Kapitel 10
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Kapitel 10
erste Erfolge
im Jahr 2005
Seit Eröffnung der Basis im Urwald waren fünf Jahre vergangen, die wissenschaftliche Abteilung mühte sich mehr schlecht als recht die ersten lebensfähigen anthropomorphen Tiersoldaten aus der Taufe zu heben, was nicht zuletzt den primitiven Möglichkeiten geschuldet war. Den einen oder anderen Erfolg gab es und es war gelungen die DNA soweit zu entschlüsseln und zu rekombinieren, dass die erzeugten Klone mehr und mehr menschliche Proportionen annahmen, aufrecht stehen und gehen konnten und sich ihre Zellstruktur nicht sofort auflöste.
Die militärische Seite, welche sich mehr in den unteren Ebenen von minus 7 bis minus 40 aufhielt und spaßeshalber als Maulwurfteam bezeichnet wurde, war auch nicht untätig und präsentierte im Laufe der Jahre immer neue Waffen und nur auf dem Reißbrett existierende Systeme. Leider waren auch hier die Hände gebunden und man brauchte dringend neue Technologien.
Wenigstens hatte man einen passenden Übungsplatz und die genroische Fauna gab da die besten beweglichen Ziele ab. Das sich unter den Opfern auch Exemplare einer natürlichen anthropomorphen Entwicklung befanden interessierte niemanden und wurde unter den Tisch gekehrt sowie den Wissenschaftlern unterschlagen.
Der Tunnel auf Ebene -20 verhielt sich ruhig und es schien keinerlei Bedrohungen zu geben, woraufhin die Wachmannschaft reduziert wurde, nicht zuletzt um die Soldaten effektiver mit den neuen Modulen und Phalanxen im Bereich der Angriffs- und Verteidigungsanlagen vertraut zu machen.
Nervös wurden alle Beteiligten am 25.06.2005 als die Elara Fortress in den Alarmzustand wechselte und die Urwaldbasis über den Ausnahmezustand verständigte.
<„Wanner an Genro-Basis! Genro-Basis sofort melden!“>
<„Hier Basis, Schaffer! Was gibt es?“>
<„Aktivieren sie ihre Truppe! Wir kriegen Besuch, Ankunft in geschätzt drei Stunden.“>
<„Haben sie schon ein Signal empfangen, einen Funkspruch vom Ankömmling?“>
<„Nein, gerade das beunruhigt uns ja. Keinerlei Reaktion auf alle Anrufe.“>
<„Gut! Wir versetzen die Basis in den Alarmzustand. Schaffer, Ende!“>
Der Diensthabende Offizier schlug auf den Auslöser und ein schriller auf und abschwellender Alarmton schreckte das komplette Personal der Anlage auf.
<„Alarm! Alarm!“>, schrie Schaffer ins Mikrofon. <„Dies ist keine Übung! Ich wiederhole, dies ist keine Übung! Funkspruch von der Elara Fortress, wir bekommen ungebetenen Besuch! Alles auf Gefechtsposten.“>
Der größte Teil der Basisbesatzung begab sich daraufhin in tiefer gelegene Bereiche, erreichte letztendlich die Ebene -40. Ein weiterer führender Offizier in-des erreichte auf Ebene -7 das linke hintere Ende des Ganges, zog eine Fernbedienung aus der Innentasche seiner Uniform, schaute sich um und öffnete auf einen Knopfdruck hin, eine fast unsichtbare Tür zu einem Kontrollraum. Dieser Raum war genau für diesen Notfall eingerichtet worden und nur dem leitenden Militärpersonal bekannt. Von ihm aus konnte man die gesamte Station kontrollieren und steuern, wenn auch nur für einen begrenzten Zeitraum, aber dieser sollte reichen um einer eventuellen Invasion zu begegnen und dem Feind genug Schwierigkeiten zu bereiten.
Die Stunden vergingen, nichts geschah. Keinerlei Beschuss erfolgte, keinerlei Angriff anderweitig. Die Ruhe war beunruhigend und hüllte die Basis in einen gruftartigen Zustand.
„Verdammt!“, murmelte Brandner, welcher sich mit den meisten, knapp dreihundert Meter unter der Planetenoberfläche verschanzt hatte.
„Es ist zu ruhig“, flüsterte Sarah Wilder. „Irgendwas muss doch endlich passieren. Die Warterei ist ja furchtbar.“
Plötzlich spürte man eine leichte Vibration, dann herrschte wieder Ruhe.
Wenige Minuten später kam durch die Lautsprecheranlage die Entwarnung. <„Hier Schaffer! An die gesamte Basisbesatzung, der Alarm ist beendet, der Feind ist abgezogen und durch die Elara Fortress an weiteren Handlungen gehindert worden. Alles auf die vorgesehenen Posten, der reguläre Dienstplan tritt unbeeinflusst wieder in Kraft, die Truppenteile in Ausbildung melden sich wieder bei ihrem Vorgesetzten, die Wissenschaftsteams finden sich umgehend auf Ebene -6 ein und setzen dort ihre Arbeit fort. Schaffer, Ende!“>
Viele waren zufrieden mit der Entwicklung und trugen ihren Obolus bei, einige wenige machten sich jedoch Gedanken darüber, ob alles was sie hier taten richtig war. Gerade die jüngeren Soldaten waren sich unschlüssig über Sinn und Unsinn der ganzen Aktion.
Es gab Fragen und nur spärliche Antworten. Der Ton war rauer geworden und der Umgang mit dem einen oder anderen nicht mehr so herzlich wie am An-fang. Der Planet Genro forderte seinen Tribut und so ging als erstes in weiten Teilen der Humor flöten.
Des Weiteren war der Kontakt zur Erde so gut wie nicht vorhanden, brauchten Nachrichten eh Jahre bis zu ihrem Eintreffen auf dem Heimatplaneten, wenn sie nicht sogar unterwegs verloren gingen.
Aber mit etwas Überredungskunst und wenn es der straffe Dienstplan zu ließ, war ein Zeitfenster offen um seinen Lieben eine kurze Mitteilung zu senden.
Privat First Class Kenneth James war einer von ihnen, ließ sich mit der Elara Fortress verbinden und gab sein Ersuchen durch.
<„Mister Pelzer, Sir! Ich würde gern eine Nachricht an meine Mutter senden. Sie macht sich bestimmt Sorgen um mich“>, begann der 25jährige.
<„Was sagt ihr Dienstplan? Wir hätten das nächste Zeitfenster um die Antennen auszurichten in circa zehn Minuten“>, entgegnete der Commander.
<„Das wäre hervorragend. Ich habe dienstfrei und muss erst in sechs Stunden wieder antreten.“>
<„Dann halten sie sich bereit Privat First Class und bleiben sie in der Leitung“>, verkündete Pelzer gut gelaunt.
Wenige Minuten später war einer der Parabole neu ausgerichtet, die Senderichtung fixiert und die Übertragung gestartet.
Man hörte Pelzers Stimme aus dem Hintergrund: <„Sie können jetzt sprechen.”>
Der P.F.C. nickte kurz.
<„Mutter? Ich schicke dir diese Nachricht, weil es vielleicht das letzte Mal ist, dass du mich siehst. Wir sind mit unserer Ausbildung fertig und rücken morgen an die Front. Der Feind war zwischenzeitlich im Orbit des Übungsplaneten und hat angeblich auf uns geschossen. Mehrere meiner Kameraden sind verschwunden und ich spüre, dass ich der nächste sein könnte. Ich wurde hier zwar zu einem Supersoldaten ausgebildet, aber sie haben uns unsere Angst nicht genommen. Mutter! Ich habe schreckliche Angst zu sterben. Dieser ganze Krieg ist so furchtbar und sinnlos. Ich weiß nicht mal mehr was ich hier überhaupt mache. Außerdem entwickeln die hier Waffen, die so gewaltig sind und so furchterregend. Die Menschen auf der Erde ahnen nicht mal was davon …“>
<„He, kein Wort zu Waffen oder militärischen Geheimnisse“>, sagte Pelzer und schnitt dem Soldaten den Satz ab.
<„Entschuldigung Sir! Es war nicht meine Absicht etwas preiszugeben“>, wimmerte James kleinlaut.
<„Meinetwegen, aber machen sie das nicht noch einmal. Haben sie mich verstanden?“>, versuchte der Commander per Funk etwas versöhnlicher zu wirken.
<„Ja, Sir!“>
<„Sie dürfen nicht vergessen, dass wir unter Umständen abgehört werden und wenn da zu viele Details über den Äther gehen, dann könnte das sehr unangenehme Folgen für uns alle haben. Und jetzt entspannen sie sich wieder. Okay?“>
<„Ja, Sir! Sehr gern, Sir!“>
<„Gut so.“>
<„Darf ich eine Frage stellen, Sir?“>, fragte der P.F.C. frei heraus.
<„Wenn es denn sein muss, bitte.“>
<„Was genau ist passiert. Wir verspürten eine Erschütterung?“>
<„Nichts ist passiert. Zumindest nichts, was sie oder die anderen beunruhigen sollte. Reicht das als Erklärung?“>
<„Ja, Sir! Ich verstehe. Danke für ihre offene Antwort.“>
<„Jetzt noch viel Spaß bei der Ausbildung und gutes Gelingen.“>
<„Danke!“>
Pelzer beendete die Verbindung und schaute auf einen anderen Monitor, auf welchem ihn das Konterfei von Schaffer anstarrte.
<„Ist es wirklich sicher, dass auf der Oberfläche kein Feind angekommen ist?“>, fragte Pelzer.
<„Mit Sicherheit nicht. Es gab eine Explosion an der Oberfläche, allerdings in einem weiter entfernten Gebiet, einem Areal welches wir nicht erkundet haben.
Im Moment ist alles wieder ruhig und ich überlege, ob ich nicht einen Trupp in diesen aufgerissenen Tunnel schicke. Der bereitet mir nach diesem Vorfall jetzt doch etwas Kopfschmerzen“>, erklärte Schaffer.
<„Erwarten sie etwas Unangenehmes zu finden?“>, bohrte Pelzer.
<„Malen wir mal nicht den Teufel an die Wand, denn bisher war da nichts, aber ich würde zu früh frohlocken, wenn ich lauthals verkünden würde, dass da wirklich nichts ist.“>
<„Ich wünsche ihnen dann schonmal viel Glück und halten sie mich auf dem Laufenden.“>
<„Aber sicher doch. Schaffer, Ende!“>
Der diensthabende Offizier drehte sich um und schaute einen Lieutenant an, welcher sich außerhalb der Kamera befunden hatte. „Schirrmacher! Egal wie sie es anstellen, schnappen sie sich ein Dutzend Leute und marschieren sie in diesen Tunnel. Nehmen sie sich diese Biologin und einen Geologen mit und ein paar ausgesuchte Privates. Von denen haben wir genug in der Station, wenn da mal einer verschwindet, fällt es nicht auf.“
Der Angesprochene nickte kurz, drehte sich auf den Hacken nach links und verließ den Raum.
Eine Stunde später hatte er das benötigte Personal beisammen und war auf Ebene -20 erschienen.
„So Leute. Jetzt wird es lustig. Unser Auftrag lautet in den hinter mir liegenden Tunnel einzudringen und ihn zu erkunden. Bisher war da nichts an Bewegungen zu registrieren, aber nachdem der Feind im Orbit aufgetaucht war, können wir nicht davon ausgehen, dass das auch weiterhin so bleibt. Wir befinden uns also ab jetzt im Kampfeinsatz und dass da ...“, er drehte sich um, so dass er nicht mehr mit dem Rücken zum Tunneleingang stand, und zeigte mit schräg ausgestreckter linker Hand hinein, „… ist ab jetzt unsere Frontlinie. Sie sind mit unseren neuesten Waffen ausgerüstet, alles auf Laserbasis und so handlich wie es nur geht. Sie sind also bestens ausstaffiert.
James, Meyer, Longley, Schmitz, DeForrest, Vince, Price, Rondal, van Leeuw, Chan“, Schirrmacher deutete nacheinander auf die genannten Privates, „sie bilden die Vorhut. Der Rest folgt mir in ausreichend Abstand. Auf geht‘s!“
Zuerst betrat die genannte Zehnergruppe den Tunnelmund, sah sich kurz um, drehte sich kurz zu den anderen und gingen dann langsam voraus. Schirrmacher folgte und die Nachhut bildete ebenso ein Zehnertrupp, welcher sich zwar genauso unbehaglich fühlte wie die Vorhut, aber dafür den Vorteil genoss schneller vom Ort des Geschehens flüchten zu können.
Der Tunnel selbst entpuppte sich als Überraschung, waren die Wände von Anfang an spiegelblank, leuchteten in einem zarten rötlichen Farbton und waren von leicht gelblichen gefäßartigen Adern durchzogen. Das Ganze erweckte den Eindruck, dass sich alle innerhalb eines Organismus befänden.
„Warum nur gefällt mir das alles überhaupt nicht?“, fragte einer der Privates.
„Weil du ein Miesepeter bist“, kam die lapidare Antwort von hinten.
„Ruhe!“, befahl Schirrmacher. „Wenn sich etwas bewegen sollte, dann dürfen sie etwas sagen. Als erstes mir und dann per Funk an die Station übermitteln. Haben wir uns da verstanden?“
„Sir! Jawohl, Sir!“, kam die einhellige Antwort.
„Ausgezeichnet! Weitermachen!“
Immer tiefer drang die Gruppe ein, war zunächst Minuten, dann Stunden unterwegs. Es gab keinerlei Bewegung, kein Geräusch, nicht mal ein Geruch war wahrnehmbar.
Plötzlich hob Schirrmacher die rechte Faust in die Luft. Die Gruppe stoppte und schaute ihn aufmerksam an. „Ist jemandem etwas aufgefallen?“, fragte dieser.
„Wenn sie die Wände meinen, Sir? Die sind extrem gleichmäßig und sehen sehr organisch aus.“
„Genau das meine ich. Sowas dürfte wohl keiner von uns vorher gesehen haben oder?“
„Nein.“
Er schaute auf seine Uhr und stellte fest, dass sie seit fast sechs Stunden unterwegs waren.
„Pause und Proviant fassen. Danach sehen wir weiter“, befahl er in ruhigem Ton. „James! Kommen sie zu mir.“
„Ja, Sir! Zur Stelle, Sir!“
„Wir beide sehen uns mal kurz weiter um, es kann ja nicht sein, dass der Tunnel Meile um Meile immer schnurstracks geradeaus verläuft und nirgends auch nur eine Biegung dabei ist.“
„Aye, Sir!“
Während der Rest der Gruppe sich ausruhte, schritten die beiden Erwähnten weiter voran, drangen noch einige hundert Meter tiefer vor.
Weiter kamen sie nicht.
Plötzlich hallten Schreie an die Ohren der Zurückgebliebenen, Schreie die voller Schmerz, Panik, Ungläubigkeit und Überraschung waren, aber eines in sich vereinten. Es musste etwas furchtbares geschehen und es ging um Leben und Tod.
Die Rucksäcke und den Proviant zurücklassend, rannten die Verbliebenen los, schalteten die Waffen scharf, achteten auf nichts um sie herum, stürmten zu der Stelle, von der die Schreie herrühren mussten.
Als sie ankamen und sich umsahen, war der Platz leer. Lediglich die am Boden liegenden Waffen verrieten, dass sie sich an der richtigen Stelle befanden und noch etwas fiel auf. Am Boden hatte sich eine scharf metallisch riechende gelbliche Flüssigkeit gesammelt.
„Die haben sich wohl vor Angst in die Hosen gemacht“, gab einer der Privates zum besten.
„Lass die Sprüche. Ich glaube nicht, dass hier alles sauber ist.“
„Sieht so aus, als ob die beiden sich förmlich in Luft ausgelöst hätten“, merkte Privat First Class Meyer, welcher aus der Nachhut stammte, an.
„So ein verdammter Mist“, brüllte Chan, „die können doch nicht einfach verschwinden.“
„Oh doch, sie können. Ich gebe es an Schaffer doch“, verkündete DeForrest und griff zum Funkgerät. <„DeForrest an Lieutenant Schaffer, können sie mich hören?“>
<„Hier Schaffer! Was gibt es?“>
<„Sir, wir haben hier ein Problem.“>
<„Berichten sie!“>
<„First Lieutenant Schirrmacher hatte uns eine Pause verordnet und war in Be-gleitung des Privat James weiter in den Tunnel vorgedrungen.“>
<„Und wo liegt das Problem, Privat DeForrest?“>
<„Sie sind verschwunden!“>, kam die lapidare Aussage.
<„Sie sind was?“>, Schaffers Stimme wurde scharf.
<„Sie sind verschwunden, Sir. Entschuldigung, aber ein anderes Wort finde ich nicht dafür. Während wir pausierten, hörten wir plötzlich die beiden schreien.
Als wir an der vermeintlichen Stelle des Geschehens ankamen, waren beide verschwunden, lediglich die Waffen lagen noch am Boden und es hat sich eine größere Lache einer gelblichen scharf metallisch riechenden Flüssigkeit gebildet.“>
Schaffer drehte das Funkgerät in seiner Hand hin und her, versuchte herauszufinden ob er gerade einem üblen Scherz auflag. <„Haben sie eine Ahnung was den beiden zugestoßen sein könnte? Vielleicht sind sie ja weiter gegangen. Dringen sie noch etwas weiter vor und berichten sie dann erneut. Schaffer, Ende!“>
Der verbliebene Trupp schaute sich unsicher um und tat schließlich wie ihm geheißen.
„Sieht mir verdammt nach einer Falle aus“, flüsterte DeForrest so leise er konnte.
„Mich würde eher interessieren, was es mit dieser ominösen Flüssigkeit auf sich hat und wo die beiden hin sind“, entgegnete Meyer, „Keiner kann sich einfach so verdrücken.“
„Es sei denn, hier ist etwas, was sie gepackt hat und weiter in den Tunnel verschleppte“, sinnierte Chan.
„Egal was es war“, hub Schmitz an, „es ist hier und aktiv.“
Keine hundert Meter weiter veränderten sich plötzlich die Farben von Wänden, Decke und Boden. Eben war alles noch gleichmäßig rosig und von gelblichen Adern durchzogen, so fingen verschiedene Stellen an aufzuleuchten, bildeten sich Dellen und großflächige Mulden in den Wänden.
„Was zum Geier ist das?“, fragte Chan noch, dann brach die Hölle los.
Wie aus dem Nichts öffneten sich scheinbar die aufleuchtenden Flächen, brachen kurzzeitig grelle Blitze im Umfeld hervor und erschienen roboterartige Gestalten innerhalb des Tunnels.
Die Privates schrien kopflos durcheinander, keiner wusste mehr was er tun sollte. Laserfeuer zischte und fauchte unkontrolliert durch das Chaos, traf die Wände, die Roboter und leider auch die eigenen Leute.
Einer nach dem anderen wurde durch eigenes und feindliches Feuer getroffen und brach zusammen. Innerhalb von Sekunden lebten nur noch drei Soldaten der kleinen Truppe, der Rest war der Übermacht der Angreifer und ihrer Selbst zum Opfer gefallen.
„Raus hier“, schrie Meyer panisch. „Lasst alles so liegen wie es ist und nehmt die Beine in die Hand.“
Weiter kam er nicht. Noch in der Drehung traf ihn ein Schuss in den Kopf, nahm ihm das Leben.
Schmitz und Chan warfen die Waffen weg, schrien um ihr Leben und rannten was das Zeug hält in Richtung des Tunnelausgangs und in Richtung der Station, wo sie auf Rettung hofften.
Chan griff im Lauf zu seinem Funkgerät: <„Chan an Station! Hört mich jemand?“>
<„Hier Schaffer! Was ist los bei euch?“>
<„Sir! Wir sind in einen Hinterhalt geraten. Wir werden angegriffen...“>
Alles was danach zu hören war, waren nur noch undeutliche Wortfetzen, gestammelte Silben und statisches Rauschen. Lediglich das was man halbwegs verstehen konnte, versetzte die Station in den Zustand des Angriffsalarms, ließ alle Mitarbeiter wiederholt in den tiefsten Katakomben verschwinden und dass anwesende Militär zu den Waffen greifen.
<„Schaffer an Chan! Wir erwarten sie am Tunnelmund. Geben sie Gas und kommen sie uns entgegen“>, brüllte der Lieutenant ins Funkgerät.
Aber es war sinnlos, denn was er nicht wusste war, dass Chan und Schmitz keine Chance hatten den kompletten Weg im Sprint zu absolvieren. Viel zu weit waren sie in den Tunnel vorgedrungen und hätten die vorab zurückgelegten dreißig Kilometer nicht rechtzeitig hinter sich gebracht.
Alles was die am Tunnelzugang wartenden Soldaten zu hören bekamen war ein infernalischer Aufschrei, welcher durch die glatten Wände als Echo zu ihnen drang. Danach herrschte eisige Ruhe. Nichts passierte, kein Feindkontakt war zu registrieren, aber auch keiner der beiden Privates erschien.
„Verdammter Mist“, entfuhr es Schaffer lapidar, dann drehte er sich um und verließ den unheilvollen Ort.
Auf dem genroischen Mond Attrion, wie ihn die dortigen Antermerianer nannten, registrierte man Unregelmäßigkeiten und dass die Abtrünnigen ihrer eigenen Spezies, welche seit mehreren Jahrtausenden inaktiv gewesen waren, plötzlich hellwach wurden und zum Angriff übergingen.
Das schlummernde Waffensystem, welches sich tief im Tunnel verbarg, auf dem Kontinent Sabeth sein Zentrum hatte und nicht sonderlich viel Wert da-rauf legte entdeckt zu werden, ging zur Abwehr über.
In den Tunnelwänden, welche ein relativ sensibles Sensorennetz enthielten, öffneten sich Dimensionstore durch welche die noch existierenden Angriffsdrohnen hindurchtraten und ihr Vernichtungswerk aufnahmen.
Seth saß im Sessel der Commandozentrale und vergrub das Gesicht in seiner Rechten. „Das darf nicht wahr sein. Wie bekloppt sind die eigentlich und vor allem wir“, murmelte er betroffen.
In diesem Moment trat Anubis ein und grüßte kurz: „Hallo, Commander!“
Seth drehte sich zu ihm um. „Wie viele sind es?“, fragte er ohne den Gruß zu erwidern.
„Zwanzig Stück. Die einundzwanzig im Tunnel befindlichen Soldaten sind verloren, keine Überlebenden.“
„Verdammt! Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Drohnen der Abtrünnigen in die menschliche Station eindringen?“
„Zu mehr als 98%.“
„Wenn Isis jetzt hier wäre, dann würde sie bei der folgenden Aktion die primäre Grunddirektive zitieren und uns unverholen den Hintern heiß machen“, holte Seth aus, „Aber sei es drum. Wir mischen uns ein. Gib Thot, Horus und Sachmet Bescheid. Panzerung anlegen und Dimensionsmodulatoren einstellen. Wir schlagen zu und eliminieren alles was sich bewegt.“
„Commander?“, Anubis war sichtlich geschockt.
„Du hast gehört was ich sagte. Alles wird ausradiert. Die Einrichtung bleibt bestehen. Die Menschen sind zu schwach und zu schlecht gerüstet um unserem Feind genug Kraft entgegenzusetzen. Die denken, dass die Cherit der Feind sind und das soll so bleiben. Daher muss alles was lebt verschwinden, die Aufzeichnungen sollen die von mir aus behalten, dann haben die ein paar Rätsel zu lösen und sind vom Kern der Dinge abgelenkt. Solange die Menschen sich auf die Cherit konzentrieren, sind wir mit unserem Vorhaben sicher und haben die Abtrünnigen unter Kontrolle. Irgendwann werden wir uns zu erkennen geben und dann werden alle Seiten reif genug sein um es zu verstehen, aber bis dahin müssen wir stillhalten und alles geschehen lassen“, wetterte Seth aufgebracht.
„Verstanden Commander! Ich leite es entsprechend weiter. Wir sehen uns in Kürze“, erwiderte Anubis und verließ die Leitstelle.
Seth unterdessen erhob sich, durchschritt den Raum und rüstete sich für die bevorstehende Aufgabe. 'Bevor Isis alles im zentralen Netzwerk abrufen kann, ist der Schaden schon angerichtet und wenigstens begrenzt. Wie gut, dass nur Daten in das komplexe Netz aufgenommen werden und nicht das was wir hier gerade besprochen haben', sinnierte er währenddessen.
Innerhalb der Station war das reinste Wirrwarr der Herr von allem. Soldaten, Wissenschaftler, Ingenieure rannten kopflos durcheinander, schrien wild gestikulierend durch die Gänge und über allem lag das ständige fauchen und zischen der Lasergewehre der gegnerischen Angriffsdrohnen, die mittlerweile den Tunnel verlassen hatten und sich der Basis bemächtigten.
Um dieses Chaos noch zu perfektionieren, bildeten sich mitten in den Stationswänden und damit mitten unter den herumwirbelnden Menschen, größere nebulöse Gebilde, nahmen Struktur an und entließen die Gestalten von Sachmet, Thot, Anubis, Horus und Seth.
Glück und Unglück für die Stationsbewohner, lenkte deren Ankunft das Feuer der Drohnen auf sich.
Funkensprühend stieben die Laserstrahlen an ihrem Auftreffpunkt auseinander, prallten ab und hinterließen keinerlei Schäden. Dafür begann jetzt das Gespann altägyptischer Götter aktiv zu werden, rannte quer durch die panische Menge, stieß Menschen unsanft zur Seite, schmetterte sie gegen die Wände, wo sie abprallten und leblos zu Boden gingen und packte eine Drohne nach der anderen, zerquetschte diese, fegte sie mit ausgestreckten Armen und Händen vom Stationsboden hoch in die Luft, schleuderte sie gegen die Decke, die Wände und ließ sie am Boden zerstört aufschlagen.
Die Drohnen ihrerseits schossen weiterhin auf flüchtende Menschen, dezimierten deren Anzahl deutlich spürbar, während die Antermerianer sich um diese und die Bewohner gleichzeitig kümmerten. Nichts durfte ihnen entkommen, denn neue Eindringlinge, schwach und unbedarft, würden eh nachrücken und das ließ sich nicht verhindern. Aber das Geheimnis um ihre Existenz musste einstweilen gewahrt bleiben, egal was es koste.
Schaffer befand sich, während die Hölle ausgebrochen war, innerhalb des Notleitstandes auf Ebene -7, stellte in Windseile eine Verbindung zur Elara Fortress her.
<„Wanner, Pelzer! Hier Schaffer! Wir werden vernichtet!“>, schrie er ins Mikrofon.
<„Hier Pelzer, was ist los? Wir brauchen Fakten.“>
<„Fakten? Welche Fakten? Wir gehen gerade alle drauf!“>
<„Um welche Art des Angriffs geht es?“>
<„Es sind unbekannte Roboter, sie kamen im Tunnelbereich direkt aus den Wänden und schießen auf alles was sich bewegt. Die Station ist eine Todesfalle geworden. Außerdem sind plötzlich die ägyptischen Götter aufgetaucht und machen mit.“>
Wanner und Pelzer schauten sich ungläubig an und der Commander der Elara Fortress machte eine mehr als obszöne Geste in Richtung des Funkgerätes.
<„Schaffer! Sollen wir das wirklich so an die Erde weiterleiten?“>
<„JA! Geben sie es so durch, warnen sie nachrückende Truppen. Der Feind ist übermächtig, wir sind ihm nicht gewachsen.“>
<„Na schön, dann geben wir das so weiter. Ich hoffe nur, dass sie da unten nicht zu viel gefeiert haben oder die einheimische Flora für eine Drogenparty herhalten musste.“>
<„Was soll der Scheiß, Pelzer. Wenn sie schon ein Arschloch sind, dann wenigstens eines mit Stil“>, brüllte Schaffer noch, danach hörte man eine dumpfe Explosion und die Verbindung brach ab.
„Auch gut“, hub Wanner an, „wie schön, dass wir hier oben in Sicherheit sind. Com, senden sie diesen irren Blödsinn an die Erde, damit Krondal weiß, was er hier für Idioten hat.“
Zwei Minuten später war der Funkspruch mit der entsprechenden Mitteilung gesendet und auf dem Weg zur Erde.
Zur selben Zeit, hatten die Antermerianer die letzte Angriffsdrohne der Abtrünnigen vernichtet und ward auch das letzte menschliche Leben innerhalb der Basis ausgelöscht.
Einsam schwebte die Elara Fortress im Orbit um den Planeten Genro, keinerlei Funkkontakt konnte mit der Basis hergestellt werden.
'Sollte der Bekloppte doch recht gehabt haben?', dachte Pelzer, kratzte sich unter dem Kinn und schaute sich auf der Brücke um.
Das war auch das Letzte was er sah. Quasi aus dem Nichts wurde das Schiff wie von einer eisernen Faust getroffen, wurde die Brückenbesatzung von den Beinen gerissen, hörte man die Titanlegierung des Rumpfes schrill schreien und bersten. Erschütterungen und Explosionen begleiteten die Szenerie.
Der Spuk dauerte keine dreißig Sekunden, dann detonierte das Schiff in einem gleißenden Licht und verstreute sich pulverisiert im luftleeren Raum.
Innerhalb der Station hatten sich die Kampfszenen gelegt. Es gab wie erhofft keinerlei Überlebende, lediglich die Antermerianer standen inmitten eines Trümmerfeldes, sahen sich um und seufzten.
„War das wirklich nötig?“, fragte Sachmet mit vorwurfsvollem Unterton.
„Ja“, hub Seth an, „es werden weitere kommen. Die hier waren eine Gefahr für alle. Die Cherit, sich selbst, auch für uns, ebenso die Haldoraner und Balgaraner. Sie sind noch nicht reif für die Wahrheit und würden immer wieder die gleichen Fehler machen.
Zwischen Cherit und Menschen muss erst ein Gleichgewicht hergestellt werden und das muss von beiden Parteien selbst kommen. Nur dann dürfen wir uns zu erkennen geben. Bis dahin mischen wir uns nur dann ein, wenn es wirklich absolut nötig ist. Und jetzt lasst uns die Trümmer wegräumen und den Tunnel versiegeln.“
„Aye, Commander. An welcher Stelle soll die Versiegelung erfolgen?“, fragte Anubis.
„Geht einige Kilometer rein und verschweißt die Röhre thermisch. Es soll den Eindruck erwecken, dass der Tunnel niemals weiterführte als bis dahin.
Alle Teile die wir gestreut haben und noch streuen werden, sollen alle Beteiligten in einem Puzzle zusammenfügen, sich ihr Bild machen, über sich lernen und selbst dahinter kommen wo sie herkamen. Nichts soll einfach so in den Schoß fallen, nur dann sind sie gewillt über ihren Schatten zu springen, am Ende das Unausweichliche zu akzeptieren, auf den selbsternannten Feind zuzugehen und ihm die Hand entgegenzustrecken. Aber bis dahin ist es ein langer Weg“, erklärte Seth.
Eine Woche später war die Station gesäubert, alle verräterischen Spuren beseitigt und wartete das Bauwerk nunmehr auf neue Bewohner.