Kapitel 56
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Kapitel 56
Aggressoren
Plötzlich schrillten Alarmsirenen und die helle Beleuchtung des Schiffsinneren wechselte auf Rot.
„Alarm! Alarm! Wir werden angegriffen. Das ist keine Übung. Ich wiederhole. Wir werden angegriffen, alles auf Gefechtspositionen.“
„Verdammt“, bellte Chiron. „Das hat uns gerade noch gefehlt.“
„Was ist denn los?“, rief Sitara, die gerade angerannt kam, aufgeregt.
„Wir werden von irgendjemandem angegriffen“, entgegnete der Tigerkater.
„Mist“, rief sie, „und jetzt?“
„Komm mit, wir müssen zur Brücke.“
Die beiden rannten was sie konnten, trafen unterwegs auf Apophis und Tarja und betraten gemeinsam die Brücke. Als sich die Tür öffnete, spürte man deutlich eine Erschütterung.
„Direkter Treffer an Backbord“, sagte Sitral. Sie hatte die Waffenkontrolle übernommen. „Aber kein Grund zur Besorgnis, die Schutzschilde halten stand.“
„Wie viele sind es?“, fragte Chiron.
Captain Drekal drehte sich um und sah ihn an. „Es sind zehn Kampfschiffe, mit mittelschweren Lasern. Je drei Geschütze pro Flügel.“
Die Wölfin war eine beeindruckende Erscheinung und hatte ihre Besatzung allem Anschein nach sehr gut im Griff.
Sie musterte kurz Tarja und versuchte sich ein Lächeln abzuringen.
Dann drehte sie sich zu Sitral. „Sind unsere Lasertürme aktiviert?“
„Ja, Captain. Alle Waffensysteme sind vollständig aufgeladen und bereit.“
„Sehr gut, dann machen wir denen mal Feuer unter den Hintern.“
„Verstanden, Türme warten auf ihren Befehl.“
„Feuer!“
Ein weiterer Treffer erschütterte den Kreuzer.
„Das kann ja wohl nicht wahr sein“, stöhnte Sitral.
„Wenn die so weiter machen, nehmen die mir noch mein Schiff auseinander“, sagte Drekal gepresst.
„Ziele erfasst. Türme eins und zwei feuern.“
Man sah smaragdgrüne Strahlen durch den erdnahen Raum zucken, zunächst ihr Ziel suchend, aber dann fündig geworden, erbarmungslos sich durch die Hülle des ersten Kampfschiffes brennend.
„Ziel vernichtet“, sagte Sitral beiläufig, „Türme drei und sieben haben Ziele erfasst und feuern.“
Diesmal sah man nichts und hörte nur ein leises Brummen und spürte das Vibrieren, als die Lasergeneratoren ihre tödliche Kraft entfalteten. Zwei weitere Kampfschiffe der Erdstreitkräfte waren zerstört.
„Türme eins und zwei sind wieder aufgeladen und feuern. – Ein Schiff wurde durch einen seitlichen Treffer kampfunfähig geschossen, das Zweite trudelt und stürzt Richtung Erdoberfläche.“
„Ausgezeichnete Arbeit Leutnant Sitral. Somit sind nur noch fünf Schiffe im Angriff.“
„Nicht mehr lange, Captain“, frohlockte Sitral, „Türme drei und sieben sind wieder bereit, haben Ziele erfasst und feuern mit Türmen vier, fünf und sechs in Kombination.“
Man sah jetzt mehrere Strahlen auf dem riesigen Ausblicksdisplay aufleuchten. Innerhalb kürzester Zeit waren drei der fünf verbliebenen Angreifer zerstört. Die verbliebenen beiden flogen eine weit ausladende Schleife und formierten sich zum erneuten Angriff. Mehrere kurz hintereinander folgende Blitze durchzuckten den schwarzen Himmel. Der Kreuzer wurde schwer getroffen und von einer gewaltigen Erschütterung erfasst.
„Verdammt! Was war das denn jetzt?“, schrie Drekal.
„Keine Ahnung Captain. Aber egal was es auch war, wir wurden getroffen. Die Schilde wurden durchschlagen und wir haben ein Leck in der Außenhülle. Sektion drei auf Ebene zwei ist zerstört. Die Schotten zur Abteilung wurden versiegelt. Der Druck ist stabil.“
„WAS? Wie kann das sein? Was sind das für Waffen? Was ist außerdem mit dem Friedensvertrag geschehen?“
„Captain, wenn ich ein Mensch wäre, würde es mich auch nicht gerade begeistern, wenn plötzlich ein Cheritkreuzer vor meiner Tür stünde“, sagte Apophis.
„Soll das eine Kritik an meiner Vorgehensweise sein, Kater?“ Drekal fletschte die Zähne und legte die Ohren an.
„Mitnichten. Ich habe nur versucht eine Erklärung für das Vorgehen der Menschen abzugeben. Außerdem habe ich einen Namen und der lautet Apophis.“
„Und wenn schon, wen interessiert das?“, schnauzte die Wölfin.
„Ich weiß nicht, ob du mich verstanden hast. Versetze dich doch einfach mal in deren Lage oder noch besser, wie würdest du reagieren, wenn plötzlich ein Schiff der Menschen im festridischen Orbit auftauchen würde. Würdest du dann auch sagen, dass es einen Friedensvertrag gibt und dass schon nichts passieren wird.“
Drekal schluckte und überlegte. Wieder wurde das Schiff durch die unbekannte Waffe getroffen, diesmal war es jedoch nur ein Streifschuss und es traten keine nennenswerten Schäden ein.
„Du hast Recht, Tiger … Apophis … Ich glaube, ich würde auch so handeln. Allerdings würde ich erst mal fragen was die Fremden denn wollen und nicht so-fort schießen.“
„Das ist die andere Seite der Medaille. Wenn man einen Friedensvertrag hat und sich an diesen hält, dann würde man einen Kreuzer der anderen Vertragspartei nicht sofort angreifen. Allerdings haben wir da unten einiges durcheinander gebracht und für mächtig viel Wirbel gesorgt. Ich bin der festen Überzeugung, dass da eins zum anderen geführt hat.“
Die Wölfin verstand worauf er hinaus wollte und nickte. „Sitral, öffne bitte einen Kommunikationskanal. Ich will mit den Angreifern reden.“
„Aye, Captain! Verbindung kommt. Keine visuelle Übertragung, nur Audiokanal verfügbar.“
<„Cheritkreuzer Ra-em. Ich bin Offizier Drago von den Streitkräften der Vereinigten Staaten. Stellen sie sofort jegliche Kampfhandlungen ein und ergeben sie sich, ansonsten werden wir sie vernichten.“>
<„Offizier Drago. Ich bin Captain Drekal. Unsere Völker haben einen Friedens-vertrag und wir sind mit friedlichen Absichten gekommen. Erklären sie mir bitte, warum sie uns angegriffen haben.“>
<„Sie haben unser Raumterritorium verletzt und sich nicht zuerkennen gegeben. Das werten wir als Akt der Aggression.“>
<„Eine Aggression war es bestimmt nicht, außerdem sind wir hier um Angehörige unseres Volkes zu retten, die zu Unrecht auf ihrem Planeten festgehalten werden und sogar getötet werden sollten.“>
<„Machen sie sich nicht lächerlich, Drekal“>, brüllte der Offizier.
<„Ach so? Ich wusste gar nicht, dass ich etwas Lustiges gesagt habe.“>
<„Was sollen diese Spitzfindigkeiten?“>
<„Das sind keine Spitzfindigkeiten, mein guter Offizier.“>
<„Halten sie die Klappe und hören sie auf Zeit zu schinden. Ergeben sie sich, sofort. Wir werden an Bord kommen, egal ob sie es wollen oder nicht.“>
Die Wölfin schaute zu Boden. <„Na gut, wenn sie so dringend darauf bestehen. Sitral, deaktiviere die Lasertürme. – Drago. Wir heißen sie willkommen. Landen sie bitte im Hangar zwei. Drekal Ende!“>
Sitral unterbrach die Verbindung. „Chiron, Apophis! Geht und bringt mir diesen Cromwell zum Hangar zwei. Wir treffen uns dort.“
Nach fünfzehn Minuten setzten die beiden Schiffe im genannten Hangar auf. Apophis und Chiron hatten Cromwell aus seinem Quartier geholt und waren in Begleitung des Wachpersonals am Schott zum Hangar zwei erschienen.
Drekal persönlich öffnete das Schott und sie traten den beiden Piloten gegenüber. „Willkommen. Sie dürfen ihre Helme gerne abnehmen. Ich schaue bei Verhandlungen meinem Gegenüber lieber in die Augen, dann weiß ich, woran ich bin.“
Die beiden Piloten sahen sich an und schienen unschlüssig zu sein.
„Wir sind etwas verwirrt“, sagte Drago plötzlich sehr milde. „Wir hatten uns das Ganze irgendwie anders vorgestellt. Vor allem hatten wir von den Cherit eine andere Vorstellung.“
„Was meinen sie damit? Jetzt verwirren sie mich“, entgegnete die Wölfin.
Der Offizier nickte kurz dem anderen Piloten zu und nahm seinen Helm ab.
Die Anwesenden schauten ungläubig. Sie hatten erwartet in das Gesicht eines Menschen zu sehen, aber das geschah nicht. Stattdessen blickten sie ins Antlitz eines Pumas, der sie mit geweiteten Pupillen anstarrte.
„Das ist nicht ganz das, was ich erwartet habe“, versuchte Drekal ihre Reaktion zu erklären.
„Glauben sie mir, uns geht es genauso“, antwortete der Puma. „Darf ich ihnen übrigens meinen Flügelmann vorstellen. Das ist Leutnant Tripal.“
Der Pilot nahm den Helm ab und eine Säbelzahntigerin kam zum Vorschein.
Drekal zuckte zusammen. Diese Tigerin war dem Tigerkater namens Apophis nicht unähnlich, nur mit dem Unterschied, dass sie kleiner war und circa 1,80 Meter groß. Tripal nickte und lächelte freundlich in die Runde, sah etwas länger zu Apophis und zwinkerte verschmitzt.
„Mich würde wirklich mal interessieren, was man ihnen über uns erzählt hat. Und wie es aussieht sind die Menschen mit ihren Genforschungen wohl weiter fortgeschritten, als wir dachten.“
„Wir sind psychologisch konditioniert und darauf ausgerichtet Cherit aus größerer Entfernung zu vernichten. Dass wir jetzt an Bord sind, war eigentlich nicht vorgesehen. Ich kann es mir selbst nicht erklären, aber irgendeine innere Stimme sagte mir, dass wir an Bord des Kreuzers gehen sollten, weil wir dort etwas finden würden. Was, wusste ich nicht. Zumindest bis eben“, erklärte Drago.
„Das ist gut so“, sagte Chiron sarkastisch. „So können sie uns wenigstens nicht mehr in Stücke schießen.“
Drekal warf ihm einen scharfen Blick zu.
Alle schienen sich auf die beiden Piloten zu konzentrieren und ließen Cromwell für den Moment außer acht. Leider waren auch die beiden Sicherheitskräfte abgelenkt.