Kapitel 23
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Kapitel 23
Daten
„Okay“, setzte Kira an, „Mal sehen ob ich an ein paar interessante Datensätze komme.“
Sie tippte auf dem Keyboard herum.
„Ah, da habe ich etwas gefunden. Es handelt sich sogar um eine Audioaufzeichnung.“
Sie drückte die Entertaste, es erklang eine männliche Stimme und sie war leise und gedrückt.
Alle lauschten andächtig.
„Persönlicher Eintrag, Erster Laborassistent Mitchell, Datum 20.02.2390.
Es herrscht Winter auf Genro.
Das Gebirge ist bestimmt mit Schnee bedeckt und diese Welt ist durch und durch friedlich. Zumindest war sie es, bis wir kamen. Ich kann mein Zimmer nicht mehr verlassen, sonst bin ich so gut wie tot. Die Basis befindet sich in einem erbärmlichen Zustand. Kein Wunder, immerhin ist sie ja auch schon seit dreihundertneunzig Jahren in Wissenschaftsbetrieb. Die Computer entwickeln zunehmend Macken. Überall quietscht und knarrt es. Der erste Putz fällt von den Wänden. In zehn Jahren läuft unsere Forschung aus. Die weiteren Gelder sind vom Vereinten Rat der Nationen gestrichen worden. Was ich nach unserer Rückkehr auf unsere Heimatwelt machen soll, weiß ich noch nicht.
Man spürt deutlich den Druck der Öffentlichkeit mit unseren Experimenten aufzuhören und die Basis dicht zu machen. Andererseits werden wir vom Militär bezahlt und müssen kuschen. Uns wurde gesagt, dass wir diesen Planeten besiedeln und Tiere auf ihm aussetzen sollen. Das haben wir auch getan und die Arbeit war vor einhundertvierzig Jahren abgeschlossen. Wir hatten Tiere von der Erde mitgebracht und sie in unserem Labor geklont. Wir veränderten ihre Gene so, dass sie schneller wachsen, wesentlich schneller geschlechtsreif und fruchtbarer sein würden, als ihre natürlichen Vorfahren. Das klappte anfangs auch sehr gut und die Tiere vermehrten sich schnell. Das freute uns, war unsere Arbeit doch von Erfolg gekrönt.
Dann passierte aber eine Katastrophe. Ich weiß nicht genau woran es lag oder was passiert ist. Wir können den Vorgang nicht bewusst nachvollziehen und tippen daher auf eine unkontrollierte und spontane Mutation. Eins ist aber klar, wir haben etwas Verbotenes erschaffen.
Wir haben zweihundertvierzig Jahre Gott gespielt und uns ins eigene Fleisch geschnitten.
Eines der Tiere, welches wir in die Freiheit entlassen wollten, stand auf einmal auf und begann aufrecht zu gehen. Wir betäubten es und untersuchten es eingehend, töteten es aber nicht, trotz des Auftrags es zu tun. Es wuchs heran und lernte zu sprechen. Es lernte zu lesen und verschlang unser Wissen innerhalb kürzester Zeit in Unmengen. Wir nahmen Hirnscans vor und stellten fest, dass es ein wesentlich leistungsfähigeres Gehirn besaß wie wir alle. Wir erschraken uns zu Tode. Wir hatten ein Monster erschaffen und am Leben erhalten.
Wir beschlossen es doch zu töten. Allerdings merkte die Kreatur etwas von unserem Plan und spielte mit uns Katz und Maus. Sie entwischte und bewegte sich wieselflink durch die Station. Sie war überall und nirgends. Die Sache geriet endgültig außer Kontrolle. Trotz aller getroffenen Sicherheitsmaßnahmen, gelangte sie in das Genlabor und besiegelte unser Verhängnis. Sie entnahm sich Zellen und implantierte diese den heranreifenden Klonen einer jeden Tierart. Wir wussten es zu diesem Zeitpunkt nicht und die Klone wuchsen normal heran. Als sie die Größe vergleichbar eines Teenagers erreicht hatten und reif waren zur eigenen Tätigkeit, wollten wir die Stasisröhren öffnen. Uns fiel aber in letzter Sekunde bei einigen eine merkwürdige Veränderung auf und wir beschlossen sie im Zustand der Stasis zu belassen. Das war unser Untergang. Wir hätten sie gleich vernichten sollen, aber unsere Neugier kannte keine Grenzen.
Die Kreatur tötete die Wachen am Eingang des Labors und drang ein. Sie begann ihr Werk, dass uns allen das Leben kosten sollte.
Die Klone waren mehr als reif und somit sofort selbständig und lebensfähig. Er befreite sie aus der Stasis und zog mit ihnen gemeinsam über die Station her. Glücklicherweise hatte das Militär, als es die Station noch nutzte, sehr scharfe Sicherheitsmaßnahmen aufgestellt. Der Zentralcomputer aktivierte die Verteidigungsautomatik und Kampfeinheiten zogen durch die Ebenen, schossen auf alles was sich bewegte. Dummerweise auch auf uns …“
Die Stimme erstarb und man hörte die Schritte eines Roboters der vorbeiging und sich wieder entfernte.
„ … die meisten sind tot. Es leben vielleicht noch vier oder fünf Mitarbeiter. Einer davon bin ich. Die Roboter hatten aber nicht alle von diesen Kreaturen erwischt und sie entkamen aus der Station und flüchteten in den Wald. Ich fürchte, dass sie sich mit den normalen Klonen ihrer Spezies paaren werden und eine neue intelligente Rasse hervorbringen. Es darf niemals jemand erfahren, was hier geschehen ist und keines dieser Monster darf diesen Planeten je verlassen. Wenn ich sterbe, dann mit der Gewissheit, dass das auch nie passieren wird, da die ganzen Kampfmaschinen die Station zuverlässig schützen werden.
Wenn ich überlebe, schaffe ich es vielleicht die letzte große Errungenschaft des Militärs, den Mech, in der Katakombe zu erreichen und dann kann ich unsere Fehler rückgängig machen und notfalls die ganze Station sprengen. An eine Rückkehr zur Erde denke ich erst gar nicht, da die Schiffe mit denen wir gekommen waren, auf der Rückseite des Planeten stehen und nur über den Wasserweg zu erreichen sind. Soweit werde ich nie kommen. Sobald ich den Raum verlasse, würden mich die Kampfeinheiten und Messerdrohnen verfolgen, ganz zu schweigen von den Kreaturen da draußen, die sich munter vermehren und die wir am Tage ihres ersten Auftretens auf die Bezeichnung Anthro getauft haben.“
Die Aufzeichnung endete hier.
Sie sahen sich betroffen an. Das Gehörte war nicht in Worte zu fassen. Sie haben von einem Vertreter einer fremden Spezies ihre Entstehungsgeschichte erfahren. Nicht etwa die kulturelle und spirituelle, nein. Es handelte sich um die wahre Entstehung. Sie alle verdankten ihr Leben einem Zufall und vor allem einem Experiment das schief ging.
„Was jetzt?“, fragte Sinja mit belegter Stimme.
Syrgon hatte Tränen in den Augen. „Alles aus und vorbei. Wir existieren nicht wirklich. Wir sind künstlich erschaffene Kreaturen. Wer was anderes glaubt, der belügt sich selbst. Wir sind einem Zufall entsprungen, der von irgendwelchen Kranken als unkontrollierbar und vernichtenswert bezeichnet wurde.“
Cyron schluckte den Kloß ihm Hals herunter und versuchte sich zu konzentrieren. „Okay, wir machen folgendes. Wir schalten die Funkgeräte ein und bleiben in Kontakt. Der größte Teil unserer Truppe kehrt ins Lager zurück und ruht sich dort aus. Wir werden ein rotierendes System einrichten um an alle Daten zu kommen, die wir benötigen. Ich will, dass ein Transportweg zwischen Han-Dun und hier und zwischen Felgan und hier sowie zwischen dem Lager und den genannten Orten eingerichtet wird. Informiert die Drachen darüber. Sie sind schnell. Besorgt Lebensmittel und Getränke. Die Datengewinnung wird wahrscheinlich Monate dauern.“
Das Konzept stand und musste nur noch umgesetzt werden. In der Station blieben zunächst Kira und Pedro, Tarja, Cyron und Chiron sowie Stella. Hinzu kamen Wotan und Sirius, Syrgon, Grey und Sinja sowie Diana. Der Rest verließ die Station und kehrte wie befohlen ins Lager zurück.
Die Rückkehrer wurden herzlich begrüßt. Crown und Torus hatten sich schon erholt. Die anderen legten sich erstmal hin und schliefen. Ohne es zu merken waren fast drei Tage vergangen. Die Kunstbeleuchtung nahm ihnen jede Vorstellung von Zeit und den Wechsel zwischen Tag und Nacht spürte man durch das Fehlen von Fenstern in der Station, überhaupt nicht. Müdigkeit war nie aufgekommen, da sie immer in Hektik und Aufregung waren. Jetzt spürten sie aber die lange Wachphase und sie forderte ihren Tribut.
Stunden später erwachten sie, streckten ihre Glieder und traten aus den Zelten hervor ins Helle. Es war etwa zehn Uhr am Morgen. Die Drachen hatten sich die ganze Zeit in der Nähe des Lagers aufgehalten und waren somit ansprechbar.
Sandra trat zu Groodarn. „Hallo, großer Drache“, sagte sie schüchtern und unbeholfen.
Er hob den Kopf und schaute das Einhorn an. „Hallo, junge Dame. Wie kann ich helfen?“
„Ähm, ja, also. Cyron hat uns aus der Station geschickt. Wir sollen einen Warentransportweg einrichten zwischen dem Lager, der Station, Felgan und Han-Dun.“
Der Drache sah die Stute schief an. „Hm … das ist schon okay, aber wie lange soll das dauern?“
„Oh“, flüsterte sie, „Ich denke, dass es sich um Monate handeln wird. Zumindest sagte Cyron das.“
Groodarn schnaubte. „Na gut, wenn Cyron meint, dass es so lange dauert, wird er seine Gründe dafür haben. Dann werden wir mal mit den ersten AnChafren los fliegen und Nahrung und Getränke beschaffen.“
Er senkte seinen Kopf auf Höhe des Einhorns und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Er fand die Stute zu niedlich, vor allem weil sie so schüchtern war.
„Gehe zum Lager“, sagte er, „und sieh zu, dass du ein paar Chafren wach bekommst. Ich will in zwanzig Minuten starten.“
Sandra galoppierte zum Lager und rief nach ein paar Freiwilligen. Die fanden sich diesmal spontan.
Ein Flug auf einem Drache, nach Felgan und Han-Dun war doch mal eine Abwechslung. Nach zehn Minuten waren die Drachen auf dem Weg ins Dorf. Dort angekommen, erzählten die Truppenmitglieder den eilig herbei gelaufenen Bewohnern in kurzen Berichten was alles vorgefallen war und dass die Station in ihrem Besitz ist. Sie berichteten auch, dass der Pegasushengst gefallen war, was alle bestürzte. Dann erzählten sie von ihrem Vorhaben, saßen schon wieder auf den Drachen und flogen weiter nach Han-Dun. In der Zwischenzeit waren schon fast zwei Stunden vergangen.
In der Station saß Kira immer noch am Keyboard und versuchte weitere Geheimnisse zu ergründen. Stella und Tarja hatten sich auf den Boden gelegt, herumliegende Decken genommen und schliefen. Die Müdigkeit hatte sie überrannt.
Chiron und Cyron waren im Nebenraum und hatten dort eine Kaffeemaschine entdeckt. Sie durchsuchten die Schränke und fanden tatsächlich alle nötigen Utensilien. Jetzt standen sie davor und glotzten das Ding an wie Urzeitmenschen einen Farbfernseher.
„Geht nicht“, merkte Cyron an.
„Scheint kaputt zu sein“, erwiderte Chiron.
Ihr Gespräch war wirklich ausführlich und sehr typisch für Kater.
Chiron klappte den Deckel auf und glotzte rein. „Wasser ist drin, Kaffeepulver ist drin. Geht nicht.“
Seine Feststellung schien endgültig zu sein.
Kira klopfte nebenan auf der Tastatur herum und wurde langsam müde. Tarja und Stella schliefen immer noch. Zwanzig Minuten später fielen der Luchsin fast die Augen zu und sie wurde ungeduldig.
Sie stand auf, um nachzusehen was denn aus dem versprochenen Kaffee würde. Sie betrat den Nebenraum und glaubte ihren Augen nicht. Die beiden Kater standen vor der Maschine und grübelten.
„Bloß nicht zugeben, dass ihr was nicht könnt. Wie?“, sagte Kira entrüstet.
Sie schob die beiden beiseite und schaltete die Maschine ein. „Kerle“, sagte sie noch, drehte sich um und ging wieder an den Computer.
Chiron guckte erst Cyron an, dann die Kaffeemaschine, dann wieder Cyron und wieder auf die Kaffeemaschine.
„Wusste ich es doch. Und ich habe dir die ganze Zeit gesagt, dass wir den Schalter drücken müssen“, sagte Cyron plötzlich.
Chirons einzige Reaktion bestand darin auch ins Nebenzimmer zu gehen. Während er ging, dreht er sich noch kurz um und tippte sich an die Stirn.
Cyron war begeistert und schaute zu wie der Kaffee aus dem Filter tropfte und sich in der Glaskanne sammelte.
Tolle Beschäftigung!
Kira und Chiron taten derweil etwas Nützliches und bekamen so nach und nach einen Überblick über die Menge der zu sichtenden Daten. Tarja und Stella schliefen immer noch.
Nach zehn Minuten war der Kaffee fertig und Cyron brachte zwei große Trinkgefäße voll der dampfenden Flüssigkeit, holte sich ebenfalls einen und setzte sich dazu. Stella und Tarja schliefen immer noch.
„Was habt ihr gefunden?“, fragte Cyron.
„Nun ja. Ich habe die zentrale Datenbank gefunden und habe Zugriff auf eintausend Audioeinträge, fünfhundert audiovisuelle Einträge und circa eine Millionen Textdaten.
Cyron blies in Luft: „Das ist heftig.“
„Kann man wohl sagen“, entgegnete die Luchsin, „Selbst wenn ich eine minimale Ruhe von täglich vier Stunden einrechne, werde ich fast sechs Monate benötigen um alle Daten zu sichten und die nötigen Informationen herauszufiltern.“
Cyron zuckte mit den Schultern. „Dann mal los. Wir bleiben hier, sehen dir da-bei zu und lernen so den Umgang mit dem Ding. Wenn du schläfst, können Chiron und ich weiter machen.“
Kira hielt den Kopf schief und legte die Ohren an. „Ihr wollt beide mit einem Computer arbeiten? Entschuldige bitte, aber ihr wisst ja noch nicht mal wie man eine Kaffeemaschine einschaltet.“
Cyron war sichtlich angeknabbert. „Hast du eine bessere Idee?“
Kira überlegte kurz, seufzte und schüttelte den Kopf. „Meinetwegen. Uns bleibt wohl nichts anderes übrig.“
Stella und Tarja erwachten nach Stunden und fühlten sich im Grunde erfrischt.
„Eine Dusche käme jetzt nicht schlecht“, meinte Stella und streckte sich mächtig.
Kira sah auf, lächelte, schwieg aber und deutete nur mit dem Finger an, zur Tür raus, dann rechts und zur nächsten wieder rein.
Zunächst schrieb sie ein Programm, welches die Datensätze automatisch durch prüfte, Verdopplungen von Informationen, wenn sie von der gleichen Person gemacht wurden, löschte und alle Daten am Ende zu einer logischen Abfolge verknüpfte.
Die beiden Tigerkater lernten tatsächlich den Umgang mit dem Computer und waren Kira eine große Hilfe.
Die Kette der Nahrungs- und Getränkebeschaffung spielte sich nach wenigen Tagen ein und funktionierte hervorragend. Die mit der Beschaffung beauftragten Chafren waren in Han-Dun schnell bekannt und ihre Geschichte sprach sich in Windeseile herum. Nach wenigen Tagen bekamen sie bei den Händlern Rabatt und nach drei Wochen viele Lebensmittel umsonst.
Das Programm von Kira erwies sich als ausgezeichnet und die Daten minimierten sich auf die Hälfte.
„Gut. Jetzt geht’s ans Sichten und Auswerten“, sagte Kira feierlich.
Sie begann verschiedene Fenster auf dem Bildschirm zu öffnen. „Womit fangen wir an?“, fragte sie.
Cyron tippte auf den Bildschirm.
„Am besten mit den audiovisuellen Dateien.“
Kira nickte und öffnete die erste.
An der Wand erhellte sich ein riesiger Bildschirm und jemand trat ins Bild. Cyron erschrak. Die Person auf dem Bildschirm war ihm im Traum begegnet.
„Ich kenne dieses Wesen“, sagte er plötzlich.
Kira hielt die Wiedergabe an.
„Woher“, fragte Stella.
„Ich hatte vor längerer Zeit einen Traum, er war sehr beunruhigend und ich wollte nicht darüber sprechen. Aber die Wirklichkeit hat mich eingeholt. Jedenfalls stand ich in meinem Traum in einer riesigen Halle und all unsere bekannten Götter saßen links und recht auf ihren Thronen. Ich durchschritt die Halle und kam ans Kopfende. Dort stand ein anderer Thron, welcher leer war. Dann kam eine Gestalt aus dem Dunkel und setzte sich auf den freien Platz. Ich fragte ihn wer er sei und er antwortete mir, dass er mein Gott wäre.“
Sorgenfalten legten sich bei fast allen auf die Stirn, nur nicht bei Kira. „Das ergibt durchaus einen Sinn. Du hast wahrscheinlich eine alte ererbte Erinnerung durchlebt. Das da auf dem Bildschirm ist ein Mensch und da sie uns durch ihre Genexperimente erschaffen haben, sind sie tatsächlich eine Art Gott.“
Cyron schaute auf seine Hände und seufzte. Er schaute zum Bildschirm. „Ein ziemlich hässlicher Gott, meinem Empfinden nach. Nicht mal Fell hat der“, sagte er verächtlich, „Außerdem wollte uns dieser Gott vernichten, damit hat er für mich seine Funktion als Übervater verwirkt.“
Kira nickte: „Okay, fahren wir fort.“
Die Aufzeichnung lief weiter. Die Person im Bild trug eine dunkelgrüne Kleidung, die scharf geschnitten war, eine Kopfbedeckung und auf ihren Schultern und an der Brust erkannte man verschiedene blinkende und blitzende Schmuckstücke.
„Guten Tag, meine Herren!
Mein Name ist General Richter. Ich bin der eigentliche Leiter dieser Basis und damit dieses Planeten. Wir haben heute den 01.01.2000 und ich begrüße sie hiermit in meiner Funktion, als erste Soldaten auf der neuen Basis. Was sind unsere Ziele? Ganz einfach, meine Herren. Wir bilden sie hier zum perfekten Soldaten aus. Sie werden am Ende der Ausbildung die perfekten Krieger sein und in einem Krieg überleben der seinesgleichen sucht. Dieser Planet war ursprünglich nicht in der Lage eigenes Leben zu entwickeln und wurde von uns und den Regierungen der verschiedenen Länder der Erde terraformt. Wir haben keine Mühen und Kosten gescheut um einen Planeten zu erschaffen der dem unserer Feinde ähnelt. Sie können hier unter sehr realen Bedingungen alles ausprobieren und simulieren. Es wird ihnen gefallen. Meine Herren! Ich wünsche ihnen viel Erfolg und dass sie uns nicht enttäuschen. Die Erde braucht sie.“
Die Aufzeichnung war beendet.
„Viel hat man nicht herausbekommen, finde ich“, sagte Stella. „Dieser Mensch dort machte mir Angst. Er hatte einen so herrischen Tonfall an sich und schien keinerlei Kompromisse zu dulden.“
Cyron nickte: „Scheinbar hatte er große Macht und viel zu sagen. Es kam mir so vor, als ob er diesen Krieg und seinen Ausgang entscheidend mitbestimmt hatte.“
Kira schaute auf den Tisch, dann auf den Bildschirm. „Egal was am Ende bei raus gekommen ist. Wir haben ein Datum und das ist der 01.01.2000 und damit das Startdatum für diese Basis. Das ist schon mal ein erster Ansatz.“
Tarja nickte und fragte: „Haben wir noch mehr davon?“
Kira nickte heftig: „Jede Menge, meine Liebe.“
„Gut dann schauen wir uns mal das Nächste an“, forderte Cyron auf.
Kira öffnete die nächste Datei.
Auf dem Bildschirm erschien ein wesentlich jüngerer Mensch.
Man hörte eine Stimme aus dem Hintergrund: „Sie können jetzt sprechen.“
Der junge Mensch, er war männlich, nickte kurz.
„Mutter? Ich schicke dir diese Nachricht, weil es vielleicht das letzte Mal ist, dass du mich siehst. Wir sind mit unserer Ausbildung fertig und rücken morgen an die Front. Der Feind war zwischenzeitlich im Orbit des Übungsplaneten und hat angeblich auf uns geschossen. Mehrere meiner Kameraden sind verschwunden und ich spüre, dass ich der nächste sein könnte. Ich wurde hier zwar zu einem Supersoldaten ausgebildet, aber sie haben uns unsere Angst nicht genommen. Mutter! Ich habe schreckliche Angst zu sterben. Dieser ganze Krieg ist so furchtbar und sinnlos. Ich weiß nicht mal mehr was ich hier überhaupt mache. Außerdem entwickeln die hier Waffen, die so gewaltig sind und so furchterregend. Die Menschen auf der Erde ahnen nicht mal was davon …“
„He, kein Wort zu Waffen oder militärischen Geheimnisse“, sagte die Hintergrundstimme und schnitt dem Soldaten den Satz ab.
Die Aufzeichnung endete damit sehr abrupt.
Sie sahen sich betroffen an.
„Was immer passiert sein mochte und um was immer es in diesem Krieg ging. Nicht alle waren davon begeistert, wie man sehen konnte“, sagte Cyron.
Stella nickte: „Der junge Mensch tut mir richtig Leid. Er war scheinbar hineingeraten ohne es zu wollen und musste dafür sterben.“
Chiron biss sich auf die Unterlippe. „Ist Ikarus nicht auch in unseren Kampf hineingeraten ohne was davon zu ahnen? Und was ist am Ende mit ihm geschehen? Kämpfe und Kriege sind nie fair. Es gibt immer welche, die sie befürworten und wollen, und es gibt immer welche, die hineingezogen werden und dafür büßen müssen.“
Tarja schaute Chiron traurig an, sagte aber nichts. Kira machte sich derweil an die nächste Aufzeichnung und startete sie.
Diesmal erschien eine Frau.
„Guten Tag, meine Herren! Heute ist der 12.03.2150, ich bin Major Rand und ich bin beauftragt worden ihnen eine frohe Botschaft zu übermitteln. Der Krieg ist mit dem heutigen Tag beendet. Beide Parteien haben sich auf einen Friedensvertrag geeinigt, um weiteres sinnloses Blutvergießen zu vermeiden. Der militärische Auftrag der Station als Ausbildungszentrum ist damit hinfällig. Alle Truppen werden mit sofortiger Wirkung von der Waffe entbunden und kehren in den nächsten Tagen und Wochen mit Transportraumschiffen zur Heimatwelt zurück. Der Kriegszustand ist mit sofortiger Wirkung beendet. Meine Herren! Ich gratuliere ihnen überlebt und wenigstens ein Unentschieden mit dem Feind hergestellt zu haben. Weiterhin gutes Gelingen und einen guten Rückflug zur Erde. Rand Ende!“
Diese Datei war definitiv vollständig.
„Das ist interessant und gibt uns weitere Eckdaten preis“, sagte Kira, „Wir wissen jetzt, dass die Basis schon 2150 vom Militär abgegeben wurde. Das stimmt nicht mit den Daten der Kampfeinheit überein.“
„Du vergisst, dass die Basis an die Forschung übergeben wurde“, merkte Cyron an.
„Stimmt, aber das würde bedeuten, dass die Roboter wesentlich länger unterwegs sind als dreihundert Jahre. Eine der letzten Eintragungen war diejenige, die wir als erste gesehen haben und da ging es mit der Forschung zu Ende. Das war, wenn ich mich recht entsinne um 2390 herum. Wir haben aber das Jahr 3000 und damit ist wesentlich mehr Zeit verstrichen als die Kampfeinheit behauptete und das sind immerhin dreihundertzehn Jahre Unterschied. Was ist in dieser Zeit hier passiert? Sind neue Forscher gekommen? Neue Experimente? Oder waren die Daten des Roboters unvollständig oder falsch?“, mischte sich Chiron ein.
„Nicht unbedingt“, sagte Kira, „es kann durchaus alles zusammen passen. Die Genforschungen wurden tatsächlich vor sechshundertzehn Jahren offiziell ein-gestellt. Die Mitarbeiter kehrten nie zurück, weil sie alle getötet wurden. Unsere Kampfeinheit ist vielleicht vor dreihundert Jahren in Betrieb genommen worden. Die vorherigen dreihundertzehn Jahre waren andere Roboter im Einsatz und hatten das Gelände gesichert. Du weißt aus der Erzählung der Einheit, dass die Roboter und Messerdrohnen immer wieder erneuert wurden, weil sie zu alt waren und damit anfällig für Störungen. Die Fabrik in den Bergen hatte bestimmt genug Kapazitäten gehabt, um das zu bewerkstelligen.“
Cyron nickte: „Das bedeutet, dass wir mehr als ein halbes Jahrtausend Zeit hatten, um uns zu dem zu entwickeln was wir heute sind.“
Kira schloss kurz die Augen und legte die Ohren zur Seite.
„Es wird Zeit mehr Daten anzuschauen. Mich würde vor allem mehr über unseren Ursprung interessieren und vor allem würde ich gern wissen, wo diese Erde liegt und wo die Raumschiffe sind“, sagte Cyron.
Stella stutzte. „Was hast du vor?“