Kapitel 43
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Kapitel 43
Walter Skort
Vor der Haustür hörte man unvermittelt Schritte und jemand klopfte an.
„Bleibt hier und rührt euch nicht vom Fleck“, flüsterte Shana.
Sie ging zur Tür und öffnete sie.
Man hörte eine männliche Stimme: „Hallo, Dr. Grant.”
„Oh. Hallo Walter. Was verschafft mir die Ehre deines Besuchs um diese Zeit?“
„Ähm … darf ich reinkommen? An der Tür sollten wir besser nicht darüber sprechen. Hier gibt es zu viele Ohren.“ Den letzten Satz flüsterte er eher verschwörerisch.
Sie beugte sich nach draußen, sah sich auf der Straße um.
Es war niemand weiter zu sehen.
„Okay, komm rein.“
Walter Skort war etwas über Sechzig und Professor der Ägyptologie. Er war ein glühender Verehrer der alten ägyptischen Götterwelt und fand die entsprechenden Mythen und Legenden mehr als nur aufregend.
„Okay. Was gibt es so Wichtiges, dass es um diese Uhrzeit und so dringend besprochen werden muss?“
„Wollen wir uns nicht lieber setzen?“ Der Professor gab sich geheimnisvoll und schwenkte eine Fotomappe.
Shana war in der Zwickmühle. Einerseits konnte sie den Professor nicht auf die Straße setzen, andererseits durfte er auch nicht ins Wohnzimmer, weil dort eine ziemliche Überraschung warten würde. Außerdem war es viel zu gefährlich für alle.
„Shana. Was ist mit ihnen? Sie benehmen sich so merkwürdig.“ Skort hatte etwas Väterliches an sich, gegen das sie einfach machtlos war.
Sie wusste nicht mehr weiter.
Da kam die Rettung in Gestalt Andrews.
Die Chafren hatten das Gespräch verfolgt und waren zu dem Entschluss gekommen, dass sie den Professor einweihen sollten.
„Kommen sie doch herein“, sagte der Säbelzahnlöwe betont freundlich und lächelte gewinnend.
Skort bekam leuchtende Augen. „Habe ich es mir doch gedacht. Sie sind eine kleine Füchsin und haben mich nicht enttäuscht“, frohlockte der Professor.
Er nahm sich ein Herz und trat ins Wohnzimmer. Shana und Andrew folgten ihm.
Skort erstarrte zur Salzsäule und bekam feuchte Augen als er die restlichen Chafren sah.
„Ja. Ja. Ja. Ich habe es immer gewusst. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass es sie gibt.“
Er freute sich und wurde regelrecht übermütig. Er schien plötzlich wie ein Gummiball von einem Chafren zum nächsten zu hüpfen und das war bei seiner leichten Arthrose gar nicht so einfach. Er schüttelte jedem die Hand. Als er bei Syrgon ankam schaute er zu ihm auf und nannte ihn Anubis. Der Wolf schüttelte den Kopf.
„Das kann nicht sein. Ich bin kein Gott. Anubis ist einer unserer Götter.“
Der Professor ließ sich nicht beirren. „Nein, nein. Das ist schon vollkommen richtig so.“
Er dreht sich zu Tarja um und bezeichnete sie als Sachmet, trotz ihrer Fellzeichnung. Diana war laut seiner Aussage Horus, wenn auch weiblich. Aber das alles störte ihn nicht. Andrew war nunmehr Maahes. Als er Apophis erblickte, erstarrte er in Ehrfurcht..
„Apophis“, sagte er nur, „du bist wirklich hier. Ich hatte es nie für möglich gehalten die Götter der alten Ägypter in einem Raum zu sehen und vor allem lebend. Selbst der Apis-Stier ist anwesend.“
„Tja und beinahe wären sie tot gewesen“, sagte Jody.
„Oh, entschuldigen sie Miss Thorn. Ich habe sie zwischen den ganzen großen Gestalten glatt übersehen.“ Er ging zu ihr und küsste sie freundschaftlich.
Sie nahm die Entschuldigung an.
„Was meinten sie eigentlich damit, dass sie fast tot gewesen wären? Shana? Was ist passiert?“
„Fletcher hatte von jemandem, der uns leider nicht bekannt ist, den Auftrag unsere Gäste zu exekutieren.“
„WAS?“, Beim Professor wechselte schlagartig die Stimmung. „Diese götterlosen Bastarde. Das wäre ein Verbrechen an der ganzen Menschheit, wenn nicht sogar an der ganzen Geschichte des Universums gewesen.“ Er war außer sich, versuchte aber die Fassung zu wahren. „Nun gut. Wie ich sehe habt ihr aber Glück gehabt.“
Apophis nickte zur Bestätigung. Der Professor konzentrierte sich ganz auf ihn, warum auch immer.
„Sehr schön. Ach, ich bin so aufgeregt. Shana, ich habe hier ein paar Bilder, die sie sich unbedingt anschauen sollten und unsere Freunde hier auch.“
Er öffnete die Mappe und breitete Farbfotos auf dem Tisch aus.
Shana nahm die erste Aufnahme unter die Lupe. Sie zeigte den Eingang in ein altes unterirdisches Grab. „Wo haben sie die Aufnahmen gemacht?“
„Die stammen nicht von mir, muss ich gestehen. Ehre wem Ehre gebührt. Die Fotos stammen alle von Dr. Binder.“
„Gregor? Der alte Haudegen. Wie ich sehe hat er tatsächlich mal was gefunden, außer Sand.“
Die beiden Wissenschaftler lachten, während die anderen nur herumstanden und zunächst nichts verstanden.
„Wenn ich das also richtig kombiniere, dann stammen die Aufnahmen aus Ägypten?“
„Ja. Richtig, meine Liebe und sie sollten sie gut anschauen. Vielleicht fällt ihnen etwas auf. Ich habe auch erst zweimal hinsehen müssen, bevor ich es begriff.“
Shana legte das Bild wieder auf den Tisch und überflog ihn, wie auch die anderen. Plötzlich hielt sie inne und zuckte unwillkürlich zusammen.
Skort begann zu lächeln. Sie griff zielstrebig zwischen die Fotos und zog eins heraus, hielt es ins Licht der Deckenlampe. „Das ist nicht ihr ernst oder? Das ist doch wohl getürkt“, sagte sie ungläubig.
„Sie haben sehr gute Augen. Ich dachte auch erst, dass mich Dr. Binder veralbern will. Aber dann habe ich mit ihm telefoniert und er beschrieb noch mehr Merkwürdigkeiten. Ich denke, dass er noch mehr gefunden haben dürfte in der Zwischenzeit.“
„Wie alt ist die Aufnahme jetzt?“
„Sie ist vor circa zwei Wochen gemacht worden.“
„Zwei Wochen? Dann kann ich verstehen, warum so viel Wert darauf gelegt wird, dass ich schon morgen aufbrechen soll.“
Skort nickt.
„Auf welches Alter wird der Fund geschätzt?“
„Zum Zeitpunkt der Aufnahme wusste man es noch nicht genau, vermutete aber, dass er etwa 15.000 Jahre alt sein muss.“
„WIE ALT?“, Shana war sichtlich betroffen und musterte ihn scharf. „Professor. Ich hoffe, sie wissen was sie gerade gesagt haben.“
„Ja. Ja. Aber natürlich. Deshalb ist es ja so unglaublich sensationell. Der Fund stammt aus einer Zeit in der die alten Ägypter noch nicht mal existierten. Ihre Kultur war in den Kinderschuhen, als dieses Wesen auf dem Foto lebte und das in genau der Region in der später das alte Theben stand.“
Shana Grant wippte unruhig auf und ab und schüttelte immer wieder den Kopf. Ihr Herz fing an zu rasen und sie glaubte den Bezug zur Realität zu verlieren.
Apophis trat neben sie. „Was ist auf dem Foto zu sehen, Doktor?“
Sie schaute ihn an und reichte es ihm.
Er starrte auf die Aufnahme und bekam strahlende Augen. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
„Was siehst du?“, fragte Diana neugierig und auch die anderen Chafren schienen auf eine Antwort zu drängen.
Er legte das Bild auf den Tisch, so dass es alle sehen konnten.
Auf ihren Gesichtern konnte man Entsetzen, ungläubiges Staunen und Freude erkennen.
Man sah eine Ausgrabungsstelle und im Zentrum ein anteilig freigelegtes Skelett. Es sah aus wie das eines Löwen oder Tigers. Der Kopf fehlte anteilig, jedoch waren kräftige Kieferknochen mit einem länglichen Schnauzenteil erkennbar, Arme und Beine waren vollständig. Und – dieses Wesen hatte Hände und Hinterpfoten.
Sie alle sahen die Überreste einer Raubkatze die definitiv aufrecht ging und Hände besaß und das vor geschätzten 15.000 Jahren auf der Erde.
„Irgendjemand muss eine gottverdammte Angst bekommen haben, als er von diesen Funden erfuhr und dann geriet er in Panik als unsere Freunde plötzlich auftauchten“, bemerkte Jody und hatte damit den Nagel auf den Kopf getroffen.
Der Professor strahlte über beide Ohren. „Das ist des Pudels Kern. Da lebte ei-ne vielleicht intelligente Raubtierspezies auf der Erde, weit bevor die ägyptische Hochkultur überhaupt entstand und sie war dem Menschen vermutlich auch überlegen. Diese Theorie drängt sich geradezu auf. Und aus der Unendlichkeit tauchen mir nichts dir nichts genau diese Raubtiere auf.“
Er dreht sich zu Apophis um. „Nichts für ungut meine Lieben, aber ich versuche nur den Faden zu spinnen. Bitte seid mir für die Bezeichnung des Tieres nicht böse.“ Er fuhr fort: „Ein gewisser Personenkreis bekommt Panik, sieht sein Weltbild und seine Macht bedroht und versucht wenigstens die lebenden Spuren zu beseitigen.“
„Das hört sich logisch an“, bemerkte Syrgon.
„Aber wer sollte so was tun?“, fragte Sinja.
„Die Kirche“, sagte Shana trocken. „Sie war schon immer der Meinung, dass es nur einen Gott gibt und nur ein gottgleiches Wesen, nämlich den Menschen. Sobald diese Sekte ihre Vormachtstellung bedroht sah, hat sie barbarische Kriege angezettelt, bei denen am Ende so gut wie nichts Gescheites raus kam. Das einzige Ergebnis war immer nur, dass die Kirche ihre Macht stärkte, noch reicher und fetter wurde und die Ärmsten der Armen auch noch ihr letztes Hab und Gut verloren oder sogar das Leben.“ Sie verzog angewidert das Gesicht: „Hätte ich mir eigentlich auch denken können.“
„Wie dem auch sei. Doktor Grant, sie fliegen morgen bitte nach Ägypten und anschließend nach Peru und sehen sich die Ausgrabungsstätten an.“
„Au backe. Professor, sie jagen mich aber ganz schön durch die Gegend“, seufzte Shana.
„Ich weiß, ich weiß, meine Liebe. Aber ich denke sie werden begeistert sein. Außerdem werde ich ihnen den Privatgleiter unserer Akademie stellen und sie werden nicht allein fliegen, sondern in einer Reisegruppe.“
Sie schaute Skort fragend an.
„Schauen sie mich nicht so an. Wollten sie unsere Besucher etwa allein zurücklassen?“
Es kam Bewegung in den Raum. Alle sprachen plötzlich quer durcheinander und unterhielten sich über alles Mögliche. Man verstand sein eigenes Wort nicht mehr.
„Ruhe, Ruhe, Ruhe. Bitte! Shana, sie sind so nett und bringen unsere Gäste morgen früh, noch vor Tagesanbruch aus der Stadt. Der Gleiter wird pünktlich um vier Uhr bereitstehen und ich persönlich habe den besten Piloten ausgesucht der zur Verfügung steht.“
„Ach? Und der wäre?“
„Ihre Freundin. Oder dachten sie, dass ich das Risiko eingehe und noch mehr Leute in die Sache mit rein ziehe? Abgesehen davon traue ich im Moment sehr wenigen Menschen über den Weg und je weniger von unserer Extratour wissen, umso sicherer sind unsere Götterwesen.“ Der Professor kicherte wieder wie ein kleines Kind.
Er verabschiedete sich von allen überschwänglich, ließ die Bilder zurück und verschwand so überraschend wie er aufgetaucht war.
„Das war ja mal ein interessanter Mensch“, bemerkte Finlay.
„Ja. Er ist ein echtes Unikat und war mein Dekan in Ägyptologie auf der Uni. Er hatte vor zwanzig Jahren seine Frau bei einem Autounfall verloren und alle hatten damals die Befürchtung, dass er sich nicht mehr fangen würde.
Er verließ die Uni für drei Jahre und kam plötzlich wie ausgewechselt wieder. Keiner weiß, was in dieser Zeit geschehen war und er macht auch ein Geheimnis draus. Irgendwie ist er leicht schräg geworden. Aber egal, er war wieder da und eine echte Vaterfigur für jeden Studenten.“
Apophis lächelte, wie auch die anderen.
„Da wir alle schon gegessen haben, schlage ich vor, dass wir uns im Haus verteilen, sich jeder eine Ecke sucht und schlafen. Die Nacht ist kurz und wir müssen schnell und fit sein“, sagte Shana.
Sie stimmten alle zu und bald war aus den verschiedensten Bereichen im Haus ein gleichmäßiges Schnarchen zu hören.
Na ja, aus fast allen Bereichen.
Jody war zu Shana gegangen um sie um einen Gefallen zu bitten. „Shana. Du hast doch noch die Tigersuit, die ich dir vor drei Jahren zur Aufbewahrung an-vertraut hatte.“
„Ja. Die habe ich immer noch. Warum? Was hast du vor? Willst du jetzt als Tigerin verkleidet durch das Haus schleichen und die Anthros erschrecken?“
Sie musste bei diesem Gedanken kichern.