Flucht und Sturm - Kapitel 2 - Flucht

Story by Schneewind on SoFurry

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Mawus stirbt. Und mit dem Tod gelangt er in das Land von Fabeln und Abenteuern. Dort ist er frei. Denn alles was er einmal war, ist fort und die ganze Welt liegt vor ihm, ohne dass er etwas dafür zu verlieren hat. Doch Mittellosigkeit und Kälte trüben seine Freiheit und so bricht er auf zur Glottfeste, der Größten der Burgen im Jenseits. Er weiß nicht, dass es kaum einen Ort gibt, der ihm mehr nach seiner Unabhängigkeit trachten wird, wäre da nicht der Knappe Jonathan, der ihn zum Teil des größten Abenteuers macht, das er je erleben wird und ihn schließlich in den Kampf von Gut und Böse hineinzieht.


Einige Wochen ging das so. Mawus zählte die Tage, doch es war, als hätte er sie nie erlebt. Wäre am Sonntag vor Allerheiligen nicht ein Eissturm auf der Glottfeste niedergangen und hätte ein abgerissener Ziegel nicht in der Nacht sein Fenster zerschlagen; wer weiß, ob er jemals erwacht wäre.

Schnee peitschte Mawus ins Gesicht. Er sprang auf und tat den ersten Zug kalter Winterluft seit er über die Schwelle getreten war. Etwas Wunderbares war geschehen; er war wieder klar und frei. Das Bild von Eis über einem ewigen Feld stand ihm auf einmal scharf vor Augen und bei dem Gedanken an die bei Mutter Valentin verlorene Zeit verkrampfte sich seine Brust.

Mawus wollte zur Tür stürzen. Doch jemand kam ihm zuvor und sie öffnete sich vor seinen schreckensgeweiteten Augen. In der Finsternis dahinter stand Mutter Valentin; ihr Kleid floss wie Wasser zu Boden und ihre dunklen Augen fixierten ihn abschätzig. In diesem Moment wusste er, wie es war, etwas mehr als den Tod zu fürchten. Die Angst, sein Leben wieder an sie zu verlieren, verschaffte ihm ungeahnte Kräfte und Mawus hätte sich seine Freiheit wohl zu erkämpfen versucht, wäre bei ihrem Eintreten nicht ein warmer Luftstoß ins Zimmer gefahren, der das gefürchtete Gefühl von Leere mit sich brachte und seine Glieder kribbeln ließ. Nein, an ihr würde er nicht vorbeikommen.

Er spürte das Glas kaum, als es um ihn barst und er in einem Regen aus Holzsplittern und Scherben zwei Stockerke auf die Straße stürzte. Mawus war schon immer geschickt gewesen. Doch was ihn rettete, war nicht seine Gewandheit, sondern reines Glück. Die Vorbereitungen für Allerheiligen waren bereits getroffen, über die Straße waren dicht an dicht Girlanden und goldene Wimpel gespannt. Er bekam einen davon zu fassen und es knallte, als die Haken auf beiden Seiten aus dem Mauerwerk rissen.

Das Band bremste seinen Fall gerade genug, dass seine Knochen dem Pflaster stand hielten. Doch der Aufprall schlug ihm sämtliche Luft aus den Lungen und trieb ihm die Schwärze in die Augen, dass er um sein Bewusstsein kämpfen musste. Jemand schrie, der Verkehr kam abrupt zum stehen und das einzige Geräusch in der folgenden Stille war das Klingeln von Glasscherben auf den Kopfsteinen.

Mawus riss die Augen weit auf, bis das Flimmern verschwand und der Nachthimmel zurückkehrte. Und dann klang Mutter Valentins scharfe Stimme: "Haltet ihn! Er hat mich bestohlen! Gott helfe euch, wenn ihr ihn nicht ergreift." Halb hoffte er, dass ihr niemand Glauben schenken würde. Aus dem Augenwinkel sah er zwei goldene Wachen auf ihn zukommen. Würden sie ihm helfen? Sie zogen ihre Schwerter.

Er sprang auf und floh. Ein Kutscher stellte sich ihm in den Weg, braunes Fell und schmale Hörner zwischen den Ohren. Gerne hätte Mawus seine Unschuld bewiesen und wäre ihm ausgewichen, doch er kam nicht vorbei. Nun war es nicht so, dass sich Mawus nicht zu wehren wusste. So lief er einfach weiter auf den Bock zu und fletschte im letzten Moment seine scharfen, weißen Zähne. Der Anblick des leuchtenden Gebisses inmitten seines pechschwarzen Fells war dem Braunen genug, er wich zur Seite.

Weiter ging es durch die Straße in Richtung Tor. Hinter Mawus brach ein Tumult aus, Fackeln wurden entzündet, Rufe laut und eine Pfeife ertönte, so durchdringend, dass es in seinen Ohren noch einmal wie Glasscherben klingelte. Er bog in eine Seitenstraße ab und schöpfte Hoffnung, als er weit an ihrem Ende die Mauer entdeckte. Hier brannten nur wenige Fackeln, die Dunkelheit war kühl und frisch und der Boden dämpfte das Geräusch seiner Schritte. Keiner der Verfolger bog hinter ihm ab; es schien, als würde er entkommen.

Da begann die Stadtglocke zu schlagen. Sie hallte von den Zinnen der Burg wieder und füllte jede Straße, jede Gasse und jeden Spalt der Burg mit ihrem tiefen, vollen Ton. Und über Mawus brach buchstäblich die Hölle los. Aus den Seiteneingängen stürzten unzählige Soldaten hervor, allesamt mit dem goldenen Wappen und einer Schärpe gestaffelt.

Dem Ersten entging Mawus knapp, der Zweite bekam ihn zu fassen und hätte ihn zu Boden gerissen, hätte sich Mawus nicht seinem Griff entwunden. Es waren zu viele. Mawus wusste, dass sie ihn fangen würden, genauso wie er wusste, dass er sich nicht lebend ergeben würde. Nein, ehe er zu Mutter Valentin zurückkehrte würde er ein zweites Mal sterben.

Ein Dritter tauchte direkt vor ihm auf, die Spitze des Schwertes auf seine Brust gerichtet. Mawus lief unbeirrt weiter und erhaschte einen Blick auf die zusammengekniffenen Augen hinter dem Visier, die sich bei seiner Kaltblütigkeit weiteten. Er wappnete sich.

Metall klirrte auf Stein, als der Soldat sein Schwert fallen ließ und die Arme ausbreitete. Mawus mochte es nicht wissen, doch ihnen allen war geboten worden, ihn lebend zu fangen. So sprang er geradwegs in den Soldaten hinein, stieß ihn zu Boden und setzte seine Flucht fort. Aber damit hatte sein Glück ein Ende. Die schweren Schritte hinter ihm wurden mehr und mehr. Hufgetrappel gesellte sich dazu und Mawus wusste, dass seine Flucht jeden Moment vorbei sein würde, so nah war es.

Ein fester Griff erfasste seinen Kragen und eine schlanke Hand schwang ihn auf den Pferderücken. Es war Jonathan, der da ritt. Teilweise in eine Rüstung gehüllt, das Visier heruntergeklappt und den Mantel um das kalte Metall geschlagen, dass man ihn kaum erkannte. Doch er war es und Mawus konnte es kaum glauben.

Sie preschten weiter, schneller und schneller, dass unter Mylars Hufen die Funken flogen. In einem einzigen Satz flog er über eine Seitenstraße, landerte donnernd auf den Kopfsteinen und brauste geradewegs durch eine Gruppe von Soldaten hindurch, die ihm zu beiden Seiten aus dem Weg sprangen. Die Glocke schlug weiterhin. Auf einmal stöhnte Jonathan auf und Mawus erkannte, dass sie zu spät waren.

Das Stadttor wurde geschlossen. Der Spalt unter dem Fallgitter wurde schmaler und schmaler, doch Mylar jagte unbeirrt darauf zu. Erst im letzten Moment schwenkte er zur Seite und sie galoppierte am Fuß der Mauer entlang. Hinter ihnen ertönte das Geräusch weiterer Hufe und als Mawus sich umsah, sah er eine Gruppe von fünf Reitern, die die Verfolgung aufgenommen hatten.

Mylar war schneller, viel schneller. Doch wo sollten sie hin? Das Band der Mauer erstreckte sich im Dunkeln wie eine Schneewand und schien kein Ende zu nehmen. Nur die Zahl der Fackeln sank und die Häuser wurden karger. Auch das Kopfsteinpflaster endete und Mylars Hufe wurden nahezu lautlos. Sein dunkles Fell begann, mit der Dunkelheit zu verschmelzen, doch Jonathan schien sich nicht verstecken zu wollen.

Er hielt weiter auf einen Punkt zu, den nur er sehen konnte, und spornte Mylar mit sanften Worten an. Der Strom von Verfolgern riss nicht ab. Kaum war eine Gruppe zurückgefallen, fiel die nächste aus den Seitenstraßen ein. Auf einmal begann Mawus zu verstehen und sein Bauch verkrampfte sich vor Hoffnung. Die Mauer wurde niedriger. Mit jedem Sprung, den Mylar tat, schrumpfte sie um eine Handbreit und oh, er war so schnell. Schon bald tauchten die ersten Baumwipfel dahinter auf und die weiße Wand wich grauen, ungleichen Steinen.

Es sirrte und ein harter Windstoß fuhr an Mawus´ Ohr vorbei. Jonathan fiel vom Pferd. Wie eine Puppe schlug er auf dem Weg auf, überschlug sich und landete im hohen Gras. Mawus folgte ihm. Sei es, weil er die Augen nicht von dem schrecklichen Anblick abwenden konnte und die Schultern verdrehte, bis er sich nicht mehr auf Mylar halten konnte. Sei es weil Jonathan vielleicht noch zu retten war und ihnen womöglich gemeinsam die Flucht gelingen konnte. Oder weil er außer Stande war, ihn alleine an diesem Ort zurückzulassen.

Der Sprung von Mylars Rücken war Nichts im Vergleich zu seinem Fall aus Mutter Valentins Haus. Mawus erreichte Jonathan, als die Gruppe von Soldaten gerade eine Viertelmeile vor ihnen erschien. Der Helle sah ihnen entgegen und versuchte, auf die Beine zu kommen. Das Rot seines Mantels troff ins Gras, den Helm hatte er verloren. Als er ihn erblickte, weiteten sich seine Augen vor Überraschung, und Mawus zog ihn hoch. Er schwankte und ein Schwall von Blut fiel auf die Erde. Das Geräusch ließ Mawus´ Herz aussetzen.

Er ergriff den Saum von Jonathans Mantel und schlang ihn fest um dessen Arm. Jonathan schrie, die Schar von Soldaten brüllte zurück und Mawus hätte beinahe aufgegeben. "Zur Mauer", keuchte Jonathan. Und in der Tat, sie war nur einen Steinwurf entfernt und die hervorstehenden Steine warfen lange Schatten im Mondlicht. Halb lief Mawus, halb stemmte er sich gegen den Hellen, wobei sein Fell schwer und feucht wurde. Wie sie es vor den Soldaten schafften, wusste er nicht.

Schließlich standen sie vor dem kalten Stein, der zwei Manneslängen über ihnen aufragte. Hinter ihnen konnten sie bereits den Atem der Verfolger hören, doch sie drehten sich nicht um. So blutüberströmt Jonathan auch war, er schaffte es, auf Mawus´ Schultern stehend, den Mauergrat zu ergreifen und sich auf die andere Seite zu ziehen. Mawus folgte, die Finger der Wachen an den Zehen, fiel über den Rand und landete in einem Haselnussstrauch. Der Wald umfing sie mit Dunkelheit und Kälte.

Weiter, immer weiter! Sie hasteten zwischen den Stämmen hindurch, in Haken durch dunkelsten Schatten und bemooste Gräben, bis es hinter ihnen still wurde und Jonathan nicht mehr laufen konnte. Mawus blieb stehen, stützte ihn und sie lauschten. Nichts als Wind in den Ästen und dem Rieseln von Schnee, der eben einsetzte und ihre Spuren verwischte.

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Der Morgen war gerade angebrochen, als sie das kleine, weiße Haus zwischen den Tannen erreichten. Irgendwo dahinter rauschte ein Bach und eine Felsformation umgab es wie eine schützende Hand. Jonathan hatte den Weg durch den Wald eingeschlagen, ohne einmal zu zögern, doch er war so müde geworden, dass Mawus ihn das letzte Stück beinahe hatte tragen müssen.

Die Tür schwang beim ersten Klopfen auf, aber Mawus sah kaum auf. Wer auch immer das einsame Haus bewohnte, ob Hexe oder Ungeheuer, ihm war es egal, solange Jonathan nur in Ordnung kam. Es war eine Frau, braun und weiß, die Jonathan auffing und ihn hineintrug. "Komm nur herein.", rief sie über die Schulter und Mawus folgte ihr in die kleine Küche, wo sie den Hellen auf eine Bank beim Ofen legte.

"Oh Jonathan...", sagte sie nur und schlug behutsam seinen Mantel zurück. Mawus stand auf den Kacheln, klamm vor Angst und Erschöpfung und wusste nicht wohin. Er wagte nicht, auch nur einen Laut von sich zu geben, während sie arbeitete. Mit schnellen, stillen Handgriffen verband sie Jonathan, nahm ihm die Rüstung ab und kleidete ihn in ein helles Hemd. "Du sagtest, du wolltest nur eine Nachricht von Ingvar holen.", sprach sie leise und strich bekümmert seine Ohren glatt.

Jonathan schlug die Augen auf, blickte ruhig zu ihr hoch und sagte: "Ingvar ist geflohen. Mawus hat mich gerettet, du kannst ihm trauen." Dann schlief er ein. Die Frau wandte sich zu Mawus um und ihr Gesichtsausdruck wurde weich, als sie seine Sorge bemerkte. "Hab keine Angst. Er hat schon Schlimmeres überstanden." Ihre Hand drückte die von Jonathan bei den Worten. "Ich bin Sophia. Was ist geschehen?"

Mawus erzählte von dem Moment seiner Flucht und allem was danach geschehen war. Sophia runzelte die Stirn, dann verstand sie. "Du hast großes Glück gehabt." Mehr sagte sie nicht dazu. Und dann, als Mawus kurz davor war, einfach auf den Boden zu sinken: "Schlaf jetzt. Du bist in Sicherheit, das verspreche ich dir."