Kapitel 45
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Kapitel 45
Ägypten
Es war zwei Uhr als Cyron erwachte und noch etwas benommen durch das Haus tapste. Er war auf der Suche nach der Toilette, der Dusche und einer Tasse Kaffee. Die beiden ersteren Sachen fand er ziemlich schnell und ging erfrischt und halbwegs munter in die Küche. Jetzt galt es den Rest zu finden.
Die Kaffeemaschine entdeckte er sofort, aber wo war der Kaffee?
Er öffnete einen Schrank nach dem anderen, wühlte in den Ablagefächern. Polternd fiel eine Tasse zu Boden und zerbrach.
Der Lärm riss die Anderen aus dem Schlaf. Sie schreckten hoch und liefen in die Küche, wo sie jedoch nur auf Cyron trafen, der inzwischen das Gesuchte komplettiert hatte.
„Guten Morgen, ihr Schlafmützen! Kaffee?“, trällerte er kurz und hielt die Pulverdose vor die Brust, als wolle er Werbung dafür machen und setzte sein bestes Grinsen auf.
Diana winkte ab, Stella schüttelte den Kopf, Wotan und Sirius seufzten im Duett und Andrew rollte mit den Augen.
„Du hättest uns auch etwas sanfter wecken können“, brummelte Sitara. „Aber das ist wieder typisch für dich. Hätte jetzt bloß gefehlt, dass du uns gefragt hättest, ob wir auch nicht mehr schlafen können.“
Cyrons Grinsen wich. „Entschuldigung. Aber es wird eh langsam Zeit. Wir haben nur noch eine gute Stunde bis wir den Gleiter erreicht haben müssen.“
„Au man. Stimmt ja“, sagte Finlay.
„Wamanos“, warf Kira ein und gab Andrew einen Klaps auf den Hintern.
„Was hat es eigentlich mit diesem Wamanos auf sich?“, fragte Andrew, als er mit Kira ins Bad ging.
„Ich weiß es nicht. Das habe ich irgendwann mal von meinen Eltern aufgeschnappt und beibehalten. Warum? Stört es dich und soll ich es abstellen?“
Andrew schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Es würde mich stören, wenn du es nicht mehr sagen würdest. Ich finde es nur interessant und ich wollte wissen, wo du diesen Ausdruck her hast. Weißt du, seit wir gestern Abend diese Bilder gesehen haben, gehen mir die verschiedensten Gedanken durch den Kopf.“
Kira presste die Lippen aufeinander. „Hmhm. Das geht nicht nur dir so.“
Als sie in die Küche zurückkamen, saßen Cyron und Shana Grant am Tisch und tranken Kaffee. Die anderen hatten sich auch bedient und schlürften genüsslich an ihren Tassen.
„Ah. Da sind ja die nächsten zwei“, sagte sie fröhlich. „Seid ihr auch so aufgeregt wie ich?“
Zustimmendes Nicken und Murmeln.
„Das wird bestimmt faszinierend und das Beste daran ist, dass ihr mitkommt. Ach, ich freue mich so.“
Stella nahm ihre Tasse vom Mund, grinste und zwinkerte Shana zu. „Ganz ruhig, meine Liebe. Wird schon schief gehen.“
Die Augen der Wissenschaftlerin leuchteten wie zwei kleine Feuer.
Stella sah sich um. „Hat eigentlich jemand Apophis gesehen? Abgesehen davon, wo ist Jody geblieben?“
Shana trank gerade einen Schluck Kaffee und hustete plötzlich. Sie stellte ihre Tasse schnell ab, nahm ein Taschentuch und wischte sich ihren Mund ab. „Sorry, ich hatte mich verschluckt.“
Cyron sah ihr schief in die Augen. „Du weißt doch was und verschweigst es uns.“
Sie schüttelte den Kopf.
Das war nicht überzeugend und schürte Cyrons Argwohn. „Was ist los?“, fragte er übermäßig langsam und betont.
Sie zuckte tapfer mit den Schultern.
Cyron ahnte was, aber war sich nicht sicher. Jedenfalls riss er plötzlich die Augen auf und seine Kinnlade klappte herunter. „Wenn es das ist was ich vermute, dann …“, er konnte den Satz nicht vollenden, denn zwischenzeitlich war Jody erwacht, hatte Apophis geweckt und beide waren schnellen Schrittes in die Küche gegangen und standen mitten im Raum, „ … was dann?“, fragte Apophis.
Cyron drehte sich um und schaute seinem Enkel erwartungsvoll ins Gesicht: „Dann, mein Lieber, musst du mir was erklären.“
Aber Apophis’ Auftritt, sein stellenweise zerlegenes Fell und vor allem Jody, die neben ihm stand, immer noch die Tigersuit trug und jetzt den Kopf abnahm, sagten genug.
Jody Thorn grinste breit, Apophis lächelte mild, Shana vergrub ihr Gesicht in der linken Hand, Cyron starrte zwischen den beiden hin und her und der Rest der Gruppe fing an zu kichern, als sie begriffen was geschehen war. Die ganze Szene wirkte skurril.
„Das war es also was du wusstest, aber verschwiegen hast“, sagte Stella.
Shana nickte verschämt. „Ja. Jody kam gestern Abend noch in mein Zimmer und verlangte nach ihrer Tigersuit. Sie wollte Apophis damit eine Freude machen.“
„Nur damit?“
„Na ja und sie meinte, dass er süß wäre und sie ihm eine willige Tigerin sein möchte. Er hätte es wohl verdient.“
Jodys Grinsen wurde noch breiter und sie nickte eifrig.
Cyron biss sich auf den kleinen Finger. „Hat es denn wenigstens geklappt und Spaß gemacht?“, fragte er schließlich direkt heraus, nicht ohne etwas Ironie in der Stimme.
Die beiden sahen sich an und küssten sich.
„Danke. Das genügt schon. Mehr will gar keiner wissen“, sagte Shana. Sie stand auf und ging ins Badezimmer.
Dort traf sie auf Wotan und Sirius, die die Dusche in Besitz genommen hatten und sie gemeinsam ausgiebig nutzten.
Shana riss die Augen auf. „Das darf doch wohl nicht wahr sein“, schrie sie auf und rannte aus dem Bad.
Sie ging zurück in die Küche und baute sich mit verschränkten Armen im Raum auf.
Ihr Blick war Funken sprühend. „Kann mir mal einer erklären was hier eigentlich los ist?“
Tarja schaute sie verdutzt an. „Um was geht’s denn?“
„Ich frage mich wo ich hier gelandet bin. Ich wollte gerade duschen, aber das wurde durch zwei Rüden verhindert die offensichtlich schwul sind und soeben an sich herummontiert haben. Ist gerade Frühling auf eurem Heimatplaneten?“
Cyron schaute Shana tiefgründig an. „Du überreagierst. Genau genommen stimmt weder das eine noch das andere. Es ist einfach so, dass Sex ein fester Bestandteil unseres Lebens ist und, wie auch bei euch, der Entspannung dient.
Außerdem haben wir sehr viele Pärchen in unserer Gruppe. Die beiden Rüden sind eins davon, dann kommen noch Stella und ich hinzu sowie Tarja und Chiron, Kira und Andrew, Sitara und Finlay, Sinja und Grey und nunmehr auch Jody und Apophis. Bei den beiden sieht es zumindest danach aus. Wenn man es eng sieht, darfst du dich nicht wundern.“
Shana starrte zur Decke. „Bei allen Göttern. Das darf einfach nicht wahr sein.“
„Ah doch. Ist es aber. Aber, wenn es dir hilft, dann kann ich dir Diana oder Syrgon empfehlen, entsprechend deiner Ausrichtung.“
Das war zu viel des Guten. Die Wissenschaftlerin stampfte wütend mit ihren Füßen auf. „Du, du, du...“
„Ja bitte?“
„... du bist ein ganz, ein ganz, ein ganz … ach, ich weiß auch nicht was du bist.“
Wotan und Sirius betraten die Küche.
Shana drehte sich um. „Darf ich jetzt auch mal ins Bad?“
Die beiden Wölfe sahen sich an und nickten.
„Das ist wirklich zu gütig von euch.“
Sie entschwand ohne die anderen eines weiteren Blickes zu würdigen.
„Wotan, ihr beide solltet euch etwas zurücknehmen. Unsere liebe Frau Doktor hat momentan etwas Probleme mit unseren Trieben.“
Sirius kicherte, sah seinen Partner an und nickte schließlich zustimmend.
Shana war inzwischen im Bad angekommen.
‚Vielleicht hat Cyron ja Recht’, dachte sie, ‚Ich hätte nicht so krass reagieren dürfen. Ich sollte mich nachher bei ihnen entschuldigen.’
Sie duschte rasch und putzte sich gleichzeitig die Zähne. So war sie schneller, zog sich reisefertig an und eilte wieder in die Küche. Die Chafren hatten ebenfalls ihre Sachen zusammengepackt und erwarteten sie.
„Okay“, begann sie, „ich muss mich entschuldigen. Meine Reaktion vorhin war nicht gerechtfertigt.“
„Doch, war sie. Wir sollten uns mehr zusammenreißen“, ging Cyron dazwischen.
„Nein, ihr müsst doch wegen mir nicht darben und euch verbiegen. Immerhin könnt ihr ja nichts dafür, dass ich keine Partnerin finde.“ Sie seufzte und sah zu Boden.
„Partnerin?“, fragte Stella und machte ein erstauntes Gesicht.
„Tja, nun ist es raus. Ich bin lesbisch. Und glaubt mir, unter den Furries ist es mehr als nur schwierig eine ebenfalls lesbische Partnerin zu finden. Der größte Teil von denen ist männlich und dann schwul oder hetero ausgeprägt. Der weibliche Anteil ist gering dagegen und eine lesbische Greifin findet dort garantiert nichts Passendes.“ Sie ging zum Kühlschrank, holte sich einen Schokoriegel heraus und kaute hektisch darauf herum.
„Tja, das ist natürlich ein Ding“, sagte Diana, „Ich bin zwar eine Greifin, aber nicht lesbisch und außerdem gebunden.“
„Ich weiß“, sagte Shana. „Das wollte ich damit auch nicht zum Ausdruck bringen. Ich wollte vielmehr meine Reaktion begründen und meine Aggressivität nicht im Raum stehen lassen.“
„Entschuldigung angenommen, wenn du unsere annimmst“, sagte Tarja.
Shana nickte und lächelte hinreißend. Sie schaute auf die Uhr. „Verdammt, es ist schon Viertel vor vier. Wir müssen sofort los.“
Die Gruppe erhob sich und verließ das Haus. Sie schlichen durch die Straßen und bewegten sich dabei dicht an den Wänden entlang.
„Ich habe gerade ein Déja vu“, sagte Chiron an Tarja gewandt.
„Das haben wir, glaube ich, alle“, entgegnete sie leise.
Nach zehn Minuten erreichten sie den Stadtrand und wie durch ein Wunder hatte sie tatsächlich keiner gesehen. Nur ein Hofhund bellte kurz als er die Anthros sah. Syrgon knurrte daraufhin kurz und der Hund zog den Schwanz ein.
Der Wolf näherte sich ihm vorsichtig, streckte seine Hand aus und streichelte ihn. Jody schüttelte den Kopf und sie gingen weiter.
Der Gleiter war bereits in Sichtweite und wie angekündigt waren sie allein. Jody setzte sich auf den Pilotensitz und Shana nahm ebenfalls im Cockpit Platz. Die Chafrengruppe machte es sich derweil im Passagierraum bequem. Die Reise konnte beginnen. Jody startete die Maschine und sie hoben ab.
Shana hatte Unterlagen gefunden in denen ihr Zielgebiet eingetragen war. „Alle mal herhören“, kam ihre Stimme über die Lautsprecheranlage. „Wir werden jetzt fünf Stunden in der Luft bleiben. Danach müssen wir einen Zwischenstopp einlegen und tanken. Das wird etwa dreißig Minuten dauern. Anschließend fliegen wir weiter nach Ägypten und setzen in der Nähe des alten Theben auf. Auf dem Tisch liegen einige Unterlagen und Zeitschriften. Wenn ihr wollt, dann könnt ihr ja mal ein bisschen lesen. Dann wisst ihr schon mal etwas über die alten menschlichen Ägypter, die vor circa 8.000 Jahren zu einer grandiosen Zivilisation aufstiegen und bis zu ihrem Untergang beeindruckendes leisteten. Alles andere wird sich dann vor Ort zeigen und am Ende die Hälfte der Unterlagen überflüssig und wertlos machen.“
Damit war die Durchsage beendet.
Kiras Interesse war geweckt.
Sie stand auf und schnappte sich eine der dicken Zeitschriften. Sie blätterte sie zunächst kurz durch und fing dann an zu lesen. Stella machte es ihr nach und versank sehr schnell im Stoff.
Cyron und Chiron machten sich Gedanken darüber, wie es weiter gehen sollte und was werden würde, wenn sich alle Vermutungen als Wahrheit herausstellen sollten.
Tarja unterhielt sich mit Diana über Fell- und Gefiederpflege sowie über Ernährung und tauschte Kochrezepte aus. Diese waren von Tarjas Seite nicht sehr ergiebig, denn sie war ein reiner Fleischesser. Von Diana kam da wesentlich mehr und sie überhäufte die Tigerin mit Ratschlägen und sich sehr lecker anhörenden Gerichten.
Der Rest setzte die so früh unterbrochene Nachtruhe fort und schöpfte Kräfte bei einem ausgiebigen Schläfchen.
„Eingelegtes Fleisch?“, fragte Tarja.
„Ja. Du nimmst ganz normales Rindfleisch und legst es in einen Sud aus Blutmoos und Krealwurzeln. Den Sud kochst du kurz auf, lässt ihn abkühlen und packst das Fleisch hinein. Das Ganze musst du dann eine Woche ziehen lassen. Danach nimmst du das Fleisch und brätst es völlig normal von beiden Seiten gut durch.“
„Und was mache ich mit dem Sud?“
„Den kannst du getrost weggießen. Den brauchst du nicht mehr. Das Fleisch wird super zart und außen herrlich knusprig. Du musst aber drauf achten, dass kein Teil mehr roh ist, denn der Anteil der Krealwurzeln verursacht eine unangenehme Nebenwirkung in rohem Fleisch.“
Tarja staunte: „Und das wäre?“
„Es wirkt ab einer bestimmten Konzentration extrem verdauungsfördernd. Glaub mir, ich habe es am eigenen Leib erfahren und wünsche diese Erfahrung meinem ärgsten Feind nicht.“
„Das finde ich faszinierend“, sagte Kira an Stella gewandt.
Die legte ihre Zeitschrift beiseite und schenkte der Luchsin ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.
„Hier steht, dass in Ägypten in einer der sogenannten Zwischenzeiten ein Hyksoskönig namens Apophis einfiel und als König von Ägypten in der fünfzehnten Dynastie um 1560 vor Christi galt. Er unterjochte weite Teile des Landes für einen Zeitraum von zwölf Jahren und regierte mit blutiger Hand. Erst nach dieser Zeit gelang es Tutmosis III. das Land von ihm zu befreien. In dieser Zwischenzeit ging es mit der Kunst und Kultur in Ägypten bergab. Es wurden keine neuen Kunstwerke erschaffen und altes zerfiel zusehends. Soweit dazu.
Weiter belegt ist, dass es zwischen Ramses II. und einem Hethiterregenten namens Muwatalli III. Krieg gab, welcher bei Kadesch um 1274 vor Christi in einer gigantischen Schlacht seinen Höhepunkt fand. Später hatten die Hethiter Probleme mit den Assyrern und so schlossen Ramses II. und der Nachfolger von Muwatalli II. namens Hattusili III. einen Friedensvertrag, welcher sehr lange Zeit hielt und beiden Seiten zu Wohlstand gereichte. Der Vertrag wurde laut dem was hier steht um 1259 vor Christus geschlossen.“
„Welch Zufall das mein Sohn Apophis heißt und dieser Skort ihn auch so nannte.“
Kira nickte: „Ja, aber warum sollte er ihn gerade so bezeichnen?“
„Ich weiß es nicht. Aber vielleicht ist der Professor mit seinen Vermutungen in ganz anderen Ebenen und hat inzwischen ein ganz anderes Bild von der Geschichte Ägyptens gewonnen“, gab Stella zu bedenken.
„Mag durchaus sein. Vielleicht war dieser Apophis in Wirklichkeit ganz anders und weder Fürst noch Barbar. Vielleicht blühte Ägypten in der Zwischenzeit nicht auf, weil sich Apophis um die wichtigen Sachen kümmerte und nicht um Prunk.“
„Ich glaube, wir sind auf einer interessanten Spur. Klären werden wir viele Fragen jedoch erst, wenn wir die Funde sehen und das Puzzle zusammensetzen können.“
Kira seufzte und sah auf die Uhr. „Die Zeit vergeht zwar, aber irgendwie viel zu langsam. Wir brauchen noch dreißig Minuten bis zur Zwischenlandung und dann wieder einige Stunden bis wir endlich da sind.“
„Ich denke“, entgegnete Stella, „dass wir uns auch noch etwas aufs Ohr legen sollten. Dann sind wir fit, wenn wir ankommen.“
Sie räkelten sich in den Sitzen und schliefen wenige Minuten später ein.
Die Zwischenlandung verschliefen alle und die Betankung verlief ohne Zwischenfälle. Der Professor hatte gute Arbeit geleistet und wirklich an alles gedacht. Kaum war die Maschine gelandet, schon war der Tankwagen da und die Tanks füllten sich mit Brennstoff. Leider konnte sich die Uni einen der modernen Weitstreckengleiter nicht leisten, sonst wäre der Tankstopp unnötig gewesen. Aber, es ging auch so.