Niemals, nicht in hundert Jahren.“
sagte sie sich und zog ihre Beine vor ihren Körper. Sie schloss ihre Augen und ihre Gedanken wanderten zurück zu ihrer letzten Begegnung mit dem großen Krieger und wie sanft er gewesen war. Es kam ihr so vor, als könnte sie seine Lippen noch immer auf ihrem Körper spüren. Vorsichtig berührte sie die Stelle an ihrem Hals, an der ihr dichtes Fell den kleinen Bluterguss verdeckte, den er ihr verpasst hatte. Es tat nicht direkt weh, es war ein seltsam angenehmes Gefühl, zu wissen, dass er ihr ein kleines Souvenir hinterlassen hatte.
Sie wollte ihn noch einmal spüren. Noch einmal seine intensive Sanftheit, seine Leidenschaft und seine Begierde auf ihrem Körper spüren, wenn er sie streichelte, sie festhielt und liebkoste, wenn seine Lippen ihren Mund fanden und ihr den Atem nahmen. Sie hielt ihre Augen geschlossen und ließ ihre Hände über ihren Körper gleiten. Sie stellte sich vor, dass es nicht ihre Hände waren, die gerade ihre Kurven erkundeten, sondern seine. Ihr Atem ging in langen zitternden Schüben, während ihre rechte Hand sich ganz langsam einer Grenze näherte, die selbst Garra bisher noch nicht überschritten hatte. Es fühlte sich gut an, und sie wollte es, sie wollte es so sehr, aber je näher sie ihrer Scham kam, desto mehr veränderte sich das Gesicht vor ihrem geistigen Augen, bis auf einmal Amelia über ihr kauerte und es nicht mehr die Hand des Jaguars war, die sich ihren Weg zwischen ihre Beine bahnte.
Erschrocken zog sie ihre Hand zurück und riss ihre Augen auf, aber sie war noch immer allein in ihrem Zimmer, die Tür war fest verschlossen und niemand war da. Erleichtert und gleichzeitig enttäuscht, rollte sich die junge Tigerin auf den Rücken und streckte sich aus.
„Warum? Warum gerade jetzt?“
fragte sie in die Dunkelheit, bekam aber keine Antwort. Langsam hob sie ihre Hand vor ihr Gesicht und betrachtete sie, während sie ihre Finger aneinander rieb. Es hatte sich gut angefühlt. Gut, aber falsch. Es war nicht dasselbe, wenn es nicht er war, der es tat.
Sie rollte sich wieder zusammen, zog ihre Beine enger an ihren Körper und blieb still liegen. Sie hatte ihren Entschluss gefasst.
…
Tagsüber war es im Dschungel heiß und schwül und wenn es nicht die Hitze war, die einen umbrachte, dann waren es die Insekten, die einen bei lebendigem Leib auffraßen. Die Nächte hingegen, lang und dunkel wie sie nun einmal waren, waren kühler, aber nicht weniger feucht. Oftmals regnete es während der Nacht. Der Dschungel trug seinen Beinamen: Regenwald, nicht umsonst. Früher, in der Zeit vor dem Pakt mit den Tigern, war es die Nacht, die die Pflanzenfresser am meisten gefürchtet hatten. Die Fleischfresser waren bei Nacht noch besser getarnt als am Tage und ihre bessere Nachtsicht half ihnen dabei, ihre Beute auch bei schlechten Lichtverhältnissen zu verfolgen und schließlich zu erlegen. Nun, da die Pflanzenfresser einen Nichtangriffspakt mit den Tigern hatten, war der Dschungel auch in der Dunkelheit einigermaßen sicher, denn es schlichen sich keine blutrünstigen Raubtiere mehr durch das Dickischt und warteten nur darauf, dass sich eines der Beutetiere aus ihren Verstecken traute.
In dieser Nacht war dies jedoch nicht der Fall, denn durch die Flure des Tempels schlich sich ein lautloser Schatten. Ein Schatten, der Jagd auf eine ganz besondere Beute machte. Er hatte bereits Blut geleckt und nun würde ihn nichts mehr davon abhalten, sein Ziel zu erreichen.
Emily hatte gewartet, bis sie sich absolut sicher war, dass die anderen alle schliefen. Sie hatte auf ihrem Bett gelegen und hatte mit gespitzten Ohren jedes Geräusch verfolgt, das sich seinen Weg in ihr Zimmer gebahnt hatte. Nach und nach hatte sie gehört, wie die Konkubinen ihres Vaters sich für die Nacht von ihm verabschiedet hatten und in ihre respektiven Betten geschlichen waren, solange, bis nur noch der Große Khan selbst und ihre Mutter zu hören waren.
Sie unterhielten sich leise auf dem Gang, während Pecada ihren Vater in seine Gemächer führte und ihm versprach, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Sie hatte sich die Ohren zugehalten als sie die Stimmen und Geräusche hörte, die ihre Eltern von sich gaben, es war ihr einfach zu peinlich Zeuge dessen zu werden, was im Schlafgemach des mächtigsten Tigers in diesem Dschungel passierte.
Als aber auch diese Geräuschquelle irgendwann verstummte und einer schweren Stille den Weg frei machte, öffnete Emily schließlich ihre Augen. Sie würde noch einen Moment liegen bleiben, nicht nur, um sicher zu gehen, dass die anderen wirklich schliefen, sondern auch, um ihre Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen, die sie umgab.
Schließlich erhob sich die junge Tigerin und schlich sich langsam zur Tür, die sie hinaus in den Harem und von dort in den restlichen Tempel führen würde. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich nachts aus ihrem Zimmer schlich, aber dieses Mal hing so viel mehr davon ab, dass ihr vor Aufregung das Herz bis zum Hals schlug. Vorsichtig legte sie ihre zierliche Hand auf das Holz der Tür und lauschte, aber alles, was sie hören konnte, war das Rauschen des Blutes in ihren Ohren. Mit angehaltenem Atem zog sie die Tür auf und hoffte darauf, dass sie nicht quietschte. Sie hatte Glück und drückte sich anschließend durch den schmalen Spalt hinaus auf den Korridor, der sie an den Gemächern der Konkubinen vorbei, hinaus zum Rest des Tempels führen würde. Ein weiteres Mal blieb sie stehen und lauschte der Stille der Nacht, einzig unterbrochen durch das sanfte Atmen eines halben Dutzend Tiger im Nebenraum.
Lautlos schlich sich die Tochter des Khans den Gang entlang, immer darauf bedacht, sich trotz ihrer Vorsicht so natürlich wie möglich zu bewegen, so dass sie im Falle eines Falles behaupten konnte, sie würde einem anderen vollkommen natürlichen Bedürfnis nachgehen, aber niemand sah sie, niemand hielt sie auf. Emily kannte den Tempel, jede kleine Nische, jeden Winkel, jede Fuge und jeden Absatz zwischen den Steinen, die den Fußboden des uralten Komplexes bildeten. Sie konnte sich blind darin zurechtfinden, ohne zu stolpern oder gegen eine Wand zu laufen, aber erst als sie die schwere Tür hinter sich gelassen hatte, die den Harem vom Rest des Tempels trennte, erlaubte sie sich ein wenig zu entspannen.
Der mit Abstand schwierigste Teil ihres nächtlichen Ausflugs war geschafft, sie hatte den Harem und ihre Eltern hinter sich gelassen, nun galt es den Weg zu ihrem Ziel möglichst unbemerkt zu überbrücken. Sie nutzte ihre natürlichen Fähigkeiten sich nahezu geräuschlos zu bewegen und huschte wie ein Gespenst von Schatten zu Schatten. Ihr kam zuGute, dass sich mittlerweile nur noch sehr wenige Tiger im Tempel zugegen waren, trotzdem wählte sie einen anderen Weg als den, den sie normalerweise nehmen würde, in der Hoffnung, dort noch weniger Tigern zu begegnen.
Es würde zwar nicht zwingend Fragen aufwerfen, dass sie sich mitten in der Nacht, quasi nackt, durch den Tempel schlich, aber es würde bemerkt werden und das wollte sie nach Möglichkeit vermeiden.
Emily hatte Glück, auf dem ganzen Weg bis hin zum Abgang in den Kerker, hatte sie nicht eine Tierseele gesehen oder gehört. Das allein war schon ein Erfolg, aber noch war sie nicht an ihrem Ziel angelangt. Ein letzte Hürde galt es noch zu überwinden: Den Wächter vor Garras Zelle. Als sich die junge Tigerin dem Treppenabgang hinunter zu den Verließen näherte, schmiegte sie ihren schlanken Körper an die kalte Steinwand und schob sich ganz langsam nach vorne. Sie lauschte in die Nacht, hörte die fernen Geräusche des Dschungels, das leise plätschern des Regens, die von der kühlen Brise durch die Gänge des Tempels getragen wurde und dem sanften Schnarchen der Wache im Untergeschoss.
Vorsichtig schlich sich die junge Tigerin die Treppe hinunter in den Kerker, wobei sie sich mit jeder Stufe wieder mehr anspannte. Am Fuß der Treppe schließlich, presste sie sich wieder an die Wand des Korridors und schob sich weiter nach vorne, bis sie an die Ecke kam, hinter der die Zelle des Jaguars lag. Mit angehaltenem Atem blieb sie einen Moment lang stehen, bevor sie vorsichtig um die Ecke spähte, um die Wache auf ihrem Schemel schlafend vorzufinden. Ein Lächeln malte sich auf ihre Lippen, während sie noch einen Augenblick länger wartete, um zu sehen, ob der wachhabende Tiger auch wirklich schlief. Erst als sie sich wirklich sicher war, drückte sie sich um die Ecke und schlich sich näher an ihn heran. Mit jedem Schritt, den sie sich der Zelle näherte, schlug ihr Herz schneller und lauter in ihren Ohren. Sie schluckte und leckte sich über die Lippen, wenn sie es an diesem Tiger vorbei schaffte, ohne ihn zu wecken, würde sie es zur Zelle schaffen.
Einmal wurde es knapp, als der Tiger auf seinem Schemel sich ganz leicht bewegte und seine Hand von seinem Bauch auf den Boden fiel. Emily sprang fast gegen die gegenüberliegende Wand vor Schreck, konnte sich aber gerade noch zurückhalten, während die Wache ihre Hand wieder auf ihren Bauch hob und einfach weiter schlief. Es hatte wohl sein Gutes, wenn man in der Armee war, man lernte unter allen Umständen zu schlafen. Die Tochter des Khans indes konzentrierte sich wieder auf die vor ihr liegende Aufgabe: den Riegel der Tür möglichst lautlos zurückzuziehen und sich damit Einlass zu verschaffen. Da sie nun schon so oft bei Garra ein- und ausgegangen war, wusste sie inzwischen, wie sie den Riegel zu bewegen hatte, ohne dabei zusätzlichen Lärm zu machen.
Zögerlich griff sie nach dem Hebel und hielt inne. Tief in ihrem Inneren protestierte ihr Gewissen gegen das, was sie vorhatte. Bis jetzt war noch nichts passiert, bis jetzt konnte sie einfach umkehren und niemand würde etwas bemerken und sie konnte so tun, als wäre sie nie hier gewesen, aber das würde auch bedeuten, dass sie wahrscheinlich ihre letzte Gelegenheit für ein Treffen mit dem Jaguar, der hinter dieser Tür auf sie wartete, fahren lassen musste. Sie war nicht bereit dazu, sich diese Gelegenheit entgehen zu lassen, nicht mehr, zu sehr zog es ihr Herz zu dem Krieger mit den dunkelgrünen Augen. Sie zog den Riegel zurück und anschließend die Tür gerade so weit auf, dass sie sich mit angehaltenem Atem hindurchzwängen konnte. Drinnen zog sie die Tür wieder zu und wandte sich der Zelle zu. Es war stockdunkel in dem kleinen Raum, dessen einzige Verbindung mit der Außenwelt die Tür war, durch die sie sich gerade gezwängt hatte. Die Luft war schwer, stickig, warm und geschwängert von seinem Duft. Emily zitterte regelrecht, als sie ihn mit einem tiefen Atemzug in sich aufnahm und die schon bekannte Beschleunigung ihres Herzschlags spürte. Sie wollte ihn umarmen, festhalten, in ihm ertrinken, so sehr erregte sie diese ganz spezielle Duftmarke. Vorsichtig sah sie sich um, aber selbst mit ihrer verbesserten Nachsicht, konnte sie allenfalls grobe Umrisse in der engen Zelle ausmachen, gleichzeitig musste sie ihn nicht sehen, sie konnte ihn hören, wie er ganz friedlich auf seiner Koje lag und schlief.
Sie konnte sich nun nicht mehr zurückhalten, sie musste zu ihm, ihr ganzer Körper schrie sie an, sich endlich in Bewegung zu setzen, während die letzten Bisschen Selbstbeherrschung und Gewissen, die ihr noch verblieben waren, sie anbettelten die Zelle zu verlassen und zurück in ihr Gemach zu gehen. Sich selbst auf die Zungen beissend, drückte Emily sich schließlich von der Tür weg und kroch auf allen Vieren durch den engen Raum. Mit jedem vorsichtig gesetzten Schritt wurde sein Duft stärker und ihr liefen heiße und kalte Schauer über den Rücken, ihre Muskeln protestierten lautstark gegen ihre Entscheidung, aber sie ließ sich nicht beirren und kauerte alsbald neben seiner Pritsche. Die junge Tigerin zitterte vor Erregung, während sie ihn neben sich atmen hören konnte. In jeder anderen Nacht hätte sie sich damit begnügt, neben seiner Koje zu sitzen und ihm einfach nur zuzuhören, aber heute Nacht reichte das nicht, sie brauchte ihn, seine Berührung, seine Zärtlichkeit, ein letztes Mal.
„Garra … Garra, wach auf …“
hauchte sie, so leise, dass sie es fast selbst nicht hörte. Es dauerte einen Moment bis er reagierte, aber dann öffnete er langsam seine Augen. Blinzelnd drehte er seinen Kopf zu ihr um, aber bevor er etwas sagen konnte, legte sie ihm einen Finger auf die Lippen.
„Sschh … wir müssen leise sein … dieses Mal …“
flüsterte sie mit vor Aufregung zitternder Stimme, während er sie mit seinen ruhigen, grünen Augen ansah. Ihre Augen fanden einander und dann war er schlagartig hellwach. Er atmete tief ein, blieb aber trotzdem vollkommen ruhig, als er ihren Finger zärtlich von seinen Lippen nahm.
„Emily, bist du dir sicher, dass du das wirklich willst?“
fragte er ebenso leise und setzte sich langsam auf. Allein der Gedanke an das, was die junge Tigerin suggerierte, rief eine eindeutige Reaktion seines Körpers hervor. Währenddessen hielt Emily seine Hand fest und nickte langsam. Noch nie war sie sich so sicher gewesen.
„Vater wird dich morgen oder spätestens übermorgen auf deine Mission schicken und ich habe Angst, dass ich dich dann nie wiedersehen werde.“
erwiderte die junge Tigerin und hockte sich direkt vor ihn, während er zu ihr und an ihr herunter blickte und bemerkte, dass sie bis auf den obligatorischen Lendenschurz praktisch nackt war, woraufhin sich sein Herzschlag augenblicklich beschleunigte. Es war nicht so, dass er ihrem Angebot gegenüber abgeneigt war, aber er befürchtete, dass ihr Vater ihrer Verbindung eher negativ gegenüberstand, und er wollte den Zorn des Khans nicht unbedingt auf sich laden. Er brachte seine Hand vorsichtig zu ihrem Kopf und streichelte zärtlich über ihre Wange. Ihr Fell war so unglaublich weich und als er sie berührte, legte sie ihren Kopf in seine Hand.
„Er wird mich umbringen, wenn er es erfährt.“
flüsterte er, doch sein Körper verriet ihn. Vor ihm saß eine junge Tigerin, die bereit war, ihm alles zu geben und sein Körper, dem diese Freuden schon so lange verwehrt geblieben waren, schrie ihn förmlich an, ihrem Drängen nachzugeben, aber er hielt sich noch zurück. Emily genoss indes die Berührung und hob ihren Kopf ein wenig, um ihm in die Augen sehen zu können. Sie konnte ihm nicht widersprechen, der Große Khan würde den Jaguar wahrscheinlich persönlich hinrichten, wenn er es erfahren würde.
„Deshalb darf er es niemals erfahren. Wir müssen leise sein, ganz leise und schnell.“
sagte sie schließlich und schob sich zu ihm hoch. Ihre Lippen fanden die seinen und sie küsste ihn innig. Garra erwiderte den Kuss und schlang seine starken Arme um ihre zierliche Gestalt, bevor er seine Kraft nutzte, um sie erst auf ihre Beine und dann auf seinen Schoß zu ziehen. Emily ließ sich bereitwillig von ihm führen und als sie auf ihm saß, klammerte sie ihre Beine um seine Taille und konnte bereits spüren, wie er sich von unten gegen sie aufbäumte. Seine vorsichtige Zurückhaltung, seine Skrupel bezüglich der Konsequenzen, die ihm durch ihren Vater drohten, bröckelten unter ihrer Initiative dahin, während sie auch ihre Arme um seinen Hals legte und ihren Kuss vertiefte. Sie drohte, ihn vollkommen zu verschlingen, während seine Hände ihren Rücken erkundeten. Sie konnte gar nicht genug von ihm bekommen.
Das Verbotene, das Tabu und das Abenteuer, das er verkörperte, erregte sie ungemein, aber es war nicht nur, dass er die verbotene Frucht war, er war so einfühlsam, drängte sie zu nichts und konnte so unglaublich zärtlich sein. Sie wollte ihn, nur ihn, mit Haut und Haaren, mit Krallen und allem anderen. Ihr war es egal, dass er kein Tiger war, dass ihr Vater wahrscheinlich einen Herzinfarkt bekommen würde, wenn er davon erfuhr, er war der Richtige.
Ihre Haare begannen sich aufzustellen und ein Schauder lief ihr über den Rücken, als Garra seine scharfen Krallen ganz vorsichtig über ihren Rücken gleiten ließ. Sie keuchte in ihren Kuss und ihr ganzer Körper begann zu zittern, während er den Kuss am Leben hielt und sie weiter neckte und liebkoste. Langsam, so quälend langsam, ließ er seine Hände tiefer wandern, vorbei an ihrem Schwanzansatz und sie kamen auf ihrem straffen Po zur Ruhe, wo er beherzt zugriff. Emily versuchte ein Stöhnen zu unterdrücken und schlang stattdessen ihre Beine fester um seine Körpermitte.
Ihr war heiß, so unglaublich heiß, aber sie wollte es so, so war es richtig, so sollte es sein. Seine Männlichkeit drückte derweil beinhart von unten gegen die Pforten ihres Tempels und sie konnte nicht anders, als ihre Hüften gegen seinen Schoß zu reiben. Allein dieses Gefühl versprach bereits ungeahntes Vergnügen, während sie ihre eigene Feuchte auf seinem Speer verteilte.
Schließlich wurde die Sensation zu viel für sie und sie Unterbrach den Kuss mit einem tiefen Atemzug. Ihre Augen trafen sich und sie erkannte die gleiche unbändige Erregung und dasselbe Verlangen in ihm, das auch von ihr Besitz ergriffen hatte.
„Ich … Ich brauche es jetzt … lass mich nicht länger warten …“
flehte sie ihn an, während ihre Hüften ihrem Betteln Nachdruck verliehen. Garra nickte, er war nur zu gerne bereit, ihr zu geben, wonach sie sich sehnte. Er benutzte seine scharfen Krallen und zerriss das dünne Band, das ihren Lendenschurz zusammenhielt, bevor er den kleinen Stofffetzen, der selbst unter günstigen Umständen nur gerade so ihren geheimen Tempel vor neugierigen Blicken abschirmte, nahm und zu Boden warf. Nun war sie vollkommen nackt, nichts war mehr verborgen, oder blieb seiner Fantasie überlassen, und es war gut so. Denn als er an ihr herunter sah, durchlief ihn ein Schaudern, das selbst seine Männlichkeit erzittern ließ. Auch er konnte und wollte nicht mehr warten.
Und so packte er ihre Hüften und nutzte seine Kraft erneut, um sie hochzuheben. Erneut trafen sich ihre Blicke und Emily spürte, wie sich sein Speer gegen sie aufrichtete. Sie hielt den Atem an und sah ihm tief in die Augen, bevor sie nickte. Er würde es tun, sie würden es wirklich tun. Der Jaguar erwiderte ihr Nicken und ließ sie langsam auf seine Männlichkeit sinken.
Es war eine völlig neue Erfahrung für sie, als sein brennend heißer Speer zum allerersten Mal in ihren Tempel eindrang. Sie biss die Zähne zusammen, als sie spürte, wie seine Größe sie zu dehnen begann, und dann, dann ging es auf einmal nicht mehr weiter. Garra stockte in seiner Bewegung und sah sie besorgt an.
„Warte … bist du noch Jungfrau?“
fragte er leise und hörte sich dabei so an, als hätte er gerade erst begriffen, was er im Begriff war zu tun. Emily schluckte und nickte schließlich. Natürlich war sie noch Jungfrau, ihr Vater hätte ihr so etwas nie erlaubt, nicht einmal mit einem Tiger, denn … schließlich war sie immer noch sein kleines Mädchen, auch wenn sie eigentlich schon erwachsen war. Die einzigen Erfahrungen in dieser Richtung, die sie bis jetzt hatte sammeln können, waren kleine, unschuldige Spielereien mit ihrer Schwester gewesen, und die waren auch nicht viel mehr gewesen, als die Erkundung ihres eigenen Körpers.
Derweil sah Garra sie an und suchte nach Worten, aber die junge Tigerin auf seinem Schoß wollte nicht länger warten und ergriff schließlich die Initiative. Mit aller Gewalt schob sie sich auf seinem Schaft nach unten und spießte sich regelrecht auf ihm auf. In dem Moment, in dem die Spitze seines Speers ihren Tempel endlich vollständig penetrierte, sog sie einen scharfen Atemzug ein und drückte ihre Augen zu. Ihre Finger grünen sich krampfhaft in das Fell seiner Schultern, während ein unterdrückter Schrei in ihrer Kehle steckte. Es geschah so schnell, dass Garra erst gar nicht reagieren konnte, alles was er tun konnte, war, sie festzuhalten, während sie nach Luft schnappte.
Sie wusste genug über Sex, dass ihr bewusst war, dass es schmerzhaft werden würde, aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so sehr wehtun würde. Der einzige Grund, warum sie nicht hier und jetzt abbrach, war der innige Wunsch, es mit Garras zu tun. Sie wollte fluchen und laut schreien, aber sie durfte nicht, wenn sie die Wache vor der Tür nicht wecken wollten, also vergrub sie ihre Schnauze in Garras Hals und unterdrückte den Schmerz.
Dies blieb dem Jaguar natürlich nicht verborgen und er umarmte sie fester und zog sie an seine Brust.
„Bist … bist du in Ordnung?“
fragte er schließlich und streichelte sachte ihren Rücken. Emily jedoch zögerte, sie war sich nicht ganz sicher, aber ihr Stolz ließ nicht zu, dass sie es ihm sagte, also nickte sie.
„Ja, hnnnn … ja, es geht mir gut … es ist nur, hnnnnn … nein, ich will es so … mach weiter …“
flüsterte sie, ihre Worte gedämpft durch das Fell des Jaguars, an den sie sich klammerte. Sie versuchte den befehlenden Ton in ihrer Stimme aufrechtzuerhalten, aber es war ziemlich offensichtlich, dass es ihr nicht gelingen würde. Garra nickte, wer war er, der Prinzessin der Tiger, ihre Wünsche auszuschlagen, und so legte er seine großen Pranken auf Emilys Hüften und begann ganz vorsichtig sein eigenes Becken vor und zurück zu rollen.
Es waren kleine, minimale Bewegungen, aber sie genügten bereits, um den großen Krieger leise und wohlig murren zu lassen. Es war, als wäre die junge Tigerin für ihn gemacht, und jede weitere Ondulation seiner Hüften brachte ihn näher an den Gipfel seiner Erregung.
Während es sich für Garra unglaublich gut und richtig anfühlte, war Emily in einem ganz anderen Spektrum an Empfindungen unterwegs. Zwar hatte der erste, atemraubende Schmerz nachgelassen, aber er hatte einem weit weniger potenten, aber immer noch alles einnehmenden Schmerz das Feld überlassen. Jede seiner kleinen Bewegungen wurde von ihr mit einem kleinen Keuchen kommentiert und jedes Mal, wenn er sich selbst wieder in sie hinein schob, krallte sie sich wieder in seine Schultern. Nichtsdestoweniger war sie überglücklich, dass sie ihn spüren konnte, wie er sich in ihr bewegte.
Je länger der Jaguar jedoch mit seinen langsamen und behutsamen Bewegungen fortfuhr, ließ der Schmerz bei der Tigerin langsam nach und machte schließlich einer ganz neuen Empfindung Platz. Garra bemerkte es noch bevor Emily selbst es merkte, aber die junge Tigerin hatte begonnen, selbst ihre Hüfte zu bewegen und ihre Muskulatur dazu zu benutzen, sich selbst mehr Vergnügen zu bereiten. Ihre Muskeln zitterten von der ungewohnten Anstrengung, während ihr heißer Atem in kurzen Stößen, begleitet von unterdrücktem Stöhnen, gegen den Hals des Jaguars flutete. Mit jeden erneuten Schub, mit dem sie ihre Scham tiefer und fester gegen Garras Schoß presste, gruben sich ihre Krallen tiefer in seinen Rücken. Auch seine Erregung erklomm immer neue Höhen, während er seine Hände fester um ihre Hüften schloss und sie schneller, fester und tiefer auf seinen Speer zog. Er wusste nicht, wie lange er noch durchhalten würde, die Gefühle waren einfach zu stark und je mehr Emily sie anspannte, desto intensiver wurde auch die Stimulation.
Aber nicht nur Garra drohte der Sensation zu erliegen, auch Emily war der Mischung aus Schmerz und Lust nur spärlich gewachsen. Noch nie hatte sie etwas derartiges gespürt und es machte sich daran, sie in ihren Grundfesten zu erschüttern. Ihre Innerstes führte ein Eigenleben, spannte und entspannte sich vollkommen willkürlich und trieb sie mit den daraus resultierenden Reizen fast in den Wahnsinn. Sie wollte ihre Wollust laut in die Zelle stöhnen, ihrer Geilheit Ausdruck verschaffen, aber ihr war gerade noch genug Zurückhaltung geblieben, dass sie es nicht tat, allerdings bröckelte diese mit jeder weiteren Bewegung. Sie biss sich auf die Zunge, in einem letzten Versuch nicht laut aufzustöhnen.
Währenddessen sorgten ihre kleinen, leisen Geräusche, ihr Stöhnen und Flehen dafür, dass Garras eigene Erregung immer neue Höhen erklomm. Er schloss seine Augen und legte seinen Kopf zurück gegen die Zellenwand.
„Bei den Ahnen … hnnngh … bald …“
flüsterte er und versuchte weiterhin so still wie möglich zu sein, während Emily in seinen Nacken nickte und sich verzweifelt an ihm festhielt. Noch nie war das Gefühl so intensiv gewesen, und wenn es so weitergehen würde, war sie sich sicher, sie würde schmelzen. Währenddessen wurden Garras Bewegungen immer abgehackter und sein Körper begann zu zucken. Es war offensichtlich, dass er den Kampf verlor, aber er war noch nicht bereit aufzugeben, und so beschleunigte er seine Bemühungen und versuchte tiefer in die einzudringen.
Für die junge Tigerin auf seinem Schoß, die versuchte, seine Bewegungen zu unterstützen, war all das noch Neuland. Sie war völlig überfordert mit sich und ihren Gefühlen, ihr ganzer Körper kribbelte und ihre Muskulatur gehorchte ihr nicht mehr. Sie war sich sicher, dass sie bereits mindestens einen kleinen Höhepunkt gehabt hatte.
„Hnnnn … Garra … ich will es … tu es … jetzt … hnnrrrrr …“
flüsterte sie schnurrend in sein Ohr, bevor sie hinein biss. Das war der letzte Strohhalm für den mächtigen Jaguar, dessen Körper sich gegen Emilys aufbäumen, als er mit seinem Samen ihren Tempel weihte. Er fletschte die Zähne, während sein Körper ein paar letzte, verkrampfte Stöße zuließ und er ein Stöhnen unterdrückte. Seine Krallen gruben sich in Emilys Hintern und hielten sie fest auf seinem Schoß, bis auch der letzte Tropfen seines Samens verteilt war.
Als die junge Tigerin Garras Orgasmus erlebte, spürte, wie er in ihr explodierte und sein Körper sich versteifte, brachte sie das nah an den Rand des Abgrunds. Instinktiv bewegte sie sich weiter, und rieb ihre Hüften weiterhin fieberhaft auf seinen, aber auch ihre Muskeln waren kurz davor, sich endgültig zu verkrampfen. Als der Jaguar schließlich das letzte Mal zuckte, war es auch für Emily soweit und alle Dämme brachen.
Es war wie eine Schockwelle, die sich in ihrem Körper ausbreitete und alles in ihr verkrampfte sich. Ihr Atem stockte und sie klammerte sich mit aller Kraft an den Jaguar, während ihr ganzer Körper begann zu zucken und Garra, der selbst noch im Hoch seines eigenen Höhepunkts schwelgte, hatte Schwierigkeiten, sie auf seinem Schoß festzuhalten. Instinktiv biss sie ihn schließlich in den Hals und unterdrückte damit ihren Schrei.
Es dauerte eine Weile, bis sich beide wieder beruhigt hatten. Vorsichtig entspannte Emily ihre Kiefer wieder und zog schwer atmend ihren Kopf zurück. Glücklicherweise hatte sie nicht zu fest zugebissen und die kleinen Wunden würden nicht weiter auffallen. Ihre Blicke trafen sich, während sie sich über ihre Lippen leckte und sein Blut an ihnen schmeckte. Als sie beide langsam ihre Atmung wieder unter ihre Kontrolle brachten, war es der Jaguar, der zuerst seine Sprache wieder fand.
„Also … normalerweise … beißt der männliche Partner seiner Partnerin in den Nacken.“
flüsterte er mit einem Lächeln auf den Lippen und Emily errötete sofort. Ihr unkontrollierter Biss war ihr peinlich, aber es hatte sich so richtig angefühlt und sie wollte sich schon entschuldigen, aber Garra kam ihr zuvor und versiegelte ihre Lippen mit einem sanften Kuss, den die junge Tigerin erwiderte. Als sich ihre Lippen wieder voneinander trennten, legte er seine Hand auf ihre Wange und streichelte sie zärtlich.
„Das war unglaublich.“
murmelte der Jaguar und Emily konnte ihm nur zustimmen. Dieses Erlebnis war mit nichts zu vergleichen, was sie bisher in ihrem Leben erlebt hatte, und sie genoss jede Sekunde davon, aber schließlich hob sie ihren Kopf von seiner Pranke und sah ihm tief in die Augen.
„Ver … versprich mir, dass du zurückkommst …“
verlangte sie flüsternd und schmiegte sich an seine starke, breite Brust. Garra nickte und legte seine Hände auf ihren Rücken.
„Ich werde zurückkommen …“
versprach er schließlich und Emily kuschelte sich enger an ihn, vergrub ihre Hände in seinem dichten Fell und hielt ihn fest.
„Gut … denn ich will das wieder tun … mit dir …“
flüsterte sie und begann sich endlich wirklich zu entspannen, während er sie mit seinen starken Armen an seine Brust zog und seinen Kopf auf ihren legte.
Oh ja, auch er wollte es wieder tun, oder … immer wieder. Es war unglaublich gewesen, und das nächste Mal würde es sogar noch besser sein. Er würde Himmel und Berge umsetzen, um wieder zu ihr zurückzukehren. Er hatte es versprochen, und er würde sein Versprechen halten. Sanft küsste er sie auf ihren Kopf und streichelte ihren Rücken.
„Solltest du nicht versuchen, so unbemerkt wie möglich von hier zu verschwinden, bevor uns doch noch jemand ertappt?“
fragte er leise und schaute besorgt zur Tür. Es war nicht so, dass er wollte, dass sie ging, ganz im Gegenteil, aber es würde eine unglaubliche Menge Ärger geben, wenn sie jetzt jemand erwischte. Sie hatten sich beide nach Kräften bemüht, leise zu sein, aber er wusste nur zu gut, dass der Wachmann vor der Tür gute Ohren hatte. Emily vergrub sich noch tiefer in seiner Brust, unwillig ihren Jaguar loszulassen, aber sie wussten natürlich auch, dass er Recht hatte. Die ganze Aktion war schon risikoreich genug, sie durften es nicht übertreiben, aber es war wahrscheinlich das letzte Mal, dass sie mit ihm zusammen sein könnte, und wenn sie ihn jetzt ziehen ließ, wusste sie nicht, ob sie ihn jemals wiedersehen würde. Es ging ihr einfach alles viel zu schnell.
Schließlich musste sich aber eingestehen, dass es nicht half, das unvermeidliche weiter hinaus zu schieben, und so drückte sie sich nach einer gefühlten Ewigkeit von seiner Brust weg und sah ihn ernst an. In ihren Augen lag Trauer, aber auch eine Stärke und Standhaftigkeit, die sie sich selbst nicht zugetraut hätte. Garra lächelte sanft und strich ihr noch einmal über die Wange, er war stolz auf sie und nickte. Bevor sie sich langsam und wackelig von seinem Schoß schob, küsste sie ihn noch einmal leidenschaftlich.
Nun stand sie nackt vor ihm und in seinen Augen war sie nie schöner gewesen, während sie einen Arm schüchtern vor ihren Brüsten hielt und mit der anderen Hand notdürftig ihre Scham bedeckte. Es war, als bemerkte sie erst jetzt, dass sie völlig entblößt vor ihm stand. Die Schamesröte schoss ihr in die Ohren und sie zitterte vor Erregung, während er ruhig lächelte und den Anblick genoss, aber alles musste einmal ein Ende haben.
„Nun geh schon Mädchen und hab keine Angst, ich werde zurückkommen. Ich verspreche es.“
flüsterte er schließlich und nickte zur Tür. Emily folgte seinem Blick und nickte ebenfalls. Sie wusste, sie musste gehen, es führte kein Weg daran vorbei. Beide lauschten in die dunkle Stille jenseits der Zellentür, aber es war wirklich mucksmäuschenstill außerhalb der Zelle, wenn man von dem gelegentlichen Schnarchen des Wächters absah. Vorsichtig schlich sich die junge Tigerin zur Tür, öffnete sie einen Spalt und nachdem sie ein letztes Mal zurück zu Garra sah, zwängte sie sich hindurch. Er nickte stumm, und dann war sie weg.
Sie schloss die Tür und verriegelte sie wieder, wobei sie sich ängstlich zum wachhabenden Tiger umsah, irgendwie war sie jetzt noch aufgeregter als zuvor. Still und heimlich schlich sie sich wieder an dem Tiger vorbei und machte sich auf den Weg zurück in ihr Quartier.
Währenddessen saß Garra noch immer auf seiner Pritsche und sah erst an sich hinunter und schließlich auf den Boden vor sich. Ein Lächeln formte sich auf seinen Lippen, sie hatte ihren Lendenschurz vergessen. Der kleine Stofffetzen lag zu seinen Füßen und lächelte ihn an. Vorsichtig beugte er sich herunter und hob ihn auf, fühlte behutsam über den Stoff, der vorhin noch das einzige gewesen war, das ihm die Sicht auf ihr Allerheiligstes versperrt hatte, und hob ihn an seine Nase. Er atmete tief ein und schwelgte in dem Duft und lächelte breiter. Er würde den kleinen Stofffetzen gut verstecken und ihn nie wieder hergeben.
Nachdem er sich satt geschnuppert hatte, lehnte er sich entspannt zurück gegen die kühle Wand seiner Zelle. An Schlafen war erst einmal nicht mehr zu denken, er war zu aufgekratzt, zu glücklich, um jetzt die Augen zu schließen. Er wollte jubeln, wollte schreien und tanzen, aber das würde nur dumme Fragen aufwerfen. Er würde sich damit begnügen, sich zu entspannen und den Ereignissen dieser Nacht nachzuhängen. Er hatte mit vielem gerechnet, aber mit Sicherheit nicht damit, dass sich von allen Tigern in diesem Tempel, gerade die Tochter des Großen Khans in seine Zelle schleichen und ihm ihre Unschuld schenken würde. Er roch noch einmal am Lendenschurz und schmunzelte.
Emily schlich wieder durch die dunklen Korridore des Tempels und beeilte sich, zurück zu ihrem Zimmer zu kommen. Sie bemerkte dabei erst kurz bevor sie die Gemächer des Khans erreichte, dass sie ihren Lendenschurz bei Garra vergessen hatte. Wieder schoss ihr das Blut in die Ohren, bei dem Gedanken daran, was der Jaguar wohl mit dem Kleidungsstück anstellen mochte. Dann dachte sie daran, dass sie nun vollkommen nackt durch den ganzen Tempel gerannt war. An sich war es zwar nichts unbedingt ungewöhnliches, dass die Tiger sich nackt durch den Tempel bewegten, es kam gerade in den heißeren Monaten regelmäßig vor und sie meisten Tiger hatten keine großen Hemmungen, aber ihr besonderer Status als Tochter des Großen Khans veränderte die Situation doch ein wenig. Das, und die Tatsache, dass der Samen des Gefangenen aus ihrem Tempel quoll, würden für wirklich unangenehme Fragen sorgen.
Gerade letzteres ließ sie zusammenzucken und sich wieder auf den letzten Abschnitt ihres Weges konzentrieren. Sie schaffte es tatsächlich augenscheinlich unbemerkt durch den Harem zu gelangen und es bis in ihr eigenes Zimmer, wo sie dir Tür hinter sich schloss und erst einmal durchatmete.
Sie hatte es geschafft. Sie hatte es tatsächlich vollbracht. Sie war unbemerkt zweimal durch den ganzen Tempel geschlichen, hatte ihr Ziel erreicht und das, was sie sich vorgenommen hatte, erledigt. Schnell ging sie zu ihrem Bett und rollte sich darauf zusammen.
Es dauerte einen Moment, bis sie sich eingestand, dass sie nicht würde schlafen können. Sie war zu aufgeregt, es war zu viel während dieses kleinen Ausflugs passiert und ihre Gedanken kreisten immer wieder um den charismatischen Jaguar im Verlies. Die Lust und das Verlangen, ihn zu sehen, zu spüren, war unbändig und sie ertappte sich dabei, wie ihre Hand zwischen ihre Beine glitt. Sie wollte … sie musste sich berühren, musste sich vergewissern, dass es wirklich passiert war, dass es nicht nur ein Traum gewesen war.
Sie keuchte sanft, als sie ihren Tempel berührte, die sensiblen Pforten streichelte und mit ihrem Finger das Souvenir des Jaguars aufnahm. Es war kein Traum gewesen, so viel war sicher.
Es sollte noch eine ganze lange Weile dauern, bis sich beide endlich soweit beruhigt hatten, dass sie sich einem unruhigen, von wilden Träumen heimgesuchten Schlaf hingeben konnten.
…
Die Nächte im Dschungel sind lang und dunkel, aber auch sie gehen einmal zu Ende und so lag Emily am nächsten Morgen zusammengerollt auf ihrem Bett und öffnete ganz langsam die Augen. Sie hatte eine wilde Nacht hinter sich, aus mehr als nur einem Grund. Nicht nur war sie in den Kerker geschlichen und hatte dort ihre Unschuld an Garra verloren, sondern sie hatte danach auch noch die wildesten und seltsamsten Träume gehabt.
Trotz all dem fühlte sie sich ausgeschlafen und murrte genüsslich, als sie sich ganz langsam entfaltete, streckte und umdrehte. Erst jetzt wurde ihr gewahr, dass sie nicht mehr alleine in ihrem Zimmer war, sondern dass Pecada auf Amelias Bett saß und sie ernst ansah.
Die junge Tigerin, die eben noch völlig entspannt gewesen war, war nun schlagartig hellwach und zuckte zusammen. Ihre Mutter ließ sich davon jedoch nicht irritieren und nickte nur anerkennend.
„Guten Morgen, Emily, ich bin froh, dass du jetzt wach bist …“
setzte sie an und benutzte diesen ganz speziellen Tonfall, den sie immer benutzte, wenn sie wusste, dass sie etwas angestellt hatte. Emily zuckte zusammen, wusste aber, dass es keinen Sinn hatte zu versuchen, sich vor dem, was nun kam, zu drücken, also nickte sie langsam.
„Guten Morgen, Mama.“
antwortete sie leise, geradezu zaghaft.
„… wir müssen reden. Setz dich.“
fuhr Pecada fort und deutete auf die Bettkante, woraufhin ihr Tochter sich langsam aufsetzte und zur Kante nach vorne rutschte. Sie saß steif, aufrecht und mit fest zusammengepressten Beinen da und sah zu ihrer Mutter hinüber, deren Gesichtsausdruck wie versteinert wirkte.
„Wo … worüber müssen wir reden?“
fragte die junge Tigerin kleinlaut und versuchte, dem Blick ihrer Mutter standzuhalten, scheiterte aber kläglich. Sie hatte eine nur allzu gute Idee, worum es in diesem Gespräch gehen würde. Ihr gegenüber schnupperte Pecada die Luft im Raum und rümpfte die Nase.
„Du weißt sehr genau, worüber wir reden müssen …“
antwortete Pecada gezwungen ruhig, ließ Emily aber keine Chance sich zu rechtfertigen, sondern fuhr direkt fort:
„… deine kleine Eskapade von gestern Nacht. Du kannst von Glück reden, dass dein Vater noch keinen Wind davon bekommen hat.“
Die Stimme der Konkubine blieb noch immer völlig ruhig, aber Emily wusste nur zu gut, dass ihre Mutter innerlich vor Wut kochte und schaute zu Boden.
„Du … du hast es bemerkt?“
fragte sie leise und wagte es ihr Gegenüber von unten, aus den Augenwinkeln anzusehen. Es war eine rein rhetorische Frage, sie kannte die Antwort bereits. Ihre Mutter neigte ihren Kopf leicht und hob die Augenbrauen, als wollte sie fragen: „Was denkst du denn?“ Stattdessen sagte sie:
„Emily, ich bin deine Mutter, nichts von dem, was du tust, bleibt vor mir verborgen … außerdem stinkst du nach Sex.“
und sprach damit das Offensichtliche aus, dann lehnte sie sich nach vorne und stützte ihre Ellenbogen auf ihre Knie ab und sah sie intensiv an.
„Jetzt spuck’s schon aus, mit wem?“
verlangte sie zu wissen, aber ihr Tonfall hatte bereits etwas von seiner Schärfe verloren, sie schien wirklich an der Antwort interessiert zu sein, zumal es nicht mehr allzu viele männliche Tiger im Tempel gab. Emily aber antwortete nicht, stattdessen schluckte sie und presste ihre Lippen aufeinander und sah ihre Mutter weiterhin von unten aus ihren Augenwinkeln heraus an. Die Stille, die sich in diesem kurzen Moment, bis der Groschen für Pecada fiel, im Raum aufbaute, war erdrückend, und auch wenn der Moment auch nur wenige Herzschläge andauerte, so fühlte er sich wie eine Ewigkeit an. Eine Ewigkeit, in der Emily starb, wiedergeboren wurde, nur um wieder zu sterben. Insbesondere als sie die Veränderungen im Gesichtsausdruck ihrer Mutter bemerkte, wollte sie einfach im Boden versinken und nie wieder auftauchen.
Pecada selbst wusste nicht wie ihr geschah, die Erkenntnis dessen, was Emilys Schweigen implizierte, zog ihr den Boden unter den Füßen weg.
„Das kann jetzt nicht dein Ernst sein …“
fauchte sie.
„… sag mir, dass du das nicht ernst meinst …“
wiederholte sie sich, weil sie es selbst nicht glauben konnte, aber Emily konnte ihr nicht widersprechen. Ihre Mutter keuchte und fuhr sich mit ihrer Hand über ihr Gesicht und krallte sie in ihre Haare. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf und keiner davon war gut. Mehrmals versuchte sie, einen Satz zu beginnen, brach aber immer wieder unverrichteter Dinge ab. Immer, wenn sie glaubte, sie hätte eine Formulierung, die ihren Gedanken und Sorgen gerecht wurde, zerbröselte sie vor ihrem inneren Auge wieder.
„Hmm … ab … ne … hnrrrr …“
stammelte sie, während Emily ganz vorsichtig ihren Kopf hob und sie zum ersten Mal direkt ansah.
„Ich liebe ihn, Mami.“
flüsterte sie schließlich, was Pecada aus ihrer Trance zu reißen schien. Sie sah sie für einen Moment lang mit aufgerissenen Augen an, bevor sie ihren Kopf hängen ließ und tief durchatmete, anschließend winkte sie ihre Tochter zu sich. Emily erhob sich zögerlich und kam die drei Schritte hinüber zum Bett ihrer Schwester. Als ihre Mutter ihren Kopf wieder hob, war ihr Gesicht eine Maske des Schmerzes, des Mitgefühls und der Traurigkeit, was Emily für einen Moment zurückschrecken ließ, aber als Pecada ihre Arme öffnete, kroch sie dennoch auf ihren Schoß und ließ sich von ihr umarmen.
„Natürlich liebst du ihn, aber weißt du denn auch, was das für Konsequenzen haben wird?“
fragte Pecada leise und streichelte ihrer Tochter über den Rücken, woraufhin Emily sanft nickte. Ihre Mutter hingegen schüttelte den Kopf.
„Nein, nein, das weißt du nicht. Mir war bewusst, dass du in ihn verknallt bist, und ich wusste, dass du schon ein paar der Grenzen, die ich dir gesetzt hatte, überschritten hattest, aber ich hätte nicht gedacht, dass du so weit gehen würdest.“
erklärte sie leise und Emily vergrub sich tiefer in ihr. Pecada seufzte und legte ihren Kopf auf Emilys.
„War er dein Erster?“
fragte sie schließlich und sie spürte, wie Emilys Gesicht sich erhitzte, bevor sie zögerlich nickte.
„Mhm, das dachte ich mir schon. War es das wenigstens wert?“
wollte sie wissen und Emily blieb weiter stumm, umarmte sie aber fester und nickte schließlich. Pecada lächelte sanft und fuhr fort, sie zu streicheln.
„Dein Vater sollte noch nichts davon erfahren, nicht solange Garra noch im Tempel ist. Einverstanden?“
Ihre Tochter nickte erneut und Pecada küsste sie auf den Kopf. Sie würde den Jaguar nicht ans Messer liefern, es war nicht direkt seine Schuld, aber sie fürchtete, dass dieses Mutter-Tochter-Geheimnis ihr langsam über den Kopf wuchs. Sie fragte sich, wie lange sie es noch vor dem Großen Khan verbergen konnte. Ihr Partner war nicht dumm, wahrscheinlich hatte er bereits einen Verdacht und früher oder später würde er darauf bestehen, dass sie das Geheimnis lüftete. Sie würde es ihm nicht verwehren können, er war der Khan. Sie hoffte nur, dass sie es so steuern konnte, dass es zu einem günstigen Zeitpunkt geschehen würde. Sie sah auf das Häufchen Elend auf ihrem Schoß und drückte sie noch einmal gegen ihre Brust.
„Du solltest Garra vorerst nicht mehr besuchen, bis er abreist, damit dein Vater nicht noch mehr Verdacht schöpft. Wir werden das alles klären müssen, wenn Garra weg ist und es sollte bereits geklärt sein, bevor er zurückkommt.“
entschied die ältere Tigerin und Emily nickte erneut.
„Gutes Mädchen. Es wird eine Menge Ärger geben und ich weiß nicht, wie viel davon ich dieses Mal abfedern kann. Nicht nur, dass du es ohne meinen oder dem Segen deines Vaters getan hast, du hast es mit einem Jaguar getan … bei einem Tiger hätte er vielleicht noch ein Auge zugedrückt, aber bei Garra …“
Sie ließ den Satz unvollendet, aber es war ziemlich klar, was sie damit implizierte. Ihre Tochte drückte sich indes vorsichtig von ihr weg und sah sie mit geröteten Augen an.
„Aber er war … ist der Richtige. Er ist so sanft, er ist nicht so hochnäsig wie die anderen und er … er sieht mich nicht einfach nur als Mittel zum Zweck, um Macht zu erlangen.“
protestierte die junge Tigerin leise, während ihre Mutter ihr sanft eine Träne von der Wange wischte und sanft lächelte.
„Ja, vielleicht ist er das alles, aber er ist und bleibt ein Jaguar und ich weiß nicht, ob dein Vater darüber hinwegsehen kann.“
erwiderte sie wahrheitsgemäß. Der Große Khan war Traditionalist, wie fast alle Tiger, um nicht zu sagen alle Tiere im Dschungel. Ihre Gesellschaft war sehr stark auf die Vergangenheit geprägt, sie sahen eher nach hinten, orientierten sich daran, was ihre Ahnen getan hatten, anstatt nach vorne zu sehen und zu überlegen, was sie besser machen konnten. Pecada war da keine Ausnahme, es störte sie, ja beleidigte sie regelrecht, dass ihre Tochter ihre Liebe an einen Jaguar verschwendete, aber sie wusste auch, dass man sich das nicht immer aussuchen konnte. Sie liebte ihre Tochter mehr als die Traditionen und wenn ihre Tochter darauf bestand, dass Garra der Richtige war und er ihr gab, was kein anderer Tiger konnte, dann würde sie es ihr nicht verbieten. Zumal Emily nicht den Thron besteigen würde.
Emily sah sie an und ihre Lippen begannen zu zittern, während sich Tränen in ihren Augen sammelten, woraufhin ihre Mutter leicht nickte und sie wieder an ihre Brust zog und festhielt.
„Er hat dir wirklich den Kopf verdreht, nicht wahr?“
Es war eine rein rhetorische Frage, für die Pecada keine Antwort benötigte, aber Emily nickte trotzdem und verteilte ihre Tränen auf dem Dekoltee ihrer Mutter. Ihr kleinlautes: „Ja …“ wurde von ihrem Busen verschluckt. Zärtlich fuhr sie fort, ihre Tochter über den Rücken zu streicheln und wiegte sie leicht hin und her, während sie sich Gedanken darüber machte, wie sie das ganze ihrem Partner verständlich machen konnte, ohne dass dieser die komplette Wache hinter Garra herschickte.
Schließlich lächelte sie und drückte ihrer Tochter noch einmal einen Kuss auf den Scheitel.
„Na gut, es ist, wie es ist. Aber damit ich dein Geheimnis bewahren und bei deinem Vater ein gutes Wort für dich einlegen kann, musst du mir alles erzählen … und wage es ja nicht, die schmutzigen Details auszulassen!“
forderte Pecada in einem verschwörerischen Ton, während sie ihre Tochter an den Rippen kitzelte. Emily versuchte, dem Drang zu lachen zu widerstehen, aber am Ende scheiterte sie.
Tatsächlich vergingen die darauffolgenden Tage ohne weitere Zwischenfälle. Emily hielt sich an die Absprache mit ihrer Mutter und sah von weiteren Treffen mit dem Jaguar ab, auch wenn sie nicht gerade glücklich darüber war. Außerhalb des Tempels zogen die Tiger ihre Krieger zurück, die letzten Späher waren aus den Territorien außerhalb ihrer Grenzen zurückgekehrt und der Hauptmann konzentrierte sich darauf, ihre Grenzen zu verstärken. Auch innerhalb des Tempels ging alles seinen gewohnten Gang.
Wie er es versprochen hatte, hatte sich der Große Khan ein letztes Mal mit Garra getroffen, um ihm die Situation zu erklären und ihm sein Angebot zu unterbreiten. Er würde den Jaguar auf freien Fuß setzen, mit dem Auftrag, so viele Jaguare wie nur möglich zusammen zu treiben und sie zum Tempel zu bringen. Sie würden gemeinsam gegen die Nes-Phi-Lim kämpfen und diese Bastarde aus ihren Territorien vertreiben, und wenn alles wieder ruhig und sicher war, würden sie wieder getrennte Wege gehen. Es würde keine Hintergedanken, keine Tricks und keine geheimen Pläne geben, der Große Khan war ein Tiger, der sein Wort hielt.
Garra wollte ihm glauben, es war seine einzige Chance seine Freiheit wiederzuerlangen, und so gab er sein Einverständnis zu diesem Plan. Er würde sich auf den Weg machen und die wenigen Siedlungen besuchen, deren Standorte er kannte. Er würde das Angebot des Khans unterbreiten und hoffen, dass die Jaguare bereit wären, eine längst vergessene Allianz neu zu schmieden.
Als der Tag des Abschieds schließlich gekommen war, war es ein Abschied ohne großes Tamtam. Sie versammelten sich im Morgengrauen am Haupttor des Tempels, der Große Khan, der von Emily begleitet wurde, die Hohepriesterin und natürlich Garra. Die Tiger hatten ihn mit allem ausgestattet, was er brauchen würde. Er trug einen Mantel, nicht unähnlich denen, die die Leibgarde des Khans trugen, sie hatten ihm eine stabilen Speer gegeben, damit er sich im Zweifelsfall verteidigen konnte und genug Fleisch, um eine gute Woche verpflegt zu sein.
Der Große Khan überreichte ihm noch ein Siegel, das ihm freies Geleit garantierte, solange er sich auf dem Gebiet der Tiger befand.
„Viel Glück, Garra, du wirst es brauchen.“
wünschte ihm der Anführer der Tiger und reichte ihm die Hand. Garra erwiderte den Gruß und sein Händedruck war stark, wie es sich für einen Krieger gehörte.
„Ich werde zurückkommen und ich werde dir eine Armee mitbringen.“
versprach der Jaguar, woraufhin der Khan nickte. Emily stand hinter ihrem Vater, die Hände vor ihrem Körper gefaltet und sah zu Boden. Sie traute sich nicht, ihn anzusehen, aus Angst sie würde die Beherrschung verlieren. Schließlich war es die Hohepriesterin, die ihn auf seinen Weg schickte und wünschte ihm eine sichere Reise.
Als Garras sich schließlich zum Gehen wandte und sie verließ, brach es Emily das Herz. Sie schaffte es zwar, ihre Gefühle vor ihrem Vater zu verbergen, aber es fiel ihr schwer, auf dem Weg in ihr Zimmer nicht zusammenzubrechen.
Aber es war nicht nur der Schmerz, der der jungen Tigerin zu schaffen machte, nun, da Garras weg war, war es an der Zeit, ein paar Gespräche zu führen.
Als am darauffolgenden Abend die Zeit gekommen war, ihrem Vater ihre Beziehung mit Garras zu beichten, saß Emily auf ihrem Bett und wartete, während ihre Mutter im Harem nebenan mit dem Großen Khan stritt. Ihre Mutter hatte gesagt, dass sie zuerst mit ihm sprechen wollte, um zumindest zu versuchen, die schlimmsten Wogen zu glätten, bevor sie ihn auf seine Tochter loslassen würde. Einen Teil dieser Diskussion hatte Emily bis in ihr Zimmer hören können. Ihr Vater hatte schlimm gewütet, hatte geschrien und geflucht, und einige Male hatte sie lauten Krawall gehört, aber dann war es still geworden im Harem. Aus Angst hatte sie sich auf ihr Bett zurückgezogen und ihre Knie unter ihr Kinn gezogen. Ihr blieb nichts anderes übrig, als darauf zu warten, dass ihre Eltern miteinander fertig waren und dass ihr Vater die Tür zu ihrem Zimmer öffnete und herein kam.
Sie wusste nur allzu gut, dass er sehr jähzornig sein konnte und dass er ab einem gewissen Punkt dazu neigte, Dinge zu zerstören. Er hatte mehr als einmal bewiesen, dass er sich, wenn er nur zornig genug war, nicht mehr unter Kontrolle hatte, allerdings war sie sich auch ziemlich sicher, dass er ihr gegenüber keine Gewalt anwenden würde, das würde ihre Mutter nicht zulassen, aber Angst hatte sie trotzdem. Sowohl Amelia als auch sie waren schon des Öfteren Opfer seiner Wutausbrüche geworden, wenn sie wieder einmal irgendwas angestellt hatten, aber bisher hatte er sich immer mit wütenden Standpauken abgefunden. Sie hoffte einfach, dass es auch dieses Mal so sein würde.
Sie kauerte auf ihrem Bett und lauschte in die Stille jenseits ihres kleinen Reiches. Es war nun schon eine ganze Weile still im Nebenraum und irgendwie machte ihr das mehr Angst, als wenn sie ihren Vater toben und Dinge zertrümmern hören würde. Wenn er im Harem auf und ab stampfen und herumschreien würde, dann wüsste sie wenigstens wo er war und was er machte. Aber so war sie dazu gezwungen, zu warten und zu bangen, wann er in der Tür stehen würde, um ihr die Ohren langzuziehen.
Sie schloss die Augen und zog ihre Knie enger an ihren Körper in dem Versuch, sich zumindest ein wenig zu beruhigen.
Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, in der sie außer ihrem eigenen Herzschlag nichts anderes hörte. Sie bemerkte es zuerst nicht, als es schließlich ganz leise an ihre Tür klopfte, erst als es erneut, ein wenig lauter klopfte, öffnete sie die Augen und sah zu der Tür, die ihr Zimmer vom Rest des Tempel und ihrem wütenden Vater trennte. Sie reagierte nicht sofort, unschlüssig, ob es vielleicht half, sich schlafend zu stellen, aber die Entscheidung wurde ihr abgenommen, als die Tür von außen geöffnet wurde. Ihr Vater stand in der Tür und sah zu ihr hinüber. Emily wusste nicht ganz, wo sie seinen Gesichtsausdruck und seine Körperhaltung einordnen sollte.
Er sah so unglaublich müde aus, gestresst und eindeutig aufgebracht, aber gleichzeitig wirkte er geschlagen, geradezu vernichtet. Als sie ihm in die Augen sah, konnte sie die Liebe darin sehen, aber auch den Schmerz. Die ganze Situation schien ihn innerlich zu zerreißen.
Er stand einfach in der Tür, so als ob er nicht genau wusste, was er jetzt eigentlich tun sollte, aber schließlich fand er seine Stimme wieder.
„Stört es dich, wenn ich mich zu dir setze?“
fragte er mit ruhiger, aber vom schreien rauer Stimme und Emily rutschte ein wenig zur Seite, damit er genug Platz hatte sich zu setzen, bevor sie vorsichtig den Kopf schüttelte. Der Große Khan nickte, kam langsam in das Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Nun waren sie allein in ihrem Zimmer. Ein abgeschlossener Raum, ihr sicherer Hafen, und der einzige Weg hinaus, führte an ihrem Vater vorbei durch die geschlossene Tür. Es gab also keinen Ausweg aus dieser Situation, sie würde sich ihm stellen müssen.
Mit kleinen, bedachten Schritten näherte er sich ihrem Bett und ließ sich schließlich vorsichtig neben ihr auf der Bettkante nieder. Normalerweise war ihr Vater deutlich größer als sie, so wie die meisten anderen männlichen Tiger größer und schwerer waren als sie, aber im Moment wirkte er kleiner und verletzlicher als sie. Es war fast so, als hätte das Alter ihn in den letzten Stunden eingeholt und gebrechlich gemacht. Sein Fell war zerzaust, seine eigentlich schönen, gelb-grünen Augen gerötet und seine Wangen wirkten seltsam eingefallen. Die grauen Strähnen, die sich zwischen seine Streifen geschlichen hatten, waren ihr noch nie so aufgefallen und selbst seine Haltung wirkte kraftlos, wie er auf der Kante ihres Bettes saß und sich mit den Ellenbogen auf seine Knie stützte und seine Hände nicht still halten konnte. Sein Atem ging in tiefen, ruhigen Zügen, und seine Ohren zuckten in unregelmäßigen Abständen, während er nach den Worten zu suchen schien, mit denen er ihr Gespräch beginnen wollte.
Ein Gespräch, von dem so viel abhängen würde.
Letztlich nahm Emily ihm die Entscheidung ab.
„Es tut mir wirklich leid.“
flüsterte sie und legte ihre zierliche Hand auf den breiten Rücken ihres Vaters. Der Große Khan wartete einen Moment, bevor er sich langsam ein wenig umdrehte und über die Schulter zu ihr blickte. Sein Lächeln war voller ehrlicher Zuneigung, aber auch voller Schmerz. Der Verrat hatte ihn hart getroffen, das wusste Emily bereits.
„Emily, Kind …“
begann er leise, seine Stimme heiser und rau.
„… ich fürchte, „es tut mir wirklich leid“ wird diesmal nicht ganz ausreichen.“
fuhr er fort, wobei sein Tonfall noch immer ruhig war, aber Emily an dem leichten Zittern in seiner Stimme erkennen, wie wütend und verletzt er wirklich war. Langsam zog sie ihre Hand wieder zurück und vergrub ihren Kopf in ihren Knien. Er atmete tief durch und ergriff wieder das Wort.
„Was hast du dir dabei nur gedacht, Kind? Er ist ein Jaguar.“
stellte er entrüstet fest, wobei seine Worte ein wenig lauter wurden, wartete aber nicht einmal auf ihre Antwort.
„Nein, sag es nicht, ich weiß es schon, deine Mutter hat es mir schon erzählt.“
fügte er enttäuscht hinzu, wobei er sich wieder nach vorne drehte und auf seine Hände starrte, die er zu Fäusten ballte. Er wusste nicht, welcher Verrat ihn dabei mehr verletzte, der seiner Tochter, die sich nicht nur hinter seinem Rücken, sonder auch lieber mit einem Jaguar als einem Tiger einließ, oder der seiner ersten Konkubine, die davon von Anfang an wusste, und sich entschieden hatte zu schweigen. Er nahm einen weiteren tiefen Atemzug, bevor er sich wieder an Emily wandte.
„Wenn es wenigstens ein Tiger gewesen wäre …“
flüsterte er und es fiel ihm schwer, ruhig zu bleiben. Hinter ihm konnte er hören, wie Emilys Atem zitterte, und er spürte, wie sie ihre Beine fester gegen ihren Körper zog.
Sie saßen eine Weile schweigend auf ihrem Bett und das einzige, was hin und wieder die Stille im Raum durchbrach, war das leise Schluchzen seiner Tochter hinter ihm. Seine Wut, die längst ausgebrannt war, war nur noch ein Häufchen Asche, das tief in seinem Inneren schwelte und sich beharrlich dagegen sträubte, ganz zu erlöschen. Er wusste, dass er sie jetzt bestrafen konnte, ihr den Kontakt zu Garra verbieten und sie in ihr Zimmer sperren, aber nichts davon würde etwas daran ändern, was bereits geschehen war, alles was eine harte Strafe jetzt bewirken würde, wäre einen Keil zwischen sich und Emily zu treiben, den er nie wieder würde entfernen können. Außerdem war seine Liebe zu seiner Tochter stärker als jede Tradition.
Er schloss die Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Sie konnten sich nicht länger anschweigen, das würde niemandem helfen, nicht ihr, nicht ihm und auch sonst niemandem. Sie würden das Problem jetzt aus der Welt schaffen, ein für alle Mal. Langsam atmete er wieder aus und öffnete die Augen, bevor er sich langsam zu seiner Tochter umdrehte. Emily war ein kleines Häufchen Elend, das sich in die hinterste Ecke ihres Bettes zurückgezogen hatte und sich zu einem festen Ball zusammengerollt hatte. Als der Große Khan sie so sah, wich alle Härte aus seinem Gesicht und er ließ die Schultern hängen.
„Sieh mich einmal an, Emily …“
flüsterte er leise und wartete geduldig. Er wusste, er würde ihr jetzt ein bisschen mehr Zeit geben müssen, und in der Tat dauerte es einen quälend langen Moment, bis sie ihren Kopf gerade genug anhob, um über ihre Knie sehen zu können.
„Bedeutet er dir wirklich so viel?“
fragte er und seine Stimme war nicht mehr als ein heiseres Flüstern. Emily sah ihn einen langen Moment lang an, aber er konnte nicht genau sagen, was in ihr vorging, schließlich nickte sie dann fast unmerklich. Als er das sah, seufzte er, nickte und richtete sich langsam auf.
„Komm zu mir, Kind.“
sagte er schließlich und klopfte auf die Matratze neben sich. Seine Tochter zögerte erst, aber dann rutschte sie langsam zu ihm hinüber und setzte sich neben ihn auf die Kante ihres Bettes. Sie sah schrecklich aus, auch ihr Fell war mittlerweile völlig zerzaust und ihre Augen waren geschwollen vom Weinen. Vorsichtig legte der Große Khan seinen starken Arm um ihre Schulter und zog sie sanft zu sich heran. Sie ließ ihn gewähren und lehnte sich gegen ihn.
„Ich möchte es verstehen, Emily. Erkläre es mir, warum er?“
fragte er leise und rieb ihren Arm. Derweil schloss Emily die Augen und genoss die Zuneigung, bevor sie leise seufzte.
„Er ist einfach so anders als die Tiger hier. Er ist sanftmütig, höflich, er hat keine Hintergedanken, wenn er mit mir zusammen ist, und ich fühle mich tief in meinem Inneren zu ihm hingezogen.“
erklärte sie leise und drückte sich näher an ihren Vater. Dieser lächelte sanft und fuhr fort, sie zu streicheln. Ihre Mutter hatte es ihm bereits haarklein erzählt. Wenn er ehrlich war, dann musste er zugeben, dass auch er den Eindruck hatte, dass der Jaguar eine sanfte Seel war. Dennoch, er war innerlich zerrissen, auf der einen Seite konnte und wollte er die Liaison zwischen den beiden nicht gutheißen, auf der anderen Seite wollte er es nicht riskieren, seine Tochter zu verlieren, wenn er ihr diese Liebe verbot.
Dann wiederum war er im Begriff aller Tradition zum Trotz, eine Allianz mit den Jaguaren einzugehen, um einen Feind zu vernichten, der im Begriff war, ihre ganze Zivilisation an den Rand der Auslöschung zu treiben. Vielleicht war es ja wirklich so, wie Emily es gesagt hatte, und sie würden sich in Zukunft viel intensiver mit den Völkern der anderen Territorien verständigen müssen und dann wäre es vielleicht sogar von Vorteil, wenn es bereits eine Brücke zwischen ihnen gab.
Er blickte auf seine Tochter hinunter, die sich immer noch zitternd an ihn schmiegte. Er streichelte ihren Kopf, zog sie näher an sich heran und fasste einen Entschluss, zum Wohle seiner Tochter und zum Wohle der gesamten Gemeinschaft. Er schluckte seinen Kummer herunter und atmete tief durch. Instinktiv spannte sich Emily an, als wüsste sie schon, was jetzt kommen würde.
„Emily, Kind … du weißt, dass die Traditionen diese Verbindungen niemals zulassen …“
begann er in einem ruhigen, sanften Ton, aber noch bevor sie antworten konnte, fuhr er fort.
„… aber ich weiß auch, wie stark die Liebe sein kann, und ich weiß, dass wenn ich die diese Beziehung jetzt verbiete, dann treibe ich einen Keil zwischen uns, den ich nie wieder werde entfernen können.“
fuhr er fort und küsste sie sanft auf den Kopf.
„Also werde ich, auch wenn ich mich noch nicht so recht mit dem Gedanken anfreunden kann, dir erlauben, deiner Liebe nachzugeben, aber nur unter einer Bedingung.“
sagte er schließlich mit erhobenem Finger und Emily sah erwartungsvoll zu ihm auf.
„Garra wird offiziell vor mir um deine Hand anhalten und ihr werdet keine Geheimnisse mehr vor mir haben, und wenn er dir jemals weh tut …“
Er ließ den Satz unvollendet. Währenddessen begannen Emilys Augen zu leuchten und sie drückte sich an ihm hoch, um ihn zu umarmen. Der Große Khan erwiderte diese Umarmung nur zu gerne und drückte seine Tochter fest an sich, dann spürte er wie ihre Tränen begannen seine Schulter zu durchnässen und er hielt sie einfach fest und streichelte ihren Rücken.
„Schhhh … es ist gut …“
flüsterte er und sah zur Tür, wo Pecada stand und sanft nickte. Sie wirkte, als wäre ihr ein großer Stein vom Herzen gefallen. Sie deutete einen Kuss an, lächelte und zog sich in die Schatten des Korridors zurück. Der Anführer der Tiger lächelte, während er seine Tochter in seinen Armen wiegte, dieser Kuss versprach mehr, wenn er sich später zu seiner Konkubine begab.
…
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