Kapitel 35
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Kapitel 35
die Zeit läuft ab
„Wissenschaftliche Leiterin, Laura Mitchell, bei der Selbstaufgabe, Datum 13.07.2389.
Es ist wieder passiert. Letzte Nacht, als wir alle schliefen, griff das mutierte Virus auf das Hirn über und das Wachstum im Bereich des Schädels und des Gehirns ist stärker geworden. Ich kriege das jetzt nicht mehr auf die Reihe.“
Mitchell schaute sich in ihrem Quartier traurig um und war am Verzweifeln. „Was haben wir falsch gemacht? Was läuft hier falsch? Wer ist dafür verantwortlich?“, murmelte sie vor sich hin. Allein eine Antwort gab es nicht.
Was sie nicht wissen konnte war die Tatsache, dass man auf der Erde durch verschiedenste Vorkommnisse im Bereich der Forschungen, wiederholt auf Genro aufmerksam geworden war. Der offizielle Friedensvertrag mit den Cherit stellte sich in der Öffentlichkeit als Farce heraus, da einige Kreise viele Sachen nicht bedacht hatten. Vor allem Krondal als Anführer konnte nicht im geringsten ahnen, dass die Cherit die Arbeiten nachhaltig beobachteten und aufzeichneten, dass sie seit Jahrhunderten still hielten und sich an die Einhaltung des Vertrages klammerten.
Aber was zu viel war, war zu viel und sie griffen von ihrer Seite her ein. So kam das Rad, unter welchem alles Menschliche auf Genro zermahlen werden würde, doppelt so schnell ins Rollen, erreichte eine Meldung den Sicherheitsdienst, welche dramatische Ereignisse auslösen sollte.
„Laura Mitchell, Leiterin der wissenschaftlichen Abteilungen, Datum 14.07.2389.
Alles aus. Wir sind geliefert.
Es sind Daten über unsere Arbeit durchgesickert und zur Erde gelangt. Unsere Forschungen sind mit sofortiger Wirkung eingestellt worden. Wir dürfen nichts mehr anrühren, bis eine außerordentliche Untersuchungskommission eingetroffen ist. Vom zentralen Computer sind Kampfeinheiten und Messerdrohnen, die noch vom Militär stammen, aktiviert worden. Jeder Versuch die Beweise zu vernichten wird sofort mit dem Tode bestraft, einer unserer Mitarbeiter musste es schon erfahren.“
So streiften die unheilvollen Kampfeinheiten und Messerdrohnen durch alle Gänge, hörte man das Surren und Stampfen der tödlichen Maschinerie an je-der Ecke und wusste niemand, wer der nächste sein würde und was der Auslöser wäre.
Der MCSU war unterdessen auch nicht untätig und spielte unaufgefordert eine Videoaufzeichnung auf den Tablet von Laura Mitchell. Eine Aufzeichnung die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ und ihr nur der Vollständigkeit halber einen Logbucheintrag entlockte.
„Laura Mitchell, Leiterin der wissenschaftlichen Abteilungen, Datum 15.07.2389.
Mir sind Videoaufzeichnung in die Hände gelegt worden, die zeigen was wirklich in jener gewissen Nacht geschehen war. Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Wir waren die ganze Zeit auf einer falschen Spur. Unser Anthro hatte die Wachen getötet, war in das Labor eingedrungen und hatte mit Hilfe unserer Apparatur das fragliche mutierte Virus aus seinen eigenen Zellen gewonnen.
Anschließend verseuchte er alle Kulturen mit diesem Virus und hat damit unsere Arbeit zu seiner eigenen gemacht. Wir können es nicht mehr verhindern, aber in Kürze werden Unmengen an Anthros diese Welt bevölkern. Wir haben uns an der Schöpfung versündigt und eine neue Spezies erschaffen. Eine Mischung aus Tier und Mensch die in einer perfekten Harmonie ineinander auf-geht.“
Mitchell atmete tief durch und sank in sich zusammen. Plötzlich ging der Tür-summer.
„Herein!“, flüsterte sie, laut genug, dass die Türsteuerung darauf reagieren konnte.
In der Tür stand plötzlich ein ihr sehr bekannter Umriss, eine Gestalt die sie so oft gesehen hatte, die quasi zum Inventar gehörte.
„Du wagst es mir unter die Augen zu treten?“, schrie die mittlerweile 45jährige aufgebracht und sprang auf.
„Ich kann das alles erklären und auch nicht“, hub Anthro an.
„Egal was du auch vorbringst, ich will es nicht hören. Du hast uns alle hintergangen und belogen.“
„Das mag durchaus sein. Aber ihr fingt damit an. Ich hatte euch ausdrücklich gebeten die Forschungen nicht in meine Richtung fortzuführen. Ich hatte euer Versprechen, dass ich ein Einzelexemplar bleiben würde. Ihr habt euch nicht daran gehalten. Ich bin der Betrogene und setze mich nur zur Wehr. Dass die Situation jetzt so eskaliert ist nicht mein Verdienst, denn weder mit den Messerdrohnen noch den Kampfeinheiten habe ich etwas zu tun. Warum Details zu euren Forschungen zur Erde durchdrangen, kann ich nur mutmaßen und das tut nichts mehr zur Sache. Das Spiel ist gelaufen, nicht nur für euch, auch für alle anderen Lebewesen innerhalb der Station.“
„Das ich nicht lache. Du kotzt mich an. Hau' ab, verschwinde einfach. Ich wünschte, dass du tot umfallen würdest oder noch besser, dass du ewig lebst, hier in der Station und für ewig gefangen. In deinem Betongrab eingeschlossen für die Unendlichkeit“, erwiderte Mitchell mit heiserer Stimme und spukte in seine Richtung.
„Hmmm... das wird sich zeigen“, entgegnete Anthro noch und ging.
Danach ging alles sehr schnell und die letzten Einträge die gemacht wurden kamen von Mitchell und bedeuteten das komplette Aus. Die Roboter begannen nach und nach mit einer radikalen Säuberung der Station, waren wie fremd gesteuert durch eine feindliche Macht und zu guter Letzt landete noch ein fremdes Schiff innerhalb der Landebasis auf der Rückseite des Planeten. Der MCSU änderte die Rotationsroutinen der Drohnen und Einheiten, passte sich an und schottete die Station quasi hermetisch ab.
Der vorletzte verbriefte Eintrag aus dem Quartier der leitenden Wissenschaftlerin war:
„Laura Mitchell, Datum 20.08.2389.
Letzte Nacht hat unser Anthro die Röhren zerstört und seine Artgenossen befreit. Die Kampfmaschinen haben vollkommen versagt. Sie alle waren viel zu schnell und konnten die Station fast ungehindert verlassen. Wir haben versucht es zu verhindern und sind von der Mordmaschinerie angegriffen worden. Die meisten sind schon draufgegangen und ich werde wohl der Nächste sein.
Ich wünsche unseren Kindern ein friedliches und erfolgreiches Leben. Mögen sie den Planeten in Besitz nehmen und niemals erfahren was hier geschah und wie sie wirklich entstanden sind. Gott möge mir vergeben.“
Wie auch immer, Laura Mitchell schaffte es zu überleben, hatte sich einen Vor-rat an Lebensmitteln und Getränken gesichert, hoffte auf Rettung, welche aber niemals kommen sollte.
So speicherte der MCSU einen allerletzten Eintrag, welcher gespickt war mit Oberflächlichkeiten, Halbwahrheiten, Spekulationen und schierer Unwissenheit:
„Persönlicher Eintrag, Erster Laborassistent Mitchell, mein letzter Eintrag, Datum 20.02.2390.
Es herrscht Winter auf Genro.
Das Gebirge ist bestimmt mit Schnee bedeckt und diese Welt ist durch und durch friedlich. Zumindest war sie es, bis wir kamen. Ich kann mein Zimmer nicht mehr verlassen, sonst bin ich so gut wie tot. Die Basis befindet sich in einem erbärmlichen Zustand. Kein Wunder, immerhin ist sie ja auch schon seit dreihundertneunzig Jahren in Wissenschaftsbetrieb. Die Computer entwickeln zunehmend Macken. Überall quietscht und knarrt es. Der erste Putz fällt von den Wänden. In zehn Jahren läuft unsere Forschung aus. Die weiteren Gelder sind vom Vereinten Rat der Nationen gestrichen worden. Was ich nach unserer Rückkehr auf unsere Heimatwelt machen soll, weiß ich noch nicht.
Man spürt deutlich den Druck der Öffentlichkeit mit unseren Experimenten aufzuhören und die Basis dicht zu machen. Andererseits werden wir vom Militär bezahlt und müssen kuschen. Uns wurde gesagt, dass wir diesen Planeten besiedeln und Tiere auf ihm aussetzen sollen. Das haben wir auch getan und die Arbeit war vor einhundertvierzig Jahren abgeschlossen. Wir hatten Tiere von der Erde mitgebracht und sie in unserem Labor geklont. Wir veränderten ihre Gene so, dass sie schneller wachsen, wesentlich schneller geschlechtsreif und fruchtbarer sein würden, als ihre natürlichen Vorfahren. Das klappte an¬fangs auch sehr gut und die Tiere vermehrten sich schnell. Das freute uns, war unsere Arbeit doch von Erfolg gekrönt.
Dann passierte aber eine Katastrophe. Ich weiß nicht genau woran es lag oder was passiert ist. Wir können den Vorgang nicht bewusst nachvollziehen und tippen daher auf eine unkontrollierte und spontane Mutation. Eins ist aber klar, wir haben etwas Verbotenes erschaffen.
Wir haben zweihundertvierzig Jahre Gott gespielt und uns ins eigene Fleisch geschnitten.
Eines der Tiere, welches wir in die Freiheit entlassen wollten, stand auf einmal auf und begann aufrecht zu gehen. Wir betäubten es und untersuchten es eingehend, töteten es aber nicht, trotz des Auftrags es zu tun. Es wuchs heran und lernte zu sprechen. Es lernte zu lesen und verschlang unser Wissen innerhalb kürzester Zeit in Unmengen. Wir nahmen Hirnscans vor und stellten fest, dass es ein wesentlich leistungsfähigeres Gehirn besaß wie wir alle. Wir erschraken uns zu Tode. Wir hatten ein Monster erschaffen und am Leben erhalten.
Wir beschlossen es doch zu töten. Allerdings merkte die Kreatur etwas von unserem Plan und spielte mit uns Katz und Maus. Sie entwischte und bewegte sich wieselflink durch die Station. Sie war überall und nirgends. Die Sache geriet endgültig außer Kontrolle. Trotz aller getroffenen Sicherheitsmaßnahmen, gelangte sie in das Genlabor und besiegelte unser Verhängnis. Sie entnahm sich Zellen und implantierte diese den heranreifenden Klonen einer jeden Tierart. Wir wussten es zu diesem Zeitpunkt nicht und die Klone wuchsen normal heran. Als sie die Größe vergleichbar eines Teenagers erreicht hatten und reif waren zur eigenen Tätigkeit, wollten wir die Stasisröhren öffnen. Uns fiel aber in letzter Sekunde bei einigen eine merkwürdige Veränderung auf und wir beschlossen sie im Zustand der Stasis zu belassen. Das war unser Untergang.
Wir hätten sie gleich vernichten sollen, aber unsere Neugier kannte keine Grenzen.
Die Kreatur tötete die Wachen am Eingang des Labors und drang ein. Sie begann ihr Werk, dass uns allen das Leben kosten sollte.
Die Klone waren mehr als reif und somit sofort selbständig und lebensfähig. Er befreite sie aus der Stasis und zog mit ihnen gemeinsam über die Station her. Glücklicherweise hatte das Militär, als es die Station noch nutzte, sehr scharfe Sicherheitsmaßnahmen aufgestellt. Der Zentralcomputer aktivierte die Verteidigungsautomatik und Kampfeinheiten zogen durch die Ebenen, schossen auf alles was sich bewegte. Dummerweise auch auf uns…“
Die Stimme erstarb und man hörte die Schritte eines Roboters der vorbeiging und sich wieder entfernte.
„… die meisten sind tot. Es leben vielleicht noch vier oder fünf Mitarbeiter. Einer davon bin ich. Die Roboter hatten aber nicht alle von diesen Kreaturen erwischt und sie entkamen aus der Station und flüchteten in den Wald. Ich fürchte, dass sie sich mit den normalen Klonen ihrer Spezies paaren werden und eine neue intelligente Rasse hervorbringen. Es darf niemals jemand erfahren, was hier geschehen ist und keines dieser Monster darf diesen Planeten je verlassen.
Wenn ich sterbe, dann mit der Gewissheit, dass das auch nie passieren wird, da die ganzen Kampfmaschinen die Station zuverlässig schützen werden.
Wenn ich überlebe, schaffe ich es vielleicht die letzte große Errungenschaft des Militärs, den Mech, in der Katakombe zu erreichen und dann kann ich unsere Fehler rückgängig machen und notfalls die ganze Station sprengen. An eine Rückkehr zur Erde denke ich erst gar nicht, da die Schiffe mit denen wir gekommen waren, auf der Rückseite des Planeten stehen und nur über den Wasserweg zu erreichen sind. Soweit werde ich nie kommen. Sobald ich den Raum verlasse, würden mich die Kampfeinheiten und Messerdrohnen verfolgen, ganz zu schweigen von den Kreaturen da draußen, die sich munter ver-mehren und die wir am Tage ihres ersten Auftretens auf die Bezeichnung Anthro getauft haben.“
Epilog
Über den Planeten Genro legte sich der Mantel der Ruhe. Eine Ruhe fernab von weiteren menschlichen Eingriffen, fernab von Wissenschaft und Technik.
Aber dafür die Flora und vor allem Fauna beinhaltend, welche sich natürlich und selbsttätig, aber auch künstlich entwickelt hatte und weiterhin entwickeln würde.
Über Jahrhunderte hinweg und dem Weg der natürlichen Selektion folgend, bildeten sich mehrere Spezies, welche den Planeten in Besitz nahmen, ihn nach ihrem Willen formten, aber dabei immer eines stets im Auge behielten – das Gleichgewicht von allem.
So entwickelten sich fernab, der tief im Urwald und Gebirge versteckten Basen, welche seit Jahrhunderten inaktiv waren, anthropomorphe Familien, Clans, Freundschaften, Liebschaften, Gemeinschaften.
Wurde im irdischen Jahr 2690 die Idylle des Planeten Genro, nur sehr kurz, durch ein nicht zu deutendes fremdartiges Geräusch unterbrochen, aber nur, um anschließend ihren gewohnten Weg fortzusetzen.
Und so kam es schließlich, dass im Sommer des Jahres 3000 ein anthropomorpher Tiger namens Cyron vor seiner bescheidenen Behausung stand, eine Fliege, die es vehement auf seine Nase abgesehen hatte, vertrieb, dem Fixstern des Planeten Genro entgegen blinzelte und sich anschließend, aufgewärmt, ins Haus begab. Nichts ahnend, dass das Leben wie er es kannte, nicht so war wie angenommen. Dass etwas auf alle Bewohner zukommen würde, dass sie an den Rand des Zerbrechens bringen würde. Dass seine Heimat eine zerrüttete und düstere Vergangenheit besitzt.