01 - Vater Staat

Story by Komet on SoFurry

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2 Monate später steht Charlie vor Gericht. Die Anschuldigungen wiegen schwer, doch Charlie hat sich eine Strategie zurecht gelegt. Wird er sich erfolgreich verteidigen können?


-- 2 Monate später --

Im großen Gerichtssaal war jeder der über zweihundert Sitzplätze besetzt - das heißt: nicht ganz. Genau zwei Plätze waren frei geblieben. Der eine war der des Richters. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis auch dieser eintraf und damit die Verhandlung eröffnete. Der andere freie Platz war der neben Charlie. Dort, wo sein Verteidiger hätte Platz nehmen können, saß niemand. Nun war es keinesfalls so, dass Charlie sich keinen Anwalt hätte leisten können oder dass der Verteidiger lediglich Verspätung gehabt hätte. Charlie hatte einfach niemanden gefunden, der ihn verteidigen wollte. Sie alle waren abgesprungen, als sie hörten, was ihm vorgeworfen wurde. Und so etwas wie einen Pflichtverteidiger oder das grundsätzliche Recht, von jemandem gesetzlich vertreten zu werden, gab es nicht. Jedenfalls nicht in Wreden. Genau genommen war Wreden das einzige gottverdammte Land, in dem ihm auch ohne Verteidiger der Prozess gemacht werden konnte (einmal abgesehen von jenen Ländern, die ganz ohne Gerichtsverhandlungen auskamen). Und so saß Charlie nun in diesem großen Verhandlungsraum und hatte niemanden auf seiner Seite außer sich selbst.

Charlie rutschte unruhig auf seinem Stuhl umher. Der junge Staatsanwalt, der ihm in einiger Entfernung gegenüber saß, hatte seinen entschlossenen Blick direkt auf Charlie gerichtet. Die weichen, fast burschenhaften Züge seines Gesichts standen in krassem Gegensatz zu den harten, kalten Augen und dem arrogant vorgestreckten Kinn. Dem Jüngling war dieser Fall wohl zugeteilt worden, weil er ohnehin nicht zu verlieren war. Auch zu diesem Umstand stand der junge Anwalt im Kontrast. Vielleicht war er sich nicht bewusst, dass er hier eine Verurteilung erreichen würde oder er wollte einfach nur seine Nervosität kaschieren. Charlie fragte sich, welche Strategie der junge Mann wohl fahren würde. Er würde sicherlich versuchen, seine Tat als herausgepicktes Beispiel eines kalkulierenden Triebtäters darzustellen. Glaubwürdig wäre eine solche Darstellung jedenfalls, schließlich hatte er das, was ihm vorgeworfen wurde, tatsächlich getan. Er hatte nur nicht damit gerechnet, dass er in seinem eigenen Haus, im ersten Obergeschoss, bei zugezogenen Gardinen von jemandem beobachtet werden konnte.

Vermutlich würde Charlie dem Staatsanwalt nichteinmal widersprechen. Nur die Richtung, in die er dann weiter argumentieren würde, dürfte dem jungen Mann kaum gefallen. Da der Richter zwar nicht für milde, aber doch immerhin für sehr weise Urteile bekannt war, hatte Charlie eine geringe Hoffnung, vielleicht doch noch mit einem blauen Auge aus diesem Strafprozess zu kommen. Aus dem Gemurmel der Zuschauer hatte Charlie aufgeschnappt, dass er ausdrücklich um diesen Fall gebeten hatte und freiwillig die knapp 100 Meilen Fahrt auf sich nahm, um diesen Fall zu verhandeln. Ob da was dran war? Und falls ja, was könnte das für ihn bedeuten? Richter Salomon - so hieß er zwar nicht, aber viele riefen ihn so - hatte noch nie eine Gelegenheit ausgelassen, ein Urteil zu fällen, das die wredische Gesellschaft über kurz oder lang entscheidend veränderte.

"Bitte erheben Sie sich.", dröhnte eine gelangweilte Stimme durch den Raum. Sie kündigte das Eintreffen des Richters an und alle Menschen im Saal standen auf. Der Richter trat gemächlich zur Tür herein, begab sie auf direktem Wege zu seinem Platz, setzte sich aber noch nicht.

"Guten Tag, meine Damen und Herren. Bitte setzen Sie sich." Der Richter klang höflich, aber bestimmt. Nachdem sich alle gesetzt hatten, fuhr er fort: "Wir verhandeln heute die Sache 'Das Volk gegen Charlie Taronson'. Herr Staatsanwalt, bitte verlesen Sie die Anklageschrift". Etwas zögerlich stand der Staatsanwalt auf und verlas die Anklageschrift.

"Dem Angeklagten Charlie Taronson wird folgendes zur Last gelegt: Am zwölften August dieses Jahres begab er sich nach dem Frühstück in sein Schlafzimmer im ersten Obergeschoss seines Hauses. Nachdem sein Hund, der mittlerweile verstorbene Golden Retriever Komet, ihm gefolgt war, schloss er die Tür hinter sich. Er entblößte sich vor seinem eigenen Haustier und rieb sich seinen Penis, bis dieser erigiert war.", Charlie bemerkte einen Schweißtropfen auf der Stirn des Staatsanwaltes. Ihm war bewusst, wie verklemmt die Gesellschaft, in der er lebte, war. Das bloße erwähnen eines Wortes, das ein Geschlechtsteil beschrieb, galt bei einigen schon als anstößig. Charlie empfand ehrliches Mitleid für den Staatsanwalt, doch es half alles nichts: Die Prozessordnung schrieb eine detaillierte Beschreibung des Tatherganges in der Anklageschrift vor.

"Dann setzte er sich auf die Kante seines Bettes und bedeutete seinem Hund mit einer offenbar einstudierten Handbewegung, näher zu kommen.", fuhr er fort, "Er steuerte seinen erigierten Penis ins Maul des Tieres, das sodann anfing, seinen Kopf vor und zurück zu bewegen. Die beiden taten dies so lange, bis der Angeklagte ins Maul des Tieres ejakulierte. Einen Moment später ließ er das Tier an sich hoch springen, sodass dieses ihm mehrmals sowohl über den Mund leckte, als auch mit der Zunge in den Mund des Angeklagten eindringen konnte. Nachdem die beiden ihren Kuss gelöst hatten, bewegte sich der Angeklagte auf das Bett, sodass er sich auf Händen und Knien befand und sein Gesäß dem Tier zugewandt war. Das Tier sprang sogleich auf das Bett und roch am Angeklagten. Es leckte ihm einige Male über den Anus, beförderte seinen Oberkörper dann auf den Rücken des Angeklagten und führte seinen Penis in den Anus des Angeklagten ein. Der Angeklagte wehrte sich nicht gegen das triebhafte Verhalten des Tieres, sondern lobte es noch dafür. Ich zitiere: 'Oh, ja.', 'So ist gut', 'Tiefer', 'Braver Hund'. Der Angeklagte hat sich damit strafbar gemacht gemäß Paragraphen 2, 15 und 38 Keuschheitsgesetz, Paragraph 7 Sexualitätsgesetz und Paragraphen 1, 3 und 8 Tierschutzgesetz."

Ein raunen ging durch den Saal. Ganz gleich, wie das Urteil ausfiel, Charlie würde Volorin nun für immer verlassen müssen. Eine solche Geschichte dachte man sich nicht einfach aus. Und wozu auch, war doch jedes Wort an ihr die nackte Wahrheit. Charlie musste zugeben, dass es beeindruckend war, wie detailliert der Staatsanwalt den Sachverhalt rekonstruieren konnte. Charlie erwischte sich dabei, wie er lüstern drein blickte, als er sich an diesen schönen Spätsommertag mit Komet erinnerte. Es war jener Tag, der für ihn und sein geliebtes Haustier so tragisch endete.

"Angeklagter, wie bekennen Sie sich?", fragte der Richter, nachdem der Gerichtssprecher eintönig um Ruhe gebeten hatte.

"Schuldig im Sinne der Anklage, euer Ehren.", entgegnete Charlie besonnen und spürte, wie ihm dennoch ein kalter Schauer über den Rücken lief. Er hatte sich diese Antwort in den letzten Wochen genau überlegt und die Anklageschrift hatte ihn nun in diesem Vorhaben bestätigt. Und dennoch waren es zwei Dinge, sich diese Antwort vorzustellen und sie tatsächlich zu geben. Er schaute zum Staatsanwalt rüber, der etwas irritiert schien. Charlies Schuldeingeständis hatte der junge Mann offenbar nicht erwartet.

"Gut. Da Sie sich ohnehin schuldig bekennen, können wir die Beweisaufnahme überspringen und uns auf den Kontext des Tathergangs konzentrieren", sprach der Richter ruhig, "Stimmen Sie dem zu?"

"Ja." antwortete Charlie ohne zu zögern. Er war froh, dass die Umstände dieser für ihn sehr intimen Angelegenheit nicht in noch größerem Detail vor den Zuschauern ausgebreitet wurden. Und schließlich befanden sich auch ein paar Minderjährige im Saal.

Der Staatsanwalt brauchte noch einen Moment, bis er sich durch seine Unterlagen gewühlt hatte, doch dann stimmte auch er dem Vorschlag des Richters zu.

"Charlie Taronson, heben Sie bitte ihre Rechte Hand", forderte ihn der Gerichtsdiener auf und Charlie gehorchte, "Schwören Sie, dass Sie die Wahrheit sagen werden und nichts als die Wahrheit, so wahr Ihnen Gott helfe?"

"Ak dswâr.", entgegnete Charlie und wieder versank der Saal in einem Meer aus Flüstertönen. Charlie hatte in der Sprache der Ahnen geschworen, der nachgesagt wurde, man könne in ihr nicht Lügen. Charlie hielt das allerdings für einen dummen Aberglauben, den er aber gerne zu seinem Vorteil nutzte.

Der Staatsanwalt legte ein paar Akten zur Seite, kramte einen leeren Zettel heraus und kritzelte hastig ein paar Worte darauf. Er stand auf und der Richter gab ihm das Wort.

"Charlie Taronson, halten Sie sich für einen zivilisierten Menschen?"

Charlie schaute dem Staatsanwalt direkt in die Augen. Gleich in der ersten Frage die erste Falle. Er glaubte in den Gesichtszügen des Jünglings etwas selbstgefälliges erkennen zu können. Er schien sich ziemlich sicher zu sein, dass Charlie ihm in die Falle gehen würde. "Nein." antwortete er schließlich knapp und genoss es ein bisschen, erneut den verwirrten Blick des Jünglings zu sehen.

"Das heißt, Sie halten sich für einen unzivilisierten Menschen?"

"Nein.", entgegnete Charlie wiederum und sah, wie die Verwirrung des Staatsanwaltes nun für alle offensichtlich wurde. Er kratzte sich am Kinn, strich sich über die gegelten Haare, als wollte er sicher stellen, dass diese noch immer gegelt waren. Charlie hatte sich bereits nach 2 Fragen in einen offensichtlichen Widerspruch verwickelt - und das obwohl er in der Sprache der Ahnen geschworen hatte, die Wahrheit zu sagen.. Er rechnete fest damit, dass der Staatsanwalt nun nachbohren würde.

"Sie halten Sie also weder für einen zivilisierten noch für einen unzivilisierten Menschen. Wie soll das gehen? Erklären Sie uns das."

"Nun, ich halte mich nicht für einen Menschen. In sofern kann ich mich weder für einen zivilisierten noch für einen unzivilisierten Menschen halten." Spätestens jetzt hatte ihn wohl auch der letzte im Saal für völlig verrückt erklärt. Doch Charlie war das egal. Es war durchaus möglich, dass der Richter ihn zu Tode verurteilen würde und wenn er das tat, so sollte er wenigstens genau wissen, wessen Leben er da beendete.

-- 1 Stunde später --

Charlie hörte, wie die Menschen im Saal über ihn redeten. Nichts von dem, was er in der halben Stunde, die der Staatsanwalt ihn ausfragte, gesagt hatte, konnte aus der Sicht der Anwesenden einen Sinn ergeben. Doch er stand zu jedem Wort und hatte sich von den geschickten Fragen des Staatsanwalts nicht in eine Falle locken lassen. Der Richter hatte sich nun zur Urteilsfindung zurückgezogen und die Minuten wurden Charlie lang und länger. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie der Urteilsspruch ausfallen würde. Von einem Klaps auf den Hintern bis zur Todesstrafe war alles drin, denn in Wreden legte nicht der Gesetzgeber das Strafmaß fest, sondern es war die Aufgabe des Richters, bei einer Verurteilung das richtige Strafmaß anzuwenden. Insgeheim hatte Charlie die Hoffnung, für nicht zurechnungsfähig oder bekloppt gehalten zu werden. Dann würde er zwar aus der Stadt gejagt, aber er könnte immernoch irgendwo eine neue Existenz aufbauen. Allerdings war diese Hoffnung sehr gering, denn der Richter hatte ihm offenkundig sehr genau zugehört und selbst auch kritische Fragen gestellt. Dennoch hatte er sich zu keinem Zeitpunkt anmerken lassen, wie sein Urteil über ihn ausfallen würde.

"Bitte erheben Sie sich." dröhnte die immernoch gelangweilte Stimme durch den Saal und brachte die Menschen darin zum Schweigen. Sie alle standen auf und verfolgten mit ihren Blicken, wie der Richter wieder auf seinem Stuhl Platz nahm.

"Bitte setzen Sie sich, meine Damen und Herren", begann der Richter, "In der Sache 'Das Volk gegen Charlie Taronson' bin ich zu folgendem Urteil gekommen: Der Angeklagte ist freizusprechen."

Charlie traute seinen Ohren nicht und der Saal tobte vor Empörung. Hatte der Richter ihn wirklich gerade freigesprochen? Er schaute zum Staatsanwalt hinüber, der mit heruntergelassener Kinnlade da stand und den Richter anglotzte. Wie konnte er nur? Wollte er sich selbst dem Pöbel zum Fraß vorwerfen? Charlie beschloss, dass die Sache einen großen Haken haben musste, an dem er noch lange zu knabbern hätte.

"Beruhigen Sie sich meine Damen und Herren!", dröhnte die nicht mehr ganz so gelangweilte Stimme des Gerichtsdieners aus den Lautsprechern, "Der ehrenwerte Richter wird das Urteil nun begründen." Stille im Saal. Die Begründung wollten Sie alle hören.

"Zu den Gründen.", setzte der Richter seine Urteilsverkündung scheinbar unbeeindruckt fort, "Der Angeklagte hat glaubhaft und in sich stimmig vorgetragen, dass er sich nicht für einen Menschen, sondern für ein tierähnliches Wesen im Körper eines Menschen hält. Auch wenn diese Ansicht nicht in unser Weltbild passt, so können wir nicht mit absoluter Sicherheit sagen, ob dies der Wahrheit entspricht oder nur die Ausprägung eines kranken Geisteszustands ist. Wie Sie alle wissen, glauben auch viele Menschen daran, dass die in der alten Sprache gesprochenen Worte bindend sind, also keine Lügen erlauben. Wenn dem so ist" - und kaum ein Mensch in Wreden zweifelte daran. Und falls doch, so traute sich jedenfalls keiner, dies öffentlich zu tun - "dann ist der Angeklagte entweder tatsächlich der festen Überzeugung, ein Tier zu sein oder er ist wahrhaftig ein Tier im Körper eines Menschen, denn der Angeklagte hat zu Beginn der Verhandlung in der Sprache der Ahnen geschworen, die Wahrheit zu sagen. Daher hat sich das Gericht nach reichlicher Überlegung dazu entschieden, den Ausführungen des Angeklagten in vollem Umfang zu glauben. Der Angeklagte ist kein Mensch, sondern ein Tier. Da unsere Gesetze ausschließlich für uns Menschen geschaffen sind und nicht für Tiere und wir von einem Tier weder verlangen können, unsere Gesetze zu kennen, noch sie zu begreifen oder gar zu befolgen, kann ein Tier auch keiner Straftat beschuldigt werden."

"Du bist doch befangen!", schrie einer aus der Menge.

"Genau! Befangen!", riefen andere.

Der Richter führte seine Begründung derweil unbeeindruckt fort. "Da das Gericht die Ansicht des Angeklagten, er sei ein Tier, teilt, hat das für ihn weitreichende Konsequenzen. Erstens. Der Angeklagte ist vor dem Gesetz nicht mehr als Mensch, sondern als Tier einzustufen. Er verliert damit alle damit zusammenhängenden Rechte sowie Pflichten. Da er keinen Besitzer hat, ist er des weiteren als wildes beziehungsweise freilaufendes Tier anzusehen. Als bisher einziger seiner Art greift für ihn außerdem das Artenschutzgesetz." Charlie versuchte, einen dicken Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken. Das war also der Haken.

"Zweitens. Tiere sind weder geschäftstüchtig, noch kann ihnen zugemutet werden, sich um einen menschlichen Haushalt zu kümmern. Dem Angeklagten wird daher nicht gestattet, in sein Haus zurückzukehren. All sein Besitz wird zu Gunsten der Staatskasse meistbietend versteigert. Der Angeklagte wird seine gesamte Kleidung abgeben, inklusive der, die er gegenwärtig trägt. Um Menschen, denen er zufällig begegnet vor dem Anblick seines Schambereichs zu bewahren, wird ihm das Tragen eines Lendenschurzes gestattet. Aus Pietätsgründen wird ihm außerdem gestattet ein Andenken an seinen verstorbenen Liebhaber, den Hund Komet, bei sich zu tragen. Dies soll das Halsband des Hundes sein, das dem Angeklagten angelegt werden wird."

"Drittens. Der Angeklagte wird aus der Stadt gebracht und in einem entfernten Waldstück ausgesetzt, sodass er dort ungestört von menschlichen Einflüssen artgerecht leben kann."

Charlie war wie vom Donner gerührt. Der Richter hatte sich mit diesem Urteil ein weiteres Denkmal gesetzt, denn er hatte ihn quasi zu Tode freigesprochen. Wenn Charlie Glück hatte, dann blieben ihm noch etwa zwei Wochen bis zum ersten Schnee und vielleicht vier oder fünf bis die Temperaturen auf zweistellige Minusgrade fallen würden. Und der Weg in südlichere Gefilde war lang und gefährlich, wenn man die Straßen nicht benutzen konnte. Die Anwesenden schienen das nun auch ganz allmählich zu begreifen.

Eine der Wachen näherte sich Charlie, packte ihn am rechten Oberarm und führte ihn aus dem Saal, hinein in einen kleinen Raum, der wie ein Umkleideraum für nur eine Person aussah. "Warte hier drinnen, bis dir gesagt wird, was du tun sollst.", sprach der Wachmann emotionslos, so als sagte er diesen Satz jeden Tag mehrere dutzend Mal. Er schloss die Tür von außen, ohne sie zu verschließen. Das war nicht nötig, denn von innen hatte die Tür weder ein Schloss, noch einen Türgriff. Charlie versuchte, den Kleiderschrank zu öffnen, doch er war verschlossen, obwohl er ebenfalls kein Schloss zu haben schien. Aus einem Lautsprecher dudelte eine beruhigende Musikschleife. Charlie setzte sich auf den kleinen Hocker in der Mitte des Raumes und betrachtete sich im Spiegel.

Dort saß ein Mann von durchschnittlicher Körpergröße, dessen Haut im Sommer gut Farbe bekommen hatte. Er hatte noch immer einen leichten Wohlstandbauch, auch wenn dieser während der Untersuchungshaft bereits deutlich abgenommen hatte. Er hatte kurze, schwarze Haare und einen gepflegten 3-Tage-Bart. Charlie knöpfte sein dunkelgraues Hemd auf und betrachtete seinen Oberkörper. In den vergangenen 2 Monaten waren doch schon wieder einige Haare auf seiner Brust nachgewachsen, aber ob das reichen würde, um den bevorstehenden Winter zu überleben? Die Winter im Norden waren hart.

Allmählich verlor Charlie sich in seinen Gedanken. Er erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem er Komet aus einem Tierversuchslabor befreit hatte. Er war eines Nachts mit ein paar Freunden dort eingebrochen und hatte alle Käfige geöffnet, die er nur finden konnte. Charlie sah diesen höchstens zwei Jahre alten Golden Retriever dort in seinem Käfig sitzen und hatte sich sofort in den Hund verliebt. Der junge Hund war damals völlig verängstigt und traute sich nur ganz langsam aus seinem Käfig. Charlie nahm ihn mit zu sich nach Hause und seine Eltern brachten ihn in ein kleines Zimmer, wo er sich langsam an seine neue Umgebung gewöhnen konnte. Während Komet sich in einer Ecke hinter dem Sofa verkroch, setzte sich Charlie in die gegenüberliegende. Er bat seine Mutter um Matratze, Bettdecke und Kopfkissen, damit er auch die Nacht über in der Nähe des Hundes bleiben konnte. Zum Glück waren damals Ferien, sonst hätte er das womöglich nicht gedurft. Das Essen stellte er immer in die Mitte des Raumes, damit der Hund sein Versteck verlassen musste, um etwas zu fressen. Charlie nutzte dies aber nie aus, sondern flüsterte dem Retriever nur unaufhörlich liebevolle Worte zu. Er blieb eine ganze Woche lang in diesem Raum mit dem Hund zusammen.

Als er am siebten Morgen aufwachte, bemerkte er, dass sich jemand zu ihm gesellt hatte. Der Hund war in der Nacht zu ihm gekommen und hatte sich an seinen Rücken gekuschelt. Für Charlie war das nicht die angenehmste Position, denn um Komet nicht zu wecken und vielleicht zu verunsichern, bewegte Charlie sich die nächsten 2 Stunden nicht, was zur Folge hatte, dass er das Muster der Raufasertapete hinterher beinahe auswendig kannte. Nach diesen zwei Stunden bewegte sich Komet aber doch noch. Er stand auf schlappte etwas Wasser aus dem Napf in der Mitte des Raumes. Charlie nutzte diese Gelegenheit, um sich auf den Rücken zu legen. Er schaute zu Komet und setzte seine lieben Worte für den Hund fort, bis dieser sich umdrehte und zu ihm auf die Matraze zurückkehrte. Doch statt sich neben ihn zu legen, machte Komet es sich direkt auf Charlies Bauch gemütlich. Sie schauten sich einen Moment lang tief in die Augen, dann leckte Komet ihm übers Lippen. Seit diesem Tag waren die beiden so unzertrennlich, dass Charlie Komet sogar mit in die Schule nehmen musste.

Mit einem Knacken des Lautsprechers wurde Charlie jäh aus seinen Erinnerungen gerissen. Die beruhigende Hintergrundmusik war nun verschwunden und wurde durch eine männliche Stimme ersetzt.

"Im Kleiderschrank findest du einen Lendenschurz, ein Halsband und eine Leine. Entledige dich all deiner Kleider, ziehe dann den Lendenschurz an, lege dir das Halsband um und befestige die Leine an dem Halsband. Klopfe dann 3 Mal gegen die Tür."

Klaren Anweisungen hatte Charlie schon immer gut folgen können. Nach dem Klopfzeichen öffnete sich die Tür langsam und Richter Salomon trat herein. Er streichelte Charlie über den Kopf und lächelte ihn an. "Es tut mir Leid, dass wir dich so lange hier drin haben warten lassen müssen. Komm jetzt, wir bringen dich in die wilde Natur zurück, wo dein zuhause ist." Der Mann behandelte Charlie tatsächlich wie ein Tier. Immerhin schien er aber tierlieb zu sein. Charlie nahm das Ende der Leine in die Hand und reichte es dem Richter.

"Gehen wir", sagte der Richter und führte Charlie durch das Gerichtsgebäude direkt zum Haupteingang. Dort an der großen Eingangstreppe war nur ein schmaler Pfad von Polizisten frei gehalten worden. Der Rest der Treppe war voller Menschen. Doch sie waren nicht wegen ihm da, sondern wegen "Richter Salomon", dem sie ihre Bewunderung ausdrückten, während Charlie scheinbar gar nicht existierte. Sie ignorierten Charlie genau so, wie man einen Hund irgnoriert hätte, der brav an der Leine seines Herrchens geht. Es war so erniedrigend. Wenn Sie ihn doch mit faulen Tomaten oder Eiern bewerfen würden, dann wäre er sich ihrer Abneigung ihm gegenüber wenigstens sicher. Doch so war es, als sei er wirklich nur ein Tier, das seinem Herrchen folgte. Und es war kalt draußen. Furchtbar kalt.

"Mama, wieso ist der Mann dort fast nackt?", fragte ein vielleicht achtjähriges Mädchen ihre Mutter.

"Das ist kein Mann, Marissa, sondern ein Tier, das nur wie ein Mann aussieht. Das siehst du daran, dass er ein Halsband trägt genau wie ein Hund.", versuchte die Mutter ihrem Kind zu erklären, was es da sah.

Das Mädchen schaute sich das Halsband etwas näher an. Es bestand aus schwarzem Leder, auf das in regelmäßigen Abständen Nieten eingelassen waren, die in der Sonne funkelten. Das Mädchen zupfte am Rock ihrer Mutter. "Mama, wenn ich groß bin will ich auch ein Tier werden.", rief es laut aus und fing sich keine Sekunde später eine schallende Ohrfeige ein.

"Marissa Dorothea Anegret, ich will so einen ungehörigen Blödsinn aus deinem Mund nie wieder hören. Du bist kein Tier, sondern ein Mensch und das bleibst du gefälligst auch."

Charlie konnte das Mädchen laut heulen hören. Sie tat ihm ein bisschen leid und nur zu gern hätte er sie etwas aufgemuntert, indem er ihr erlaubt hätte, ihn zu streicheln, doch er war leider schon an den beiden vorbeigelaufen. Er konnte sich nurnoch herumdrehen und sehen, wie die Mutter ihm einen verächtlichen Blick hinterher warf.

Am Fuße der Treppe stand ein Gefangenentransporter und ein nicht ganz kleiner Käfig. Ein Polizist öffnete den Käfig und der Richter befahl Charlie, sich in den Käfig zu setzen. Nachdem sie den Käfig geschlossen hatten, hoben sie ihn in den Laderaum des Transporters. Sowohl der Richter, als auch ein Zivilist stiegen hinzu. Sie schlossen die Transportertüren von innen und kurz darauf setzte sich der Wagen in Bewegung.

Die Gitterstäbe des Käfigs waren gerade weit genug voneinander entfernt, sodass ein Mensch seinen Arm hindurch strecken konnte. Richter Salomon tat genau das und tätschelte Charlies Kopf, bis dieser ihn anschaute. "Der Mann hier soll bezeugen, dass wir dich wirklich in der Wildnis ausgesetzt haben, wenn wir ohne dich zurückkommen, Charlie. Damit du dich ein wenig orientieren kannst: Wir werden dich etwa 5 Meilen südlich von Volorin an die Natur zurückgeben. Von dort aus kannst du dann das glückliche Tier werden, das du gerne sein möchtest. In der Freiheit, die dir die Gesellschaft der Menschen bisher nicht hat bieten können."

Charlie war sich nicht ganz sicher, wie er reagieren sollte. 'Was soll der Scheiß? Da draußen werde ich innerhalb weniger Tage sterben!' war sicherlich nicht die Antwort, die nun angebracht war. Er wusste, dass dies der einzige Weg war, ihn nicht direkt dem Henker auszuliefern. Stattdessen entschloss er sich, lieber gar nicht zu antworten. Er drückte lediglich seinen Kopf etwas gegen die Hand, die ihn streichelte. Es war vermutlich das letzte Mal in seinem Leben, dass ein Mensch ihm etwas Zuneigung entgegenbrachte und er wollte diesen Moment so gut in Erinnerung behalten wie möglich.

Es dauerte über eine Stunde, bis sie das Ortsschild hinter sich gelassen hatten. Die Polizei hatte am Ortsausgang eine Straßensperre aufgestellt, sodass niemand dem Transporter folgen konnte. An der ersten Kreuzung bogen sie rechts ab und folgten dann ein langes Stück der Landstraße Richtung Süden, von der sie die dritte Ausfahrt nahmen. Sie bogen noch ein paar Mal ab und ehe Charlie sich versah, befanden sie sich mitten in einem Wald, den Charlie nicht kannte.

Sie hielten an und Richter Salomon ließ ihn aus dem Käfig. Er führte ihn einige Meter in den Wald hinein, bis man die Straße nicht mehr sehen konnte. Dort schlang er die Leine einmal um einen stabilen Baum und befestigte beide Enden mit einem Vorhängeschloss an Charlies Halsband. Richter Salomon streichelte Charlie noch einmal über die Wange. "Ich wünsche dir, dass du schnell eine Herde oder ein Rudel findest, zu der oder dem du passt, falls deine Spezies Rudel oder Herden bildet. Das Schloss steht bei '000'. Viel Glück." Dann verließ er ihn.

Das Vorhängeschloss war eines der einfacheren Machart. Es hatte drei Rädchen mit den Ziffern Null bis Neun darauf. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis Charlie sich von dem Baum befreit hatte. Vermutlich dürfte der Richter bis dahin allerdings wieder in Volorin angekommen sein. Um keine Zeit zu verschwenden, machte er sich direkt dran, alle Zahlen auszuprobieren. Es dauerte eine Weile und er hatte schon kaum noch Gefühl in seinen Fingern, als das Schloss endlich aufsprang. Er entfernte es von seinem Halsband und schaute auf die Zahl: 505.

Nun war Charlie also allein in einem Wald. Frei, sich dorthin zu bewegen, wo er hinwollte und doch in der Wildnis gefangen, denn einen Weg zurück in die Zivilisation würde es für ihn sobald nicht geben.