Kapitel 46
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Kapitel 46
das Konzil
Als sie nach und nach zu sich kamen, war der Gleiter längst wieder gestartet und nur noch zehn Minuten von seinem Ziel entfernt.
„Hallo, ihr Schlafmützen! Ihr solltet langsam aufwachen und euch den Schlaf aus den Augen reiben. Wir sind gleich da.“
Cyron reckte sich. „Gibt es denn bei der Zwischenlandung was interessantes zu sehen, dass du uns wecken musst?“
„Zwischenlandung? Mein lieber Herr Kater. Die ist schon längst passé. Wir sind gleich am Ziel.“
Das erregte die Gemüter und plötzlich waren alle sehr munter. Sie eilten zu den Fenstern und schauten hinaus. Tief unter ihnen lagen gewaltige Bauwerke, die pyramidenförmig waren und in einem gleichschenkligen Dreieck lagen.
„Die Bauwerke die ihr seht, stammen von den alten Ägyptern. Es handelt sich um die großen Pyramiden von Gizeh. Die Größte von ihnen ist die Cheopspyramide und ist das Grabmal des gleichnamigen Pharaos Cheops. Die beiden kleineren gehören zu Chephren und Mykerinos.
„Das ist überwältigend“, flüsterte Tarja.
Sie waren begeistert. So monumental hatten sie sich das Ganze nicht vorgestellt.
„Und das hat ein Pharao allein gebaut?“, fragte Cyron ahnungslos.
Stella und Kira mussten kichern. „Nein, natürlich nicht“, sagte die Tigerin. „Der Pharao war der regierende Herrscher. Ein sogenannter Gottkönig auf Erden. Gebaut haben diese Anlagen 100.000e von Arbeitern, von denen man annimmt, dass sie Sklaven waren.“
„Sklaven?“
„Ja, eine altertümliche Form der Menschenhaltung. Diese armen Kreaturen waren genau genommen vollkommen rechtlos und hatten lediglich die Aufgabe der Herrscherkaste zu dienen und das ihr Leben lang. Wobei man mittlerweile davon ausgeht, dass es sich eher um normale Arbeiter und keine Sklaven handelte.“
Kira schüttelte es allein schon bei dem Gedanken daran.
„Seht mal da. Der verdrehte Anthro“, sagte Jody über die Lautsprecher. „Das ist der Sphinx.“
„Wow, das ist ja ein Löwe mit einem Menschenhaupt“, bemerkte Andrew.
Sie kamen wirklich aus dem Staunen nicht heraus.
„Wann wurde das alles erschaffen?“
„In den einzelnen Blütezeiten der ägyptischen Reiche. Es gab die Vorzeit, dann die Frühzeit, später das alte Reich, das mittlere Reich und das neue Reich. Zwischendurch lagen die Bauten brach. In der sehr frühen Zeit wurden die interessantesten Bauten errichtet. Später ging man zu Veränderungen über und auch zum Bau der Pyramiden. Aber bald stellte man fest, dass die Gräber geplündert wurden, trotz dass man alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen hatte.
Daraufhin änderte man die Taktik und verlegte die Grabmale unter die Erde. Aber auch hier wurde munter weiter geplündert. Am Ende legte man mehrere Gräber zusammen und machte sich weniger Aufwand, außerdem wurde von bestehenden Bauten Material entwendet und an anderen Stellen eingesetzt.
Die Kultur die so fantastisch war und so viele technisch hochentwickelte Monumente baute, ging langsam unter und zerlegte sich nach und nach selbst, was vom immer stärker werdenden Einfluss des römischen Reiches und dessen Machtdrang entscheidend beschleunigt wurde“, erklärte Kira.
„Ihr solltet euch anschnallen. Wir landen gleich“, forderte Shana auf.
Sie taten es, schauten aber trotzdem weiter aus den Fenstern. Keiner auf Genro würde ihnen das alles glauben.
Dreißig Kilometer von den Pyramiden entfernt setzte die Maschine weich auf dem Wüstenboden auf und kam zum Stillstand. Sie stiegen aus und in Sicht-weite sah man schon eine Sandwolke auf sie zu kommen.
„Das muss Gregor Binder sein“, sagte Shana. „Er hat uns wohl kommen sehen und sich gleich auf den Weg gemacht.“
Sie starrten dem Fahrzeug entgegen, welches sich mit hoher Geschwindigkeit näherte. Und tatsächlich, es war Dr. Binder.
„Hallo, Shana und Jody“, sagte er überschwänglich erfreut.
„Hallo, Gregor“, erwiderten die beiden Frauen fast gleichzeitig.
Sie küssten sich zur Begrüßung, dann wandte er sich den Chafren zu.
„Seid gegrüßt, Freunde. Ihr seid also diejenigen, die viele Menschen so nervös machen, dass sie euch lieber tot als lebend hätten. Ich hoffe ihr habt starke Nerven und einen klaren Verstand, denn das was ich euch alles zeigen und erklären werde, bedarf mehr als nur einer großen Phantasie.“
„Nur zu“, sagte Chiron. „Wir haben schon Bilder gesehen und sind, denke ich mal, einigermaßen vorbereitet auf das was da auf uns zukommt.“
„Vergesst die Bilder, denn es wird noch besser. Wir haben innerhalb von zwei Wochen unglaubliche Sachen gefunden und sehr viele davon können wir uns nicht erklären oder besser gesagt, wir können damit nichts anfangen und sie nicht bedienen.“
Jetzt war die Neugier von allen auf dem Höhepunkt angelangt. Sie konnten es kaum erwarten die Funde zu sehen und saßen schon alle auf der Pritsche des Lkws.
Gregor Binder kannte sich in der Gegend hervorragend aus, fuhr mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und umkurvte zielsicher alle Bodenunebenheiten. Die Fahrt dauerte somit auch nicht lange und sie erreichten ihr Ziel. Sie hatten das Basislager erreicht und staunten wieder einmal. Die Arbeit schien wirklich hochprofessionell zu sein.
Binder erklärte: „Damals sah es bei den Ausgrabungen streng genommen genauso aus wie bei uns jetzt. Es gab nur einige Unterschiede. Früher haben die Arbeiter und Wissenschaftler in Zelten gelebt, die Funde mussten mühsam konserviert werden und zerfielen sehr oft schon nach kurzer Zeit, außerdem hatten sie nicht überall Strom und mussten oft mit offenem Feuer hantieren. Heute ist das alles etwas moderner. Wir können Funde sofort in die Rechner scannen, können Modelle erstellen, Beziehungen untereinander verifizieren, wir können den Zerfall aufhalten und tiefkühlen und wir haben Strom, wo wir ihn wollen und brauchen.“
Er grinste und man merkte, dass ihm seine Arbeit sehr viel Spaß machte.
„Du bist unverbesserlich“, sagte Jody zu ihm, „Ein Idealist wie er im Buche steht.“
„Mag sein, aber wart’s ab bist du alles gesehen hast.“ Er rollte verheißungsvoll mit den Augen und zwinkerte ihr zu. „So, dann kommt mal alle rein. Ich zeige euch erst mal ein paar der neuesten Bilder.“
Sie nahmen in einer Art Besprechungsraum Platz und Binder dimmte das Licht. Die Bilder kamen von einem Diaprojektor der nicht mehr der neueste war, aber seiner Aufgabe treu ergeben.
Er zeigte das erste Bild. „Das dürftet ihr vielleicht schon kennen. Es ist ein Skelett, welches wir vor gut zwei Wochen entdeckten. Es liegt am Rande der Grundrisse des alten Thebens und ist nicht so spektakulär wie der Rest.“
Das nächste Bild wurde interessanter.
„Das ist einer der weiteren Funde.“ Er trat vor und holte einen Zeigestock hervor. „Wie man deutlich erkennt, handelt es sich hierbei um zwei Skelette.“
Er fuhr die Umrisse nach. „Man erkennt, dass das eine Fundstück zwei lange Arme hat, Beine, Füße, die auf einen Sohlengang hinweisen und die Wirbelsäule zeigt in ihrem Aufbau, dass es aufrecht ging. Außerdem ist der Schädel rundlich und zeigt den für einen Menschen typischen Kieferknochen und Unterkiefer.
Das zweite Fundstück liegt an der Ausgrabungsstelle direkt daneben und etwa fünfzig Zentimeter entfernt. Auch hier sieht man, dass es aufrecht ging, es hat lange Arme, Hände, Beine, aber und das ist das Besondere, keine Füße. Es hat lange Fußwurzelknochen, die vom Boden ausgehend in einem weiteren Gelenk enden und zwar sitzt dieses Gelenk genau dort wo wir Menschen unsere Hacken haben. Das zweite Wesen war also ein Zehengänger.“
Chiron schaute auf seine Pfoten. Sie sahen genauso aus, wie die des zweiten Wesens auf dem Bild.
„Allein schon das ist bemerkenswert, aber der Schädel reißt alles raus.“
Er zeigte das dritte Bild, welches eine Nahaufnahme des Schädels war. Ein Raunen ging durch den Reihen.
„Ihr seht ganz recht. Dieser Schädel ist länglich, zeigt einen deutlichen Gesichtsschädel mit langen Kieferknochen und das Gebiss entspricht dem eines Raubtieres. Wir haben die Daten verglichen und die Computer spuckten das Ergebnis aus. Es handelt sich zweifelsfrei um ein Wolfsgebiss.“
Syrgon machte große Augen. „Du willst damit andeuten, dass an der Stelle ein Mensch und einer meiner Artgenossen nebeneinander liegen?“
„Ich deute es nicht nur an, es ist so. Die Funde sind eindeutig.“
Er wechselte zum nächsten Bild. „Hier sieht man einen weiteren Fund. Er befindet sich hundert Meter südlich vom eben gezeigten. Hierbei handelt es sich ebenfalls um zwei Skelette, allerdings ist nur eines ein Anthro. Bei dem einen handelt es sich um einen Anthrolöwen, bei dem leider die Beine fehlen, bei dem anderen um ein vierpfotiges Raubtier, vermutlich auch einen Löwen. Zumindest lassen die Größenverhältnisse darauf schließen. Während der erste Fund auf eine Kampfhandlung hinzuweisen scheint, die Knochen weisen entsprechende Spuren auf, weist der zweite Fund nicht direkt auf einen Kampf hin. Es sieht eher so aus, als ob die beiden ohne sich wehren zu können ermordet wurden. Der Schädel den wir fanden weist entsprechende Schlagspuren auf.“
Er wechselte auf das nächste Bild. „So! Und jetzt kommt etwas, an dem wir uns die Zähne ausgebissen haben. In einem unterirdischen Grabmal haben wir einen Zugang in eine Seitenkammer entdeckt. Dieser Zugang“, er deutete auf eine bestimmte Stelle des Bildes, „wird durch eine Tür blockiert, welche über einen Handscanner geöffnet wird. Die alten Ägypter hatten aber niemals Handscanner und vor allem, es passt keine unserer Handflächen. Die Tür bleibt verschlossen.“
Er beendete den Einleitungsvortrag abrupt. „So, wollen wir uns die Sachen mal direkt anschauen?“
Alle nickten eifrig und sie verließen den Raum.
Draußen brannte die Sonne unbarmherzig herunter.
Die Arbeiter schauten die Gruppe der Chafren verschüchtert an und machten ihnen weiträumig den Weg frei. Fast schien es so als hätten sie keine Angst vor ihnen, sondern würden eher in Ehrfurcht den Göttern den Weg ebnen.
Sie kamen an den Eingang zur Ausgrabungsstelle und schauten die Zugangsstufen hinab ins Dunkel.