Kapitel 16
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Kapitel 16
Wahnsinn
Leises Gelächter ertönte und auch die junge Tigerin konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
„Na schön, wenn ihr es so wollt, dann sollt ihr es auch so bekommen. – Die Drachen begleiten uns ab sofort in unserem Kampf.“
„Hört, hört“, ertönte die Stimme eines Greifs.
„Warum denn das auf einmal?“, fragte ein anderer Greif, namens Tristan.
„Ganz einfach. Einer unserer Drachenfreunde wurde am gestrigen Tage an der Grenze zum Urwald abgeschossen und starb am Flussufer. Jetzt sind sie bereit uns aktiv zu helfen und nicht nur für unseren Transport zu sorgen.“
Unruhe bemächtigte sich der Truppe.
„Wenn ein Drache schon abgeschossen wird und das schon an der Waldgrenze, was verbirgt sich dann dort?“, fragte Wotan, einer der Wölfe.
„Tja, es ist nett, dass du das fragst, denn damit komme ich auch schon zur schlechten Nachricht.“
Sie zog den betreffenden Zettel aus den Unterlagen, die sie bei sich hatte und las die entscheidenden Stellen laut vor.
Jetzt war es endgültig vorbei mit der Stille. Alle waren mehr als nur besorgt und taten dies auch kund.
„Verdammt, wir haben keine Chance gegen so was“ und „Ist ja wirklich entzückend, dass wir das auch erfahren“ und „Das ist verrückt, wir werden alle da-bei draufgehen“, waren zu vernehmen und das waren noch die klareren Worte.
Ansonsten hörte man eher undefinierbare Flüche und Ausdrücke, die weit unter die Gürtellinie gingen.
„EHHHHHHHHHH!“, schrie Cyron dazwischen, „Habt ihr euch jetzt endlich wie-der im Griff?“
Es zog Ruhe ein und unzählige böse Blicke wurden Cyron und auch Tarja zu-geworfen.
Tarja nahm sich ein Herz und ergriff sofort wieder das Wort. „Verdammt noch mal, Leute! Was habt ihr gedacht, was das hier wird? Ein Ringelpietz mit An-fassen? Als ihr euch freiwillig gemeldet habt und ich betone das Wort freiwillig, denn keiner hat euch gezwungen mitzumachen und es steht jetzt immer noch jedem frei zu gehen, konntet ihr euch wohl doch denken, dass es kein lauschiger Spaziergang wird. Wenn ihr euch jetzt darüber wundert, dass die Kacke am dampfen ist, dann frage ich mich wie blind ihr eigentlich am Anfang ward. Hat euch unser erster, leicht erworbener Sieg so selbstsicher werden lassen, dass ihr bei der geringsten Schwierigkeit und dem kleinsten Hindernis sofort aufgeben wollt? Interessiert ihr euch plötzlich nur noch für euch selbst und gar nicht mehr für die ganze Sache? Ist es euch egal was aus uns und unserer Welt wird?“
Sie ging zwischen die Reihen und schaute bei ihren Worten jedem Einzelnen ins Gesicht. „Ist es euch mit einem Mal vollkommen egal, ob ihr morgen noch friedlich leben könnt und was aus euren Weibchen und Jungen wird? Wollt ihr ständig in Angst leben einem heimtückischen Anschlag zum Opfer zufallen, der von einer dämlichen Maschine ausgeführt wird? Außerdem scheint es euch wohl auch nicht mehr zu interessieren, wer den ganzen Schrott auf unserem Planeten gebaut hat?“
Ihre Worte waren im wahrsten Sinne des Wortes heroisch und erzielten eine durchschlagende Wirkung. Einige der Chafren die vorher noch laut durch die Gegend gebrüllt und eine sehr blumenreiche Aussprache an den Tag gelegt hatten, senkten die Köpfe und besannen sich eines Besseren.
„Aber wie sollen wir das schaffen?“, fragte Bargon.
Tarja drehte sich zu ihm um. „Das werden wir schaffen. Wir müssen es nur wollen. Unser Gegner ist stark, verdammt stark sogar, aber wir haben unseren Glauben an das Gute und die Hoffnung auf ein sicheres Leben auf unserer Seite. Das gibt uns Kraft, das dürfen wir niemals vergessen.
Außerdem wird man nicht damit rechnen, dass wir tatsächlich angreifen und wenn wir es tun, dann wird es wahrscheinlich eine böse Überraschung sein.
Unser Feind fühlt sich durch seine Waffenausrüstung zu sicher und diesen Punkt müssen wir geschickt ausnutzen. Die Drachen verschaffen uns einen entscheidenden Pluspunkt. Mit ihrer Hilfe ist es uns möglich die Basisverteidigung zu teilen. Wenn wir morgen angreifen, dann gesammelt und mit einem gewaltigen Schlag.
Die Drachen greifen aus der Luft an, während wir gleichzeitig am Boden vorrücken, dadurch sind zu viele Ziele in der Luft und am Boden. Wir müssen drei Gruppen von unseren sieben durchschleusen und diese müssen die Station von innen heraus lahm legen. Von außen können wir das nicht tun.“
Der Wolf nickte zustimmend und fing an zu heulen. Die anderen Wölfe stimmten mit ein und plötzlich brüllte und jaulte ein jeder AnChafren auf seine eigene, charakteristische Weise.
Die Szenerie war gespenstisch, aber gab Mut und Kraft und davon brauchten sie eine Menge.
Tarja ging zurück zu Cyron, der nahm sie in die Arme und drückte sie. „Das war hervorragend. Du hast es geschafft und sie wieder zusammengeschweißt.“
Nachdem wieder Ruhe eingezogen war, schrie plötzlich die Einhornstute. „Wir kriegen Besuch!“
Chiron schoss wie von der Tarantel gestochen hoch und rannte zu Sandra. „Was ist denn los?“
„Ich hatte meinen taktischen Monitor überprüft und ihn aktiviert. Am unteren Ende des Flusslaufes kommen drei Kampfeinheiten in unsere Richtung. Die Ankunft wird auf zwanzig Minuten geschätzt.“
„Verdammter Mist“, entfuhr es Chiron und er klopfte Sandra anerkennend auf die Flanke.
„Leute“, schrie er, „wir kriegen hier ein Problem. Es kommt auf uns zu und will in zwanzig Minuten Ärger machen.“
Er lief zurück in die Mitte des Dorfplatzes.
„Was ist denn los?“, fragte Wotan.
„Kampfeinheiten, drei Stück. Sie sind auf dem Weg hierher.“ Und an Tarja gewandt: „Der Tanz beginnt.“
Cyron schrie dazwischen. „Die Tauren. Wo sind sie?“
„Hier“, schrien die fast gleichzeitig zurück.
„Macht euch nach vorne und aktiviert die Monitore und Waffen. Pedro geht hinter einer der nächsten Häuserecken in Stellung. Haltet uns den Rücken frei, bis wir Ikarus und Sandra wieder die Kanonen aufgesetzt haben.“
Es kam heftige Betriebsamkeit auf. Die Tauren rannten, so schnell sie ihre Bei-ne trugen nach vorn, bauten sich zwischen den Häusern auf, schalteten ihre Funkgeräte ein und koordinierten ihre Positionen. Pedro tat das Gleiche und verschanzte sich regelrecht.
Cyron und Chiron rannten derweil zwischen den Häusern herum und fanden schließlich, in eine Ecke gestellt, die gesuchten Waffen. Sie schrien Sandra und Ikarus herbei, welche auch prompt zur Stelle waren. Die Laser- und Maschinenkanonen wurden in die Plattformen eingerastet und mit der Steuerung verbunden. Da beide die Monitore schon aktiviert hatten, nahmen die Waffen sofort ihre Funktion auf und versuchten die Ziele anzuvisieren.
„Okay, macht ihnen die Hölle heiß“, munterte sie Chiron auf und gab jedem von ihnen einen leichten Klaps auf den Hintern.
Sie galoppierten los und bauten sich an anderen, aber strategisch günstigen Punkten auf.
Tatsächlich, da waren sie. Drei Kampfeinheiten kamen den Fluss hinauf und in fünf Minuten würden sie das Dorf erreichen. In zwei Minuten waren sie in Schussreichweite. Cyron und Chiron waren zu Tarja zurück gerannt.
„Alle anderen, vor allem die Dorfbewohner verschwinden von den Straßen und begeben sich in ihre Häuser! Alle Mitglieder unserer Truppe schnappen sich ihre Waffen, aktivieren diese, bleiben aber in Deckung bis sie gebraucht werden!“, wies Cyron an.
Innerhalb weniger Sekunden waren der Platz und die Straßen leergefegt. Einige Chafren hatten sich die vor Tagen dort abgestellten Munitions- und Waffenkisten geschnappt und provisorische Deckungen gebaut. Noch eine Minute bis zur Ankunft der Roboter. Alle waren feuerbereit und wussten, dass es jetzt ans Eingemachte geht.
Man hörte schon die Schritte der Einheiten, als Cyron endlich den entscheidenden Befehl gab. „FEUER!“
Der Pegasushengst eröffnete das Feuer und kräftige saphirblaue Strahlen zuckten durch den Abendhimmel. Die Einhornstute stimmte mit ihren Waffen in das Wimmern und Fauchen der Laser mit ein und es ertönten die schnellen und sehr schweren hämmernden Geräusche der Kanonen. Die Stille wurde ge-schändet und sollte auch so schnell nicht zurückkehren.
Die Kampfroboter registrierten, dass sie erwartet wurden und unter Beschuss geraten waren. Zwei wichen vom Weg ab, teilten sich auf und griffen seitlich an.
Ikarus und Sandra schossen unbeirrt auf den verbliebenen Roboter und wenige Sekunden später gab die Panzerung auf. Die Geschosse der Kanonen durch-brachen die Rüstung des künstlichen Wesens, zersiebten seine Haut. Die Laserkanonen drangen in die entstandenen Lücken ein und saugten sein elektronisches Leben aus. Leitungen, Schaltkreise und Prozessoren fingen Feuer, schmorten und zerbarsten. Unter einem fast tierischen Aufschrei hauchte das Steuerungszentrum aus und die Kampfmaschine strauchelte, stolperte, ging noch einen Schritt, dann noch einen und brach schließlich zusammen.
Die beiden anderen Roboter dachten, dass es eine gute Idee wäre von den Flanken her anzugreifen. Aber da hatten sie sich geirrt, denn da standen die Tauren und Pedro. Ohne mit auch nur einer Wimper zu zucken eröffneten sie das Feuer und dem Roboter zur linken Flanke schwanden nach kurzer Zeit die Sinne. Mehrere Treffer hatten sein Sensorenzentrum lahm gelegt und er stand reglos herum. Er funktionierte noch, aber er war unfähig zu auch nur einer Reaktion. Er konnte weder Ziele erfassen, noch die Flucht ergreifen. Die Elektronik entschied sich somit für den einzig richtigen Schritt, stehen bleiben, einen Not-ruf ins Netzwerk einspeisen und auf Hilfe warten.
Diese wäre eigentlich von den beiden anderen Robotern gekommen, aber einer war zerstört und der andere hätte selbst dringend Hilfe benötigt. Nach mehreren Minuten und einer relativ heftigen Gegenwehr des Stahlungetüms gab auch der Dritte auf und fiel auf die nicht vorhandene Nase. Wenige Sekunden später explodierte er und verteilte seine Eingeweide klappernd und scheppernd in der Gegend.
Es herrschten zehn Minuten gespannter Stille. Dann schauten die ersten über ihre Barrikaden, feuerten nochmals zur Sicherheit in die ehemalige Schussrichtung, dann waren sie sich sicher. Sie hatten auch diesen Kampf für sich entschieden.
Siegesgeschrei wurde angestimmt. Sie hatten ihren Mut zurückerobert und waren sich absolut sicher, dass es nichts geben würde, dass sie aufhalten kann.
Plötzlich schrie Pallas wie wild zu den anderen hinüber. Sie nahmen die Beine in die Hand und rannten zu der Fuchstaurin.
Die stand vor einem der Kampfroboter und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Zunächst wunderten sich alle über ihre Reaktion, weil sie diese für übersteigert hielten. Dann schauten sie aber genauer hin und begriffen das Ungeheuerliche.
„Schaut euch das mal an“, sagte Pallas.
„Das glaube ich nicht“, bemerkte Torus.
„Das ist ja der absolute Oberhammer“, entfuhr es Grey und Sinja versteckte sich hinter ihm. „Das Ding macht mir Angst“, sagte sie.
Da standen sie alle und vor ihnen ein Kampfroboter der blind war, sich zwar bewegen wollte, aber es nicht konnte. Das war ihre Chance und die sollten sie auch nutzen.
Cyron kam hinzu und pfiff verblüfft. „Kira!“, rief er. „Komm mal her, das musst du dir ansehen.“
Die Luchsin erschien und baute sich vor dem Roboter auf. Sie ging eine Runde um ihn herum und ließ ihren Atem hörbar entweichen. „Egal wie ihr das hinbekommen habt, aber das ist eine einmalige Gelegenheit die Technik des Feindes zu untersuchen. Die kriegen wir kein zweites Mal. Ich werde mich gleich an die Arbeit machen. Pedro wird mir dabei helfen. Die Anderen können gehen, ich kann hier niemanden gebrauchen der mir im Wege steht und auf die Füße tritt.“
Cyron kicherte leise und deutete den anderen an sich zu verziehen, er selbst tat es auch. Er liebte Überraschungen und glaubte fest daran, dass Kira sie alle überraschen würde. Sie teilten Nachtwachen ein und der Rest der Truppe verschwand in den Betten. Der nächste Tag würde schwer werden und mit viel Aufregung einhergehen.
Es war zwanzig Uhr als Kira mit ihren Arbeiten an der Kampfeinheit begann. Zunächst ging sie nochmals eine Runde um das Gerät herum und schüttelte den Kopf.
‚Das ist ja wirklich der absolute Glanzpunkt des Einsatzes’, dachte sie bei sich. Sie holte sich Pedro heran und stieg auf seinen Rücken. Er trug sie so dicht an den Roboter, dass sie ihn berühren konnte.
Sie strich mit einer Hand über die Oberfläche und fand eine kleine Wartungsklappe, stieg rasch von Pedros Rücken, holte sich Werkzeug und machte sich ans Werk. Sie öffnete die Klappe und schaute hinein.
Während die Wachen um das Dorf herum patrouillierten, kamen sie in regelmäßigen Abständen an der Stelle vorbei, an der der Kampfroboter stand. Sie beobachteten Kira beim eifrigen Herumschrauben, Kabelflicken. Hin und wieder hörte man die Luchsin kichern, prusten, maunzen oder ein erstauntes Oh und Ah sagen. Ansonsten hüllte sie sich in Schweigen. Sie bastelte fast die ganze Nacht an dem Roboter herum und am Ende war sie fertig. Als sie sich selbst noch für ein paar Stunden auf die Ohren legte, war ihr letzter Gedanke, dass sie sich auf die dummen Gesichter der Anderen freut.