Kapitel 27
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Kapitel 27
Bedenken
‚Da stimmt was nicht. Was ist, wenn uns hier etwas vorgespielt wird und das alles nur eine perfekte Falle ist? Was ist, wenn es ein perfekter Plan ist, um uns alle einzulullen und uns abzulenken?’
Bei diesem Gedanken wurde es Cyron mulmig er deutete Kira an, ihm zufällig und in einigem Abstand zu folgen. Sie verstand was er wollte und sie trafen sich auf Ebene minus vier.
„Setzt dich“, sagte Cyron, nachdem beide ein Nebenzimmer betreten und sich die Tür geschlossen hatte.
„Fällt dir vielleicht auch etwas Ungewöhnliches auf?“, fuhr der Tiger fort.
Kira schüttelte den Kopf.
„Da stinkt was und zwar gewaltig. Es plätschert so merkwürdig seicht dahin.“
„Was meinst du damit?“, fragte die Luchsin.
„Mir ist vorhin etwas aufgefallen.“
„Und was?“
„Anthro. Er raubt uns den Verstand. Alle sehen ihn an und sind ganz hin und weg.“
„Hast du Konkurrenzängste?“
„Nein, das nicht. Aber er hat so eine perfekte Wirkung auf uns, wenn er uns an-sieht. Alles scheint perfekt zu sein. Die Übernahme der Station lief fast perfekt, das Finden der Daten lief perfekt, uns fällt alles in den Schoß und rein zufällig taucht dieser Anthro auf und die Sache wird noch perfekter.“
Kira überlegte. „Ich verstehe was du meinst und worauf du hinaus willst. Dir läuft alles zu perfekt.“
Cyron nickte: „Immer, wenn alles zu perfekt ist, kommt eine Katastrophe heraus. Sein Auftauchen passt wie die Faust aufs Auge. Und soll ich dir noch etwas sagen? Ich fürchte langsam, dass wir hier einer ganz tollen Inszenierung auf den Pelz rücken.“
Kira biss sich auf die Unterlippe und dachte nach.
„Mag sein, aber das sind deine subjektiven Eindrücke.“
„Das glaube ich nicht. Ich habe nur intensiv beobachtet und auch mich selbst überprüft. Am deutlichsten sehe ich einen Unterschied im Verhalten zwischen dem gestrigen und dem heutigen bei Wotan und Sirius. Gestern hatten beide eine Panik vor Anthro und verhielten sich überlegend und gut durchdacht. Heute kamen sie ins Zimmer, sahen Anthro und kriegten ansatzweise fast einen Ständer. Ich habe das Gefühl, dass wir beginnen ihn als Sexobjekt zu betrachten. Wir lassen uns von unserer Geilheit überrennen und der Verstand und die Aufmerksamkeit machen winke, winke.“
Kira zuckte bei Cyrons barscher Ausdrucksweise zusammen, fing sich aber sofort. „Na ja, in gewisser Weise scheinst du ja Recht zu haben. Auch meine fachliche Kompetenz ist etwas ins Wanken geraten, seit dem er da ist. Ich verspüre körperliche Sehnsüchte, gegen die ich sonst immun gewesen schien.“
„Siehst du, das sollte eigentlich auch dich warnen“, redete Cyron ihr ins Gewissen.
„Was schlägst du vor?“
„Wir sollten ihn dringend im Auge behalten. Das dürfte für dich kein Problem sein, er wird eh an dir kleben wie eine Klette.“
„Woher nimmst du denn das?“
„Ich habe seine Reaktion gesehen, als er hörte, dass du unser Genie bist.“
Kira blickte auf ihre Hände. „Und du meinst, dass ausgerechnet ich stark genug wäre um diese Aufgabe zu übernehmen und nicht schwach werden könnte?“
Cyron nickte bestimmt.
„Ich hoffe du hast Recht und ich bringe uns und mich nicht in Gefahr“, schloss Kira ihren Gedanken ab.
„Du schaffst das bestimmt“, munterte Cyron sie auf.
Sie verließen den Raum und gingen wieder zu den anderen. Kira trat in den Computerraum. Cyron wartete etwa zehn Sekunden. Er wollte nicht, dass man sie zusammen sah. Einerseits würde das sonst Gerüchte streuen, andererseits würde es vielleicht Anthro stutzig machen.
Er trat ein und stellte sich neben Stella. Er nahm sie beim Arm. „Kommst du mal kurz mit? Ich muss was privates mit dir klären.“
Stella schaute ihn schief an, sah Kira in die Augen und erkannte darin eine gewisse Trauer.
„Was ist los?“, fragte sie nervös, als sie das Nebenzimmer betreten hatten.
Cyron legte einen Finger auf seine Lippen und wartete bis sich die Tür geschlossen hatte. Er baute sich vor ihr auf und erklärte ihr, was ihn bewegt und erzählte von seiner Unterredung mit Kira.
Stella nahm die Sache in sich auf, ließ sie wirken und sah ihren Kater durchdringend an. „Wenn du Recht hast, sind wir alle in großer Gefahr. Ich muss mit Tarja und Chiron reden. Sie dürfen die Station auf keinen Fall mit Anthro verlassen.“
Cyron stimmte zu: „Außerdem waren dann möglicherweise alle Zwischenfälle von ihm inszeniert.“
Stella legte die Ohren an. „Wie meinst du das?“
„Die plötzlichen Reprogrammierungen der Kampfeinheiten und die Sache mit Ikarus. Vielleicht sind das alles gar keine Computergeschichten oder unglückliche Zufälle. Vielleicht zieht hier jemand Fäden und manipuliert mächtig herum. Und ich habe da Anthro im Verdacht.“
Stella schaute an die Decke und seufzte. „So eine verdammte Scheiße. Warum klappt immer alles nur scheinbar und kippt in letzter Sekunde?“
„Bleib ruhig Liebling. Wir müssen nur aufpassen. Er wird über kurz oder lang einen Fehler machen und dann wissen wir, woran wir sind.“
Sie nickte, war aber nicht überzeugt.
Cyron ging zu Tarja und tippte ihr auf die Schulter. „Du solltest mal zu deiner Mutter gehen, die hat Sehnsucht nach dir und mein Schwiegersohn sollte dich begleiten. Ich habe meine Abreibung hinter mir. Jetzt bist du dran.“
Tarja riss die Augen auf. „Was? Was habe ich denn gemacht?“
Cyron zuckte mit den Schultern. „Frag deine Mutter, dann wirst du es wissen.“
Tarja grummelte, schnappte sich Chiron und verließ mit ihm im Schlepptau den Raum. Cyron sah den beiden hinterher und schüttelte demonstrativ den Kopf.
„Was ist los?“, fragte Anthro.
„Ein kleiner Familienstreit. Auch das muss mal sein“, Cyron seufzte.
Das Wesen nickte und schien nichts zu bemerken.
‚So clever scheinst du wohl doch nicht zu sein’, dachte sich Cyron und zwinkerte Kira unauffällig zu. Sie studierte weitere Unterlagen, machte sich Zwischennotizen und versuchte die Systeme des Mechs zu verstehen.
Stella nahm sich die beiden Tiger zur Brust, machte ein riesiges Fass auf und schien richtig böse zu sein. Das war aber nur die Fassade, denn plötzlich fing sie an zu flüstern und erklärte worum es wirklich ging. Die beiden fühlten sich sehr unbehaglich, wussten aber das Stella eindeutig Recht hat.
Jetzt machte Tarja eine Szene und Chiron musste sich beherrschen, um nicht laut loszulachen. Tatsächlich glaubten alle Anderen, dass sich die beiden in der Wolle hätten. Beleidigt betrat Tarja den Computerraum und Chiron trottete mit gesenktem Haupt hinterher.
„Ich gehe, mir was zu essen holen“, sagte Kira.
Anthro starrte sie an und stand auf. „Eine gute Idee“, sagte er schnell und begleitete sie.
Cyrons Vermutung hatte sich damit bestätigt.
Als beide weg waren, ergriff er die Initiative. „Wir sollten uns die Unterlagen schnappen und in den Hangar gehen. Später die Computer holen und im Kontrollraum dort oben vernetzen. Hier unten sitzen wir in der Falle, wenn was schief geht.“
Kira unterhielt sich mit Anthro und fand das Gespräch sehr angenehm. Sie wollte gerade den Raum verlassen, als das Wesen plötzlich vor schnellte und sich vor die Tür stellte.
Kira schrak zurück. Hatten sich nunmehr alle Vermutungen von Cyron bestätigt?
Cyron war derweil in Erklärungsnot geraten. Sinja, Grey, Torus und die beiden Wölfe Wotan und Sirius löcherten ihn mit Fragen. Er wand sich wie ein Aal und seine Vermutungen schienen in sich zusammenzubrechen wie ein Kartenhaus, als plötzlich Pedro zu grollen begann. Sie drehten sich um und starrten ihn an.
Sein Blick war verklärt, glasig und er schien irgendwie abwesend zu sein.
Anthro ging vor Kira auf die Knie und nahm ihre linke Hand. „Du bist also die Computerkätzin“, stellte er fest.
Kira war verunsichert und wusste nicht was sie tun sollte.
„Wie konnte ein so zauberhaftes Geschöpf wie du, nur in diesen Kampf hineingezogen werden?“
„Nun, ich habe mich freiwillig gemeldet“, entgegnete sie.
Anthro schaute sie aus großen, klugen Augen an. Und da war noch etwas in seinem Blick, ein Funken Begehrlichkeit ihr gegenüber. „Du hast einen überragenden Intellekt. Wir beide wären zusammen unschlagbar, als Freund und Freundin.“
Kira stutzte. „Soll das jetzt ein Antrag sein?“, fragte sich barsch.
Anthro hielt es nicht länger aus, er stand auf, nahm sie in die Arme und küsste sie.
Kira wehrte sich und zerkratzte ihm den Rücken.
Er ließ von ihr ab. „Entschuldige bitte, die Einsamkeit hat mich taktlos werden lassen. Vielleicht bin ich unsozial geworden und egoistisch.“
Kira nickte, ließ ihn aber nicht aus den Augen. Sein Blick war traurig und gequält. Sie musterte ihn eingehend und gab ihren Gefühlen nach. Sie trat an ihn heran und küsste ihn ihrerseits.
Das verwirrte ihn jetzt. „Entschuldige bitte. War das jetzt gut oder schlecht für mich? Ich bin nicht besonders gut in Beziehungssachen. Ich bin zwar über sechshundert Jahre alt, aber ich hatte noch nie ein Weibchen oder Männchen.“
Kira nickte kurz und lächelte ihn an. „Das war gut, für dich und auch für mich. Ich bin viel zu lange über meinen Büchern vermodert und hatte keinen Sinn für die schönen Dinge im Leben.“
Er küsste ihre Hand und begann zu schnurren und zu schnauben. Ein Resultat seiner Mischerbigkeit, was Kira interessant und liebenswert fand. ‚Es wäre mein erster Partner und dann auch gleich etwas ganz besonderes. Aber langsam Mädchen, immer mit der Ruhe.’
Sie sahen sich beide an und fielen sich um den Hals.
Pedro grollte seit Minuten und wurde dabei immer merkwürdiger. Der Ton war nicht mehr warnend, wie am Anfang, sondern wohlig und genießerisch.
„Kira und Anthro sind doch im Nebenraum“, stellte Tarja fest, „Ich glaube wir sollten mal lieber schauen, ob da was nicht stimmt. Mich beschleicht ein ungutes Gefühl.“
Sie gingen zum Nebenzimmer und traten vor die Tür. Von Innen kamen seufzerartige Geräusche. Cyron war das nicht geheuer und er öffnete ohne Vorwarnung die Tür.
Alle glotzten wie versteinert, die Augen schienen aus den Höhlen zu quellen und die Kinnladen fielen mindestens zwei Ebenen tief.
Kira und Anthro stand da und knutschten wie die Wilden. Es sah - irgendwie – gewöhnungsbedürftig aus, denn immerhin war Anthro etwa 2,80 Meter groß und Kira einen guten Meter kleiner. Sie stellten sich aber sehr geschickt an dabei.
Cyron schob die anderen zurück und leise schloss sich die Tür. Als sie neben-an wieder eintrafen, seufzte er und es wurde Zeit eine Rückzugserklärung ab-zugeben. „Tja, also … wie wir alle sehen konnten … ist … war … hätte … man kann … sollte … würde … meiner Meinung nach …“
Genial! Es war perfekt gelaufen und die Erklärung hatten alle anwesenden verstanden. Alle, bis auf Tarja, Stella, Chiron, Torus, Sinja, Grey, Wotan und Sirius.
„Ich denke, du warst verunsichert und bist über das Ziel hinausgeschossen. Er war so merkwürdig, weil er hinter Kira her ist und einfach nur unbeholfen. Und das, was wir gespürt haben, ist keine Manipulation gewesen. Er strotzt nur so vor Testosteron und Pheromonen und wir haben die Auswirkung dessen gespürt und waren daher so durch den Wind“, schloss Stella die Redeversuche ihres Katers ab.
Die Anwesenden zuckten mit den Schultern als Kira und Anthro eintraten.
Cyron schaute die beiden an und legte den Kopf in die Hände.
„Ist dir nicht gut, Cyron?“, fragte Anthro besorgt.
„Nein, nein. Mir geht es blendend.“ Er rang sich ein lächeln ab.
„Kira, du musst uns was erklären. Als du und Anthro im Nebenraum ward, da fing Pedro plötzlich an zu grollen. Erst dachten wir er würde abdrehen, merk-ten dann aber, dass er sich fasst nicht mehr zurückhalten konnte. Wenn du verstehst was ich meine“, sagte Cyron.
„Ach herrje. An den habe ich, in diesem Moment gar nicht mehr gedacht“, sagte Kira kleinlaut.
„Das ist zwar nett gesagt, aber keine Begründung“, sagte Sinja und lächelte.
Kira spürte, dass was im Busche war. „Was habt ihr noch alles mitbekommen?“
„Nichts, nichts. Wirklich rein gar nichts“, sagte Grey schnell.
„Aha. Ihr habt uns beobachtet“, sagte Kira jetzt laut und entschlossen.
„Nein, haben wir nicht. Es begann tatsächlich damit, dass sich Pedro so seltsam verhielt und da wurden wir nervös und merkten, dass ihr beide schon länger weg ward und man nichts mehr von euch hörte“, erklärte Cyron und hob beschwichtigend die Hände.
„Na ja, ich denke, jetzt muss ich was erklären“, begann die Luchsin, „Pedro und ich sind Geschwister.“
Das hatte niemand erwartet und sah es den Gesichtern auch an.
„Wie das denn?“, fragte Tarja.
„Ich bin die Erstgeborene. Wenige Minuten später kam mein Bruder auf die Welt. Mein Vater ist Säbelzahntiger und meine Mutter eine Luchsin. Diese gravierende Abweichung zwischen uns beiden innerhalb eines Wurfs konnte sich niemand erklären und man nahm es als interessantes Unikat hin. Es störte auch niemanden. Nachdem was wir jetzt alles erlebt, gesehen und gelernt haben ist es möglich, dass sich innerhalb unserer Entwicklung das Intronenvirus mal wieder spontan verändert hatte und dann eben halt Pedro und meine Wenigkeit bei raus kamen.
Außerdem merkten wir sehr früh, dass wir beide miteinander verbunden sind. Unsere Geister sind quasi eins. Was dem Einen widerfährt, dass fühlt auch der Andere. Daher kann man an Pedro immer ersehen, wie es mir geht.“
Cyron pfiff und auch die anderen schienen beeindruckt zu sein.
„Dann brauchen wir uns eigentlich keine Sorgen zu machen, solange dein Bruder nicht gerade am Boden liegt und nur noch zuckt“, sagte Wotan.
Kira lächelte und nickte. „Allerdings wäre Sex sehr verräterisch. Dahingehend muss ich mir mit Pedro noch was einfallen lassen. Wäre doch peinlich, wenn er allein bei euch wäre und plötzlich einen orgiastischen Anfall bekäme.“ Die Luchsin zwinkerte schelmisch und Anthro bekam einen entsetzten Blick.
Cyron grinste breit und deutete ein Nicken an. „Okay, dann machen wir uns wieder an die Arbeit. Wir sollten zu sehen, dass wir den Mech in den Griff bekommen. Wir haben immerhin noch die Basis auf der Rückseite und wissen nicht was da alles herumrennt oder –fliegt.“
„Da dürfte eigentlich nicht mehr viel sein, außer der einen oder anderen Kampfeinheit. Aber die sind mit dem Mech schnell zerstört“, sagte Anthro.
Cyron sah das Mischwesen schief an. „Wir sollten dir, wenn du nichts dagegen hast, einen ordentlichen Namen geben. Chafren und Anthros sind wir alle und das verwirrt uns irgendwie.“
Anthro schaute den Tigerkater an und stimmte zu.
„Wir nennen dich … hm … hm …, ah, ich hab’s. Wir nennen dich Andrew. Damit dürftest du die wenigstens Probleme haben, da es sich so ähnlich anhört wie Anthro, aber wenigstens ein richtiger Name ist.“
Andrew fühlte sich geehrt.
„Damit gehörst du jetzt zu uns und bist ein Chafre.“
Andrew grinste breit, entblößte schneeweiße, gepflegte Zähne und seine Säbelzähne ragten wie Dolche in den Raum. Er war wirklich beeindruckend und wirkte, wenn er grinste unendlich empfindlich. Das empfand auch Kira so und fühlte sich in seiner Gegenwart wohl.
Cyron griff zu seinem Funkgerät. „Es wird Zeit Syrgon wieder zurückzuholen und ihm ein paar Takte zu erzählen. Kann ja nicht angehen, dass der Kerl einfach geht.“ - <„Cyron an Lager. Jemand zu hause?“>
<„Oh, das ist ja mal ein Ding. Cyron höchst persönlich am Sprechkasten.“>
<„Ja. Hier ist die Stimme des schlechten Gewissens von Syrgon.“>
<„Ach du heilige Katzengöttin.“>
<„Lass die Heiligsprechungen und schick mir den Rüden gefälligst her. Es wird Zeit, dass er seinen Hintern zum Mech wuchtet. Kira, Pedro und Andrew erwarten ihn dort.“>
<„Er ist schon auf dem Weg. Er geht, nein, er rennt zu euch. – Wer zum Teufel ist Andrew?“>
<„Gut so. Andrew ist jemand den man kennen muss. Station, Ende.“>
„Das war aber eine präzise Antwort, mein Lieber“, sagte Stella, „Außerdem schleimst du ganz schön herum, nachdem du ihm so misstraut hast.“
Cyron zuckte zusammen und spürte Andrews Blick auf sich ruhen.
Er schaute in seine Richtung, auf seinen Bauch, seine Brust, seine Schultern und landete schließlich beim Gesicht und den Augen.
Andrews Blick war, wie sollte man es ausdrücken, sichtlich erstaunt. Die Augen schienen nach einer Antwort zu drängen, seine Gesichtszüge verrieten, dass er entspannt war und seine Ohren zuckten nervös herum, als wäre er verärgert. Die Mimik des Wesens war wirklich extrem fassettenreich.
„Dir fallen gleich die Ohren ab, wenn du weiter so damit wackelst“, versuchte er abzulenken.
„Lenk nicht ab, Tiger. Du hast mir also nicht vertraut?“
„Nun ja. Ich will ehrlich sein, nachdem mich mein Weibchen reingeritten hat.“ Er warf Stella einen bösen Blick zu, aber die blies nur die Backen auf.
„Deine Geschichte klang so geradlinig und es lief alles irgendwie zu glatt. – Unsere Erfahrungen aus der Zeit vorher, hatten uns gezeigt, dass es immer dann zu einer fast Katastrophe kam, wenn es richtig gut lief. Das machte mich nervös. Und außerdem war da noch die Tatsache, dass du auf uns so eine animierende Wirkung hast. Als wir dich das erste Mal auf der Videoaufzeichnung sahen, war einer unserer ersten Gedanken, wie es wohl wäre eine Beziehung mit dir zu haben.
Und dann kam dein persönlicher Auftritt, er war zu zufällig und genau zum richtigen Zeitpunkt. Du bist aufgetaucht und in deiner Umgebung waren plötzlich alle verändert. Einige Rüden laufen fast aus und dass eine oder andere Weibchen verliert den Überblick und die fachliche Kompetenz.“
Andrew nickte. „Ich verstehe dich. Mir ginge es wahrscheinlich genauso und ich wäre skeptisch. Es liegt wahrscheinlich daran, dass ich männlich und weiblich zugleich bin. Die Männchen bringen meine starken Pheromone durcheinander und die Weibchen werden durch mein Testosteron irritiert. Du darfst nicht vergessen, dass ich über sechshundert Jahre alt bin und niemals eine Beziehung hatte. Da dürfte sich vielleicht einiges angesammelt haben.“
Cyron zuckte mit den Schultern und sah sich um.
Wotan und Sirius sahen sich beide an und man sah ihren Augen an, was sie dachten. Na ja, bei den beiden sah man es nicht nur anhand der Augen.
Kira spielte nervös an ihren Fingern und der Rest schaute Andrew einfach nur an.
„Hab ich was verpasst, bin ich zu spät?“, fragte plötzlich jemand, der definitiv außer Atem war.
Syrgon war eingetroffen.
„Macht mal etwas Platz und lasst ihn vortreten“, intonierte Cyron feierlich.
Die Chafren bildeten eine Gasse. Auf der einen Seite stand Syrgon und auf der anderen Seite Cyron. Sie gingen beide durch die Gasse hindurch. Langsam, aber wirklich ganz langsam näherten sie sich. Sie hatten die Hände an den Oberschenkeln, genau dort wo die Laserwaffen hingen. Die Szene sah aus wie in einem alten Western.
„Fehlt nur noch, dass jetzt einer von beiden zieh sagt“, flüsterte Andrew an Kira gewandt.
Die verstand nicht und schaute ihn fragend an.
„Oh, ich vergaß. Ich habe früher alte Filme von der Erde gesehen. Die müssten noch in der Station liegen. Wenn du möchtest, dann können wir ja mal den einen oder anderen anschauen.“
Kira war begeistert und das sah man ihr an.
Die beiden Laserhelden standen sich gegenüber.
„Schön das du wieder da bist, Syrgon“, sagte Cyron.
„Ich bin immer wieder gerne hier, Cyron“, entgegnete der.
„Ich hatte eigentlich gesagt, dass auch du hier bleiben sollst und nicht ins Lager gehst, aber das hat dich ja scheinbar nicht davon abgehalten es trotzdem zu tun.“
„Mir kam die Station zu klein vor und ich mich eingesperrt.“
Cyron nickte: „Du hast Recht, hier ist es traurig eintönig.“
Irgendwie hatten alle erwartet, dass sich die beiden gleich anspringen würden und es ein wüstes Handgemenge gäbe, aber genau das Gegenteil passierte.
„Schade“, sagte Stella, „Es ist schon eine Ewigkeit her, dass ich sehen durfte wie du dich geprügelt hast.“
Cyron drehte sich zu ihr um und rollte mit den Augen.
„Vater hat sich geprügelt?“, fragte Tarja erstaunt.
„Ja und wie.“
„Oh, das finde ich toll.“
„Ich nicht“, mischte sich Cyron ein. Er sah seine Autorität in Gefahr und wollte wenigstens noch etwas davon retten.
„Worum ging es denn dabei?“, fragte Tarja weiter.
„Es ging um mich.“ Stella war sichtlich Stolz auf ihren Ehekater.
„Huch. Wie das denn?“
„Mir kam ein anderer Kater in die Quere. Der wollte mir deine Mutter ausspannen und da habe ich ihm eine verpasst. Er hatte den Schlag gut ausgehalten und schlug zurück. Na ja, innerhalb von wenigen Sekunden hatte sich eine wüste Prügelei entwickelt und der andere Kater zog den Schwanz ein. Deine Mutter war damals hin und weg.“
„Und ich bin auch heute noch Stolz auf dich. Du merkst es nur nicht so richtig.“
„Wir sind halt ein eingespieltes Team, da weiß man um den Anderen und verlässt sich auf ihn.“ Cyron lächelte Stella an.
„Wer war der Andere?“, fragte Chiron.
„Du kennst ihn, mehr sage ich nicht“, erwiderte Cyron.
„Es war Pathenon“, antwortete Stella, anstelle ihres Katers.
„Pathenon? Unser Freund Pathenon? Der Pathenon, hinter dem Shiva hinterher ist?“, Tarja konnte es nicht glauben.
„Wer ist Pathenon und wer ist Shiva?“, fragte Sinja.
„Pathenon ist einer der Tigerkater im Lager, er war anfangs die ganze Zeit bei uns und Shiva ist ein Jaguarweibchen und hinter Pathenon her, wie der Teufel hinter der Seele“, erklärte Cyron.
Sinja ging ein Licht auf. „Ach die beiden sind das. Sie war ihm doch so süß in die Arme gesprungen.“
Cyron nickte eifrig. „Genau die beiden sind das.“
„Syrgon, da du nun schon da bist. Gehe mit Tarja, Chiron, Kira und Andrew in das hinter der Station liegende Nebengebäude. Dort warten ein paar nette Überraschungen auf dich.“
„Na los Leute, lasst euch doch nicht betteln und vergesst nicht den Hund mitzunehmen.“
„Ich bin kein Hund. Ich bin ein Wolf und wenn es sein muss sogar groß und böse.“
Cyron lächelte gütig. „Wenn du meinst.“
„Was ist denn nun los?“, fragte Andrew, „Wir sollten uns doch um den Mech kümmern.“
„Ja, ich habe den Plan geändert. Bevor sich am Ende wieder alles überschlägt, drehen wir die Sache einfach um. Kümmert euch erst mal um die Gleiter, damit Tarja und Chiron nach Strongham kommen. Wenn die beiden den Umgang gelernt haben, dann könnt ihr euch immer noch mit dem Mech beschäftigen.“