Kapitel 2
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Kapitel 2
Leila und Charon
im Jahr 1960
„Was ist denn das?“, fragte ich meinen Ehemann. Er blieb kurz stehen und schaute intensiver in den Käfig.
„Hmhm. Keine Ahnung, aber es sieht wie ein Tiger aus. Allerdings ist das wohl der hässlichste Tiger den ich je gesehen habe.“
Paul, so hieß mein Ehemann, nahm unsere Tochter Lisa bei der Hand und ging mit ihr zum nächsten Käfig, während ich weiterhin vor dem Ersteren stehen blieb.
Ich schaute fasziniert hinein. Mein Mann hatte Recht. Nach der Fellzeichnung zu urteilen handelte es sich ganz klar um einen Tiger. Es handelte sich sogar um einen weißen Tiger. Allerdings ließ die Reinheit seines Fells mehr als zu wünschen übrig. Die weiße Grundfarbe war leicht vergilbt und er war überzogen mit blutigen Schrammen, tieferen Wunden und überall zeigten sich schwarze und gelbe Verkrustungen. Er hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen.
Aber irgendetwas schien mich zu irritieren. Ich wusste es nicht klar einzugrenzen, aber etwas schien anders zu sein bei diesem Tiger. Oh, ich hatte schon häufiger Tiger gesehen, zumindest in Tiergärten, in anderen Zirkussen und auf Bildern. Ich halte mich nicht für eine Tigerexpertin, auch wenn diese Tiere mich ungeheuer faszinieren, aber tief in meinem Inneren beunruhigte mich etwas.
Ich stand jetzt schon eine gefühlte Ewigkeit vor dem Tigerkäfig und starrte gebannt auf das Tier. Plötzlich machte es die Augen auf, sah mich direkt an und hob seinen Kopf.
Mir blieb fast das Herz stehen. Der Blick war vor Schmerz, Trauer und Angst vollkommen verzerrt. Das Elend der gesamten Welt schien sich in seinen Augen widerzuspiegeln. Er nahm mich regelrecht gefangen und wollte sich in meinen Geist einbrennen.
Aber da war noch etwas anderes. Der Tiger war merkwürdig proportioniert, war körperlich entstellt. Er passte nicht in das Bild, dass ich mir von einem Tiger machte. Auf einen Schlag wurde mir bewusst, was mich die ganze Zeit gestört hatte. Das Tier hatte lange Arme und Hände.
- So schloss ich kurz die Augen und öffnete sie nach wenigen Sekunden wieder. –
Nein, ich hatte mich nicht getäuscht. Dieses Tier, dieses Wesen oder was auch immer, hatte tatsächlich Arme und Hände. Damit schied es als reines Tier aus.
Mittlerweile hatten sich auch weitere Zirkus- und Tierschaubesucher vor dem Käfig eingefunden. Manche kamen zu dem gleichen Schluss wie ich, gingen aber weiter. Andere blieben stehen, schauten und fingen an zu diskutieren.
Plötzlich trat ein Mann hinzu und schrie: „Na endlich bewegt sich dieses Vieh mal. Ich habe die zehn Pfund Eintritt nicht bezahlt um pennende Viecher zu sehen.“
Das Tigerwesen, wie ich es insgeheim zu bezeichnen begann, löste seinen Blick von mir und schaute den Mann direkt und unvermittelt an.
„Beweg’ dich, du hässliches Stück Dreck“, schnauzte der herum.
Das war zu viel des Guten. Der Tiger erhob sich. Er stand auf und wurde größer und größer. Und jetzt bemerkten es alle und ich riss die Augen weit auf.
Dieser Tiger war definitiv eine Laune der Natur. Er hatte nicht nur Arme und Hände, sondern stand sogar aufrecht und hatte menschlich anmutende Beine. Lediglich die Füße waren den normalen Tigerpfoten nachempfunden. Seine Erscheinung war, trotz des schäbigen Fells imposant, was vor allem daher rührte, dass sein Körper durchtrainiert, geradezu athletisch wirkte und dass er geschätzt mehr als zwei Meter groß war.
Das Tierwesen ging auf die Gitterstäbe zu und betrachtete traurig die Eisenkonstruktion. Es seufzte, packte einen der Eisenstäbe und schien seine Festigkeit zu prüfen, aber die Konstruktion hielt seinen Händen und seiner Kraft stand.
Die vorher vorlaut gewesen Person schien sich nicht mehr beruhigen zu wollen. „Mann, bist du was hässlich“, schrie er. „Du bist ja nicht mal ein richtiger Tiger und die Tatsache, dass du aufrecht gehst macht dich auch nicht zu einem Menschen. So was wie dich sollte man doch glatt erschießen.“
Ich wurde wütend. „Halten sie endlich ihre verdammte Schnauze und verpissen sie sich.“
Der Mann schaute mich irritiert an, dann auf das Wesen und wieder auf mich. Mit den Worten: „Leck mich doch“, verließ er die Szenerie.
Ich wandte mich wieder dem Tierwesen zu. Es tat mir unendlich Leid, musste es sich doch von allen ausgestoßen fühlen, von allem etwas und doch nichts Ganzes, von den Menschen verspottet und von tierischen Artgenossen gemieden. Es war grotesk und ich schien seine Einsamkeit und seinen Schmerz geradezu spüren zu können.
Was ich nicht wusste, war, dass es sich nicht um eine Laune der Natur handelte. Der Name des Wesens, es handelte sich dabei um einen anthropomorphen Tiger, war Charon und er stammte ursprünglich von einem anderen Planeten. Als Kundschafter wurde er von seiner Heimat Festrid, zusammen mit sechs anderen Anthrotigern, durch das All geschickt. Sie trafen nach langen Jahren auf ein Sonnensystem dessen Zentralgestirn der Klasse G angehörte und dessen dritter Planet eine sauerstoffhaltige Atmosphäre besaß.
Sie begannen damals mit ihren Vermessungen und scannten die Oberfläche.
Nach mehreren Umläufen waren sie sich sicher, dieser Planet trug intelligentes Leben. Diese Lebensform nannte sich selbst Mensch und hatte die absolute Herrschaft über den Planeten übernommen, sich fast überall ausgebreitet. Außerdem steckte sie noch in den Kinder-schuhen der bemannten Raumfahrt und, das war das Besondere, sie hatte angefangen das All mit Radiowellen zu bombardieren, um nach Außerirdischen zu suchen. Auf der Erde nannte man das Ganze ‚Seti’. Das gab ihnen den entscheidenden Hinweis darauf, dass es ratsam wäre keinen Kontakt herzustellen.
Zu spät merkten sie, dass sich ein kleines Flugobjekt ihrem Schiff näherte. Zu spät gab der Bordrechner den Kollisionsalarm. Zu spät wollten sie das Ausweichmanöver einleiten.
Der Stolz der NACA zu diesem Zeitpunkt hieß unbemannte Raumfahrt in Form von Mercury-Atlas 1 und die Raumkapsel im Vergleich zum Schiff der Besucher ein himmelschreiender Gehversuch. So kollidierten das fremde Schiff und eben jene Testkapsel und gerade letztere sah anschließend nicht besonders gut aus.
Wenn man es streng realistisch sah, dann war es ein Totalschaden. Die Kapsel zerriss in zwei Hälften. Eine der beiden Hälften wurde durch die Wucht des Aufpralls aus ihrer Umlaufbahn geschleudert und machte sich auf den Weg in die Tiefen der Unendlichkeit, die andere Hälfte aber stürzte der Planetenoberfläche entgegen und verglühte.
Das war ein denkbar schlechtes Omen und keiner der Beteiligten wusste, wie man diesen Verlust den Menschen klar machen sollte. Es konnte sich keiner so Recht vorstellen, dass ihnen irgendjemand Glauben schenken würde, wenn sie behaupteten, dass es sich um einen Unfall handelte. Sie versuchten sich auf die Kontaktaufnahme vorzubereiten und legten sich schon mal die passenden Worte zurecht.
Aber soweit kamen sie gar nicht, denn der Verlust der Raumkapsel blieb logischerweise nicht unbemerkt. Auf der Erde schrillten die Alarmglocken und als man intensiver den erdnahen Raum absuchte und ein fremdes Raumschiff fand, welches sich zufälligerweise auch noch an haargenau dem Punkt befand an dem sich eigentlich eben jene Testkapsel befinden sollte, drückte man auf den berühmten roten Alarmknopf. Den Anthros waren euphemistisch betrachtet spätestens jetzt die Fäden entglitten.
Ihr Schiff war beschädigt, der Antrieb anteilig ausgefallen und sie trudelten langsam der Erde entgegen. Auf der Erde berechnete man hektisch den Aufschlagort und setzte alles in jene Richtung in Bewegung. Die Anthros derweil schafften es wenigstens die Hilfsenergie umzuleiten und den Antrieb zu reaktivieren, konnten somit den Sturz abfangen und in eine kontrollierte Bruchlandung über gehen.
Hart, aber weich genug, setzte das Schiff in einer Wüstengegend auf. Die Besatzung stieg aus und atmete tief durch. Gelandet waren sie schon mal, aber wohin sollten sie?
Die Anführerin der Gruppe hieß Kaira und war eine zierliche Anthrotigerin. Sie entschied, zunächst, dass das Schiff, welches flugunfähig geworden war und auch an eine Reparatur nicht zu denken, gesprengt wird. Es blieb im Anschluss nichts mehr viel davon übrig.
Dann entschied sie, dass sie als nach Wasser suchen sollten.
Gesagt, getan.
Nach einem stundenlangen Fußmarsch erreichten sie die ersten Bauwerke. Sie waren pyramidenförmig und schienen verlassen zu sein. Zumindest sahen sie sehr heruntergekommen aus und ihre Bewohner kümmerten sich nicht sonderlich um ihre Fassade. Hier begann die Katastrophe.
Es war zwar Nacht, aber trotzdem waren Menschen unterwegs. Die kleine Gruppe wurde entdeckt und innerhalb von wenigen Minuten komplett aufgerieben. Vier der Anthrotiger starben im Kugelhagel. Zwei überlebende der Gruppe, Kaira und Charon, konnten fliehen. Der Kommandant der Mission wurde von einem Skorpion gestochen und verstarb. Der verbliebene irrte wochenlang umher. Er hatte seine Ausrüstung verloren und auch die Orientierung. Er hasste diesen Planeten und sehnte sich nur noch nach Geborgenheit und vor allem nach Artgenossen. Er sollte keine finden.
Das Tierwesen setzte sich schweigend in eine der Käfigecken und schaute traurig in den Himmel.
Da saß er nun und wusste nicht was aus ihm werden sollte. Zur Schau gestellt, angespuckt, ausgelacht und behandelt wie der letzte Dreck.
‚Ein hervorragender Erstkontakt’, dachte Charon. ‚Bisher habe ich geschwiegen und alles erduldet, habe meine Gefangennahme ertragen. Aber ich muss hier raus, die Anderen finden, wenn sie noch leben sollten.’ Er richtete seinen Blick auf mich und meine Augen waren nicht so leer, wie die der anderen Menschen. Ich schaute traurig auf Charon und schien zu spüren wie er sich fühlte.
Die anderen Zirkusbesucher hatten den Platz vor dem Käfig verlassen und ich war allein.
‚Jetzt oder nie’, dachte der Anthrotiger. Er stand langsam auf und bewegte sich auf das Gitter zu.
Leise und gedrückt sagte er: „Du bist anders als die Anderen. Dein Blick ist nicht so leer und du scheinst mitfühlend zu sein.“
Ich zuckte zusammen, erschrak sichtlich.
„Du kannst sprechen?“, fragte ich unsicher.
„Ja, natürlich kann ich sprechen. Ich bin doch nicht eines eurer irdischen Tiere. Mein Name ist Charon und ich komme von einem anderen Planeten.“
Ich sah mich um. „Ist hier irgendwo eine versteckte Kamera?“
„Eine was?“
„Schon gut. Da will sich wohl jemand einen Scherz erlauben und hat einen Statisten in ein Kostüm gesteckt. Wenn ich auch zugeben muss, dass es sich um ein wirklich ausgezeichnetes Kostüm handelt.“
„Kostüm? Entschuldige bitte, ich weiß zwar nicht wovon du redest, aber ich bin real. Alles an mir ist echt.“
„Aber klar doch. Sicher.“
„Wenn du Mut hast, dann kommst du jetzt näher und überzeugst dich selbst davon.“
Ich überlegte. Sollte ich es wagen? Ich sah mich wiederholt um und ging ans Gitter, streckte meine Hand vorsichtig durch die Stäbe und berührte das Tierwesen.
Augenblicklich zuckte ich zurück. „Oh mein Gott. Du hast Recht. Dein Fell ist echt und warm.“
„Das sagte ich dir doch.“
„Aber wie kommst du hierher?“
„Das ist eine lange Geschichte und sehr schwer zu verstehen. Fakt ist aber, dass ich nicht hier sein darf und ich meine Gruppe finden muss, aber dazu muss ich hier raus.“
„Deine Gruppe? Meinst du damit, dass ihr mehrere seid?“
Er nickte. „Ja. Wir waren zu sechst. Vier unserer Besatzungsmitglieder wurden erschossen, ein weiteres starb an einer Vergiftung durch den Biss eines Tieres. Ich bin der Letzte.“
„Verdammt. Aber was soll ich tun? Wie kann ich dir helfen?“
„Komm heute Nacht wieder her. Das Zirkusgelände ist relativ schwach bewacht. Das Sicherheitspersonal kommt hier nur alle drei Stunden vorbei und zwar immer mit Minute zwanzig. Dann reden wir weiter und überlegen was wir tun können.“
Ich bekam leuchtende Augen und entfernte mich wieder vom Gitter.
Ich versprach Charon des Nachts zurückzukehren und ihm zu helfen.
Mittlerweile waren mein Ehemann und unsere Tochter von ihrem Streifzug zurückgekehrt.
„Na, mein Liebling. Immer noch hier?“, fragte er mich.
„Wie du siehst“, entgegnete ich und seufzte.
„Ich weiß gar nicht, was du an dem komischen Vieh für einen Narren gefressen hast, dass du unbedingt zwei Stunden vor dem Käfig hocken musstest.“
Ich schaute entsetzt auf die Uhr. „Au man, es ist ja wirklich schon so spät. Kommt, lasst uns heim gehen.“
Zu dritt verließen wir den Zirkus. Ich drehte mich am Eingang nochmals um und gab dem Anthrotiger ein freundliches Zeichen.
Stunden vergingen. Wir saßen am Tisch und aßen. Plötzlich klingelte das Telefon. Ich stand auf und nahm den Hörer ab.
„Hallo Samantha“, sagte ich erfreut, als ich die Stimme meiner Freundin hörte.
„Kannst du heute Abend zu mir kommen, ich muss was Dringendes mit dir besprechen“, flüsterte Samantha verschwörerisch in den Hörer.
Ich überlegte kurz, sagte zu und drehte mich um. „Schatz, ich muss heute Abend weg. Samantha hat was Dringendes auf dem Herzen und das verlangt nach sofortigem Handeln.“
„Hmhm. Na gut, wenn dein Seelenheil drang hängt und es sich um einen Notfall handelt, geh’ ruhig. Ich kümmere mich schon um den Rest.“
Ich dankte ihm, zog mir eine Jacke über, küsste ihn und unsere Tochter zum Abschied, verließ das Haus.
Auf der Fahrt zu Samantha gingen mir die verschiedensten Gedanken durch den Kopf und ich musste unentwegt an das Tigerwesen denken und daran, dass ich ein Versprechen gegeben hatte. Mein Verstand setzte aus.
Was war, wenn es nur ein schlechter Scherz war und man mich leimen wollte? Was war jedoch, wenn es der Wahrheit entsprach und alles echt war und es sich tatsächlich um ein Wesen handelte, welches dringend meiner Hilfe bedurfte? Aber, wenn dem so ist, warum ausgerechnet ich und nicht jemand anderes?
Ich trat mit aller Kraft auf das Bremspedal. Die Reifen schrien auf dem Asphalt auf, als der Wagen zum Stillstand kam.
„Egal, ich habe es ihm versprochen“, sagte ich energisch zu mir selbst, sah mich kurz um, gab Gas und riss das Lenkrad herum.
Ich war jetzt nicht mehr auf dem Weg zu meiner Freundin, sondern auf dem Weg zu jemand Anderem. Zu Jemandem der meine Hilfe wirklich und viel dringender benötigte als Samantha.
Wenig später erreichte ich den Rand des Areals auf dem sich der Zirkus befand. Es herrschte eine gespenstische Stille, nicht mal die Grillen zirpten und das war ungewöhnlich für diese Jahreszeit und vor allem für diese Gegend.
Ich machte die Scheinwerfer aus, bog in eine Seitenstraße ein und stoppte, stand fast punktgenau an der Stelle, an dem sich der Käfigwagen mit dem Tigerwesen befinden musste.
Zunächst verharrte ich der Dinge die da kommen mögen, hatte zwar die Information, dass der Wachdienst nur alle drei Stunden vorbei kommt und dann auch zur Minute zwanzig, aber zu welcher Stunde, das hatte das Wesen mir nicht gesagt.
Wieder kamen mir Zweifel in den Sinn und die Angst, dass man sich einen üblen Scherz mit mir erlauben würde. Dann jedoch überlegte ich genauer und stieg aus, bewegte mich lautlos und gebeugt auf das Gelände zu, ging, als ich plötzlich Stimmen hörte, in Deckung.
Tatsächlich, hatte ich mich nicht verhört. Zwei Wachmänner kamen gerade an meinem Zielobjekt vorbei, leuchteten mit ihren Taschenlampen umher und verschwanden so plötzlich wie sie erschienen waren. Jetzt war der richtige Zeitpunkt gekommen.
Ich gab meine Deckung auf und schlich auf den Käfig zu. „Psst. Psst. Ich bin’s.“
„Du bist tatsächlich zurückgekehrt. Ich freue mich unendlich dich zusehen“, sagte der Tigeranthro.
„Hast du vielleicht eine Ahnung, wie ich dir helfen kann?“, fragte ich ihn neugierig.
„Ja, du musst versuchen die Tür auf zu bekommen oder wenigstens den Schieber zu öffnen. Vielleicht schaffe ich es durch die schmale Luke hindurch.“
Ich schritt um den Wagen herum, blieb stehen und lauschte angestrengt. Es war totenstill. „Ich komme gleich wieder“, flüsterte ich und huschte zu meinem Auto.
Im Kofferraum fand ich das Gewünschte. Es handelte sich um verschiedene Schraubendreher, Zangen und auch etwas, von dem nur ich wusste, nämlich ein Dietrich.
Ich kehrte zurück. „Okay, ich habe was ich brauche. Lass es uns versuchen.“
So kletterte ich auf den Wagen, hakte mich mit meinem linken Arm zwischen die Gitterstäbe und machte mich über das Schloss her. Es klappte nicht und nach zehn Minuten wollte ich schon aufgeben. „Das wird nichts, ich bekomme das Schloss nicht auf.“
„Nein, bitte. Du bist meine einzige Hoffnung. Versuche es weiter. Wir haben noch Zeit. Lass mich bitte nicht im Stich!“
Charon ging vor mir auf die Knie und sah mich flehend an.
Mich bestürzte diese Geste zutiefst. Was musste er alles erlebt, alles durchgemacht haben, um als so stolzes Wesen vor einem Menschen auf die Knie zu fallen?
„Steh wieder auf, ich versuche es weiter“, herrschte ich ihn an.
Mir war die Situation mehr als peinlich.
Nach weiteren vierzig Minuten hatte ich es dann endlich geschafft und wunde Finger. Ich öffnete so leise es ging die Tür und betrat den Wagen. Das Wesen stand direkt vor mir.
„Ich danke dir von ganzem Herzen. Aber jetzt sollte ich verschwinden und du auch.“ Er sprang aus seinem einstigen Kerker und schickte sich an das Gelände zu verlassen.
Aber mir war diese Idee überhaupt nicht recht. „Was hast du vor? Bist du eigentlich verrückt? Was meinst du, wie weit du kommst, wenn du dich jetzt allein auf den Weg machst?“
Er zuckte mit den Schultern. „Du hast schon genug für mich getan. Mehr will und kann ich nicht von dir verlangen.“
„Ach ja? Falls du es noch nicht bemerkt haben solltest, aber ich stecke in der Sache verdammt tief mit drin. Ich sollte eigentlich zu meiner Freundin fahren, weil die ein Problem hat, aber stattdessen habe ich dich befreit. Wenn ich jetzt erst bei Samantha auftauche, dann brodelt es in der Gerüchteküche, weil ich keinerlei Erklärung dafür abgeben kann, wo ich die ganze Zeit über war.“
Das Tigerwesen seufzte. „Du hast recht. Ich fürchte ich habe dein bisheriges Leben zerstört.“
„Au verdammt. Ich stecke wirklich tief im Dreck. Ich bin nicht bei Sam und seit über einer Stunde verschwunden. Wenn die bei meinem Mann angerufen hat, dann habe ich Fragen am Hals auf die es keine logischen Antworten gibt. Was habe ich nur getan?“
„Du bist deinem Herzen gefolgt und das ist nicht verkehrt. Leider tauchen dann immer Probleme auf, wenn der Verstand wieder das Sagen hat.“
Ich fing an zu weinen und wischte mir die Tränen weg. „Lass uns gehen, bevor man uns noch erwischt.“
Wir schlichen beide zum Auto und stiegen ein. Ich startete den Wagen, rollte auf die Hauptstraße und gab Gas. Unterwegs schaltete ich dann das Licht ein. „So und jetzt?“, fragte ich ihn.
„Ich habe keine Ahnung. Ich habe Hunger und Durst. Die haben mich in diesem Zirkus fast umgebracht. Außerdem sehne ich mich nach einer ausgiebigen Dusche.“
„Hmhm … keine Ahnung wo ich so was um diese Zeit … - Moment, ich hab’s. Wir fahren zu meiner Freundin Sam. Dann kannst du dort alles bekommen, was du brauchst und ich kümmere mich um sie. Dann haben wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen und vielleicht fällt ihr noch was anderes ein.“
Er lächelte und schloss die Augen.
„Wie heißt du überhaupt, ich meine, du wirst doch sicher einen Namen haben, oder?“
„Mein Name ist Charon.“
„Ein schöner Name. Ich heiße übrigens Leila.“
„Leila?“ Der Anthrotiger schien zu erstarren.
„Ja. Stimmt damit was nicht?“
„Doch, doch. Ist schon in Ordnung. Meine Partnerin auf Festrid heißt genauso. Meine Geliebte und ich sitze auf diesem Planeten fest und werde sie nie wieder sehen.“ Er legte die Hände vors Gesicht und fing an zu weinen.
„Hey, hey. Beruhige dich wieder. Du wirst schon nach hause kommen.“
Charon hörte auf zu schluchzen und blickte trübselig auf die Straße. „Du scheinst ein sehr optimistischer Mensch zu sein. Unser Raumschiff wurde abgeschossen und lag in einer entfernten Wüstenregion fest. Wir sprengten es, weil es unbrauchbar war.
Alle sind tot. Ich bin allein, falle überall sofort auf. Außerdem werden sie uns jagen, zumindest mich. Wo soll ich noch Hilfe finden, außer bei dir? Wie soll ich jemals euren Planeten verlassen, ohne Schiff?“
„Kommt Zeit, kommt Rat. Wir finden schon einen Weg, abgesehen davon sind nicht alle Menschen hinter dir her. Wir werden schon Hilfe finden. Aber jetzt fahren wir zu Sam. Du wirst sie mögen. Sie ist sehr aufgeschlossen für alles. Na ja, manchmal zu offen.“
Die Fahrt neigte sich dem Ende zu und ich steuerte den Wagen auf ein Grundstück. „Okay, wir sind da. Bleib noch sitzen. Ich werde sie erstmal auf die Überraschung vorbereiten“, ordnete ich schnell an.
Charon nickte dankbar.
Samantha war in der Tat sehr aufgeschlossen und wie sich herausstellte, war ihr das Tigerwesen auch aufgefallen, als sie im Auftrag des Tierschutzes und inkognito den Zirkus unter die Lupe nahm. Sie hatte, als sie den Anthrotiger sah, den gleichen Gedanken wie ich und hatte mich deshalb um die Unterredung gebeten.
„Als du nach meinem Anruf nicht auftauchtest und dass ihr heute diesen Zirkus besuchen wolltet wusste ich ja, konnte ich an zwei Fingern abzählen was geschehen sein muss. – Hast du etwas herausgefunden?“, fragte Sam.
„Na ja, es gibt mehr Fragen als Antworten. Aber das sollte er uns selbst erklären.“
„Wie, erklären?“ Sam verstand überhaupt nichts mehr. „Kann er etwa sprechen?“
„Oh ja und wie. Außerdem ist er sehr nett, gefühlsbetont und extrem verzweifelt.“
„Was du nicht sagst. Fahren wir hin?“
„Hinfahren? Warum sollte ich da hinfahren?“
„Nun, vielleicht um mehr heraus zubekommen?“
„Ich dachte, du wüsstest was ich tun würde. Zumindest hattest du es vorhin behauptet.“
Sam stutzte. „Was – hast – du – getan?“
„Er sitzt in meinem Auto.“
„WAS? Bist du des Wahnsinns? Was ist, wenn er Krankheiten einschleppt? Was ist, wenn er ein blindes Raubtier werden kann?“
„Wie furchtbar“, entgegnete ich, übrigens sehr sarkastisch. „Aber da muss ich dich enttäuschen. Er ist nicht mal über mich hergefallen um Sex zu haben. – Wenn ich es recht bedenke, ist für Sex schon lange keiner mehr über mich hergefallen, nicht mal mein Ehemann. – Alles was der Anthrotiger möchte ist, was zu essen, zu trinken, eine warme Dusche und eine Ecke zum schlafen. Und, wenn es dich beruhigt, dann bleibe ich bei ihm.“
Samantha schaute mich schief an und kaute kamelartig die Luft mit dem Unterkiefer. „Keinen Sex, hä?“
„Ja, er ist ein Männchen.“
„Männchen, hä?“
„Ja, sehr männlich sogar.“
„Hä? Wo du überall hinguckst.“
Ich zuckte lediglich mit den Schultern. „Na ja, als er noch in dem Zirkuswagen war, ging er plötzlich vor mir auf die Knie und da war halt das alles genau vor meinen Augen.“
„Oh man. Du leidest wirklich unter Entzug.“
„Mag sein. Aber was soll’s. Wenn’s schön macht.“
„Au, au. Da tun sich wahre Abgründe auf.“
„Jetzt rede nicht so viel. Lass uns ihn lieber in dein Haus schaffen, bevor uns noch jemand sieht.“
Wir gingen zum Wagen und öffneten die Tür. – Er war weg. – Der Anthrotiger war spurlos verschwunden.
„Scheiße. Wo ist der hin?“, zischte ich.
„Hier bin ich“, kam plötzlich die Antwort aus einem der Gebüsche.
„Was machst du da?“
„Das sage ich nicht, denn das ist zu intim, auch wenn du schon einen direkten Blick auf gewisse Teile geworfen haben solltest.“
Ich errötete. „Entschuldige bitte, aber das war wirklich nur zufällig.“
„Glaub ich dir gern“, kicherte Sam.
Charon Begriff nicht ganz, warum sie plötzlich lachte. „Was ist daran so komisch?“
„Nichts, nichts. Ist schon gut. Aber mal im ernst. Hast du dich versteckt? Hat dich jemand gesehen?“
„Nein, aber wenn es dich beruhigt. Ich musste mal für kleine Tigerkater.“
Sam klappte die Kinnlade runter. „Was? Du hast in meine preisgekrönte Rosenhecke gepieselt?“
Er nickte. „Ist ein wirklich angenehmes Gewächs für diese Gelegenheit.“
„Na toll, jetzt wird sie wohl eingehen.“
„Gehen wir jetzt endlich ins Haus oder wollen wir hier Wurzeln schlagen und warten bis uns die Polizei abholt?“, sagte ich ungeduldig.
Wir verließen die Straße und Sam schloss die Tür ab.
„So, egal was passiert. Ihr beide bleibt erst mal hier. Wir müssen ab jetzt sehr vorsichtig sein und dürfen uns keine Fehler leisten.“
Charon und ich nickten gleichzeitig.
„Gut. Du…“, Sam zeigte auf den Anthrotiger. „Wie heißt du überhaupt?“
„Er heißt Charon“, warf ich ein.
„Ach ja. Seinen Namen kennst du auch schon? – Entzückend.“
Charon verdrehte die Augen, da er langsam zu verstehen begann, dass wir uns beide neckten. „Ist ja ein nettes Ritual, was ihr beide da habt. Aber dürfte ich um etwas zu essen und zu trinken bitten. Ich hatte in den letzten sechs Monaten nicht besonders viel.“
„Ja, aber natürlich. Und während ich dir was zu essen mache, gehst du duschen. Leila zeigt dir den Weg?“, intonierte Sam.
„Wieso ich?“
„Nur so und sieh zu, dass er sich ordentlich wäscht und zwar an allen Stellen“, rief Sam noch hinterher und wir verschwanden im Bad.
Charon stellte sich mit den Armaturen etwas unbeholfen an und bedurfte tatsächlich meiner Hilfe.
„Au weh, kennt ihr so was nicht?“
„Nein, nicht so was.“
„Wie duscht ihr denn?“
„Unsere Duschen sind automatisch. Ein eingebautes Sensorennetz erfasst die Körpergröße, den Umfang und die Konturen sowie die Körpertemperatur. Über einen Bewegungsmelder wird die Dusche aktiviert und deaktiviert.“
„Das nenne ich mal puren Luxus. Den haben wir hier nicht. Also, runter unter das Wasser!“
Charon parierte und ergab sich den wohltuenden Wasserstrahlen. Angenehm durchpflügten sie sein Fell, wärmten ihn sanft auf. Er begann zu schnurren. Die Verkrustungen lösten sich und auch der Gilb schien merklich zu verschwinden. Er war wirklich eine imposante Erscheinung.
„Okay, kennt ihr Duschgel?“, fragte ich, nachdem ich mich geräuspert hatte.
„Ja, so etwas haben wir auch bei uns.“
„Ausgezeichnet. Jetzt kommt die Tiefenreinigung dran.“
Charon seifte sich gründlich ein und ließ sich weiterhin von den Wasserstrahlen liebkosen. Da er leider nicht den Rücken erreichte, übernahm ich diesen Part. So rubbelte und schrubbte ich an ihm herum, dass die Seife nur so schäumte. Plötzlich schnurrte Charon immer lauter und heftiger. Ich ließ von ihm ab, trat einen Schritt zurück. „Ist dir nicht gut?“
„Doch, doch. Mir geht es ausgezeichnet“, kam seine Antwort, aber sie war sehr gepresst.
Das ließ mich noch mehr argwöhnen und ich verließ das Bad, eilte zu Sam. „Komm mal schnell mit. Mit Charon stimmt was nicht.“
„Wieso? Was sollte denn nicht stimmen?“
„Er macht so seltsame Geräusche?“
„Geräusche? Was denn für Geräusche und wobei?“
„Na ja, ich habe ihm den Rücken gewaschen und plötzlich schnurrte er extrem laut und er zuckte kurz zusammen.“
„Ähm, er schnurrte und zuckte?“
„Ja, was hat das zu bedeuten?“
„Meine Liebe! Ich fürchte du bist etwas zu hart ran gegangen.“
„Habe ich ihm etwa wehgetan?“
„Nein, das glaube ich nicht. Eher umgekehrt und ihm ist bestimmt nicht schlecht geworden.“
„Du sprichst in Rätseln.“
Plötzlich hörte man ein lautes hustenartiges Tigerbrüllen, welches sich mehrfach wiederholte. Sam begann zu grinsen.
„Für eine Biologin ist das Musik in den Ohren.“
Ich war definitiv überfordert und Sam grinste breit.
Charon tauchte auf und trocknete sich noch immer ab.
Ich schaute ihn ungläubig an. „Was ist passiert?“
Sam stupste sie kurz und unauffällig an und deutete auf den Teil seines Körpers, der ihn als Männchen kennzeichnete. Man sah immer noch ein Stück der Spitze aus der felligen Vorhaut schauen.
Ich drehte mich abrupt zu Sam um. „Oh nein. Das glaube ich einfach nicht. Das darf es nicht geben.“
„Oh doch, meine Gute. Glaub's ruhig.“
„Danke, die Dusche war einfach erfrischend und belebend“, sagte Charon und legte ein wirklich dümmlich breites Grinsen auf.
„Tja, nach deinem Gesichtsausdruck zu urteilen, dürfte wohl eine gründliche Spülung stattgefunden haben.“
Charon nickte und zwinkerte ihr zu.
Ich setzte mich, da mir schwummerig wurde. „Was habe ich getan? Ich habe mich versündigt.“
„Und wie!“, hänselte Sam. „Du warst ein ganz böses Mädchen und hast dich an einem Anthrotiger von einem fremden Planeten vergangen.“
„Habe ich nicht!“ Ich stampfte mit den Füßen auf.
„Hast du auch nicht, du hast nur den Grundstein gelegt. Nachdem du aus dem Bad gegangen warst, habe ich den entscheidenden Rest erledigt“, gab Charon zu.
„Das beruhigt mich jetzt aber wirklich. Vor allem finde ich es nett, dass du gewartet hast bis ich weg war.“
„Ich bitte dich, das musst du nicht sehen.“
„Genau! Nachher kommst du noch auf den Geschmack und dumme Ideen“, ergänzte Sam frivol.
Ich wurde blass und rot zugleich. „Na fein. Ich habe jetzt auch Hunger. Gibt es endlich was zu mampfen?“
„Ja, ist schon fertig.“
„Wird ja auch Zeit. Du magst zwar Biologin sein, bist mir aber für meinen Geschmack gerade etwas zu freizügig.“
„Was? Ich und freizügig? Meine Bemerkungen sind vollkommen harmlos und entsprechen außerdem der Wahrheit. Abgesehen davon, einen masturbierenden Tigerkater in der Dusche zu haben, das finde ich freizügig.“
Ich konnte nur noch die Augen verdrehen.
Sam drehte sich zu Chiron. „Würde mich aber zu sehr interessieren, wie du das angestellt hast. Ich meine, ich kenne Tiger und da ist nicht besonders viel ‚Arbeitsfläche’ vorhanden, wenn man das so nennen will.“
„Das werde ich dir garantiert nicht auf die Nase binden“, entgegnete Charon und grinste frech.
„Na gut, irgendwann finde ich das noch heraus.“
„Eh! Jetzt frage ich mich ernsthaft, wer von uns beiden den Notstand hat“, mischte ich mich ein.
„Ich nicht“, entgegnete Sam. „Das ist alles aus rein wissenschaftlichem Interesse.“
„Um Ausreden warst du noch nie verlegen.“
Charon stand amüsiert daneben. „Ihr beide erwärmt mein Herz. Da kriegen sich doch tatsächlich zwei fremde Weibchen einer fremden Spezies wegen mir in die Wolle. Das finde ich interessant.“
Ich hielt inne und überlegte. „Harhar. Und die Siegerin bekommt dich dann als Belohnung?“
Charon kratzte sich am Hinterkopf. „Daran hatte ich noch gar nicht gedacht, aber jetzt wo du es sagst.“
„Oh man, Männchen sind doch alle gleich“, warf Sam ein.
Wir setzten uns an den Tisch und begannen zu essen. Plötzlich hörte man vor dem Haus eine Sirene aufheulen und dann eine Lautsprecherdurchsage.
„Achtung! Achtung! Hier spricht die Polizei. Aus dem Zirkus ist ein extrem gefährlicher Tiger ausgebrochen. Bitte bewahren sie Ruhe. Verlassen sie unter keinen Umständen ihre Häuser und halten sie Fenster und Türen fest verschlossen. Wir informieren sie, sobald die Gefahr vorüber ist.“
Sam drehte sich zu Charon. „Müssen wir uns jetzt vor dir fürchten?“
„Warum?“, fragte er verwundert.
„Weil du ein ganz gefährlicher Tiger bist?“
Er kicherte. „Klar bin ich gefährlich. Ich bringe dich als Biologin in Gefahr bestimmte anatomische Besonderheiten an mir genauer unter die Lupe zu nehmen und Leila ist, wie sie sagte, schon lange nicht mehr angefasst worden. Da liegt die Versuchung auf der Hand.“
Ich wurde wütend. „Wenn ich das gewollt hätte, dann hätte ich dir nicht den Rücken geschrubbt, sondern ganz was anderes.“
„Kinder, beruhigt euch mal wieder. Wir sollten unsere Sachen packen und schleunigst die Stadt verlassen. Ihr habt gehört, dass sie schon angefangen haben zu suchen“, ermahnte Samantha.
„Du hast recht“, sagte Charon. „Hoffentlich kommen wir überhaupt hier raus. Wer weiß wie viel Polizei im Einsatz ist?“
„Verdammter Mist. Die Straßen sind natürlich leergefegt und die Wagen der Bobbys patrouillieren überall“, sagte ich, nachdem ich aus dem Fenster geschaut hatte.
Sam überlegte. „Wir dimmen das Licht und werden mal schauen, was der Fernseher anzubieten hat. Das fällt am wenigsten auf.“
Die Nachrichten gaben Aufschluss darüber, dass keiner wusste wo sich Charon aufhielt und auch keiner wusste, wie er überhaupt den Käfig verlassen konnte.
„Ausgezeichnet, das gibt uns etwas Aufschub. Wenn sie allerdings mit Spürhunden hier auftauchen, dann wird es brenzlig, denn Charon hat bei seiner Rosenbewässerung eine saubere Duftspur hinterlassen.“
Der Anthrotiger rutschte in sich zusammen. „Jede Handlung zieht Konsequenzen nach sich.“
Plötzlich klopfte es an der Tür. Sam öffnete sie einen Spalt breit.
„Guten Abend, Miss! Entschuldigen sie die Störung, aber ist ihnen etwas Ungewöhnliches aufgefallen? Vielleicht ein fremdes Geräusch oder ein merkwürdiges Tier?“
„Nein. Warum sollte mir etwas aufgefallen sein?“
„Wir suchen nach einer entlaufenen Raubkatze. Wenn ihnen etwas ein-fallen sollte oder sie etwas sehen, dann rufen sie bitte ihre nächste Polizeidienststelle an. Danke!“
Der Polizist drehte sich um und ging.
Sam schloss die Tür und kehrte ins Wohnzimmer zurück. „Mist. Die Schlinge zieht sich immer mehr zu.“
„Scheiße!“, sagte ich, als ich aus dem Fenster sah. „Die haben Spürhunde ausgeladen. Die haben garantiert eine Ahnung wo er sich aufhält.“
„Na toll. Schnapp dir deine Sache und Charon und verschwinde durch den Hinterausgang mit ihm.“
„Okay. Gib bitte meinem Mann Bescheid. Er soll sich keine Sorgen machen und er soll mit Lisa zu meiner Mutter fahren. Er soll auf jeden Fall die Gegend verlassen.“
Sam nickte. Hastig griff ich ein paar Sachen, packte etwas zu essen ein und schaute zu Charon. Der nickte nur und wir verabschiedeten sich von Samantha.
Da schlug auch schon einer der Spürhunde an.
„Sir! Wir haben hier etwas gefunden“, schrie einer der Beamten. „Er muss dort drüber im Haus sein.“
„Na Klasse, die Schnüffelnase hängt im Rosenstrauch. Geht endlich! Raus hier!“, brüllte Sam.
Wir rannten aus dem Haus, flüchteten in Richtung des nahegelegenen Waldes. Als wir die Hintertür passiert hatten, hörten wir gerade noch wie die Polizei die Eingangstür stürmte. Dann hörten wir noch Samantha panisch aufschreien und wie ein Schuss fiel. Dann hatten die Bäume und Sträucher uns verschlungen, leugneten ihre Existenz.
„Los, mach schneller“, mahnte Charon.
Ich stolperte, strauchelte über Wurzeln und rappelte mich wieder auf. Charon hatte mich bei der Hand genommen und zog mich mit sich.
Nachdem wir über drei Stunden durch den Wald geirrt waren, blieben wir das erste Mal stehen.
„Verdammte Scheiße“, japste ich. „Was ist passiert, was ging schief?“
„Sie haben wider Erwarten sehr schnell unsere Spur gefunden. Irgendjemand muss uns gesehen und einen Hinweis gegeben haben. Meine Markierung im Rosenstrauch war dann das I-Tüpfelchen.“
„Aber warum haben die, die Tür eingetreten und vor allem geschossen?“
„Da stimmt was nicht. Die suchen nur offiziell nach einem Tiger. Inoffiziell suchen die nach mir, einem Anthrotiger nicht irdischer Herkunft. Was mich stutzig macht ist die Tatsache, dass man doch recht lange gebraucht hat um mich überhaupt zu finden.“
Ich schaute ihn traurig an. „Da frage ich mich noch ganz was anderes.“
Charon nickte und sprach ihre Gedanken laut aus. „Sie haben die restlichen fünf meiner Gruppe gefunden, dann die Schiffsreste und wissen, dass wir zu sechst waren. Damit bin ich definitiv der letzte freilebende Anthro auf der Erde.“
Charon atmete tief durch. So kühl wie er diese Tatsache aussprach, ließ sie ihn nicht. Er war jetzt allein, der Letzte seiner Art, ohne Chance auf Rückkehr in seine Heimat und auf diesem Planeten zu Freiwild erklärt.
Seine Existenz musste für viele katastrophal sein, sonst würde man ihm nicht so grundlos feindlich gesinnt sein. Sein Instinkt befahl ihm durchzuhalten, zu überleben. Sein Verstand sagte ihm, dass sein Leben nutzlos war und er jeden Menschen, der ihm begegnete oder sogar half, in tödliche Gefahr brachte.
„Du solltest zu deinem Mann zurückkehren und zu deiner Tochter. Dieser Überlebenskampf ist nicht deiner. Du hast ein gutes und angenehmes Leben geführt und kannst es fortsetzen. Mir hingegen bleibt nur die ständige Flucht und am Ende der Tod. Es wäre besser gewesen, wenn du nicht auf mich gehört hättest und ich in diesem Käfig verreckt wäre.“
Mir kamen die Tränen in die Augen. „Nein! Nein! So etwas darfst du nicht sagen, nicht mal denken. Ich habe frei entschieden. Du hast mich nicht gezwungen.“
Charon sah mir in die Augen, wischte mir die Tränen weg und senkte den Blick. „Mein Leben ist sinnlos geworden. Ich bin nirgends sicher, immer auf der Flucht. Ich kann mich nirgends ansiedeln, ohne Gefahr zulaufen entdeckt zu werden. Und ich kann nicht mal eine Familie gründen. Verdammt, ich habe dafür nicht mal ein Weibchen.“
Ich war zutiefst gerührt. Dieser Anthrokater war so viel besser als jeder Mensch den sie kannte, denn er offenbarte extrem viel Sensibilität und Gefühl. Viele Menschen verbargen ihre Sorgen, Nöte, Gefühle und auch ihre Sehnsüchte und Wünsche, aber er sprach ganz offen darüber, kannte auf diesem Gebiet keine Hemmungen.
„Hey, lass den Kopf nicht hängen. Ich bin bei dir und bleibe bei dir.“
Charon schüttelte den Kopf und legte die Ohren an. „Verschwinde!“, schrie er plötzlich. „Verschwinde! Geh weg von mir! Ich bringe dir nur den Tod! Bist du so dumm oder siehst du das nicht?“
Der Anthro fuhr die Krallen aus und hob seine rechte Hand. Er fletschte die Zähne und schlug nach mir. Ich schrie in Panik auf und rannte voller Angst weg. Nach fünf Minuten wilder Flucht hielt ich inne, blieb abrupt stehen und drehte mich um. Ich wurde nicht verfolgt.
‚Er wollte mich nicht töten, nur verjagen’, dachte ich. ‚Ich muss zu ihm zurück. Allein ist er hilflos.’
Ich versuchte mich zu orientieren und kämpfte mich durch das Unterholz in die Richtung, aus der ich glaubte gekommen zu sein.
Da sah ich ihn sitzen. Charon hatte die Hände vor das Gesicht gelegt und weinte leise. Ich hielt es nicht aus, näherte mich ihm vorsichtig und hockte mich neben ihn. „Hey, großes, starkes Männchen. Du wirst doch wohl nicht weinen.“
Er blickte mich aus glasigen und verquollenen Augen an. Ich hielt ihm ein Taschentuch hin. Er griff danach, warf es weg und erfasste meine Hand. Er zog mich zu sich und umarmte mich. Ich war zwar überrascht, aber wehrte mich nicht. Chiron drückte mich fest an sich und schnurrte leise und traurig.
„Hey, komm weiter. Wir sollten einen Unterschlupf für die Nacht finden, denn es wird bald dunkel.“
Der Anthrotiger erhob sich und schaute mich dankbar an. „Geh du zu Fuß und gib die Richtung vor. Ich klettere auf einen der Bäume und versuche mich über die stärkeren Äste zu hangeln. Dann verlieren sie hier meine Spur und geben vielleicht auf.“
Es begann leicht zu nieseln und in der Ferne hörte man Hundegebell.
„Sie kommen“, sagte Charon.
„Okay, auf geht’s.“ Während ich über den Waldboden lief, hangelte sich Charon erstaunlich geschickt durch die Bäume. Das Hundegebell kam näher und wurde lauter. Ich wurde schneller und Charon versuchte den Anschluss zu halten. Der Plan schien zu funktionieren. Die Distanz zwischen den Verfolgern und ihnen wurde wieder größer und schließlich verstummten die Hunde ganz. Sie hatten ihre Spur verloren.
Charon ließ sich zu Boden fallen. „Ausgezeichnet“, sagte er.
Er nahm mich wieder bei der Hand und wir gingen weiter. Der Regen wurde stärker und begann uns ziemlich übel zu durchnässen.
Nach Stunden brachen wir aus dem Wald hervor und standen auf einem Feldweg. In größerer Entfernung sah man ein altes Bauerngehöft.
„Da! Da müssen wir hin“, sagte ich leise und zeigte in die Richtung.
Es handelte sich um eine ziemlich heruntergekommene Holzhütte und bei ihrem Eintreten stellten wir fest, dass wir allein waren und seit Ewigkeiten keiner mehr hier gewesen sein musste.
„Klasse. Hier bleiben wir“, freute ich mich. Ich war durchgeweicht und meine Sachen klebten am Körper.
„Wir sollten ein Feuer machen und uns trocknen“, meinte Charon.
Ich nickte nur. Charon verließ die Hütte und versuchte Holz zu finden, welches noch halbwegs trocken und damit brennbar war. Er fand das Gesuchte in ausreichender Menge und schleppte es in die Hütte. Bei seiner Rückkehr stellte er fest, dass ich immer noch die nassen Sachen an hatte und anfing zu frieren.
„Bei allen Göttern, du hast ja immer noch diese Sachen an. Du wirst dir den Tod holen.“
„Ich kann mich doch vor einem fremden Kerl nicht einfach ausziehen und nackt herum laufen.“
Charon hatte begonnen die Holzscheite und Äste in den baufälligen Kamin zu schichten und entzündete, als er damit fertig war, das Feuer. Zuerst langsam, aber dann immer heftiger, begann das Holz zu brennen, knisterte angenehm und verbreitete rasch eine wohltuende Wärme.
„Sind wir uns so fremd?“, fragte er mich.
Ich nickte bestimmt. „Ja, ich kenne dich kaum, weiß gerade mal deinen Namen.“
„Okay, dann unterhalten wir uns. Und für jede Information, die ich dir gebe, ziehst du ein Kleidungsstück aus.“
Ich musste kichern. „Das erinnert mich irgendwie an Strippoker.“
„An was?“
„Ähm… das ist ein Kartenspiel. Besser gesagt ist Poker ein Kartenspiel, dass mit dem Ausziehen ist der Einsatz, wenn man verliert. Für jedes verlorene Spiel, muss man ein Kleidungsstück fallen lassen.“
„Ach so. Ich verstehe.“
„Dann fang mal an, Herr Tiger.“
Charon räusperte sich. „Ja, also. Mein Name ist Charon von Tabalth.“
„Oh, das ist was Neues. Zählt aber nicht.“
Charon lächelte kurz und fuhr fort. „Mein Heimatplanet heißt Festrid. Es ist eine wunderschöne Welt, es ist überwiegend grün, die Wälder sind saftig und üppig. Die Temperaturschwankungen sind mini-mal und die Jahreszeiten ziemlich ausgeglichen. Meine Heimatstadt liegt direkt an einem Fluss und gehört zu einer der reichsten Städte auf Festrid.
Sechs Anthrotiger, darunter ich, wurden auf eine Forschungsmission ins All geschickt. Wir beherrschen den Überlichtantrieb und sind damit in der Lage andere Welten in greifbaren Zeiträumen zu erreichen. Zuvor waren mehrere Raumschiffe schon in eure Richtung gestartet, aber sie gelten als verschollen. Wir sollten sie suchen.“
„Aha“, fuhr ich dazwischen. „Und dann seid ihr auf eurem Flug auf uns gestoßen?“
„Ja. Genauso war es. Wir stellten fest, dass ihr technologisch relativ weit fortgeschritten seid, aber bei der Raumfahrt noch in den Anfängen steckt. Daher wollten wir keinen Kontakt herstellen.“
„Nach keinem Kontakt sieht das gerade aber nicht aus.“
Er schüttelte den Kopf. „Wir kollidierten mit einer irdischen Raumkapsel und wurden an einer Schwachstelle unseres Schiffes getroffen.“
„Was? Moment mal.“ Ich stand auf, zog mir einige Sachen aus und setzte mich wieder zu Charon, vor den Kamin. „Willst du damit sagen, dass der Verlust der Mercury-Atlas 1 auf euer Konto geht? In den Medien wurde berichtet, dass es ein Fehlstart war.“
„Ja, die haben wir leider zerstört. Aber glaube mir, es war ein Unfall. Die Kollisionswarnung schlug zu spät an und das Ausweichmanöver war erfolglos.“
Ich nickte und schloss kurz die Augen.
„Wir waren also beschädigt und trudelten der Erde entgegen, schafften es rechtzeitig die Notversorgung zu reaktivieren. Wir landeten in einer Wüstenregion, sprengten das nutzlos gewordene Schiff und irrten umher.
Vor unserem Start bekamen wir verschiedene Implantate, z.B. einen Chronometer und auch einen Navigationsempfänger. Leider funktioniert nur der Zeitmesser präzise. Eure Navigationssatelliten senden auf einer Frequenz die für uns unbrauchbar ist.
Wir irrten also umher und trafen auf die ersten Gebäude. Sie waren stark verfallen und pyramidenförmig.“
„Oh! Ihr ward in Ägypten.“
„Hmhm. Interessant“, fuhr Charon fort. „Jedenfalls nahm das Schicksal seinen Lauf und einer von uns trat auf ein spinnenartiges Tier, mit Scheren und einem Schwanz. Er wurde gestochen, verlor kurze Zeit später das Bewusstsein. Wir trugen ihn und versuchten Hilfe zu finden, aber wir trafen nur auf verschreckte Menschen die uns angriffen. Kaira starb an den Folgen des Stiches und Callisto, Dana, David und Riana wurden von primitiven Waffe getötet.
Ich konnte nur flüchten und nicht mal die Toten begraben, irrte nunmehr allein umher. Unterwegs fand ich Wasser und tötete hin und wieder kleinere Tiere. Am Ende kam ich an einem Hafen an, versuchte mich unauffällig zu verstecken, aber es war vergebens. Ich wurde entdeckt und in den Wagen gesperrt, aus dem du mich befreit hast.“
Ich war schockiert und erhob mich. „Das ist eine furchtbare Ge-schichte.“
So zog ich mich komplett aus und setzte mich wieder, hatte das Spiel verloren.
„Ah, wie ich sehe sind wir uns nicht mehr so fremd?“
„Nein, ganz bestimmt nicht.“
Ich sah ihn aus leuchtenden Augen an. „Kannst du mir erklären, warum ich jetzt das Bedürfnis verspüre mich an dich zu kuscheln und dich zu streicheln? Ich bin verheiratet und sollte eigentlich wunschlos glücklich sein. Allerdings fehlt mir die Zärtlichkeit, seitdem meine Tochter da ist.“
Charon sah mir ins Gesicht und wusste worauf ich hinaus wollte. Er betrachtete mich ausgiebig. Sein Blick streifte über meinen Körper, meine kleinen festen Brüste und meine, bedingt durch die Kälte, hervorstehenden Brustwarzen. Ihm gefiel scheinbar zunehmend, was er sah und das sah ich ihm an. Zunächst nur andeutungsweise, aber im Laufe der Zeit immer deutlicher.
„Schade das Sam, das nicht sehen kann“, sagte ich und starrte schamlos direkt darauf. „Ihre Frage nach der ‚Nutzfläche’ wäre damit beantwortet.“
Charons Nase verfärbte sich leicht rötlich, ein Zeichen, dass er verlegen war. Außerdem legte er die Ohren seitlich, was mein Herz zum beben brachte.
Ich hielt es nicht mehr länger aus, wollte ihn und wie es deutlich zu sehen war, er auch mich.
Noch ehe Charon reagieren konnte, hatte ich meine Arme um seinen Hals gelegt und küsste ihn hingebungsvoll. Er ging darauf ein, presste mich an sich und bohrte seine raue Zunge in meinen Mund. Unsere Zungenspitzen fanden einander und umtanzten sich wild. Als wir voneinander abließen, musste ich erst mal Luft holen.
„Wow! Das war intensiv.“ Meine Augen müssen vor Leidenschaft geglänzt haben.
Ich streichelte Charon, ließ meine Hände durch sein Fell gleiten und ging mit ihnen auf Wanderschaft. Ich liebkoste mit meinen Fingerspitzen jedes Haar, jeden Zentimeter seiner Haut und jeden Muskel seines Körpers.
Charon begann lustvoll zu grollen. Er schloss die Augen und lehnte sich zurück.
„Ach ja. Der Kater will sich bedienen lassen“, stellte ich amüsiert fest. „Na schön, wenn du es so willst, dann bekommst du es auch so.“
Ich schritt endgültig zur Tat. Es dauerte nur Sekunden, da hatte ich mich schon auf Charon gesetzt, hatte ihn in mich aufgenommen. Der Kater brüllte auf, als er unvermittelt zum Höhepunkt kam. Ich spürte seinen Samen in mir und er erschien mir glühend heiß.
„Was? Das war’s schon? Da hast du unter Sam’s Dusche aber länger gebraucht“, war ich enttäuscht.
Charon lächelte entschuldigend. „Da war ich auch allein mit mir.“
„Ah ja.“
„Mach einfach weiter und lass dich nicht irritieren.“
Ich stutzte nur kurz und tat schließlich, worum er mich gebeten hatte, schloss meine Augen, stützte mich auf seiner Brust ab und bewegte sich langsam und genussvoll über seinem Schoß.
Plötzlich spürte ich einen stechenden Schmerz und schrie. Charon hatte meinen empfindlichsten Punkt getroffen und ließ mich gleich-zeitig eine feline Besonderheit spüren.
Er entlud wiederholt seine Lust und ich sank erschöpft zusammen. „Danke. Du glaubst gar nicht wie mir das gefehlt hatte.“
Er zwinkerte mich an. „Es war wundervoll und traumhaft intensiv. Ich hatte selten so viel Lust empfunden, wie in diesen Augenblicken.“
Wir küssten uns innig. Charon stand auf und legte Holz nach. Ich beobachtete ihn dabei und spürte, dass ich nicht genug von ihm bekommen konnte. Als er zurückkam und sich neben mich setzte, legte ich meinen Kopf in seinen Schoß und begann zur nächsten Tat zu schreiten.
„Du bist ja in der Tat wie ausgehungert.“
„Oh ja! Ich habe Jahre aufzuholen und will mehr von dir“, murmelte ich mit vollem Munde.
Charon seufzte. „Ich hätte mir nie träumen lassen mal mit einem fremden Weibchen Sex zu haben, aber, dass ich ausgerechnet unter Millionen einer fremden Welt, das Exemplar mit dem ausgeprägtesten Trieb erwische ist wohl ein Wink des Schicksals.“
Er streichelte mir sanft über den Rücken und atmete tief durch, schloss die Augen.
Im weiteren Verlauf ging sein Atem schwerer und stoßweise. Schließlich kniff er die Augen zusammen, fletschte die Zähne, ließ sich nach hinten sinken. Ich legte mich schließlich neben ihn, sah ihn aus verliebten Augen an und schlief ein.
Charon hingegen blieb wach und sah mich wahrscheinlich die ganze Zeit sorgenvoll an. Was er gedacht hatte, weiß ich nicht, kann es nur vermuten. Bestimmt aber: ‚Wie wird sie reagieren, wenn sie munter wird und ich nicht mehr da bin? Wie wird sie reagieren, wenn sie erfährt, dass ich vielleicht tot bin?’
Stunde um Stunde muss er gegrübelt haben. Unsere gemeinsame Zeit war wundervoll, aber er brachte mich nur in Gefahr.
Wenn man ihn erwischte und das war nur eine Frage der Zeit, dann würde man wahrscheinlich mit mir genauso verfahren wie mit Samantha.
Seine Gedanken überschlugen sich wohl. ‚Warum nur hatten sie Samantha getötet? Hatte sie zu viel gesehen? Wusste sie zu viel? Wer steckte alles hinter dieser Hetzjagd?’
Und weitere Fragen beschäftigten ihn. ‚Warum hatte es so lange gedauert, bis man dahinter kam wo er sich aufhielt? Wusste man schon vorher, dass er sich in diesem Zirkus aufhielt oder kam man erst auf die Idee, als er mit Leila bei Sam aufkreuzte?’
Egal wie die Antworten ausfielen, er musste gehen und das sofort. Ich schwebte in akuter Gefahr und da war noch etwas, was ihn beunruhigte. Er begann für mich überwältigend starke Gefühle zu entwickeln und das durfte nicht passieren.
‚Wenn es Leila genauso geht wie mir, dann wird es gerade noch rechtzeitig sein sie zu verlassen. Es ist der einzig richtige Zeit-punkt den entscheidenden Schritt zu gehen, ohne ihr das Herz komplett herauszureißen.’
So stand er auf und suchte Papier und einen Stift. Er fand alles und begann zu schreiben.
>> Liebe Leila! << Er überlegte kurz und strich es durch.
>> Liebste Partnerin! << Ja, das traf es eher.
>> Wenn Du aufwachst bin ich leider nicht mehr bei Dir. Ich musste Dich verlassen, da Du in meiner Gegenwart in Gefahr bist. Kehre in Dein altes Leben zurück und zu Deinem Ehemann und Deiner Tochter. Erziehe Deine Tochter zu dem was Du schon bist, einen Menschen mit viel Sensibilität, Herz und Mitgefühl.
Ich muss Dich verlassen, da ich in mir ein Feuer auflodern spüre. Das Feuer der Liebe und Leidenschaft zu Dir. Daher gehe ich, bevor weder Du, noch ich, zurück können.
In großer Dankbarkeit für Alles und tiefer Zuneigung
Dein, Dich liebender Charon! <<
Er legte den Zettel so auf den Tisch, dass ich ihn finden musste, gab mir zum Abschied einen zärtlichen Kuss auf die Stirn und verließ die Hütte.
Er sah sich um. In der Ferne sah er das Bauerngehöft, auf der anderen Seite sah er den Wald. Er drehte sich nochmals um, atmete tief durch und marschierte auf das Bauerngehöft zu.
Ich erwachte, drehte mich in die Richtung in der Charon liegen sollte und erschrak.
„Charon?“, fragte ich unsicher. Ich rief nochmals seinen Namen.
Stille, keine Antwort. Ich stand auf und ging vor die Hütte. Er war weg. Nervös, fast schon panisch ging ich wieder hinein und sah den Zettel.
Mit einer furchtbaren Vorahnung nahm ich ihn und las.
Zunächst stand ich nur vollkommen regungslos da, dann fiel mir der Zettel aus der Hand. Meine Augen wurden glasig und die ersten Tränen liefen.
Dann rannte ich aus der Hütte. „CHARON! NEIN! KOMM ZURÜCK! CHARON!“
Ich schrie mit aller Kraft und fast versagte mir die Stimme. „CHARON! VERDAMMTES MISTVIEH! CHARON! DAS KANNST DU MIR NICHT ANTUN! Nicht nach allem was wir beide erlebt haben.“
Bei den letzten Worten gab meine Stimme auf.
Ich setzte mich auf den Feldweg und ließ meinen Tränen freien Lauf. „Verdammte Scheiße! Warum hast du das getan? Mistkerl, verdammter. Ich liebe dich doch.“
Monate später... ich saß in meinem Haus, war allein.
Mein Ehemann hatte sich, kurz nachdem ich von meinem kleinen Ausflug wieder heimgekehrt war und mich in Widersprüche verstrickte was die Ereignisse betraf, von mir getrennt.
Nach ausgiebigen Untersuchungen durch Ärzte und Psychologen wurde ich als ungefährlich eingestuft, aber unsere gemeinsame Tochter meinem Mann zugesprochen.
Es war spät und ich schaute die Abendnachrichten, als es an der Hintertür klopfte. Ich schaute auf, erhob mich und bewaffnete mich mit einem Baseballschläger, der nicht zufällig in der Ecke stand.
Vorsichtig ging ich zur Tür, öffnete sie und ließ den Schläger fallen. Vor der Tür stand Charon.