Kapitel 3
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Kapitel 3
Sitara
Tarja beobachtete wie Chiron ging und im Verlauf seines Weges immer kleiner wurde, bis er schließlich vor der fernen Silhouette des Regenwaldes verschwand. So saß sie noch circa drei weitere Stunden am Flussufer, sah zunächst immer wieder auf, in der Hoffnung, dass ihr geliebter Kater wieder zurück-kehren würde, gab schließlich auf und starrte auf das Wasser und die Fische, die sich darin tummelten.
Als der Abend hereinbrach, machte sie sich schließlich auf den Heimweg, denn ihre Eltern würden sich bestimmt schon Sorgen machen.
Nach zwanzig Minuten des Weges, hatte sie das Haus erreicht und öffnete die Tür. Ihre Eltern saßen am Tisch, waren jedoch nicht allein.
„Ah, da ist sie ja.“ Ihre Mutter lief ihr entgegen und war vollkommen aus dem Häuschen vor Aufregung.
„Wir haben uns schon Sorgen gemacht“, sagte eine ihr fremde Leopardin.
Tarja schaute ihre Eltern an und dann die Leopardin und den auch am Tisch sitzenden und freundlich lächelnden Leopardenkater.
„Was ist denn hier los und wer ist das?“, fragte die Tigerin.
„Darf ich dir deine Stiefschwester Sitara vorstellen und ihren Mann Finlay.“
Ihr Gesichtsausdruck daraufhin musste urkomisch gewirkt haben, denn Sitara fing an zu kichern.
„Das ist Sitara?“
Jetzt war die Mutter an der Reihe zu staunen. „Woher weißt du von ihr?“
„Ähm … nichts. Gar nichts. Ich dachte nur, dass sie mir bekannt vorkommt und ich ihr schon mal begegnet wäre. Hab’ mich wohl geirrt.“
Aber zu spät.
Cyron roch den Braten. „Du warst doch heute Nachmittag beim Kräutermännchen? Was hat dir die alte Plaudertasche erzählt?“
„Nichts, wirklich gar nichts!“
„Naaa! Sprich die Wahrheit!“
„Er meinte nur …“
„Jaaaaaa?“
„… ich solle euch nach Sitara fragen.“
Der Vater ließ hörbar die Luft entweichen. „Ich wusste es, ich wusste es die ganze Zeit, er kann einfach nicht die Klappe halten.“
„Halt die Luft an, Cyron!“, wetterte Stella. „Die Zeit war eh reif dafür, dass sie es erfährt. Auch, wenn es dumm ist, dass sie es durch eine dritte Person erfahren musste.“
Cyron beruhigte sich wieder.
Sitara lächelte Tarja an und nahm sie in die Arme.
Tarja schmiegte sich an sie, sog ihren Duft ein und verkniff sich eine kleine Träne der Freude. „Ich habe mir immer eine Schwester gewünscht und nun ha-be ich tatsächlich eine.“ Und an ihre Eltern gewandt, sagte sie: „Ihr habt mir was zu erklären und zwar dringend!“
„Ja, das haben wir in der Tat. Aber, wo soll ich anfangen?“, überlegte Stella.
„Am besten am Anfang“, polterte Tarja.
„Natürlich. Also – Cyron und ich lernten uns kennen, er war siebzehn und ich war gerade mal fünfzehn. Wir heirateten ein Jahr später und versuchten Nach-wuchs zu bekommen, aber es war hoffnungslos. Man stellte fest, dass dein Vater unfruchtbare Samenzellen produziert und empfahl uns, ein Junges zu adoptieren und es trotzdem weiter zu versuchen, vielleicht ist ja doch Glück im Spiel.
Wir entschieden uns für Sitara, versuchten es natürlich weiter und als Sitara dreizehn war, klappte es bei uns. Die Botschaft meiner Schwangerschaft wurde von ihr jedoch nicht so locker weg gesteckt wie ich es erhoffte. Sie entschloss sich uns zu verlassen und wir konnten sie beim besten Willen nicht davon abhalten.
Tja, so war das damals. Und um dir den Schmerz und die Trauer zu ersparen, die du empfinden würdest, wenn du um deine unbekannte und unerreichbare Schwester wüsstest, haben wir geschwiegen.“
„Warum enthält man Kindern so was immer nur vor?“
„Weil sie es bis zu einem gewissen Alter nicht verstehen würden.“
Tarja sah ein, dass ihre Mutter Recht hatte, hatte sie doch am gleichen Tag einen Sprung in ihrer Persönlichkeitsentwicklung getan, war erwachsener geworden.
„Stella! Dürfen Finlay und ich auf Tarjas Zimmer gehen? Wir haben uns, glaube ich, sehr viel zu erzählen“, warf Sitara spontan dazwischen.
Stella willigte ein und die drei gingen die Treppe hoch.
Im Zimmer angekommen, machten sie es sich bequem und starrten einander an.
„Tja“, begann Sitara, „es freut mich wirklich dich kennen zu lernen.“
„Ich freue mich auch.“ Finlay hatte seinen ersten Satz in Tarjas Gegenwart her-vor gebracht.
„Mich freut es ebenso, auch wenn es etwas spät ist und mich die Ereignisse des Tages endgültig überrennen.“
„Das kann ich mir vorstellen.“
„Ich glaube nicht“, entgegnete Tarja und grinste verschmitzt.
Sitara und Finlay sahen sich an und dann musterte Sitara die junge Tigerin ein-gehend. „Du hast wirklich sehr ausgeprägte Reize für dein Alter, das muss ich neidlos anerkennen. Sieh sie dir an, Finlay. Die festen wohlgeformten Brüste, die schlanke Statur und die Alabasterschenkel.“
Finlay schaute und nickte nur.
Sitaras Blick blieb zwar nur kurz, aber lange genug am linken Oberschenkel der jungen Tigerin kleben.
Tarja dankte ihr, wurde aber nicht verlegen und konnte das Kompliment nur zurückgeben, denn Sitara war nicht nur gut, sondern recht üppig gebaut.
„Okay, wer ist er?“, fragte sie.
„Wer ist wer?“ Tarja tat unschuldig.
„Ich meine den Kater. Denjenigen, dem du dich heute hingegeben hast?“
Tarja wurde jetzt doch verlegen. „Wie kommst du denn darauf?“
„Meine Liebe, mir kannst du doch nichts vormachen. Deine leuchtenden Au-gen, dein Duft und letztendlich die getrocknete Samenflüssigkeit an deinem linken Oberschenkel verraten dich.“
Tarja erschrak. Hatten ihre Eltern es etwa auch bemerkt?
Sie ging schnell ins Badezimmer, beäugte die Flecken und wusch sie aus dem Fell.
„Das ist mir wirklich peinlich“, sagte sie, als sie ihr Zimmer wieder betrat.
„Ach quatsch. Das muss dir doch nicht peinlich sein. So was passiert schon mal im Eifer des Gefechts.“
Finlay verdrehte die Augen. Na ja, immerhin wenigstens eine Reaktion.
„Ich hoffe, du hattest vorher was genommen.“
„Was sollte ich denn nehmen?“
„Willst du mir etwa sagen, dass du dich ohne Schutz gepaart hast?“
„Ach so, das meinst du. Ich glaube mein Liebster hatte vorher was genommen.“
„Ach du schei...! Ein Kater kann nichts nehmen, das musst du tun. Hast du Silphium genommen oder zuvor wenigstens eine andere Einlage aus Samen abtötenden Kräutern gemacht?“
Tarja erstarrte zur Salzsäule. „Nein, es kam alles so unerwartet und plötzlich.“
„Dann haben wir jetzt ein großes Problem. Schwesterchen, du bist wahrscheinlich schwanger und das gleich beim ersten Mal. Gratuliere!“
Tarja wusste nicht ob sie lachen oder heulen sollte. „Und wie geht es jetzt weiter? Ich meine, was soll ich jetzt machen?“
„Du musst dich entscheiden. Willst du, wenn es so sein sollte und davon müssen wir wohl ausgehen, das Junge austragen oder entfernen lassen?“
„Entfernen lassen?“
„Ja. Finlay ist Mediziner, er könnte das machen. Die letzte Entscheidung triffst jedoch du. Es ist dein Körper und dein Wille, das kann dir keiner abnehmen.
Auch solltest du deine Wahl ausreichend überlegen. Denn es besteht die Ge-fahr, dass du danach nie wieder Nachwuchs bekommen kannst, außerdem ist es Leben, wenn auch noch in einer extrem frühen Phase der Entstehung. Unter Umständen haben die Samenzellen noch nicht mal eine Eizelle erreicht.“
Tarja war wirklich am Überlegen. Finlay und Sitara beobachteten sie und spür-ten, dass es in ihr kämpfte. „Was wäre, wenn ich mein Junges behalten will? Was würden meine Eltern sagen? – Oh Bastet, meine Eltern. Die werden aus allen Wolken fallen. Sie dürfen es auf keinen Fall erfahren. Außerdem glaube ich fest daran, dass es mit mir und Chiron …“, sie biss sich auf die Zunge, „… was ernstes ist oder zumindest wird und wir unseren Nachwuchs haben wollen.“
„Ah, Chiron heißt der stolze Kater also.“
„Bitte sage nichts meinen Eltern, die würden ihn dafür umbringen.“
„Das glaube ich zwar nicht, aber okay. Es bleibt erst mal unser Geheimnis.“
„Danke, Sitara!“
Tarja war erleichtert und sie mutete jetzt eher wie ein verzweifeltes Kätzchen an, als wie eine Tigerin, die einen Welpen in sich trägt.
„Pass auf, wir machen folgendes“, warf Sitara ein, „Wir nehmen dich mit zu uns aufs Land. Wir wohnen am Rande von Strongham, da Finlay dort der Medi-ziner ist. Die Hunde vertrauen seinen geschickten Katzenhänden. Ich habe da viele Freundinnen und ich denke, dass sie uns helfen werden dein Kind auf die Welt zu holen und es anschließend groß zu ziehen.“
Die Augen der jungen Tigerin begannen zu strahlen. „Würdet ihr das wirklich machen?“
„Ja, ja doch.“
Damit war dieses Thema ziemlich schnell geklärt und sie unterhielten sich noch eine Stunde weiter über dies und das und jenes.
Sitara erzählte, wie sie von daheim weg ging, durch die Gegend zog, Erfahrungen sammelte und schließlich Finlay begegnete. „Dabei gab es lustige Sachen und auch weniger lustige. Eine interessante Begegnung hatte ich mit einem Rüden. Ich lernte sehr viel über die Lebensweise und die Lebenseinstellungen der Caniden von ihm.“
„Du hattest aber keinen Sex mit ihm, oder?“, fragte Tarja dazwischen.
„Doch, hatte ich. Es war eine sehr intensive Erfahrung, aber ich will über Details nicht reden und so wichtig ist das auch nicht. Schließlich hat mich unter anderem auch das dazu bewogen, bei unserer eigenen Art zu bleiben.“
Tarja grinste. ‚Was sie wohl verschweigt?’, dachte sie und entschloss sich, bei späterer Gelegenheit noch mal nachzuhaken.
Es klopfte an der Tür und Stella trat ein. „Wollt ihr nicht essen kommen?“
„Oh doch, natürlich. Es ist ja auch schon reichlich spät geworden“, sagte Finlay.
Es nahmen alle Platz am Tisch und machten sich über das Fleisch her.
Während des Essens legte Sitara die Karten auf den Tisch. „Stella, Cyron!“, begann sie fast feierlich, „Ich werde Tarja mit uns nehmen.“
„Was?“ Cyron blieb der Bissen im Halse stecken und Stella wurde eine Salzsäule.
„Du hast richtig gehört oder habe ich so undeutlich gesprochen?“
„Nein, das hast du nicht. Ich dachte nur, ich hätte mich soeben verhört.“
„Warum? Hast du ein Problem damit? Sie kann bei uns wohnen und in Strongham ihr letztes halbes Schuljahr runter reißen. Nur für den Fall, dass du das jetzt als Hindernis in den Weg legen möchtest.“
„Das ist mir vollkommen egal. Du bist damals einfach abgehauen und spurlos verschwunden. Jetzt, siebzehn Jahre später tauchst du einfach auf und scheinst zu denken, dass alles vergeben und vergessen ist. Und ganz nebenbei willst du uns auch noch unsere Tochter wegnehmen.“ Er stand auf und stützte sich an der Tischkante ab. „SIE GEHT NIRGENDWOHIN UND SCHON GARNICHT MIT DIR. VON DIR LERNT SIE DOCH NICHTS GESCHEITES.“
„Aber von dir, wie? Und schreie mich nicht an, damit änderst du auch nichts!“
„Ich schreie soviel wie ich will, denn immerhin ist das hier noch mein Haus und garantiert lernt sie hier nützlichere Dinge.“
Die Lage hatte sich zugespitzt und drohte gänzlich aus dem Ruder zu laufen.
„Was habt ihr beide, ihr denn beigebracht? Sie weiß ja noch nicht mal wie man eine Schwangerschaft verhindert.“
Tarja erschrak und wollte am liebsten flüchten.
„Das braucht sie auch noch gar nicht zu wissen!“
„Ach nein? Sieh sie dir doch mal genauer an. Sie ist kein Kind mehr, sondern eine unglaublich attraktive Tigerin geworden. Genau das Richtige für jeden Kater. Und da du mir nicht glauben wirst, sage ich dir noch was dazu. Deine Tochter macht sich extrem dekorativ, wenn sie am Flussufer sitzt und unter ihr ein Tigerkater liegt, der von ihr fachgerecht zugeritten wird.“
Das war’s, Schluss, aus, vorbei. Das alles war zu viel des Guten und die Bombe war geplatzt.
Und was passierte jetzt?
Zunächst schwiegen alle.
Tarja schaute zu Boden und hoffte, dass sich unter ihr möglichst schnell ein Loch auftäte, in dem sie versinken kann.
Stella schaute mit weit aufgerissenen Augen und offen stehendem Mund zu Tarja.
Finlay starrte auf Stella und sagte wie immer nichts.
Sitara hatte ihren Kopf Hilfe suchend zu Finlay gewandt, aber von dem kam ja, wie schon erwähnt, nichts.
Cyron hatte im Laufe des Streits die Beherrschung verloren und die Krallen ausgestreckt, stand aber jetzt versteinert da und funkelte Sitara an.
Somit starrte jeder jeden an, außer Tarja, die guckte immer noch zu Boden und versuchte möglichst schnell unsichtbar zu werden.
Langsam, aber sicher lösten sich die Positionen auf, gerade noch rechtzeitig um Muskelkrämpfe zu vermeiden.
Als erster fand Cyron die Sprache wieder. „Das – ist – nicht – dein – Ernst.“
„Oh doch. Als wir am Fluss ankamen, sahen Finlay und ich ein Tigerpärchen. Die Lust war dabei sehr stark zu spüren. Es war zumindest sehr animierend.“ Bei diesen Worten musste Finlay plötzlich kichern und erntete dafür einen strafenden Blick von seiner Partnerin. „Na ja, andere sahen es auch. Die beiden schienen die Umgebung vollkommen vergessen zu haben und dabei hörte ich jemanden sagen, dass das doch die kleine Tarja wäre, die da mit dem Kater zugange ist.“
Cyron schaute traurig zu Stella. „Wir haben versagt. Alles aus. Wenn es auch andere gesehen haben, sind wir spätestens morgen im ganzen Dorf das Gesprächsthema Nummer eins.“
Stella nickte und fragte, an Tarja gewandt: „Hast du wenigstens an Verhütung gedacht?“
Tarja schüttelte den Kopf.
Stella wurde es plötzlich schlecht und sie musste den Kopf aufstützen. „Wir haben wirklich versagt Cyron. Unsere Tochter ist wahrscheinlich schwanger. Irgendein Kater hat ihr ihre Unschuld geraubt.
Ich habe mit ihr heute früh noch gesprochen, über Kater und ansatzweise auch über Sex. Aber wie es aussieht habe ich nicht richtig zugehört und mich falsch ausgedrückt. Ich dachte, wir hätten noch Zeit und sie wäre noch nicht so weit.“
„Mutter. Du hast nur gesagt, dass ich schon wüsste, wenn es der Richtige wäre.“
Cyron atmete tief durch und fragte nach seinem Namen.
Tarja schüttelte wieder den Kopf.
„Was, du hast dich ihm hingegeben, dich besteigen lassen und weißt nicht mal seinen Namen?“
Sitara schlichtete. „Doch sie kennt seinen Namen VATER, aber den will sie nicht preisgeben und das aus gutem Grund. Sie befürchtet, dass du ihm was antun könntest.“
Cyron schluckte. „Bin ich wirklich so schlimm, dass meine eigene Tochter sich nicht traut mir die Wahrheit zu sagen? Ist es so schlimm, zu mir zu kommen und zu sagen, Vater es tut mir Leid, ein Kater hat mir meine Unschuld geraubt und ich bin schwanger geworden. Meinetwegen hättest du auch zu deiner Mutter gehen können. Du kannst doch schließlich nichts dafür.“
Sitara schaute zur Decke und pfiff leise vor sich hin. Cyron wirkte irritiert da-durch und fragte Sitara, was dieser Auftritt jetzt zu bedeuten hätte.
Ihre Antwort wischte jeden Zweifel vom Tisch. „Cyron, welchen Teil meiner Sätze vorhin hast du nicht verstanden?“
„Wieso, habe ich was nicht mitgekriegt?“
„Ja. Allerdings. Ich sagte, dass SIE auf dem Kater gesessen hat. Also …“
„Ach du große Göttin“, er schlug die Hände über dem Kopf zusammen, „dann ist sie die treibende Kraft gewesen.“
Cyron wurde es schwummerig und er setzte sich neben seine Frau.
Beide guckten sich an und nahmen sich bei den Händen. „Wir haben komplett versagt. Wir sind blind gewesen und haben unserer Tochter nicht genug Zeit gewidmet und uns nicht ausreichend mit ihren Problemen beschäftigt. Sie ist erwachsen geworden und wir haben es nicht gesehen. Sie ist rollig geworden und wir haben es nicht bemerkt. Sie hat sich gepaart und wir hören es von Anderen. Sie ist schwanger und wir sehen alt aus.“
„Okay“, setzte Stella an, „ihr wollt sie also mitnehmen. Und dann? Was wird mit ihr und dem Welpen in ihrem Bauch?“
„Finlay ist Mediziner in Strongham“, antwortete Sitara, „daher haben wir dort viele Bekannte und auch sehr viele gute Freunde. Die werden sich Tarjas Situation annehmen und ihr helfen.“
Cyron sah seine Frau an und Stella ihn. Beide sahen zu Sitara und schlugen kurz die Augenlider nieder.
„Gut. Tarja, du kannst deine Sachen morgen früh packen“, sagte Sitara. „Habt ihr was dagegen, wenn wir heute Nacht noch bei euch bleiben, es ist bereits zu spät für den Rückweg nach Strongham.“
„Nein, natürlich nicht“, entgegnete Stella und versuchte sich ein Lächeln abzuringen, was ihr aber nicht sonderlich gut gelang.
Finlay ging zur Tür, um frische Luft zu schnappen und einen klaren Kopf zu bekommen. Er sah hinauf in den Himmel und betrachtete die Sterne.
Es dauerte keine fünf Minuten, da ging erneut die Tür auf und Cyron trat neben ihn. „Eine herrlich klare Nacht heute, nicht wahr?“, begann Cyron.
„Ja und die Luft ist sehr angenehm und trägt den Duft von sauberem Flusswasser. Das ist in Strongham nicht der Fall.“
„Tarja wird die Luft vermissen, ihre Freundinnen, die Umgebung, das Dorf und vielleicht auch uns.“
„Das glaube ich gern, denke aber, dass es keinen Weg mehr zurück gibt. Wir hatten, als wir oben waren, mit ihr geredet und da stellten wir fest, dass sie wohl schwanger ist. Sie hat es sich nicht leicht gemacht, mit ihrer Entscheidung. Wir hatten ihr die Wahl gelassen. Wir haben sie auf den Abbruch hinge-wiesen und auf die Risiken. Danach hatte sie ihre Wahl getroffen.“
„Entscheidet ihr beide immer so demokratisch?“
„Ja, nur so klappt es mit uns, alles andere würde Sitara nicht akzeptieren.“
„So, so, also eine richtige Raubkatze.“
„Oh ja, das ist sie. Sie kann verdammt zickig sein und rechthaberisch.“
„So hatten wir sie eigentlich nicht erzogen“, Cyron seufzte.
„Auch das glaube ich dir, aber die Erfahrungen die sie, nachdem sie bei euch ausgezogen war, gemacht hatte, haben sie entscheidend geprägt und ihre Persönlichkeit nachhaltig verändert. Sie ist nicht mehr die, die sie mal war, nicht mehr die, die ihr kanntet. Sie ist die, die ich kennen und lieben gelernt habe.“
Cyron schaute Finlay traurig an. „Sie ist so kalt und spröde geworden.“
„Nein, das ist sie nicht. Diese Rolle spielt sie nur. In ihrem Inneren ist sie liebevoll und sehr zart.“
„Was muss sie bloß alles erlebt haben, um jetzt so zu sein? Weißt du etwas, hat sie darüber gesprochen?“
„Ja. Ich habe sie quasi aus der Gosse gefischt. Nachdem sie losgezogen war, verlor sie schnell die Orientierung, irrte zunächst umher und war leichte Beute für andere Katzen und Spezies. Irgendwie hatte sie es geschafft, sich von spärlichen Resten, die sie unterwegs fand, am Leben zu erhalten.
Vollkommen heruntergekommen traf sie nach Monaten in Strongham ein. Ich hatte zu dieser Zeit begonnen meine Praxis dort aufzubauen.
Sie fiel mir zunächst nicht auf, machte sie doch einen großen Bogen um die meisten Einwohner und fiel nicht weiter auf. Eine Hyäne nahm sie zu sich nach hause und gab ihr ein Heim und etwas zu essen. Später verliebte sie sich in einen Rüden und der nahm sie als Gefährtin. Er kümmerte sich eigentlich ganz rührend um Sitara, kam jedoch mit ihrer Launenhaftigkeit nicht klar, besonders wenn sie rollig war.
Nach etwa einem Jahr gab er schließlich auf und ließ sie gehen oder besser gesagt, er warf sie aus seinem Haus.
Da lag sie am Straßenrand, vor seiner Haustür, es war Winter und sie war unterkühlt. Ich hatte gerade Feierabend gemacht, kam dort vorbei, sah sie da lie-gen und nahm sie mit zu mir. Ich gab ihr Nahrung, ein Dach über dem Kopf und auch sonst alles was sie brauchte.
Anfangs war sie sehr zurückhaltend und verschlossen. Nach vier Monaten fing sie an aufzutauen und wir führten sehr viele und intensive Gespräche. Sie fing an, viele Bücher zu studieren, vor allem meine Medizinbücher und stellte auch viele Fragen. Ihr Geist lebte zunehmend auf.
Dann kam die Nacht der Entscheidung. Ich lag in meinem Bett und schlief, als sie plötzlich vor mir stand, sich niederließ und unter die Bettdecke kroch. Wir kuschelten uns aneinander und liebkosten uns. Die Streicheleinheiten, die wir uns gegenseitig gaben wurden heftiger und immer intimer. Schließlich nahm ich sie so zärtlich wie ich konnte. Nach dem Akt schliefen wir gemeinsam ein und am nächsten Morgen fragte ich sie, ob sie für immer bei mir bleiben will. Sie nahm sofort an und einen Monat später waren wir verheiratet.“
Cyron blickte bestürzt zu Boden. Das war eine schockierende Geschichte. „Habt ihr Junge?“
„Nein, Sitara ist unfruchtbar.“
Cyron war dermaßen traurig, dass er mit den Tränen kämpfte. „Warum nur musste sie einfach weggehen? Ihr wäre das alles erspart geblieben. – Andererseits ist es vielleicht auch gut, dass sie ging. Immerhin hat sie am Ende einen so feinen und netten Leoparden wie dich gefunden.“
Cyron lächelte Finlay gütig an und dessen Gesichtszüge erhellten sich und ein Lächeln huschte auch über sein Gesicht. „Du bist besser als alles, was wir ihr hätten bieten können.“
Die beiden umarmten sich und klopften sich gegenseitig auf die Schultern.
„Übrigens“, sagte Finlay, „unsere Gesellschaft scheint ein wirklich ernsthaftes Problem zu bekommen.“
„Wie meinst du das?“
„Ich spiele damit auf deine zeitweilige Unfruchtbarkeit an. Das Problem betrifft nicht nur dich. In Strongham klagen immer mehr Rüden und Fähen über die gleichen Symptome. Ganze Familien sterben aus, weil sich kein Nachwuchs einstellt. Ich fürchte, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern.“
Cyron atmete tief durch. „Das hat uns nun auch gerade noch gefehlt.“
Sie betraten gemeinsam das Haus und Stella sah ihnen entgegen. Sie saß noch immer am Tisch. Tarja und Sitara waren bereits einen Stock höher gegangen und schliefen schon. Die beiden Kater setzten sich mit an den Tisch.
„Lasst uns eine Flasche Met öffnen und auf unser aller Wohl trinken“, sagte Cyron feierlich.
Finlay nickte zustimmend und Stella guckte mal wieder irritiert.
„Was ist da draußen vorgefallen? Was habt ihr beiden Schwerenöter gemacht?“
„Nichts von Bedeutung“, entgegnete Finlay, „Wir haben uns nur ausgesprochen und versöhnt.“
Stella freute sich sichtlich über diese Wendung. „Bastet sei Dank. Es hätte mich nichts trauriger machen können, als dass wir unsere Tochter in Unfrieden gehen lassen würden.“
„Wir können an der Situation eh nichts mehr ändern. Passiert ist passiert. Jetzt heißt es den Schaden zu begrenzen und das Beste draus zu machen.“
Sie stießen mit dem ersten Glas an.
Als sie zu Bett gingen, waren es noch vier Stunden bis zum Aufbruch und drei Metflaschen geleert.