Kapitel 25
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Kapitel 25
Anthro
Das waren die Daten die sie gesucht hatten. Jetzt wussten sie, wie sie entstanden waren. Es war kein Zufall. Ihr Urvater war ein Zufall, aber sie selbst waren es nicht. Sie waren das gewollte Produkt dieser Menschen, zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Der Rest war der Wunsch des geheimnisvollen ersten Anthros. Ihm und diesen Menschen verdankten sie ihre Lebensumstände und ihre Anatomie, ihren Geist und ihre Seele.
Cyron atmete schwer, auch Stella musste angesichts dieser Tatsache nach Luft ringen.
„Das ist alles schön und gut, aber es geht hier ausschließlich und ganz eindeutig nur um Anthros und wirklich nur darum“, warf Tarja ein.
„Ja, worauf willst du jetzt hinaus?“, fragte Chiron.
„Es kommt mir nur merkwürdig vor, dass es hier nicht nur Zweibeiner wie wir es sind gibt, sondern auch Vierpfotler und intelligente Huftiere sowie Drachen und Greife. Wo kommen die her?“
„Gute Frage. Ich könnte mir vorstellen, dass im Laufe von sechshundertelf Jahren und ungehinderter Entwicklung, sich die eine oder andere Mutation gebildet hat“, antwortete Cyron.
Tarja nickte: „Mag sein, aber so schnell?“
„Es wurde ein Virus eingeschleust welches die Wachstumsrate erheblich be-schleunigen sollte und das war auch gelungen“, warf Kira ein.
Die junge Tigerin kaute auf ihrer Lippe. „Das klingt einleuchtend, immerhin sind spontane Mutationen auch schon während der Experimente aufgetreten und haben zu allen möglichen unerwarteten Resultaten geführt.“
Cyron kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und schaute zu Kira. „Hast du vielleicht irgendwo ein Bild von diesem Uranthro?“
„Hm …, mal schauen“, sagte sie und wühlte in den Dateien, „Japp, hab eins. Ist sogar eine Videoaufzeichnung.“
Sie klickte auf die entsprechende Datei, der Bildschirm wurde wieder hell und man erkannte Wissenschaftler die vor einem Wesen standen das locker zwei bis drei Köpfe größer war als alle anderen zu sehenden Personen. Sie standen teilweise mit Messgeräten bewaffnet vor ihm und schienen verschiedene Werte zu nehmen.
Im unteren Rand des Bildes liefen verschiedene Zahlen- und Buchstabenkolonnen durch. Darunter waren Blutzusammensetzung, Sauerstoffgehalt im Blut und im Gewebe, Lymphe, Lungenvolumen, Herzfrequenz und Blutdruck, Körpertemperatur, Muskeltonus, Hautspannung, Gehirnaktivität, Augeninnendruck, Sehschärfe, Körpergewicht, Körpergröße und –umfang. Die Wissenschaftler waren allesamt männlich. Plötzlich trat eine Wissenschaftlerin ins Bild, trat direkt vor den Anthro. Sie holte ein großes Reagenzglas hervor, nahm ihre linke Hand und streckte sie vor.
Ihre Hand verschwand zwischen sich und dem Anthro im Bereich der Taille. Sie sah auf ihre Hand und das was sie darin hatte und … nach wenigen Sekunden erkannte man, dass der Anthro die Augen schloss, das Gesicht verzog und die Zähne fletschte. Dann drehte sich der weibliche Mensch um, lächelte breit und mit aufgerissenen Augen in die Kamera und hielt das Reagenzglas hoch, wie eine Trophäe. Sie verschwand aus dem Bild und der Anthro hatte dümmlich entspannte Gesichtszüge.
‚Kein Wunder, nach der Behandlung’, dachte sich Cyron und sah zu Stella.
Die starrte weiter auf die Aufzeichnung und legte plötzlich die Stirn in Falten und ihre Kinnlade schien förmlich auf den Tisch zu fallen. Das weckte Cyrons Neugier und er schaute wieder auf den Bildschirm.
„Was ist das denn?“, fragte er laut und erstaunt, „Ich dachte er wäre ein er.“
„Ist er auch“, sagte Kira grinsend, „aber nicht nur.“
Der Anthro wurde jetzt nicht mehr von Wissenschaftlern umringt und vor der Kamera verdeckt. Man konnte sich endlich ein detailliertes Bild von ihm machen. Er hatte langes und üppiges Fell, zwei lange, schlanke und sehr gerade Beine, sein Schwanz schwang sanft und entspannt hin und her und war ebenfalls sehr buschig. Sein Penis und das Scrotum stammten vom Aussehen und von der Größe her allerdings eher vom Stier und waren selbst für seine Körpergröße etwas zu kräftig geraten. Bei dieser Region musste die Klonkuh kräftig dominiert haben. Der Anthro hatte einen auffällig stark bemuskelten Bauch, eine schlanke Taille, breite Schultern und einen – Busen. Tatsächlich, sie hatten sich nicht verguckt. Er hatte große wohlgeformte Brüste, die sich hinter einer üppigen Mähne, die vom Kopf ausging, zu verstecken versuchten. Der Kopf war löwentypisch, aber hatte lange Säbelzähne. Das Lebewesen wirkte auf Cyron wild, ungestüm, schnell, wendig, stark, aber auch freundlich, liebevoll, sanft, zärtlich und regte ihn auf irgendeine Weise an. Er stutzte bei der letzten Feststellung und schüttelte den Kopf.
„Was ist Liebster?“, fragte Stella.
„Nichts, nichts. Ist schon gut. Es ist alles in Ordnung“, antwortete er.
„Kann es sein, dass du dich gerade bei dem Gedanken ertappt hast, dass er dich erotisch anzieht?“, fragte die Tigerin direkt und erbarmungslos.
Cyron zuckte zusammen.
„Aha! Erwischt. Aber sei beruhigt, mir geht’s nämlich genauso. Und ich weiß nicht warum.“
Kira lächelte verschämt. „Ich glaube das geht hier jedem so oder irre ich mich?“
Tarja und Chiron sahen die anderen an und nickten leicht, aber bestimmt.
„Er hat etwas an sich, dass ich nicht definieren kann“, sagte Cyron leise.
Kira nickte: „Ja, er ist ein Hermaphrodit und könnte einem jeden von uns die geheimsten Wünsche erfüllen, ohne dass er fragen müsste. Er würde spontan und aus Überzeugung handeln und immer den richtigen Punkt treffen. Außerdem stellt er eine Art Überwesen dar.
Er wäre Vater und Mutter zugleich, würde Beschützer, Jägerin, Ernährer und Lehrerin in einer Person sein. Er würde dominant sein und gleichzeitig dominiert werden wollen.“
Die Tiger nickten und Pedro saß in der Ecke und grollte leise.
„Er vereint alle Vorzüge in sich“, ergänzte Chiron.
„Ja, aber der Umgang mit ihm dürfte auch nicht leicht sein, da er auch alle Nachteile mitbringt“, fügte Cyron an und bekam dafür einen schnippischen Blick von Stella.
„Sieh mich bitte nicht so an, Schatz“, sagte er schnell, „Ich kann diesen Blick von dir nicht vertragen.“
„Gut so! Das sollst du auch nicht.“
„Aber egal wie. Ich finde dieses Wesen faszinierend und würde ihm zu gerne begegnen“, lenkte Cyron ab.
„Das wird nur nicht möglich sein. Er müsste sonst über sechshundert Jahre alt sein“, gab Stella zu bedenken.
„Das würde ich nicht so absolut ausschließen“, warf Kira ein.
Alle schauten sie fragend an.
„Nun, in den Aufzeichnungen war kein Wort darüber gefallen ob er die Station verlassen konnte oder hier getötet wurde, auch wenn in den handschriftlichen Notizen, welche wir anfangs fanden, etwas anderes behauptet wurde.“
„Du meinst …“, setzte Chiron an.
„ … genau das. Wir dürfen nicht vergessen, dass er überdurchschnittlich intelligent war, die Technik der Station extrem hoch entwickelt ist und er vielleicht eine Möglichkeit gefunden hat sein Leben zu verlängern. Wobei sechshundert Jahre selbst dafür eine verdammt lange Zeit sind“, beendete Kira den Gedanken.
„Wir mutmaßen doch nur, allein die Beweise dafür bleiben wir uns schuldig“, Cyron schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
Er sah auf die Uhr am Computer.
„Es ist schon recht spät und ich werde langsam müde. Wir sollten schlafen, da-nach weiter machen und dann mal nach nutzbaren Techniken suchen. Viel-leicht gibt es das eine oder andere, was wir im täglichen Leben verwenden können und unserer Bevölkerung zu mehr Wohlstand verhilft. Außerdem soll-ten wir uns irgendwann mal an den Mech ran wagen und nach den Schiffen suchen, von denen des Öfteren die Rede war.“
Stella breitete mehrere Decken auf dem Boden aus und sie legten sich hin. Innerhalb kürzester Zeit waren alle im Land der Träume verschwunden.