ABENTEURER (1) - Ger
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TAGE IM JUNI
Abenteurer
- 1 -
NIKLAS SCHUPP
Niklas hatte seinen Rücken gegen die Wand des Schachtes gedrückt und die Augen geschlossen. So konnte er sich in der Dunkelheit komplett auf seine Ohren verlassen und umso besser auf die Geräusche der Umgebung konzentrieren.
Über sich auf dem Steg hörte er das Schleifen der Schuhe des kleinen Luchses, das Rascheln seiner Kleidung und sein aufgeregtes Atmen.
»Niklas!«
Janniks Stimme hallte von den Wänden wider und verlor sich in der Dunkelheit. Sie klang kalt und blechern und wirkte wie ein Fremdkörper in der Stille des vergessenen Heizungsraumes. Es war schwer zu sagen, ob ihr Zittern von Janniks Angst herrührte oder bloß vom Widerhall aus dem Gewölbe.
»Niklas?«
Dann kehrte Stille ein. Jannik schien auf eine Antwort zu warten. Der Waschbär wartete ebenso. Darauf, was als nächstes passieren würde. Was der Luchs tun würde.
Nach einer kurzen Pause und mehr nervösem Geraschel fiel sein Name erneut.
Ihn zu rufen hatte bereits die ersten fünf Mal nichts gebracht. Wie lange würde es wohl dauern, bis Jannik das begriffen hatte?
Rumgeschreie war sinnlos. Leute taten es immer dann, wenn sie keine bessere Idee hatten. Wenn sie ihre Ahnungslosigkeit und Unfähigkeit zu helfen verbergen wollten. Was glaubte Jannik, was sein Rufen bewirken würde? Selbst wenn Niklas antwortete, was würde der Luchs dann tun was, er nicht auch jetzt schon könnte?
Dabei war die Lösung so einfach. Jannik hatte es immer noch nicht geschnallt. Wenn er einfach seine Klappe hielt, seine Puschelohren aufstellte und lauschte, würde er alles hören können. Er würde hören, dass Niklas nicht einmal vier Meter unter ihm saß und es ihm gut ging.
Der Waschbär hatte die Schächte bereits bei seinen früheren Besuchen inspiziert und herausgefunden, dass sie gähnend leer waren. Und dass sie Sprossen zum Herunterklettern besaßen. Wahrscheinlich würde Jannik diese aber nicht entdecken können, da seine Augen zu sehr an das Taschenlampenlicht gewöhnt waren.
Er war wirklich ein seltsamer kleiner Luchs. Traute sich selbst nichts zu und verließ sich nicht auf seine Sinne.
Es machte Niklas wütend. Im Gegensatz zu Waschbären hatten Luchse keinen schlechten Ruf. Leute sagten nicht sie seien nutzlos oder dreckig oder fies oder dumm oder diebisch. Stattdessen nannte man sie stark und mächtig und schön und gefährlich.
Und sie waren selten. Wie viele konnten schon von sich behaupten, einen Luchs zu kennen? Kaum jemand. Sie waren etwas Besonderes. Waren sogar Exoten unter den Wildkatzen. Einen langweiligen Tiger oder Löwen traf man mindestens einmal am Tag und Niklas verstand nicht, was an denen so toll sein sollte. Einen Luchs zu sehen, mit seinen puscheligen Ohren und den charakteristischen Punkten, war hingegen eine Seltenheit.
Wenn Niklas ein Luchs sein könnte, wäre die Welt sicher viel besser. Er wäre der einzige seiner Art und Leute würden ihn nicht länger blöd anstarren und ihn nicht hassen, nur weil sich andere Waschbären wie Idioten verhalten. Er wäre einfach nur noch er, ohne mit anderen verglichen zu werden. Er könnte allein sein, ohne als Eigenbrötler zu gelten.
Es wurde wieder still, aber Jannik würde auch diesmal nichts hören, da sein aufgeregtes Schnaufen viel zu laut war.
Ob er wohl auf die Geschichte mit den Versuchskaninchen in den Schächten hereingefallen war? Er schien zwar gutgläubig zu sein, aber er war nicht dumm.
An seinem unregelmäßigen Atem konnte Niklas erkennen, dass er nervös und verunsichert war. Sicher machte ihm die Dunkelheit Angst. Und die Stille und die Einsamkeit.
Das ergab für Niklas wenig Sinn. Vor Schlägertypen konnte man Angst haben — das verstand er — weil sie Krallen und Zähne haben und weil sie hinter der Schule warten, um Schwächere zu quälen. Nur zum Spaß.
Erneutes Rascheln und Schleifen von Schuhen. Die Geräusche schienen sich zu entfernen.
Der Luchs verzog sich also endlich. Es war genau so, wie Niklas erwartet hatte. Janniks befremdliche Freundlichkeit war nicht mehr wert als sein Geschrei. Sollte sie doch mit dem Luchs in der Dunkelheit verschwinden. Das Schicksal des Waschbären war wohl nicht wichtig genug, damit Jannik die Unsicherheit vergaß und etwas unternahm. Er stand einfach nur herum und brüllte in den Schatten, als würden seine Worte irgendetwas an der Situation ändern. Aber sie waren wertlos. Selbst wenn er hundert Mal behauptete, dass ihm etwas an Niklas lag, wären auch das bloß leere Worte.
Für einen Moment hatte Niklas tatsächlich geglaubt, Jannik würde es ernst meinen. Es machte ihn wütend, dass er darauf reingefallen war. Zu gutgläubig. Worte konnten ihn nicht täuschen. Leute erzählen viel und lügen noch mehr, wenn sie etwas wollen. Das einzige Mal, wenn sie irgendetwas ernst meinen und etwas ehrlich zugeben, ist wenn sie Niklas sagen, dass er ein Müllgesicht sei. Auf etwas anderes konnte er nicht vertrauen.
Aber Janniks Nachricht, die er dem Waschbären geschrieben hatte, die Kopfhörer, die er ihm geschenkt hatte, seine Hartnäckigkeit. Niklas hatte gehofft, dass sich mehr dahinter verbarg als oberflächliches Getue und Gerede. Und darum tat es ihm so weh. Zu sehen, dass beides letztendlich nur leere Versprechungen waren, die er sich eingebildet hatte. Naiver, dummer Waschbär.
Und dann war es still. Kein Rascheln mehr. Niklas war alleine.
Hartnäckigkeit besiegt von Dunkelheit. Falsche Freundschaft entlarvt von einem alten Gemäuer. Zu groß die Angst des kleinen Luchses. Zu schwach der Wille, für Niklas zu kämpfen. Der Luchs kroch beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten in ein Loch wie eine scheue Maus. Ja, wie seine tote Maus, der alles egal war und die sich nur in Bewegung gesetzt hatte, als sie die Chance witterte, abhauen zu können. Das hier war genau dasselbe.
Es war ein furchtbares Gefühl. Niklas hatte richtig entschieden, Janniks Freundschaftsanfrage abzulehnen.
»Freund«? Es gab keine Freunde. Er wusste nicht mal, was das Wort überhaupt bedeuten sollte, wenn es nicht einmal der Dunkelheit und Stille eines öden Kellers standhielt.
Freunde waren wertlos. Sie halfen nicht. Taten nichts. Die einzigen, die etwas für Niklas übrig hatten, waren seine Cousins.
Das begriff er plötzlich, als er alleine in einem dunklen Schacht saß, in einem verlassenen Lazarett, in einem vergessenen Park. Seine Cousins handelten wenigstens. Arik hatte Chucks verprügelt, als der Tiger dem kleinen Waschbären etwas antun wollte. Er hatte nicht einfach nur geredet, sondern den Stock genommen und Chucks das Gesicht eingeschlagen. Damit der nicht dasselbe mit Niklas tun konnte.
Niklas musste zu seiner Familie halten. Alles andere war unwichtig.
Mit einem Mal schien die Welt sich verändert zu haben, als hätten sich die dunklen Wolken eines Sturmes aufgelöst und er konnte in der Sonne die Täler vor sich sehen.
Er war ein Waschbär und er würde dazu stehen. Wenn die ganze Welt ihn als Müllgesicht sah, so würde er einfach eins sein. So einfach war es letztendlich, nicht? Er würde Arik von Chuma erzählen und davon, was dieser geplant hatte. Es war so sinnlos zu versuchen, es geheim zu halten.
Arik würde Niklas dafür verprügeln, dass er nicht die Klappe halten konnte. Aber das war in Ordnung. Der Kleinbär würde nicht protestieren. Das war das Richtige, da Niklas sich wie ein Feigling verhalten hatte. Er hatte keine Angst mehr davor. Fast sogar freute er sich darauf. Was seine Cousins taten war gut und richtig. Sie waren noch nie abgehauen.
Es war plötzlich so eindeutig. Es tat noch immer weh, aber das innerliche Stechen ließ nach, als er fast grinsen musste.
Wer weiß, wohin Jannik verschwinden würde. Es war auch egal. Vielleicht würde er sich morgen in der Schule wieder anschleichen und fragen, was passiert ist. Ob es Niklas gut ging.
Der kleine Waschbär hatte keine Lust darauf. Es wären nur noch mehr leere Worte. Mehr Versuche seine Tatenlosigkeit zu verbergen und bloß so zu tun, als wäre ihm der Kleinbär etwas wert.
Er hielt die Kopfhörer umklammert, so fest, dass er befürchtete, sie würden in seinen Händen zerbrechen.
Vielleicht wäre es gut, täten sie es. Vielleicht wollte er das sogar. Sicher fühlte es sich gut an, sie zu zerquetschen. Zerbrechen. Zerreißen.
Janniks Kopfhörer. Der blöde Luchs. Niklas mochte sie. Mochte Jannik.
Mochte Jannik?
Der Gedanke ließ seine Hände noch fester verkrampfen. Das Plastik knackte. Noch ein Bisschen mehr und sie würden kaputt gehen. Das Gefühl kaputt gehen. Die Enttäuschung. Die Traurigkeit. Tränen.
Er zwang sich zur Ruhe und atmete tief ein.
Sie zu zerstören wäre sinnlos. Er brauchte Kopfhörer. Es waren gute. Robuste. Glücklicherweise siegte der geringelte Pragmatismus über den tierischen Zerstörungstrieb.
Pragmatismus war auch gut. Niklas sollte keinen Gedanken mehr daran verschwenden. Nicht an die Kopfhörer. Nicht an den Luchs. Nicht länger schmerzliches Grübeln und Zweifeln.
Er erhob sich. Hoffentlich hatte Jannik Niklas' Rucksack nicht mitgehen lassen.
Plötzlich hörte er wieder Geräusche von oben.
Er erschrak und ging zurück in die Hocke. Sie kamen diesmal aus einer anderen Richtung. Ein Schaben und Kratzen von der anderen Seite des Steges. Er schlich vorsichtig in ihre Richtung.
Jannik war wieder da. Niklas' Augen wurden größer und seine Ohren stellten sich auf, als er sah wie der Luchs sich am Steg herunterließ, mit den Füßen nach einigen Rohren tastend, auf denen er Halt suchte. Sein helles Fell zeichnete sich blass vor den dunklen Schachtwänden ab wie ein Gespenst. Mit seinem und Niklas' Rucksack auf dem Rücken und seinem Handy als schwache Lichtquelle in der Pfote klammerte er sich an den Rohren fest und arbeitete sich langsam nach unten vor.
Was tat er da? Das war nicht richtig. Niklas kratzte sich nervös am Hals. Warum machte Jannik so plötzlich alles wieder kompliziert?
Niklas' schöne, einfache Welt wurde wieder von dunklen Wolken überzogen und die Täler der Erkenntnis verschwanden so rasch im Schatten, wie sie aufgetaucht waren. Warum konnte der kleine Luchs sich nicht an das halten, was sich Niklas ausgemalt hatte?
Jannik hielt inne. Vorsichtig tastete er nach der nächsten Halterung, mit der die Rohre am Schacht befestigt waren, die ihm nun aber als Steigeisen diente. Sein Fuß zitterte und er drückte seinen Körper dicht an die Wand.
Niklas konnte sein aufgeregtes Atmen hören. Jannik hustete und zog etwas Rotz in der Nase hoch. Er hatte sichtlich Angst. Fühlte sich unsicher. Wollte nicht weiter klettern. Aber er tat es trotzdem, als sein Fuß die nächste Halterung gefunden hatte.
Er kämpfte dort nicht nur gegen die alten Rohre und die Dunkelheit an, sondern gegen seine Furcht, die sich in ihm verbissen hatte und an ihm zu zerren schien, wie ein großes, schwarzes Tier. Er wehrte sich dagegen und mit angespanntem Schnaufen tat er einen weiteren Schritt in die Tiefe.
Er rutschte ab. Hielt sich geradeso und presste sich noch enger an die Wand.
Niklas atmete angespannt ein. Das war gefährlich. Er öffnete den Mund und wollte dem Luchs zurufen, aber er verkniff es sich. Er konnte jetzt nicht einfach etwas sagen. Konnte sich nicht so plötzlich verraten.
Mit einem metallischen Klirren brach eine der Halterungen ab. Jannik atmete erschrocken ein und krallte sich an den Rohren fest. Das Handy rutschte ihm aus der Pfote und verschwand unter ihm. Um ihn herum wurde es pechschwarz.
Die Rohre waren nicht für Kletteraktionen konzipiert und so protestierten sie mit einem dumpfen Dröhnen und sanken mit einem Ruck herab. Auch Janniks Körper fuhr zusammen als er mit dem Rohrbündel einige Zentimeter in die Tiefe gerissen wurde, bevor beide abrupt stoppten und erzitterten.
Der kleine Luchs verlor fast das Gleichgewicht und suchte mit den Pfoten Halt. Seine Krallen schabten über das Metall. Ihm rutschte Niklas' Rucksack von der Schulter, den er ohnehin bloß auf einer Seite trug, wie das Gewicht eines Heißluftballons. Mit einem dumpfen Ton landete er auf dem Grund des Schachtes.
Vom unnötigen Ballast befreit kamen die Rohre wieder zur Ruhe. Jannik verharrte regungslos. Nur seine Brust hob und senkte sich nervös und mit jedem Atemzug knackten die Rohre leise.
Niklas huschte zum herabgefallenen Rucksack und zog ihn zu sich. Er blickte hinauf und sah, dass Jannik den Boden fast erreicht hatte. Es waren nicht einmal mehr zwei Meter. Der kleine Luchs hatte vorher nicht wissen können, wie tief der Schacht wirklich war. Es hätten zwei Meter oder zweihundert sein können. Und er hatte trotzdem beschlossen herabzusteigen. Um nach Niklas zu suchen. Alleine in der Dunkelheit.
Das ergab keinen Sinn. Niemand würde so ein Risiko eingehen. Es sei denn Jannik sorgte sich wirklich um den kleinen Waschbären. So sehr, dass er seine übervorsichtige Art verdrängte und alles ignorierte, was bei dem Abstieg schief gehen könnte. Er tat es einfach.
Niklas' Gedankengang wurde von einem lauten Knall unterbrochen. Metall schabte an Stein entlang und er spürte Staub auf seine Stirn rieseln. Eine Sekunde später ertönte Janniks Schrei und dann wurde der Waschbär zu Boden gerissen, als der Luchs auf ihm landete.
Niklas fauchte erschrocken, als sich plötzlich alles um ihn herum zu drehen schien und er für einen Moment das Gefühl für oben und unten verlor. Ein stechender Schmerz schoss in sein Bein und neben sich hörte er das ohrenbetäubende Scheppern eines herausgerissenen Rohres. Er spürte die Vibration, als es neben seinem Kopf aufprallte und schmeckte rostigen Staub.
Jannik schnappte entsetzt nach Luft. »Niklas?« Seine Stimme war schrill und voller Schreck und Bestürzung.
Der Luchs wand sich umher und tastete hektisch nach dem Kleinbären. Niklas zischte als eine weitere Welle aus Schmerz durch sein Bein fuhr.
Endlich rollte sich Jannik von ihm herunter. Der Waschbär setzte sich auf und tastete nach seinem Fuß. Mit den Fingerballen fuhr er an ihm entlang, bis er die schmerzende Stelle gefunden hatte.
Er zischte erneut. Erleichtert stellte er fest, dass nichts gebrochen schien. Aber sein Fuß war verdreht worden und jede Berührung tat weh. Er brummte grimmig und wiegte seinen Oberkörper auf und ab, um die Qualen zu exorzieren.
Zum Glück war der Luchs klein und leicht. Sonst hätte er den Waschbären wahrscheinlich unter sich zerquetscht.
Niklas machte sich eine mentale Notiz, das nächste Mal aus dem Weg zu gehen, wenn ein Luchs über ihm rumklettert. Luchse sind miese Kletterer.
»Niklas?« Wieder spürte er Janniks Pfoten, die nach ihm tasteten. Sie tappten über seine Brust und Schultern, als wollte der kleine Luchs sicherstellen, dass Niklas nicht tot und weder ein Zombie noch ein Geist war.
»Ja«, gab der Waschbär karg zurück.
Er hörte Jannik erleichtert aufatmen und dann spürte er, wie sich der Kopf des kleinen Luchses gegen seine Brust drückte und ihn koste wie ein Kätzchen.
»Ich hatte Angst, dir ist 'was Schlimmes passiert«, sprach er. Seine Stimme zitterte noch immer, aber diesmal schien es keine Angst zu sein sondern Erleichterung. Es klang fast so, als würde er jeden Moment anfangen zu weinen, als sich seine Wange gegen Niklas' Brust presste.
Für einen Moment saßen die beiden einfach in der Dunkelheit. Jannik schniefte und umklammerte den Waschbären, als fürchtete er, Niklas könnte in der Dunkelheit verschwinden, wenn er ihn losließ. Und damit hätte er wahrscheinlich sogar Recht gehabt.
Niklas hörte das aufgeregt schlagende Herz des kleinen Luchses und spürte seinen Atem im Fell. Jannik zitterte. Niklas legte vorsichtig seine Hand auf den Rücken der Kleinkatze. Er streichelte ihn sanft und der kleine Luchs schien sich zu beruhigen.
Ein eigenartiges Gefühl kroch in Niklas' Brust. Er fühlte sich schlecht. Es war keine Angst und kein Zweifeln. Es war eine seltsame Art von Traurigkeit. Ein Schuldgefühl.
Er hatte Jannik Angst gemacht. Nicht die Angst, die ein Schlägertyp seinen Opfern bereitet und auch nicht die Angst vor einem Monster im dunklen Gemäuer. Diese Angst schien dem kleinen Luchs im Moment egal zu sein. Er fürchtete nicht, was ihm passieren könnte. Das hatte er bewiesen, als er in den Schacht gestiegen war und die Gefahren ignoriert hatte.
Es war die Angst des Luchses, etwas Schreckliches sei mit Niklas passiert.
Das Gefühl war so mies, dass es Niklas die Schmerzen in seinem Fuß für einen Moment vergessen ließ.
Der Waschbär war gewohnt, dass Leute ihm gegenüber Hass oder Ekel empfanden. Es würde ihm Spaß machen, wenn sie Angst vor ihm hätten. Aber es war kaum zu ertragen, dass sich jemand um seinetwillen fürchtete. Es war so seltsam. Ein Gefühl von so weit entfernt. Wie konnte jemand den kleinen Waschbären genug mögen, dass er ihn aus Erleichterung umklammert hielt?
Er streichelte Janniks Nacken und spürte das Kribbeln des rauen Luchsfells auf seinen Fingerballen.
Dann hob Jannik hastig seinen Kopf. Er schien bemerkt zu haben, wie fest er Niklas drückte und ließ ihn los. »Geht es dir gut?«, fragte er. »Bist du verletzt?«
Niklas wollte nicht antworten. Diesmal weil es ihm unangenehm war.
»Mein Fuß«, entgegnete er gezwungenermaßen.
»Kannst du aufstehen?«
Mit Janniks Hilfe konnte er sich in die Höhe stemmen. Als er jedoch versuchte den ersten Schritt zu tun, meldete sich der beißende Schmerz zurück und ließ ihn grimmig zischen. Er verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß und lehnte sich gegen die Wand.
»Warte«, sprach Jannik und es folgten Geräusche von Pfoten, die auf dem Boden herumtasteten. Nach einigen Minuten wurden sie fündig und das schwache Licht des Handys leuchtete auf. Der Luchs inspizierte Niklas' Fuß und stellte erleichtert fest, dass keine Verletzungen zu sehen waren.
Jannik leuchtete die Wände des Schachtes hinauf und fand die Sprossen. Er schnaufte missmutig. »Da kommen wir nicht rauf.«
»Du kannst hochklettern«, erwiderte Niklas.
»Aber du nicht«, kam die prompte Antwort.
Der Luchs ließ seinen Blick wandern, aber um sie herum herrschte bloß Schwärze, gegen die das blasse Licht nicht ankommen konnte. Mit zitternder Pfote hob er das Handy und ließ den Schein ein bisschen weiter vordringen.
Er atmete angespannt ein und entkrampfte seine Schultern. »Ich lasse dich hier unten nicht alleine«, verkündete er dann und machte einen Schritt auf die Finsternis zu, um sie zurückzudrängen.
Aus der Wand schälte sich eine mannshohe, quadratische Öffnung, wie der Schlund eines Wolfes.
Wieder hörte Niklas den Luchs einatmen.»Weißt du, wohin es da geht?«, fragte Jannik.
Der Waschbär durchforstete seine Erinnerungen. »In einen Lagerraum.«
»Gibt es da einen Weg nach draußen?«
»Ja. Aber es ist weit.«
Kurze Stille.
»Dann gehen wir.«
Der Luchs kehrte zu Niklas zurück und zog sich dessen Rucksack auf den Rücken. Er ging neben dem Waschbären in die Hocke. »Ich helfe dir.«
Niklas zögerte. Er wollte aber keine Hilfe. Nur würde Jannik ihn jetzt sicher nicht einfach dort herumstehen lassen und abhauen, nachdem er extra in den Schacht geklettert war.
Der Waschbär hatte erwartet, dass der Luchs ihn zurücklassen und zurück nach Hause laufen würde. Nun aber wich dieser nicht mehr von seiner Seite. Das hatte Niklas so nicht eingeplant. Sich den Fuß zu verstauchen auch nicht. Und nicht hier unten festzusitzen.
Widerwillig nahm er die Hilfe an und legte seinen Arm über Janniks Schulter. Nur so halb, da er versuchte wieder auf die eigenen Beine zu kommen. Erneut schoss der stechende Schmerz durch seinen Körper. Fast wäre er eingeknickt, aber Jannik drückte sich gegen ihn und hielt ihn oben.
Niklas lag fast mit seinem ganzen Körpergewicht auf dem Luchs, aber dieser gab keinen Mucks von sich. Stoisch setzte er einen Fuß vor den anderen und beide näherten sich langsam der Öffnung.
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Update 2020-04-10