Kapitel 1
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Kapitel 1
Probleme über Probleme
„Wem können wir nach all dem noch trauen?“, fragte Melina an Zoya und Selestral gewandt. Jedoch hatten scharfer Tonfall und stechender Blick der anthropomorphen Stute nicht den Effekt, den sich der Captain eines Megatonnenkreuzers zu erhoffen wünschte.
Stattdessen knabberten die beiden Angesprochenen auf den Lippen und zogen es vor zu schweigen.
„Na schön. Keine Antwort ist auch ´ne Antwort“, schloss Melina den Versuch ab.
„Ehm, Captain …“, mischte sich Andrew ein. Der Säbelzahnlöwe kratzte sich verlegen am rechten Ohr und hatte die komplette Aufmerksamkeit der Brückenbesatzung auf sich ruhen.
„Schieß los, Langzahnmähne“, forderte die Stute auf.
„… sehr freundlich“, hub Andrew an, „Die zurückliegenden Ereignisse haben deutlich gezeigt, dass wir uns wieder am Rande eines Krieges befinden. Jetzt ist das Problem, dass wir es scheinbar mit Lichtwesen zu tun haben, welche der Überzeugung sind sich als die ultimativen Heilsbringer darstellen zu müssen. Wir sind dagegen unempfindlich, die Menschen scheinbar auch, die Antermerianer erst recht, sonst wäre uns Osiris mit seiner Armada nicht zur Seite gesprungen.
Jetzt stellt sich die Frage inwiefern diese Androiden, welche ihr Unwesen auf LV426 getrieben haben und auf Seiten der Angreifer standen, sich innerhalb der Positionen und unter normal sterblichen Menschen etabliert haben?“
„Das ist das Problem“, seufzte Zoya. „Wir müssen davon ausgehen, dass unter Umständen alle wichtigen Zentren unterwandert sind.“
„Na ja, wenigstens haben wir erstmal nicht mehr den Ärger mit Marduk an der Backe“, warf Apophis ein.
„Gut, dass du es erwähnst“, kam Selestral aus ihrer Verschwiegenheit. „Zoya soll zu einem Treffen. Immerhin wollen die Abtrünnigen verhandeln.“
„Ja. Ich weiß“, hub Zoya an, „aber wir tanzen jetzt auf zwei Hochzeiten. Die eine will in mehr als schwierige Verhandlungen treten und ich soll verdammt noch-mal einen seit Jahrmillionen schwelenden Konflikt beenden und gleichzeitig will die andere, dass wir eine Organisation von Verschwörern aufdecken, welche auf einen neuerlichen Krieg zwischen Cherit und Menschen aus ist. Wo sollen wir da anfangen?“
„Ganz ruhig, junge Dame“, knurrte Cyron leise. „Du wirst dich um die Antermerianer und die Abtrünnigen kümmern und um den Schauplatz der Verhandlungen. Wir kümmern uns um das vermeintliche Nest und heben es aus.“
„Klingt ganz nach einem Plan“, begann Sitral leise und wurde dann, an Zoya gewandt, lauter: „Hast du auch schon eine Idee wo dieser Verhandlungsort lie-gen soll?“
Die geflügelte, säbelzähnige Mensch-Chafren-Antermerianer-Hybridin sah die Schneeleopardin fragend an und schien zu überlegen. „Hmmm …“, zögerte sie zunächst, „ich würde die Erde vorschlagen. Immerhin uferte der Konflikt dort erst wirklich aus, außerdem hätten wir dann zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.“
„Stimmt“, sinnierte Andrew, „Wir hätten alle Hochzeiten unter einem Dach.“
„Du hast aber auch daran gedacht, dass es wiederholt eskalieren könnte. Vor allem vor dem Hintergrund, dass es auf der Erde scheinbar eine Sekte gibt, die uns ans Fell möchte“, warf Cyron ein.
„Ich habe nicht behauptet, dass es leicht sein wird“, entgegnete Zoya scharf. „Aber, falls es so sein sollte, dann haben wir immerhin die Horem-hab in der Nähe, ganz zu schweigen von Osiris und Isis mit der Byblos und Attikon.“
„Ich fände einen neutraleren Ort besser“, seufzte Melina.
„Und der wäre?“, knurrte Selestral leicht gereizt, ob des Einwurfes.
„Genro?“, kam kurz und knapp deren Antwort.
„Nichts für ungut Captain, aber auf Genro haben wir es auf Sabeth immer noch mit den Resten der Bunkeranlage der Abtrünnigen zu tun“, mischte sich Kira ein.
„Zur Kenntnisnahme“, wurde Melina barsch, „die Anlage wurde durch die Kampfanthros unschädlich gemacht.“
„Akzeptiert, aber wir wissen nicht, ob noch etwas übrig ist.“
„Das steht auf einem anderen Blatt.“
„Ich halte es trotzdem für nicht ratsam die Verhandlungen ausgerechnet nach Genro zu verlagern.“
„Das mag sein, aber Genro ist nicht gerade unbewaffnet und ich denke, dass es wesentlich unschöner wäre, wenn wir es auf der Erde vielleicht mit einer großangelegten Verschwörung zu tun haben, unzählige Personen von Rang und Namen involviert sind und zeitgleich am selben Platz Marduk und Konsorten haben. Die Mengenlage könnte sehr unangenehm werden“, gab der Captain schließlich zu Protokoll.
Selestral wollte etwas erwidern, wurde jedoch von Sitral unterbrochen. „Captain, ich habe hier Administrator Osiris.“
„Danke! Auf den Schirm.“
„Aye, Captain!“
„Administrator Osiris, ich grüße sie!“, hub Melina in Richtung des Wandschirmes an.
„Grüße zurück, Captain Melina!“, startete Osiris die Konversation. „Wir beraten gerade über den möglichen Platz der Verhandlungen.“
„Das trifft sich gut“, polterte Andrew dazwischen, „wir auch.“
„Ach?“, entfuhr es Osiris, während Melina die Nüstern weitete und den Säbelzahnlöwen strafend betrachtete.
„Ja“, ging Zoya dazwischen, bevor noch ein Unglück passieren konnte. „Die beiden Vorschläge pendeln zwischen der Erde und Genro.“
„Ich rate von der Erde ab“, hub Osiris an. „Das Gemenge könnte zu unübersichtlichen Situationen führen.“
„Sag ich doch“, zickte Melina Selestral an.
„Ja, Captain. Aber ich finde die Idee mit Genro immer noch fragwürdig.“
„Oh!“, entglitt es Osiris, „Ich finde diesen Planeten sehr wohl geeignet. Das wäre mein Primus gewesen. Und bevor jemand noch etwas einwenden mag … Ich gedenke die Attikon im Asteroidengürtel zu belassen und die Byblos in den erdnahen Raum zu bringen, ebenso die Re-harachte.“
„Das hört sich schon mal gut an“, stimmte Melina zu. „Aber was ist mit Genro?“
„Keine Sorge, daran habe ich auch gedacht. Sobald wir aus dem Subraum ausgetreten sind werde ich die Haldoraner verständigen. Die werden eines ihrer Schiffe ebenfalls nach Genro entsenden und die Absicherung unterstützen.
Die Verhandlungen auf Genro werden streng geschützt. Dort habe ich die Horem-hab geplant, ebenso den bereits erwähnten Kreuzer der Haldoraner. Ich selbst werde mit der Horem-hab mitreisen.“
„Oh!“, murmelte Kira versonnen.
„Dann kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen“, entfuhr es Sitral. „Kommen wenigstens auch einige Truppenverbände mit?“
„Wofür?“, fragte Osiris erstaunt.
„Weil auf Sabeth die Bunkeranlage immer noch in Funktion sein könnte?“
„Das glaube ich weniger. Aber ich danke für die Aufmerksamkeit und werde in Erwägung ziehen fünfzig Maahes-Klone mitzunehmen. Ich hoffe, dass auf eurem Schiff genug Platz sein wird.“
„Bestimmt und wenn sie mich freundlich fragen, überlasse ich ihnen sogar das Kommando“, säuselte Melina erfreut.
Osiris hob eine Augenbraue und schaute die Stute schief an.
Die zog etwas den Kopf ein. „Entschuldigung, es rutschte mir so raus.“
„Ich wollte gerade fragen, ob sie Langeweile haben, dann hätte ich die Schiffe getauscht.“
„Nein, nein. Es ist alles in bester Ordnung“, schob die Stute schnell nach und verstummte.
„Nun gut. Dann machen wir es so. Osiris, Ende!“
Captain Melina starrte noch kurz auf den Wandschirm und drehte sich schließlich zu Selestral um. „Ich sollte wohl wirklich an mir arbeiten.“
„Ihre Entscheidung, Captain. Diesmal war es knapp und Administrator Osiris in der Tat nicht amüsiert.“
„Da gebe ich dir recht“, lenkte Melina ein und seufzte leise.
In diesem Moment änderte sich das Bild des Wandschirmes, der schwarze und undurchdringliche Anblick des Subraumes wich dem des wesentlich angenehmeren von Planeten und eines wohlbekannten Zentralgestirns.
„Willkommen zuhause“, flüsterte Kira und schnurrte leise.
„Nun gut“, fand Melina ihre Sprache wieder, „setzen wir Kurs auf die Erde und schwenken in den Orbit ein. Stellt mir einen Kontakt zu Norad her oder zu irgendjemanden der etwas zu sagen hat.“
„Aye, Captain!“, bestätigte Selestral.
„Sitral, scanne die Umgebung. Ich will wissen, ob unerklärbare Bewegungen stattfinden oder sich etwas auf uns zu bewegt.“
„Aye, ich scanne!“
„Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass das alles ein ganz großer Mist wird“, warf Cyron in den Raum.
„Ach ne“, wandte sich Zoya an ihn, „ich dachte, dass ich schon pessimistisch wäre, da der Mist, wie du es gerade nanntest, an mir klebt. Wo ist plötzlich deine unerschütterliche Zuversicht geblieben?“
„Die ist momentan in keinem guten Zustand. Es entzieht sich gerade alles unserer Kontrolle und ich gebe dem Captain Recht. Keiner weiß wem wir trauen können. Vielleicht ist allein schon der Kontakt, welchen wir jetzt herstellen, genau das Falsche.“
„Aber Schatz!“, mischte sich Stella ein. „Sieh es nicht so negativ. Selbst, wenn es falsch sein sollte, so werden wir es doch sehr schnell herausfinden. Wir haben schon ganz andere Sachen überlebt und außerdem sind wir nicht allein.“
„Das stimmt allerdings. Trotzdem beschleicht mich ein komisches Gefühl.“
„Das haben wir wohl alle“, bestätigte Selestral.
„Danke, das baut auf“, grummelte Andrew und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich freue mich jedenfalls auf unser Haus“, rief Tarja frei heraus und klatschte in die Hände.
„Die Freude wird allerdings nicht lange halten, da wir mehr unterwegs sein werden. Außerdem müssen wir mit Captain Seth noch aushandeln wer alles mit nach Genro soll außer Zoya“, gab Stella zu bedenken.
„Also!“, hub Chiron an. „Ich werde mit meiner Enkelin nach Genro fliegen. Wie sieht es mit Dir aus Tarja? Kommst du mit?“
Die Angesprochene atmete tief durch. „Sicher. Was bleibt mir anderes übrig. Und ich möchte wetten, dass Apophis und Jody auch mitkommen.“
Beide nickten zustimmend, was Zoya ein begeistertes Lächeln ins Gesicht zauberte.
„Was wohl die anderen gemacht haben?“, sinnierte Colras laut.
„Wen von all denen meinst du?“, fragte Sitral.
„Ich meine unsere Leute auf der Erde, aber vor allem all diejenigen auf Genro und schließlich auch auf Festrid“, antwortete der Tiger.
„Das werden wir in Kürze erfahren und ich hoffe, dass es keine Katastrophen gab und gibt.“
„Wenn ich ehrlich sein soll, ich würde sogar wissen wollen wie es Samantha geht“, entfuhr es Andrew und erntete dafür einen scharfen Blick seitens Kira.
„Captain, ich habe Norad in der Leitung“, unterbrach Sitral die Unterhaltung.
„Ausgezeichnet. Auf den Schirm“, befahl die Stute.
„Verbindung kommt“, bestätigte die Schneeleopardin.
Das Konterfei des amtierenden Stabschefs Zoran Grain erschien. „Willkommen zurück. Ich erwarte umgehend einen Bericht. Captain!“, forderte er barsch auf.
„Hallo General Grain“, leitete Melina die folgende Konversation ein.
„Kommen sie bitte gleich zum Punkt. Die Zeit drängt“, unterbrach dieser gleich und tippt auf die Uhr an seinem Handgelenk.
„Wie sie wünschen“, setzte die Stute fort und berichtete von den Entdeckungen auf LV426 und den darauffolgenden Schlussfolgerungen.
Das Gesicht von Grain verfinsterte sich sichtlich mit jedem Detail. Plötzlich schrillte der Türsummer seines Büros.
„Einen Moment. Ich stelle unsere Verbindung in den Hintergrund und melde mich wieder. – Herein!“