Tage im Juni - FREUNDE (4) - Ger
#9 of Tage im Juni
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TAGE IM JUNI
Freunde
- 4 -
Der Bach war eigentlich ein Kanal, der sich durch eine Senke nahe der Schule zog. Im Frühjahr war er ein beliebter Ort für Spaziergänger, im Sommer jedoch machte ein Urwald aus Weiden und üppigen Gräsern das Vorankommen schwierig.
Weiter oben gab es einen gepflegten Wiesenstreifen, auf dem sich gelegentlich Leute beim Sonnen fanden. Der gepflasterte Fußweg am Wasser war jedoch stark verwahrlost. Wurzeln und Gräser hatten die Steinplatten in ein Gebirgsmosaik verwandelt und die vereinzelten Bänke wurden von Zaunwinde belagert.
Jannik wanderte die Wiese entlang und hielt nach dem Waschbären Ausschau. Die Erfahrung sagte ihm jedoch, dass dieser nicht so leicht zu finden sein würde. Er hatte sich bestimmt keinen Platz an der Oberseite gesucht.
Der Luchs folgte seinem Instinkt und lief die Böschung hinab. Ihm stieg warme, feuchte Luft entgegen. Je näher er dem Wasser kam, desto kühler wurde sie jedoch. In die leichte Brise mischte sich der süßliche Duft von Springkraut und Algen.
Er verscheuchte einige Mücken als er durch das Gras auf den Steinweg trat. Am Wasser entlang trottend verspürte er den Drang, seine Füße hinein zu tauchen. Es sah verlockend kühl aus.
Weiter hinten, im Schatten einer Weide, erspähte er einen blauen Fleck und hielt darauf zu. Es war Niklas' Rucksack, der am Stamm lehnte. Das Gras unter dem Baum bildete eine kleine, freie Fläche.
Auf der anderen Seite des Baumes fand er auch den zum Rucksack gehörenden Waschbären. Er lag auf dem Bauch im Gras.
Jannik ließ seinen Rucksack von der Schulter rutschen und setzte sich neben ihn. Die Ohren des Waschbären zuckten kurz auf, aber er wandte sich nicht um.
Der Luchs blickte auf. Sonnenstrahlen fielen vereinzelt durch das Blätterdach der Weide. Er blinzelte. Sanfter Wind brachte die Blätter zum Flüstern. Im Schatten unter dem Baum war es angenehm.
Er schloss die Augen und sog den Duft der Umgebung ein. In der Luft lag der kaum merkliche Geruch von Regen. Es würde ein Gewitter geben.
Dann sah er zu Niklas. Neben ihm im Gras lagen mehrere Farbstifte verstreut und er war damit beschäftigt, sich auf einem Blatt Papier zu verewigen.
Jannik blickte über seine Schulter. »Die Karte? Was malst du darauf?«, fragte er.
Niklas zog das Papier an sich heran und verdeckte es verlegen mit seinen Händen.
Jannik hatte den Blick auf eine schwarz und gelb gestreifte Figur erhaschen können, die augenscheinlich einen Tiger darstellte. Groß und kräftig, mit den Armen erhoben, als wollte sie ein Heer von Büffeln abwehren.
Keine schlechte Zeichnung. Niklas war wirklich gut mit seinen -- Waschbärenhänden.
Da war wieder das seltsame Geräusch von vorhin.
Der Luchs ließ seine Ohren zucken und sein Blick fiel auf den Rucksack seines Mitschülers. Dann war es wieder still wie zuvor. Er hob seine Nase. Roch nichts Ungewöhnliches. Nur erneut den kaum merklichen, staubigen Zigarettengeruch. Aus der Nähe konnte er nun auch altes Holz riechen. Die abgestandene Luft eines Altbaus. Betonwände. Alles verwoben und getränkt in den Klamotten und Fell des Waschbären.
Niklas musste also in einer kleinen Altbauwohnung leben.
Du bist zu neugierig, tadelte er sich. Aber es war so verlockend, fremdes und neues zu inspizieren. Wie ein Ratespiel der Gerüche.
Jannik betrachtete den buschigen Ringelschweif des Waschbären. Nur seine Spitze wiegte sich auf und ab. Er sah so flauschig aus. Er konnte verstehen, warum Isak so neidisch auf den Fuchsschweif des Nachbarn war. Aus dem buschigen Fell drang ein ganz eigener Geruch, den er nicht deuten konnte. Wohl der Geruch von Waschbären. Jede Anthro-Art hatte ihren ganz persönlichen.
Gelegentlich spähte Jannik über Niklas Schulter. »Chucks hat ja ziemlich Muskeln zugelegt«, stellte er fest, als er einen weiteren Blick auf die Zeichnung erhaschen konnte.
»Er muss stark sein«, erwiderte Niklas nach einer Weile, »Damit er gesund wird. Und andere fertig machen kann.«
»Du glaubst, er wäre gerne stark?«
»Jeder will stark sein. Und jeder will besser sein.«
»Du auch?«
Stille. Niklas schraffierte das Fell des Tigers.
»Du bist ein Luchs«, sprach er dann. »Eine Wildkatze. Groß. Klug. Kein Verlierer wie die anderen. Und trotzdem glaubst du, nicht gut genug zu sein. Oder wärst vielleicht gern jemand ganz anderes?«
»Wie kommst du darauf?«
»Hast du in deinem Aufsatz geschrieben.«
»Der über ›Gate to Tartarus‹? Den hast du gelesen?«
Niklas nickte. Dann war er der eine Schüler, der ihn sich zu Gemüte geführt hatte? Das war unerwartet.
Jannik hatte darüber geschrieben, dass er die Verwandlungsfähigkeiten des Protagonisten einsetzten würde, um die Gestalt verschiedener Personen und Tiere anzunehmen. Dann könnte er erfahren, wie es ist, in der Haut von Löwen und Hirschen zu stecken. Die Welt durch ihre Augen zu sehen und mit ihren Sinnen wahrzunehmen.
»Ich fand interessant, dass du einen Vogel berühren würdest, um Flügel zu bekommen«, sprach Niklas, »und wegfliegen würdest, um alles von oben zu sehen.«
»Dann wäre alles hier unten klein und weit weg«, erinnerte sich Jannik an seine Worte, »und ich könnte fliegen, wohin ich mag.«
»Das gefällt mir«, gestand Niklas. »Bevor ich deinen Aufsatz gelesen hatte, kannte ich das Buch nicht. Ich hab's dann gelesen. Das Ende war gut.«
Jannik rief sich die Geschichte ins Gedächtnis zurück. Den Schluss hatte er verdrängt, da er ihm nicht besonders gefallen hatte. Er konnte sich kaum mehr daran erinnern, aber am Ende berührte der Protagonist viele Personen, die dann irgendwie mit ihm verschmolzen sind.
»Am Ende hatte der Held die ganze Welt für sich«, half ihm Niklas auf die Sprünge. »Niemand nervte ihn mehr und er hatte die Fähigkeiten aller Anthros in sich vereint. Er war jedermann.«
»Oh -- Das fand ich creepy.«
»Die Fähigkeit des Helden war kein Segen«, erklärte Niklas. »Tartarus ist die Hölle. Der Held ist zu den anderen geworden und war danach niemand mehr. Er war alles. Und nichts. Die Welt wurde zu seiner Hölle.« Er angelte sich einen anderen Stift aus dem Gras. »Wenn ich könnte, würde ich gern an einem Ort sein, an dem mich niemand stört. Ein einsames Schloss auf einem Berg oder ein verlassenes Haus im Wald. Dort kennt mich niemand und dort bin ich niemand. Dort kann ich alles erkunden ohne ›sonderbar‹ genannt zu werden.«
Jannik kamen die Bilder des verlassenen Lazaretts ins Gedächtnis, das an der Straße zum Marktplatz lag. Er kam manchmal daran vorbei, wenn er in die Altstadt ging. Es war ein beklemmender Ort, umzwängt von dicken Mauern und erstickt unter wildem Wein. Aus grauen Steinfassaden starrten dunkle Fenster in den Himmel.
»Diese Orte sind unheimlich«, sprach er.
»Sie sind die schönsten und ruhigsten«, widersprach Niklas. »Leute sagen bloß, dass sie gruselig sind. Sie haben keine Angst vor den Orten, sondern davor, alleine dort zu sein. Weil sie Angst vor sich selbst haben.«
»Fühlst du dich nicht einsam? Ohne Freunde, mit denen du sie erkunden kannst?«
»Nein. Ich hab mich. Andere nerven nur. Nennen mich ›Müllgesicht‹, ›Ratte‹, ›Dieb‹, ›Der mit den creepy Fingern‹.«
Jannik schoss die Erinnerung an eine Biostunde in den Kopf, in der verschiedene Pfotenformen erklärt wurden. Katzen, Wölfe, Füchse. Niklas war der einzige in der Klasse, dessen Hände völlig anders aussahen. Frau Gruber hatte ihn nach vorne gerufen, um es den anderen zu demonstrieren. Keine gute Idee. Noch Wochen später waren Witze über seine Hände zu hören.
»Aber du musst nicht sein, was andere sagen«, wandte Jannik ein. »Du kannst zu dem werden, der du sein willst.«
Niklas schnaufte kurz. »Mein Cousin sagt, dass wir nie jemand anderes sein werden. Sondern immer bloß wir selbst. Und darum müssen wir uns selbst akzeptieren, statt uns zu hassen. Das machen die anderen schon.«
Jannik spürte Neid in sich aufkommen, als Niklas von seinem Cousin sprach. Er hatte gehört, dass Waschbären oft eine große Verwandtschaft besäßen. Wahrscheinlich gab es bei ihm Zuhause viele Kleinbären in seinem Alter. Vielleicht hatte er sogar Brüder.
Der Gedanke daran bereicherte Janniks Neid um Wehmut.
»Klingt, als wäre dein Cousin ein weiser Typ«, erwiderte er.
Niklas reagierte nicht.
Wieder hörte er es. Das Geräusch.
Diesmal stellten sich Niklas' Ohren auch auf. Also hatte es sich Jannik nicht bloß eingebildet. Der Waschbär ließ von der Zeichnung ab und zog den Rucksack zu sich. Er öffnete ihn behutsam und warf einen Blick hinein.
Jannik streckte seinen Kopf, konnte aber nicht erkennen, was darin versteckt war.
Niklas zog eine transparente Plastikdose mit Keksen hervor. Als sie sich jedoch bewegten, sprang Jannik vor Schreck fast auf.
Niklas hielt die Dose vor sich. Die lebendigen Kekse entpuppten sich als ein Tier. Eine Maus.
Warum trug er eine Maus in seinem Rucksack herum?
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