Kapitel 52
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Kapitel 52
die Wahrheit?
Der verloren geglaubte Inhalt des Sarkophages hatte sich wieder angefunden. Er hockte zitternd in der Nische und starrte dem Licht der Taschenlampe entgegen.
„Oh, mein Gott“, entfuhr es Friggs.
Die Arbeiter sahen das Jaguarweibchen und flüchteten unter lautem Geschrei ins Freie.
Apophis löste sich aus seiner Starre und kroch auf seinen Knien langsam auf sie zu.
„Hallo“, sagte er und senkte die Taschenlampe.
Die Jaguarin sah ihm direkt in die Augen, zitterte aber immer noch.
„Mein Name ist Apophis und ich werde dir nichts tun. Auch die anderen sind Freunde.“ Er deutete mit einer ausladenden Geste durch das Grabmal.
Der Blick des Weibchens klärte sich allmählich und sie sah von Einem zum Anderen. Als sie Friggs sah, fletschte sie die Zähne.
Apophis drehte sich zu ihm um. „Es ist vielleicht besser, wenn du gehst. Ich glaube, dass sie etwas gegen Menschen hat.“
„Hmhm. Es hat den Anschein.“ Er wandte sich dem Ausgang zu: „Wenn ihr Hilfe braucht, ich warte am Eingang.“
Der Tigerkater nickte und der Wissenschaftler verschwand.
„Der Mensch ist weg und du brauchst dich vor nichts und niemandem zu fürchten“, sagte er sanft.
Apophis deutete auf sich und sagte nochmals: „Ich bin Apophis.“
Die Jaguarin schien zu verstehen, deutete auf sich und öffnete den Mund um etwas zu sagen. Aber es kam nur ein gequältes Hauchen dabei heraus.
„Versuch nicht zu sprechen. Schone dich lieber. Kannst du aufstehen? Wir bringen dich dann hinaus.“
Das Weibchen schaute ihn an und Apophis merkte, dass sie nichts verstand.
Er drehte sich zu Tarja um. „Jetzt haben wir einen 5.700 Jahre alten Anthro gefunden und der versteht uns nicht. Was schlägst du vor?“
Tarja erhob sich, ging geduckt auf die Jaguarin zu und hockte sich neben sie. Sie deutete mit dem Finger auf sie und dann auf den Ausgang. Nachdem Tarja diese Geste dreimal wiederholt hatte, schien das fremde Weibchen begriffen zu haben was sie vor hatten und nickte zustimmend. Sie erhob sich und stützte sich mit ihren Armen auf Apophis und seine Mutter. Schritt für Schritt verließen sie die Grabkammer und traten schließlich ins Sonnenlicht.
Die Sonne stand im Zenit und das Jaguarweibchen riss schützend beide Hände vor's Gesicht.
„Wir brauchen eine Decke und zwar schnell“, schrie Tarja.
Eilig kam einer der Arbeiter angerannt, trat direkt vor die drei und wollte die Decke der Jaguarin über den Kopf legen.
Die schien jedoch eine Gefahr zu wittern und fauchte ihn an.
Erschrocken ließ er von seinem Tun ab. Apophis griff nach der Decke und nahm sie ihm ab. Behutsam legte er sie ihr über die Schultern, bedeckte damit ihren Körper und zog das freie Ende über ihr Haupt. Diesmal ließ sie es geschehen und zeigte keinerlei Gegenwehr. Irritiert schaute der Arbeiter zu Apophis.
„Sie scheint ein Problem mit Menschen zu haben. Sag allen Bescheid, dass sie sich von ihr fernhalten sollen.“
Der Arbeiter nickte kurz und rannte quer über den Platz und ins nächstgelegene Zelt.
Friggs hatte etwas abseits vom Eingang gewartet, rauchte eine Zigarette und hielt sich bisher im Hintergrund. „Ihr solltet sie in den Besprechungsraum bringen. Dort ist es ruhig und abgeschirmt.“
Tarja drehte sich zu ihm um. „Danke! Das ist eine gute Idee.“
Da saßen sie nun. Das fremde Weibchen trank nicht nur einfach ein Glas Wasser nach dem anderen, sondern stürzte es literweise hinunter.
„Sie ist total dehydriert“, flüsterte Tarja ihrem Sohn zu.
„Wir sollten ihr noch etwas Zeit geben und sie mit unseren Fragen nicht zu sehr bedrängen“, raunte er zurück.
Die Jaguarin schien ihren Durst gestillt zu haben und machte sich jetzt über den Brocken rohen Fleisches her, der auf dem Teller zu ihrer Linken lag. Gierig schlug sie ihre Zähne hinein und riss ein Stück nach dem anderen heraus, um es anschließend hinunterzuschlucken. Nachdem auch das geschehen war, konzentrierte sie sich auf die beiden Tiger, die ihr direkt gegenüber saßen.
Es klopfte.
„Ja?“, rief Tarja und sechs Raubkatzenaugen blickten zur Tür.
Sie wurde geöffnet und Sinja erschien. Man sah deutlich, dass sich die Jaguarin wieder entspannte.
„Komm rein“, forderte Apophis sie auf. „Sind noch mehr gekommen?“
Die Füchsin nickte und nach und nach traten Grey, Syrgon, Wotan, Sirius, Cyron und auch Stella ein. Die Tigerin schloss die Tür hinter sich und zeigte damit an, dass nun alle Interessierten erschienen waren. Es herrschte eine bedrückende Stille.
Etwa zehn Minuten später platzte Apophis der Kragen. „Okay. So wird das nichts. Wir gaffen uns doch nur gegenseitig an.“
Er deutete wieder auf sich. „Apophis.“
Dann zeigte er auf seine Mutter. „Tarja.“
Nacheinander stellte er auf diese Art und Weise die ganze anwesende Gruppe vor. Das Jaguarweibchen hob ihren Arm, zeigte auf sich und versuchte erneut zu sprechen. Auch diesmal gelang es ihr wieder nicht. Sie blickte traurig zu Bo-den.
Plötzlich hob sie den Kopf, blickte mit leuchtenden Augen zu Apophis und begann zu gestikulieren. Der sah ihr dabei aufmerksam zu und Begriff was sie wollte. Er sah sich um, fand das Gesuchte und legte Papier und Bleistift auf den Tisch vor ihr.
Sie nahm alles an sich und begann zu schreiben oder sollte man es eher malen nennen? Anschließend schob sie das Papier zu ihm zurück, deutete darauf und dann auf sich. Auf dem Papier standen Symbole.
Die anderen standen auf und schauten ebenfalls auf die seltsamen Zeichen.
Plötzlich stockte Stella der Atem.
„Ich habe das schon mal gesehen“, sagte sie aufgeregt.
„Wo?“, fragte Grey.
„In den Zeitschriften die wir im Flugzeug gelesen haben, im Kontrollraum im Grab und auch im Raumschiff. Das sind Hieroglyphen in Kursivschrift.“
Apophis schloss die Augen und schien sich zu konzentrieren.
Stella und Tarja beobachteten ihn aufmerksam. So saß er ganze zwanzig Minuten und auch die Jaguarin fixierte ihn aufmerksam.
Unvermittelt nahm er seine Hände vom Gesicht, schaute das Weibchen an, dann auf den Zettel und dann wieder auf das Weibchen. „Anch Djelestral! Ta seneb sechem pechti em set.”
Das Weibchen bekam ein unheimlich strahlendes Leuchten in den Augen und dem Rest der Gruppe fielen die Kinnladen runter, vor allem Tarja. „Verstehst du etwa, was sie uns sagen will?“
„Ja“, entgegnete er. „Ich weiß auch nicht warum. Aber mir fielen plötzlich diese Hieroglyphen, die Schriftzeichen in unserem Schiff und die im Nebenraum der Grabkammer und all ihre Bedeutungen ein. Somit dürfte ich in der Lage sein, mich mit ihr zu verständigen.“
Stella grinste begeistert. „Was hast du ihr gesagt?“
„Ich habe lediglich gesagt: „Leben Djelestral. Gesundheit, Kraft und Macht seien mit dir.“
Tarja war außer sich vor Freude. „Sie heißt also Djelestral?“
Apophis nickte zustimmen.
„Das ist fantastisch“, hauchte Sinja zu Grey.
„Vielleicht finden wir jetzt endlich heraus, was alles zu bedeuten hat“, sagte er.
Apophis konzentrierte sich ganz auf Djelestral und sprach sie entsprechend an. Djelestral schüttelte den Kopf und malte weitere Hieroglyphen auf das Pa-pier. Der Tigerkater schaute kurz hin. „Selestral?“
Die Jaguarin nickte.
„Ah. Da muss ein Übersetzungsfehler drin gewesen sein. Sie heißt Selestral.“
Die Jaguarin fing plötzlich an zu weinen.
Stella nahm ein Tuch, setzte sich neben sie und wischte ihr das Gesicht ab.
Da geschah etwas Überraschendes. Selestral drückte ihren Kopf gegen Stellas Schulter und hielt sie umschlungen. Stella war verdutzt und traute sich nicht, sich zu bewegen.
„Mich würde interessieren was sie alles erlebt hat“, sinnierte Syrgon.
„Das werden wir bald herausfinden“, entgegnete Apophis. „Aber zunächst soll-ten wir es dabei belassen und uns allen etwas Ruhe gönnen, vor allem ihr.“
„Gut. Du solltest versuchen ihr klar zu machen, dass ihr keinerlei Gefahr von den Menschen droht, die hier im Lager sind. Ich will verhindern, dass sie womöglich jemanden angreift und tötet.“
Apophis sah Selestral an. „Selestral! Heri-tep aperu set ach ii sa maat.“
Die Jaguarin sah ihn schief und mit scharfem Blick an. Apophis streckte seine Hände vor und drehte zusätzlich, als Zeichen seiner Aufrichtigkeit, die Handflächen nach oben. Selestral verstand was er sagte und auch die Geste. Sie seufzte vernehmbar und nickte schließlich.
„Meinst du, sie hat dich verstanden?“, fragte Tarja unsicher.
„Ich denke, ich konnte mich verständlich machen. Zumindest anteilig“, erwiderte er.
Sie standen alle auf und verließen den Raum. Selestral lauschte intensiv ihren Gesprächen und schien zu versuchen die ihr unbekannte Sprache aufzunehmen und zu verstehen.
Als sie ins Freie trat, wichen die Arbeiter furchtvoll zurück. Ihre offensichtliche Aggressivität gegenüber Menschen hatte sich schnell herumgesprochen.
Als sie das Laborzelt betraten, trafen sie auf Friggs. Der sah die Chafren und ihre neue Begleiterin. Ohne über seine Reaktion nachzudenken ging er drei Schritte zurück und hob die Hände hoch.
„Hab keine Angst“, sagte Sinja. „Apophis hat ihr glaubhaft vermitteln können, dass die Menschen hier im Lager keine Feinde sind. Zumindest nehmen wir das an.“
Friggs staunte und sah fragend zu Apophis.
„Wie hast du das angestellt? Spricht sie unsere Sprache?“
Der Kater antwortete nicht, sondern reichte nur Selestrals Zettel rüber. Der guckte kurz drauf und bekam große Augen.
„Das sind ja Hieroglyphen! Wie bei allen verfluchten Göttern ist sie dazu in der Lage?“
„Tja“, sagte Stella, „wie es aussieht sind die Hieroglyphen nicht nur eine altägyptische Schrift, sondern auch die Urschriftform dieser Anthrospezies.“
„Das kann nicht sein. Wir haben niemals etwas so genau übereinstimmendes gefunden. Es gab und gibt nichts identisches. Die anderen Schriften, egal ob hebräisch, Keilschrift oder frühes babylonisch, haben gravierende Abweichungen. Ganz zu schweigen von einer Form der noch früheren Keilschrift oder des koptischen.“
„Dann gibt es nur wenige Möglichkeiten“, sagte Shana.
Alle drehten sich ruckartig um.
„Hallo, meine Lieben“, sagte sie.
„Shana, Gregor“, rief Friggs erfreut. „Ihr seid wieder da. Und habt ihr den Professor befreien können?“
„Ja. Wir sind vor fünfzehn Minuten eingetroffen und haben Skort unserem Arzt anvertraut.“
„Welchem Arzt? Du meinst doch nicht etwa diesen Viehdoktor, der zu den Arbeitern gehört?“
„Nein, nein. Nicht doch den. Finlay kümmert sich wirklich rührend um ihn.“
„Na, dann bin ich ja beruhigt“, Friggs atmete sichtlich auf.
„Nachdem, was wir soeben mitbekommen haben, seid ihr scheinbar auf ein paar sehr interessante Dinge gestoßen.“
„Und ob“, platzte Tarja heraus. „Ich freue mich, dir unseren Zuwachs vorstellen zu dürfen.“ Die Tigerin trat an die Seite der Jaguarin und schob sie sanft ein Stück in Shanas Richtung.
Die guckten sich beide ungläubig an.
Plötzlich trat Selestral einen Schritt auf die Wissenschaftlerin zu, die wich zu-rück. Aber das sollte das Jaguarweibchen nicht von seinem Vorhaben abhalten.
Sie trat wiederholt einen Schritt vor und wieder wich Grant zurück. Das Spiel hätte sich beliebig wiederholen können, wenn Shana nicht rückwärts gegen eine Tischkante gestoßen und nun zwischen dieser und dem Raubkatzenweibchen eingeklemmt gewesen wäre.
Selestral nutzte die Gelegenheit aus, näherte sich Shana auf Haaresbreite, schaute ihr intensiv in die Augen, schnupperte sehr auffällig an ihrem Hals und ihrem Gesicht. Der Wissenschaftlerin wurde es mehr als nur mulmig zu mute, immerhin wusste sie nicht woran sie war und rechnete sogar mit einem plötzlichen Angriff.
Es geschah aber unerwartet etwas ganz anderes. Selestral ergriff Shanas Hand, streichelte sie und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Verblüffung machte sich breit. Wenn alle mit irgendwas gerechnet hatten, bestimmt nicht damit.
„Sieht aus, als ob sich die beiden kennen würden“, kicherte Gregor Binder.
„Hör auf zu kichern du Maulwurf. Ich habe keine Ahnung was das gerade sollte und werde nicht schlau draus. Dieses Jaguarweibchen wirkt auf mich seltsam vertraut, obwohl ich es nie zuvor gesehen habe. Wo kommt sie eigentlich her?“
„Sie lag im Sarkophag“, sagte Apophis und verzog keine Miene.
„Dann haben wir jetzt einen lebenden Hethiter vor uns“, schlussfolgerte Andrew.
Apophis und Shana nickten gleichzeitig.
„Vielleicht ist sie sogar einer der Cherit?“, warf Apophis in den Raum.
Selestral wirbelte zu ihm herum, ging auf ihn zu, machte den Mund auf und sagte laut und deutlich vernehmbar: „Selestral, tepi aa setepi scherit.“
Stella traute ihren Ohren kaum, genau wie die anderen.
Apophis grinste breit, Andrew starrte ungläubig, Shana saß glücklicherweise schon auf der Tischkante und Gregor musste sich erst mal festhalten. Leider dachte keiner an Friggs. Der verlor genau in diesem Moment kurz das Bewusstsein und fiel ungebremst in den Wüstensand.
„Verdammt“, entfuhr es Shana. „Schnell, helft mir mal. Wir müssen den Doc wieder auf die Beine bringen.“
Andrew stand direkt daneben, als Friggs stürzte. „Ich fürchte, das war etwas zu viel für den Guten“, sagte er und hob ihn hoch. „Wo soll ich ihn hinbringen?“
„Leg ihn erst mal auf den Tisch und bringt mir Wasser. Er scheint total ausgetrocknet zu sein.“
„Wieso haben wir das nicht bemerkt?“, fragte Tarja in die Runde.
„Wir waren zu sehr mit anderen Sachen beschäftigt und haben nicht drauf geachtet“, antwortete Sinja.
Friggs kam wieder zu sich.
„Pscht. Bleib liegen. Du bist ohnmächtig geworden. Es ist aber nichts passiert.“
„Ich hatte einen seltsamen Traum und darin sprach ein Jaguaranthro die alte Sprache.“
Shana lächelte. „Das war kein Traum. Selestral ist tatsächlich dieser frühen Sprachform mächtig.“
Friggs schob Shana beiseite und setzte sich auf. Er musterte Selestral. „Dann ist es also wahr. Die Cherit sind die Hethiter, nannten sich selbst scherit, die Ägypter chettim und waren vor 5.700 Jahren schon auf der Erde. Ich glaube, wir sollten die Jaguardame mal aushorchen. Da scheint sich etwas herauszukristallisieren. Nur werde ich im Moment nicht schlau daraus.“
Andrew betrat das Zelt und hielt ein Glas Wasser in der rechten Hand. Shana nahm es ihm ab und reichte es Friggs. Der trank es in einem Zug aus.
Apophis versuchte sich derweil mit Selestral zu unterhalten und es schien recht gut zu gelingen. „Selestral. Djed wen anch?“
„Anch cheft djeba cha cha cha cha cha cha.“
„Hat sie sich jetzt verschluckt oder stottert sie?“, fragte Grey.
„Sie hat gezählt“, erwiderte Apophis. „Die altägyptische Sprache kannte nur das dezimale System. Wenn man also 16.000 sagen wollte, dann musste man zuerst die 10.000 nennen und dann die 1000er Schritte sooft aufzählen bis die gewünschte Zahl erreicht war. Ihre Geschichte begann also vor 16.000 Jahren und zwar hier auf der Erde. Damit haben wir den lebenden Beweis, dass es Cherit auf der Erde gab und das noch vor den Ägyptern und den anderen Hochkulturen.“
„Das wirft alle Geschichtsbücher über den Haufen“, sinnierte Binder. „Somit würde es auch stimmen, dass die Cherit und die Hethiter identisch sind und die Gegner von Ramses II waren. Allerdings lebten die schon Ewigkeiten vor den Pharaonen. Was ist da bloß passiert?“
„Is in ii“, sagte Selestral plötzlich und verschwand aus dem Zelt. Die Anderen konnten sich nur wundern.
„Was hat sie vor?“, fragte Andrew.
„Keine Ahnung, aber ich denke mal, dass wir es gleich erfahren werden“, antwortete Gregor.
Und genauso war es.
Keine fünf Minuten später tauchte die Jaguarin wieder auf und streckte Apophis eine Papyrusrolle entgegen. „Qenbet medjat ach imi.“
„Dieser Papyrus sollte für den Notfall sein. Wahrscheinlich für den Fall, dass das Stasisfeld versagt und sie stirbt“, erklärte Apophis kurz.
Er entrollte das Papyrus und begann vorzulesen.
„Ich bin Selestral vom Clan der Jaguare. Wir und noch viele andere Cherit kamen vom Planeten Festrid. Wir waren ein Volk, welches vor 5.400.000 Jahren entstand und friedlich lebte. Wir kannten keine Kriege und keine Waffen, bis auf Speere und Pfeil und Bogen, die wir für die traditionelle Jagd einsetzten. Wir huldigten unseren Göttern, denen wir unsere Existenz verdankten.
Ich möchte berichten was uns widerfuhr und gleichzeitig eine Warnung für alle Nachfolgenden aussprechen.
Nehmt euch in Acht vor vielen Menschen, auch wenn sie anfangs nett erscheinen und freundlich sind, so kann ihr falscher Glaube zur Katastrophe führen und sich gegen euch richten. So ist es uns widerfahren und wir haben teuer dafür bezahlt.
Unser Volk entwickelte sich sehr rasch. Wir konzentrierten uns auf Versorgung und Fortschritt. Niemand sollte Not erleiden müssen, das war unser oberstes Ziel. Innerhalb von 2.000.000 Jahren hatten wir einen technologischen Standard erreicht, der seines gleichen suchte.
Wir hatten die Fähigkeit erworben das Leben zu verlängern, Gene zu manipulieren, das Wetter zu kontrollieren und den Weltraum zu bereisen. Wir hatten alles erreicht, nur das All war die letzte große Herausforderung für uns.
Zunächst entwickelten wir einen lichtschnellen Antrieb und bereisten die nähere Umgebung. Was wir fanden war erschütternd. Wir stießen fast nur auf Feindseligkeit und Machtgier, welche uns vollkommen fremd waren. Mehrere unserer Forschungsgruppen kehrten von ihren Reisen nicht zurück und die, die es schafften, waren angegriffen worden und berichteten erschreckendes.
Wir beschlossen daraufhin uns wohl oder übel bewaffnen zu müssen. Wir steckten unser ganzes Wissen in den Aufbau von Verteidigungssystemen und rüsteten damit unsere Schiffe aus. Wir wurden von fremden Rassen mehrfach angegriffen und schafften es die Aggressoren zurückzuschlagen. Wir nahmen eine feste Position in unserem Raumgebiet ein und trieben regen Handel mit den einstigen Feinden.
Innerhalb der nächsten 900.000 Jahre wuchs unsere Bevölkerung massiv an und es drohte der Kollaps durch eine Überbevölkerung. Wir entschlossen uns daher, ein gewaltiges Raumschiff zu bauen. Es war so gigantisch, dass wir es nicht auf Festrid montieren konnten, sondern in einer Umlaufbahn um unseren Planeten. 500 Jahre lang waren Generationen unserer besten Spezialisten mit dem Bau beschäftigt. Zeitgleich wurde an einer Lösung für das Problem der Geschwindigkeitsbegrenzung gearbeitet. Lichtgeschwindigkeit war einfach zu wenig, wenn man einen weiteren unbewohnten Planeten finden wollte, um ihn anschließend zu besiedeln.
Nach vierhundert Jahren und damit hundert Jahre vor der Fertigstellung des Schiffes, hatten unsere Wissenschaftler die Lösung gefunden. Sie hatten einen Generator entwickelt, der in der Lage war den Raum und die Zeit zu falten. Damit waren wir in der Lage die Lichtgeschwindigkeit zu überlisten und scheinbar dreißig mal schneller als das Licht zu reisen. Die nächsten fünfzig Jahre vergingen mit Tests. Der Generator erwies sich als die Alternative.
Allerdings stellten wir fest, dass bei jeder Nutzung Zeit verloren ging.
Durch die Faltung des Raumes wurde auch die Zeit gekürzt. Ein unangenehmer Nebeneffekt, aber da er sich auf das gesamte Universum auswirkte, kam es zu keinerlei Diskontinuität. Damit war das Problem zu vernachlässigen.
Der Generator wurde nachgebaut, extrem vergrößert und in das Schiff eingebaut. Zehn Jahre vor Fertigstellung des Schiffes wurden Freiwillige gesucht, die die Reise wagen wollten. Dabei kam es darauf an, dass es von jeder Art unserer Bevölkerung zwei Pärchen sein mussten. Nach einem Jahr war es soweit, die Besatzung war komplett. Es handelte sich um je zwei Pärchen der Tauren und der Anthros in den verschiedensten Fassetten. Wir richteten uns im Schiff ein und starteten.
Innerhalb von kürzester Zeit hatten wir zweihundert Welten entdeckt, aber alle waren schon besiedelt. Also flogen wir weiter und erreichten ein viel versprechendes System, mit einem Stern vom Typ G und einem dritten Planeten, der in der Lage schien, Leben zu tragen. Wir scannten ihn und fanden sehr viele unbewohnte Gebiete. Leider existierte auch hier eine anthropomorphe Spezies, welche nackte Haut hatte und lediglich eine Kopfbehaarung besaß. Damit war auch dieser Planet ausgeschieden.
Wir wollten gerade abdrehen und weiter suchen, als wir von einem Meteoritenschauer getroffen wurden. Er traf uns so unerwartet, dass wir keine Möglichkeit hatten die Schutzschilde des Schiffes auf volle Leistung zu bringen.
Mehrere Brocken trafen die Außenhülle und zerstörten einige Sektionen, auch der Generator wurde durch einen glatten Durchschlag beschädigt. Damit waren alle Hoffnungen begraben. Wir entschlossen uns, das Risiko einzugehen, teilten uns auf mehrere Gruppen auf und landeten auf verschiedenen Kontinenten des Planeten. Unsere Gruppe ging in der Nähe eines Urwalds runter, welcher sich auf einem Kontinent der westlichen Hemisphäre erstreckte. Wir verließen unser Schiff und versteckten uns im Urwald.
Die Lebensbedingungen hier waren ideal. Wir fühlten uns wie zuhause und wollten diesen Planeten eines Tages nicht mehr verlassen. Die einheimische Spezies, die sich selbst als Mensch bezeichnete, kam auf uns zu und erschien zunächst freundlich. Sie begriffen, dass wir nicht von ihrer Welt stammten und aus dem All kamen.
Dann geschah jedoch das Unfassbare. Um uns herum wurde ein Kult, eine Götterverehrung aufgebaut, in deren Mittelpunkt wir standen. Das kam uns gar nicht recht und wir versuchten uns dagegen zu wehren. Aber es war vergebens. Im Laufe der Jahrzehnte wuchs sich diese Verehrung immer weiter aus und nahm bizarre und oftmals brutale Züge an. Uns wurden blutige Menschenopfer dargebracht. Wir wussten nicht warum, waren unsere Sprachen doch zu unter-schiedlich. Später begriffen wir, um was es den Menschen ging.
Sie verlangten von uns sie vor bösem zu bewahren und das Wetter positiv zu beeinflussen. Wir wären dazu in der Lage gewesen, weigerten und jedoch strikt die Technologie anzuwenden.
Das erzürnte das Volk der Maya und sie griffen uns an. Wir mussten uns gezwungenermaßen verteidigen und streckten viele von ihnen nieder. Die Reste derer zogen sich zurück und verschwanden für immer. Wir entschlossen uns den Kontinent zu verlassen und nach einem anderen Ort zu suchen, an dem es keine Menschen gab. Wir waren ihrer Gesellschaft überdrüssig geworden, zogen ostwärts und kamen an ein Meer.
Wir suchten nach einer Möglichkeit das Wasser zu überqueren und fanden schließlich mehrere primitive Boote, nahmen sie in Besitz und ließen uns von den Strömungen treiben.
Nach Monaten erreichten wir endlich wieder festen Boden und setzten unsere Suche per Pfoten fort. Nach Wochen erreichten wir ein Gebiet, in dem kein Mensch lebte. Es handelte sich um eine riesige Wüste, südlich eines Meeres gelegen. Es gab mehrere kleinere Oasen und einen großen Fluss. Hier wollten wir uns ansiedeln. Das Problem war lediglich die Versorgung mit Wasser.
Unsere Wissenschaftler fanden auch hier schnell eine Lösung. Sie leiteten den Fluss, den wir auf den Namen Nil tauften, um. Unsere Gruppe vergrößerte sich ständig, bedingt durch natürlichen Nachwuchs. Um das Problem der Inzucht in den Griff zu bekommen, kombinierten wir die natürliche Reproduktion mit unserer Gentechnik. Außerdem nutzten wir die einheimischen Wildtiere um uns auch in ihnen fortzupflanzen.
Die anderen Gruppen hatten in der Zwischenzeit ähnliche Erfahrungen gemacht wie wir und zogen ebenfalls aus ihren ausgesuchten Gebieten ab. Wie der Zufall es wollte, trafen alle wieder zusammen und wurden für die nächsten 7.000 Jahre sesshaft. In dieser Zeit beobachteten wir mir wachsender Sorge die Entstehung von Ober- und Unterägypten, die Fehden der Pharaonen, die wechselnden Herrscherkasten, die einfallenden Hyksos und Babylonier, die Streitigkeiten mit den Assyrern.
Wir wollten uns aus allem heraushalten, wurden aber entdeckt und man baute Handelsbeziehungen mit uns auf.
Es entwickelte sich scheinbar zu unseren Gunsten. Die Ägypter schienen friedliebender zu sein wie andere Völker. Man trat mit vielen Bitten an uns heran, besonders was die Unterstützung beim Bau von Monumenten anging.
Unsere Spezialisten halfen nach besten Kräften und nutzten unsere Technologie. Es entstanden Tempel und Pyramiden von gigantischen Ausmaßen. Leider wurden wir auch hier nach und nach zu Göttern erhoben, allerdings verzichtete man auf Opfergaben. Die Ägypter versuchten uns gefällig zu sein und erlernten unsere Sprache und unsere Schrift. Sie nannten sie Hieroglyphen. Somit hatten wir innerhalb kurzer Zeit eine gemeinsame Verständigungsbasis geschaffen.
Dann kam Amenophis IV., nannte sich selbst Echnaton und verbannte uns als Götterwesen. Das war für uns kein großes Problem, denn man ließ uns gewähren und in Ruhe. Jahrzehnte später trat Ramses in Erscheinung, besann sich auf die alten Götter, stufte uns jedoch als Götterlästerer ein. Wir bekamen die Namen Hethiter und Chittim und wurden zu Feinden des ägyptischen Landes erklärt. Ramses rückte mit seinen Truppen gegen uns vor, um unsere Technologie zu erobern. Das gelang ihm nicht, er nahm jedoch Gefangene und kehrte nach Ägypten zurück. Er folterte unsere Artgenossen auf grauenhafte Weise und ermordete sie.
Unsere Kundschafter erfuhren davon und wir holten zum Gegenschlag aus. Wir mobilisierten all unsere Kräfte und rückten gegen Ägypten vor. Am Ende standen wir vor den Mauern Thebens, der Hauptstadt des Reiches. Ramses gab sich geschlagen, ließ unsere Freunde frei und es wurde ein Friedensvertrag geschlossen. Wir zogen wieder ab und beschlossen nunmehr die Erde, wie sie von den Menschen genannt wurde, für immer zu verlassen.
Dieser Planet war nur falsch, niederträchtig, zwiespältig und feindselig. Wir riefen alle Teile unserer Gruppen zusammen, errichteten unterirdische Anlagen und verschwanden von der Oberfläche.
Wir bauten aus widerstandsfähigen Materialien ein Schiff zusammen, welches uns von der Oberfläche bringen sollte. Der Bau dauerte lange und war erst mit dem Auftauchen eines Volkes namens Römer beendet.
Nun sitze ich hier, habe diese Zeilen geschrieben und meine Freunde werden am morgigen Tag diesen Planeten verlassen. Ich werde als Vermächtnis in Sta-sis versetzt und zurückgelassen. Mögen die Götter unseren Weg schützen und uns eines Tages einen für uns wirklich geeigneten Planeten finden lassen.“
Das war genau das, was sie alle gesucht hatten. Damit waren alle ihre Fragen mit einem Schlag beantwortet und Andrew fasste die Informationen laut zusammen. Scheinbar wollte er sich auf diese Art und Weise selbst mit dem Unfassbaren vertraut machen.
„Okay, fassen wir jetzt mal alles zusammen. Auf dem Planeten Festrid entwickelt sich eine Bevölkerung und die besteht aus fast all den Arten die wir kennen. Diese Zivilisation expandiert und bevölkert am Ende jeden Winkel des Planeten. Es sind so viele, dass man nur einen Entschluss fassen kann, der da lautet, dass man in den Weltraum auswandert und eine neue Kolonie gründet.
Es wird ein Raumschiff gebaut und der Exodus beginnt. Sie treffen nach Jahrzehnten auf die Erde, finden eine extrem primitive Bevölkerung vor und beschließen weiter zu fliegen. Das Schiff jedoch wird beschädigt. An einen Weiterflug ist nicht zu denken, nur noch an eine Landung auf der Erde. Die Besatzung teilt sich auf die verschiedenen Regionen des Planeten auf und lebt neben den Menschen, aber ohne Kontakt zu ihnen.
Die Menschen breiten sich aus und treffen auf die Cherit. Sie werden als Götter verehrt und die Verehrung nimmt unangenehme Formen an. Die Cherit schreiten ein, werden aber vertrieben. Es kommt zum Kampf und zur anschließenden Flucht.
Nach und nach landen alle im nördlichen Teil des späteren Ägyptens. Sie leiten den Nil um und urbanisieren das Land. Aber auch hier entwickelt sich eine sehr schnell wachsende Bevölkerung. Es kommt zum Kontakt. Auch hier wer-den die Cherit zu Göttern erklärt, allerdings verläuft hier alles friedlich. Die Cherit erleben die gesamte ägyptische Geschichte und eines Tages taucht Echnaton auf und verbannt die Götter an ihren Ursprung. Sie ziehen sich zu-rück und beobachten aus der Ferne. Dann wird Echnaton entfernt und Ramses kommt an die Macht. Er lässt die alten Götter wieder auferstehen und versucht Kontakt herzustellen. Das gelingt aber nicht zu seiner Zufriedenheit und er beschließt sich der Technik der Cherit zu bemächtigen. Er zieht in den Krieg, verliert und zieht sich zurück.
Die Cherit sind gewarnt und lassen Gruppen patrouillieren. Krieger von Ramses nehmen eine Patrouille gefangen und foltern sie. Sie sterben, was aber die Cherit nicht wissen. Eine weitere Patrouille findet es heraus und meldet es. Die Cherit nehmen die Herausforderung an und ziehen gegen Theben.
Sie überrennen die Truppen von Ramses und siegen. Da sie aber nicht rachsüchtig sind, wird ein Unentschieden ausgehandelt und sie ziehen sich zurück. Sie beschließen die Erde für immer zu verlassen. Selestral wird als Vermächtnis am Fuße der Grundmauern Thebens im Stasisfeld in ein Grabmal gelegt. Die restlichen Cherit verlassen den Planeten und das Volk der Hethiter verschwindet damit für immer, auf mysteriöse Weise von der Erde. Wohin weiß keiner.“
„Tja“, überlegte Apophis, „und dann tausende Jahre später kreuzen sich die Wege von Menschen und Cherit im Weltraum. Die Menschen sehen sofort eine Bedrohung und schießen. Es kommt zum Krieg. Es gibt keine Waffe gegen die Übermacht der Cherit.
Die Menschen beschließen eine biologische Abwehr aufzubauen die aus gezüchteten und konditionierten Cherit bestehen soll. Es klappt aber nicht und man gibt auf. Zeitgleich endet der Krieg und es wird ein Friedensvertrag unterzeichnet. Der Planet auf dem die Forschungen stattfanden heißt Genro und er wird umfunktioniert. Er soll ein Vergnügungsplanet werden, auf dem man intelligente Tiere jagen kann. Das Militär zieht sich aber nicht komplett zurück, behält zumindest eine Art Kontrollfunktion.
Die Wissenschaftler experimentieren mit Tieren von der Erde, verändern ihre Gene und erhalten als Resultat Andrew. Er schleust seine Intronenviren in weitere Wirte und unsere Spezies entstehen. Wir sind rekombiniert aus Zellen die schon lange vorhanden waren, nämlich durch die Geneinschleusungen der Cherit vor mehr als 15.000 Jahren. Damit sind wir kein Zufallsprodukt, sondern lediglich eine Rückzüchtung aus bereits vorhandenem Material.“
„Das bedeutet, dass wir keine Chafren sind sondern Cherit?“, fragte Sitara.
„Fast. Wir sind schon Chafren, aber direkte Nachfahren und Verwandte der Cherit. Wir haben die selben Gene.“ Cyrons Augen leuchteten. „Wir sind eine echte Spezies und sind nicht rein künstlich erzeugt. Wir haben durch unsere Cheritvorfahren eine Kultur die vor 5.400.000 Jahren entstand. Wir waren technisch sogar weiter entwickelt als die Menschen es heute sind.“
Alle begriffen die Tragweite dieser Entdeckungen.
„Unsere Götter sind keine Menschen, die alten Schriften sagen die Wahrheit. Vielmehr sind wir, egal ob Cherit oder Chafren, für die Menschen wie Götter“, triumphierte Helios.