Tage im Juni - LEHRMEISTER (1) - Ger

Story by Kranich im Exil on SoFurry

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#11 of Tage im Juni

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TAGE IM JUNI

Lehrmeister

- 1 -

Ohne Musik war die Stadt unerträglich.

Auf den Gehwegen drängten sich Anthros aller Größen und Farben. Sie verschmolzen zu einer fleckigen, lärmenden Masse, die pausenlos Fragmente von Telefongeplapper, Markttratsch, Kindergackern und Liebesgezänk ausspuckte.

Das geschwätzige Trommelfeuer war kaum zu ertragen. Wer nicht seiner Begleitung ins Ohr brüllte, brüllte in sein Handy oder darüber, dass er keinen Empfang hatte.

Für Niklas waren seine Kopfhörer die einzige Möglichkeit, den Lärm der Stadt auszublenden. Sie begleiteten ihn immer und überall hin. Sie hatten Stöße und Stürze überstanden, waren zerkratzt, gebrochen und geklebt. Sie hatten ihm in jeder wachen Stunde die Treue gehalten und ihn in den Schlaf gesungen.

Nun hatten sie ihr feuchtes Grab gefunden und spielten nur noch Totenstille. Alles nur wegen dieses blöden Streits. Er wusste nicht, wie er die Tage ohne sie überstehen sollte.

Namenlose Gesichter flogen an ihm vorbei, wie das Flimmern eines Fernsehers, der hastig durch unbekannte Kanäle sprang. Sie schienen stets genau in die Richtung zu müssen, aus der er kam.

Er sprang von links nach rechts und zurück, passte eine Lücke zwischen einem Pferdpärchen in inniger Umarmung ab und zwängte sich zwischen den O-Beinen eines Stieres hindurch. Es war wie ein absurdes Videospiel, das unentwegt neue bewegliche Hindernisse kreierte und sie in seine Richtung warf. Gut, dass er klein war. Und leicht zu übersehen.

Nur eine Rehdame hatte ihn angeglotzt, sich augenscheinlich über die nassen Klamotten wundernd. Trotz der Junihitze und dem gnadenlosen Brennen der Nachmittagssonne waren sie noch immer nicht getrocknet. Das ist das Problem, wenn dein Fell bis auf die Haut durchnässt ist. Wasser sickert und tropft von einer Schicht in die nächste und Haare und Klamotten vereinen sich zu einer schweren, klebrigen Masse.

Niklas konnte die vielen Körper, Köpfe und Augen kaum ertragen. All die schlagenden Herzen um ihn herum versetzten sein eigenes in Raserei.

Zu viele Anthros. Zu viele Stimmen. Zu viel von allem. Er wünschte sich den späten Abend oder frühen Morgen herbei, wenn die Straßen freit und ruhig sind. Wenn er den Staub zwischen den Häusern tanzen sehen kann und der Wind ihm flüstert, wie das Wetter sein wird. Er sehnte sich nach seinem stillen, dunklen Zimmer. Danach, die nassen Klamotten loszuwerden, auf dem Boden zu liegen und an die Decke zu starren. Die Augen zu schließen und das Chaos des Tages in seinem Kopf zu ertränken.

Er bog um eine Ecke, kletterte über einen Zaun und nahm eine Abkürzung durch einen Innenhof. Niemand bemerkte ihn. Nur ein Scheibenputzer erhaschte einen kurzen Blick auf ihn, bevor er im nächsten Schatten verschwand.

Die alten Bahnschienen trennten den Geschäftsbezirk der Stadt vom Arbeiterviertel. Bürogebäude, Geschäfte und Parks wurden abgelöst von schmalen Backsteingassen, Mehrfamilienhäusern und Wildgärten.

Die Farbe der Umgebung änderte sich in ein schmutziges Graubraun. Auf den Straßen sammelten sich Schlaglöcher und Herden von Unrat, der sich am Rinnstein zusammenkauerte. Zwischen die Häuser gezwängt fand man manchmal einen kleinen Spielplatz, der viele Jahre schon keine Kinder mehr gesehen hatte. Des Nachts erspähte man dort gelegentlich Schwärme roter Pünktchen im Zigarettenqualm.

An den Häuserwänden hatten Ruß, Rost und Moder ihre Muster hinterlassen, wie das Aquarellgemälde eines melancholischen Künstlers. Collagenartig tapezierte Graffiti jede noch freie Stelle. Es erzeugte ein kryptisches Gewirr aus Formen und Farben, die wohl nur die im Revier heimische Gang entziffern konnten.

Die Gegend war ein Durcheinander. Verwahrlost, vergessen, hässlich. Niklas liebte sie.

Um diese Tageszeit waren die Straßen wie ausgestorben, Türen versperrt, Fenster verriegelt. Es schien fast so, als wäre an diesem Ort alles umgekehrt. Geschäftiges Treiben fand in dunklen Stunden statt, während der Tag hinwegträumt wurde. Wo in den Vororten eifrig Straßen gekehrt und Gärten gepflegt wurden, zierte hier die Patina von Zeit und Gleichgültigkeit die Häuser und die Natur ließ tote Gärten sprießen.

Die Waschbärensippschaft hatte ihr Nest im alten Appartementgebäude am Ende der Straße gebaut, an der Kreuzung zwischen Kirche und Park. Das längliche Haus wurde von grobem, grauem Stein eingekleidet, schwarzen Ziegeln und wulstigen Fensterbögen, die einst ein Blättermuster trugen. Heute waren die meisten Details jedoch heraus gebrochen und ließen die ehemalige monumentale Atmosphäre nur noch erahnen. Einige Erker wurden von kleinen, kopflosen Statuen bewacht, die sich über die Jahre dunkel verfärbt hatten und heute nur noch als Montageflächen für LTE-Antennen dienten.

Niklas zwängte sich durch das Hoftor, da er keinen Schlüssel hatte -- und da die Haustür ohnehin niemand nutzte. Er war sich nicht einmal sicher, ob sie nicht vernagelt war, so wie alle Fenster des Erdgeschosses.

Der Hof hinter dem Gebäude zeigte ein der Gegend entsprechendes verwahrlostes Bild. Das Gras wurde wahrscheinlich vor zehn Jahren das letzte Mal geschnitten. Stattdessen hatten sich Pfade gebildet, die kreuz und quer zwischen Tor, Hintertür und dem Schuppen verliefen, der kaum mehr war als ein paar Pfeiler mit Dach darüber. Im sich wiegenden Gras fand man gelegentlich eine Insel aus Autoreifen oder eine Mülltonne wie eine verirrte Boje.

Die Hintertür war auch verschlossen. Anscheinend waren alle ausgeflogen. Das war Niklas recht.

Plan C waren die Kellerfenster. Wenn er sich richtig erinnerte, hatte das hinter dem Wassertank kein Gitter. Es war winzig, aber genau richtig für einen kleinen Waschbären.

Aber statt in den dunklen Keller starrte Niklas gegen eine Metallplatte, die die ffnung blockierte. Die war gestern noch nicht dort gewesen.

Grimmig ließ er seine Hände über sie fahren, kratzte mit den Fingern an den Rändern, konnte sie aber nicht bewegen. Er drückte dagegen. Trat dagegen. Aber sie bewegte sich nicht.

Er hockte vor dem Fenster und konnte spüren, wie seine Hände wieder begannen vor Wut zu zittern. Frustriert boxte er gegen die Platte. Er war nass. Er war genervt. Sein Gesicht tat weh. Seine Kopfhörer waren kaputt. Ein Tiger hätte ihn fast zerquetscht. Der Gedanke daran ließ sein Herz rasen. Er spürte, wie sich sein Magen zusammenzog und ihm schlecht wurde. Fast hätte er dem Tiger vor Panik ins Gesicht gekotzt. Er spürte die Pranke um seinen Hals. Seine Kehle war trocken. Seine Augen brannten.

Er schlug gegen die Platte bis seine Hand auch wehtat.

Scheiße. Scheiße. Scheiße. Scheiße. Scheiße! Er war ein Feigling! Ein Schwächling! Eine weinerliche Memme! Er presste die Hände vor das Gesicht. Hör auf zu flennen, du Stück Scheiße! Hör auf zu flennen!

Er schluckte. So lange, bis Zorn und Tränen in seinem Bauch verschwunden waren. Wenn er hier sitzen blieb, würden ihn früher oder später die Nachbarn anglotzen und sich wer-weiß-was denken.

Er zog das Tor zum Schuppen auf und bahnte sich einen Weg vorbei an rostigen Autoteilen, zerlegten Schränken und leeren Fässern.

An der Rückwand stand eine alte Couch. Sie war so grau und sandig wie der Hof -- oder das was zum Vorschein käme, wenn das Gras endlich mal geschnitten werden würde. Aus einigen Löchern wuchsen Grasbüschel und Löwenzahn. Er warf den Rucksack darauf und hängte seine nassen Klamotten über einen Balken.

Er ließ sich auf die Couch fallen, worauf sich eine Staubwolke im Schuppen ausbreitete. Er legte den Kopf nach hinten und starrte gegen das Wellblechdach. Er lauschte den Grillen und dem Wind in den Gräsern.

Er hörte ein vertrautes Geräusch neben sich und zog die Plastikdose aus dem Rucksack hervor. Er beobachtete die Maus darin. Beinahe wäre sie im Fluss auf Weltreise gegangen. Es hatte lange gedauert, sie zu bekommen und nun schien es fast so, als versuchte die Welt sie ihm wieder wegzunehmen. Aber sie gehörte jetzt ihm. Er hatte sie gefangen und er würde sich um sie kümmern.

Der Tag hätte ein guter werden sollen. Nur er und sein Zimmer und die Maus. Er hoffte, das ganze Durcheinander war nicht zu viel für sie gewesen. Er blickte in ihre kleinen schwarzen Augen und lauschte ihrem Herzschlag.

Ob es stimmt, dass Mäuse schwache Herzen haben?

Aus dem Augenwinkel sah er den Bildschirm seines Smartphones aufleuchten. Er war sich nicht sicher gewesen, ob es noch funktionierte. Er setzte die Dose zurück auf die Couch und zog es zu sich. Er inspizierte einige neue Nachrichten.

_»ich hoffe du bist glücklich das chucks im krankenhaus ist«

»du bist dreck du psycho«

»wenn ich dich finde schlag ich dich zusammen bis du blind bist«_

Das waren jetzt 40, nein 50 Replies. Seit heute Morgen wurde seine Inbox mit Gemeinheiten und Drohungen geflutet und das nur, weil er einen Kommentar als Entschuldigung auf Chucks' Profil hinterlassen hatte.

Gestern noch war er ein Niemand gewesen. Keiner sprach mit ihm. Keiner sendete ihm eine Nachricht. Jetzt bekam er sie im Minutentakt. Er wurde immer schon von ihnen gehasst. Nun hatten sie einen Grund dafür -- hatten einen Grund, ihn zu verprügeln. Und sie würden es tun, bis Blut spritzte. Wie bei Chucks. Sie scherten sich weder um den Waschbären noch um den kleinen Tiger. Hatten es nie getan. Aber was Chucks passiert ist, das war interessant für sie. Es war ein guter Grund zu hassen und sich daran aufzureiben.

Das heute war nur ein Vorgeschmack. Chuma würde wieder kommen. Niklas hatte es gerochen. Aus der Nähe roch Chuma genauso wie Chucks.

Chucks ist sein kleiner Bruder, nicht wahr? Niklas atmete angespannt ein. Seine Nasenspitze zuckte nervös. Chuma wird mich umbringen. Er bringt mich um. Arik bringt mich um. Chuma kennt jetzt Ariks Namen.

Niklas hatte seine feige Schnauze nicht halten können. Das passiert, wenn man sich mit anderen einlässt. Es endet immer in Schreien und Schlägen. Die einzige sichere Lösung ist das alles zu ignorieren. Nichts zu tun, nichts zu sagen, sich tot zu stellen und zu hoffen, dass sie einen übersehen.

Die Luft im Schuppen war drückend und stickig. Es war wie im Ofen. Selbst die Stille um Niklas war unerträglich. Er brauchte Musik. Er musste seine Ohren ablenken. Und seinen Kopf. Seine Gedanken.

Fang nicht wieder an zu flennen, du Stück Dreck!

Immer wieder fiel sein Blick auf das Handy. Es war wie ein Impuls, sich selbst zu foltern.

Neben den ganzen Replies hatte er das andere Symbol auf dem Bildschirm übersehen.

Eine neue Nachricht. Von Jannik.

Er kräuselte die Nase und schnaufte missmutig, las sie dann aber doch.

»Hey, ich hoffe, morgen geht es dir besser. Es tut mir leid, was passiert ist. Diese Typen waren totale Mistkerle. Nur weil sie groß sind und Muskeln haben, glauben sie andere fertig machen zu können. Es hat Spaß gemacht, mit dir zu reden. Du scheinst ein netter Typ zu sein. Vielleicht können wir uns morgen wieder treffen?«

Niklas legte den Kopf in den Nacken und starrte wieder ins Nichts.Warum tut es dir denn leid?, fragte er sich, Und warum glaubst du, dass ich ein »netter Typ« bin? Ich bin kein netter Typ.

Er verspürte keine Lust, Jannik zu antworten.

Der Luchs hatte ihm eine Freundschaftsanfrage geschickt. Was war bloß los mit ihm? Was wollte Jannik von Niklas?

Niemand mochte den Waschbären. Niemand nannte ihn_»nett«._ Niemand hatte »Spaß« mit ihm. Er war bloß Dreck. Saß am liebsten im Staub hinter Mülltonnen. Genauso, wie es sich für einen richtigen Waschbären gehörte.

Jannik musste versuchen ihn zu verarschen. Er war ein Sonderling, wie alle anderen auch. Ein Luchs. Ein feiger. Und schüchtern und vorsichtig. Höflich. Nett. Er war der Erste, der ihm wünschte, dass es Niklas besser geht. Er roch nicht wie die anderen Schläger.

Niklas fuhr sich durch das Fell und rieb es auf. Er war so verwirrt. Es musste ein Trick sein. Jannik musste versuchen ihn auszunutzen. Ein Spiel zu spielen. Aber warum?

Sein Hirn fühlte sich an, als würde es gleich durchbrennen. Er starrte auf den Bildschirm.

»Freundschaft akzeptieren?«

Seine Hand zitterte. Sein Mund war trocken. In seinem Kopf drehte sich alles.

Warum?, fragte er sich, Warum ich? Was habe ich getan?

Er atmete tief ein. Und tippte.

»Freundschaftsanfrage abgelehnt.«

Dann schnaufte er, warf das Handy neben sich und wischte sich über das Gesicht.

Hör auf zu flennen! Hör endlich auf zu flennen!

Er fuhr zusammen und sein Herz sprang fast aus seiner Brust, als er einen Schatten im Hof sah. Ein nachtschwarzer Irgendwer.

In weniger als einer Sekunde wusste er, dass dies keiner seiner Cousins war. Das war ein Fremder. Die Art, wie er sich bewegte, wie er mit langem Hals um das Haus schlich und schnüffelte -- Dieser jemand gehörte hier nicht hin.

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