Flucht und Sturm - Kapitel 1 - Ankunft
Mawus stirbt. Und mit dem Tod gelangt er in das Land von Fabeln und Abenteuern. Alles was er einmal war, ist fort und die ganze Welt liegt vor ihm, ohne dass er etwas dafür zu verlieren hat. Doch Mittellosigkeit und Kälte trüben seine Freiheit und so bricht er auf zur Glottfeste, der Größten der Burgen im Jenseits. Er weiß nicht, dass es kaum einen Ort gibt, der ihm mehr nach seiner Unabhängigkeit trachten wird. Wäre da nur nicht der Knappe Jonathan, der ihn zum Teil des größten Abenteuers macht, das er je erleben wird und ihn schließlich in den Kampf von Gut und Böse hineinzieht.
Sterben war zweifellos das seltsamste, was Mawus jemals passiert war. Einen Moment stand er noch am Straßenrand, den Blick auf den Auslagen im nächsten Schaufenster. Dann krachte es, dass seine Zähne aufeinanderschlugen, und im Nächsten begann Schnee zu fallen.
Der Stadtlärm wurde zu einem dumpfen Rauschen und das Gefühl von Fall und Schlaf zugleich überkam ihn. Alles versiegte und wich dem Zustand grauer Stille, durch die weiße Flocken drifteten. Ihm war, als blickte er in einen makellosen Winterhimmel empor, eiskalt und in vollkommenem Frieden. Er konnte spüren, wie entfernt er war, wie zerbrechlich und vage. Grauen überkam ihn bei dem Gedanken, dass der Himmel oder, schlimmer noch, sein Blick verschwinden würde. Es war unmöglich, der Erkenntnis seines Todes gerecht zu werden, schon gar nicht, wenn ihm nur wenige Augenblicke dafür blieben. So riss er nur die Augen auf, in Erwartung von Leere und Dunkelheit und bemühte sich um Atemzüge, die er nicht mehr tun konnte.
Nichts geschah. Mawus starb und das Bild breitete sich aus. Der Schnee fiel weiter, immer dichter und ging nieder auf einem hellen Feld. Ringsum dunkelblauer Wald, über dessen Spitzen der Winterhimmel leuchtete. Eine Windböe fuhr durch sein Fell und trug das Rieseln der Flocken an seine Ohren, bis es seine Wahrnehmung in Gänze ausfüllte und Mawus die Kälte zu spüren begann. Er zitterte. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag.
Er war noch da.
Er war gestorben.
Eine Weile stand Mawus dort, seine Glieder klamm, und sah in das Schneegestöber hinauf. Er konnte es nicht verstehen, denn es war nicht zu verstehen. Doch er war nicht fort und es war nicht vorbei, das zählte. Was auf der Straße geschehen war... spielte keine Rolle, nichts davon spielte eine Rolle mehr.
Die Halme knisterten weich unter seinen Pfoten, als er sich einmal drehte und alles in sich aufnahm, wobei ihm vor Erleichterung ganz flau wurde. Das Feld war echt, der Wald undurchdringlich. Zwischen den Stämmen lagen Reste eines vergangenen Schneefalls und ein Weg führte dazwischen hervor. Das hier war eine echte Welt, in die er geraten war, mit den hellsten, weichsten Flocken, die er je gesehen hatte.
Mawus wusste nicht, wer er von nun an sein würde, wohin er gehen sollte, und was er dort finden würde. Doch all das schien ihm gering im Vergleich zu der Tatsache seines Todes.
So machte er sich auf den Weg, durch das Feld hinunter zu dem Pfad im Wald. Zwischen den Tannen war es still, der Wind blieb über den Wipfeln und blies feine, helle Punkte an ihm vorbei, die im Schatten zwischen den Stämmen zu leuchten schienen. Mawus wanderte und die Ruhe dieses Ortes machte ihn beinahe unbeschwert; so sehr, dass sich in seinen Gedanken Abenteuer zu formen begannen, die er womöglich erleben würde.
Das Himmelgrau wich der Winterdämmerung und nicht lange darauf begann er, zu frieren. Die Tannen hielten den Wind ab, doch der feine, beständige Schneefall hatte sein schwarzes Fell vollkommen weiß gefärbt. Er würde einen Ort für die Nacht finden müssen, aber Mawus verspürte noch nicht das geringste Bedürfnis, die Augen zu schließen.
Er ging weiter und auch als es dunkel wurde, beunruhigte ihn das nicht. Zu schön war der Wald, zu weich das Geräusch seiner Pfoten im Schnee. Doch die Schatten zwischen den Bäumen wurden finster, viel finsterer, als das auch die tiefste Nacht bewirken könnte. Und da kam die Angst. Er wusste nicht recht woher; auf einmal war sie da und Gänsehaut sträubte sein Fell. Ohne die Schritte zu verlangsamen, wandte er den Kopf. Der Weg hinter ihm war ein dunkelgraues Band im Schwarz des Waldes. War das ein Schatten, der ihm dort in weiter Ferne folgte; ein Schemen, um den die Schwärze flimmerte wie heiße Luft? Nun, dachte er trotzig, er war schon tot, was konnte man ihm schon anhaben.
Mawus hielt inne, kniff die Augen zusammen und lauschte. Ein Windhauch in den Wipfeln, darüber das Rieseln von Schnee. Und, weit, weit hinter ihm das Knacken eines brechenden Zweiges. Außerdem: Definitiv ein Schatten, jawohl. Tot hin oder her, Mawus bekam einen solchen Schrecken, dass er vier Fuß in die Luft sprang, und dann begann er zu laufen, wie er noch nicht gelaufen war. Äste flogen im Dunkeln an ihm vorbei und Holz zerbrach unter seinen Pfoten.
Die Gänsehaut verließ ihn nicht, im Gegenteil, seine Angst wurde größer, bis es ihm vorkam, als liefe dort etwas direkt hinter ihm. In vollem Lauf wandte er sich um, die Zähne gefletscht, ein Knurren zwischen den Kiefern. Nichts. Der Weg war verlassen und hell, dass er bis ans Ende sehen konnte. Mit einem Krachen rannte er gegen die Holztür des Gasthauses.
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Mawus erwachte vor einem Feuer. Unter ihm warme, trockene Bohlen, über ihm eine weiß getünchte Decke, auf die graues Winterlicht schien. Jemand pfiff ein Lied. Vor einem altertümlichen Herd stand ein Wolf und kehrte ihm den Rücken zu. Mit ruhigen Bewegungen wickelte er einen Brotlaib in ein Tuch.
Als er sich umdrehte, bemerkte er Mawus´ Blick. "Ah, du bist wach." Mawus erhob sich vom Boden und bekam eine Waschschüssel in die Hand gedrückt. "Ich hab mich gestern ganz schön erschreckt, als es plötzlich gekracht hat und du vor meiner Tür lagst, weiß wie ein Gespenst." Er lachte und gebot Mawus, sich an den Tisch zu setzen. Mit einem flauen Gefühl sah Mawus in die Schüssel.
Das Gesicht darin war nicht fremd, aber... anders. Das selbe schwarze Fell, das ihm wirr um die Augen stand, die wie immer scharf und etwas kritisch blickten. Auch die hellen Stellen an seinen Wangen waren geblieben. Doch alles schien ein wenig... zurecht gerückt? Mawus schluckte. Er würde jemand anderes sein.
Ihm fiel auf, dass der Wolf ihn schweigend beobachtete und wartete. Erst als Mawus den Kopf hob, stellte er Teller und Tasse auf den Tisch. Das Spiegelbild verschwamm. Er setzte sich zu ihm, Mawus bedankte sich und aß. "Ich bin Lyschko, der Wirt." - "Mawus", murmelte Mawus. "Der Wald hier ist unheimlich bei Nacht, nicht wahr?" Lyschko fragte ihn nicht, woher er kam. "Wohin gehst du?"
"Ich weiß es nicht.", antwortete Mawus wahrheitsgemäß. "Hmm..." brummte der Wirt. "Kannst gehen wohin du willst, nicht wahr? Ein verschneites Land und ein einsamer... ", er zögerte. Mawus war schwer einzuordnen. " Naja... Hier wirst du nicht bleiben wollen. Aber drei Tagesmärsche in Richtung Nordwesten liegt die Glottfeste, dort kannst du alles finden, was du dir nur zu suchen wünschst."
Mawus sah fragend auf und Lyschko erklärte. "Eine Stadt; eine der Größten im Land." Sein Blick wurde nachdenklich. "Wenn du dort ankommst, frag nach Mutter Valentin, sie wird dir eine Bleibe gewähren." Er grinste. "Jetzt erklär mir aber, wie du vor meine Tür gekommen bist." Mawus erzählte ihm von dem Schatten. Lyschkos Augen weiteten sich. "Das kann nicht sein.", sagte er ruhig. "Bei Nacht ist Niemand, weder Mann, noch Ungeheuer, in diesem Wald. Das kann ich dir versprechen." Er zog einen grauen Kittel hervor. "Du wirst den Weg nach Glott ohne die geringste Gefahr begehen können."
Mawus brach noch am Vormittag auf. Bei sich trug er einen Laib Brot, eine Zunderbüchse und den grauen Kittel. Das war mehr, als er bisher besessen hatte und er versprach sich, gut Acht darauf zu geben. Wie er so durch den verschneiten Wald wanderte, diesmal mit vollem Bauch, warmem Stoff um die Schultern und einem Ziel vor Augen, fühlte er sich glücklich und... frei. Es war so einfach. Die Welt lag vor ihm und es gab nichts, was er dafür zurückließ.
Nur einmal machte er Halt an einem Bachlauf, der im Begriff war, zuzufrieren. Das Wasser war so eiskalt, dass seine Zunge taub wurde, doch gleichzeitig frisch und süß. In einem kleinen Becken betrachtete er noch einmal sein Gesicht. Es schien ihm nicht mehr fremd. Mawus hielt einen Moment inne. War es so leicht, sich aufzugeben? Nein, dachte er, das dort war immer noch er selbst. Es waren nur einige, feine Veränderungen.
Den Rest des Tages lag der Weg unberührt vor ihm und führte ihn sicher durch den Wald. Die Sonne brach hervor, wärmte sein Gesicht und ließ ihn im Innersten jubilieren, als er für einen Moment die Augen schloss und sich die Wärme auf sein Fell legte. Gegen Abend, als sich der Himmel zu einem zarten Rot verfärbte und die Kälte durch die Baumreihen über den Weg floss, ließ er sich unter einer Tanne nieder und entfachte ein Feuer.
Dort saß er auf trockenem Moos und Nadeln und sann über das Treffen mit Lyschko nach. Ihm war nicht ganz klar, warum er nach Glott gehen sollte, doch ein besseres Ziel fiel ihm nicht ein. Und so lehnte er sich, nachdem er einen Teil des Brotes gegessen hatte, in die Kuhle zwischen den Wurzeln der Tanne, zog den Kittel über den Kopf und schlief ruhig ein, ohne auch nur einen Gedanken an die umgebende Finsternis zu verwenden.
Als Mawus erwachte, war das Feuer erst zur Hälfte heruntergebrannt. Ein glimmender Kern war geblieben und ließ den Schnee schwach leuchten. Außerhalb des Lichtscheins herrschte graue, winterliche Dunkelheit, gerade hell genug, dass er das Band des Weges und die Konturen der Bäume erkennen konnte.
Und aus dem Grau klang das Geräusch von Hufen. Das war es, was Mawus geweckt hatte. "Bei Nacht ist Niemand, weder Mann noch Ungeheuer in diesem Wald.", ging es ihm durch den Kopf. Lyschko hatte bei diesen Worten ausgesehen, als meinte er sie ernst.
Die Hufschläge waren bereits zu nah, als dass Mawus es noch wagen konnte, sich zu rühren. Er machte sich klein in seiner Kuhle und hoffte, dass ihn die tiefhängenden Äste verbargen. Ein Pferd mit Reiter trat in den Lichtkreis und blieb stehen. Mawus fiel auf, dass sie nicht das leiseste Geräusch von sich gaben; selbst der Atem des Pferdes war lautlos. "Wer da?", klang es ruhig. Mawus hielt den Atem an. "Wer in diesem Wald ein offenes Feuer entzündet, der hat nichts zu verbergen." Die Stimme war klar und freundlich. "Und wer offen an ein fremdes Feuer tritt und nach dem fragt, der es es entzündet hat, der führt nichts im Schilde."
Mawus schwieg, doch sein Herzschlag beruhigte sich. Bei den nächsten Worten lag ein Schmunzeln in der Stimme. "Es sei denn, derjenige ist bereits fortgezogen und ich spreche mit einem leeren Lager. Komm Mylar." Das Pferd setzte sich in Bewegung. Mawus erhob sich und trat unter dem Baum hervor.
"Warte!" Seine Stimme hatte nicht ganz so fest geklungen, wie er es sich gewünscht hätte. Der Reiter hielt inne. Er trug einen roten Mantel und sein Unterarm war gepanzert, doch Mawus konnte keinerlei Bewaffnung an ihm ausmachen. Über dem Mantel war sein Fell hell, von der gleichen Farbe wie das verschneite Feld. "Wer bist du?", fragte er und sah ihn dabei so freundlich an, dass jegliches Gefühl von Misstrauen verflog.
Mawus zögerte. Er konnte sein, wer er wollte. "Mawus.", antwortete er schließlich zum zweiten Mal an diesem Tag. Den Namen wollte er behalten. "Ich bin Jonathan.", stellte sich sein Gegenüber vor. "Wohin willst du?" Noch einmal die gleiche Frage, doch diesmal hatte Mawus eine Antwort darauf. "Zur Glottfeste." Bildete er es sich ein, oder huschte bei diesen Worten ein Schatten über Jonathans schönes Gesicht? Er streichelte die Mähne seines Rappen. "Nun, wenn du möchtest kann ich dich ein Stück des Weges mitnehmen. Mylar ist stark genug für fünf wenn es sein muss."
Mawus war noch nie geritten und er genoss es in vollen Zügen. Das Glimmen seines Lagerfeuers verschwand hinter ihnen in der Finsternis und die Tannen rauschten vorbei wie im Flug. Bei diesem Tempo fühlte er sich selbst in der Dunkelheit unverwundbar und er spürte ein übermütiges Lachen in seiner Brust aufsteigen. "Was führt dich nach Glott?", fuhr Jonathan Stimme durch den Wind. "Ich weiß es nicht genau.", antwortete Mawus. "Aber man hat mir gesagt, ich soll mich an Mutter Valentin wenden, sie wird mir helfen."
Auf einmal schien Jonathan traurig. "Nein.", murmelte er wie zu sich selbst. "Dort sollst du nicht hingehen." Er sagte es so leise, dass Mawus nicht wusste, ob er es sich nicht eingebildet hatte. Für den Rest des Rittes schwieg er. Einmal, an einer dunklen Stelle des Waldes, wo kein Schnee gefallen war, ließ er Mylar anhalten und sie verharrten für eine Weile in Stille. Mawus schien es, als lauschte Jonathan in die Dunkelheit hinaus und er begann, Lyschkos Einschätzung des leeren Waldes zunehmend anzuzweifeln.
Die Bäume begannen, sich zu lichten und kurz darauf erreichten sie eine unscheinbare Weggabelung. Mylar blieb stehen. "Hör zu." Jonathans Stimme war ernst. Sein Gesicht lag im Schatten einer Kapuze und war trotzdem noch gut und aufrichtig. "Mutter Valentin wird dich erwarten und darum musst du zu ihr gehen. Du darfst ihr deinen Namen nennen, aber gestatte ihr nicht, dich ihren Diener zu machen, sonst bist du verloren."
Die letzten Worte hatte Jonathan eindringlich, flehend beinahe, gesprochen und er schien bekümmert, als er die Zügel schnalzen ließ. Im Wegreiten rief er Mawus noch zu: "Und sieh zu, dass du vor Allerheiligen ihr Haus verlässt, sonst kannst du es womöglich nicht mehr." Mawus sann eine Weile über seine Worte nach, doch er verstand sie nicht. Es hatte den Anschein, als wüsste Jonathan viel mehr über dieses Land als Lyschko.
Er wandte sich der Burg zu. Sie war gewaltig, fast so breit wie das Tal unter ihr, und umgeben von einer hohen Mauer. Ihr Inneres musste hell erleuchtet sein, denn der Himmel darüber glomm . Es war ein erhebender Anblick nach der Stille des Landes, das er zu diesem Ort durchwandert hatte. Warum, fragte er sich, hatte ihn Jonathan nicht dorthin begleitet und war lieber auf die dunkle Straße im Wald abgebogen?
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"Hah, was sollst du denn bitte sein?" Der Soldat strubbelte Mawus´ Fell und seine Kumpanen lachten. "Deine Verwandten müssen ganz schön rumgekommen sein.", lachte einer und ein anderer fügte hinzu: "Junge, bist du dem Krampus aus dem Aschesack geschlüpft und anschließend ins Herdfeuer gefallen, dass du so schwarz bist." Mawus grinste vorsichtig. Sie waren nicht feindlich, doch ihre Waffen waren benutzt worden und in ihrem Gebaren lag eine gewalttätige Gleichgültigkeit. Es würde ihnen nicht schwer fallen, Böses zu tun.
Die anderen Burgbewohner eilten mit gesenktem Kopf vorbei, ängstlich darauf bedacht, den Wachen nicht zu nahe zu kommen. "Du würdest einen feinen Gardier abgeben.", meinte der erste. "Ich suche Mutter Valentin.", antwortete Mawus mit fester Stimme. "Pah." Sein Gegenüber spuckte aus. "Mutter Valentin tut dir einen Zwang auf, dass du dich bald nicht mehr an deinen Namen erinnerst." Er wurde in die Seite gestoßen und angezischt: "So darfst du nicht von den Valentin sprechen."
Ein Handgemenge entbrannte und Mawus stahl sich durch das Tor davon. Vor ihm führte eine breite Hofstraße in die Stadt hinein, gesäumt von hohen Häusern und Funken speienden Fackeln. Eine Stadtwache gab ihm Auskunft. Auf dem Weg zum Haus der Mutter Valentin tat sich ihm die schiere Größe der Burg auf. Sie zog sich auf beiden Seiten die Hügel hinauf und über allem thronte die eigentliche Glottfeste, eine Anlage aus hellem Stein, an deren Zinnen goldene Banner im Wind wehten. Sie mochten länger sein, als Mawus hoch war, doch sie hingen so hoch, dass sie kleiner als Vögel schienen.
In den Straßen befiel ihn eine leichte Unruhe. Draußen im Wald war er zuversichtlich gewesen; er hatte sich gefühlt, als stünden ihm alle Wege offen. Hier jedoch wurde er sich seiner Mittellosigkeit bewusst und er sehnte sich so sehr zu Jonathan und Mylar zurück, dass er am liebsten umgekehrt wäre. Doch er wusste, dass das aussichtlos war, dass er sie niemals in dem gewaltigen Land jenseits der Burg finden würde. Und hatte Jonathan nicht gesagt, dass er zu Mutter Valentin gehen musste?
Mawus erreichte das Haus am späten Nachmittag. Es war nicht schöner oder größer als das daneben und wäre ihm wohl nie aufgefallen. Doch hatten die Soldaten nicht sofort Mutter Valentins Namen gekannt? Er hielt vor der Tür inne, hin und hergerissen zwischen dem Gefühl, sein Schicksal in ungeheure Hände zu legen, und der Befürchtung, dass er keine andere Wahl hatte. Der Türklopfer wog schwer in seiner Hand, als er ihn anhob und gegen das Holz fallen ließ.
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Es war Mutter Valentin selbst, die ihm öffnete. Eine hochgewachsene Dame, gekleidet in das gleiche Gold, das auch die Burg schmückte. "Was führt dich zu mir, mein Junge?", fragte sie mit nobler Stimme, ohne ihn richtig anzusehen. Hinter ihr lag die Eingangshalle in feinem Licht und ein Zug trockener, warmer Luft umspielte Mawus. "Lyschko hat mich geschickt."
Mawus wusste nicht, wie ihm bei den Worten geschah. Auf einmal stand er in der Diele, ohne sich daran zu erinnern, die Stufen erklommen zu haben. "Mawus... Was für ein schöner Name." sprach Mutter Valentin und betrachtete ihn. Mawus wurde so elend zumute, dass er meinte, die Last müsste ihn zu Boden drücken. Das war nicht, was er wollte... Wie hatte er sich nur darauf einlassen können? "Halt...", flüsterte er matt.
Die Tür war verschlossen, als er sich umdrehte. Verzweiflung überkam ihn und er rief: "Lass mich gehen!" Und, sich an Jonathans Worte erinnernd: "Ich will nicht dein Diener sein!" Mutter Valentin wies ihn zur Treppe, wo eine Livree auf den Stufen lag. "Du wirst ein guter Diener sein, hab keine Angst." Und, als hätte sie eine Kerze ausgeblasen, war jeglicher Widerstand in Mawus ausgelöscht.
So kam es, dass Mawus doch zum Diener der Valentin wurde. Es erging ihm nicht schlecht bei ihr. Sie strafte ihn nie, die Arbeit war selten hart und seine Kammer warm. Doch es war, als wäre sein Kopf ständig mit Nebel gefüllt, der ihn nicht weiter als zum nächsten Handgriff, blicken ließ.
Mawus trug seine Livree wie ein Diener und er dachte wie ein Diener. Er vergaß, wie er in diese Welt gekommen war, wie es gewesen war, als er auf dem Feld gestanden und alles vor ihm offen gelegen hatte. Tagsüber arbeitete er, fiel am Abend wie ein Stein ins Bett und erwachte morgens mit nichts als Leere in den Gedanken. Mutter Valentin lobte ihn für seine Arbeit.
Oh bitte, bitte schreibt mir´n paar Reviews^^