Kapitel 3
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Kapitel 3
weitere Nachforschungen
vor 22 Millionen Jahren
Auf Antermerius…
„Welche Daten haben wir?“, fragte Shu.
„Nicht viele“, begann Apophis. „Die Daten sind fragmentiert und lassen nur sehr wenige Schlüsse zu.“
„Na toll. Seit Jahrmillionen wird das Netzwerk zur Übertragung und Speicherung des Gemeinwissens ausgebaut und ständig verbessert. Wir haben alle den gleichen Bildungsstand und können auf Erkenntnisse aus Jahrmilliarden zurückgreifen, aber sind nicht in der Lage nachzuvollziehen was vor 21 Millionen Jahren geschah.“ Shu war sichtlich frustriert und schaute auf die Zahlen- und Textkolonnen auf den semitransparenten Bildschirmen.
„Damals war die Technologie noch nicht so ausgereift wie heute“, gab Apophis zu bedenken. „Und nicht zu vergessen“, merkte er weiter an, „hatten wir das Problem des fehlgeschlagenen Upgrades im Netzwerk. Ein Teil der gespeicherten Daten sind dabei verloren gegangen. Ich hoffe, dass es besser läuft, wenn Ammon nochmals die Idee dazu haben sollte.“
„Ja. Ich erinnere mich mit Grausen.“
„Genau. Alle waren plötzlich vor eine Art Wand gelaufen, konnten teilweise ihre Tätigkeiten nicht mehr ausüben, weil ihnen extrem spezielle Fähigkeiten abhandenkamen.“
„Grauenhaft war das und der Fehler glücklicherweise schnell gefunden.“
„Aber der Datenverlust bleibt.“
„Was schlägst du vor?“
„Wir haben mittlerweile zwei weitere Kampfinseln und die dritte ist in Vorbereitung“, hub Apophis an.
Shu kratzte sich unter dem Kinn und brummelte überlegend vor sich hin.
„Na, macht es da irgendwo klick?“, witzelte Apophis aufmunternd.
„Immerhin. Der Gedanke ist nicht schlecht. Ich werde es auf jeden Fall mit Osiris besprechen, also mit dem Original. Mal sehen was er dazu sagt.“
„Mach das und ich werde solange versuchen mir weiterhin etwas zusammen zu reimen“, schloss Apophis ab, wandte sich wieder den Bildschirmen zu und tippte auf verschiedene scheinbar im Raum schwebende Symbole.
Wenige Minuten später verließ Shu den Raum, bestieg eine Transportkapsel und machte sich auf den Weg vom Ermittlungsgebäude zum Administratorendom.
Während des kurzen Fluges schaute er aus der Kanzel und überflog mehr beiläufig die Umgebung.
Antermerius war schon längst nicht mehr das was es mal war. Die vor Urzeiten existierende Flora war komplett gewichen, türmten sich Kilomitrox hohe Gebäude aneinander, war ständig das Summen und Brummen der Energieanlagen zu hören, war der vor Jahrmilliarden grüne Planet in eine versiegelte Wüste aus Glas, Carbon, Duranium, Edelstahl und Aluminium umgewandelt worden.
Allerdings schrieb das Jeder als kleineres Übel ab, denn der technologische Standard und der immer mehr voranschreitende Wohlstand wogen den Verlust auf. Abgesehen davon waren diese Daten über grüne Wälder und ausufernde Wiesen lediglich im Netzwerk gespeichert und keiner der Klone konnte sich eine andere Welt, als die jetzt existierende vorstellen.
Jedoch hatte diese Welt einen Makel und der hieß Kollaps. Nicht die Gesellschaft an sich war das Problem, es war das ganze diesseitige Universum, welches, nachdem bekannt wurde, dass es in sich zusammen stürzt, nicht mehr das Gleiche war wie vorher. Jeder erkannte, dass sie sich auf einer sterbenden Welt befanden und dass es nur gelingen würde, den Fortbestand der Spezies zu sichern, wenn das Individuum als solches einen gewissen Preis zu zahlen hatte.
Den Preis sein Wissen in ein Netzwerk zu übertragen, mit seinen Erkenntnissen anderen zu helfen und ihre eigenen Fähigkeiten zu verbessern. Eine Art Urheber-recht, wie es vor Jahrmillionen noch existierte, gab es nicht mehr. Eines hatte man jedoch aus der Vergangenheit gelernt, es wurden nach dem großen Upgrade nur nach die reinen Fakten, Daten und Erkenntnisse im Netz gespeichert und zur Verfügung gestellt. Die vorab nicht vorhandene Filterung von persönlichen Einschätzungen, Beurteilungen, eigenen Vorlieben und Abneigungen, führte zu gravierenden Problemen und stellte über eine lange Zeit den Tod des Individuums dar.
Dann kam das große Upgrade, fuhr hoch und brach plötzlich zusammen. Die Antermerianer standen von jetzt auf gleich da und konnten auf keinerlei Spezialkenntnisse, die nicht in der Allgemeinbildung verankert waren, zu greifen. Eine Art der Verblödung, welche aufgrund der Technologisierung nicht zu verhindern war.
Nachdem das Netzwerk wieder verfügbar war und die Filterung tadellos griff, besann man sich jedoch im Administratorendom eines Besseren. Die Klone mussten ab diesem Zeitpunkt zu regelmäßigen Weiterbildungen in spezielle Gebäude, welche eine hundertprozentige Abschirmung gewährleisteten, um ihre Gehirne zu trainieren. Besonderer Wert wurde auf eigenständige Problemlösungen gelegt, egal ob allein oder im Team. Ein solches Desaster durfte es nicht nochmals geben.
Shus Blick richtete sich nach vorne und in Richtung des Doms, in welchem der Urvater ihrer unendlichen Klonreihen saß.
„Willkommen, Shu“, hub Osiris freudestrahlend an und erhob sich hinter seinem Schreibtisch.
„Hallo Administrator!“
„Aber bitte. Nicht so förmlich. Sag an, was ist ihr Begehr?“, fragte Osiris betont auffordernd und deutete auf eine bequeme Sitzecke inmitten einer Insel aus lebenden Pflanzen.
„Danke“, setzte Shu an, nachdem sich beide gesetzt hatten. „Es geht um die Daten der Kampfinsel Velora.“
„Ah!“, Osiris‘ Blick verfinsterte sich etwas. „Sitzt ihr immer noch an den Daten?“
„Ja. Und so wie es sich darstellt ist da was.“
„Das Netzwerk hat nach dem großen Absturz leider nicht mehr viel darüber zu erzählen.“
„Ja, daher sind Apophis und ich auch auf altherkömmliche Art und Weise bei der Datenauswertung.“
„Und was habt ihr gefunden?“, hakte Osiris nach.
„Es gab scheinbar einen Unfall und der hat dazu geführt, dass die Velora, ebenso wie zuvor das A-D-T-S Vintara verloren ging.“
„Hmmm… Was schlägst du vor?“
„Wir sollten tiefgründiger Nachforschen.“
„Du meinst das Risiko eingehen ein weiteres Schiff in den Sektor des Fremduniversums auf Transferebene Alep3 zu schicken und es auch zu verlieren?“
„Administrator. Die Daten sind zwar größtenteils unbrauchbar, aber was ist und das ist jetzt meine persönliche Einschätzung, wenn es am Ende kein Unfall war, sondern dort etwas existiert was uns beide Schiffe kostete. Was ist, wenn dieses Etwas nicht nur auf Ebene 3 existiert, sondern auch in anderen Paralleluniversen. Du weißt, dass die Zeit knapp wird und wir uns extreme Gedankenspiele und weitere Verzögerungen kaum leisten können.“
„Ja. Du hast recht“, murmelte Osiris und strich sich über die linke Hand, wirkte sichtlich nervös.
„Wir brauchen eine Entscheidung. Apophis und ich sind uns einig, dass wir unsere beiden Kampfinseln Attikon und Byblos vor Ort schicken sollten. Damit wäre das Risiko, dass es wieder zu einem Totalverlust kommt minimiert.“
„Hmmm…“, Osiris erhob sich langsam, schaute Shu nachdenklich an. „Vielleicht hast Du recht. Ich werde das mit Isis und dem Rest des Leitungsteams besprechen. Du wirst in Kürze Bescheid bekommen.“
Shu erhob sich ebenfalls und schaute den Administrator an. „Schiebt die Entscheidung bitte nicht zu lange auf.“
„Ja. Ich werde den Rat sofort einberufen. Danke für Deinen Besuch“, schloss Osiris das kurze Gespräch ab.
Als Shu einige Zeit später wieder im Ermittlungsgebäude ankam und auf Apophis traf, stand die Entscheidung so gut wie fest.
Beide geforderten Kampfinseln sollten vorbereitet werden und Osiris selbst würde als leitender Administrator die Byblos besetzen. Des Weiteren wurde die Entscheidung getroffen eine unbemannte Sonde durch einen kleineren Transfertunnel zum Elara-System zu schicken. Immerhin verschwand die Vintara auf dem Weg dorthin und die Velora in einem ganz anderen Sternensystem und wenn Shu recht haben sollte und es sich tatsächlich um keine Unfälle handelte, dann würde es innerhalb der Transferebene Alep3 ein wirkliches Problem geben, wenn es zu einer Umsiedlung der Antermerianer dorthin kommt.
„Womit beginnen wir?“, stellte Osiris seine Frage an die Runde.
Die Runde, das waren Re, Ammon und Mafdet, saß im Kreis und überlegte angestrengt.
„Ich würde vorschlagen, dass wir zunächst die unbemannte Sonde starten und diese durch den Tunnel ins dortige Elara-System schicken“, hub Mafdet an.
„Hast du einen bestimmten Grund dafür?“, fragte Re.
„Das erste Schiff was verloren ging war die Vintara. Egal wie oft wir die verbliebenen Aufzeichnungen umgraben, wir wissen nicht was genau passiert ist. Und die Wahrscheinlichkeit, dass genau dort alles anfing, ist extrem hoch“, entgegnete Mafdet.
„Hmmm…, aber was hat es mit der Velora auf sich und vor allem 30 Lichtjahre entfernt vom ersten Schauplatz?“, gab Ammon zu bedenken.
„Ich glaube nicht an einen Zufall“, warf Osiris ein. „Wie ihr wisst hatte Shu mit mir gesprochen und er und auch Apophis teilen die Meinung, dass es sich um einen Unfall handeln könnte, aber genauso gut um Absicht.“
„Aber wer sollte uns dort auflauern?“, fragte Mafdet und biss sich im gleichen Augenblick auf die Zunge. „Die Abtrünnigen… Aber wir haben schon seit Ewigkeiten nichts mehr von denen gehört oder gesehen.“
„Irgendwann ist immer das erste Mal, auch wenn es nach Urzeiten zu einer Wiederholung kommt. Wir wissen auch, dass der Aufstand und die Flucht, Tausenden von Klonen das Leben kostete und dass die Abtrünnigen definitiv nicht zögern werden wieder zu den Waffen zu greifen“, erwiderte Ammon.
„Dann müssen wir gleichzeitig zwei Tunnel öffnen“, entschied sich Osiris. „Einer ins Elara-System und einer in das Sternensystem in dem die Velora verloren ging.“
„Eine gute Idee“, bestätigte Mafdet und nickt etwas schräg.
„Gut, dann machen wir das so“, hub Re an und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Osiris. Du solltest alle auf einen Kampf einschwören. Wenn es am anderen Ende des Dimensionstransfers friedlich sein sollte und es tatsächlich nur Unfälle waren, umso besser für uns. Falls, aber nicht …“, begann Ammon.
„… dann sind wir schon Mal gewappnet“, schloss Osiris dessen Gedanken ab.
„Genauso ist es“, hub Ammon wiederholt an, machte dann aber eine unauffällige Geste in Osiris‘ Richtung, so dass dieser angehalten war leicht irritiert zu schauen, aber Sekunden später nickte. „Re, Mafdet“, setzte Ammon fort, „Würdet ihr uns allein lassen, es geht im weiteren Verlauf nur um uns beide.“
Die angesprochenen Antermerianer erhoben sich schweigend und verließen den Raum. Nachdem die Tür sich wieder geschlossen hatte, drehte sich Ammon zu Osiris und starrte ihn für einige Augenblicke ohne ein Wort zu verlieren an.
„Um was geht es?“, fragte Osiris schließlich ins Schweigen hinein.
Der Gefragte sagte weiterhin nichts, stand auf, ging zu einem Wandtresor, öffnete diesen und kehrte mit einem relativ schmalen Aktenordner zurück, setzte sich wieder. „Lies‘ es!“
„Klär mich bitte auf. Was ist los, dass du mich zu diesem geheimnisvollen Gespräch hier behältst?“
„Ich gebe einstweilen nur dir die kompletten Daten und Vermutungen. Selbst Shu und Apophis haben nicht alle Informationen und das ist gut so.“
„Du sprichst in Rätseln“, knurrte Osiris ungehalten. „Die Situation gefällt mir gerade gar nicht.“
„Mir auch nicht. Es geht schlichtweg darum, dass wir nur einen sehr eingeschränkten Kreis einweihen dürfen.“
„Und das wären?“
„Dich und Isis.“
„Und in weiterer Folge? Wie mir scheint ist es gut, dass wir Neun ein Datentransferimplantat haben, das nicht alles ins zentrale Netzwerk überträgt, sondern nur gezielt selektiertes. - Ammon, wir sind seit Äonen befreundet und selbst Fehler die begangen wurden in der Vergangenheit haben daran nichts geändert. Sag was dich umtreibt.“
„Nun gut!“, erhob Ammon seine Stimme. „Es geht darum, dass wir im weiteren Verlauf Seth, Maahes, Sobek, Sachmet und Anubis einweihen müssen. Ihr seid die Köpfe des Ganzen.“
„Ah, klingt nach einer Verschwörung.“
„Nicht ganz, auch wenn es so aussieht. Die Klone haben eine auf 1.000 Jahre begrenzte Lebensdauer und wissen das auch, aber wir sind natürlich bedingt, geradezu unsterblich. Das verschafft uns einen Vorteil. Leider auch den Abtrünnigen.“
„Ah, da kommen wir doch zum Punkt. Du weißt mehr, als du preisgeben wolltest.“
„Mafdet und Re müssen nicht alles wissen, wenn du verstehst was ich meine.“
„Nicht ganz, aber unterrichte mich weiter“, forderte Osiris auf.
„Die Daten die ins Netzwerk übertragen wurden sind in der Tat nicht vollständig, allerdings ist das Puzzle fast ein komplettes Bild, wenn man Eins und Eins zusammenzählt.“
„Du spielst auf die Abtrünnigen an? Die haben wir seit Jahrmillionen nicht mehr gesehen.“
„Das mag sein, aber alles deutet daraufhin, dass sie wieder da sind und stärker sind als je zuvor.“
„Das klingt jetzt sehr unheilvoll.“
„Ist es auch. Scheinbar verfügen sie über eine Waffe die wir uns nicht erklären können."
„Und du meinst, dass die Vintara und Velora dieser zum Opfer gefallen sind?“
„Genau das meine ich. Es scheint sich um ein Schiff zu handeln. Ein Schiff, welches offensichtlich im Elara-System des Paralleluniversums gebaut wurde und im Umkreis von Lichtjahren sein Unwesen treibt.“
„Das ist in der Tat beunruhigend. Was schlägst du vor?“
„Wir schicken die unbemannte Sonde durch den Dimensionstunnel ins Elara-System, zeitgleich wirst du mit der Byblos und der Attikon dreißig Lichtjahre entfernt auftauchen und dich in dem dortigen Solarsystem umschauen. Ich vermute, dass es dort sehr viel zu sehen geben dürfte.“
Osiris blätterte etwas in den Unterlagen und hob eine Augenbraue. „Wenn ich das richtig lese, dann ist es im Rahmen des Möglichen, dass wir dort auf Leben treffen?“
„Genauso ist es. Die von uns zurückgehaltenen Daten besagen, dass auf dem dritten Planeten des Systems lebensfreundliche Bedingungen existieren, ebenso auf dem vierten. Daher vermuten wir, dass sich die Abtrünnigen dort aufhalten könnten.“
„Oder noch mehr…“, murmelte Osiris.
„Flieg dort hin und sondiere die Lage. Sollte es auf dem dritten und vierten Planeten Leben geben, dann stufe es entsprechend ein und handle. Du hast alle Vollmach-ten.“
„Die da wären?“
„Entscheide, wenn es sich weiter entwickeln soll, dann halte dich zurück, greife nur notfalls subtil ein.“
„Und auf der anderen Seite?“
„Vernichte es!“, grollte Ammon unheilschwanger.
„Das klingt so absolut“, seufzte Osiris.
„Leider ist es das auch. Null Toleranz, wenn es sich um eine genetische Entwicklung der Abtrünnigen handelt. Wir können uns keine Zweigströmung der Rebellen leisten.“
„Und was ist, wenn es dort vernunftbegabtes Leben gibt und die nicht einmal wissen was sie sind? Ich meine damit, wo sie ursprünglich herkommen?“
„Dann greife subtil ein, wenn du es wirklich für nötig hältst. Eigentlich dürfen wir das nicht, aber da pfeife ich auf das oberste Gebot und setze andere Prioritäten“, schloss Ammon das Gespräch ab, erhob sich und deutete mit finsterer Miene zum Ausgang.
„Ich werde es, wie schon erwähnt, mit Isis besprechen. Einen angenehmen Abend noch“, erwiderte Osiris und verließ den Raum.
‚Das hat er sich ja fein ausgedacht‘, dachte er noch im Gehen.
Eine Stunde später traf Osiris daheim ein und begrüßte seine Gemahlin unheil-schwanger.
„Was hast Du?“, fragte Isis sichtlich irritiert.
„Ich hatte ein Gespräch mit Ammon, welches sehr verstörend war.“
„Um was genau geht es?“
„Es geht um die Dimensionstransferebene Alep3 und um dort möglicherweise vorhandene Gefahren und Lebensformen“, entgegnete er und knallte das Papierbündel auf den Tisch, fuhr dann fort: „Das Ganze geht erst einmal nur uns beide etwas an. Ammon besteht darauf.“
„Papierakten? Ach Du meine Güte. So etwas habe ich ja seit Jahrtausenden nicht mehr gesehen“, versuchte Isis die Stimmung aufzulockern.
„Das sollte Dir zu denken geben.“
„Dann schieß mal los.“ Isis richtete ihre Aufmerksamkeit komplett auf ihren Ehemann.
„Die Aufzeichnungen, die Datenübertragungen ins Netzwerk, sind nicht so zerstückelt wie wir annahmen. Vielmehr ist es wohl so, dass da mehr erhalten blieb als gedacht und viel mehr als es alle glauben sollen. Ammon hat da seine Finger im Spiel.“
„Hört sich wie eine Verschwörung an“, entglitt es Isis.
„Stimmt auffallend. Nun gut. Es geht darum, dass die Vintara und Velora scheinbar auf etwas gestoßen sind, was eine ernsthafte Bedrohung sein könnte.“
„Und das wäre?“
„Die Abtrünnigen oder vielleicht sogar noch etwas schlimmeres.“
„Ich dachte, dass die in Raum und Zeit verschollen wären.“
„Nicht so verschollen wie wir es gerne hätten. Es erweckt den Anschein, dass die wohlauf sind und da etwas entwickelt haben, was uns das Genick brechen könnte.“
„Was schlägt Ammon vor?“, fragte Isis zielgerichtet.
„Er will eine unbemannte Sonde ins entsprechende Paralleluniversum schicken, die soll das dortige Elara-System untersuchen. Die Vintara stieß dort auf etwas was sie am Ende vernichtet hat.“
„Und was macht ihn so sicher?“
Osiris griff nach den Akten und schlug sie auf, begann kurz zu blättern. „Die letzte Datenübertragung lässt auf ein gigantisches Schiff schließen, welches definitiv nicht von uns stammt und die Vintara extrem überraschend angriff. Außerdem fällt in einem Fragment der Name Marduk.“
„Also tatsächlich die Abtrünnigen?“
„Sieht schwer danach aus.“
„Und was ist mit der Velora?“
„Da kommen wir zum nächsten Punkt. Ammon möchte, dass ich mit zwei Kampfinseln in ein noch unbekanntes Sternensystem fliege und dort alles untersuchen soll. Die Wahrscheinlichkeit, dass es dort Leben gibt ist sehr hoch. Ich soll es untersuchen, Stellung beziehen, beobachten, eine Wertschätzung abgeben und nach meiner eigenen Einschätzung eingreifen.“
„Was heißt eingreifen? Von den anderen Forderungen sehe ich jetzt mal ab“, erwiderte Isis sichtlich zerknirscht.
„Einschätzen, ob das dortige Leben eine Bedrohung darstellt, moderat eingreifen oder vernichten.“
„Vernichten? Was hat Ammon jetzt geritten?“
„Er wird seine Gründe haben, denn er ließ etwas sehr kryptisch durchblicken, dass es sich bei dem dort vorhandenen Leben unter Umständen um Ableger der Abtrünnigen handeln könnte, wenn nicht sogar um diese selbst.“
„Hmmm …, wenn wir tatsächlich dort siedeln wollten, dann wäre es besser eine solche Einschätzung einzuholen.“
„Ja, aber mir widerstrebt der Gedanke der Vernichtung. Wir sind mit so vielen Völkern in friedlicher Koexistenz, haben uns stets um Frieden bemüht und jetzt das …“, gab Osiris von sich und verstummte.
„Dass Du mich für unbestimmte Zeit allein lässt ist das Eine und damit muss ich leben. Allerdings weiß ich, dass es nicht für immer sein wird. Aber diese Entscheidung zu fällen ist mehr als unangenehm.“
„Ich werde fliegen und die anderen aus unserer Führungsebene mit einbeziehen.“
„Du meinst Anubis, Maahes, Sachmet, Seth, Sobek, Toth und Ptah?“
„Genau die meine ich. Ammon wollte damit noch warten, aber ich greife ihm da vor.“
„Ich hoffe, dass Du das Richtige machst.“
„Ich auch“, schloss Osiris ab und umarmte Isis fest, welche seine Nähe erwiderte und ihn zärtlich zu streicheln begann.
„Alles wird gut, meine Liebste“, flüsterte Osiris.
„Ja, ich weiß, aber das sagst du immer und dann wird es nur noch schlimmer.“ Isis kraulte ihm bei ihren Worten den Nacken und begann ihn zu küssen, bevor er irgendetwas antworten konnte.
„Du weißt genau, dass ich an dieser Stelle schwach werde“, gab er leise gurrend von sich.
„Genau das will ich auch. Immerhin werde ich dich lange Zeit nicht mehr sehen und da möchte ich diesen Augenblick genießen.“
„Du schaffst es immer wieder“, flüsterte er und gab willig nach, löste sich aus Isis‘ Umarmung, nahm sie bei der Hand und führte sie huldvoll ins Schlafzimmer.
Am nächsten Morgen saßen beide beim Frühstück und schwiegen zunächst.
„Hältst du das wirklich für notwendig?“, versuchte Isis ihren Gemahl zum Einlenken zu bringen.
„Definitiv nicht. Ich habe mir auch überlegt die anderen, also Anubis und Anhang zunächst nicht zu informieren. Ich möchte erstmal die Daten der unbemannten Sonde nach dem Durchtritt durch die Transferebene Alep3 ins Elara-System abwarten“, antwortete Osiris.
„Hattest du nicht gestern gesagt, dass Ammon es wünscht, dass ihr zeitgleich mit den Kampfinseln Attikon und Byblos aufbrecht und im Sektor 4 Position bezieht?“
„Ja, aber das wäre unsinnig, wenn ich es genau betrachte. Es mag sich um die Abtrünnigen handeln, aber wenn nicht, dann würden unter Umständen wertvolle Ressourcen gebunden und wenn dann unerwartet tatsächlich die Abtrünnigen auf-tauchen sollten und das auch noch an ganz anderer Stelle, dann wäre unsere Heimatwelt womöglich geschwächt.“
„Da gebe ich dir Recht. Und so wie sich das Ganze anhört, könnte es sich sogar um eine absichtlich gelegte Falle handeln“, gab Isis zu bedenken.
„Ich werde mich mit Ammon beraten“, sagte er kurz, erhob sich und betrat den Nebenraum.
Nachdem er am Schreibtisch Platz genommen hatte, aktivierte er das Com: „Osiris hier. Ammon! Bist du zugegen?“, meldete er das Gespräch an.
„Hier Ammon. Ich grüße dich. Wie es aussieht hast du noch etwas auf dem Herzen?“
„Davon kannst du ausgehen.“
„Dann schieß los.“
„Es geht mir um die Kampfinseln Byblos und Attikon.“
„Was ist damit?“
„Ich bin der Ansicht, dass wir erst die Daten der unbemannten Sonde aus dem Elara-System abwarten sollten.“
„Was veranlasst dich zu diesen Gedanken?“
„Was ist, wenn es sich um eine Falle handelt?“
„Du meinst, dass man uns dazu bringen möchte die Inseln von Antermerius abzuziehen?“
„Ja.“
„Hmmm …, wenn es deine Ansicht ist, dann teile ich sie gerne und so werden wir dann auch verfahren. Warten wir erstmal die Daten ab“, entgegnete Ammon und machte dabei einen zufriedenen Gesichtsausdruck.
„Du stimmst zu? Einfach so?“
„Ich sehe, dass du besorgt bist und ich teile deine Bedenken durchaus.“
„Gestern klang das aber noch ganz anders“, knurrte Osiris vor sich hin.
„Lass es mich so ausdrücken, es gibt die Daten und damit Fakten und es gibt Hinweise und Mutmaßungen. In Gang gesetzt hatten das Ganze Shu und Apophis, woraufhin ich dich hierher bat und Mafdet und Re mit einbezog. Habe ich was ausgelassen?“, fuhr Ammon unwirsch auf.
„Nein. Entschuldige bitte, ich wollte dich nicht angreifen.“
„Gut. Dann warten wir die Daten der Sonde ab. Sie startet in drei Adaster.“
„Oh, das ging jetzt aber schneller als ich dachte.“
„Du musst auch nicht alles wissen“, versuchte Ammon die Stimmung etwas zu lockern.
„Wann werden wir die ersten Daten erhalten?“, bohrte Osiris.
„Ich schätze, in zwanzig Adaster sollten wir genaueres wissen.“
„Ausgezeichnet. Sei so nett und halte mich auf dem Laufenden“, wollte Osiris zum Schluss kommen, aber Ammon hob eine Augenbraue und hub nochmals an: „Nicht so schnell, mein Bester. Nimm deine bessere Hälfte und finde dich im umgehend im Verteidigungszentrum ein.“
„Ist das ein Befehl?“
„Ich würde es eher als eine eindringliche Bitte bezeichnen. Das klingt nicht so herrisch.“
Osiris seufzte und gab schließlich seine Einwilligung, woraufhin das Gespräch als beendet galt.
„Isis!“, rief er hinüber ins Esszimmer.
„Ja, was gibt es?“
„Zieh‘ dich an, wir fliegen in die Verteidigungszentrale. Ammon besteht darauf.“
„Darf ich fragen was ihn geritten hat?“
„Die unbekannte Sonde, welche in drei Adaster startet und noch vor Ende des nächsten Tages die ersten Daten liefern wird.“
„Oh! Hört sich ja nach einem dringenden Notfall an.“
„Für ihn scheint es einer zu sein. Also, hopp, hopp!“
„Und was ist mit den beiden Kampfinseln?“, setzte Isis ihre Fragestunde fort, als sie den Raum betrat.
„Erst einmal auf Eis gelegt, bis die Daten da sind. Er teilt unsere Bedenken.“
„Oh, das ist ja mal ganz was Neues.“
„Ich habe bei der Sache ein ganz mulmiges Gefühl.“
„Dann lass uns aufbrechen.“
Eine Stunde später trafen beide am Gebäude des Verteidigungszentrums ein, betraten es über ein weitläufiges Foyer.
„Irgendwie hatte ich gehofft dieses Bauwerk nur noch von außen sehen zu müssen“, hub Isis an.
„Frag mich mal. Das Ambiente gefällt mir nicht. Es wirkt so klinisch steril.“
Und in der Tat, hatte das Verteidigungszentrum des Planeten Antermerius nichts Anheimelndes zu bieten. Das Foyer war komplett verglast, von einer Kuppel über-dacht die viel zu protzig wirkte und den Empfangstresen mittig im Raum noch winziger aussehen ließ, als er eh schon war. Das Gebäude selbst stammte komplett aus einer Ära die schon längst vergangen war und in welcher man noch auf Beeindruckung setzte anstatt auf Taten. Lediglich der Inhalt des Ganzen hatte sich entscheidend geändert und so eilten geschäftige Klone ihrem Tagwerk hinterher oder voraus, waren mit Datenpads zugange und ignorierten vehement die Anwesenheit der Anderen.
Die Gänge selbst waren komplett in Weiß gehalten, der Boden mit schwarzem Granit ausgelegt und nicht einer dieser Flure bot eine Abwechslung für die Augen. Es gab keinen Schmuck, keine Bilder, keine Pflanzen, nicht einmal einen leichten Links- oder Rechtsbogen innerhalb eines der Korridore. Alles war kerzengerade angelegt und wirkte schier endlos.
Osiris gab sich einen Ruck, begab sich zum Empfangsschalter und stellte sich kurz vor.
Die Antwort des Ptah-Klons der achtzigsten Generation war zwar präzise, aber nicht sonderlich ausführlich und schon gar nicht warmherzig. „Gehen sie den rechten Gang bis zum Ende, dann folgen sie der roten Markierung. Die Tür ist nicht zu verfehlen. Einen angenehmen und erfolgreichen Tag.“
„Danke!“, knurrte Osiris leise, schaute Isis zu seiner Linken an und deutete mit dem Kopf kurz in die entsprechende Richtung.
Während sie dem Gang folgten versuchte Isis ein lockeres Gespräch zu beginnen. „Was wäre eigentlich, wenn wir nicht der roten Markierung folgen würden?“
„Das wäre nicht so klug, außerdem habe ich keine Lust mich mit Seth-Klonen herumzuärgern. Die sind nämlich ziemlich unwirsch und können extrem aufdringlich werden. Tu‘ ich mir also nicht an.“
Wenig später hatten sie ihr Ziel erreicht und betraten durch eine Automatiktür, welche sich mit einem leisen Summen öffnete, den dahinterliegenden Raum.
„Grüße Osiris und Isis!“, hub Anubis an, welcher deren Ankunft als erster bemerkte, während der Rest sich auf die 3D-Hologramme und Datenmonitore konzentrierte.
„Grüße zurück. Wie ich sehe sind die wichtigsten Personen bereits anwesend“, floskelte Isis.
„Ammon bestand auf unsere Anwesenheit und wie es scheint auch auf die Eure.“
„Das kannst du laut sagen. Was gibt es Neues?“, schwenkte Osiris von der Begrüßung zum Sachlichen um.
„Bisher wenig. Die Sonde wurde eher gestartet und befindet sich außerhalb unseres inneren Systems. Die Transfersequenz steht unmittelbar bevor“, mischte sich Sachmet ein, welche sich von ihrem Hologramm trennte und zu den dreien hinüber sah.
„Hallo Sachmet“, floskelte Isis wiederholt freundlich.
„Ich grüße dich“, kam ihre Antwort und ein breites Lächeln zierte ihre Löwenlippen.
„Genug der Freundlichkeiten“, fuhr Ammon dazwischen. „Es wird Zeit. Wir leiten den Transfer ein.“
„Aye, Supervisor!“, bestätigte Sobek und begann mit der entsprechenden Sequenz. „Tunnel wird geöffnet, alles im nominellen Bereich“, bestätigte Maahes, welcher links von ihm stand und sich sehr bemüht auf seinen Datenmonitor konzentrierte.
„Sprung, sobald die Passage stabil ist“, befahl Ammon.
„Aye! Sprung in zehn Sekunden.“
Es war soweit, der Dimensionstransfertunnel hatte sich geweitet, hatte die nötige Stabilität und die Sonde steuerte zielstrebig hinein.
Aber irgendetwas war merkwürdig. Dahinter zeigte sich keine unbekannte Sternenkonstellation, vielmehr schien es, dass die Sonde ins Nichts einzutauchen schien.
Plötzlich schrie Sachmet: „Abbruch! Sofort abbrechen! Wir verlieren sonst die Sonde. Der Transfer ist nicht stabil oder wird von irgendetwas beeinflusst.“
Es war zu spät. Immer schneller werdend und wie von Geisterhand gezogen bewegte sich die Sonde in den Wirbel hinein und verschwand schließlich.
„Was war das?“, fragte Isis verwirrt.
„Ich weiß es nicht“, antwortete Sachmet. „Aber die Daten widersprachen sich plötzlich.“
„Haben wir die Sonde verloren?“, fragte Ammon dazwischen.
„Einen Moment Supervisor! Ich prüfe es“, erwiderte Maahes die Anfrage.
Kurze Zeit später hub der Löwenköpfige an: „Negativ! Die Sonde ist durch einen scheinbar toten Zwischenraum genau dort aufgetaucht wo sie hin sollte.“
„Toter Zwischenraum? Wo kommt der her?“, polterte Osiris.
„Ich weiß es nicht“, knurrte Maahes.
„Aber ich, zumindest habe ich eine Vermutung“, ging Ammon dazwischen.
„Wir sind ganz Ohr“, mischte sich Anubis ein.
Der Supervisor atmete tief durch und legte die Karten auf den Tisch: „Die Vintara ging nicht durch einen Unfall verloren. Vielmehr ist es eher so, dass sie von einem vollkommen neuartigen Schiff der Abtrünnigen angegriffen wurde und die beiden gemeinsam durch einen sich überlappenden Transfertunnel sprangen. Was mittendrin passierte weiß ich nicht. Aber scheinbar ist durch diese Unregelmäßigkeit dieser Zwischenraum entstanden.“
„Wie schön, dass wir das jetzt auch wissen“, polterte Osiris. „Deine Unterlagen gaben darüber keinerlei Auskunft.“
„Hört, hört!“, hub Sobek an. „Da tut sich wohl eine kleine Verschwörung auf.“
„Quatsch!“, schnauzte Osiris. „Ammon gab mir lediglich Unterlagen, die ich mir ansehen sollte. Er wollte zunächst nur mich und Isis einweihen. Ich zog es in Erwägung euch noch vor der Zeit ebenso einzuweihen, verwarf es aber schließlich, weil ich zunächst die Sondendaten abwarten wollte.“
„Hmmm … das ist ein plausibles Argument“, flüsterte Sachmet.
„Eben. Das Ammon den Starttermin der Sonde mir gegenüber auf drei Tage später ansetzte und ihn dann doch so schnell vorzog, konnte ich mir zunächst auch nicht erklären“, erklärte Osiris.
„Wie dem auch sei“, versuchte Ammon die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen, „wir sind jetzt alle hier. Die Sonde ist dort wo sie sein soll und wird in Kürze Daten liefern.“
„Trotzdem ist das ein ziemlich dunkles Spiel, Ammon“, wandte sich Isis an ihn.
„Dafür muss ich mich nicht rechtfertigen, denn das was wir da finden wird einiges erklären.“
„Da bin ich gespannt“, seufzte Maahes und hob die Arme kurz in die Luft.
„Die ersten Daten kommen“, verkündete Sachmet in die Runde und löste damit die finsteren Mienen auf, welche sich zu großem Interesse wandelten.
„Bericht!“, ordnete Ammon an.
„Transfertunnel Alep3 im Sektor 12 verlassen, alle Systeme im Normbereich. Zielsystem erreicht. Solarsystem mit einem Stern vom Spektraltyp G, zwölf Planeten auf elliptischen Bahnen, vier Planeten gegenläufig und überkreuzende Bahnen. Der vierte Planet hat eine Sauerstoff-Stickstoff-Atmosphäre.“
„Aktivitäten?“, hakte Ammon nach.
„Kann ich aus dieser Entfernung nicht sagen.“
„Lass die Sonde in einen Orbit einschwenken und untersuche die Oberfläche genauer“, befahl Ammon.
„Aye!“
Minuten später kamen die ersten Scannerdaten.
„Sauerstoff-Stickstoff-Atmosphäre bestätigt“, hub Sachmet an. „Drei Kontinente im Anflug direkt sichtbar und eine größere Insel auf der Rückseite des Planeten nach der ersten Umrundung entdeckt. Es gibt Steppen-, Urwald und Wüstenregionen sowie ein massives Gebirge in Richtung Norden der größten Landmasse.“
„Lebewesen?“, fragte Osiris in den Raum.
„Ich scanne nach Biosignaturen“, entgegnete Sachmet lapidar.
Ammon richtete seinen Blick auf die Löwenköpfige und machte ein angespanntes Gesicht.
„Es gibt Lebensformen. Mehrere Gebiete zeigen erhöhte Werte, andere sind quasi tot.“
„Wo genau befinden sich die Zentren und vor allem, gibt es erhöhte Energiewerte?“, hakte Ammon nach.
„Sekunde!“, mahnte Sachmet zur Geduld.
„Ich warte!“ Ammon wurde etwas unwirsch.
„Ja. Die stärksten Biosignaturen stammen aus den bewaldeten Regionen. Genaueres kann ich nicht sagen. Stärkere Energiesignaturen empfange ich vom zweitgrößten Kontinent, allerdings, und das ist merkwürdig, stammen die von irgendetwas unter dem Boden. So wie es aussieht aus einigen Hohlräumen bis zu 800 Mitrox Tiefe.“
„Treffer! Da sitzen sie. Was ist mit dem Mond?“
„Keinerlei Aktivitäten auf dem Trabanten.“
„Da setzen wir an“, verkündete Ammon. „Umkreisung des Mondes und dann tiefer gehen. Ich will eine genaue Erkundung. Wenn wir die Daten haben, steuere die Sonde zum Planeten und gehe im Tiefflug über den zweiten Hauptkontinent, setze dort die Überwachungsmodule ab. Sie sollen einen Zugang zu den Hohlräumen finden. Ich bin überzeugt, dass sich die Abtrünnigen dort unten aufhalten. Und bringe mir auch gleich noch Daten von der Flora und Fauna.“
„Verstanden! Die Sonde ist auf dem Weg“, bestätigte Sachmet.
Sechs Adaster vergingen. Die Sonde hatte mittlerweile den achten Umlauf um den Mond absolviert, ging mit jeder Umrundung tiefer, drang schließlich in die extrem dünne Atmosphäre eine und fegte in tausend Mitrox Höhe über die zerklüftete Oberfläche hinweg.
„Vollkommene Inaktivität“, verkündete Maahes.
„Bestätigt“, mischte sich Sachmet ein. „Auf dem Mond gibt es keinerlei tektonische Aktivitäten. Der Kern ist komplett erstarrt. Es gibt einige ehemalige Vulkane, ausgedehnte Calderen und erweiterte Felsformationen.“
„Gibt es eine Fläche mit der man etwas anfangen kann?“, fragte Ammon.
„Was wollen wir denn dort starten?“, fragte Osiris dazwischen.
„Wie wäre es mit einer Basis um das Geschehen zu beobachten. Wenn sich die Abtrünnigen wirklich auf Genro aufhalten sollten, dann müssen wir deren Aktivitäten genauestens unter die Lupe nehmen. So etwas wie mit der Vintara und Velora darf nicht noch einmal geschehen.“
„Ah, ich verstehe“, murmelte Isis vor sich hin und schaute nicht sonderlich glücklich.
„Ammon!“, ging Sachmet dazwischen. „Die Sonde meldet eine Art Plateau. Es liegt an der Grenze der Hemisphären. Ausdehnung zwanzig mal vierzig Kilomitrox. Es ist leicht oval und zwischen einhundert und zwanzig Mitrox höher gelegen wie der Rest der Oberfläche.“
„Hervorragend. Da werden wir starten. Das ist unser Ziel“, frohlockte Ammon und stellte sich zwischen Maahes und Sachmet. „Ah! Das ist geradezu perfekt“, fuhr er fort, als er auf die Daten sah. „Der Mond hat eine gebundene Rotation und der größte Teil des Plateaus liegt auf der abgewandten Seite. Ich habe da schon phantastische Ideen wie wir das nutzen können.“
„Was sollen wir jetzt tun?“, fragte Anubis.
„Markiert die Stelle nach dem nächsten Überflug mit einer inaktiven Bodenboje. Wir wollen kein aktives Leuchtfeuer setzen und andere aufmerksam machen.“
„Aye, Sir! Boje wird gesetzt“, bestätigte Anubis.
„Und anschließend direkt zum Planeten?“, holte sich Maahes die Bestätigung ein.
„Genauso ist es. Wir wollen keine Zeit verlieren.“ Ammon klopfte dem Löwen freundlich auf die linke Schulter. „Ausgezeichnete Arbeit.“
„Bodenboje abgesetzt“, rief Anubis dazwischen.
„Sehr gut und jetzt ab nach Genro.“
„Aye! Wir sind auf dem Weg“, bestätigte Maahes wiederholt und ließ die Sonde den Bereich des Mondes verlassen und Kurs auf den Hauptplaneten nehmen. „Ankunft in vier Adaster, erstes Ziel ist der Hauptkontinent im bewaldeten Bereich.“
„Alles klar. Mach es so.“
„Wieso sind wir eigentlich nicht selbst durch den Transfertunnel gesprungen?“, fragte Isis unbedarft.
„Ganz einfach. Es ist mehr als gefährlich persönlich dort aufzutauchen. Die Signatur der Sonde und einen Tunnel kann man, mit etwas gutem Willen, als Fehler in den Scannerdaten auffassen. Selbst der Mikrotunnel, welchen wir jetzt zur Datenübermittlung offen halten, kann auf die falsche Interpretation eines natürlichen Phänomens zurückgeführt werden.
Wenn wir jetzt aber zu fünft oder gar zu neunt transferiert wären, dann wäre es sofort aufgefallen. Eine Vielzahl von Dimensionstransfertunneln kann nur auf künstlichem Wege entstehen und dann wären die Abtrünnigen gewarnt. Abgesehen davon hätten wir sonst wo aus der Phasenverschiebung auftauchen können und wären womöglich noch in einem plötzlich ausgebrochenen Vulkan hindurchgetreten.
Wir mögen zwar so gut wie unsterblich sein, aber austesten will ich das nicht.“
„Da gebe ich dir allerdings recht“, bejahte Osiris das Gehörte.
„Wie wäre es mit einem schönen Becher Kaffee?“, warf Anubis ein. „Ich könnte jetzt einen gebrauchen und warten müssen wir eh. Die Sonde ist auf automatischer Kursverfolgung und über mein Datenarmband bekomme ich Bescheid, wenn die Sensoren die ersten Daten liefern.“
„Ausgezeichnete Idee. Zuweilen denkt unser Schakalköpfchen mit“, witzelte Ammon.
Der Angesprochene knurrte leise vor sich hin und schüttelte sich widerwillig, ob der Bezeichnung.
Zwei Räume weiter stand kurze Zeit später das gewünschte Getränk zur Verfügung und labten sich die Beteiligten, an der schwarzen, heißen Flüssigkeit.
„Wie laufen eigentlich die Vorbereitungen der Byblos und Attikon?“, warf Ammon in den Raum.
„Wir haben die erweiterten Aufrüstarbeiten einstweilen auf Eis gelegt“, hub Osiris an. „Die Basisarbeiten haben Vorrang.“
„Aha“, murmelte Ammon einsilbig.
„Ich will erst einmal abwarten was die Sonde sagt, bevor ich die angepassten Funktionen in Auftrag gebe. Die Startbereitschaft, mit den grundlegenden Eigenschaften innerhalb der Defensive und Aktive, sollte in fünf Tagen hergestellt sein. Abhängig von den Sondenübermittlungen werde ich die angepassten Optionen in Auftrag geben.“
„Sehr gut!“, entfuhr es Ammon begeistert.
„Was erwartest du? Ich will nicht zu meinem eigenen Ende fliegen und es wird eine verdammt lange Zeit werden, die ich mit der Besatzung dort verbringen werde.“
„Stimmt“, mischte sich Isis ein. „Jahrtausende in denen ich meinen Ehemann nicht sehen werde.“
„Ich weiß“, grollte Ammon widerwillig. „Du musst mir diese Entscheidung nicht noch unter die Nase reiben. Wenn wir die Daten haben, dann genehmige ich euch beiden eine Ruhezeit von 48 Adaster.“
„Sehr nett von dir und wir werden die Zeit gut nutzen“, flötete Isis und sah Osiris vielsagend in die Augen. Der verstand auch ohne weitere Worte was seine Gemahlin dachte und zwinkerte ihr zu.
„Anubis!“, hub Ammon an. „Wie sieht es bei dir aus?“
Der Schakal nahm gerade einen Schluck Kaffee, verschluckte sich heftig, bekam einen Hustenanfall und konnte nicht antworten.
„Oh, so schlecht also?“, mutmaßte Ammon ins Blaue.
Anubis schüttelte den Kopf und winkte ab. „So schlimm nun auch nicht“, brachte er gepresst hervor.
„Und bei euch beiden?“, wandte Ammon sich an Maahes und Sachmet.
„Alles beim alten“, murmelte der Löwenkater und schaute schräg zur Löwin.
Die schwieg weise und zuckte nur mit den Schultern.
„Oh, die alte Leier?“, murmelte Ammon vor sich hin.
„Es ist Seth. Er steht immer noch zwischen uns“ hub die Löwin schließlich an.
Maahes grollte kehlig. „Wie konntest du auch nur auf den Gedanken kommen, dich mehr als freundschaftlich mit diesem Halbesel einzulassen.“
„Was? Das fragst du? Du bist doch derjenige, welcher nie daheim ist, der Ammon ständig zu Diensten ist und sich durch die Gegend jagen lässt. Ich bin nicht aus Holz und habe auch Bedürfnisse.“
Ammon vergrub das Gesicht in der Linken und schloss hinter der vorgehaltenen Hand die Augen. „Ich sollte dir wohl mehr Freizeit gönnen“, beschloss er schließlich. „Bringt eure Partnerschaft in Ordnung. Maahes du hast hundert Adaster Zeit. Und Sachmet … Größe ist nicht alles!“
„Aber wirkt und entspannt“, entgegnete die Löwin schnippisch.
Während Maahes aufgrund dieser Bemerkung nach Luft schnappte, drehte sich Ammon vorzugsweise einfach um und wandte sich wieder an Osiris und Isis.
„Ich hoffe, dass wenigstens ihr mir nicht in den Rücken fallt“, sagte er sorgenvoll.
„Das kommt ganz darauf an“, entgegnete Isis scharf.
„Worauf soll es ankommen?“, hakte Ammon nach und legte die Stirn endgültig in Falten.
„Auf die Wahrheit. Auf den wahren Hintergrund des Auftrags, den du hier durchzudrücken versuchst“, polterte Osiris dazwischen.
„Welchen Auftrag?“, fragte Sachmet neugierig.
„Das wird euch Ammon sehr gerne erklären.“
„Ammon?“, wandte sich jetzt auch Maahes an ihn.
„Toll, ganz toll. Osiris, ich dachte … Ach, vergiss es.“
„Er möchte euch damit sagen, dass er ganz wichtige Informationen für euch hat“, erhöhte Isis den Druck.
„Na schön“, hub Ammon schließlich an. „Was auf Genro vor sich geht, ist das Eine. Das Andere ist auf einem Planeten, besser gesagt auf zwei davon. Sie befinden sich in einem Solarsystem und sind in der Lage Leben zu tragen. Osiris hat den Auftrag sich dorthin zu begeben und nach dem Rechten zu schauen.“
„Das ist ja an sich nichts ehrenrühriges“, hub Anubis an.
„Wenn man es so sieht, ist es vollkommen harmlos“, ging Osiris dazwischen. „Allerdings ist es eher so, dass der gute Ammon möchte, dass ich das Leben auf dem dritten Planeten untersuche, eine Einschätzung der Situation erstelle und beginnende Gefahren bewerte.“
„Hört sich interessant an“, grub Maahes interessiert nach mehr Informationen.
„Falls sich dort etwas …“, wollte Osiris fortsetzen, kam aber nicht weit.
„OSIRIS!“, schrie Ammon plötzlich, „DU GEHST ZU WEIT!“
„Ach was? Es geht mir verdammt nochmal zu weit, dass ich entscheiden soll, ob eventuelles Leben in seiner Entwicklung beeinflusst oder gar ausgelöscht werden soll“, ließ Osiris die Bombe platzen.
Ammon konnte nicht mehr zurück und musste sich der Wahrheit stellen. Unter den argwöhnischen Blicken Maahes‘, Sachmets und Anubis‘ knirschte er zunächst mit den Zähnen und nickte schließlich. „Das Problem ist, dass es im Bereich des Möglichen liegt, dass das Leben auf dem dritten Planeten von den Abtrünnigen erzeugt wurde. Daher habe ich beschlossen Osiris in den nahegelegen Asteroidengürtel zu schicken, damit er ein waches Auge auf die Entwicklung wirft und dann selbständig entscheiden soll was er zu tun hat.“
„Und? War es jetzt so schwer?“, fragte Anubis und schien nicht sonderlich beeindruckt zu sein.
Ammon schaute den Schakal merkwürdig an und zuckte lediglich mit den Schultern.
„Und, da die Katze jetzt aus dem Sack ist, können wir getrost die anderen einweihen“, knurrte Isis und breitete, als Zeichen ihrer Wohlgesinnung, ihre schneeweißen Schwingen aus.
„Immer wieder faszinierend, wenn du das tust“, säuselte Osiris. „Vor allem bei bestimmten Sa…“, wollte er fortsetzen, wurde jedoch von Isis mit einem erhobenen Finger abgewürgt.
„Na schön“, hub Ammon an, „wenn es so ist, dann werde ich Re, Nephtys, Seth, Chnum, Chons, Ptah, Min, Shu, Bastet und Sobek unterrichten. Kurz über lang wird es wohl eh jeder wissen.“
„Das ist gut so und rettet dein Gesicht. Ich für meinen Teil vergesse diesen Disput hier und jetzt“, verkündete Sachmet.
„Danke!“, fuhr Ammon fort. „Und jetzt wieder an die Arbeit. Die Sonde sollte sich dem Planeten ausreichend genähert haben und unser Eingreifen erforderlich sein. Auf geht’s!“
Im gleichen Moment piepste Anubis‘ Armband.
Sie betraten wenige Augenblicke später den Überwachungs- und Steuerungsraum, begaben sich wieder an die Displays.
„Die ersten Tiefenscans liegen vor“, intonierte Maahes.
„Dann lass mal hören“, forderte Ammon den Löwen auf.
„Klasse M Planet, wurde bestätigt. Drei größere Landmassen auf der östlichen und westlichen Hemisphäre verteilt, eine kleinere auf der westlichen, rückliegenden Seite.“
„Das ist bekannt. Hast du etwas Neues?“, fragte Osiris.
„Gemach, gemach“, ging Sachmet dazwischen. „Die Sonde dringt jetzt in die Atmosphäre des Planeten ein und wird die Oberfläche im Tiefflug überstreichen.“
„Auch gut“, grollte Ammon und seufzte anschließend.
„Warum sollten die Abtrünnigen, wenn es sie denn sind, ausgerechnet das Elara-System infiltrieren?“, grübelte Isis.
„Es muss irgendetwas geben, was ihre Aufmerksamkeit erregt oder sie wissen etwas was sich uns noch verschließt“, sinnierte Anubis.
„Genau darum sind wir dort“, erwiderte Ammon und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Sonde ist bei 3000 Mitrox über der größten Landmasse angekommen, sinkt weiter“, warf Sachmet in den Raum.
„Okay“, bestätigte Maahes, „jetzt wird es ernst.“
„Noch 2000 Mitrox.“
„Bei einhundert Mitrox stoppen und Rundumsicht. Ich möchte Bilder", ordnete Ammon an.
„Verstanden!“
Zehn Minuten des Schweigens vergingen, dann atmete Sachmet hörbar durch. „Sonde am ersten Zielpunkt angekommen, Sensoren auf voller Leistung, Bildübertragung eingeschränkt möglich“, verkündete die Löwin.
„Hervorragend. Gib mir die Daten und Bilder.“
Auf dem Wandschirm erkannte man unter starkem Rauschen eine steppenartige Landschaft. Es war scheinbar die Tageslichtphase erreicht und mit etwas gutem Willen konnte man am Horizont eine große grüne Masse erkennen.
Das Gras war üppig und saftig grün, wogte leicht unter scheinbar mäßig wehendem Wind. Es war keinerlei weitere Bewegung zu verzeichnen.
„Luftfeuchtigkeit bei 30 Prozent, Windgeschwindigkeit 15 Kilomitrox per Adaster, Zentralgestirn steht bei einem Winkel von 61° 45‘ 12“ bei präzisen Lagekoordinaten der Sonde von 49° 29‘ 10“ nördlicher Breite zu 14° 25‘ 30“ östlicher Länge.“
„Scheint Mittagszeit zu sein“, warf Anubis ein.
„Geh tiefer, auf zehn Mitrox, langsamer Gleitflug, achte auf Hindernisse. Flieg Richtung des Urwaldes“, befahl Ammon.
„Aye!“
Langsam sank die Sonde weiter ab, erreichte die vorgegebene Höhe und glitt über die Oberfläche hinweg.
„Bisher keinerlei Unebenheiten“, verkündete Sachmet. „Alles ruhig und friedlich. Keinerlei Bewegungen, Biosignaturen in größerer Entfernung.“
„Bring uns hin“, kam es kurz von Ammon.
„Ich bin sehr gespannt, was uns dort erwartet“, murmelte Maahes.
„Ich glaube nicht, dass wir große Überraschungen erleben werden. Im Moment sehen die Bewegungsmuster sehr nach gewöhnlichen Tieren aus und nicht sonderlich nach aufstrebend intelligenten Lebensformen“, entgegnete Sachmet.
„Woraus willst du das schließen?“, ging Osiris dazwischen.
„Sieh dir die Landschaft an. Keine Bebauung, die Atmosphärenzusammensetzung ist geradezu perfekt. Es gibt keinerlei Emissionswerte von einer Industrie, keinerlei Bewegungen im Gras. Am Waldrand ist auch nichts Bemerkenswertes festzustellen. Wenn es eine intelligente Lebensform ähnlich der unsrigen gäbe, dann sollte man meinen, dass die uns bemerkt hat und wir die ersten Reaktionen feststellen sollten.“
„Klingt auf der einen Seite logisch, aber das hinkt“, warf Isis ein.
„Ach ja?“, pampte Sachmet zurück.
„Ja. Du vergisst, dass eine intelligente Spezies nicht unbedingt hurra schreit und gleich angerannt kommt. Wirkliche Intelligenz zeichnet sich dadurch aus, dass sie erstmal unbemerkt bleibt, sich tarnt und beobachtet. Der Kontakt kommt erst später zustande, wenn die Einschätzung gereift ist, dass es sich um keinen Feind handelt.“
„Okay, Punkt für dich. Aber du weißt, dass wir da anders handeln“, lenkte Sachmet ein.
„Ich weiß und daher haben wir auch immer sehr schnell herausgefunden wer Freund und Feind ist“, bestätigte Isis den Einwurf der Löwin. „Aber, die hier sind nicht wir.“
„Auch der Punkt geht jetzt an dich.“
„Wir dürfen bei anderen Spezies nicht auf uns schließen.“
„Wenn ihr fertig seid, dann konzentriert euch bitte auf die Daten und Bilder. Ich möchte verhindern, dass wir die Sonde verlieren und vor allem, dass wir einen unliebsamen Kontakt erfahren und eventuell eine fremde Spezies infiltrieren“, ging Ammon in den Disput.
„Das hätten wir uns vorher überlegen müssen“, warf Anubis ein. „Wenn, dann sind wir eh schon aufgefallen. Und wenn die Abtrünnigen hier sein sollten erst recht.“
„Punkt für dich“, sagte Osiris und wedelte mit einem Finger.
„Schön“, hub Sachmet an. „Während wir Punkte verteilten, hat sich die Sonde dem Waldgebiet genähert. Bisher nichts auffälliges, aber die Bewegungen innerhalb der Bewaldung sind stärker geworden.“
„Geh höher, auf fünfzig Mitrox“, ordnete Ammon an.
„Aye!“
„Werte?“
„Deutliche Biosignaturen und mehrere Bewegungen. Es scheint sich um Vierbeiner zu handeln“, gab Maahes durch.
„Dichter ran. Ich will mehr Informationen“, flüsterte Ammon.
Die Sonde erreichte den Rand des Waldgebietes und stoppte, die Kameras wurden geschwenkt und die Sensoren in der Leistung an ihre Grenzen gebracht.
„Eindeutig tierisches Leben, Sauerstoffatmer auf Kohlenstoffbasis.“
„Flieg rein.“
„Aye! Auch wenn ich bedenken habe“, bestätigte Sachmet.
Maahes, welcher neben ihr stand, kaute heftig auf der Unterlippe.
„Kontakt!“, rief die Löwin plötzlich.
Widererwarten hatte sich eines der vermeintlichen Tiere der Sonde genähert, hatte sie entdeckt und war neugierig geworden.
„Dann lass uns das mal genauer ansehen“, hub Ammon an.
Die Kameras erfassten ein graziles Geschöpf und durch das Rauschen war auch zu erkennen um was es sich handelte. Die Anwesenden ließen fast gleichzeitig die Luft hörbar entweichen.
„Das gibt es nicht. Es ist eine Art von Esel oder Pferd, lediglich größer, schlanker, schneeweiß und auf der Stirn hat es einen dünnen, länglichen Auswuchs“, untermauerte Maahes das Zusehende.
„Was für Signaturen empfängst du noch?“
„Es nähert sich etwas. Es ist kleiner, hat eine gedrungene Statur. Es bewegt sich sehr langsam in unsere Richtung und scheint den Schutz der Pflanzen zu nutzen.“
„Faszinierend!“, entfuhr es Anubis.
„Wenn ich die Situation auf unsere Vorfahren münze, dann scheint das größere Tier ein Pflanzenfresser zu sein und das andere …“, hub Sachmet an, wurde aber von Osiris unterbrochen: „ein Raubtier. Eingreifen, sofort die Sonde da weg.“
Sachmet schlug auf den Notknopf, welcher das Schutzprogramm aktivierte und die Sonde in Sekundenbruchteilen in die Höhe schnellen lassen sollte.
Es kam jedoch anders.
In jenem Moment, in dem die Sonde das Signal für das entsprechende Manöver erhielt, schrillte ein deutlich hörbarer Alarmton an der Sonde selbst auf, wurde der fremde Pflanzenfresser aufgeschreckt, kam aus der Phase der Neugier heraus, ging in Habacht, schreckte zurück und ergriff die Flucht.
Gerade noch rechtzeitig, denn im gleichen Augenblick hatte das Raubtier den passenden Punkt erreicht, hatte zum Sprung angesetzt, flog wie ein Pfeil durch die Luft, verpasste die aufgeschreckte Beute nur knapp und erwischte stattdessen die gerade in die Höhe schnellende Sonde der Antermerianer.
Von einem gewaltigen Hieb getroffen, torkelte diese in Richtung Waldrand, gewann widerwillig und kurzzeitig an Höhe, schlug letztendlich etwas unsanft außerhalb der Gefahrenzone auf.
„NA TOLL“, schrie Ammon. „Das war jetzt wirklich großartig.“
„Einen Moment“, schnauzte Osiris. „Das war nicht vorhersehbar. Wir sind da unbewusst in einen ganz normalen Prozess eingedrungen und haben dessen Auswirkung gespürt.“
„Stopp!“, rief Sachmet dazwischen. „Ich empfange Signale von unserer Sonde. Sie scheint angeschlagen zu sein, ist aber nicht außer Gefecht. Die Scanner funktionieren, wenn auch eingeschränkt. Die restlichen Systeme scheinen unbeschädigt.“
„Können wir wieder auf Höhe gehen und zur nächsten Landmasse fliegen? Die war immerhin unser Primärziel“, mischte sich Anubis ein.
„Wie es aussieht, ja“, bestätigte Sachmet.
„Gut, dann mach die Sonde klar und schick sie los“, ordnete Ammon angesäuert an.
„Aye! Sonde ist auf dem Weg.“
„Eines wissen wir jetzt schon mal. Der Planet ist bewohnt, trägt eine urzeitliche Flora und Fauna und es gibt herbivore und carnivore Tiere“, sinnierte Maahes.
„Omnivore zu hundert Prozent auch“, warf Isis ein.
„Ist sehr wahrscheinlich“, bestätigte Ammon. „Aber zur eigentlichen Aufgabe. Wir werden jetzt den Energiesignaturen auf den Grund gehen.“
„Es erstaunt mich nur, dass, wenn es die Abtrünnigen sein sollten, die Tier- und Pflanzenwelt unberührt geblieben ist. Normalerweise müssten sie den Planeten doch übernehmen und formen“, überlegte Osiris laut.
„Nicht unbedingt. Nicht, wenn sie darauf bedacht sind, dass keiner weiß, dass es sie dort gibt“, warf Isis ein.
„Dann haben sie definitiv etwas im Untergrund“, schlussfolgerte Ammon.
Plötzlich wurde die Sonde unvermittelt getroffen. Sie wurde kurz in die Luft gehoben und dann zu Boden geschleudert, wo sie extrem hart auftraf und endgültig zu liegen kam.
„VERDAMMT!“, schrie Ammon wiederholt, diesmal geschockt. „Was war das?“
„Ich versuche die letzten gesendeten Daten und Bilder auszuwerten“, sagte Sachmet und tippte eifrig auf den Displays herum. „Fertig! Es sind eindeutig die Abtrünnigen. Seht auf den Bildschirm.“
Auf dem Wandmonitor erschien zunächst in größerer Entfernung eine fremde Sonde, wurde schnell größer. Anschließend schoss ein konzentrierter Energiestrahl hervor, traf die Sonde der Antermerianer und besiegelte das Aus.
„Das können nur die Abtrünnigen sein. Auf dem Planeten selbst gibt es nichts natürliches, was diese Sonde hätte hervorbringen können“, stellte Ammon fest.
„Definitiv. Wir haben mitten ins Hornissennest gestochen“, erwiderte Osiris.
„Was jetzt?“, fragte Isis.
„Wir werden uns etwas einfallen lassen. – Osiris, du fliegst auf jeden Fall in das festgelegte Solarsystem, beziehst Position. Das Elara-System werden wir auch unter Beobachtung stellen und uns den Mond als Basis nehmen. Die Abtrünnigen sind auf jeden Fall aufgeschreckt und werden wahrscheinlich unbedacht handeln“, ordnete Ammon an und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Aye, Sir!“, brummelten die Anwesenden vor sich hin.
Damit war der Plan geschmiedet und die Beteiligten verließen den Raum. Lediglich Ammon nahm Osiris zur Seite, welcher zusammen mit seiner Frau Isis stehen blieb.
„Du hast mich mit deinen Aussagen mächtig in Schwierigkeiten gebracht“, hub Ammon an.
„Mein Freund. Im Sinne unseres partnerschaftlichen Umgangs miteinander hielt ich es für notwendig diesen Schritt zu gehen. Denn du hast mich mit deiner Geheimniskrämerei in einen argen Zwiespalt gestürzt“ erwiderte Osiris.
„Mag sein. Aber ich habe das Gefühl, dass du mir in den Rücken gefallen bist. So etwas mag ich gar nicht.“
„Einen Freund zu einer Verschwiegenheit zu verpflichten ist das Eine, aber etwas so umfangreiches wie die Vernichtung einer ganzen aufstrebenden Spezies zu verheimlichen etwas ganz anderes“, warf Isis ein.
Ammon kaute auf der Unterlippe, wirkte sichtlich nervös, hub dann aber wiederholt an: „Nun gut. Ich ändere meinen Plan. Beobachte lediglich die Entwicklung auf dem dritten Planeten und erstatte, wenn nötig, Bericht. Alles andere obliegt deinem Ermessen.“
„Das hört sich wesentlich besser an und ist ganz in meinem Sinne“, erwiderte Osiris, sichtlich erleichtert.
„Dann geh auf die Schiffsbasis und ergreife alles Erforderliche um schnellstmöglich zu starten. Gehe auf Transferebene Alep3.4 und Alep3.6 für die Byblos und die Attikon. Gib Bescheid, wenn ihr soweit seid, denn wir haben da noch etwas in unserem Entwicklungslabor, was ungemein hilfreich sein wird.“
„Du machst mich neugierig. Was ist es?“, fragte Osiris.
„Es sind persönliche Dimensionsverzerrer. Damit ist jeder von uns in der Lage einen eigenen Transfertunnel zu generieren und auch einen Ort zu Ort Übergang innerhalb des gleichen Raum-Zeit-Gefüges einzuleiten.“
„Das klingt nach einer phantastischen Sache. Ich melde mich bei dir zu passender Zeit.“
„Sehr gut. Wir sehen uns dann später“, schloss Ammon ab und ging ebenfalls.
Unheilschwanger sah Osiris seine Gemahlin an und seufzte. „Wenn das alles mal gut geht.“
„Wird schon und ich werde immer an dich denken und bei dir sein. Aber jetzt lass uns gehen. Ich habe da etwas was ich dir noch dringend zeigen muss.“
„Oh, eine Überraschung?“
Statt einer Antwort, leckte sich Isis lediglich über die Lippen und machte einen Kussmund.
„Jetzt aber schnell weg hier“, reagierte Osiris hektisch und zog Isis hinter sich her.