Kapitel 24
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Kapitel 24
Unregelmäßigkeiten aus der Vergangenheit
Es war kurz nach verkünden des Friedensvertrags, das militärische Personal der Anlage quittierte offiziell seinen Dienst, packte seine Sachen und überließ nach und nach die Station der reinen Wissenschaft.
Richard Thomas, leitender Genetiker der Anlage, betrat das mittlerweile aufgeräumte Labor der Ebene -6 und schaute sich um. „Was konnten sie retten?“, wandte er sich fragend an zwei Leute seines Teams.
„Nicht viel“, entgegnete Belham und schaute ihn entschuldigend an.
„Bergheimer hat ganze Arbeit geleistet. Der Server des Labors hat es glücklicherweise überlebt. Die Zweigrechner sind wohl vorher hochgegangen und hatten beim Kurzschluss kein Feedback setzen können. Die Stasisröhren sind bis auf vier, total zerstört“, ergänzte Laufer ihren Kollegen.
„Na ja, immerhin etwas. Lassen sie ein paar Techniker anrücken. Die sollen zusehen, dass sie den Server ans Laufen bekommen und ihn mit neuen Monitorrechnern an den Stasisröhren vernetzen. Dann können wir wenigstens langsam neu beginnen. Es wird eh Jahrzehnte dauern bis die ersten Ergebnisse zu verzeichnen sind. Abgesehen davon kommt das Schiff mit dem neuen Equipment eh' erst in einigen Monaten an und das brauchen wir.“
„Aye, Sir! Wir leiten das Nötige ein.“
„Ausgezeichnet“, erwiderte Thomas und verließ das Labor, begab sich in sein Quartier, setzte sich an sein ThinkPad und aktivierte den Aufzeichnungsmodus für private Einträge.
„Persönliches Logbuch des führenden Wissenschaftlers Thomas, Datum 21.06.2150.
Heute haben wir endlich die Station komplett vom Militär übernommen und damit begonnen unsere Arbeiten wie geplant durchzuführen. Es ist nicht einfach, die ganze Installation umzurüsten und umzubauen. Aber wir sind guter Hoffnung, dass unsere Forschungen spätestens in einem Jahr reibungslos laufen können. Die ersten Stasisröhren sind bereits aufgebaut und das Technikerteam hat sich an die Arbeit gemacht, sie mit den Rechnern zu vernetzen. In zehn Monaten soll das erste Raumschiff mit Tieren hier eintreffen. Wir hof-fen, dass in etwa fünfzig Jahren unsere Arbeit erste Früchte trägt und in etwa hundertfünfzig Jahren so viele Tiere auf diesem Planeten leben, dass die daraus resultierende genetische Vielfalt ausreicht, eine überlebensfähige Fauna zu erhalten.“
Er schaute auf die Tür, dann wieder auf seinen Computer, las seine Eintragung nochmals durch und nickte zufrieden. Altenhoffer hatte verlangt, dass es keinerlei Hinweise auf den Fehlgang Bergheimers geben darf und die gab es in seiner Aufzeichnung auch nicht.
Nachdem er den Rechner aufgeschaltet hatte, stand er auf und verließ sein Quartier. Aus Richtung Labor hörte er Arbeitsgeräusche herüber schallen und lächelte leicht. Scheinbar war das angeforderte Technikerteam schon erschienen und damit schneller als er dachte.
Zufrieden schlurfte er den Gang in die entgegengesetzte Richtung hinunter und kam an einem der Quartiere vorbei, las im Vorübergehen die Namen der Bewohner und stoppte abrupt. Er las nochmals und gründlicher, grub tief in seinem Gedächtnis und kratzte sich dabei am Hinterkopf. Überlegend und mit seinen Gedanken beschäftigt, wendete er und begab sich doch wieder ins Labor, sah sich um.
Alle Personen die er sah, kannte er. Waren diese Beth Solgar und Magan Rodriguez aus seinem Team oder auf der heimkehrenden Elara Fortress 2? Hatte er zwei Wissenschaftlerinnen übersehen oder waren die aus der vorhergehenden Truppe und schon längst Geschichte?
„Belham?“, rief er in den Raum.
„Ja, Sir?“
„Sagen sie mal...“, hub er an.
„Mal!“
„Was?“
„Nichts. Entschuldigung.“
„Hmmm... Kennen sie eine Beth Solgar?“
„Moment, mal überlegen... Nein. Der Name sagt mir nichts.“
„Eine Magan Rodriguez dann wahrscheinlich auch nicht?“
„Nein. Ganz bestimmt nicht.“
„Habe ich auch nicht anders erwartet.“
„Warum fragen sie?“
„Weil da ein Quartier existiert, in welchem die beiden Damen wohl zu hausen scheinen, diese aber nicht zu unserem Team gehören und die scheinbar auch keiner kennt.“
„Wahrscheinlich sind die von einem der vorherigen Teams.“
„Mag sein, aber warum existiert dann noch deren Quartier und ist nicht schon längst anderweitig belegt?“
„Gute Frage, aber ich kenne keine passende Antwort.“
„Na schön. Machen sie einfach weiter. Das ist wohl ein Rätsel was ich selbst lösen muss.“
„Alles klar.“
Thomas wandte sich dem Ausgang zu und verließ den Raum, wandelte wieder zum fragwürdigen Quartier. Er blieb davor stehen und betätigte den Türsummer.
Er erhielt keine Antwort und auch öffnete sich die Tür nicht. So betätigte er nochmals den Summer und klopfte zusätzlich. Wieder kam keinerlei Reaktion.
<„Sicherheitsdienst!“>, sprach er ins Headset.
<„Hier Sicherheit! Wer spricht?“>
<„Thomas hier, Kennziffer A6B23. Zwei Wachleute sofort zu Quartier 6.7, Code Gelb“>, ordnete er an.
<„Aye. Sind schon auf dem Weg.“>
Wenige Minuten später standen die beiden Angeforderten neben Thomas.
Er zeigte auf die Tür. „Kennen sie die beiden Damen?“
Sie lasen die Namen und schauten auf ein Datenpad, schüttelten schließlich die Köpfe. „Unbekannt. Sind nicht in der aktuellen Liste aufgeführt.“
„Öffnen!“
„Masters an Sicherheitszentrale! Wir haben Quartier 6.7 erreicht und einen Personalabgleich durchgeführt. Code Orange. Erbitten Freigabe und Zugang.
„Persönliche Zugangscodes überschrieben, freier Zugang“, kam die Stimme des Leiters und die Tür fuhr zischend auf.
Der sich im Inneren bietende Anblick war entsetzlich und der entgegenkommende Gestank bestialisch.
„Oh nein!“, entglitt es einem der Wachhabenden. Er tippte ans Headset. <„Code Rot-Alpha. Wir haben eine Leiche.“>
Zwei Stunden später hatten sich mehrere Leute des Sicherheitspersonals, Altenhoffer sowie zwei Wissenschaftler eingefunden um die Überreste zu unter-suchen.
„Sie wissen schon, dass wir keine Mediziner sind und schon gar keine Gerichtsmediziner“, verkündete Belham.
„Das weiß ich auch, aber die einzigen die mir soweit zur Verfügung stehen und von denen ich weiß, dass sie die Klappe halten. Ich will wissen was das da ist und wo es her kommt“, knurrte Altenhoffer.
„Das kann ne Weile dauern“, seufzte Harrison, welcher sich den Resten näherte.
„Diese Zeit haben wir nicht“, wurde Altenhoffer deutlicher.
„Muss es aber. Erstmal müssen wir sehen um was es sich überhaupt handelt“, schoss der Wissenschaftler zurück.
„Mister Altenhoffer. Sir! Bei allem Respekt. Es wird wirklich etwas Zeit in Anspruch nehmen. Aber, wenn sie gerade nichts Besseres zu tun haben, dann fragen sie doch mal ihre Mitarbeiter von der Sicherheit, ob die wissen wie das da“, er zeigte auf die mumifizierte Leiche, „hierher kommen konnte und vor allem, ob es möglicherweise Aufzeichnungen gibt. Die könnten uns nämlich die Zeit ersparen, die ihnen so dringend erscheint“, mischte sich Belham ein.
Der Angesprochene Leiter der Station stand etwas begossen da, räusperte sich schließlich und drehte sich zu Wachmann Larson um. „Er hat Recht. Sie wissen nicht wer das da ist, keiner hat sich je die Frage gestellt was oder wer sich hinter der Tür verbirgt?“
Larson schaute sichtlich unwohl an Altenhoffer vorbei und zur Leiche, welche nicht nur mumifiziert war, sondern zu allem Überdruss auch noch so auf ihrem Bett lag, dass man glauben könnte, dass sie unter Schmerzen starb. Jedenfalls war der Unterleib nach oben durchgebogen und die Beine klafften gespreizt auseinander. „Hmmm...“, hub der an.
„Reicht schon. Machen sie sich nicht die Mühe“, zischte der Stationsleiter. „Sie wissen weder das Eine noch das Andere. Nun schön. Lassen sie sich das eine Warnung sein. Nochmals werde ich nicht nachsichtig sein und jetzt sehen sie zu, dass sie herausfinden wer diese Magan Rodriguez und Beth Solgar waren und wo beide abgeblieben sind. Denn, wenn, wie es mich deucht, dann ist das da auf dem Bett eine der beiden.“
„Aye, Sir“, antwortete Larson knapp und entfernte sich mit einem weiteren Mitarbeiter.
„So, Belham. Haben sie schon was?“
„Nicht wirklich, aber wie es scheint wenigstens einen Ansatz.“
„Schießen sie los.“
„Es handelt sich um eine Frau.“
„Oh, darauf wäre ich anhand der Namen am Zugang nicht gekommen“, schnauzte Altenhoffer.
„Nun ja. Das mag sie erstaunen, aber diese Frau ist zwar menschlich, aber alles deutet daraufhin, dass sie schwanger war.“
„Wieso dieses, ABER?“
„Weil die Leibesfrucht Spuren hinterließ. Tja und die sind nicht rein menschlicher Natur.“
„Was? Was soll das heißen?“
„Das Kind in ihr war ein Hybrid. Ein natürlich entstandenes Mischwesen und hat eindeutige DNA-Spuren hinterlassen“, schloss Belham seinen Gedanken ab.
Plötzlich rief Harrison etwas und erheischte Aufmerksamkeit. „Kommt mal her. Ich habe etwas gefunden.“
Die beiden gingen zu ihm und erstarrten.
Auf Attria, von den Menschen Cyndra genannt, machte man sich so seine eigenen Gedanken und hatte sich in die Kommunikation der Station eingeklinkt.
„Verdammter Mist“, entfuhr es Sachmet.
„Was denn?“
„Innerhalb der Station hat man protokolliert, eine Leiche gefunden zu haben.“
„Eine Leiche? Wir hatten doch damals sauber gemacht“, gab Anubis zu bedenken.
„Das hatten wir auch, aber diese kam wesentlich später hinzu“, entgegnete Sachmet.
„Die Leiche? Wann?“, fragte Anubis.
„Nicht doch die Leiche! Die Frau. Zur Leiche wurde sie erst später“, knurrte Seth.
„Mit der Elara Fortress 2 und die hatte keine Leichen an Bord“, mischte sich Thot ein.
„Schön blöd“, sinnierte Maahes.
„Was genau haben diese Menschen gefunden?“, hakte Seth nach.
„Die Funkgespräche des Sicherheitsdienstes sind etwas konfus und die Menschen scheinen mehr vor Rätseln zu stehen als vor Erklärungen. Aber, wenn ich das Puzzle zusammensetze und versuche mir einen Reim drauf zu machen, dann komme ich zu dem Schluss, dass man die Leiche von Sammers gefunden hat, welche mit einer Kollegin die einheimische Fauna erkunden wollte“, erklärte Sachmet.
„Aha und was ist jetzt so dramatisch daran?“, bohrte Seth.
„Weil diese Sammers in Begleitung die Station verließ und das vor über 55 Jahren“, wurde Sachmet lauter.
Seth lehnte sich zurück und überlegte. „Wie es scheint gibt es da etwas, was keiner weiß. Also, nochmal von vorne. Die haben die Überreste von Sammers gefunden oder ihrer Begleiterin. Die beiden Frauen waren vor circa 55 Jahren aufgebrochen und waren seither verschwunden. Aber irgendwie schaffte es ei-ne von den beiden wieder zurück und starb dann in der Station. Habe ich was ausgelassen?“
„Nein, aber da stimmt trotzdem etwas nicht“, sinnierte Sachmet.
„Keiner hat bemerkt wie sie die Station verließen, eine wieder die Station betrat und vor allem hat sich keiner um dieses Quartier gekümmert. Das ist doch paradox“, entfuhr es Anubis.
„Und was hat das jetzt mit uns zu tun?“, fragte Maahes gelangweilt.
„Nichts“, sagte Seth, stand auf und schlug auf den Tisch, „und dabei bleibt es auch. Es ist ein Rätsel für die Menschen, nicht für uns. Wir konzentrieren uns auf unsere Aufgaben. Auf Genro haben die erstmal eine Nuss zu knacken und sind abgelenkt. Gut für uns und die Cherit.“
Auf der Erde war man mit dem Aufbau einer Fabrikanlage beschäftigt. Sie befand sich, damit es möglichst unauffällig aussieht, am Rande einer belebten Kleinstadt und, um dem Anschein einen farbenfrohen Anstrich zu verleihen, startete man auch noch eine Anzeigenkampagne und suchte unter der Bevölkerung passende Arbeitskräfte für den einfachen Werkschutz, als Techniker in den Außenbereichen und für den direkten Lieferservice.
Die Schlange der Bewerber war lang und nur wenige erhielten den Zuschlag. Am Ende waren es zehn Glückliche, die für die zukünftige Schokoladenfabrik arbeiten durften und die wurde da auch hergestellt, zumindest in den erkenn-baren Teilen der Anlage.
Schokolade mochte jeder und diese war dann unwissentlich garniert mit et-was Cherit-DNA sowie tierischer und menschlicher.
„Wie weit sind sie?“, fragte Krondal den Bauleiter.
Loplin überlegte kurz. „In etwa einem Jahr, zumindest der inoffizielle Teil. Der Zentralschacht ist schon fünfzig Meter unter die Oberfläche getrieben und die unterste Ebene fertig. Der offizielle Teil wächst langsamer.“
„Und wie erklären sie den Bewohnern der Stadt diese Verzögerungen?“
„Lieferschwierigkeiten und Probleme mit dem Untergrund.“
„Ja, das ist sehr gut. Sorgen und Nöte gibt es auf jeder Baustelle. Machen sie weiter und sehen sie zu, dass der Zeitplan gehalten wird.“
„Aber sicher doch, Mister Krondal.“
Auf Genro war man über etwas anderes gestolpert. Die Mumie im Bett von Solgar und Rodriguez schien nicht genug zu sein und so fand man in der Nasszelle ein weiteres totes Subjekt, was allerdings nicht so recht in den Plan passte. Es war klein, ging auf vier Beinen und ähnelte entfernt einem Raubkatzenwelpen.
„Na toll. Echt toll“, hub Altenhoffer an. „Was soll das jetzt? Was hat dieses Ding hier drin zu suchen? Warum zum Geier hat keiner einen Plan wie das hier alles passieren konnte und wie die hierher kommen?“
„Wir müssen die Leichen obduzieren und die DNA-Spuren sichern“, entgegnete Belham. „Dieses Lebewesen im Waschraum könnte die gesuchte Leibesfrucht sein.“
„Das wird jetzt wirklich zu viel“, murmelte Altenhoffer und wischte sich mit der Rechten übers Gesicht. „Was soll's. Tun sie, was sie tun müssen, ich brauche Ergebnisse… und sie“, er drehte sich zu einem noch anwesenden Wachmann um, „begleiten mich. Wir werden nach Aufzeichnungen suchen die uns weiterhelfen, irgendeine Spur liefern die wir verfolgen können.“
Nach Festrid zurückgekehrt lagen Alathfar und Viranda wie gewohnt im Bett, erwachten nach und nach, streckten sich genüsslich.
„Guten Morgen, mein Liebling!“, flüsterte die Löwin und gab dem Esel-Hybriden einen hingebungsvollen Kuss.
„Ich grüße dich, meine traumhafte Weißheit!“, erwiderte er und grinste zweideutig.
„Aber, aber. So weiß bin ich nun auch nicht. Meine Seele ist zuweilen recht schwarz.“
„Da bist du nicht allein. Vor allem meine ist da sehr düster.“
„Ach was. Du hast wundervolle Arbeit geleistet und alles ist in bester Ordnung.“
„Nein, ist es leider nicht. Krondal wird weitermachen, wie, weiß ich nicht. Auf Genro ist eine Anlage und keiner weiß was da wirklich geschieht, leider ist dieser Planet Sperrzone und es dürfte damit unmöglich sein ein Gefahrenpotential zu erkennen“, gab Alathfar zu bedenken.
„Aber wir treffen ja Gegenmaßnahmen und der Subraumkreuzer ist über die reine Skizze hinaus. Außerdem ist der planetare Raum sehr gut abgesichert.“
„Trotzdem bin ich nicht beruhigt.“
„Das sollte keiner sein“, lenkte die Löwin schließlich ein, „jedoch haben wir Zeit gewonnen.“
Der Eselhengst schaute seine Partnerin schwermütig an. „Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass da noch etwas ist. Mir scheint es, dass wir alle wie in einem gigantischen Schachspiel handeln. Jemand setzt die Figuren und die sind wir.“
„Du meinst ein unbekannte Macht?“, fragte Viranda misstrauisch.
Plötzlich prustete Alathfar los und rollte mit den Augen. „Das klingt sehr nach einer göttlichen Verschwörung.“
„Bist du eigentlich gläubig?“, entfuhr es der Löwin.
„Hmmm... eine gute Frage. Wenn du damit auf ein höheres Wesen anspielst, dann eher nicht. Wenn du an den Glauben an mich selbst und die Möglichkeiten alles zu schaffen denkst, dann wohl eher“, erwiderte Alathfar.
„Der Orden von Tabalth ist auf uralten Mythen und Legenden aufgebaut.“
„Das klingt jetzt interessant. Warum hast du nicht schon früher davon erzählt?“
„Ich habe keine Ahnung, warum wir beide ausgerechnet jetzt auf dieses Thema kommen.“
„Erzähl' doch mal“, bat der Esel.
„Es handelt sich dabei um einen Mythos der Zehntausende von Jahren zurückliegt. Es geht dabei um einen Krieg zwischen einer vollkommen fremden Rasse mit einer Sekte ihresgleichen. Angeblich sollen sie in der Lage sein durch die Universen zu reisen und sollen dabei auch die unbewohnten und schon be-wohnten Welten in unserem Weltall besucht haben. Überall hinterließen sie ihre Spuren. Oftmals wurden ihnen auch Bauwerke oder Technologien zugesprochen, welche man sich nicht normal erklären konnte.“
„Das klingt sehr nach alten Thesen auf der Erde. Da wurden die ägyptischen, inkanischen Pyramiden Außerirdischen unterstellt, ebenso bestimmte Statuen und Tempelanlagen. Überall sah man fremde Spuren“, sagte Alathfar nachdenklich.
„Und was ist daraus geworden?“, fragte Viranda.
„Nichts. Alles ließ sich erklären und der Mystizismus ward entzaubert. Seither steht man sofort unter Generalverdacht, wenn man etwas in dieser Richtung preis gibt und wird mehr oder weniger als Verschwörungstheoretiker geächtet.“
„Klingt nicht gerade lustig. Haben die Menschen so wenig Phantasie oder nur Angst mal etwas Fremdes an sich heranzulassen?“, fragte Viranda traurig.
„Es ist die allgemeine Angst vor dem Fremden. Fremdes bedeutet immer Veränderung und Veränderung bedeutet Umdenken, Neubewerten und Altes auf-geben. Und aufgeben bedeutet, dass man es nicht mehr bequem hat, sondern plötzlich nachdenken muss.“
„Dafür haben uns die Götter das Hirn gegeben“, entglitt es Viranda barsch.
„Mag sein, aber bei Manchen sucht man das vergeblich.“
„Da haben unsere Welten etwas gemeinsam“, merkte die Löwin an und seufzte.
„Und wieder etwas was uns verbindet“, schloss Alathfar ab.
Auf Genro hatte man die Überreste aus Solgars und Rodriguez' Quartier geborgen und ins Labor gebracht, die Reinigungskräfte selbiges gesäubert und der Sicherheitsdienst die Namensschilder entfernt, die Räumlichkeiten wieder freigegeben.
Thomas, als Leiter der wissenschaftlichen Abteilung, war ebenso anwesend wie Belham, Laufer und Harrison.
„Dann fangen wir mal an“, intonierte Mitchell feierlich und aktivierte das über dem OP-Tisch hängende Mikro.
„Heute ist der 30.06.2150, Uhrzeit 21:30 Uhr irdischer Zeit. Auf dem Tisch liegt die mumifizierte Leiche einer weiblichen Person, die DNA-Analyse läuft noch.
Größe der Person liegt bei 167 Zentimetern, Gewicht aktuell bei 23 Kilogramm, zu Lebzeiten geschätzt bei 76 Kilogramm.
Auf den ersten Blick erkennbar ist, dass es keine schwerwiegenden Verletzungen gibt. Knochen normal in Form und Funktionalität, Bindegewebe entsprechend dem Wasserverlust geschrumpft und ausgehärtet. Ein natürlicher Tod wird angenommen.“
„Keinerlei Stich- und Schlagwunden“, ergänzte Belham.
„Dann frage ich mich woran sie gestorben ist?“, murmelte Laufer.
„Herzinfarkt? Hirnschlag?“, mutmaßte Harrison.
„Bitte nur Fakten für das Logbuch“, ermahnte Thomas.
„Entschuldigung.“
„Schneiden wir sie auf. Ich will da mal rein schauen“, verkündete der Teamleiter und griff zum Skalpell.
„Liegt es im Rahmen des Möglichen, dass sie bei der Geburt gestorben ist?“, platzte es aus Laufer heraus.
Thomas ließ entnervt das Skalpell sinken und schaute die Assistentin scharf an, schaltete einstweilen die Aufzeichnung ab. „Miss Laufer, es wäre schön, wenn sie die Untersuchung objektiver gestalten würden. Aber trotzdem danke für den Hinweis. Wir werden es gleich wissen. Abgesehen davon … was macht die komplette DNA-Analyse?“
„Ist fast abgeschlossen“, sagte Harrison, nach einem Schulterblick zum Multi-Analysegerät.
„Sehr gut. Aber was meinen sie mit – Geburt nicht überlebt -?“, hakte Thomas nach.
„Nun ja. Wir haben die oberflächlichen DNA-Spuren per Schnelltest geprüft und dass kleine Raubtier in der Dusche, um es mal salopp auszudrücken, könnte...“, hub Laufer an.
„Großer Gott! Wissen sie eigentlich, was sie da sagen wollen? Ich wünschte, dass ich nicht gefragt hätte“, schnauzte Thomas.
„Entschuldigung, aber wir suchen nach einer Möglichkeit. Und DAS“, wurde Laufer lauter, „ist eine.“
„Du meinst“, mischte sich Belham ein, „dass dieser Vierbeiner ihr Kind ist?“
„Unter Umständen, ja. Ich sagte bereits, dass die DNA-Spuren vermischt sind. Was ist, wenn sie nicht zufällig so sind, sondern das kleine Raubtier wirklich ein Hybrid ist und die Mutter bei der Geburt tödlich verletzte?“
„Stopp, stopp, stopp!“, hub Thomas an, „Jetzt mal ganz langsam mit den jun-gen Pferden. Wie sollte sie, wer immer das auch sein mag, zu einer solchen Schwangerschaft kommen?“
„Auf ganz natürlichem Wege“, entfuhr es Laufer.
„Sex mit einem hier einheimischen Tier?“, giftete Thomas gereizt.
„Es sieht schwer danach aus“, antwortete die Laborassistentin kleinlaut.
„Da ist ja abartig!“, knurrte Belham dazwischen.
„Wie dem auch sei. Die Analyse wird es zeigen. Wie weit ist die denn jetzt?“, schob Thomas nach und drehte sich zu Harrison, zeigte kurz auf ihn und den Multianalyser. „Wären sie so freundlich mal nachzusehen?“
„Bin schon auf dem Weg“, entgegnete der und ging in den hinteren Teil des Großlabors. Minuten später kam er wieder und schaute besorgt.
„Was ist los, Harrison?“, forderte Thomas eine Antwort. „Und sagen sie jetzt bloß nichts falsches. Meine Stimmung ist gerade nicht die beste.“
„Dann wird ihnen das Ergebnis absolut missfallen“, kam seine erste Anmerkung.
„Ich bin gespannt. Schießen sie los.“ Thomas verschränkte die Arme vor der Brust und ging in eine herausfordernde gestreckte Haltung über.
„Laut dem was wir gefunden haben und in Korrelierung mit den DNA-Speicherungen der aktuellen und vorausgegangenen Personen innerhalb der Basis, handelt es sich bei der mumifizierten Leiche um Bettina Rayn, eine der übergeordneten Genetikerinnen, welche mit der Elara Fortress 2 hier ankam.“
„Das ist hundert Jahre her“, entglitt es Belham.
„Richtig!“, erwiderte Harrison, „Das erklärt auch die Mumifizierung. Die Klimaanlage machte ihrem Namen alle Ehre und hat die Verwesung der Leiche unterbunden, die Sterilität der Umgebung tat dem Prozess der Austrocknung auch gut.“
„Perfekt! Jetzt brauchen wir nur noch die Daten, wo und wann in etwa das Ganze passiert sein könnte“, murmelte Thomas.
In diesem Moment betrat Altenhoffer den Raum und gesellte sich mit einigen Papieren, welche er triumphierend schwenkte, zu den anderen. „So, ich habe da was gefunden“, begann er.
„Sehr gut, wir nämlich auch“, fuhr Harrison versonnen dazwischen und erntete dafür einen despektierlichen Blick.
„Dann lassen sie uns doch mal die Daten verbinden, um ein Bild entstehen zu lassen“, forderte Altenhoffer den vorlauten Genetiker auf.
„Also“, begann Harrison, „wir haben die DNA der Mumie verifiziert und es handelt sich um Bettina Rayn. Diese kam mit der Elara Fortress 2 am 21.05.2050 hier an. Alles Weitere wissen wir nicht, aber wie es aussieht haben sie da was.“
„Richtig, Mister Harrison. Dann ergänze ich doch mal und laut meinen Daten, ist... nein... war diese Bettina Rayn mit einer Astrobiologin namens Belinda Sammers aufgebrochen, um die Fauna des Planeten zu erkunden. Sie verschwanden einfach mal so und sind nicht mehr zurückgekehrt.“
„Entschuldigung, aber wenn sie mich fragen, dann ist Bettina Rayn wohl doch wieder heimgekehrt“, sagte Belham und zeigte auf den OP-Tisch.
„Genau! Wir haben die Videoaufzeichnungen geprüft und lediglich gesehen wie sie die Station verließen. Die Rückkehr ist jedoch nicht zu finden, aber dafür etwas anderes“, fuhr Altenhoffer fort und machte plötzlich eine finstere Miene, schaute zu Belham und Laufer.
Die beiden Wissenschaftler erwiderten den Blick und zuckten zusammen. „Was haben sie, Sir?“
„Wissen sie“, begann er langsam zu sprechen und schien sich jedes Wort zu überlegen, „ich habe in meiner Zeit als Leiter der verschiedensten Objekte und Teams einen Haufen Mist erlebt, aber sie beide haben echt den Vogel abgeschossen.“
„Wie meinen sie das?“, fragte Belham vorsichtig.
„Ich spiele dabei auf einen Index an, in dem sie beide einen Geparden-Klon aus der Stasis holten und ihn aus der Station brachten“, schoss es aus ihm heraus.
Laufer sank in sich zusammen.
„Egal. Sie haben Glück, dass der Krieg beendet ist und sich unsere Ziele dahingehend verändert haben, dass das was sie da taten genau dem entspricht was wir tun sollen. Im Endeffekt werden wir in Zukunft das gleiche machen wie sie beide. Mann, Mann, Mann. Was haben sie sich nur dabei gedacht?“, knurrte Altenhoffer und schüttelte den Kopf.
„Wir..., wir..., na ja, wir hielten es für unsere moralische Pflicht“, begann Belham.
„Moral? Davon sollten sie sich hier mittlerweile verabschiedet haben. Genetik hat ab einem gewissen Punkt nichts mehr mit Moral zu tun und schon gar nicht in Krisenzeiten.“
„Der Gepard war...“, hub Belham erneut an, wurde aber von Altenhoffer unterbrochen. „Lassen sie es. Es ist nichts passiert und die Videosequenz wurde gelöscht.“
„Danke, Sir.“
„Nicht nochmal so einen Alleingang. Haben wir uns da verstanden!?“
„Voll und ganz, Sir.“
„Nun gut. Zurück zum Thema. Diese Bettina Rayn ist also zurück. Was aber ist mit diesem Vierbeiner?“, fragte Altenhoffer versöhnlicher.
„Es handelt sich laut Analyse definitiv um einen Hybriden.“
„Ursprung?“
„Menschlich und fremd-tierisch.“
„Sie wollen damit sagen, dass sich in der Gebärmutter von Rayn ein Hybrid aus Mensch und Tier entwickelte?“
„Genau das, Sir.“
„Aber wie?“, fragte Altenhoffer ungläubig.
„Wir haben die Theorie, dass es auf natürlichem Wege geschah“, flüsterte Laufer.
„Habe ich gehört Miss Laufer und gebe ihnen Recht, wenn auch widerwillig, da mich allein der Gedanke abstößt.“
„Nicht nur sie“, entfuhr es Thomas.
„Was ist mit der DNA dieses vierbeinigen Wesens und der phänotypischen Struktur?“, hakte Altenhoffer nach.
„So weit sind wir noch nicht“, erwiderte Thomas. „Ich wollte den Körper der Toten erst einmal eingehend untersuchen, bevor ich mich der anderen Preziose widme.“
„Dann tun sie das“, seufzte Altenhoffer und verschränkte die Arme hinter dem Rücken.
Das ließ sich Thomas nicht zweimal sagen und griff erneut zum Skalpell. „Belham, kommen sie mal her und helfen sie mir bitte. Nehmen sie sich den Spreizer und setzen sie da an, wo ich es ihnen gleich sagen werden.“
„Aber natürlich“, kam die Bestätigung und der Angesprochene stellte sich der-art bewaffnet direkt neben den wissenschaftlichen Leiter.
„Und Showtime!“, verkündete Thomas, setzte das Skalpell an und begann zu schneiden. „Ich öffne als erstes den Brustkorb“, ergänzte er seinen folgenden Schritt, danach herrschte Stille, lediglich das leise Geräusch der präzise reißenden Pergamenthaut war zu hören.
„Spreizer!“, wandte sich Mitchell an Belham und deutete gleichzeitig auf die passende Stelle.
Mit einem Knacken brachen die morschen Rippenknochen und gaben den Blick auf die Reste der inneren Brustraumorgane frei.
„Wenn sie mich fragen, dann sieht da drin alles normal aus“, sinnierte Belham.
„Ja, da finden wir nichts Auffälliges. Aber was brachte sie jetzt wirklich um? … Treten sie mal einen Schritt hinter die Frontlinie, ich werde den Unterleib öffnen. Vielleicht finden wir da des Rätsels Lösung.“
Belham gab den Umkreis zur Leiche frei und Thomas schnitt sich durch das verhärtete Gewebe tief bis zur Gebärmutter hindurch, griff in die entstandene Spalte und zog sie auf.
Als nächstes passierte nichts, denn Thomas war erstarrt. Danach fing er sich wieder und stützte sich am Rand des OP-Tisches ab.
„Hmmm...“, hub er leise an. „Wir haben eine Antwort, aber die wirft noch mehr Fragen auf.“
„Was ist los, Thomas?“, fragte Altenhoffer neugierig.
„Das wird ihnen nicht gefallen, Sir. Aber hier unten scheint etwas sehr ungewöhnliches stattgefunden zu haben.“
„Und das wäre? … Verdammt, Thomas. Machen sie es nicht so spannend.“
„Die Gebärmutter ist umstrukturiert, zumindest nachdem was ich in der Kürze erkennen kann. Die linke Hemisphäre ist normal, aber die rechte sieht nach etwas ganz anderem aus.“
Belham trat unaufgefordert näher, schaute Thomas seitlich über die Schulter und winkte dann Laufer und Harrison heran.
„Das gibt es doch nicht“, entfuhr es Laufer.
„Oh doch. Glauben sie es ruhig. Die rechte Hemisphäre ist tierisch. Die Gebärmutter ist verändert und bildet ein unvollständiges Gebärmutterhorn“, verkündete Thomas.
„Was hat das zu bedeuten?“, fragte Altenhoffer.
„Das, Mister Altenhoffer, deutet darauf hin, dass irgendetwas da draußen ist. Irgendetwas hat dafür gesorgt, dass sich die Gebärmutter von Bettina Rayn so verändert hat, dass sie zu Lebzeiten einen menschlichen Embryo in sich tragen konnte und gleichzeitig oder getrennt davon einen oder mehrere tierische.“
„Das bedeutet?“, hakte Altenhoffer unwirsch nach.
„Das bedeutet, dass die gute Miss Rayn ein Bindeglied wurde“, entgegnete Thomas.
„Was kann so etwas verursachen?“
„Kontamination?“, entglitt es Harrison.
„Sie meinen so etwas wie einen Virus?“, fragte Altenhoffer.
„Intronen. Ständig bunt und fluktuierend. In der Regel kann man diese gezielt in sich entwickelndes Gewebe einschleusen, um gewünschte Veränderungen zu erzeugen. Wann genau die stattfinden und in welchem Umfang ist bisher schwer zu steuern, wenn gar unmöglich“, erklärte Thomas.
„Aber der schien es zu können und das sogar in einem komplett entwickelten Organismus“, murmelte Laufer.
„Exakt! Wir sollten die DNA der anderen Mumie untersuchen. Vielleicht finden wir eine Parallele zu uns bekannten Arten und können Rückschlüsse ziehen“, wies Thomas an und Harrison nahm sogleich eine Zellprobe für den Multianalyser.