Kapitel 23
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Kapitel 23
Verhandlungen,
Übergabe und neuen Ziele
An Bord der Thiboth angekommen, befanden sich Captain Viranda und vier leicht bewaffnete Stiere des Sicherheitsdienstes bereits am Ende des Hangar 1 und erwarteten die Ankömmlinge.
„Guten Tag, die Herren!“, begrüßte sie Viranda. Die Löwin baute sich gebieterisch vor ihnen auf. „Oh, entschuldigen sie bitte, Major Rand.“
„Kein Problem“, erwiderte diese, „muss an der Uniform liegen.“
„Und wer sind sie?“, polterte Krondal provokant dazwischen.
„Mein Name ist Viranda. Ich bin der Captain der Thiboth und höchste Ordensträgerin von Tabalth.“
Krondal und Valahar zuckten kurz zusammen. „Sind sie etwa verwandt mit...“, hub Krondal an.
„… Charon von Tabalth, meinem Großvater“, vervollständigte die Löwin und wandelte die Frage in eine Feststellung.
„Was für ein Mist“, entglitt es Valahar. „Vom Regen in die Traufe.“
„Alles ist vorherbestimmt. Alles hat Konsequenzen und holt einen immer wieder ein“, philosophierte Alathfar.
„Sie halten sich da raus. Sie haben schon genug Schaden angerichtet“, schnauzte Krondal und verlor zunehmens die Beherrschung.
„Falsch, Mister Krondal! Sie schweigen besser, denn immerhin sind sie der Auslöser von allem, sie und ihr widerlicher Kleingeist, den sie persönlich und ihre Vorgänger in sich tragen“, fauchte Viranda und drehte sich um. „Sicherheit! Weisen sie unseren Gästen ihre Quartiere zu, achten sie besonders auf ihre Graue Eminenz. Nicht, dass uns das Schmuckstück während der Verhandlungen noch verloren geht.“
Krondal verlor endgültig das Benehmen und spuckte auf den Boden, erhielt dafür eine Standpauke von Major Rand. „Machen sie lieber was gesagt wird und benehmen sie sich gefälligst. Wir sind hier nicht im Kindergarten.“
„Halten sie die Schnauze Rand“, brüllte Krondal wie ein Kleinkind und ging gänzlich aus dem Ruder.
„Sicherheit“, unterbrach ihn Viranda und genoss es sichtlich, wie der wütende Hüter der einzigen Wahrheit in Gewahrsam genommen wurde. „Und nun zu ihnen“, fuhr sie fort. „Ich gehe davon aus, dass sie in ihrem Auftreten wesentlich umgänglicher sind.“
Valahar hob entschuldigend die Hände und Rand nickte lächelnd. „Ich würde sehr gerne mit ihnen sprechen, wenn es ihr Zeitplan zulässt.“
„Gern doch. Begleiten sie mich zum Konferenzraum. … Alathfar, kommst du mit?“
„Und was ist mit mir?“, fragte der CIA-Chef Valahar unschlüssig.
„Ach ja. … Wachmann, bringen sie ihn zu seinem Quartier.“
Während Krondal, von zwei Stieren flankiert, in einem weit außerhalb liegenden Quartier festgesetzt wurde und Valahar freundlich begleitet in seinen Räumen ankam, schritten ein Anthro-Esel, eine schneeweiße Anthro-Löwin und eine menschliche Frau im Rang eines Majors durch das Schiff, begegneten unterwegs den verschiedensten Cherit.
Rand staunte: „So viele unterschiedliche Arten auf einem Raum hatte ich nicht erwartet.“
„Wieso nicht?“, fragte Viranda.
„Weil sie so friedlich miteinander umgehen.“
„Tun sie das auf der Erde nicht?“, fragte Viranda rein rhetorisch, denn die Ant-wort kannte sie bereits. Lediglich Alathfar prustete plötzlich laut los. „T'schuldigung!“
Viranda schaute ihn dafür böse an.
„Leider nicht“, verkündete Rand.
„Wieso leider? Wenn dem nicht so wäre, dann wären sie doch arbeitslos. Abgesehen davon, hören wir bestimmte Dinge von Seiten der Menschen dauernd, aber ändern tut niemand etwas“, stellte die Löwin fest und Alathfar nickte bestätigend.
„Glauben sie mir, ich bin mit vielen Dingen nicht unbedingt glücklich und froh, dass es hier endet.“
„Erzählen sie doch mal. Wie kommen sie zum Militär?“, fragte Viranda neugierig und vor ihnen öffnete sich zischend die Tür zum Konferenzraum, welchen sie erreicht hatten.
Rand räusperte sich und nahm Platz, nachdem die Löwin mit einem Fingerzeig dazu aufgefordert hatte. „Ich entstamme einer Militärfamilie. Wir Rands waren schon zu Zeiten des ersten Weltkrieges Offiziere und so zog sich das bis heute.“
„Wie wäre es mal mit was anderem?“, fragte Viranda spontan.
„Und das wäre?“, fragte Rand neugierig zurück.
„Friedensvermittler?“
„Hmmm... hört sich nach etwas ganz Neuem an.“
„Die Zeiten stehen gut für Veränderungen und im Gegensatz zu mir haben sie die Wahl zu bleiben wer und was sie sind“, tat Alathfar seine Gedanken kund.
„Das stimmt und was sie betrifft, bin ich komplett im Bilde, Dank Mister Krondal.“
„Das wundert mich nicht im Geringsten. Dann wissen sie bestimmt auch, was ich auf der Erde vorher gemacht habe. Ich meine, bevor ich das hier wurde“, seufzte der Eselhengst.
„Nun ja, soviel wie ich weiß waren sie ein Auftragskiller, für wen weiß ich allerdings nicht.“
„Das ist soweit richtig. Ich arbeitete auf Anforderung für die verschiedensten Geheimdienste und brachte Doppelagenten zur Strecke. Bis ich mich gegen einen meiner Aufträge sträubte und mich damit selbst zum Gejagten machte.“
Rand schwieg daraufhin und schaute betreten auf ihre Hände.
„So, Major Rand. Was schwebt ihnen denn jetzt vor?“, hub Viranda an und versuchte das Thema auf den Punkt zu bringen.
„Was genau erwarten die Cherit von uns?“, fragte Rand ohne weitere Um-schweife.
„Gegenfrage, was erwarten denn die Menschen von uns?“
„Was ich erwarte ist nicht notgedrungen dasselbe was Krondal und Konsorten von ihnen erwarten.“
„Hmmm...“, brummelte Viranda, „ich denke, dass es auf Einschnitte und Zugeständnisse auf beiden Seiten hinauslaufen wird.“
„Ja. Das wird es wohl werden. In erster Linie drängen wir auf einen Waffenstillstand. Es sollte eine Anthro-Krieger-Elite entstehen, aber Dank gewisser bekannter Vorkommnisse und einer heftigen Gegenwehr einiger Rechtsorganisationen auf der Erde, ist deren Erschaffung auf Eis gelegt.“
„Das sollte sie auch bleiben“, entgegnete Viranda scharf. „Aber was ist mit Genro?“
„Dort befindet sich eine Forschungsanlage mit drei unterschiedlichen Basen. Eine liegt im Urwald des Planeten und beinhaltet die Waffenforschung und ein weiträumiges Gen-Labor. Mittlerweile hat man dort verschiedene Anthro-Arten erzeugt, mehr weiß ich nicht. Im Gebirge liegt eine Waffenfabrik und läuft vollständig autonom, eine weitere Basis dient dem Start und der Landung von Versorgungs- und Personenfähren“, erklärte Rand.
„Das ist doch schon mal ein Ansatz“, warf Alathfar in den Raum. „Ich für meinen Teil erwarte, dass sich das Militär in jeglicher Form von Festrid und ebenso von Genro fern hält. Das sämtliche Forschungen eingestellt werden und alle Ergebnisse entweder vernichtet werden oder wenn es nicht anders geht in die Freiheit entlassen werden. Das Letztere bezieht sich auf die von ihnen erwähnten Anthros auf Genro.“
Rand spitzte die Lippen und überlegte eine Zeit lang. „Sonst noch was?“
Alathfar schaute sie durchdringend an. „Das liegt ganz bei ihnen.“
„Ich bin damit, für meinen Teil, einverstanden. Alles andere liegt bei Krondal und Valahar.“
„Die werden sich schon überzeugen lassen“, sagte Viranda und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Hört sich alles sehr gut an. Von unserer Seite wer-den wir nicht mehr in das Gebiet des irdischen Sonnensystems eindringen und unsere Forschungen auf andere Sektoren beschränken.“
„Klingt sehr spärlich für eine Gegenleistung“, merkte Rand an.
„Was erwarten sie? Haben wir den Krieg angezettelt oder sie? Haben sie einen unserer Piloten gefangen genommen oder wir? Sind wir auf ihrem Planeten gelandet und haben angefangen wahllos die Bevölkerung zu beschießen und damit Zehntausende von Toten verursacht oder sie bei uns? Sie sind wohl eher in der Bringschuld, als wir“, entgegnete die Löwin barsch.
Rand seufzte und nickte leicht. „Sie haben ja Recht. Immerhin waren wir der Aggressor.“
„Sehen sie und jetzt müssen das nur noch Krondal und seine Schergen begreifen.“
Im Laufe der folgenden Wochen kam es immer wieder zu ähnlichen Diskussionen, zu Ausfälligkeiten seitens Krondals und leider machte irgendwann Valahar ebenso seinem Unmut Luft und rastete gediegen aus. Die Verhandlungen wurden immer zäher und kamen nicht nur einmal ins Stocken, vor allem, wenn es um die Anlagen auf dem Planeten Genro ging.
Wie dem auch sei, Major Rand war auf halbem Wege zum Abschluss die einzige menschliche Person die ohne besondere Auflagen sich auf dem Schiff bewegen durfte, während es die anderen Beiden vorzogen durch ihr destruktives Verhalten stets in den Genuss einer bewaffneten Eskorte zu kommen und am Ende der geführten Touren im Quartier festgesetzt zu werden.
Schließlich war das Ziel erreicht und ein hunderte Seiten starkes Papierbündel lag auf dem Tisch, der Inhalt brisant und leider auch mit Grauzonen gespickt, welche sich beim besten Willen nicht verhindern ließen.
Krondal war damit jedenfalls zufrieden und lehnte sich nach seiner Unterschrift zurück. Hatte er es doch geschafft, dass die Basen auf Genro erhalten blieben und sich lediglich ihr Charakter ändern sollte.
In der Urwaldbasis auf Genro schrillten plötzlich die Alarmsirenen und ließen alle Bewohner aufhorchen.
„Hier spricht Stan Bergheimer! An alle Mitglieder der Station. Finden sie sich umgehend im Hangar ein, es gibt eine Botschaft von einem Cheritschiff. Um komplette Teilnahme wird gebeten. Bergheimer, Ende!“
Nach fünfzehn Minuten hatte sich das komplette Personal eingefunden und wartete neugierig auf das, was da jetzt kommen möge und die Überraschung war enorm als, nach wiederholtem Kontaktersuchen der Thiboth, eine uniformierte weibliche Person ins Bild trat und die folgende Botschaft sie erreichte:
„Guten Tag, meine Herren!
Heute ist der 12.03.2150, ich bin Major Rand und ich bin beauftragt worden ihnen eine frohe Botschaft zu übermitteln. Der Krieg ist mit dem heutigen Tag beendet. Beide Parteien haben sich auf einen Friedensvertrag geeinigt, um weiteres sinnloses Blutvergießen zu vermeiden. Der militärische Auftrag der Station als Ausbildungszentrum ist damit hinfällig. Alle Truppen werden mit sofortiger Wirkung von der Waffe entbunden und kehren in den nächsten Monaten und Jahren mit Transportraumschiffen zur Heimatwelt zurück. Der Kriegszustand ist mit sofortiger Wirkung beendet.
Meine Herren!
Ich gratuliere ihnen überlebt und wenigstens ein Unentschieden mit dem Feind hergestellt zu haben. Weiterhin gutes Gelingen und einen guten Rückflug zur Erde. Rand Ende!“
„Was?”, fragte Bergheimer, der den Inhalt der Nachricht gerade zu sortieren versuchte. „Was hat das jetzt zu bedeuten?”
„Tja, Mister Bergheimer Junior. Es sieht ganz danach aus, dass sie überflüssig geworden sind“, intonierte Belham. „Was wir jetzt allerdings tun, weiß ich auch nicht.“
„Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen“, erwiderte Bergheimer erbost.
„Was denn? Gefällt ihnen der Gedanke nicht, dass sie ihren Stuhl räumen müssen. Ich glaube, dass es auf der Erde genug für sie zu tun gibt und Sachen ihrer Anwesenheit bedürfen, bei denen sie sich perfekt austoben können“, stichelte Laufer, welche neben Belham stand.
„Sie werden schon noch sehen was passiert“, schnauzte Bergheimer und drehte sich weg, blieb aber in der Bewegung halb stehen, als Laufer anhub: „Ach, meinen sie die Roboter, welche die Station umkreisen und uns zu Gefangenen erklären?“
„Die was?“, fragte Bergheimer und wirkte nervös.
„Die Roboter, die draußen stehen und das Gelände abschirmen. Sagen sie bloß nicht, dass ihnen da was entgangen ist“, antwortete Laufer.
„Davon weiß ich in der Tat nichts. Was geht hier vor?“
Die Beantwortung dieser Frage kam prompt und außerhalb der Station war plötzlich ein bekanntes Geräusch zu hören. Ein lauter werdendes Kreischen und Fauchen, welches auf seinem Höhepunkt verbunden war mit einem deutlich hörbaren dumpfen Aufschlag. Danach schwoll der Lärm ab, verebbte und es herrschte wieder Stille.
Im Hangar wagte es keiner der Anwesenden auch nur zu niesen, alle starrten nur zum Ausgang und in Richtung des Freigeländes.
Das Surren einer Frachtluke war das Nächste was zu hören war und dann die polternden und leicht klirrenden Schritte von metallischen Gerätschaften.
„Was zum Geier...?“, murmelte Belham und Laufer klammerte sich an ihn.
In diesem Moment schritt eine Kampfeinheit in den Hangar und baute sich vor der Masse auf. Anschließend folgte eine zweite und innerhalb der nächsten Minuten sah sich die gesamte Basisbesatzung einer Armada von zehn Kampfrobotern gegenüber.
„Was hat das zu bedeuten?“, schrie Bergheimer.
Woraufhin sich wie auf Kommando eine Computerstimme meldete: „An die menschliche Besatzung! Die eingetroffenen Kampfeinheiten sind zu ihrem Schutz und dem Schutz der Basis abgestellt. Sie werden sich an wichtigen Punkten innerhalb der Station postieren und inaktiv bleiben. Ein Eingriff erfolgt nur, wenn es eine wesentliche und akute Bedrohung geben sollte.
Bitte bewahren sie Ruhe und lassen sie sich bei ihren gewohnten Tätigkeiten nicht beeinflussen. Gemäß der Übertragung von Major Rand an Bord eines Feindschiffes bin ich befugt zu Handeln. Das militärische Personal wird wie gefordert, mit sofortiger Wirkung vom Dienst auf diesem Planeten entbunden und kehrt binnen 24 Stunden auf die Elara Fortress 2 zurück. Das Schiff ist startbereit und für den Rückflug zur Erde programmiert. Begeben sie sich an Bord und in den Cryoschlaf. Ich wünsche einen angenehmen Rückflug.
Das wissenschaftliche Personal verlässt anteilig ebenfalls mit der Elara Fortress 2 den Planeten. Die Ziele sind geändert. Die nötigen Anweisungen, welche ich in einer Hintergrundübertragung direkt von Mister Krondal erhielt, liegen auf ihren Tablets bereit. Ein weiteres Transportschiff von der Erde wird in einem Jahr hier eintreffen. Laut Ladeliste befinden sich weiteres Personal sowie Tiere an Bord.
Ich wünsche eine effektive und zufriedenstellende Arbeit.
Allen Anwesenden wünsche ich maximale Effizienz. MCSU, Ende!“
„Was war das denn?“, entfuhr es Wilke. Der junge Deutsche schüttelte den Kopf.
„Das frage ich mich auch gerade“, entgegnete Belham entgeistert, während in die Roboter Bewegung kam, diese zielstrebig auf das innere Stationstor zu schritten, dieses sich öffnete und einer nach dem anderen dahinter verschwand.
„Na perfekt“, begann Laufer, „jetzt sind wir die Sklaven eines durchgedrehten Computers, der scheinbar mehr weiß als wir.“
„Mir gefällt die Sache nicht“, fuhr Bergheimer auf. „Da stinkt etwas und zwar gewaltig.“
„Na ja. Sie müssen sich wenigstens nicht mehr damit rumschlagen“, entglitt es Laufer.
„Na schön. Ich werde meine Sachen packen. Viel Spaß noch in der Hölle.“
„Aber sicher doch.“
Bergheimer drehte sich auf den Absätzen um und verließ den Hangar, ging in Richtung Stationsinneres. Er war stinksauer, ließ es sich nach außen hin jedoch nicht anmerken. In ihm kochte, mit jedem Schritt und mit jeder Ebene die er tiefer hinab ging, die Wut immer mehr hoch. Abgestellt, er, von einem blöden Computer als wertlos abgestempelt.
Und wie er so voranschritt kam in ihm ein Gedanke hoch, eine Idee, welche er immer mehr verinnerlichte und die ihm den Abschied erleichtern würde. Nichts, rein gar nichts würde er hier aufgeben, eher würde er alles zerstören und damit schon allein die Anfänge, welche immer das auch sein mögen, zu erschweren oder gar unmöglich zu machen. Er würde denen schon zeigen, was er ist und wie wichtig er immer schon war und sein würde. Wenn man ihm seinen Traum, sein aufblühendes Lebenswerk, schon im Keime erstickt, dann nicht ungestraft.
Sein narzisstisches Ego war schwer getroffen und als er auf Ebene -6 ankam, war sein Plan gereift. Er begab sich zur Waffenkammer, holte ein gutes altes Maschinengewehr, lud durch und schritt anschließend zum Labor.
Leise zischend öffnete sich die Tür und gab den Blick auf Zweigrechner und Stasisröhren frei, deren Inhalt für ihn sinnlos geworden war. Er konnte den Ge-danken nicht ertragen, dass er gehen musste und diese Viecher und Wissenschaftler bleiben durften. Gerade diese dämlichen Anthros, die Kanonenfutter sein sollten, durften jetzt frei sein und ein Leben führen? Nein! Das musste er verhindern.
Er entsicherte das Gewehr und ließ seiner Wut freien Lauf. Er schoss auf alles innerhalb des Labors. Computer wurden getroffen, gingen durch Kurzschlüsse in Flammen auf, explodierten Platinen und Schaltkreise, zerbarsten unter einem lauten Knall die Stasisröhren, stürzten deren Trümmer seitlich und rissen die daneben stehenden mit. Die Anthros, nicht korrekt von der künstlichen Aufzucht getrennt, begannen erst gar nicht zu leben, waren auf der Stelle tot.
Mit Zufriedenheit stellte Bergheimer das Feuer ein und sah sich um. Alles glich einer Trümmerwüste und niemand würde hier noch irgendetwas erforschen.
Die eilends herbeilaufenden Wissenschaftler hörten schon von weitem den Lärm und forcierten ihren Schritt. Noch im Lauf bemerkten sie jedoch, dass sich plötzlich Ruhe über die Ebene legte. Kurze Zeit später fiel ein einzelner Schuss.
In der Tür angekommen sahen sie das Inferno. Alles war zerstört, Jahrzehnte der Arbeit ausradiert. Alles musste von vorn aufgebaut und erforscht werden.
Glück im Unglück, wussten sie, was sie zuvor getan hatten und konnten damit auf vorhandenes Wissen zurückgreifen. Aber es warf trotzdem weit zurück.
Was aber noch viel dramatischer war, dass sich mitten in der Zerstörung Bergheimer befand. Nachdem er alles vernichtet hatte, musste er sich wohl besonnen haben und hatte sich, in einem letzten Akt der Verzweiflung, mit einer Kugel ins Jenseits befördert.
„Was für ein verdammter Mist“, entfuhr es Tanja Kamp. Die 28jährige Wissenschaftsassistentin hatte auf Genro nicht nur ihre Berufung entdeckt, sondern auch ihren Freund und der stand neben ihr.
Benjamin Geisler war ein einfacher Wachmann im Sicherheitsdienst der Sta-tion, 34 Jahre alt und erst seit kurzer Zeit in diesem Beruf. Der Anblick der Verwüstungen und vor allem der ziemlich übel aussehende Leichnam Bergheimers gingen nicht spurlos an ihm vorüber.
So schloss er die Augen und atmete tief durch. „Das ist ein denkbar schlechtes Omen“, murmelte er, griff zum Funkgerät und gab eine entsprechende Meldung ab.
Wenig später hatten sich weitere fünf Männer des Wachpersonals eingefunden und zeitgleich das Reinigungspersonal im Schlepptau.
Der stellvertretende Leiter der Basis Rudolf Altenhoffer tauchte mit zehn Minuten Verzögerung auf. „Was ist hier passiert?“, fragte er scharf.
„Das wüssten wir auch gern“, versuchte sich Geisler zu entschuldigen.
„Der Sicherheitsdienst sollte normalerweise immer wissen was in der Station vor sich geht“, schnauzte Altenhoffer.
„Sir, bei allem Respekt! Wussten sie vorher von den Kampfeinheiten, welche sich jetzt in den Nischen und Winkeln der Station eingenistet haben?“
„Nein, woher auch?“
„Sehen sie. Genauso können auch wir nicht alles wissen. Außerdem wurde und wird doch immer so sehr darauf geachtet, dass wir kleinen Mitarbeiter nicht zu fragen haben was sie da oben machen. Immerhin war Mr. Bergheimer der Leiter und damit über alle Fragen und Erklärungen erhaben. Abgesehen davon unterstand er dem Militär und nicht dem wissenschaftlichen Personal, damit fällt er in ihr Ressort.“
Altenhoffer schaute den Wachmann scharf an, atmete tief durch und kaute kurz auf der Unterlippe. „Ach verdammt. Sie haben ja recht, aber wie soll ich das erklären?“, sagte er und deutete in den Raum.
„Das müssen sie wissen. Ich mache mir mehr Gedanken darüber, wann wir hier wieder weiter arbeiten können und ob überhaupt“, mischte sich Kamp ein.
„Lassen sie alles beseitigen. Bergheimer hatte einfach einen Unfall und so trage ich es ein. Die Zerstörungen beruhen auf einem durchgedrehten Klon, welcher außer Kontrolle geriet. Mit dem nächsten Schiff, wenn man dem MCSU glauben darf, trifft eh mehr Personal ein und bringt mit den weiteren Spendertieren wohl auch neues Equipment mit. Ich habe keine Lust auf seitenlange Berichte und dämliche Fragen. Sie alle haben hier nichts gesehen und es ist offiziell nichts passiert. Haben wir uns da verstanden?“, verkündete Altenhoffer.
„Verstanden, Sir!“, bestätigten Geisler und Kamp sowie ein Mitarbeiter des Reinigungsteams, nickten zusätzlich.
„Sehr gut. Fangen sie an aufzuräumen. Wenn der Nachschub eintrifft muss hier alles klinisch rein sein. An die Arbeit!“, sagte Altenhoffer abschließend und schickte sich an das Labor zu verlassen.
Noch im Gehen drehte er sich um: „Und kein Wort zu irgendjemandem. Offiziell ist unsere Arbeit beendet, aber in den nächsten Monaten drehen wir hier trotzdem nicht einfach Däumchen. Was wir machen werden ist simpel, wir werden uns mal die einheimische Fauna zu Gemüte führen und uns Gedanken darüber machen, was wir davon verwerten können, wenn es dann wieder los geht. Haben wir uns auch dahingehend verstanden? Ich werde versuchen Krondal zu kontaktieren.“
Wieder kam zustimmendes Gemurmel.
Fauchend setzte die Fähre der Thiboth in der Nähe des irdischen Salzsees auf und entließ Rand, Krondal und Valahar, welche von einer Militäreskorte schon sehnsüchtig erwartet wurden. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren stiegen die Graue Eminenz und der Chef des CIA in die Fahrzeuge, würdigten die Cherit keines weiteren Blickes. Major Rand hingegen ließ es sich nicht nehmen die Verabschiedung etwas herzlicher auszufallen zu lassen und an deren Ende sich hinreißen zu lassen den Captain der Thiboth zu umarmen.
Die Löwin war etwas perplex, ließ es aber geschehen und erwiderte die Umarmung schließlich, klopfte der Frau zaghaft auf den Rücken.
„Denken sie daran, sie sind jetzt nicht mehr nur ein Offizier des Militärs“, hub Viranda an, „sondern auch Friedensvermittler.“
„Ich werde es nicht vergessen“, entgegnete Rand und lächelte, wandte sich Alathfar zu. „Danke für alles und bleiben sie den Cherit noch lange erhalten.“
„Das habe ich vor“, kam die versöhnliche Antwort.
Nachdem die Fahrzeuge den Ort verlassen hatten und die Fähre sich auf dem Rückweg befand, hub einer der Insassen an: „Mister Krondal. Wir haben da etwas für sie. Eine Mitteilung von Mister Altenhoffer.“
„Auch das noch“, knurrte der Alte. „Lassen sie mal hören.“
<„Mister Krondal“>, leitete Altenhoffer die Botschaft ein, <„wir haben ein Problem.“>
„Ah und das wäre?“, murmelte die Graue Eminenz ungehört vor sich hin.
<„Wir stehen hier einer Überwachung durch den MCSU gegenüber und der hat uns lustige Kampfroboter und Messerdrohnen in die Anlage gestellt. Angeblich auf ihren Auftrag hin.“>
„Stellen sie eine Verbindung her, ich möchte ein Gespräch mit Altenhoffer führen“, wies Krondal den neben ihm sitzenden Assistenten an. Sekunden später stand die Leitung per Subraumfunk und konnte somit ein relativ zeitnahes Gespräch geführt werden.
<„Hallo, Mister Krondal“, hub Altenhoffer an, „schön, dass ich sie erreiche.“>
<„Ja. Ich habe ihre Botschaft erhalten. Das mit den Robotern kann ich vielleicht vorab erklären. Die dienen lediglich dem Schutz der Station. Ich hatte den MCSU angewiesen entsprechend zu reagieren, wenn sich ein fremdes Schiff dem Planeten nähert und genau das scheint ja wohl auch der Fall zu sein“>, gab sich Krondal plötzlich sehr versöhnlich.
<„Auch, wenn es mir zu simpel erscheint, möchte ich versuchen ihnen in diesem Punkt Glauben zu schenken“>, entgegnete Altenhoffer leicht knurrend.
<„Sehr verbunden“>, erwiderte Krondal und schien zufrieden. <„Seien sie beruhigt. Das Militär wird zwar abgezogen, aber die Forschungen gehen weiter. Unser guter Major Rand ist mir zu kuschelig mit den Viechern, ich dagegen sehe nur einen einstweiligen Waffenstillstand. Die Wissenschaftler sollen weiter machen und Ergebnisse liefern. Der MCSU sollte ihnen entsprechende Instruktionen gegeben haben.“>
<„Das hat er in der Tat. Es geht um eine anthropomorphe Besiedlung des Planeten?“>
<„So ist es. Alles scheint friedlich zu sein. Wir werden Genro zu einem Kleinod um funktionieren. Eine rein anthropomorphe Bevölkerung, wenn auch künstlich erzeugt. Zu gegebener Zeit, wenn sie mir Erfolge berichten, werden wir eine kleine Planänderung vornehmen und uns gezielt Exemplare heraussuchen. Diese werden dann unseren alten Plänen dienen.“>
<„Sie meinen, dass sie dann zukünftige Soldaten ernten wollen?“>, fragte Altenhoffer mehr als irritiert.
<„Wenn sie es so nennen wollen? Ich würde es eher als gezielte Selektion bezeichnen. Lassen sie die Anthros fruchtbar, schnell im Wuchs und Willensstark sein. Ich will eine passende Elite haben.“>
<„Wenn ich davon absehe, dass es den Anschein erweckt, dass sie eine Art von Sklavenvolk erzeugen wollen… Haben sie denn auch schon einen passenden Namen für sie? Immerhin handelt es sich bei Erfolg um eine komplett neue Zivilisation“>, fragte Altenhoffer nach.
<„Lassen sie mich mal nachdenken. Es sollte etwas prägnantes sein. Die Cherit sind sehr mit dem alten Ägypten verbunden. Zumindest sind ihre Namen exotisch und viele Sachen deuten auf eine Art der Götzenverehrung innerhalb dieser antiken Zivilisation hin. Da sollte es nahe liegen, dass unsere Kinder auch in diese Richtung einschlagen sollten.“>
<„Klingt interessant.“>
<„Ja, das ist es in der Tat und mir kommt eine faszinierende Idee. Sie werden Genro mit den Chafren bevölkern. Das ist eine gute Überleitung von Cherit zur heutigen Zeit. Geben sie ihnen einen Glauben, am besten einen an die alten ägyptischen Götter. Das sollte die aufblühende Gesellschaft stabil halten.“>
<„Einverstanden, Mister Krondal.“>
<„Dann wünsche ich ihnen gutes Gelingen und Vertrauen in die Zukunft. … Ach ja und noch eines!“>, hub Krondal in plötzlich scharfem Ton an. <„Alles was ab jetzt bei ihnen geschieht wird verschlüsselt und in schriftlicher sowie in digitaler Form auf Ebene – 10 ins Archiv transferiert. Alles ist Verschlusssache, haben wir uns da verstanden?“>
<„Absolut, Mister Krondal!“>
<„Dann machen sie es so. Ende!“> Anschließend schaute er seinen Assistenten finster an. „Was für ein Arschloch. ... Fahrer, geben sie gefälligst Gas! Ich will in meinen Hauptsitz und nicht erst morgen ankommen.“
Die Genforschungsanlage im Grand Canyon existierte in der bekannten Form nicht mehr, waren die Experimente eingestellt worden.
Stattdessen hatte man begonnen an einem ganz anderen Ort ein Gebäude zu errichten, was offiziell eine ganz normale Fabrikanlage war und auch so aussah.
Niemand stellte Fragen, die Ämter, welche für die Baugenehmigungen zuständig waren hatten alle Unterlagen zur Verfügung, hakten alles ab und nick-ten zustimmend.
Was sich später in eben jener Fabrik abspielen sollte, war nach außen hin nicht ansatzweise zu erahnen. Keiner konnte im Vorfeld erkennen, dass sich in deren Innerem eine Hightech-Anlage befinden sollte, welche die begonnen Forschungen nicht nur fortsetzen, sondern noch effektiver gestalten sollte.
Es gab schlussendlich genügend Kreise denen der Friedensvertrag mit den Cherit ein Dorn im Auge war und, trotz dessen deren führende Köpfe auf der Thiboth waren, walzten eben diese weiterhin über alle Verträge und damit auch über die Moral hinweg.
Die Fähre mit Captain Viranda, Alathfar, Pilot Treloc, nebst zwei Stieren der Sicherheit war auf den Forschungskreuzer Thiboth zurückgekehrt.
„Meinst du, dass wir jetzt Ruhe haben?“, fragte Viranda an ihren Partner gewandt.
„Mit absoluter Sicherheit nicht. Die werden auf Genro weitermachen. Und da uns die Hände laut Vertrag gebunden sind, werden wir wohl auch nicht erfahren, was sich dort wirklich ereignet“, erwiderte der Eselhengst.
„Das ist denkbar schlecht.“
„Abwarten. Immerhin ist dein Vater mit der Valhun im Sektor unterwegs und wird früher oder später dort auftauchen. Vielleicht sollten wir ihn vorwarnen.“
„Eine sehr gute Idee. Nicht das er in Teufelsküche kommt.“
„Auf jeden Fall haben wir jetzt erst einmal eine Verschnaufpause und können uns den Aufräumarbeiten widmen … vor allem müssen wir wohl oder übel eine stärkere militärische Präsens aufbauen und unseren Raumsektor sichern. Die jetzt eingetretenen Veränderungen gehen an uns nicht spurlos vorüber.“
„Du hast recht“, seufzte Viranda und küsste ihren Partner liebevoll.
Der Esel-Hybrid lächelte und nahm seine Löwin zärtlich in die Arme, schaute sie anschließend aufmunternd an. „Wir sollten uns auf den Rückflug machen. Festrid wartet auf uns.“