Kapitel 42
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Kapitel 42
Flucht
Shana wandte sich an die Gruppe der Furries. „Ihr geht wieder auf die Anthrocon. Verhaltet euch unauffällig, tut so, als wäre nichts passiert und hättet ihr nichts gesehen.“
Sie zogen nach und nach ab. Einige von ihnen warfen noch rasch einen Blick auf die Chafren und winkten freundlich zum Abschied.
„So“, wandte sich Shana an den verbliebenen Rest, „wir machen uns jetzt auch auf den Weg. Ich werde versuchen, euch unauffällig in mein Haus zu bringen und dort zu verstecken. Man darf euch auf gar keinen Fall entdecken, denn das wäre unser aller Untergang.“
Andrew nickte.
Syrgon steuerte den Mech wieder in die Frachtfähre, die anderen stiegen ebenfalls ein und so flogen sie über die Dächer der Häuser hinweg, zur anderen Seite der Stadt. Dort hatte Shana ihr Haus. Jody setzte die Fähre weich hinter der Rückseite auf.
Sie stieg aus und sondierte die Umgebung. „Niemand zu sehen.“
Geduckt betraten sie das Gebäude über den Hintereingang und sammelten sich im Erdgeschoss.
„Und nun?“, fragte Sinja.
„Ihr bleibt hier und ruht euch aus. Ihr dürft gerne die Dusche nutzen und auch alles andere steht zu eurer Verfügung. Ich fahre ins Institut. Man hat mich über interessante Neuigkeiten informiert, die ich überprüfen will.“
Cyron nickte und lächelte dankbar. Als Shana das Haus verlassen hatte, drehte er sich zu Apophis um. „So und du bist uns jetzt eine Erklärung schuldig. Was hatte dein Auftritt da draußen zu bedeuten? Dein Blutrausch war in meinen Augen vollkommen sinnlos.“
Der junge Kater sah seinen Großvater unbeeindruckt in die Augen. „Ihr ward auf dem Weg in euren Tod. Fletcher hatte ursprünglich den Auftrag uns der hiesigen Wissenschaft auszuliefern. Daher waren auch so viele Soldaten erschienen und ein Komitee aus verschiedenen Entscheidungsträgern. Zunächst solltet ihr zu einem Haus gebracht werden, dass sich Konzilsgebäude nennt.
Aber plötzlich wurde der Plan geändert und Fletcher hatte wiederholt die Sei-ten gewechselt. Nicht das er irgendwann auch nur einmal auf der richtigen Seite gestanden hätte. Nein, weit gefehlt. Aber er bekam einen neuen Auftrag und der lautete, Exitus. Alle Anthros vernichten. Daher tauchten am alten E-Werk auch nur Soldaten auf. Die waren das Kommando für unseren Abgesang.“
„Das ist also des Rätsels Lösung“, sagte Grey.
„Man will aus unseren Genen neue Waffen herstellen und sie gegen die Cherit einsetzen“, ergänzte Apophis nachdrücklich.
Cyron pfiff leise.
„Egal was ihr jetzt macht. Ich gehe duschen“, sagte Jody und verließ den Raum.
Die Chafren waren unter sich.
„Können wir ihr vertrauen?“, fragte Grey an Apophis gewandt.
„Ja, ich glaube schon. Sie hat uns geholfen, euch zu finden und zu retten. Ich denke nicht, dass sie uns täuschen will. Außerdem gehört sie einer Gruppe an, die sich Furries nennt. Diese Menschen treffen sich in regelmäßigen Abständen und frönen einer Art Anthrokult. Sie betrachten uns als göttliche Schöpfung und freuen sich über unsere Existenz. Wir sind eine Art Bestätigung für sie und ihre Wünsche, Träume und Sehnsüchte.“
Grey nickte.
„Okay, dann scheinen wir mindestens zwei direkte Vertraute unter den Menschen zu haben“, sagte Stella und schien etwas beruhigter zu sein.
Zumindest kam sie sich nicht mehr so hilflos vor, wie bei ihrer Landung auf der Erde.
„Übrigens, das Puzzle vervollständigt sich langsam. Durch Jody habe ich erfahren, dass man uns für Cherit hält und möchte nicht nur das alte Forschungsprojekt wieder aufleben lassen. So und ich muss jetzt mal für kleine Säbelzahntiger“, sagte Apophis und verschwand.
„Ich habe es die ganze Zeit über geahnt“, grollte Andrew. „Was soll man von diesen Kreaturen halten? Die schließen Friedensverträge und halten sich nicht dran. Die pfuschen in unseren Genen herum und versuchen sich aus der Affäre zu ziehen. Zufälligerweise tauchen wir auf und man greift sofort die alten Vorhaben wieder auf.“
Cyron nickte bestätigend.
Apophis durchstreifte derweil das Haus und erreichte die gewünschte Lokalität. Er trat ins Badezimmer und verschaffte sich die ersehnte Erleichterung.
Plötzlich trat Jody hinter ihn und begann seinen Rücken zu streicheln.
Apophis fuhr erschrocken herum. Die Frau betrachtete den Tiger eingehend und sog jedes Detail seiner Anatomie in sich auf. Ihr Blick glitt über sein Gesicht, die muskulöse Brust, seinen Körper und landete auf der Höhe der Gürtellinie. Dort ließ sie ihren Blick verharren und betrachtete die Region abschätzend. Plötzlich ging sie in die Offensive. Sie warf sich an seine Brust, kuschelte sich an ihn und griff beherzt zu. Apophis wollte zurückschrecken, aber die Frau war schneller. Mit wenigen geschickten Griffen hatte sie den Kater da, wo sie ihn haben wollte. Langsam, aber stetig rührte sich da was.
Jody ließ erschrocken los und wich drei Schritte zurück. Sie hatte mit vielem gerechnet, aber das was sie erst spürte und jetzt sah, überforderte sie. Sie kniff die Augen zusammen und blinzelte vorsichtig.
Tatsächlich, sie hatte sich nicht getäuscht. „Oh, mein Gott. Ich glaube, ich habe gerade einen kleinen Fehler gemacht.“
Apophis sah an sich herunter, zuckte mit den Schultern und ließ alles wieder in der Dunkelheit seines Körpers verschwinden.
Jody pfiff bewundernd auf. „Es tut mir Leid. Ich hatte mir in diesem Augenblick nichts sehnlicher gewünscht als dich zu spüren, aber an den Anblick muss ich mich erst gewöhnen. Es war nicht ganz das, was ich erwartet hatte.“
Apophis nickte und lächelte gütig.
Thorn kicherte und schüttelte den Kopf.
„Was ist mir dir?“, fragte der Kater verwundert.
„Nichts, nichts. Ist schon alles in Ordnung. Ich musste gerade nur an Warl denken. Der hatte in einem Gespräch, kurz nach eurer Ankunft, eine Andeutung gemacht, die genau diese Szene zum Inhalt hatte. Er war der Meinung, dass es kein Zurück mehr gäbe, wenn ich dich animieren würde. Du hast seine Theorie gerade begraben. Schade, dass er das nicht mehr erleben konnte.“
Apophis sah ihr tief und die Augen und sein Blick schien unendlich traurig zu sein. „Ihr haltet uns wirklich für Tiere und unterstellt uns unkontrollierte Triebhaftigkeit.“
„Es tut mir Leid.“
„Hmhm. Ihr Menschen entschuldigt euch scheinbar sehr oft. Zumindest habe ich den Eindruck, dass es so ist.“
„Wie kommst du darauf?“
„Die Worte kommen euch sehr leicht von den Lippen und scheinen euch keinerlei weitere Gedanken wert zu sein.“
Thorn blickte zu Boden und dachte über seine Worte nach. „Vielleicht hast du recht und wir sind wirklich sehr oberflächlich geworden im Laufe der Zeit.“
„Den Eindruck habe ich in der Tat.“
Sie biss sich auf die Unterlippe und schien betroffen, ging auf Apophis zu, blickte zu ihm auf, streckte sich und küsste ihn auf die Nase. „Du bist wirklich süß.“ Sie verließ das Badezimmer und ging zu den anderen Chafren.
Wenig später folgte er ihr und gesellte sich dazu.
Cyron sah erst zu Jody, dann zu Apophis. Als sich ihre Blicke begegneten, deutete er kurz auf die Frau. Apophis zuckte fragend mit den Schultern und Cyron schloss kurz die Augen und lächelte.
Der Tiger ging zu seinem Enkel. „Na, wie sieht’s aus?“
„Gut, gut.“
„Läuft da was?“
„Hmmm … nicht direkt. Sie wollte erst, hat es sich aber dann anders überlegt. Ich habe sie, sagen wir mal, etwas überrascht.“ Apophis grinste zweideutig und hob eine Augenbraue hoch.
„Ach so? Menschen kann man überraschen? Hätte ich nicht gedacht. Bisher haben sie nur uns überrascht.“ Cyron kicherte leise.
Jody Thorn war am grübeln.
Sie fand diesen Tiger einfach zu niedlich und er war traumhaft kuschelig. Seit Jahren träumte sie davon, einen Anthro als Begleiter zu haben und mit diesem Wunschdenken war sie nicht allein. Viele Furries wollten das. Aber ihr eigener Traum schien in Erfüllung zu gehen, in Gestalt von Apophis. Tief in ihrem Innersten begehrte sie den Kater und wollte nicht nur eine Nacht mit ihm verbringen, wollte viel mehr.
Aber was war geschehen? Er stand vor ihr, sie machte ihn an und er reagierte gemäß ihrem Wunsch. Doch dann verblüffte er sie mit Etwas, das ihr den Atem verschlug. Sie bekam es mit der Angst zu tun und kniff. Warl hatte sie vor genau diesem Moment gewarnt, aber es geschah genau das Gegenteil von dem was er prophezeit hatte, nämlich überhaupt nichts.
Dieser Anthro und wahrscheinlich auch die anderen waren wirklich ehrlich und zurückhaltend. Sie waren so anders als die ihr bekannten Menschen und das faszinierte sie noch mehr. Wenn sie Apophis das nächste Mal gegenüber-stehen sollte, würde sie nicht weglaufen, sondern sich ihrem Wunsch stellen und beiden Freude bereiten.
Nach mehreren Stunden kehrte Shana zurück. Sie betrat ihr Haus und trat zu den Chafren hinzu. Die hatten derweil Essen zubereitet und verschlangen gierig ihr Fleisch. Sie nahm einen Teller, packte sich einen ordentlichen Batzen drauf, nahm sich noch etwas Kartoffelsalat und setzte sich.
„Hallo, Shana“, sagte Apophis.
„Hallo zurück.“ Sie lächelte in die Runde.
„Und?“
„Was und?“
„Gibt es Neuigkeiten?“
„Ja. Man hat unsere Spur zunächst verloren. Es sind zu viele Finger- und Fußabdrücke in dem Gebiet verstreut um die Geschehnisse wasserdicht zu rekonstruieren. Zunächst hatte man Jody im Verdacht, verwarf es aber, weil man die Leiche von Fletcher fand. Außerdem sind die Reste von Warl und Flint in der Mondbasis gefunden worden.
Man nimmt an, dass sie entführt wurde und ebenso die Anthros in der Gewalt der Entführer sind. Unsere Furry-Freunde haben ganze Arbeit geleistet und es sich nicht nehmen lassen saubere falsche Spuren zu legen. Zusätzlich hat man noch die Funksprüche von Fletcher eingesammelt und weiß, dass es jemanden gibt, der euch schnellstmöglich loswerden will. Daher auch die Idee mit der Entführung. Zusätzlich habe ich noch ein paar Gerüchte gestreut und die Ablenkung war perfekt.“
Das waren gute Nachrichten.
„Da ist allerdings noch was anderes. Euer Schiff wurde auf der Mondbasis unter Überwachung gestellt. Somit kommt da keiner mehr ran.“
Apophis seufzte und starrte aus dem Fenster. „Wir sind also gestrandet, wie es aussieht.“
Shana wurde verlegen und seufzte: „Da ist aber noch ganz was anderes.“
„Na, erzähl schon“, munterte Diana sie auf.
„Tja, also, es ziehen scheinbar zwei Gruppen die Fäden. Die eine Gruppe will euch haben, um aus euch Waffen erzeugen zu können und die andere Gruppe hat einfach nur eine scheiß Angst um ihre Macht und will euch sofort tot sehen. Und zu allem Überfluss muss ich eine Weltreise antreten und euch verlassen.“
„Was? Warum das denn?“, fragte Jody enttäuscht, denn ihre beste Freundin konnte sich doch nicht gerade jetzt davonstehlen.
„Ich muss einige Funde überprüfen, die an verschiedenen Ausgrabungsstätten zum Vorschein gekommen sind.“
„Ach was und das ist so dringend?“, fragte Jody weiter.
„Ja. Wie es aussieht, ist da einige Unruhe in unsere archäologischen Ausgrabungen gekommen. Jedenfalls haben einige Funde zwei Bekannten eine Heidenangst eingejagt.“
„Können wir dich begleiten?“, fragte Tarja unverblümt.
Shana überlegte und kaute auf ihren Lippen. „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee wäre. Ihr solltet besser hier bleiben oder noch besser zurück auf euren Heimatplaneten fliegen, egal wie, ihr müsst einen Weg finden. Ihr seid auf der Erde eher Freiwild und zum Abschuss freigegeben.“
Andrew und Chiron grollten gleichzeitig und zeigten damit ihren Unmut über Shanas Äußerung.
„Ich gebe nur meine persönliche Einschätzung der momentanen Situation wieder“, beschwichtigte sie schnell und hielt die Hände nach oben.
Die Geste verfehlte nicht ihre Wirkung und Chiron setzte sich wieder hin, während Andrew finster dreinblickend zur Decke starrte.