Drachenauge - Kapitel 23: Geständnis

Story by Turmalon on SoFurry

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Kapitel 23 von 24

vor dem 24. wird noch einmal ein Zwischenkapitel kommen.

Ich wünsche viel Spaß beim lesen und freue mich über jede Art von Kommentaren und Kritik

Gruß

Turmalon


Ungeduldig wartete Tar’Aknaris auf eine Reaktion von Al’Askahra und ging dabei vor dessen Altar auf und ab. Sicher war sie verstimmt darüber, dass ihr das Menschenweib entkommen konnte und erhört deswegen nun schon zum zweiten Tag in Folge nicht seine Bitten.

Seit dem Rätselte er darüber, wieso niemand diese Flucht verhindern konnte. Keinem seiner Brüder gelang es den Drachen unter Kontrolle zu bringen. Und selbst die Tore, welche doch eigentlich nur die von Al’Askahra erwählten zu bewegen vermochten, schlossen alle ein und gewährten den anderen entkommen zu können.

Zuerst hatte Tar’Aknaris befürchtet, seine von Al’Askahra höchst selbst verliehenen Fähigkeiten verloren zu haben. Doch stellte sich schnell heraus, dass sie noch alle vorhanden waren.

Tar’Aknaris gab es auf. Auch heute würde sie sich ihm nicht offenbaren. Er wandte sich dem Tor zu und blickte es einen Moment nervös an. Dann sandte er gedanklich den Befehl aus, dass es sich öffnen sollte und war erleichtert, als es dies auch tat. Es musste wohl etwas mit dem zweiten Drachen oder eher mit dem Zwerg, der gemeinsam mit ihm aufgetaucht war, zu tun gehabt haben. Schließlich waren diese Mauern das Werk seiner Vorfahren und wusste daher mit Sicherheit auch, wie sie Funktionierten.

Andererseits hatte Tar’Aknaris angenommen, oder viel mehr gehofft, dass diese bärtigen Wichte nicht mehr existieren würden. Aber wie es schien waren sie genauso schwer auszurotten wie die Kahdarie.

Schweigend eilte er durch das Tor, vor dem seine Wachen auf ihn warteten.

Schon als ihm beim ersten Mal bewusst wurde, dass Al’Askahra sich ihm nicht offenbaren würde, schickte er sie raus, um alleine sein. Niemand durfte erfahren, dass er offensichtlich ihre Gunst verloren hatte und seither nur noch eigene Anweisungen gab. Doch konnte er nur erraten, was Al’Askahras Wünsche waren und hoffen so wieder an ihre Gunst zu gelangen. Allerdings fürchtete er vor allem, dass sie diese bereits jemandem anders zu Teil werden ließ.

Plötzlich erinnerte sich Tar’Aknaris wieder an Rak’Zunaihs Worte, als er abermals darüber nachdachte, wieso sie den schwarzen Drachen nicht bändigen konnten. „Er ist nur schwer unter Kontrolle zu halten!“, behauptete dieser und Tar’Aknaris bewies ihm noch im selben Moment das Gegenteil. Nun war er jedoch neugierig, wie es Rak’Zunaih gelang den Drachen nach seinem Willen handeln zu lassen.

Nachdenklich saß Rianna, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, auf dem Bett. Ihr gegenüber hatte Nyrn auf einem Stuhl Platz genommen und wartete geduldig auf die Fragen des Mädchens. Durch ihre Finger ließ sie eine feingliedrige Silberkette gleiten, die ihr der Goldschmied Gilbert ursprünglich für die Drachenträne mit gegeben hatte. Rianna aber befürchtete, dass ihr diese reißen würde und besorgte sich daher das Lederband, an dem der Stein nun um ihren Hals hing.

„Du bist also ein Drache!“, begann sie endlich. Wieso, von den vielen Fragen die ihr durch den Kopf gingen, es ausgerechnet diese war welche sie stellte, wusste sie selbst nicht. Doch irgendwo musste sie schließlich anfangen, denn das Schweigen, aus dem Ihr Gespräch bisher Bestand, wurde ihr mittlerweile unangenehm.

„Ja, ebenso wie Turmalon bin ich ein Drache!“, antwortete Nyrn erheitert, „und als nächstes möchtest du bestimmt wissen, wieso ich in dieser Gestalt durch die Welt ziehe. Nicht wahr?“

Rianna nickte. Zwar war es nicht direkt die nächste Frage, die sie gestellt hätte aber wäre sie mit Sicherheit früher oder später darauf zurückgekommen.

„Es war der einzige Weg wie ich ungestört bleiben konnte“, erwiderte Nyrn und sah bedrückt zu Boden. „Aus deinen Bedenken, hier eine Rast einzulegen, schließe ich, dass du mit Turmalon bereits erfahren hast was ich meine.“

„Ja, sogar ein paarmal schon!“, seufzte Rianna bestätigend und sogleich richtete sie ihren Blick erwartungsvoll auf den alten Mann, „könnte Turmalon das auch?“ Dabei mahlte sie sich bereits aus wie er dann aussehen würde.

Nyrn wirke sehr überrascht von Riannas Begeisterung: „Wenn er wollte, könnte ich ihm dies beibringen. Allerdings wäre es ein weiter Weg, bis dahin. Ich benötigte fast zwei Jahre bis ich es beherrschte. Zumal ich zu dieser Zeit schon sehr viel vertrauter mit dem Umgang von Magie war. Ein Magier der Menschen hatte es mir damals, als noch friedlichere Zeiten zwischen unseren Rassen herrschten, beigebracht. Ich glaube sein einziger Grund dafür war, dass ich auch ihn einmal in seinem Haus besuchen konnte um nicht immer zu mir in den Hort kommen zu müssen. Er war ein sehr guter Freund und wir verbrachten viel Zeit mit allerhand Studien über sehr viele Themen. Vor allem aber ging es um Magie und Alchemie!“

„Was ist aus ihm geworden?“, hakte Rianna nach.

„Ich glaube es sind mittlerweile mehr als 300 Jahre seitdem vergangen!“, erwiderte Nyrn nachdenklich, „Was glaubst du denn, was aus ihm geworden ist?

„300 Jahre?“, wiederholte Rianna verblüfft und vergas, dass er ihrer Frage somit nur ausgewichen war. „Wie alt bist du denn genau?“

„Exakt kann ich es dir nicht sagen“, gestand Nyrn schulterzuckend, „Es sollten aber etwas über 1100 Jahre, vielleicht auch schon 1200 Jahre sein!“

Beeindruckt sah Rianna zu ihrem Gegenüber. Ein solches Alter war für sie schier unglaublich aber für einen Drachen vermutlich nichts Besonderes.

„In Kaz‘Mordan sprach sowohl Rak’Zunaih als auch Tar’Aknaris und Al’Askahra von einem Wächter. Sie waren alle davon überzeugt, dass ich dieser sei!“, erinnerte sich Rianna und versuchte so wieder zum eigentlichen Thema zurückzukehren. „Als du dann aber auftauchtest, hieß es, dass du dieser Wächter bist…“

„Beides ist in gewisser Weise richtig“, meinte Nyrn, was jedoch für Rianna nicht gerade einleuchtend klang. Nyrn erklärte, was dies mit ihr zu tun hatte. Daraus ergaben sich für sie aber nur noch mehr Fragen, die nach einer Antwort verlangten und abermals wusste Rianna nicht, wo sie beginnen sollte.

„Würde es dir etwas ausmachen, mir zu erzählen was alles in Kaz‘Mordan vorgefallen ist. Vor allem im Zusammenhang mit Drakora!“, bat Nyrn und Rianna kam dem so gut es ging nach.

„Ich denke es war ganz gut, dass sie erkannte wer du bist. Sonst wäre es vermutlich nicht so glimpflich für dich ausgegangen! Normalerweise scheren sich die Lyzarie nur sehr wenig um ihre Gefangenen. Außer sie versprechen sich, wie bei dir, etwas von ihnen“, meinte Nyrn, was Rianna nicht sehr ermutigend empfand. „Um aber sicherzugehen, dass du Drakoras Behandlungen unbeschadet überstanden hast, würde ich gerne ebenfalls deinen Geist durchsuchen!“

Rianna schrak auf. Nach dem sie nun wusste, was Drakora wirklich im Schilde führte, war ihr diese Prozedur sehr unangenehm geworden. Sie wollte nicht, dass ihr wieder jemand im Kopf herum spukte.

„Keine Angst. Da ich weiß wonach ich suchen muss, wird es sehr schnell gehen!“, erkannte Nyrn ihre Bedenken und versuchte sie zu zerstreuen.

Wiederwillig stimmte Rianna zu. Da sie ja von Drakora wusste was zu tun war, bereitete sie sich auch direkt auf das kommende vor. Unmittelbar darauf spürte sie eine zweite Präsenz neben ihrer eigenen. Aber im Gegensatz zu der Dämonin, durchstöberte Nyrn nicht sämtliche ihrer Erinnerungen, sondern führte sie zu etwas, was sie nicht anders als eine Mauer in ihren Gedanken beschreiben konnte. Eine scheinbar unüberwindbare Blockade, die es nicht zu ließ zu ergründen was dahinter verborgen war. Doch bevor sie sich weiter darum Gedanken machen konnte, bemerkte sie, dass ihr Geist ihr wieder alleine gehörte.

„Es ist alles in Ordnung!“, stellte Nyrn erleichtert fest, was auch Rianna beruhigte. „Lediglich einige weniger bedeutende Siegel, unteranderem jenes, welches es dir nun ermöglicht die Sprache der Drachen zu verstehen, wurden gebrochen. Aber das ist ja kaum zu überhören!“

„Inwiefern kaum zu überhören?“, wollte Rianna genauer wissen.

Nyrn musste grinsen und erklärte feixend: „Seid wir beide allein in diesem Raum sind, haben wir nur wenige Worte, die nicht aus der Alten Sprache der Drachen stammte, gewechselt!“

„Wie bitte? Das kann nicht sein!“, wiedersprach Rianna ungläubig. „Ich spreche die Sprache, die mir beigebracht wurde bevor ich ge…?“ Sie unterbrach sich mitten im Wort und schüttelte verwirrt den Kopf als ihr klar wurde, dass an dieser Erinnerung etwas nicht stimmten konnte. Sie wollte gerade steif und fest behaupten, dass sie geschlüpft sei. Auch wenn manches in ihrem Leben nicht so wie bei anderen Menschen war, konnte so etwas mit Sicherheit nicht sein.

„Keine Sorge. Mit der Zeit wirst du zwischen deinen und den Erinnerungen die du von mir erhalten hast unterscheiden können“, beruhigte Nyrn Rianna, als er erkannte was in ihr vorging. „Leider war es mir nicht möglich, als ich meine Fähigkeiten auf dich übertrug, die damit verbundenen Erinnerungen zu entfernen. Deswegen können wir auch von Glück reden, dass Drakora nicht einfach ein Siegel nach dem anderen gebrochen hat. Denn ich befürchte dann wärst du nicht mehr du selbst gewesen!“

„Wird mir das nicht sowieso bevorstehen, wenn ich deiner bitte als Nachfolge entsprechen würde?“, warf Rianna ihm vor und bemühte sich in der ihr gewohnten Sprache zu sprechen. „Mal davon abgesehen, dass ich noch nicht einmal weiß, was das überhaupt bedeutet dieser Wächter zu sein!“

„Nein, darum musst du dir keine Sorgen machen. Dies diente nur als Absicherung, wenn mit etwas zugestoßen wäre. Aber selbst dann hättest du keine Schwierigkeiten gehabt dich daran zu gewöhnen. Denn es wäre nur sehr langsam, nach und nach geschehen“, versicherte Nyrn. Doch war Rianna noch immer nicht sehr davon begeistert. „Aber Stattdessen würde ich dir lieber alles auf herkömmlichem Wege beibringen.“

„Und wieso sollte ich mir diese Mühe machen?“, fragte Rianna ablehnend.

„Zum einen, um zu sehen wie gewillt du bist es zu lernen!“, erwiderte Nyrn lächelnd, „Deinen Unmut gerade eben habe ich dabei einfach mal überhört. Aber ich würde gerne von dir wissen, was du dir vorgestellt hast, wie dein Leben weiter geht? Wie es deiner Meinung nach verlaufen sollte?“

Überrumpelt von dieser Frage, musste Rianna eine ganze Weile überlegen, da sie sich bisher nur wenige Gedanken darum gemacht hatte. „Am ehesten hätte ich wohl Alia nachgeeifert!“, gestand sie verlegen. „Sie ist die einzige Frau bei den Spähern in Horin und seit ich sie kenne ein Vorbild für mich. Mein Vater sieht das allerdings anders! Wenn es nach ihm ginge, wäre ich Hausfrau und Mutter. Wie Aaron hingegen darüber denkt weiß ich nicht. Früher als Kinder hatte er mich aber immer bei meinen Vorhaben bekräftigt. Doch seit ich Turmalon getroffen habe, ist es mein einziger Wunsch bei ihm zu bleiben!“

„Dagegen ist nichts einzuwenden!“, sicherte Nyrn ihr zu, nach dem ihr die letzten Worte nur sehr zögerlich über die Lippen kamen. „Aber wenn du nicht möchtest, Turmalon hat mir bereits zugesagt. Unabhängig von deiner Entscheidung werde ich ihn also alles lehren, was ich für angebracht halte. Lieber wäre es mir natürlich, wenn wieder zwei Wächter dafür Sorge tragen könnten, dass Drakora in Kaz‘Mordan eingesperrt bleibt. Denn nichts anderes ist meine Aufgabe. Auch wenn ich im Grunde nur alle paar Jahre sicherstellen muss, dass das Siegel, welches dafür verantwortlich ist das sie nicht wieder zu Kräften kommt, nicht bricht. So darf dies dennoch nicht vernachlässigt werden. Sonst wäre bald niemand mehr auf dieser Welt sicher. Denn ich bezweifele, dass es noch irgendjemanden gibt der Drakora Einhalt gebieten könnte!“

„Das wäre also alle was auf mich zukäme? Ich müsste lediglich ab und zu nach Kaz‘Mordan reisen und dieses Siegel erneuern?“, wiederholte Rianna, damit sie es richtig verstand.

„Ja, das wäre es!“, bestätigte Nyrn mit einem kurzen Nicken. „Sollte es aber wirklich dein Wunsch sein weiter bei Turmalon zu bleiben, bestehe ich darauf, dass du dich von mir unterrichten lässt!“

„Was würdest du mir denn alles beibringen?“, fragte Rianna neugierig.

„Im Grunde alles was ich weiß und für wert betrachte weiterzugeben! In deinem Fall hauptsächlich die Künste der Magie und Heilung“, offenbarte Nyrn. „Was genau das bedeutet, sollten wir klären wenn es soweit ist. Bei Turmalon sähe das ähnlich aus. Auf dem Weg hierher hatten wir ausreichend Zeit uns darüber zu unterhalten. Jedoch käme bei ihm auch noch der ein oder andere Kniff hinzu, dem nur ein anderer Drache ihm beibringen kann. Er hat zwar bereits durch die Lyzarie gelernt wie man sich zur Wehr setzt, aber ich bin mir sicher dass er noch einiges zu lernen hat. “

„Ich bin einverstanden!“, erklärte sich Rianna plötzlich bereit. Dass er sie jedoch schon überzeugt hatte, als er erwähnte das Turmalon schon eingewilligt hatte, verheimlichte sie. Umso mehr freute sie sich insgeheim auf das was sie von Nyrn alles lernen würde. Schon lange wollte sie mehr über Magie lernen. Vermutlich war Nyrn auch nicht ganz unschuldig daran. Doch in Horin gab es nie jemanden, der ihr diesbezüglich etwas hätte beibringen können und in Büchern, die sie über das Thema fand, wurde es nur beiläufig angeschnitten. Zumal ihr Vater dies wahrscheinlich auch nie erlaubt hätte, da er nichts davon hielt. „Wann fangen wir an?“

„Sobald wir zurück in Horin sind“, meinte Nyrn, nach dem er einen Moment überlegt hatte, „Bei meiner Hütte sind wir ungestört und haben ausreichend Platz zum Üben!“

„Na gut“, seufzte Rianna enttäuscht, da die Reise dorthin noch mindestens zwei Tage dauerte, hatte sie gehofft dass Nyrn bereits mit etwas einfachem beginnen würde.

„Wir haben es doch nicht eilig. Also immer mit der Ruhe!“, mahnte Nyrn lächelnd zur Geduld. „Aber wenn du unbedingt darauf bestehst. Was siehst du, wenn du Turmalons Drachenträne betrachtest?“

„Einen schwarzen, blank geschliffenen Stein in Form eines Tropfen!“, antwortet Rianna, ohne einen Blick auf das besagte Objekt, das um ihren Hals hing, zu werfen.

„Ist das wirklich alles was du siehst?“, hackte Nyrn noch einmal nach.

Verunsichert musterte Rianna den alten Mann und versuchte zu ergründen was er denn meinte, noch sehen zu können. Schließlich löste sie das Lederband und nahm die Drachenträne in die Hand, um sie genauer in Augenschein zu nehmen.

„Du meinst aber nicht, dass ich sie habe einfassen lassen. Oder?“, wollte Rianna direkt geklärt haben.

„Nein, das meinte ich nicht!“, bestätigte Nyrn amüsiert, „Wobei es eine sehr gute Idee von dir war!“

Rianna verdrehte die Augen, als er fast denselben Wortlaut wie Turmalon verwendete. Widmete dann ihre Aufmerksamkeit wieder der Drachenträne. Schließlich viel ihr etwas auf, dass sie bereits früh als Kind gelernt hatte zu ignorieren.

„Von dem Stein geht ein schwaches Leuchten aus“, versuchte Rianna das zu beschreiben, was sie sah.

„Richtig. Fällt dir sonst noch etwas daran auf?“, hakte Nyrn weiter nach.

„Es pulsiert!“, ergänzte sie. Doch gab er ihr mit einer Handbewegung zu verstehen, dass dies noch immer nicht alles war. Sie drehte und wendete den Stein, um ihn noch einmal von allen Seiten zu betrachte und erkannte: „Egal wie ich sie halte, dieses Leuchten scheint immer in eine bestimmte Richtung zu zeigen. Wie die Nadel eines Kompass!“

„Vollkommen richtig erkannt!“, bestätigte Nyrn, einmal in die Hände klatschend. „Und weißt du auch wohin er Zeigt?“

„Ich nehme an auf Turmalon“, erwiderte Rianna, da ihr wieder einfiel, dass Rak’Zunaih behauptete, er könne den Drachen mit diesem Stein immer finden. Egal wo er sich verstecken würde. Nun verstand sie auch wie ihm das möglich war. „Früher hat man mich ausgelacht, wenn ich jemanden erzählte dass überall in der Luft solche bunt schimmernde Erscheinungen zu sehen sind und sich, wie vom Wind getragen, bewegten. Oder man sagte mir ich sollte aufhören solche Geschichten zu erzählen. Deswegen habe ich es irgendwann nicht mehr beachtet. Was also, wenn es keine Einbildung ist, sehe ich dort und wieso sehe nur ich es?“

„Kannst du dir das nicht denken?“, erwiderte Nyrn.

„Es hat was mit meinen Augen zu tun!“, war sich Rianna sicher, was Nyrn ebenfalls, durch ein Nicken, bestätigte. „Dennoch weiß ich nicht, was ich dort sehe!“

„Um es einfach zu sagen, es sind die Ströme der Magie die du dort siehst!“, erklärte Nyrn, „Aber du wirst schnell feststellen, dass es sie nicht nur in der Luft gibt, sondern fast überall zu finden sind. Und wie du richtig vermutet hast, sind deine Augen dafür verantwortlich. Alle Drachen können sie sehen.

Im Gegensatz dazu, reicht es den meisten menschlichen Magiern, diese Ströme zu erspüren um ihre Magie wirken zu können. Nur die wenigsten eignen sich die Fähigkeit, sie auch sehen zu können, an. Denn selbst dann ist es ihnen nur dann möglich, wenn sie sich darauf konzentrieren.

Im Laufe der Zeit wirst du herausfinden, was dies für einen Unterschied ausmacht. Aber zunächst solltest du aufhören sie zu ignorieren. Das wird vieles von dem was ich dir beibringen werde einfacher machen. Fang an sie bei dem was du siehst zu berücksichtigen!“

„Das werde ich!“, versprach Rianna. Dann atmete sie einmal tief durch, da sie erhoffte endlich eine Antwort auf die Frage zu bekommen, die sie schon so lange beschäftigte, auch wenn sie sich mittlerweile sicher war diese bereits zu kennen: „Ist es richtig, dass du für meine Augen verantwortlich bist?“

Nyrn nickte wieder einmal und wollte zu einer Antwort ansetzen, als Rianna, unbeabsichtigt vorwurfsvoll, fragte: „Wieso?“

„Weil du sonst von Geburt an blind gewesen wärst!“, erklärte Nyrn besänftigend, was wiederum nur bedingt gelang. Da ihr die Vorstellung, nicht sehen zu können, angst bereitete.

„Ich vermute, dass es hat was mit deinen anderen Fähigkeiten zu tun hat“, fuhr Nyrn behutsam fort. „Den Verdacht hatte ich bereits während deine Mutter noch schwanger war. Davon überzeugen, dir zu helfen, konnte ich sie letztlich erst, als du auf die Welt kamst und sie sah, dass ich recht hatte …“

„Du warst bei meiner Geburt dabei?“, fragte Rianna erstaunt.

„Ja, da ich wissen wollte ob ich recht behalten sollte. Auch wenn ich nicht gerade ein erwünschter Gast war“, gestand Nyrn, „Doch die Hebamme war so beschäftigt, dass sie keine Zeit hatte mich weg zuschicken. Im Grunde war sie sogar froh, dass ich ihr zur Hand gehen konnte!“

„Hättest du meine Mutter dann nicht ebenfalls heilen können?“, verlangte Rianna zu erfahren und warf ihm vor, dass er erst deren Leben hätte retten sollen.

„Ich sagte ihr ja, dass ich nichts von dieser Idee halte“, seufzte Nyrn zu sich selbst und sah Rianna dann ernst in die Augen. „Rianna, deine Mutter ist nicht tot!“

„Was?“, japste sie ungläubig, bevor sie Nyrn nur noch schockiert anstarrte.

„Es war ihre Entscheidung alle glauben zu lassen sie wäre kurz nach deiner Geburt verstorben. Ich kenne zwar ihre Beweggründe dafür, aber es wäre besser wenn sie es dir selbst erklären würde“, entschuldigte sich Nyrn, „Ich muss jedoch zugeben nicht ganz unschuldig daran gewesen zu sein. Denn ich drängte sie bereits einige Zeit lang mir endlich ihre Entscheidung mitzuteilen. Ich hatte sie damals vor die Wahl gestellt, entweder sollte sie mit mir gehen oder dich in meine Obhut geben. Zu dieser Zeit war ich der Verzweiflung nahe und auf der Suche nach einem Nachfolger. Ich war zu vielem bereit und habe auch einiges getan, was ich heute bereue. Unteranderem auch, dass ich dir meine Fähigkeiten übertragen habe. Ich hatte Angst nicht mehr genügend Zeit zu haben. Heute weiß ich, dass ich mich irrte …“

Rianna wusste nicht, ob sie sich freuen oder wütend sein sollte. In jedem Fall aber lief ihr Gesicht rot an und ihr stiegen Tränen in die Augen.

„Du gehst jetzt besser!“, brachte sie noch mit letzter Beherrschung hervor. Zwar waren noch viele Fragen offen, aber sie hatte nicht mehr die Nerven, diese jetzt noch stellen zu können.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren stand Nyrn auf und verließ das Zimmer. Als die Tür ins Schloss gefallen war, warf Rianna sich ins Bett und brach in Tränen aus.

„Das soll alles sein?“, zischte Tar’Aknaris ungläubig, weswegen Rak’Zunaih innerlich lachen musste. „Du bestrafst sie lediglich dafür wenn sie nicht tun was man ihnen sagt?“

„Was habt ihr sonst erwartet?“, fragte Rak’Zunaih schulterzuckend, „Belohnung und Züchtigung sind noch immer der beste Weg um ihnen gehorsam beizubringen.“ Er ließ aber aus, wie diese Bestrafung aussah. „Turmalon konnte man hingegen seit einiger Zeit nur noch mit einem Druckmittel unter Kontrolle halten, da bei ihm keinerlei Bestrafung mehr Wirkung zeigte!“

„Was auch immer es war, es scheint ihm nicht wichtig genug gewesen zu sein, wenn er bereits die erstbeste Chance zur Flucht nutzte!“, entgegnete Tar’Aknaris herablassend.

„Nun, ich weiß nicht was ihr mit dem Menschenweib angestellt habt, dass ihr vor einigen Tagen mit euch genommen habt“, log Rak’Zunaih sehr wohl wissend was geschehen war. „Doch wenn ihr ihm die Hoffnung genommen habt sie schützen zu können, war das was geschehen ist nicht zu vermeiden.“

„Deswegen wollte sie ihn sehen!“, erkannte nun auch Tar’Aknaris zähneknirschend vor Wut. Anschließend wandte er sich ab und verschwand mit seinen beiden Leibwächtern wieder in der Menge der Lyzarie.

Rak’Zunaih wandte sich ebenfalls um und blickte zu Yamis, der unmittelbar hinter ihm gestanden hatte.

„Gibt es endlich Neuigkeiten über den Verbleib meines Sohnes?“, wollte er von seinem Untergebenen wissen.

„Nein, immer noch nichts!“, entschuldigte dieser sich unterwürfig.

Rak’Zunaih begann sich mittlerweile ernsthafte Sorgen um seinen Sohn zu machen. Seit gut einem Jahr suchte er in seinem Auftrag nach den Schlüsselsteinen. Doch sollte er längst wieder zurück sein. Dem Lyzarie blieb nichts anderes übrig, als auf die Fähigkeiten seines Sohnes zu vertrauen und er sich lediglich verspäten würde. Doch konnte er nicht länger warten.

„Sag den anderen Bescheid. Wir werden in zwei Tagen aufbrechen!“, entschied Rak’Zunaih. „Sollte Darek doch noch auftauchen, wirst du ihm mitteilen wo er mich findet. Er soll schnellst möglich nachkommen!“

„Ich habe verstanden!“, bestätigte Yamis und eilte davon.

Rak’Zunaih kehrte zurück in sein Haus und beschloss sich noch etwas Ruhe zu gönnen für das, was die nächsten Tage folgen würde. Schließlich waren alle Vorbereitungen getroffen und alle warteten nur noch darauf, dass sie abmarschierten.

(*)Aufmerksam beobachtete Samirah aus ihrem Versteck, einem überwachsener Felsvorsprung, einen Stein, der den Hügel herunterrollte. Leise erhob sie sich um gegebenenfalls gewappnet zu sein, sollte sie sich verteidigen müssen. Dann hörte sie, wie etwas durch das Laub den steilen Hang herabrutschte.

Als Samirah einen Moment später Darek erkannte, wie er etwas ungeschickt versuchte seinen aufgenommenen Schwung wieder abzubremsen, entspannte sie sich wieder und kehrte an ihren Platz zurück.

„Und, fündig geworden?“, erkundigte sie sich neugierig, als ihr Begleiter, sich den Dreck und das Laub von der Kleidung klopfend, vor dem Versteck erschien.

„Wenn du meinst, ob ich den Kundschafter meines Vater gefunden habe, dann lautet die Antwort: Ja!“, erwiderte Darek seufzend. „Aber leider konnte er mir noch weniger berichten als die anderen. Ich glaube, er lässt es sich hier viel zu gut gehen und vernachlässigt daher seine Aufgaben!“

„Wir hätten uns also den Weg sparen können und wären stattdessen pünktlich wieder zurück gewesen?“, schlussfolgerte Samirah. Erschaudernd mahlte sie sich die Strafe für ihr verspäten aus und das sie zu allem Überfluss nicht einmal etwas vorzuweisen hatten.

„Vielleicht nicht ganz umsonst!“, widersprach Darek und holte ein in Leder gebundenes Buch hervor. „In dem kleinen Dorf gab es doch tatsächlich eine Bibliothek. Irgendein wohltätiger Händler, der dort gewohnt hatte, soll sie zusammengetragen haben. Es war wirklich eine beachtliche Sammlung an Büchern die von einem sehr hilfsbereiten Bibliothekar verwaltet wurden. Zwar kannte er keine Erzählungen über Zwergenartefakte oder Schlüsselsteinen, dafür konnte er mir aber gleich einen ganzen Stapel an Büchern bringen in denen es um Zwerge ging. Dieses hier soll ein ganz besonderes sein. Angeblich ist es eine Abschrift und Übersetzung einer zwergischen Geschichtssammlung. Als ich es Überflog, hab ich dann das hier entdeckt!“ Darek schlug das Buch sehr weit hinten, mit Hilfe eines Lesezeichens in Form eines roten Bandes, auf. Er hielt es Samirah entgegen und tippte mit dem Finger auf die Überschrift. Zwar konnte sie mit den Schriftzeichen nicht viel anfangen, erkannte aber die darunter dargestellte Stadt.

„Die Entstehung Kaz‘Mordan!“, las Darek schließlich laut vor. „Viel hab ich noch nicht gelesen, aber es steht auch etwas über Drachen darin!“

„Ja, und?“, fragte Samira desinteressiert schnaubend.

„Ich dachte nur es wäre für dich von Interesse“, erwiderte Darek schulterzuckend. „Vielleicht interessiert es ja meinen Vater. Womöglich finden wir ja darin einige Anhaltspunkte über den Verbleib der Schlüsselsteine!“

„Wieso sollte es?“, wunderte sich Samirah, „Ich dachte die Menschen haben sie den Lyzarie entrissen, kurz nachdem diese sie den Zwergen stehlen konnten.“

„Du hast ja Recht!“, seufzte Darek, „trotzdem würde ich es mir gerne ansehen. Ansonsten hätte ich mir ja um sonst die Mühe gemacht, das Buch unter den wachsamen Augen des Bibliothekar mitgehen zu lassen.“

„Offenbar nicht Wachsam genug!“, wandte Samirah belustigt ein.

„Stell dir das mal nicht so leicht vor. Wenn dir unentwegt jemand über die Schulter schaut!“, meinte Darek von sich überzeugt.

„Wenn du es sagst!“, resignierte Samirah und verdrehte die Augen. „Komm lieber her und iss etwas. Ich hab dir etwas übrig gelassen!“

„Du warst jagen?“, erkundigte sich Darek verblüfft.

„Naja, Jagen konnte man das nicht nennen. Eher ein sich mir präsentieren!“, erwiderte Samira glucksend, „Aber wieso überrascht dich das so? ich sorg doch sonst auch immer für unsere Verpflegung!“

„Es wundert mich nur, weil du doch gestern bereits etwas hattest“, erinnerte Darek sie. „Nicht, dass du zu dick wirst!“

„Zu dick?“, schnaubte Samirah empört und richtete sich zu voller Größe auf. „An mir ist kein Pfund zu viel und außerdem, wer von uns beiden macht denn die meiste Arbeit? Also sei froh, dass ich dir überhaupt etwas übrig gelassen habe!“

„Beruhig dich wieder! So war das doch gar nicht gemeint“, versuchte Darek sie wieder zu beschwichtigen. Konnte sich ein Grinsen aber nicht verkneifen.

„Ach, wie war es denn sonst gemeint?“, hackte Samira nach und knurrte drohend, „und pass auf was du jetzt sagst. Sonst läufst du alleine den Weg zurück nach Kaz‘Mordan. Rak’Zunaih erzähle ich einfach, dass du zu Fuß heim wolltest!“

„Ich bezweifle, dass mein Vater dir das glauben wird“, lachte Darek, „aber eigentlich bin ich nur davon ausgegangen, dass dir der Hirsch von gestern, für die nächsten Tage gereicht hätte.“

„Hätte er auch!“, stimmte Samirah zu. „Aber wieso die Gelegenheit auslassen, wenn ein junger Eber nur einen Flügelschlag von mir entfernt, vor meinen Augen den Boden durchwühlt. Wer weiß wann ich das nächste Mal die Chance dazu habe!“

„In Ordnung, ich sehe es ja ein“, entschuldigte sich Darek noch immer grinsend, nahm sich eine der Fleisch brocken, die nahe dem Feuer auf einem flachen Stein lagen, und setzte sich neben Samirah.

„An deinen Kochkünsten arbeiten wir aber noch!“, meinte er, nach dem er ein Stück von dem noch halb rohen Fleisch abgebissen hatte.

Seufzend ließ sich Rianna neben Turmalon auf einer Decke nieder, die Gramil ihr freundlicherweise überlassen hatte, da er meinte sie nicht zu brauchen. Der Drache döste, wie eine Katze zusammengerollt, schon seit einiger Zeit gut hörbar vor sich hin und überließ es den anderen, ein Lager für die Nacht zu errichten.

Auf dem ereignislosen Flug hier her hatte Rianna genügend Zeit um sich Gedanken über Nyrns Worte zu machen und wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Ein kurzer Blick über die Schulter verriet ihr, dass der Zwerg noch immer vergeblich versuchte ein Feuer zu entfachen. Das Holz dafür hatten sie zuvor, hier in den kargen Ausläufern des Beohgebirges, gemeinsam mühselig zusammen suchen müssen.

Schließlich lehnte sie sich zurück und beobachtete, auf der Weichen Decke liegend, den langsam dunkler werdenden Abendhimmel. Ihr Lieblingsobjekt am Firmament war dabei immer Taron, der Größere der beiden Monde, der gerade in seinem Zenit stand. Ihn fand sie sehr viel interessanter als Iboh, den man nur seltener am Himmel sah und dessen rötlich-orange Farbe sie eher langweilig fand.

Taron dagegen war sehr viel bunter. Überall waren blaue und grüne aber auch einige graue, weiße und ein paar gelbe Landschaften zu sehen, die fließend ineinander übergingen. Rianna war davon überzeugt, dass dies alles Flüsse und Meere, Wälder und Wiesen oder Berge und Täler waren. So würde sie sich auch ihre Heimat vorstellen, wenn man von weit oben darauf hinunter sah.

Am aufregendsten fand sie aber immer die hell leuchtenden Flecken und Linien auf der dunklen Seite von Taron.

„Ob dort oben wohl jemand lebt und gerade zu uns herunter sieht?“, fragte Rianna leise, mehr zu sich selbst.

Jedoch schien Turmalon nicht ganz so fest zu schlafen wie sie dachte, als er daraufhin fragte: „Wo meinst du?“

„Dort oben. Auf Taron!“, antwortete Rianna und zeigte mit ausgestreckter Hand auf den Mond. Der Drache folgte ihren Fingerweis und blickte nun ebenfalls in den Abendhimmel.

Ein leises Schnauben entfuhr ihm und meinte darauf: „Ich weiß nicht.“

„Hm, glaubst du, wir könnten irgendwann einmal dort hinfliegen?“, fragte Rianna aufgeregt, endlich zu erfahren was dort oben wirklich war. „Oder ist es zu weit für dich?“

Turmalon, der seinen Kopf bereits wieder auf den Boden gebettet hatte, erhob diesen wieder und blicke eindringlich zu Taron hinauf. Schließlich wandte er sich zu Rianna und antwortete voller Ehrgeiz: „Bestimmt! Wie weit kann es schon sein?“

Rianna konnte jedoch nur mit den Schultern zucken. Sah nun aber wieder, mit einem Lächeln auf den Lippen, zu dem Mond hinauf und freute sich darauf, ihm einen Besuch abzustatten.

Plötzlich rissen einige wüste Flüche von Gramil sie wieder aus ihrer Gedankenwelt und ließen sie in seine Richtung blicken. Rianna konnte noch mit ansehen, wie der Zwerg seinen Feuerstein frustriert zu Boden schmetterte und dann mit Nyrn zu diskutieren begann. Worum auch immer es dabei ging, Nyrn schien es entschuldigend ablehnen zu müssen.

Das Streitgespräch der Beiden war nur von kurzer Dauer und der alte Mann konnte Gramil sehr schnell wieder beruhigen.

„Turmalon!“, rief Nyrn nach dem Drachen, der daraufhin seinen Kopf erhob und den Mann fixierte, um zu erfahren was er von ihm wollte. „Würdest du uns bitte mit etwas Feuer aushelfen?“

„Nein kann ich nicht!“, erwiderte Turmalon und wandte sich wieder ab.

„Wieso nicht?“, fragte Nyrn sichtlich irritiert.

„Weil ich nicht weiß wie!“, antwortete der Drache und ließ dabei geknickt den Kopf hängen.

„Wie bitte?“, erwiderte der alte Man erstaunt, „In deinem Alter habe ich schon mit meinen Brüdern und Schwestern darum gewetteifert, wer seine Flamen am besten beherrscht!“

„Schön für dich. Ich weiß nicht mal ob ich Brüder oder Schwestern habe!“, fauchte Turmalon und warf Nyrn einen bösen Blick zu. „Wenn du es also so gut kannst, wieso machst du es dann nicht selbst?“

Schnaubend senkte er seinen Kopf wieder zu Boden und ließ ihn unmittelbar neben Rianna nieder.

Seufzend kniete sich Nyrn zu dem Holzstapel herab und hielt seine Hand davor. Dann flüsterte er einige unverständliche Worte und augenblicklich erschien, wie aus dem Nichts, eine kleine Flamme in seiner Handfläche. Diese ließ er nun auf das Holz überspringen, wo sie langsam größer wurde und endlich etwas Wärme und Licht für die bereits hereinbrechende Nacht spendete.

Schwerfällig richtete sich Nyrn wieder auf und ging auf Turmalon zu.

„Verzeih mir bitte. Ich wollte dich nicht kränken“, entschuldigte er sich und blieb vor ihm stehen. „Ich war nur etwas überrascht, da ich nicht daran gedacht habe was dir bisher wiederfahren ist. Junge Drachen finden meist von selbst heraus wie man Feuer speit. Allerdings schauen sie sich dabei auch bei den Älteren ab wie es geht. Wenn du also möchtest bring ich es dir bei. Es ist im Grunde ganz einfach und du solltest es noch vor Sonnenaufgang können!“

Mit dem letzten Worten wandte Turmalon seinen Kopf wieder zu Nyrn und knurrte verstimmt: „Gut dann bring es mir bei!“

„Dann öffne erst einmal deine Schnauze“, bat Nyrn den Drachen, welcher ihn darauf verständnislos ansah. „Nun mach schon, ich möchte dir zunächst etwas zeigen.“

Neugierig sprang nun auch Rianna auf und stellte sich zu Nyrn. „Schön Ah machen!“, feixte sie und riss dabei demonstrativ den Mund auf. Nur widerwillig machte Turmalon es ihr nach.

„Sei bitte vorsichtig Rianna!“, warnt Nyrn und drängte sie etwas zu Seite. „Es kann jetzt alles schneller passieren als man glauben mag.“

Vorsichtig wanderte nun die Hand des alten Mann, über die scharf aussehenden Zähne hinweg, in Turmalons Maul. Er schob die lange, schmale Zunge des Drachens beiseite und tippte mit dem Zeigefinger auf eine, unscheinbar aussehende Stelle darunter. Dies löste jedoch einen Reflex bei Turmalon aus woraufhin Nyrn sofort die Hand herauszog, einige Schritt von dem Drachen weg ging und dabei Rianna mit sich zog.

Turmalon schmatze einige Mal und verzog dabei das Gesicht, also ob er irgendetwas im Maul hätte das ihm nicht schmeckte.

„Spuck es aus!“, meinte Nyrn, „Aber nicht in unsere Richtung!“

Daraufhin drehte Turmalon seinen Kopf zur Seite und spuckte aus, was auch immer ihm missfiel. Dabei stieß er eine kurze Stichflamme von gut fünf bis sechs Schritt Länge in den Himmel. Dies überraschte den Drachen jedoch so sehr, dass er aufsprang und sich auf einen Angriff wappnete. Erst nach dem der erste Schreck verflogen war, realisierte er was geschehen war.

„Gut gemacht!“, applaudierte Rianna und sprang Turmalon, der noch immer perplex war, um den Hals.

„Für den ersten Versuch nicht schlecht“, stimmte Nyrn zu, „Der Muskel den ich gerade mit dem Finger gereizt habe sorgt dafür, dass die Drachengalle durch zwei Drüsen unter deiner Zunge hervorgepresst wird. An den Geschmack dieser Flüssigkeit wirst du dich schon noch gewöhnen. Du kannst, wenn du etwas Druck mit deiner Zunge auf diesen Muskel ausübst den gleichen Effekt auslösen. Jedoch solltest du schnell lehren ihn bewusst zu steuern.“

Nyrn stellte sich wieder vor Turmalon und wartete bis Rianna den Drachen wieder aus ihrer Umklammerung entließ und sagte dann: „Öffne für die nächste Lektion bitte noch einmal deine Schnauze.“

Turmalon kam der Bitte nach. Diesmal berührte Nyrn einige Schuppen an der Oberlippe. Augenblicklich drehte Turmalon seinen Kopf weg und protestierte: „Nein, nicht!“

Nyrn begann zu lachen und meinte amüsiert: „Mach dir nichts draus. Ich bin mir sicher, dass es keinen Drachen gibt der diese Erfahrung noch nicht gemacht hat. Also komm wieder her.“

Zögerlich wandte Turmalon seinen Kopf wieder zu Nyrn.

„Sieh dir mal von unten an, was dort passiert, wenn er ausatmet!“, sagte Nyrn zu Rianna und zeigte auf die Spitze von Turmalon Oberlippe. Sie beugte sich herab und blickte auf die gewiesene Stelle.

„Ich sehe nichts Besonderes!“, erklärte Rianna nach einer Weile.

„Atme etwas stärker“, meinte Nyrn daraufhin zu Turmalon und sogleich hörte man den Drachen deutlich atmen.

„Oh, was war das?“, fragte Rianna überrascht. „Da, schon wieder! Das sieht aus wie kleine Blitze.“

Sie führte ihre Hand an Turmalons Lippe und wollte die Stelle berühren. Doch bevor dies geschah packte Nyrn sie am Handgelenk und hielt sie davon ab.

„Glaub mir, diese Erfahrung willst du wirklich nicht machen!“, sagte er und ließ Rianna wieder los. „Es fühlt sich wie ein starker Schlag an. Es ist zwar nicht gefährlich, dafür jedoch sehr schmerzhaft. Drachen lernen dies schon sehr früh. Meist weil sie mit der Zunge darüber fahren. Aber solange du dem Lauf der Schuppen folgst, wird nichts geschehen.“

„Und wozu dient das nun?“, wollte Rianna wissen und richtete sich wieder auf.

„Zum Entzünden der Drachengalle!“, antwortete Nyrn, „Das ist eine Flüssigkeit die schon beim kleinsten funken beginnt zu brennen. Wenn Turmalon sie, wie vorhin, durch einen starken Atemstoß herausstößt, versprüht er die Galle wie einen feinen Nebel. Dieser Entzündet sich und er speit eine Flamme. Sie hat nur eine geringe Reichweite und dient im Kampf zur Verteidigung oder um seine Gegner auf Abstand zu halten. Er kann die Flamme solange aufrechterhalten wie er Luft in den Lungen hat. Weiterhin dient das Feuerspeien als Drohgebärde, um es zum Beispiel gar nicht erst zu einem Kampf kommen zu lassen aber auch zum Imponieren.

Wie du die Stärke der Flamme bestimmst musst du allerdings selbst herausfinden Turmalon. Das kann ich dir nicht beibringen, denn dies erlernst du nur durch Übung. Jedoch kann ich dir noch zwei weitere Tricks beibringen.

Wenn du die Galle mit deinem Speichel vermischst, verklumpt diese Masse. Diesen Klumpen spukst du, zusammen mit einem kurzen Feuerstoß, in die gewünschte Richtung. Dies ergibt einen Feuerball mit sehr viel größerer Reichweite. Du musst nur gut zielen können. Da es allerdings ein wenig Zeit beansprucht, den Feuerball vorzubereiten, ist er eher ungeeignet wenn du deinem Gegner direkt gegenüber stehst.

Die andere Möglichkeit ist, die Galle in einem konstanten Fluss auszuspucken. Entzündet kannst du so zum Beispiel wenn du fliegst, das Feuer auf alles unter dir herabregnen lasen.

Bedenke aber, dass dein Körper zwar kontinuierlich Galle produziert aber nur eine Begrenzte Menge speichert. Auf die Weise, wie ich sie gerade Beschrieben habe verbrauchst du sie aber am schnellsten. Danach dauerte es einige Tage bis deine Vorräte wieder aufgefüllt sind. Alles was darüber hinaus produziert wird, scheidet dein Körper auf anderem Wege aus. Deswegen solltest du dich im Übrigen auch nicht in der Nähe eines Feuers erleichtern!“

Rianna begann leise zu kichern, als sie sich diese Situation bildlich vorstellte. Auch Nyrn begann zu grinsen. Nur Turmalon schien nicht zu verstehen was vor sich ging, da er Rianna fragend ansah. Dann wandte er sich aber wieder zu Nyrn und fragte: „Gibt es sonst noch etwas was ich wissen sollte?“

Der alte Mann überlegte einen Moment und sah dann zu Rianna, die sich wieder beruhigt hatte, und antwortet in ernstem Ton: „Ja, da gibt es noch etwas. Speie niemals eine Flamme vor dich und flieg durch sie hindurch wenn du Rianna bei dir hast!“

Erschrocken sahen der Drache und das Mädchen den alten Mann an und warteten auf eine Erklärung.

„Du selbst hast nichts zu befürchten von dem Feuer“, erläuterte Nyrn nun wieder ruhig, „denn deine Schuppen bieten dir einen ausreichenden Schutz dagegen. Sie hingegen würde vermutlich schwere Verbrennungen erleiden. Was das bedeutet, muss ich dir wohl nicht weiter erklären. Außerdem bist auch du nicht immun gegen Feuer. Verschlucke oder Atme niemals deine Flammen. Nur Mund und Rachen sind gegen es geschützt. Alles was tiefer eindringt würde auch dir Schaden zufügen. Außerdem solltest du dich selbst auch nicht länger als nötig dem Feuer aussetzen. Zwar bewahren dich, wie gesagt, deine Schuppen vor schaden, jedoch dringt irgendwann die Hitze durch sie hindurch. Diese würdest du nicht lange aushalten und wenn du spätestes dann nicht den Flammen entfliehst, würde dein Körper zusammenbrechen.

Bedenke also, das Feuer ist nicht dein Freund du musst es aber auch nicht fürchten!“

„In Ordnung, ich werde es mir merken“, beteuerte Turmalon und drehte plötzlich seinen Kopf knurrend zur Seite. Er beruhigte sich aber schnell wieder, als er Rianna entdeckte, die neben ihm Kniete und mit den Händen über seinen Bauch strich. „Las das bitte!“

Feixend richtete Rianna sich wieder auf und ging zurück zu Nyrn. In der Hand hielt sie ein paar fast handtellergroße Schuppen und meinte: „Vielleicht kann man hieraus ja auch eine Rüstung bauen!“

Erstaunt sah Nyrn Rianna an und meinte: „Die Idee ist nicht schlecht. Wenn man sie anschließend auch noch härtet, würden sie einen guten Schutz bieten. Nur solltest du sie nicht einfach herausreißen. Die darunter liegenden Schuppen sind noch zu weich, als dass sie einen vergleichbaren Schutz bieten könnten.“

Schuld bewusst blickte Rianna zu Boden und bat Turmalon um Verzeihung. Der Drache beugte seinen Kopf nach unten und berührte vergebend mit seiner Stirn die ihre.

„Wenn du sie sammeln möchtest, schau morgens an seinem Nachtlager nach“, schlug Nyrn vor, „Dort wirst du meistens welche finden. Denn die Schuppen fallen von ganz alleine aus wenn sie nicht mehr benötigt werden.“

„Das werde ich tun“, versprach Rianna und sah auf zu Turmalon. Dieser bestätigte mit einem kurzen Nicken.

„Dann sollten wir jetzt Schlafen“, schlug Nyrn vor und drehte sich zum Feuer an dem Gramil saß. „Wir haben Morgen noch einen weiten Weg vor uns, ehe wir Horin erreichen.“

Nachwort zu dem letzten Abschnitt dieses Kapitels:

Im Nachhinein muss ich sagen das mir der Teil mit dem Feuerspeien nicht wirklich gefällt. Ich meine nicht die Art und Weise wie ein Drache sein Feuer speien könnte, den diese finde ich so durchaus sinnvoll und besser als Sachen wie Feuerlunge und durch Magie. Naja ich hab einfach versucht mir vorzustellen wie es tatsächlich sein könnte.

Was mir nicht gefällt ist wie ich es eingebunden habe. Ich denke das ich es in der endgültigen Fassung aus lassen und es an anderer Stelle, auf anderer Weise neu aufgreifen werde. Vorerst lass ich es aber stehen. Würde aber auch gerne eure Meinung dazu lesen.