Kapitel 51
Imported from SF2 with no description provided.
Kapitel 51
Befreiungen
Mittlerweile war das Quintett im Gleiter erwacht, hatte sein Fluggerät verlassen und schlich durch die Straßen des Ortes.
Hin und wieder trafen sie auf Menschen, welche stehen blieben, sehr interessiert schauten, aber letztendlich abwinkten und weiter gingen.
In Gary wurden in der Vergangenheit des Öfteren Anthrocons abgehalten und daher wunderte sich niemand mehr, wenn plötzlich ein aufrecht gehender Löwe, Tiger oder auch Fuchs seinen Weg kreuzte. Lediglich die Perfektion ihrer Suits sorgte für Erstaunen.
Als jedoch ein Mädchen in Begleitung ihrer Eltern, unbedingt näher an Kira heran wollte, liefen sie Gefahr aufzufliegen.
„Papa, darf ich die mal streicheln?“, rief die Kleine.
„Warum willst du das denn? Das ist doch nur ein Mensch in einem Kostüm“, entgegnete ihr strenger Erzeuger.
Aber das Mädchen hatte ihren eigenen Kopf schon durchgesetzt und hing Kira am linken Bein. „Das ist doch aber kein Kostüm, Papa“, rief sie auf einmal. „Die Katze ist ganz kuschelig und warm.“
Der Vater erschrak sichtlich. Weniger wegen der Äußerung seiner Tochter, vielmehr weil diese die Luchsin plötzlich mitnehmen wollte und das ging dann wirklich zu weit. Und als Kira sich hinhockte, der Kleinen den Sachverhalt erklärte und nebenbei sanft schnurrte, überlegte die es sich nochmal und ließ von ihrer Idee ab.
Der Vater bedankte sich noch schnell und verschwand schleunigst von der Bildfläche, bevor sein Töchterchen noch auf die Idee kam den überproportionierten Andrew mitschleppen zu wollen.
„Puh“, sagte Binder, „das war knapp.“
Im Schutze der Dunkelheit hatten sie nach weiteren zwanzig Minuten das Haus des Konzils erreicht. Sie sahen sich um, kein Mensch war weit und breit zu sehen. So vorsichtig sie konnten, kletterten sie über den Zaun und betraten das Grundstück. In Zickzacklinien und immer wieder in Deckung gehend, näherten sie sich dem Gebäude.
Im untersten Stockwerk brannte Licht.
Sie mieden die Lichtkegel und schlichen sich in einem weiten Bogen an die Fassade.
„Ich will versuchen einen Blick hineinzuwerfen“, flüsterte Shana.
Sie hielt sich an den sehr starken Efeuranken, die das Haus umhüllten fest und zog sich daran hoch. Vorsichtig blickte sie durch das Fenster.
Sie schaute in die Bibliothek und erstarrte. Da saß der Professor und erzählte mehreren Personen irgendetwas. Was, dass konnte sie nicht hören. Aber die Gesichter der Zuhörer sagten alles. Sie mussten Skort die Wahrheitsdroge gespritzt haben und nun wussten alle was Sache war. Die Nummer war gelaufen. Genauso gut hätte alles in der Spätausgabe der Times stehen können.
Sie ließ sich wieder hinab. „Okay, aus der Nummer kommen wir nicht mehr raus. Sie haben Skort die Wahrheitsdroge gespritzt. Jetzt wissen alle Bescheid, auch über uns und unseren Aufenthaltsort sowie über die Funde. Wir marschieren da jetzt rein und schnappen uns den Professor. Schlimmer kann es eh nicht mehr werden. Außerdem werden wir sie bestimmt überraschen. Mit uns rechnet garantiert keiner.“
Gregor nickte und die beiden AnChafren hoben zustimmend die Waffen in die Luft.
„Was ist eine Wahrheitsdroge?“, fragte Pedro.
„Es ist eine künstliche Substanz, die in die Vene gespritzt wird. Ihr Fachausdruck lautet Natrium Penthotal. Einmal im Hirn angekommen, löst sie einen neurochemischen Prozess aus und trübt über Lähmung verschiedener Bereiche der Großhirnrinde die bewussten Wahrnehmungen. Das Hirn kann auf Fragen nicht mehr flexibel und ausweichend reagieren. Kurz gesagt, du kannst nicht mehr Lügen und sagst immer die Wahrheit. Daher auch der Name der Droge“, erklärte Binder.
„Die Lage ist also sehr ernst“, stellte Andrew fest.
Binder nickte nur.
„Also los“, sagte Kira.
„Was ist mit Wamanos passiert?“, fragte Andrew.
„Das hat gerade Urlaub“, entgegnete die Luchsin und grinste frech.
Wie eine Armee preschten sie zum Eingang, eröffneten das Feuer und traten die Eingangstür ein.
In der Tat waren die Wachmänner und auch Cromwell mehr als überrascht.
Kira und Shana schossen gleichzeitig und töteten die Wachleute. Cromwell suchte sein Heil in der Flucht und verschwand, feige wie er war, durch die Hintertür. In der Bibliothek hatte man den Lärm und die Schüsse gehört und war aufgesprungen.
Krondal rannte zur Tür und wollte sie öffnen, aber Andrew kam ihm zuvor. Er wurde von der aufgestoßenen Tür am Kopf getroffen und ging zu Boden.
„Guten Tag, meine Herren“, sagte Andrew betont freundlich.
Die vier angesprochenen Personen zuckten entsetzt zusammen.
„Sie brauchen keine Angst zu haben, wir wollen ihnen nichts tun. Wir holen lediglich einen Freund ab.“
Shana war an Andrew vorbei geeilt und machte Skort los. Gregor half ihr dabei und sie nahmen den mittlerweile wieder bewusstlos gewordenen Professor in die Mitte und trugen ihn aus dem Haus.
„Wie ich sehe, haben sich hohe Gäste eingefunden“, wandte sich Andrew plötzlich wieder an die Anwesenden. „Das finde ich wirklich reizend und möchte ein paar Fragen an euch richten. – Was ist euer Problem? Warum sucht ihr ständig Streit und vor allem, warum müsst ihr ständig ein Feindbild haben? Ich meine, was ist in der Entwicklung der Menschheit schief gegangen, dass sie nicht friedlich leben kann und immer wieder für Macht, Profit oder einfach nur aus Lust und Spaß den Kampf sucht? Und hinterher heulen alle rum, weil sie sich eine blutige Nase geholt haben, so wie ihr jetzt gerade und das wird sich auch nicht ändern.
Aber ich sehe schon an euren Gesichtern, dass ich wohl keine Antworten erwarten kann. Wo sollten die auch herkommen? Da ist ja nichts! – Wir werden euch jetzt wieder allein lassen, damit ihr nachdenken könnt. Einen schönen Abend noch“, sagte Andrew und verschwand zusammen mit Kira von der Bildfläche.
Der Transport des Professors erwies sich schwieriger als gedacht. Unkontrolliert schwang sein Kopf, der vorne über gefallen war, hin und her.
Krondal kam wieder auf die Beine und sah sich um.
„Verrat!“, krähte er. „Sie sind alle samt unfähig. Sie hätten sie aufhalten müssen. Skort war unser Ass im Ärmel. Er war unser Pfand dafür, dass man die Ausgrabungsarbeiten einstellt.“
Smither ergriff das Wort: „Entschuldigen sie bitte, aber ich glaube, dass ich ab jetzt im Namen von uns allen spreche und ich wiederhole mich, wenn ich sage, dass wir gar kein Interesse daran haben, dass diese Wesen sterben.“
„Sie Narr! Sehen sie denn nicht, dass uns unsere Macht verloren geht, wenn wir die gewähren lassen?“
„Es geht hier nicht um Macht. Es geht hier um die Geschichte und die sollte der Wahrheit entsprechen. Wenn wir in der Vergangenheit Fehler gemacht haben, dann sollten wir die nicht vertuschen oder schön reden und schon gar nicht wiederholen.“
Krondal stand da als wäre er vom Blitz getroffen worden.
„Er hat vollkommen Recht, eure Exzellenz“, sagte Johnson. „Wenn sie ihren persönlichen Krieg führen wollen, dann tun sie das, aber lassen sie uns aus dem Spiel. Im Vertrauen sage ich ihnen jetzt noch etwas. Wir haben andere Pläne und sie sollten sich da nicht einmischen.“
„Ihr seid allesamt Ratten und miese Verräter. Ihr verkauft unseren Planeten an diese Viecher. Ihr seid Schuld, wenn die Menschheit ausstirbt.“
Johnson schüttelte den Kopf und verließ das Gebäude, die anderen folgten ihm kurze Zeit später.
Krondal ging zu seinem Sessel und brach in sich zusammen. Seine Zukunft stand in den Sternen. Er hatte auf universelle Unterstützung gehofft und nur Spott geerntet. Aber er würde es ihnen allen zeigen. Er nahm die Sache ab jetzt selbst in die Hand.
„Cromwell, kommen sie her!“, schrie er.
Langsam hob sich der Granitdeckel. Zentimeter um Zentimeter wurde der Spalt zwischen Abdeckung und Sarkophagkorpus größer und konnte man weiter hineinsehen. Als der Spalt etwa zwanzig Zentimeter breit war, drang ein bläuliches Leuchten durch diesen und man konnte einen deutlichen Brummton hören.
„Stopp!“, schrie Friggs.
Die Arbeiter hielten inne.
„Was ist das?“, fragte Sinja.
„Keine Ahnung, aber das wissen wir gleich“, entgegnete der Wissenschaftler.
Er schloss einen der Scanner an den Laptop an und ließ ihn in den Sarkophag gleiten. „Uih“, entfuhr es ihm. „Das ist ja unglaublich. Es handelt sich um eine Art Schutzfeld. – Hebt den Deckel ganz an. Jalla, Jalla. – Die Strahlung ist nicht bedenklich und es gehen auch sonst keinerlei Gefahren von ihm aus.“
Die Arbeiter setzten ihr Werk fort und am Ende hing die Granitplatte dicht unter der Decke, schwang sanft wenige Zentimeter hin und her. Sie schauten ungläubig hinein.
Es handelte sich in der Tat um ein Stasisfeld, aber dieses umgab keine Mumie, sondern einen komplett erhaltenen Körper, welcher vor dem Verfall geschützt werden sollte. Der Körper des Wesens war nicht humanoid, sondern anthropomorph. Sein Leib war von Fell umhüllt, welches große Rosetten trug, in deren Mittelpunkt sich ein schwarzer Fleck befand.
„Ein Jaguarweibchen“, dachte Grey laut.
„Das ist faszinierend“, sagte Friggs. „Aber warum liegt sie ausgerechnet hier? Wer hat das alles errichtet? Ägypter können es nicht sein, die kannten keine Stasisfelder. Aber die Reliefs im Eingangsbereich sind definitiv gleich mit den ägyptischen Grabreliefs im Inneren der großen Pyramiden. Wenn man von kleinen Details absieht.“
„Wir sollten eine Altersbestimmung vornehmen“, forderte Sinja.
Friggs nickte bestätigend. Er griff nach der Sonde und fuhr quer über den Körper der Jaguarin.
Danach schaute er gespannt auf das Display des Laptops. Plötzlich riss er die Augen auf und wiederholte den Vorgang ohne weitere Erklärung. „Das kann nicht sein. Das zweite Ergebnis ist identisch mit dem ersten.“
„Was ist los?“, fragte Andrew nervös.
„Dieser Jaguaranthro hier vor uns ist laut den Daten 5.700 Jahre alt.“
Grey pfiff. Sinja uns Syrgon schauten mehr als nur erstaunt. Die Arbeiter bekreuzigten sich und sahen verängstigt auf die Chafren.
„Wir sollten nichts anfassen und bis morgen warten. Lasst uns gehen und etwas schlafen. Die Anderen müssen uns bei der weiteren Arbeit helfen“, begehrte Friggs auf.
Grey nickte. Sie gingen zurück ins Lager und versuchten zur Ruhe zu kommen, was aber nur sehr schwer klappte. Selbst Sinja hatte der Fund aus der Bahn geworfen und sie schlief schlecht. Des Nachts kroch Grey zu ihr ins Zelt, nahm sie in seine Arme und schlief mit ihr gemeinsam ein.
Am nächsten Morgen wachten sie sehr zeitig auf, riefen alle zusammen und berichteten über ihre Entdeckungen. Eine große Unruhe bemächtigte sich aller. Es wurden weitere Zeltplanen aufgestellt und die zuvor gescannten Gebiete abgedeckt. Weitere Ausgrabungsfelder wurden markiert und die Ausgrabungen damit intensiviert.
Diesmal gingen Apophis, Friggs und Tarja zum Grab um die Untersuchungen fortzusetzen. Der Granitdeckel schwebte immer noch in der Luft. Als sie am Sarkophag ankamen, erschraken sie. Das Stasisfeld war deaktiviert worden und das Jaguarweibchen verschwunden.
„Verdammt noch mal“, fluchte Friggs. „Da hat es aber jemand sehr eilig gehabt und unseren Fund verschwinden lassen. Egal wer es war. Er muss noch im Lager sein und zu unserer Mannschaft gehören.“
„Woher willst du das wissen?“, fragte Apophis.
„Ich konnte nicht schlafen und habe fast die ganze Nacht wach gelegen und sinniert. Es war totenstill im Lager. Wenn es jemand von außerhalb gewesen wäre, hätte er zumindest bis in die Nähe unseres Lagers mit einem Fahrzeug oder einem Gleiter gelangen müssen. Das hätte ich gehört.“
Apophis nickte nachdenklich. „Damit scheidet diese Alternative aus. Und was jetzt?“
„Uns ist ein entscheidender Bonuspunkt verlorengegangen. Die Skelette sind zwar sehr aussagekräftig, aber ein komplett erhaltener Körper wäre die Krönung gewesen.“
Ihre Geräte, die sie am Abend zuvor liegen gelassen hatten, lagen nach wie vor an ihren Plätzen und auch die Daten waren alle noch vorhanden.
„Das ist merkwürdig“, sagte Friggs. „Wenn jemand dieses Fundstück beseitigen wollte, dann hat er aber sehr schlampig gearbeitet. Der Körper ist zwar verschwunden, aber die gewonnen Daten sind immer noch auf dem Rechner. Das ist wirklich sehr merkwürdig.“
Plötzlich schrie Tarja auf.
Apophis schaute sich irritiert um, konnte seine Mutter aber nirgendwo erblicken. Er leuchtete mit seiner Taschenlampe das Grabmal aus, fand sie schließlich in einer Ecke kauernd und ging zu ihr. „Was ist passiert? Ist dir nicht gut?“
Sie sagte nichts und zeigte nur in eine, auf der anderen Seite, liegenden Nische.
Apophis wirbelte herum und leuchtete in die angezeigte Richtung.
Er erstarrte.